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Sonntag, 13. September 2009, 19:40

The Next Generation – Empfehlenswerte Aufnahmen Neuerer Musik

In diesem Thread sollen Aufnahmen mit Werken von Komponisten empfohlen werden, die nach 1945 geboren wurden. Kurze Erläuterungen zu Komponisten, Werken und Aufnahme sind willkommen. Und Kommentare zu den Empfehlungen sind hochgradig erwünscht. :thumbup:

Die Grenze von 1945 und die Bezeichnung „Neuere Musik“ sind hierbei mehr oder weniger willkürlich und ergeben sich aus meiner „Sozialisation“ mit Neuer Musik, die implizit zu einer Privatdefinition dieser Epoche geführt hat. Die Komponisten, die „meine“ Neue Musik repräsentieren, sind allesamt in den zwanziger und dreißiger Jahre des 20. Jahrhunderts geboren und befinden sich somit heute (sofern sie noch leben) im mehr oder weniger fortgeschrittenen Rentenalter. Zu meinen Helden gehören hier die heilige Dreifaltigkeit aus Darmstadt Boulez, Nono, Stockhausen, aber auch Berio, Ligeti, Xenakis, Kurtag, sowie von den Jüngeren z.B. Lachenmann und Birtwistle, um nur die mir Wichtigsten zu nennen. Diese Generation ist entsprechend in meiner Plattensammlung gut repräsentiert.

Aber die Musikgeschichte ging ja weiter, und im Laufe der Zeit habe ich viele interessante Werke von Komponisten der „Next Generation“ kennen gelernt – und um diese soll es hier gehen. Ich kann den Thread eine ganze Zeit lang mit Aufnahmen aus meiner Sammlung am Leben halten, hoffe aber auf zahlreiche weitere Anregungen. :wink:
Es gibt kaum etwas Subversiveres als die Oper. Ich bin demütiger Diener gegenüber diesem Material, das voller Pfeffer steckt. Also: Provokation um der Werktreue willen. (Stefan Herheim)

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Sonntag, 13. September 2009, 19:52

Gérard Grisey: Les Espaces Acoustiques



Mitwirkende: Garth Knox (Viola), Asko Ensemble, WDR Sinfonieorchester Köln, Leitung Stefan Asbury.

(Achtung: Bei JPC bereits vergriffen, und Amazon hat nur noch 2 Exemplare auf Lager! :shake: )

Gérard Grisey (1946 – 1998), Schüler unter anderem von Olivier Messiaen, war einer der Hauptvertreter der sogenannten „Spektralen Musik“. Das Werk „Les Espaces Acoustiques“ ist in den Jahren 1974 bis 1986 als Zyklus von 6 Stücken entstanden: Beginnend mit einem „Prologue“ für Viola Solo erweitern die weiteren Sätze das Instrumentarium vom Kammerensemble mit zunächst 7 und dann 18 Mitgliedern schließlich zum großen Orchester. Mit Ausnahme des letzten Satzes sieht Grisey auch Aufführungen einzelner Sätze vor.

Ich habe das Stück im Mai 2008 im Konzert gehört, mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks und dem gleichen Dirigenten wie in der obigen Aufnahme. Bei meinem persönlichen Jahresrückblick 2008 habe ich dieses Konzert zu meinem „Konzert des Jahres“ erklärt. Das Werk hatte mich unmittelbar und nachhaltig fasziniert, in seiner unerhörten Direktheit und stellenweise fast archaischen Wucht und mit seiner für mich völlig neuen Tonsprache. Mit diesem Eindruck war ich auch nicht alleine: Der Applaus des Publikums wollte kein Ende nehmen. :juhu:
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Gurnemanz

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3

Sonntag, 13. September 2009, 21:45

Ruzicka, Trojahn

Bei mir finden sich nicht eben viele Aufnahmen mit nach 1945 geborenen Komponisten. Zwei davon habe ich eben herausgesucht; da ich sie zuletzt vor längerer Zeit gehört habe und in meiner Erinnerung speichere, daß es sich um zumindest interessante Sachen handelt, auch die beiden Komponisten würden eine nähere Betrachtung wohl verdienen.

Hier die wesentlichen Daten:

Peter Ruzicka (*1948)
- Sinfonia (1971) für 25 Solostreicher, 16 Vokalisten und Schlagzeug (RSO Stuttgart, Südfunkchor, Ltg.: Michael Gielen)
- Befragung (1974) Fünf Stücke für großes Orchester (NDR SO, Ltg.: Moshe Atzmon)
- Feed back (1972) Musik für vier Orchestergruppen (SO des SWF, Mitglieder des Züricher Kammersprechchores, Ltg.: Ernest Bour)
- Metamorphosen über ein Klangfeld von Joseph Haydn (1990) (Kölner RSO, Ltg.: Gerd Albrecht)
CPO, aufg. 1971-75, Metamorhosen: 1990

Ruzicka, den ich auch schon als vozüglichen Dirigenten erlebt habe (mit der 7. Symphonie von Allan Pettersson, für den er sich schon engagiert hat), finde ich auch interessant, weil er bekannte klassische Werke in eine moderne Orchestersprache integriert.

Ein anderer Komponist, der sich übrigens ebenfalls für Pettersson eingesetzt hat, ist
Manfred Trojahn (*1949)
- Fünf See-Bilder (1979-1983)
(Trudeliese Schmidt, Mezzosopran; RSO Berlin, Ltg.: Manfred Trojahn)
CPO, aufg. 1991
Ein Bild gibt's nicht, man klicke hier hinein: <>

Bemerkenswert (in eher negativer Hinsicht): Obwohl vom hauseigenen Label, bietet JPC beide Einspielungen nicht mehr an.

Näheres gern auf Nachfrage.
Es grüßt Gurnemanz

---
-¿Se trata de una cita? -le pregunté.
-Seguramente. Ya no nos quedan más que citas. La lengua es un sistema de citas.

Jorge Luis Borges

4

Sonntag, 13. September 2009, 22:19

Lieber Gurnemanz

Eine traurige Erfahrung, die ich immer wieder mache: Lieb gewonnene CDs verschwinden einfach vom Markt, und niemand kann sicher sein, dass sie jemals wieder erscheinen. Die Erfahrung habe ich auch an anderer Stelle gemacht, siehe meine Beiträge im Savall-Thread. Mich erschreckt die Vorstellung, dass ich dieses CDs bei Verlust oder Beschädigung nicht würde ersetzen können X( .

So ist auch die nächste CD, die ich hier empfehlen wollte, nicht mehr verfügbar. Ich werde sie aber dennoch erwähnen, aber wohl erst morgen.

Gute Nacht
Michel
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Amfortas09

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5

Sonntag, 13. September 2009, 22:24

Fetziger Thread !

Zitat

Zu meinen Helden gehören hier die heilige Dreifaltigkeit aus Darmstadt Boulez, Nono, Stockhausen
Na das klingt schon mal richtig geil. Vor allem der Name Nono !!!! :jub: :jub: :jub:

Von der Next-Generation fallen mir spontan diese ein, deren CDs mir gefallen:

Elenea Mendoza. Da ist eine CD herausgekommen . Geb. 1973 in Sevilla. Z.B. ihre Contradicció klingen richtig hammermäßig nach Nonos Kammermusik.





Dann Michael Denhoff (geb 1955), dessen Streichquartette mir gefallen. Ich habe leider nur drei Stück und ein davon ist ein Radiomitschnitt Das 4. Streichquartett ist bei Wergo herausgekommen mit dem Auryn-Quartett.




Von Ivan Fedele (* 1953 in Lecce) ist eine CD mit seinen 3 Streichquartetten herausgekommen (Arditti) und eine Cd mit Orchesterwerken.



Leider wurde einer meiner liebsten Helden der Next-Generation Brian Ferneyhough :juhu: :juhu: schon 1943 geboren, da könnte ich mehr sagen... aber der ist auch gut für ein eigenen Thread ...

Zitat


Peter Ruzicka (*1948)
- Sinfonia (1971) für 25 Solostreicher, 16 Vokalisten und Schlagzeug (RSO Stuttgart, Südfunkchor, Ltg.: Michael Gielen)
- Befragung (1974) Fünf Stücke für großes Orchester (NDR SO, Ltg.: Moshe Atzmon)
- Feed back (1972) Musik für vier Orchestergruppen (SO des SWF, Mitglieder des Züricher Kammersprechchores, Ltg.: Ernest Bour)


Also von Ruzicka gibts aber noch mehr CDs. Ich mag am liebsten seine Streichquartette Mit dem 6. Streichquartett (leider noch nicht auf kommerzieller CD). habe ich jetzt etwas meinen Frieden gemacht, nachdem ich es mir ein 2. Mal reingezogen habe (mit einem gespochen-gesungen Hölderlintext, ähnlich wie damals die 4 Hans-Zender-Quartette); Ruzicka hat manchmal die Tendenz etwas zu zahm zu komponieren. Aber wenn was im Radio von ihm gesendet wird, dann schneide ich das immer mit. Es lohnt sich allemale. Die Oper Celan finde ich gelungener als seine Oper Hölderlin.

Vielleicht könnte man auch einen Thread der Komponisten der 30iger Generation eröffnen. Da gibt es auch einige fetzige Sachen, die hörenwert sind.

