Sie sind nicht angemeldet.

Lieber Besucher, herzlich willkommen bei: Capriccio Forum für klassische Musik. Falls dies Ihr erster Besuch auf dieser Seite ist, lesen Sie sich bitte die Hilfe durch. Dort wird Ihnen die Bedienung dieser Seite näher erläutert. Darüber hinaus sollten Sie sich registrieren, um alle Funktionen dieser Seite nutzen zu können. Benutzen Sie das Registrierungsformular, um sich zu registrieren oder informieren Sie sich ausführlich über den Registrierungsvorgang. Falls Sie sich bereits zu einem früheren Zeitpunkt registriert haben, können Sie sich hier anmelden.

1

Dienstag, 23. Juni 2009, 21:34

Schostakowitsch: 24 Präludien und Fugen op. 87

Liebe Leute,

auch ich oute mich als Fan von Schostakowitschs Solostücken für Klavier. Neben den Aphorismen, Op. 13 (1927) haben es mir besonders die Präludien und Fugen, Op. 87 angetan. Aber diese weltbewegende Erkenntnis möchte ich nicht in der "Eben gehört"-Ecke verkünden - obwohl bei mir gerade die Naxos-Scherbakov-CD im Hintergrund läuft - sondern die Gunst der Stunde für den eigenen Thread nutzen, den diese Stücke verdient haben.

Schostakowitsch wählte für seinen größten Klavierzyklus nicht zufällig die Abfolge von 24 Präludien-Fugen-Paaren. Als er die 48 Stücke zwischen dem 10. Oktober 1950 und dem 25. Februar 1951 schrieb, war seine Musik noch mit dem offiziellen "Formalismus"-Bann belegt (Schdanow-Erlass von 1984), er komponierte (mit der Ausnahme von Filmmusik) in dieser Zeit nur für die Schublade. Die unmittelbare Anregung für den Klavierzyklus war das Fest zum 200. Todesjahr von J. S. Bach in Leipzig im Jahr 1950, an dem Schostakowitsch - trotz der Ächtung seiner Musik - als hochrangiger Funktionär teilnahm. Dort begeisterte ihn das Spiel der jungen Tatjana Nikolajewa so sehr, dass er ihr den Zyklus, den er nach der Reise begann, zudachte. Nikolajewa erreichte 1952 eine offizielle Absegnung der Stücke, sodass sie in der SU veröffentlicht und gespielt werden konnten. Zuvor waren nur besonders genehmigte Aufführungen (mit Schostakowitsch am Piano) möglich, zumeist vor einem Publikum aus Parteisoldaten und echten Soldaten ...

Nicht nur das Bachfest in Leipzig, und auch nicht alleine das Vermeiden von anstößigen "modernistischen" Elementen erklärt Schostakowitschs Rückwendung zu einer Zyklenform, die untrennbar mit dem Namen Bachs verbunden ist. Die 48 Präludien und Fugen sind nämlich auch Ausdruck einer lebenslangen Verehrung Schostakowitschs für den großen Meister, DSCH spielte ihn jeden Morgen auf dem Klavier. Und ein besonderer Anreiz war für ihn sicher die Möglichkeit, eigene Stimmungen und Befindlichkeiten - meist melancholischer, seltener auch heiterer oder gar aggressiver Natur - in einer strengen Form zu bändigen.

Schwer zu sagen, ob Schostakowitschs Rückwendung zu Bach eher eine von den äußeren Verhältnissen provozierte Selbstfesselung darstellt oder ein gesundes Gegenmittel zu seiner Hypernervosität und -sensibilität.

---

Zu den Einspielungen. Auch ich kann vorbehaltlos Konstantin Scherbakov (Naxos) empfehlen:



Preislich noch unterboten wird die Naxos-Doppel-CD von der Brilliant-Doppel-CD, die die französisch-litauische Pianistin Mûza Rubackyté eingespielt hat:



Die hatte ich mir zwar zuerst gekauft, höre sie aber seltener. Warum, weiß ich aber nicht. :pfeif:

Und dann besitze ich noch eine dritte CD, die ich mir eher aus Neugier gekauft habe, die aber mit den anderen Aufnahmen durchaus mithalten kann. Logo, sitzt doch der Meister himself an den Tasten. :thumbup:



Leider hat Schostakowitsch nur insgesamt 16 der 24 Präludien-Fugen-Paare eingespielt, aber andererseits .... ich jedenfalls tue mich schwer, große Unterschieden zwischen den vorhandenen Einspielungen zu erkennen. Aber als Zuckerl für die Liebhaber seiner 10. Symphonie spielt DSCH ebendieselbe als Klavierauszug für 4 Hände zusammen mit Moisei Vainberg. (Die Aufnahmen sind übrigens von 1951-54, also noch aus der "bleiernen Zeit" vor Stalins Tod 1953 bzw. der folgenden Tauwetterperiode.)