:wink:
“If somebody was sending rockets into my house where my two daughters sleep at night, I'm going to do everything in my power to stop that.” (2008) „Justice has been done.“ (2011)

Barack Hussein Obama

6

Sonntag, 13. September 2009, 22:29

Leider ist einer meiner liebsten Helden der Next-Generation Brian Ferneyhough :juhu: :juhu: wurde leider schon 1943 geboren
Tja, Pech gehabt :D

Aber bitte: eröffne doch einen Thread zu Ferneyhough. Ich muss gestehen, dass ich mit dessen Musik nie so richtig warm geworden bin. Vielleicht erstellst Du mir einen Leitfaden, wie ich das ändern könnte? 8+)

Viele Grüße
Michel
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Amfortas09

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7

Sonntag, 13. September 2009, 22:41

Zitat

Aber bitte: eröffne doch einen Thread zu Ferneyhough. Ich muss gestehen, dass ich mit dessen Musik nie so richtig warm geworden bin. Vielleicht erstellst Du mir einen Leitfaden, wie ich das ändern könnte?
ich werde es wohlwollend in Erwägung ziehen, ist aber eine Zeitfrage und fällt mir bei Ferneyhough gar nicht leicht mir was darüber aus dem Kreuz zu leiern. Ich finde Ferneyhuoghs Musik einfach hammergeil, vor allem seine Quartette. Nochmal eine Bitte, kriegt es einer von Euch gebacken, die entsprechenden Links bei mir einzufügen... wäre echt hilfreich + nett.

:wink:
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Barack Hussein Obama

8

Montag, 14. September 2009, 16:36

Elenea Mendoza. Da ist eine CD herausgekommen . Geb. 1973 in Sevilla. Z.B. ihre Contradicció klingen richtig hammermäßig nach Nonos Kammermusik.
Lieber Amfortas

Die Platte habe ich doch gleich auf meinen Wunschzettel getan. Eigentlich könnte man die CDs von Kairos gleich abonnieren, damit man erstens keine verpasst und zweitens dieses Label unterstützt - ein wirklich großartiges Programm :juhu:

Michel
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Montag, 14. September 2009, 17:22

Tristan Murail: Serendib, L’Esprit des Dunes, Désintégrations – Ensemble Intercontemporain, David Robertson

Es scheint mein Schicksal zu sein, dass die Aufnahmen, die ich besonders empfehlen möchte, vergriffen sind. :cry:

Aber trotzdem, vielleicht erscheint sie ja wieder, oder Interessierte finden Mittel und Wege, die CD gebraucht zu erstehen:



Da ich mit Grisey angefangen habe, bietet es sich an, mit dem anderen bekannten “Spekralisten” weiterzumachen. Die Platte enthält drei Stücke:

  • Serendib für 22 Instrumente (1992)
  • L’Esprit des Dunes für 11 Instrumente und Synthesizer (1994)
  • Désintégrations für 17 Instrumente und Elektronik (1982)

Eine Beschreibung der Werke (und aller anderen Werke von Murail) mit Klangbeispielen gibt’s auf der Homepage des Komponisten. (Französisch und Englisch)

Mir persönlich hat L’Esprit des Dunes am besten gefallen, ein sehr direkt ansprechendes, geradezu melodisches und klanglich faszinierendes Stück. Murail benutzt und verarbeitet Tonmaterial aus tibetanischer Musik sowie mongolischen Obertongesang, die elektronisch und instrumental auseinander genommen und wieder zusammengesetzt werden.

Michel
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Dienstag, 15. September 2009, 22:30

Teodoro Anzellotti: Push Pull (Werke für Akkordeon solo)

Dann empfehle ich zur Abwechslung mal eine Platte, die man tatsächlich noch kaufen kann:



- ein Recital mit Werken für Akkordeon solo, gespielt von dem italienischen Virtuosen Teodoro Anzellotti. Wer denkt, das sei langweilig, der soll sich diese Platte mal anhören! Anzelloti habe ich vor vielen Jahren bei den den Tagen für Neue Kammermusik in Witten zum ersten Mal gehört und war sofort begeistert - ein wahnsinning intensiver Musiker, wie es wenige gibt. Der Zuhörer sitzt gebannt auf der Stuhlkante, vom ersten bis zum letzten Ton.

Die CD enthält Werke von Salvatore Sciarrino, Rolf Riehm, Younghi Pagh-Paan, Vinko Globokar und Toshio Hosokawa. Immerhin drei davon sind nach 1945 geboren :) , und genau deren Kompositionen gefallen mir auch am besten, besonders Pagh-Paan und Hosokawa.

Viele Grüße
Michel
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Montag, 21. September 2009, 08:52

Erkki-Sven Tüür: Crystallisatio

Heute zur Abwechslung eine CD, die in eine ganz andere Richtung geht, als meine bisherigen Empfehlungen:



Es spielen das Tallinn Kammerorchester und der Estnische Philharmonische Kammerchor, geleitet von Tönu Kaljuste.

Auf dem Programm in den 90ger Jahren entstandene Werke für Kammerorchester:
  • Architectonics VI für Flöte, Klarinette, Vibraphon und Streicher
  • Passion für Streicher
  • Illusion für Streicher
  • Crystallisatio für 3 Flöten, Glockenspiel, Streicher und Live-Elektronik
  • Requiem für Soli, Chor, Triangle, Klavier und Streicher
Der 1959 geborene Tüür schreibt ganz eigenwillige Musik, in die man sich erstmal reinhören muss. Wahrscheinlich darf man ihn durchaus als "postmodern" bezeichnen. Der Autor des sehr interessanten Booklets zu der CD (bei ECM nicht gerade selbsverständlich...) entdeckt in den Werken Rückgriffe auf mittelalterliche isorhytmische Motetten und Einflüsse des Serialismus, Spurenelement barocker Fugen und Jazzelemente, und Tüürs eigene Vegrangenheit als Rock-Musiker bricht auch mal durch. Das ergibt erstaunlicherweise ein kohärentes Ganzes, mit einer sehr eigenen Tonsprache, deren Faszination ich mich schwer entziehen kann.

Einen schönen Tag! :wink:
Michel
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Sonntag, 27. September 2009, 21:18

Hallo zusammen,

hier ein Tip für eine Platte, die nur zu ca. 60% in diesen Thread gehört:



Die Platte enthält Werke für Violoncello und Orchester von drei verschiedenen Komponisten:

  1. Bruno Mantovani (geboren 1974)
  2. Philippe Schoeller (geboren 1957)
  3. Gilbert Amy (geboren 1936)


Über Amy darf ich hier ja eigentlich nichts schreiben, aber auch der hat mir gut gefallen.

Das Stück von Schoeller heisst "The eyes of the Wind, Cello Concerto" und wurde 2004-2005 komponiert. Das Konzert entsteht quasi aus der Stille, aus geräuschhaften sehr leisen Stellen, die ich durchaus mit Wind assoziiere. Dann setzt das Cello ein, zunächst auch sehr leise und ruhig. Das Stück verdichtet sich nach und nach, aber es bleibt ein ruhiges fast meditatives Stück, das verklingt, wie es angefangen hat.

Ich kenne sonst nichts von Schoeller, wäre vielleicht ein Anlass, mal mehr kennenzulernen.

Das Stück von Mantovani habe ich erst einmal gehört, das muss ich noch mehrfach hören. Ich glaube, dieses Stück ist das komplexeste auf der Platte.

Viele Grüße,

Melanie
With music I know happiness (Kurtág)

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Sonntag, 27. September 2009, 22:39

Heinz Winbeck (*1946): Erste Sinfonie »Tu Solus«



Rundfunk-Sinfonieorchester Saarbrücken, Leitung: Dennis Russel Davis

Ich hatte dieses Werk schon einmal anderenorts im www empfohlen und kopiere meine damalige Auslassung einfach mal hierher:
Heinz Winbeck, der u.a. bei Fritz Rieger, Harald Genzmer und Günter Bialas Dirigieren und Komposition studierte und selbst seit 1988 an der Musikhochschule Würzburg Komposition unterrichtet, ist explizit ein Bekenntnismusiker: »Es interessiert mich an in der Musik einfach nur die äußerste Grenze«, sagte er 1985 in einem Interview im Anschluß an die Uraufführung der Neufassung seiner Ersten Sinfonie. Es ist die äußerste Grenze der Möglichkeiten klanglicher Expressivität die Winbeck in seinen Werken erkundet. Die Erste Sinfonie ist ein beeindruckendes Beispiel, das den Hörer das Austesten dieser »äußersten Grenze« beinahe physisch nachvollziehen müssen läßt. Die Sinfonie »Tu Solus«, der Titel zitiert das »Gloria« der katholischen Liturgie, spreng jedoch buchstäblich dieses »Du allein« aus dem liturgisch-spirituellen Kontext heraus, um den Fokus geradezu umzukehren und auf den Menschen in Vereinzelung, Isolation und Einsamkeit zu richten, ist ein einsätziges, 45minütiges Klangmassiv. Das Werk hebt an mit einem martialischen, archaisch anmutenden, polymetrischen Orchestertutti, das durch massiertes Schlagzeug vorwärtsgetrieben wird. Nach dieser schier endlos erscheinenden Gewalteinwirkung (sie dauert, unterbrochen von Generalpausen, tatsächlich ca. 12 Minuten an und hält den Hörer in atemloser Spannung), wird der zentrale Teil der Sinfonie von einer beunruhigend-ruhelosen Ruhe bestimmt. Schattenhaft auftauchende Motive flirren vorüber, fragmentierte Tonfolgen, Reminiszenzen an Mahler (»Die ganze Sinfonie ist Zeugnis meiner Auseinandersetzung mit Mahler« so Winbeck) und nebulöse, nun scheinbar beruhigte Anklänge an die Gewaltausbrüche des Anfangs erzeugen eine beklemmend traumatische Atmosphäre, die in einem Klangteppich an der Grenze der Hörbarkeit mündet. Unterbrochen wird diese erschütternde Stille nach einer Generalpause durch ein neuerliches, heftig akzentuiertes Tutti, auf das ein meditatives Adagio im achtfachen pianissimo folgt – bevor das martialische Stampfen, mit dem die Sinfonie einsetzte, endgültig zurückkehrt. Das Werk endet nicht in Trauer, nicht einmal in Hoffnungslosigkeit, sondern in apokalyptischer Gewalt.

Adieu,
Algabal
»Dieser Austausch, den wir hier betreiben, ist nichts anderes als ein soziales Spiel.« (Knulp)

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Sonntag, 27. September 2009, 22:46

Reinhard Febel (*1952) - Variationen für Orchester (1980)*



Rundfunk-Sinfonieorchester Saarbrücken, Leitung: Michael Zilm


Der Komponist Reinhard Febel, der nach dem Studium bei Milko Kelemen und Klaus Huber zunächst Professor für Komposition in Hannover war und seit 1997 eine Professur für Komposition am Mozarteum in Salzburg innehat, läßt sich nur schwer einer bestimmten Richtung der zeitgenössischen Musik zuordnen. Gemeinhin werden seine Werke der 1970er und 80er Jahre der sog. »Neuen Einfachheit« zugerechnet. Doch zeigen Febels Werke eine Linie, in der sich der Komponist von der Emanzipation vom Material wiederum emanzipiert hat - im Versuch (undogmatisch angewandte) serielle Techniken mit Expressivität und unmittelbarer Zugänglichkeit zu verbinden.

Eindrucksvoll gelingt im dies in den Variationen für Orchester aus dem Jahr 1980, einem seriell entwickelten Satz über das Lied Krunk (Kranich) des armenischen Komponisten Soghomon Gomidas (1869-1935). Das Lied, das dem Variationssatz als Material zugrunde liegt, zerlegt Febel in dessen motivische Elemente und die einzelnen Töne des einer orientalischen Skala verpflichteten Themas. Der Variationssatz scheint aus dem Nichts zu entstehen: zunächst erklingen nur einzelne im pianissimo vorgetragene Töne der Skala, die nach und nach zu motivischen Elementen zueinanderfinden, um so über 16 Variationen hinweg allmählich das eigentliche Thema zu konstitutieren, sich an das Thema heranzutasten. In der 17. Variation erscheint das zutiefst melancholische Lied in seiner vollen Gestalt – ein tatsächlich ergreifender und bestürzender Moment – um in den folgenden Variation wieder schrittweise dekonstruiert zu werden, in seine motivischen Bestandteile zerlegt und schließlich wiederum auf die Einzeltöne der Skala zurückgeführt zu werden.

Adieu,
Algabal

*der Beitrag wurde von mir ebenfalls zuvor anderenorts im www veröffentlicht.
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Montag, 28. September 2009, 09:17

Lieber Algabal

Schönen Dank für die Empfehlungen. Ich muss gestehen, dass mir die bisher von Dir und anderen genannten deutschen Komponisten (Trojahn, Ruzicka, Dehnhof, und jetzt Winbeck und Febel) teilweise komplett unbekannt waren, teilweise fremd geblieben sind. Von Trojahn und Ruzicka habe ich gelegentlich einzelne Stücke gehört, und früher, als ich noch in Bonn lebte, habe ich häufiger im Konzert Musik von Dehnhof und anderen aus diesem Umfeld gehört. Irgendwie ist der Funke dabei nie übergesprungen, so dass ich nie versucht war, mich mit diesen Komponisten näher zu beschäftigen und die jüngere deutsche Musik aus meinem Blickfeld entschwunden ist. Irgendwie schien mir diese Musik steril, verglichen zum Beispiel mit den Werken jüngerer französischer Komponisten. Erst in den letzten Jahren bin ich mit Jörg Widmann und Matthias Pintscher auf zwei junge Deutsche gestoßen, deren Musik mich direkt angesprochen hat - die werden in diesem Thread auch noch auftauchen.

Viele Grüße
Michel
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Dienstag, 29. September 2009, 21:09

Musica Viva Festival 2008

Heute erlaube ich mir, eine CD bzw. gleich ein ganzes Päkchen von 5 SACDs zu empfehlen, obwohl ich die soeben erst ausgepackt und noch nicht gehört habe :wink: . Ich darf das, weil es sich um Konzertmitschnitte vom Musica Viva Festival 2008 in München handelt, und ich bei den meisten Konzerten im Publikum saß :sev:



Neben Aufnahmen von Werken der Meister der "First Generation" (Stockhausen: Mixtur 2003, Xenakis: Antikhton, Scelsi: Uaxuctum, u.a.), die hier eigentlich nicht hingehören, ermöglicht das Päckchen, sich einen Überblick zu verschaffen, was die Jüngeren so treiben. Für die Mehrzahl der Werke handelt es sich um die einzige derzeit greifbare Aufnahme.

Besonders herauspicken möchte ich (nach meiner Erinnerung aus den Konzerten):
  • Jörg Widmann: Armonica (2006) für Orchester (SO des Bayerischen Rundfunks, Ltg. Emilio Pomarico)
  • Matthias Pintscher: Hérodiade-Fragmente für Sopran und Orchester (Marisol Montalvo, Radio Philharmonie Saarbrücken Kaiserslautern, Ltg. Christoph Poppen)
  • Beat Furrer: Klavierkonzert (2007) (Nicolas Hodges, Klavier und das WDR Sinfonieorchester, Ltg. Brad Lubman)
und weitere Werke von James Dillon, Chaya Czernowin, Kaija Saariaho, Adriana Hölszky u.a.

Als Bonus ist auf der sechsten SACD der Mitschnitt eines Konzerts mit traditioneller Musik aus Ägypten und Persien.

Viele Grüße
Michel
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Donnerstag, 1. Oktober 2009, 17:11

E. H. Flammer (*1949) - Konzert f. Violine, Streichquartett, Zuspielband u. Orchester (1983/84)*



Rainer Joh. Kimstedt (Violine), Westdeutsches Streichquartett (Georg Hamza, Egon Stegemöller [Violinen], Ludwig Lang [Viola], Werner F. Selge [Violoncello]), Philharmonisches Orchester der Stadt Gelsenkirchen, Leitung: Uwe Mund

Vielleicht ist es ein besonderes Kennzeichen (nicht nur) der deutschen Orchestermusik seit den 1970er Jahren, daß die jüngeren Komponisten dezidiert eine neuerliche Auseinandersetzung mit den traditionellen Großformen suchen, mit der Sinfonie aber auch mit dem Solokonzert. Letzteres stellt mit seiner - in der Tradition des klassisch-romatischen Virtuosenkonzerts - dialogischen Konstruktion, in der ein einzelnes Instrument einer größeren Instrumentalistengruppe entgegengestellt wird, dabei womöglich eine besondere Herausforderung dar.

Eine bemerkenswerte Antwort auf diese Herausforderungen findet Ernst Helmuth Flammer in seinem 1983/84 entstandenen Konzert für Violine, Streichquartett, Zuspielband und großes Orchester. Flammer, der zunächst Mathematik und Physik studierte bevor er zur Komposition und zur Musikwissenschaft fand, reflektiert in seinen Werken konsequent die Errungenschaften und Möglichkeiten der Serialität und Postserialität, um diese Kompositionsverfahren in eine sehr individuelle Formen- und Tonsprache, ja eine Klangarchitektur zu integrieren, die dezidiert nach arithmetischen Mustern strukturiert ist. So folgt das etwa 30minütige Konzert einer Grundarchitektur, die auf der Komposition und Konfrontation symmetrischer Abschnitte und Tondauern basiert. Diese sind aus einer Reihenstruktur abgeleitet, die (darauf verweist Peter Becker im Booklet zur entsprechenden Wergo-CD [WER6517-2]) auf dem goldenen Schnitt, der Gausschen Kurve und der Fibonacci-Folge beruhen. Der Tradition des Solokonzerts begegnet Flammer, indem er ihre formalen Grundsätze zugleich zur Geltung bringt und unterminiert. Zwar findet ein Dialog zwischen Soloinstrument und Orchester statt, doch ist die Solovioline über die Erweiterung durch ein Streichquartett gewissermaßen zu einem Metasoloinstrument, einem »Klangkollektiv« ausgeweitet. Besonders deutlich wird die Unterminierung des Typus eines Virtuosenkonzerts dann in der Kadenz: während nicht allein das Orchester pausiert sondern auch Streichquartett und Solovioline, wird vom Tonband eine tontechnisch stark verfremdete, verzerrte Violinkadenz zugespielt - die Erfüllung der formalen Regeln des Solokonzerts dient zu ihrer Dekonstruktion.

Adieu,
Algabal

*der Beitrag ist eine Zweitverwertung eines Textes, den ich anderenorts bereits online gestellt hatte.
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Amfortas09

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18

Mittwoch, 14. Oktober 2009, 19:52

Thomas Simaku

Thomas Simaku wurde 1958 in Albanien geboren. Seine musikalische Ausbildung erfolgte von 1978 bis 1982 in Tirana. Anschließend setzte er seine Ausbildung an der Universität von York weiter, wo er bis heute als Kompositionslehrer arbeitet. Er ist Vertreter der Moderne; es sind folglich in seiner Musik auch keine kompromisslerischen Anleihen von sog. neotonalen Elementen vorhanden. Seine Kammermusikstücke haben lange ausgehaltene Töne, langgezogene Akkorde, z. Tl. mit Tremolo; will sagen, er erzeugt Klangfelder , die durch aggressive Zwischeneinlagen unterbrochen bzw. kontrastiert werden. Diese lineare Verfahrensweise verschafft seiner Musik eine ganz eigentümliche emotionale Wirkung.