---

So, jetzt nach diesen langen Erläuterungen und Präludien meine Frage an euch:

Was sind eure liebsten der 48 Präludien und Fugen? Und wenn ihr diese zusätzlich noch beschreiben wollt, welche Stimmung verkörpern diese für euch?

Über Empfehlungen freue ich mich sehr, weil mir das Gelegenheit gäbe, das eine oder andere Stückchen mal aufmerksamer anzuhören. (Oft lässt bei mir nach einigen Stücken die Aufmerksamkeitsspanne nach.)

Natürlich ist in diesem Thread alles rund ums Op. 87 erwünscht, also auch Besprechungen weiterer CDs. Insbesondere die Jarrett-CD würde mich nach dem Anhören der Tonschnipsel sehr interessieren - Jarretts Spiel klingt unübertreffbar - , sie ist aber leider ziemlich teuer.

Grüße,
Jürgen
--

"Wo die Beziehung zu unseren heutigen Ohren, Nerven, Erfahrungen und Lebensbedingungen verlorengeht, wird Interpretation zur Flucht in die Vergangenheit."
Alfred Brendel

"Music is a fish defrosted with a Hair-Dryer." Maisie

Caesar73

Weltenbummler

  • »Caesar73« ist männlich

Beiträge: 5 668

Wohnort: Südliche Weinstraße - um die Ecke links

  • Nachricht senden

2

Dienstag, 23. Juni 2009, 21:39

Lieber Jürgen,

hat jemand über seinem Avatar "Novize" stehen? :D :D Eine schöne Einführung!

Gehört habe ich die 24 Präludien und Fugen lange nicht mehr- allerdings besitze ich die Aufnahme von Jarrett. Ich erinnere mich noch, wie fasziniert ich beim Hören war. Sicherlich hätte Edwin zum Threadthema auch einiges beizutragen. Na er wird ihn sicher lesen und dann hoffentlich seine fünf Cent dazugeben. :D

Herzliche Grüße, :wink: :wink:

Christian
Rem tene- verba sequentur - Beherrsche die Sache, die Worte werden folgen

Cato der Ältere

3

Dienstag, 23. Juni 2009, 21:51

Sicherlich hätte Edwin zum Threadthema auch einiges beizutragen. Na er wird ihn sicher lesen und dann hoffentlich seine fünf Cent dazugeben.
Moi aussi. - Irgendwie habe ich das Gefühl, daß ich die Nikolayeva bald brauche . . . . ., Ashkenazy gefällt mir ja nicht schlecht, aber ich bin bei ihm vorsichtig solange ich nicht anderes kenne und der Sherbakov ist nach meinem ermaligen Hören heute noch nicht wirklich zu mir gedrungen - die melancholischen Halbinseln kamen mir etwas hastig angefahren um kurz anzulegen vor. - Vielleicht - hoffentlich - bald mehr.

Angenehme Nachtstunden

Bernhard


"Alles Syphilis, dachte Des Esseintes, und sein Auge war gebannt, festgehaftet an den entsetzlichen Tigerflecken des Caladiums. Und plötzlich hatte er die Vision einer unablässig vom Gift der vergangenen Zeiten zerfressenen Menschheit."
Joris-Karl Huysmans

Antipasti

Kleinneuer Tonmeister

  • »Antipasti« ist männlich

Beiträge: 182

Wohnort: La Lorraine

  • Nachricht senden

4

Dienstag, 23. Juni 2009, 22:20

Bonsoir,

Viel interessantes kann ich jetzt nicht hier beisteuern, denn ich besitze auch nur die Scherbakov-CD und als Jarrett-Fan werde ich an seine Aufnahme wahrscheinlich nicht vorbeikommen.