Mich hat die Musik dieser CD sofort gefangen genommen.
Simakus Musik – auf dieser CD - erinnert an Ligetis 2. Streichquartett oder auch an Luigi Nonos letzter vollendeter Komposition für 2 Violinen "Hay que caminar" sognando. für zwei Violinen (1989) (Man muss träumend gehen) und La lontananza nostalgica utopica futura für Violine und Live-Elektronik (1988). Simaku mag von beiden Komponisten Anregungen erhalten haben (was ich sehr begrüße und seinem Werk ganz vortrefflich dient), dennoch ist seine Musik ganz eigenständig und besitzt nichts Epigonales. Ich empfehle diese Billig-CD ausdrücklich.

Weitere Hörproben sind auf in seiner Hompage zu finden:

www-users.york.ac.uk/~ts8/index.htm

:wink:
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Barack Hussein Obama

19

Mittwoch, 14. Oktober 2009, 21:10

Edgar Meyer

Hallo liebe Musikfreunde,

Vorab vielen Dank für den tollen Thread, zu dem ich nun auch etwas beisteuern will:

Edgar Meyer wurde 1960 in den USA geboren. Deren musikalische Wurzeln nimmt er in allen mir bekannten Werken auf, vor allem Bluegrass als Variation von Country- und Folkklängen. Er spielt Kontrabass und hat sein Instrument gekonnt in Komposition traditioneller Gattungen integriert. Als er den Auftrag bekam ein Streichquartett zu komponieren, hat er kurzerhand ein Quintett daraus gemacht, weil er natürlich auch gerne mit den Emersons spielen wollte:) :



Seinem Stil treu geblieben ist er auch bei seinem Violinkonzert, das er für Hilary Hahn geschrieben hat:



Ein Juwel für Violine ist das Titelstück dieser Bluegrass CD:



Grüße, Beryllo
"No matter. Try again. Fail again. Fail better." (Samuel Beckett)

HenningKolf

Musik-, nicht Tonträgersammler

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Samstag, 17. Oktober 2009, 11:02

Ich wollte hier schon vor einiger Zeit loslegen, habe dann aber - selbst überrascht - festgestellt, dass die meisten Komponisten, die ich im Sinn hatte, älter sind als ich zunächst dachte.

Aber auf Kalevi Aho, geb. 1949, kann und will ich gerne hinweisen.

Aho ist, wie viele moderne Finnen, keiner besonderen "Schule" zuzuordnen, soweit ich es zu überblicken vermag gab es auch keine verschiedenen Lebensphasen, in denen er zunächst der einen, dann der anderen "Schule" zuzuordnen wäre (das sind mir durchweg die liebsten Komponisten). Ausgebildet wurde er von Boris Blacher und von Rautavaara, über den hier im Forum gerade ein Faden läuft.
Im Jugendalter wusste er zunächst nicht, ob er Musiker oder vielleicht doch lieber Mathematiker werden sollte. Im ersten Studienjahr, als Zwanzigjähriger, schrieb er das Werk, dass ihm den Durchbruch vor dem Fachpublikum sichern sollte: seine Erste Symphonie, "und da verstand ich, daß ich das mit der Mathematik sein lassen konnte", so der Komponist später.

Aho, ausgebildeter Violinist, komponiert eifrig in der "großen Form", wenn ich es richtig überblicke ist er mittlerweile bei der Sinfonie Nr. 13 angelangt. Er ist bekannt dafür, dass seine Kompositionen ganz erhebliche Anforderungen an das technische Können der Interpreten, nicht nur der Solisten stellen.

Ich kenne längst nicht alle Werke von Aho, von denen die ich kenne haben mich bisher die 8. Sinfonie für Orchester und Orgel sowie das Klarinettenkonzert am meisten beindruckt.





Für die theoretisch interessierten mag der Aufbau der Achten - Entwicklung aus einem Kinderliedgrundthema mit drei Scherzi und drei Orgelzwischenspielen mit Einführung und Epilog - weil etwas ungewöhnlich, interessant sein, aber derlei Dinge interessieren mich selbst eher nicht. Was ich sagen kann ist, dass ich speziell bei der Achten bedaure, dass ich aufgrund unseres hellhörigen Mietsreihenhauses fast nur mit Kopfhörer höre. Ich würde nämlich bei dieser Musik liebend gerne die Stereoanlage bis zum Anschlag aufdrehen (mit Kopfhörern halte ich mich diesbezüglich zurück, weil ich schon mal einen Hörsturz hatte). Dass ein bestimmtes Instrument hervorgehoben wird, ist übrigen kein Einzelfall in Ahos sinfonischem Schaffen.

Nur am Rande sei erwähnt, dass die andere CD eine höchst erfreuliche Einspielung des Nielssen´schen Konzertes beinhaltet, vielleicht ein Kaufargument für denjenigen, der bei modernen Komponisten vorsichtige Zurückhaltung walten lässt.

Oder mit der Einspielung der zweiten Sinfonie beginnen, die m.E. den Hörer nicht allzu sehr fordern sollte



Gruß
Henning
Stattdessen sind Sie Knall und Fall mitten im Unterricht vom Gymnasium abgegangen.
GULDA: Ja, ich hab' gesagt, Herr Professor, darf ich aufs Klo, und bin nicht wiedergekommen. Ich glaub', es war in der Mathematikstunde .
Warum sind Sie nicht in der Pause gegangen?
GULDA: Das wär' ja fad gewesen. Keiner lacht. Die Tür ist eh offen. Ich wollte schon, daß es prickelt.

21

Mittwoch, 21. Oktober 2009, 23:26

Georges Lentz

Von dem 1965 in Luxemburg geborenen, seit 1990 in Australien lebenden Georges Lentz hatte ich bis gestern Nachmittag nie etwas gehört. Die einzige in Deutschland erhältliche CD mit Werken von Lentz



habe ich gestern aus einer Kauflaune, und weil man bei 3,99 Euro ja nicht viel verkehrt machen kann, bei Zweitausendeins mitgenommen. Belohnt wurde ich für den preiswerten Wagemut mit einer außerordentlichen neuen Hörerfahrung. Die CD enthält vier Werke für kammermusikalische Besetzung, hauptsächlich für Streicher mit Percussion. Sie sind allesamt Teile eines großangelegten Werkzyklus mit dem Titel "Caeli enarrant..." ("Die Himmel erzählen"). Lentz' ist, Satztitel wie "Scherzo: Exsultate jubilate - The Spiral Galaxy M 106" oder "The Andromeda Galaxy M31: 'leaving the transient, find joy in the eternal!" verweisen darauf, spirituellem und kosmologischem Denken nicht abgeneigt. Dieses ist aber alles andere als billige New-Age-Musik oder ECM-Mucke, vielmehr handwerklich hervorragend gemachte, sehr detailverliebte, unorthodoxe Neue Musik, die Serielles, Mikrotonales, Minimal Music- und New Jazz-Einflüsse mischt, ohne im mindesten eklektizistisch zu wirken, vielmehr immer ganz bei sich bleibt. Vieles auf dieser CD erschließt sich gleich beim ersten Hören intuitiv und ist dabei eben nicht dumm oder einfach gemacht. Das scheint mir die größte Qualität dieser Kompositionen. Manches, wie das ganz leise-verhaltene "Birrung" für elf Streicher, ist unglaublich schön. Ich war wirklich überrascht und beglückt, die Musik von Lentz entdeckt zu haben, und wünsche mir mehr davon; gibt's aber wohl nur über australische Plattenfirmen zu bestellen. By the way: dem australischen "Ensemble 24", das Lentz' Musik hier eingespielt hat, würde ich mich ebenfalls ohne Bedenken wieder anvertrauen.

Einen sehr informativen deutschsprachigen Einführungstext zur Musik von Georges Lentz gibt es hier.
Lentz' offizielle Homepage: http://www.georgeslentz.com/ bietet auch Musikbeispiele aus seinen Orchesterwerken.

Grüße,
Micha
Solitudinem faciunt, pacem apellant.
Tacitus

22

Donnerstag, 5. November 2009, 13:40

Detlev Müller-Siemens (*1957) - Konzert für Klavier und Orchester (1981)



Vielleicht ist es ein besonderes Kennzeichen (nicht nur) der deutschen Orchestermusik seit den 1970er Jahren, daß die jüngeren Komponisten dezidiert eine neuerliche Auseinandersetzung mit den traditionellen Großformen suchen, mit der Sinfonie aber auch mit dem Solokonzert. Letzteres stellt mit seiner - in der Tradition des klassisch-romatischen Virtuosenkonzerts - dialogischen Konstruktion, in der ein einzelnes Instrument einer größeren Instrumentalistengruppe entgegengestellt wird, dabei womöglich eine besondere Herausforderung dar.

Eine bemerkenswerte Antwort auf diese Herausforderungen findet Ernst Helmuth Flammer in seinem 1983/84 entstandenen Konzert für Violine, Streichquartett, Zuspielband und großes Orchester.