Ich bin kein Schostakowitsch-Fan, ich kenne verschiedene Sinfonien schon sehr lange, höre sie sehr selten, neuerdings habe ich mir die rote Brillant-Box gekauft, um die Streichquartette und anderes besser kennenzulernen, ich muß gestehen diese Musik (außer den Jazz-Suiten) liegt mir nicht. Meiner Meinung ist Schostakowitsch etwas überschätzt. :hide:

Was aber die Präludien angeht, das ist eine andere Welt, diese Klavierstücke mag ich sehr sehr gerne.

gruß
romain
Dieser Thread muß weitergeführt werden!!!

5

Mittwoch, 24. Juni 2009, 00:49

Ich besitze u.a. eine Aufnahme des zyprischen Pianisten und Dirigenten Marios Papadopoulos.






Na Mensch, wird sich mancher denken.
Doch eine innere Stimme flüstert mir zu, diese Einspielung schlage zumindest Nikolayeva und Jarrett um Längen.
Prägnant, glasklar, unsentimental, entwaffnend.

Ein "Da hast Du's. Denk mal drüber nach."


audiamus


.
"...es ist fabelhaft schwer, die überflüssigen Noten unter den Tisch fallen zu lassen." - Johannes Brahms

6

Mittwoch, 24. Juni 2009, 00:58

Ich freue mich, dass dieser Thread zu diesem schönen Werk eröffnet wurde.

Erst spät hat mich dieses Werk gepackt. Anfangs ist man erschlagen von der Fülle des musikalischen Materials, man muss erstmal einen Überblick gewinnen. Meine momentanen Favoriten sind die Nummern (besonders fett)

1, 4, 5, 9, 10, 13, 14, 15, 16, 17, 18, 20, 21, 24,

aber es gibt (inzwischen) keine, die ich überhaupt nicht mag. Der Einfachheit halber habe ich immer die ganze Nummer genannt. In den allermeisten Fällen ist es die Fuge, die mich mehr anspricht. Das kenne ich auch schon von Bach so und finde auch nicht weiter schlimm, wenn mir die Fuge sogar deutlich besser gefällt als das Präludium. Das Präludium dient der Vorbereitung auf die Fuge.

Ich habe die Einspielungen von Ashkenazy, Scherbakov und Jarrett. Ich glaube, ich tendiere in erster Linie zu Jarrett:



Ich empfinde sein eher feines und diszipliniertes Spiel als sehr angenehm. Die von Ashkenazy habe ich am längsten, aber es war nie der Funke so richtig übergesprungen. Irgendwann mal schaute ich mir den Film "Smoke" von Wayne Wang an, und hier spielt Jarrett die Fuge Nr.1 für mich faszinierend langsam, und schafft damit eine große Intimität. (Die Filmeinspielung ist von der CD.)

Es wurde oben gesagt, dass die (Doppel-) CD nicht gerade billig sei. Das stimmt (ganz besonders im Vergleich zu Scherbakov). Ich finde aber, die Pappbox macht einen sehr ästhetischen Eindruck und das Booklet ist sehr informativ und enthält zusätzlich (auf englisch) eine ausführliche Besprechung jeder einzelnen Nummer.

Momentan fehlt mir die Zeit zu einem ausführlichen Vergleich. Wenn überhaupt sollte man das nur mit einzelnen Nummern machen. Ich habe das neulich mit der Nr. 17 gemacht. Da fällt m. E. Scherbakov im Vergleich zu Ashkenazy und Jarrett deutlich ab. Ich weiss aber, dass mir andere Stücke auch von ihm sehr gut gefallen.

Auch die Entstehung des Werkes (10. Okt. 1950 bis 25. Feb. 1951) ist beeindruckend. Schostakowitsch hat an jedem Präludium und jeder Fuge nicht länger als einen Tag gesessen. Die genauen Tage findet man im Werkverzeichnis bei Sikorski.

Derek Hulme schreibt:

Zitat


Written in strict numerical order (Volume 40 of Collected Works gives the exact date of composition for all the Preludes and Fugues). All were 'played over' by Tatyana Nikolayeva on the day following their composition. The only item to be partly composed then rewritten was the Prelude for No. 16.


Wie man es eigentlich von seinem ganzen Oeuvre kennt, scheint er auch hier nicht mit dem Material gerungen zu haben.