Eine ganz andere, aber nicht minder bemerkenswerte Antwort als Flammer gibt Detlev Müller-Siemens auf die Herausforderung des Solokonzerts. Sein einsätziges Konzert für Klavier und Orchester - ein Auftragswerk des Südwestrundfunks - steht augenscheinlich recht ungebrochen in der Tradition des Virtuosenkonzerts und bietet dem Solisten reichlich Gelegenheit zu brillieren. Strukturiert wird das knappe (nur ca. 15 Minuten dauernde), weder einer Reihentechnik noch der tonalen Funktionsharmonik verpflichtete Werk durch den Wechsel motorisch-vorwärtstreibender und eher entspannt in sich gekehrter Abschnitte. Als besonderes Bonmot birgt das Konzert im seinem Zentrum einen Dialog zwischen dem Soloklavier und einer elektrischen Orgel - vielleicht zu lesen als eine Reminiszenz an das, was Walter Benjamin in »Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit« als den Verlust der Aura des Authentischen bezeichnet hat.
In seinem Charakter ist das Konzert insgesamt sehr hörerfreundlich, unmittelbar zugänglich und, ja, mitreißend.

Aktuell gibt es nur eine Einspielung auf dem Markt (Volker Banfield, Klavier [ihm ist das Konzert auch gewidmet]; SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg; Leitung: Kazimierz Kord), die auf zwei verschiedenen Tonträgern veröffentlicht ist:



Adieu,
Algabal

Bereits im Juli 2007 mal in einem anderen Forenuniversum gepostet.
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23

Freitag, 6. November 2009, 14:34

Wolfgang Rihm (*1952) - »Dis-Kontur« für grosses Orchester (1974)

Ohne Rihm kann's hier nicht weitergehen ....

Die 1974 entstandene Komposition »Dis-Kontur für grosses Orchester« kann sicherlich als recht paradigmatisch für den Rihmschen Stil der 1970er Jahre stehen. Nach dem Skandal, den Rihms 40minütige »Morphonie für Orchester mit Solostreichquartett« (1972) bei der Uraufführung im Rahmen der Donaueschinger Musiktage 1974 ausgelöst hatte – aufgrund der hier offensichtlich formulierten Absage an die materialorientierte Avantgarde –, ließ Rihm eine Reihe von kleiner dimensionierten Werken folgen, in denen er sein in der »Morphonie« gewissermaßen formuliertes Programm weiterentwickelte.

Ein erster Schritt dieser Entwicklung war Dis-Kontur – uraufgefürt am 10. Oktober 1975 in Stuttgart durch das RSO Stuttgart unter der Leitung von Michael Gielen.

Das gut 22minütige Werk hebt an mit einzelnen peitschenartigen Schlägen der kleinen Trommel – »wild und mit äußerster Stärke«, so die Vortragsbezeichnung –, nach und nach treten Große Trommel, Tom-Toms und Pauken hinzu, ein martialisch, ja beinahe mechanistisch wirkender, in Vierteln durchgeschlagener Rhythmus, der einen Mahlerschen Marsch (wie etwa im Kopfsatz von dessen 6. Symphonie) assoziieren läßt, entsteht und bricht plötzlich ab. Diese beiden Aspekte – die brachialen Einzelschläge des Anfangs (und das ihnen zugrunde liegenden Einsatzabstandsschema [in Vierteln] 5:7:2:9) und die Marschassoziation werden das strukturelle Grundgerüst und damit die formale Klammer des Werkes bilden.

Nach einem kurzen Zwischenspiel des Klaviers setzt das Orchester ein, wobei Rihm blockartig einzelne, durch Generalpausen (von bisweilen beträchtlicher Länge) getrennte, wuchernd-ungestüme Klangbilder hintereinander und gegeneinander schaltet, in denen immer wieder die Eingangsschläge der kleinen Trommel durchscheinen und/oder die durch die Marschassoziationen der Introduktion getragen werden. Aus der Dissoziation der in auseinander strebenden Blöcken aufscheinenden Klangbilder und ihrer Klammerung durch das in der Eingangssequenz gewonnene Strukturmuster entsteht die spezifische Dis-Kontur, die der Komposition den Namen gegeben hat.

Aktuell sind zwei Einspielungen von Dis-Kontur auf dem Markt:



Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, Leitung: Leif Segerstam




SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg, Leitung: Sylvain Cambreling


Adieu,
Algabal

So, das war denn jetzt wohl der letzte Beitrag in diesem Thread, den ich aus meiner Vorvergangenheit hierher zitiere ...
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24

Montag, 16. November 2009, 23:18

Lieber Algabal,

ich hoffe, du machst doch noch einmal deinen Rihm-Thread auf. Der hätte doch schon einen eigenen Thread verdient. Bei Tamino kam ich nicht mehr dazu, dort zu antworten, würde das aber irgendwann, wenn mir wieder nach Rihm ist, noch gerne tun.

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Cornelius Schwehr (*1953)



Diese CD mit Werken des Klaus Huber und Lachenmann-Schülers Schwehr habe ich gerade gehört. Vorher dachte ich, sie könnte doch etwas für diesen Thread sein. Jetzt bin ich nicht mehr so sicher, sie empfehlen zu können, denn so berauschend finde ich die Werke nicht. Aber ich stelle meinen Eindruck hier trotzdem mal rein. Vielleicht kennt ja jemand die CD und will mir widersprechen.

Neugierig war ich vor allem auf das Stück "aus den kamalattanischen Liedern" für Akkordeon solo, gespielt von Teodoro Anzellotti, von dem ich die oben bereits gepostete CD auch vorzüglich fand. An die Werke auf dieser CD kommt Schwehrs Stück für meinen Geschmack jedoch nicht ran.

Neugierig war ich aber auch deswegen, weil ich "die kamalattanischen Lieder", lyrische Texte von Christian Geissler sehr beiendruckend fand, die ebenso wie sein großer Roman "Kamalatta" von den zunehmenden Schwierigkeiten politischer Veränderung und dem Scheitern der Linken in allen ihren bisherigen Formen handeln und dennoch Wege, nicht zu resignieren, befragen.
Dem freien Metrum von Geisslers Liedern folgend, die man jedoch als Texte nicht zu hören bekommt, spielt das Akkordeon eher geräuschhaft murmelnd und brummend, nur unterbrochen von kurzen hellen Einwürfen, die schnell wieder "abgewürgt werden, schnell verhallen oder sich verliehren. Wenn man ungefähr weiß, worum es in Geisslers Texten geht, eröffnet die Musik dieses Stückes schon einen Assoziationsraum, der passt, dennoch bin ich skeptisch, ob Schwehrs Konzept hier aufgeht, dass er im Beiheft so beschreibt: "...dieses taktmetrische Raster [das den Liedern Geisslers folgt, das aber für das Publikum nicht hörbar ist, Anm.M.O.] wird nun nicht gesprengt, sondern befragt; - wechselnd besetzt und gefüllt, bedient und negiert, um damit der Frage nachzugehen, wie ein Verhalten in Zuständen möglich ist, denen gegenüber es keine Möglichkeit gibt, sich nicht zu verhalten." Aber kann man dies hören - über einen vagen Assoziationraum hinaus, den man sich nur vorstellen kann, wenn man Geisslers Texte kennt? Und gelegentlich etwas mehr trotzig-aufbegehrende Action, wäre doch vielleicht Geisslers Texten auch zu entnehmen gewesen, - hätte jedenfalls für meinen Geschmack der Musik gut getan.

à nous deux für Viola, Klavier und Orchester, gut dargebracht von Barbara Maurer (vla) Sven Thomas Kiebler (p) und dem RSO Berlin unter Lothar Zagrosek, läßt ein stets zögerlich und äußerst brüchig bleibendes Annähern zwischen den beiden Soloinstrumenten und dem sparsam eingesetzten Orchester erklingen. Wo doch mal kurze Momente der gegenseitigen Annäherung und gemeinsamen oder wieder auseinanderfallenden Verdichtung entstehen, klingt das auch interessant, über weite Strecken aber auch ziemlich langweilig für mich. Für die Afforderung à nous deux - was zu tun ist, zusammen anzugehen, aber auch zu drohen: Und jetzt zu uns! könnte ich mir dann doch etwas mehr Elan vorstellen. Schwehr will mit diesem Stück sein Verhältnis zur Tradition charakterisieren.

Wie bei Bogen und Leier für Flöte, Oboe und Klarinette klingt auch erst wie eine Annäherungssuche zwischen den drei Instrumenten bis diese zunehemend zusammenwirken oft klangfrablich verschmelzen, wobei Klangfarbe und Tonhöhe leicht verändert werden, zunehmend verwischen. Schwehr zitiert im Beiheft Bruno Snells Heraklit-Übersetzung: "Wie das Unstimmige mit sich zusammenstimmt. Des Wider-Spännstigen Fügung. Wie bei Bogen und Leier." - Passt schon irgendwie, aber ich finde die musikalische Umsetzung auch etwas banal. Hier spielen Musiker des ensemble recherche.

Außerdem enthält die CD noch eine Komposition für Percussion solo, zu der mir nur einfällt, dass es in ihr ein paar interessante Beckeneffekte gibt, die gut klingen, dazwischen wird halt irgendwie getrommelt und viel geratscht.

:wink: Matthias

Amfortas09

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25

Dienstag, 17. November 2009, 13:28

Phillip Schoeller

Zitat

Das Stück von Schoeller heisst "The eyes of the Wind, Cello Concerto" und wurde 2004-2005 komponiert. Das Konzert entsteht quasi aus der Stille, aus geräuschhaften sehr leisen Stellen, die ich durchaus mit Wind assoziiere. Dann setzt das Cello ein, zunächst auch sehr leise und ruhig. Das Stück verdichtet sich nach und nach, aber es bleibt ein ruhiges fast meditatives Stück, das verklingt, wie es angefangen hat.