Schostakowitsch überschätzt (Antipasti)? Ich glaube kaum, wenn überhaupt halte ich ihn immer noch für eher unterschätzt. Ich finde die Vielseitigkeit einfach umwerfend. Die 15 Sinfonien (von denen mindestens 10 herausragend sind), die 15 Streichquartette (eine ganze andere Welt), die verschiedenen Opern, dann diese Präludien und Fugen, Filmmusiken, "Unterhaltungsmusik" (Jazz-Suiten etc.), ... Das kann man an anderer Stelle ja mal ausführlicher diskutieren... Dass man all das nicht mögen muss, steht auf einem anderen Papier, und da gibt es dann auch wenig zu diskutieren.

maticus :wink:
Mit der Avantgarde ist jetzt Schluß! --- Alfred Schnittke

7

Mittwoch, 24. Juni 2009, 07:12

Wenn wir schon bei den Zuckerstückchen sind: Mein Favorit ist ja die D-Dur-Fuge aus Band I.
Die finde ich so nett, dass ich sie mal für eine Produktion von Dürrenmatts "Romulus der Große" eingespannt habe. Arrangiert für Flöte, Trompete, Tenorsax, Klavier und Schlagwerk als Hühnerballett.
Der Meister möge mir verzeihen.


audiamus


.
"...es ist fabelhaft schwer, die überflüssigen Noten unter den Tisch fallen zu lassen." - Johannes Brahms

8

Mittwoch, 24. Juni 2009, 08:43

Moin,

eine hervorragende Aufnahme des gesamten Klavierwerks von Schostakowitsch ist die von Caroline Weichert:

.

Sie ist hierzulande fast unbekannt, war einige Jahre gar nicht mehr erhältlich, wurde dann aber zum Schostakowitsch-Jahr 2006 in Frankreich wieder veröffentlicht.

Viele Grüße,

Christian

9

Mittwoch, 24. Juni 2009, 08:59

Ich habe neben den Opern, Sinfonien und Konzerten nur zwei Interpretationen der Preludien und Fugen.

Da ist einmal die interessante Kopplung von Olli Mustonen. Er spielt auf 4 CD abwechselnd Bach und Shostakovich. RCA


Und ebenfalls Scherbakov. Wohnt und unterrichtet in Zürich.


Es grüsst Rolf.

10

Mittwoch, 24. Juni 2009, 10:50

Erfreulich, dass es von einem so hochrangigen Werk wie dem op. 87 inzwischen doch eine Reihe empfehlenswerter Aufnahmen gibt.

Ein paar Worte noch zu der schon mehrfach erwähnten Tatjana Nikolayeva:

Sie hat DS durch ihren fabulösen Umgang mit dem WTK bei einem Klavierwettbewerb in Leipzig (DS saß damals in der Jury) überhaupt erst auf die Idee gebracht, Präludien und Fugen zu komponieren. Sie arbeitete lange Zeit eng mit Schostakowitsch zusammen. Sie ist die Widmungsträgerin (wie Nocturnus bereits erwähnte). Sie hat das op. 87 außerordentlich häufig in ihre Konzertprogramme aufgenommen. Das Werk stand auch 1993 auf dem Programm ihres Konzerts in San Francisco, bei dem sie ein tödlicher Gehirnschlag ereilte. Es gibt von ihr eine Hyperion-Einspielung von 1990 und eine (schönere) bei Melodiya, vermutlich aus den 60ern.

Eine ernsthafte Auseinandersetzung mit diesem Werk sollte m.E. vor diesem Hintergrund zwingend die Interpretation durch Tatjana Nikolayeva berücksichtigen.

Ich selbst hatte das Glück, TN mit op. 87 in Köln live zu erleben - es muß wohl kurz vor ihrem Tod gewesen sein. Von allen Klavierabenden, die ich jemals besuchte, ist mir dieser wohl am nachhaltigsten in Erinnerung. Auf der Bühne erschien eine wahre Verkörperung von "Mütterchen Russland". Ihr Spiel - kraftvoll und auch mit berückender Anschlagskultur, lyrisch-gesanglich im Ton und zugleich die polyphonen Strukturen sehr sauber zeichnend - hat mich sehr beeindruckt. Die alte romantische russische Schule.

Jemand hat einmal auf ihre Ähnlichkeit mit Helene Weigel hingewiesen und sie als "Mutter Courage des Klaviers" bezeichnet...

Salve,

Lavine :wink:
.
Mitunter kann schon ein einziger Buchstabendreher den gesamten Text urinieren

11

Donnerstag, 25. Juni 2009, 20:22

die interessante Kopplung von Olli Mustonen. Er spielt auf 4 CD abwechselnd Bach und Shostakovich.
Schön, dass Du Olli Mustonen erwähnst - ich finde sein Spiel auch sehr spannend, manchmal kapriziös, manchmal wie im Improvisationsrausch.