Ich kenne sonst nichts von Schoeller, wäre vielleicht ein Anlass, mal mehr kennenzulernen.

ich habe jetzt 2 Mitschnitte von Kompositionen von Schoeller (geb. 1957), die mir außerordentlich gefallen und Deinen Eindruck in gewisser Maßen bestätigen:
1.) Tree to Soul (für Streichquartett) mit dem Kairos Quartet aus Bremen vom 18.02.09 (gabs gestern vom Nordwestradio)
2.) Oper-spective Hölderlin für Streichquartett und weiblicher Sprechstimme + Livelektronik mit dem Arditti-Quartett aus Paris vom 19.06.09 (France musique)

es wäre zu wünschen, dass eine CD ausschließlich mit Phillipe-Schoeller-Musik veröffentlicht wird.

:wink:
“If somebody was sending rockets into my house where my two daughters sleep at night, I'm going to do everything in my power to stop that.” (2008) „Justice has been done.“ (2011)

Barack Hussein Obama

26

Dienstag, 17. November 2009, 15:32

Lieber Algabal,

ich hoffe, du machst doch noch einmal deinen Rihm-Thread auf. Der hätte doch schon einen eigenen Thread verdient. Bei Tamino kam ich nicht mehr dazu, dort zu antworten, würde das aber irgendwann, wenn mir wieder nach Rihm ist, noch gerne tun.


Lieber Matthias,

hm, ich könnte ja mal meinen Beitrag aus der anderen Forenwelt etwas überarbeitet hierher holen ...

Adieu,
Algabal
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27

Dienstag, 17. November 2009, 17:17

hm, ich könnte ja mal meinen Beitrag aus der anderen Forenwelt etwas überarbeitet hierher holen ...


Fände ich gut, aber das hat natürlich Zeit. So schnell komme ich sowieso auch nicht dazu, meine Rihm-CDs wieder durchzuhören.

:wink: Matthias

Melione

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28

Dienstag, 17. November 2009, 19:18

Was für ein toller Thread!! :juhu: :juhu: :juhu:

Bin jetzt bestimmt schon eine Stunde am Hörschnipsel hören und noch lange nicht durch! Gerade bin ich bei den Streichquartetten von Ivan Fedele, die mir bisher am besten gefallen.


Danke für diesen Thread!! (Cornelius Schwehr habe ich vor ein paar Wochen auf einem Kompositionsworkshop für Jugendliche persönlich kennengelernt, bin sehr auf diese Hörschnipsel gespannt... und ich hätte ihn nie für 56 gehalten ;+))
Philipp :wink:
Kompositorische Versuche:
E-Musik
U-Musik
Literarische Versuche:
Halbfertige Kurzgeschichte
Erstes Kapitel eines Romans

Kommentare wären super! :)

29

Dienstag, 17. November 2009, 20:14

Anders Eliasson (*1947)



Concerto for Violin, Piano & Orchestra (2005)

Sinfonia per archi (2003)


Ulf Wallin (vi) Roland Pöntinen (p), für die das Doppelkonert auch geschrieben wurde.
Swedish Radio Symphony Orchestra - Johannes Gustavsson

Beides sind sehr dramatische, lebendige Werke, sehr gut, sehr eigenständig konstruiert und instrumentiert und eher etwas gemäßigt modern. Wer z-B. mit Kalevi Aho klarkommt, den ich auch gerne höre, - die von Henning oben empfohlene Aufnahme seines Klarinettenkonzerts kann ich auch nur empfehlen - könnte vielleicht auch mit Eliassons Tonsprache zurechtkommen. Zwar verwendet er eine eigene, von der traditionell, klassischen europäischen Tonalität leicht abweichende Tonalität, aber es gibt klar hörbar tonale Zentren und es gibt eine fortwährende, stets variierte motivische Arbeit, in der auch die Kadenzen und Doppelkadenzen im Doppelkonzert zwar fortlaufend variiert werden, aber stets eingebunden bleiben. Das Werk besticht neben seiner großen Dramatik vor allem durch interessante Polyphonien. Der dritte Satz beginnt mit einem besonders energiereichen Presto und einer auffordernden Violine, deren Motiv vorher schon kurz in den Flöten anklang, Während die Violine im weiteren Satzverfauf zunehmend versöhnlicher, gegen Ende hin auch ausgesprochen sehnsuchtsvoll klingt, aber von den tieferen Holzbläsern bedrohliches ertönt, setzt das Klavier etwas humorvoll täppisch ein, bleibt eher suchend, während die Holzbläser das Sehnsuchtsvolle der Violine zunehmend unterstützen, die tiefen Streicher das Suchende des Klaviers etwas bedohlich unterstreichen. Der Satz wird zunehmend ruhiger und endet mit einem sehnsüchtigen, voher im Klavier erklungenen Motiv der Violine.

Auch die Sinfonia per archi schillert durchgehend zwischen Bedrohlichem, oft heftig anschwellendem Drängendem und Momenten des Versöhnlichem, wenn etwa ein sängerisches Solocello von den Violinen eingeholt wird, dann aber sofort wieder Unruhe in den kontrapunktisch gesetzten Celli und Bässen einsetzt, so dass die Versöhnung immer momenthaft bleibt, während schon Unruhe, Bedrohliches und erneut Fragendes erneut zu wirken beginnen. So bleibt die ganze Sinfonia äußerst organisch klingend, lebendig und schließt mit einem Schlußakkord, bei dem die Violinen und Bässe aufwärts, die Mittelstimmen abwärts führen, letztlich mit einer offenen Frage.

Beide Werke sind so auch richtig unterhaltsam, machen viel Spaß.

Eliassons Tonsprache ist sicherlich, wie auch viele Kritiken hervorheben, wirklich sehr eigenständig. An einen knüpft er aber, meine ich, heraushören zu können, doch weiterführend auf eigene Weise deutlich an und das ist Mahler.

:wink: Matthias

30

Samstag, 28. November 2009, 16:41

Hallo zusammen,

nach dem zweiten Hördurchgang möchte ich hier diese Platte vorstellen:



Georg Friedrich Haas (geb. 1953): in vain für 24 Instrumente von 2000.

Das Stück dauert eine gute Stunde und es ist nicht ganz einfach zu hören (jedenfalls für mich). Mein laienhafter Versuch es zu beschreiben (aus dem Gedächtnis): Es beginnt mit einem Gewusel von kurzen Noten in allen Instrumenten, kurze Absteigende Phrasen im Klavier und Xylophon. Es klingt ein wenig, wie ganz viele Glöckchen durcheinander. Nach ca. 5 Minuten wird dieses jedoch abgelöst durch Tonflächen aus lang angehaltenen Tönen. Hier beginnt eine langsame nicht ununterbrochene Steigerung: Die Tonflächen sind erst leise, von wenigen Instrumenten gespielt mit langen Pausen unterbrochen. Das verdichtet sich mehr und mehr: Mehr Instrumente, es wird langsam lauter. Etwas vor der Mitte des Stücks kommen auch wieder andere Phrasen als lang angehaltene Töne hinzu: Abgehackte Phrasen in den Streichern, Fanfarenartige Partien in den Blechbläsern. Das ganze wird weiter verdichtet und beschleunigt, bis etwa 10 Minuten vor Schluss ein dynamischer Höhepunkt mit solider Schlagzeug-Untermalung erreicht ist. Der Prozess ist jedoch keineswegs so linear, wie es hier klingt. Es gibt auch zwischendurch Beschleunigungen und Verlangsamung, sowie Zu- und Abnahme der Dynamik. Die letzten 10 Minuten rekapitulieren auf engerem Raum die Elemente von früher, bis das Stück zu einem relativ abrupten Ende gelangt.

Haas arbeitet in dem Stück mit Mikrotönen: Bereits zu Anfang werden Vierteltonschritte eingesetzt. Später baut er verschiedene Spektren auf unterschiedlichen Tönen des temperierten Klavier auf, was auch zu scharfen Reibungen führt (z.B. in den oben angesprochenen Fanfaren. Jedenfalls laut Booklet ist das so und die sind nicht unsauber gespielt :D )

Haas schreibt für dieses Stück auch die Lichtintensität im Konzertsaal in der Partitur vor. So werden Teile des Stücks in völliger Dunkelheit gespielt. Auch die Musiker müssen auswendig spielen, der Dirigent kann zu diesen Zeiten nicht eingreifen. Laut Booklet beginnt die erste Dunkelheitsphase mit dem Auftreten der ersten lang angehalten Töne nach ca. 5 Minuten. Die Lichtregie lässt sich auf Platte leider nicht verfolgen.

Das Stück übt durchaus eine gewisse Faszination auf mich aus, gerade durch die langsamen Steigerungen und eher fließenden Übergänge werde ich hier in das Stück hineingezogen und die 63 Minuten Konzentration fallen nicht allzu schwer.

Das ist meine erste Begegnung mit Musik von Haas. Kennst sonst jemand etwas oder hat Erfahrungen gemacht?

Viele Grüße,
Melanie
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31

Samstag, 28. November 2009, 16:58

Zitat

Das ist meine erste Begegnung mit Musik von Haas. Kennst sonst jemand etwas oder hat Erfahrungen gemacht?
Ja vor ein paar Wochen mit dem Radio-Mitschnitt seines 2. Streichquartetts vom Nordwestradio (18.02.09, Bremen) mit dem Kairos Quartett. Der Funke ist leider nicht zu mir rübergesprungen. ich werde es aber noch einmal versuchen. Vorher gabs "Tree to Soul" d.h. das 2. Streichquartett von Phillip Schoeller, das mir spontan gefallen hat.

:wink:
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Barack Hussein Obama

32

Samstag, 28. November 2009, 20:27

Georg Friedrich Haas

Liebe Mela,

Deine CD kenne ich noch nicht, aber unter "eben gehört" hatte ich schon mal diesen Beitrag versteckt:



Georg Friedrich Haas: Streichquartette Nr. 1 und 2, sehr gut gespielt vom Kairos-Quartett.

Viel Mikrotonalität, viel Flagolet- und Glissandi-Klänge. Klingt alles sehr organisch, eher wie zu einem Instrument zusammengeschmolzen, damit fehlt aber auch die Lebendigkeit des Streichquartetts als dem berühmten "Gespräch ..." Dabei scheinen mir die einzelnen, miteinander verschmolzenen Schichten, soweit heraushörbar, bei aller Mikrotonalität, anderer Stimmung der Instrumente usw. jedoch an sich eher einfach, fast etwas schlicht.

Ich weiß noch nicht, was ich davon halten soll."

Ich habe es gerade noch einmal gehört, aber ich weiß es immer noch nicht.

Auf irgendwelchen Samplern (Donaueschingen?) müßte ich auch noch weiteres von Haas haben, aber in Erinnerung geblieben ist mir nichts. Das muß aber nicht unbedingt etwas heißen.

Haas scheint jedoch relativ erfolgreich zu sein, hat seine Anhängerschaft und das sehr gute Kairos-Quartett, dass auch Amfortas mit dem 2. gehört hat, tritt mit seinen Streichquartetten viel und auf gut besuchten Konzerten auf.

Das ist ja durchaus schon eher ungewöhnlich, denn das durchschnittliche Werk zeitgenössischer neuer Musik wird genau 1 x - vom Auftraggeber - aufgeführt, 2 x ist schon gut; eventuell gibt es noch einen Radiomittschnitt, der anschließend in den Archiven vergammelt, inzwischen häufig nie oder nur auf Minuten zerhackt in irgendwelchen Features ausgestraht wird und das wars. Das ganze ist in Deutschland zu einer absurden Alibi-Veranstaltung von Kunst"förderung" verkommen, die so bestens dazu geeignet ist, denen recht zu geben, die behaupten, zeitgenössische Musik wäre zwangsläufig ein elitärer Klüngelkram, den niemand verstehen könne. Ich kann mich nicht genug darüber aufregen. :cursing:
Das es auch ganz anders gehen kann, ist in Britannien und Skandinavien mitzubekommen - und plötzlich gewinnt neue Musik auch ein Publikum. In Italien war es früher auch besser, bevor die RAI berlusconisiert und "Post"-Faschisten unterstellt wurde.

:wink: Matthias

33

Sonntag, 29. November 2009, 18:11

Lieber Matthias, lieber Amfortas,

danke für Eure Rückmeldung. Ihr bestätigt meine Skepsis, die ich durchaus der CD gegenüber habe, auch wenn man das oben vielleicht nicht so gemerkt hat. Ich kann nicht sagen, dass die CD keinen Spass gemacht hat. Es werden durchaus schöne Klänge geboten. Ich frage mich nur, wie lange das hält, oder ob es sich bei mehrmaligem Hören nicht eher tot läuft. Ich werde es noch mal ausprobieren.

Viele Grüße,

Melanie
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34

Sonntag, 29. November 2009, 18:35

Zitat

jedoch an sich eher einfach, fast etwas schlicht.
das war in gewisser Weise auch mein Eindruck. Aber ich werde mir - wie schon gesagt - noch einmal mir dieses Streichquartett Nr. 2 reinziehen.. vielleicht ändert sich mein Eindruck und ich werde zum Haas-Fan ... oder es wird so:

Zitat

es sich bei mehrmaligem Hören nicht eher tot läuft
Auf alle Fälle werde ich mir demnächst die Cd mit Schoellers "The eyes of the Wind, Cello Concerto" und die Dror Feiler-Cd Point Blank zulegen, wenn mein es meine Haushaltskonsolidierung zulässt :D , denn Feilers "Ember" (Youtube, stereo) und Schoellers 2. Streichquartett (Tree to Soul) haben nach mehrmaligen Hören nichts in ihrer Wirkung auf mich eingebüsst, im Gegentum ... + bei "Ember" von Feiler (gegen dessen Musik ich zunächst skeptisch war) habe ich auch automatisch an den Beginn von B.A. Zimmermanns Soldaten denken müssen...

:wink:
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Sonntag, 29. November 2009, 20:57

Auf alle Fälle werde ich mir demnächst die Cd mit Schoellers "The eyes of the Wind, Cello Concerto" und die Dror Feiler-Cd Point Blank zulegen, wenn mein es meine Haushaltskonsolidierung zulässt , denn Feilers "Ember" (Youtube, stereo) und Schoellers 2. Streichquartett (Tree to Soul) haben nach mehrmaligen Hören nichts in ihrer Wirkung auf mich eingebüsst, im Gegentum ... + bei "Ember" von Feiler (gegen dessen Musik ich zunächst skeptisch war) habe ich auch automatisch an den Beginn von B.A. Zimmermanns Soldaten denken müssen...


Freut mich, dass Ember so gut angekommen ist. Point it Black lohnt sich sehr und ist bei Amazon sehr günstig runterladbar. Werde ich demnächst mal besprechen,
Auf den Vergleich mit Zimmermann war ich noch nicht gekommen, aber da ist was dran. Wohl über den Anfang hinaus auch in der Aufnahme von Jazz-Elementen in manchen Werken beider. Feiler ist ja auch aktiver Jazz-Saxophonist. Sein Saxophonquartett auf Point it Black ist sogar schon fast Klezmer-Jazz.

Schoellers 2. Streichquartett sagt mir auch sehr zu. Danke fürden Tip und natürlich auch für den CD.Tip, denn die Schoeller-CD wird wohl auch bald zu mir wandern.

:wink: Matthias

36

Dienstag, 1. Dezember 2009, 18:52

Marco Tutino: »Riccardo III.« - Ballett in zwei Akten

Marco Tutino, geboren 1954, ist hierzulande nicht gerade besonders gut bekannt. In Italien ist er dagegen offensichtlich ein recht einflussreicher Theater- oder eher: Opernmacher und Komponist, der nicht allein die Opernhäuser in Turin und Bologna geleitet hat bzw. leitet, sondern seit den 1980er Jahren auch mit mehreren Opern hervorgetreten ist: u.a. »Pinocchio« (1984), »Cirano« (1986-87), »Vite immaginarie« (1989), »La Lupa« (1990) und »Federico II.« (1992-93). Einige dieser Opern sind auch in Deutschland gezeigt worden. So hat es bereits 1996 eine Inszenierung von »Federico II.« in Bonn gegeben und 2002 eine in der Presse sehr positiv besprochene Aufführung von »La Lupa« in Erfurt.

Das Werklein, auf daß ich hier hinweisen möchte ist das Ballett Riccardo III. nach William Shakespeares »Richard III.« Es war das erste Werk Tutinos, das ich kennengelernt habe – ein Zufallskauf insofern, als ich den Komponisten zuvor nicht kannte und mir zunächst einmal nur das etwas gruselig anmutende Cover ins Auge gestochen ist. Da die Doppel-CD spottbillig war, hab‘ ich sie mal heimgetragen – und war gleich beim ersten Hören von den Socken von dieser hypnotisch-ostinaten Musik mit archaisch-bohrendem Charakter! Grundgrausam, doch immer wieder von lyrischen Passagen gelindert, spielt sich ein Hördrama von großer Intensität ab: suggestiv, klanggewaltig und assoziationsoffen. Die acht großen Szenen (die kürzeste ist gut 6 Minuten lang, die längste knapp 20) sind symphonisch angelegt, ja streckenweise durchaus philharmonisch und tonmalerisch – ins freitonale, rhythmisch-treibende Gewirk (oh je, jetzt heideggerts schon bei mir) mischen sich Anklänge an Ensemblemusik des elisabethanischen Zeitalters.

Höhepunkte:

1) Der finstere »Alptraum« der Eingangsszene, in der Richard von den Geistern der von ihm Ermordeten heimgesucht wird – über einem ostinaten Pulsieren von tiefen Streichern, Pauken und Schlagzeug erscheinen und verschwinden Fragmente schmerzvoller Melodien (Holzbläser), die schließlich gewaltsam (brutale Schläge von Blech/Schlagzeug/Streichern) zum Schweigen gebracht werden.

2) Der Trauerzug der Lancasters (Szene IV), die Heinrich VI und dessen Sohn Edward – von Richards Schergen erschlagen – zu Grabe tragen, in den sich das obszöne Werben Richards um die Witwe des erschlagenen Heinrich mischt. In dieser langen Szene (knapp 13 Minuten) entsteht eine beinahe physisch spürbare Reibung zwischen dem tieftraurigen, in seiner Monotonie trostlosen und schwarzen Trauermarsch und der frivol-scharfen, dem Metrum des Marsches entgegenlaufenden Melodik, die Richards - zuletzt gar erfolgreiche - »Anmache« der trauernden Lady Anne nachzeichnet.