12

Samstag, 27. Juni 2009, 12:55

ich kenne eigentlich kaum etwas von Schostakowitch, habe aber gestern im Radio ein Klavier-Stück gehört das Fussball hiess und mir sehr gut gefallen hat. Weiss jemand näheres dazu?
Ohne Musik wäre das Leben ein Irrtum (Nietzsche)
In der Tat spuckte ... der teuflische Blechtrichter nun alsbald jene Mischung von Bronchialschleim und zerkautem Gummi aus, welchen die Besitzer von Grammophonen und Abonnenten von Radios übereingekommen sind Musik zu nennen (H Hesse)
----------------------------
Im übrigen bin ich der Meinung, dass immer Sommerzeit sein sollte (gerade im Winter)

13

Samstag, 27. Juni 2009, 13:07

Geschätzter Erzherzog.

Shostakovich liebte den Fussballsport. Dieses Stück, das du hörtest, ist aus dem Ballett "The Golden Age".

Gruss Rolf.

Caesar73

Weltenbummler

  • »Caesar73« ist männlich

Beiträge: 5 668

Wohnort: Südliche Weinstraße - um die Ecke links

  • Nachricht senden

14

Montag, 6. Juli 2009, 17:27

Kürzlich erschienen ist folgende Aufnahme:




Die steht bei mir zwar auf der Liste, aber ich ich habe sie noch nicht, vielleicht kennt sie aber aber schon jemand von Euch. Die Rezensionen, die ich bisher gelesen habe, waren rundweg positiv.


Herzliche Grüße, :wink: :wink:

Christian
Rem tene- verba sequentur - Beherrsche die Sache, die Worte werden folgen

Cato der Ältere

15

Sonntag, 19. Juli 2009, 18:31

Welche CDs des Op. 87 mit dem Komponisten selbst am Klavier sind eigentlich erhältlich?

Nocturnus machte oben auf die bei Monopole erhältliche aufmerksam (zusammen mit der 10. Sinfonie für 4 Hände). Ich finde noch eine bei EMI erschienene mit den 2 Klavierkonzerten und ein paar Präludien und Fugen. Die beiden habe ich jetzt erst einmal bestellt.

Ist das alles? Bei youtube sieht man noch eine CD mit 6 Präludien und Fugen, aber die finde ich bei den Händlern nicht; möglicherweise finden sich die Aufnahmen aber auf einer der anderen beiden CDs?


Da ich eben nochmal eine schöne Doku über Glenn Gould von Bruno Monsaingeon (gezeigt auf Arte am 13.5.2006) gesehen habe, denke ich mir (mal wieder), dass es bedauerlich ist, dass sich Gould nie an Schostakowitschs Präludien und Fugen versucht hat. Hätte ja nicht allzu fern gelegen...

maticus :wink:
Mit der Avantgarde ist jetzt Schluß! --- Alfred Schnittke

16

Samstag, 25. Juli 2009, 22:39

Minimal Music / meditative Musik

Man liest manchmal, dass man das Op. 87 als Vorläufer der Musikrichtung Minimal Music sehen kann. Etwa schreibt Detlef Gojowy in seiner Rowohlt Bildmonographie über Schostakowitsch:

Zitat

Schostakowitsch schrieb mit diesen 24 Präludien und Fugen eine eigene Spielart "meditativer Musik". [...] wurde er in diesen 24 Präludien und Fugen zum Vorläufer einer Musikrichtung, die 25 Jahre später als "Minimal music" und "meditative Musik" neue kompositorische Aktualität erlangen sollte -- einer Musik, in der sich die Intensität serieller Konzentration plötzlich im "Raum" auflöste, in musikalischer "Zurücknahme", in der Beschränkung auf wenige Töne und Motive, in der beschwörenden Kraft von Wiederholungen, die ihre Entwicklung in seismographischen Veränderungen finden. (Als stilles Vorbild der amerikanischen wie der russischen Spielart läßt sich Erik Satie vorstellen, der hier wie da -- über Komponisten wie Lourie und John Cage -- auf die Neue Musik von großer Nachwirkung war.)