3) Die Thronbesteigung Richards (Szene VI.). Richard ist am Ziel – und er ist allein. Diese Szene, in der an äußerer Handlung nichts geschieht, ist nicht allein die längste des Balletts (19:33), sondern auch die musikalische Schlüsselszene des Werkes. Hier wird das gesamte Drama der äußeren Handlung musikalisch enggeführt: das thematisch-motivische, klangliche und rhythmische Material der fünf vorhergehenden Szenen wird hier rekapituliert, verarbeitet, transformiert und so das Material der beiden Schlußszenen vorbereitet. Eine Art Ballettsuite im Ballett.

Tolle Musik !

Eine Einspielung des Werks mit dem Orchestra del Teatro Sociale de Rovigo unter der Leitung von Stefan Anton Reck ist auf dem Marketplace häufig mehr als preisgünstig zu finden – eine Coverabbildung dagegen nicht ...

Adieu,
Algabal
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37

Mittwoch, 2. Dezember 2009, 01:41

Für mich einer der interessantesten Gegenwartskomponisten ist Mathias Spahlinger. 8 Jahre schrieb er an "Farben der Frühe"einem 6-sätzigen Zyklus für 7 Klaviere. Es hat sich gelohnt!



Ungewöhnlich für ihn, tauchen mitunter sogar Erinnerungsfetzen an Chopin, Skrjabin, Ravels "Scarbo", aber auch an Thelonious Monk auf, um sogleich aber wieder infragegestellt zu werden. So wird Älteres sichtbar gemacht, gerade um nicht in Konventionen zu verfallen und doch eigene Erinnerngen und Prägungen bewußt sich zur Auseinandersetzung zu stellen. Vielleicht ist so auch zu verstehen, dass er der Partitur das Spinoza-Zitat "omnis determinatio est negatio" voranstellt. Den gedanklichen Hintergrund bildet ein Spinoza, wie man ihn bei Althusser, Balibar, Marchery oder in Deutschland etwas ähnlich bei Walter, Lauermann oder Bartuschat erlesen kann, ein Spinoza der "Überdetermination", der "strukturalen Kausalität", in der Determinationen die Grundlage von Begründungen und Bestimmungen sind und dies die Voraussetzung einer Philosoph der Freiheit ist, nicht ihr Gegensatz. Determinationen sind keine Vorherbestimmtheit, die ohne das Ereignis des Akts ihrer Verbindung alles in festen Bahnen laufen lassen, auch wenn den Akteuren nur zum geringen Teil bewußt ist, weshalb sie wie verbinden, Bewußtheit, Aufklärung über Determinationen macht aber doch etwas aus. Es wird also aus mannigfaltigen Überdeterminationen bei weitgehend bestehender Unbestimmtheit selektiert oder aus einem komplexen Ganzen entwickeln sich nicht-lineare Fortschreittungen. Althusser hat deswegen Spinoza in die Linie des "aleatorischen Materialismus" oder des "materialism of encounter" gerechnet, also eines Denkens der Kontingenz.

Ich versuche dies deshalb zu umreißen, weil der Ferneyhough-Schüler Spahlinger einer der wichtigsten "Komplexisten" ist, deren Vorgehen und Selbstinterpretation analog verstanden werden kann: Es gibt diverse serielle Schichten, die dazu dienen, sich möglichst bewußt von der Tradition zu lösen, gerade um so einen erweiterten Möglichkeitsraum für Klangkonstruktionen zu schaffen, Freiheit zu erweitern. Ihre Aufeinanderschichtung und dabei palimpsesthafte Ineinanderschreibung, ist selbst aber nicht bewußt seriell vorgegeben; was immer dabei im Komponisten wirkt, es ist Ergebnis seiner Auswahl und Entscheidung aus enorm vielen Möglichkeiten, mehr als er erkennen und sich bewußt machen kann: - so ist Raum für den "Intuitions-Effekt". Schließlich werden die Interpreten bewußt überfordert: Es ist gar nicht alles spielbar und gleichermaßen betonbar. Aus zu vielen komplexen Schichtungen und schlicht auch zu vielen Noten werden die Interpreten gezwungen, teils bewußt, teils unbewußt und auch in der Interaktion untereinander ihre Auswahl zu treffen, was sie spielen und betonen wollen/können. So entsteht aus überdeterminierter Komplexität nicht nur für den Komponisten Unbestimmtheit, sondern auch für die ausführenden Interpreten; - eine Unbestimmtheit, die jedoch "irgendwie", aber eben auch nicht völlig beliebig, gefüllt wird, also entstehen gerade im hoch-komplex Seriellen Momente der Freiheit sowie des Aleatorischen, von denen das Fortschreitten durchaus auch wesentlich mit abhängt.

Die Ansprüche der 50er Jahre Avantgarde fortschreibend, gibt es auch keine Aufteilung in Solo- und Begleitstimmen. Im Booklet wird Spahlinger hierzu zitiert: "Anarchie im Sinne von Herrschaftslosigkeit, also dass es einfach kein Erstes gibt, das sich durchsetzt, ist der Grund alles Lebendigen." Da hat jemand neue Spinoza-Forschung rezipiert und denkt sie zusammen mit Adornos oder Bruno Liebrucks Verdikt gegen jede "Prima Philosophia".

Ich hoffe, dass ich eine Ahnung vom "Komplexismus" entwickeln konnte, auch wenn das hier zugegeben noch recht abstrakt blieb. Ich möchte irgendwann, wenn ich mich da weiter reingearbeitet habe, auch eigene Threads über Spahlinger und Ferneyhough und vielleicht auch über weitere Komplexisten eröffnen, aber das braucht Zeit, von der ich viel zu wenig habe. Jedenfalls faszinieren mich auch weitere Werke Spahlingers, aber dieses ragt für mich ganz besonders heraus.

Diese Werk ist jedoch nicht nur im Kontext seines gedanklichen Hintergrunds interessant, sondern einfach überaus packende, streckenweise auch sehr schöne, durchgehend äußerst lebendige Musik, die, trotz der dichten Verschlingung der verschiedenen Klavierstimmen, die eigentlich nicht als verschiedene Stimmen zu hören sind, erstaunlich transparent ist. Dabei werden ganz ohne Preparationen oder Electronics auch die perkussiven Möglichkeiten des Klaviers den Klangreichtum erweiternd sehr schön genutzt. Es ist unmöglich, alle Zusammenhänge herauszuhören, braucht man aber auch nicht. Auch die HörerInnen sind zum aktiven Hören aufgerufen, einzelne Klangentwicklungen ausgewählt zu verfolgen, können jedoch damit nie fertig werden, dennoch oder so werden immer erneut Entwicklungen und Zusammenhänge nachhörbar und immer etwas anders. Nun ist das eigentlich ja bei jedem komplexeren Werk so, auch denen der Tradition, hier wird man aber bewußt darauf gestoßen, dass ausführende Interpretationen und hörende oder analysierende Rezeptionen unerschöpflich sind. Und das macht hier bei so wunderbarer und lebendiger Musik einfach riesengroßen Spaß. Hier ist m.E. ein ganz außerordentliches Meisterwerk entstanden!

:wink: Matthias

38

Mittwoch, 2. Dezember 2009, 03:15

Für mich einer der interessantesten Gegenwartskomponisten ist Mathias Spahlinger. 8 Jahre schrieb er an "Farben der Frühe"einem 6-sätzigen Zyklus für 7 Klaviere.

Gestatte mir die Blödelei, 6 Sätze für 7 Klaviere in 8 Jahren erinnern mich an die berühmte "vierteilige Trilogie in fünf Bänden". ;+)

Deine begeisterten Worte machen allerdings auch Lust aufs Anhören, ich werde mir Spahlinger einmal vormerken und hoffe, dass die gezielte Überforderung der Interpreten dazu führt, dass sich die Ablehnung jeglicher prima philosophia auch dem Ohr hörend mitteilt. ;+)

Grüße,
Jürgen
--

"Wo die Beziehung zu unseren heutigen Ohren, Nerven, Erfahrungen und Lebensbedingungen verlorengeht, wird Interpretation zur Flucht in die Vergangenheit."
Alfred Brendel

"Music is a fish defrosted with a Hair-Dryer." Maisie

39

Samstag, 5. Dezember 2009, 20:37

Georg Friedrich Haas

Ich kann nicht sagen, dass die CD keinen Spass gemacht hat. Es werden durchaus schöne Klänge geboten. Ich frage mich nur, wie lange das hält, oder ob es sich bei mehrmaligem Hören nicht eher tot läuft.


Liebe Mela,

das entspricht ganz auch meinem Eindruck nach Haas Streichquartetten.

:wink: Matthias

Amfortas09

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40

Sonntag, 6. Dezember 2009, 07:38

Zitat


Georg Friedrich Haas



Zitat




Zitat von »mela«


Ich kann nicht sagen, dass die CD keinen Spass gemacht hat. Es werden durchaus schöne Klänge geboten. Ich frage mich nur, wie lange das hält, oder ob es sich bei mehrmaligem Hören nicht eher tot läuft.
Liebe Mela,

das entspricht ganz auch meinem Eindruck nach Haas Streichquartetten


Matthias

Ich habe mal bei Youtube - allerdings nur kurz - reingehört und werde mirs genauer reinziehen:

Toshio Hosokawa, Fragment II
Arditti String Quartet, Pierre-yves Artaud, alto flute.
Fragmente II by Toshio Hosokawa, 1989.
(stereo)

Toshio Hosokawa, fragment from "Interim I (stereo)

SONOR (mono)

Vielleicht wäre es eine Alternative zu Haas ...


Nächste Woche sende France Musique Mantovani (Radio Thread)

:wink:

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“If somebody was sending rockets into my house where my two daughters sleep at night, I'm going to do everything in my power to stop that.” (2008) „Justice has been done.“ (2011)

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