Eine gewisse Affinität zu Klavierstücken von Erik Satie kann ich schon teilweise erkennen. Aber wie steht es mit Minimal Music? Da kenne ich mich überhaupt nicht aus. Können die Experten dieser Musikrichtung der zitierten Aussage zustimmen? Hat Schostakowitsch sogar einen gewissen Einfluss auf Minimal Music gehabt, oder wäre das übertrieben ausgedrückt?

maticus :wink:
Mit der Avantgarde ist jetzt Schluß! --- Alfred Schnittke

17

Sonntag, 26. Juli 2009, 03:22

Eine gewisse Affinität zu Klavierstücken von Erik Satie kann ich schon teilweise erkennen. Aber wie steht es mit Minimal Music? Da kenne ich mich überhaupt nicht aus. Können die Experten dieser Musikrichtung der zitierten Aussage zustimmen? Hat Schostakowitsch sogar einen gewissen Einfluss auf Minimal Music gehabt, oder wäre das übertrieben ausgedrückt?
Die rororo-Bildmonographie von Gojowy habe ich mir auch vor kurzer Zeit besorgt und bin ebenso wie du über diese Stelle gestolpert und habe mich sehr gewundert. Godowoy scheint die Minimal Music (MM) nicht wirklich zu kennen. Die MM zeichnet sich durch Festhalten an der Tonalität, durch Repetition und unmerkliche Veränderung einfacher harmonischer und melodischer Pattern sowie durch eine fast parallele Stimmführung aus, die sehr interessante rhythmische Effekte ergibt.

Schostakowitsch ist natürlich ebenso wenig MM wie Satie; den sparsamen Einsatz von musikalischen Mitteln und die dadurch erzeugte Einfachheit kann man zwar "minimalistisch" nennen, aber das macht noch keine Minimal Music. Hingegen sind Satie und Schostakowitschs Präludien und Fugen sehr meditativ, aber genau dieser Grundzug geht der MM wiederum ab, die etwa bei Reich äußerst aggressiv klingen kann und den Hörer eher in eine Trancestimmung versetzt, am stärksten bei Philipp Glass.

Grüße,
Jürgen
--

"Wo die Beziehung zu unseren heutigen Ohren, Nerven, Erfahrungen und Lebensbedingungen verlorengeht, wird Interpretation zur Flucht in die Vergangenheit."
Alfred Brendel

"Music is a fish defrosted with a Hair-Dryer." Maisie

18

Dienstag, 25. August 2009, 14:23

Ein kleiner aktueller Tipp: Bei jpc gibt es die Jarrett-Aufnahme, wie viele andere ECM-Produkte, z. Z. im Sonderangebot (ca. halber Preis).

maticus :wink:
Mit der Avantgarde ist jetzt Schluß! --- Alfred Schnittke

Caesar73

Weltenbummler

  • »Caesar73« ist männlich

Beiträge: 5 668

Wohnort: Südliche Weinstraße - um die Ecke links

  • Nachricht senden

19

Freitag, 4. September 2009, 15:30

Wie ich gerade in den PianoNews gelesen habe, gibt es eine weitere neue Aufnahme von op. 87:

Eingespielt hat sie der Pianist David Jalbert:



Persönlich sagt mir der Name nichts, aber die Besprechung war positiv. Kennt jemand die Aufnahme schon?

Im Moment scheint sich op. 87 unter den Pianisten großer Beliebtheit zu erfreuen ;+)


Herzliche Grüße, :wink: :wink:

Christian
Rem tene- verba sequentur - Beherrsche die Sache, die Worte werden folgen

Cato der Ältere

20

Freitag, 4. September 2009, 22:32

Hallo zusammen,

da findet die Keith Jarrett Aufnahme doch einige Fürsprecher hier.
Tja, kann ich nur anmerken, dass die mir gar nicht gefiel und ich sie bereits wieder verkauft habe, da mir die Konstantin Scherbakov Aufnahme viel besser gefällt.

So unterschiedlich können die Geschmäcker sein...
Mir klingt Jarrett zu schwammig und zu gleichförmig und er trifft mir an den Stellen, wo doch etwas der tpische Schostakowitsch-"Humor" durchkommt, den passenden Tonfall gar nicht.

Und trotz des momentanen Angebotes bei der Jarrett-Aufnahme ist der Scherbakov immer noch preiswerter...
Ich kann nur für Scherbakov werben!
Oder einfach beide Aufnahmen kaufen und selbst vergleichen! ;+)

Aber erfreulich hier zu lesen, wie viele verschiedene Aufnahmen des Werkes es inzwischen gibt.

Viele Grüße
Frank

From harmony, from heavenly harmony
this universal frame began.

21

Samstag, 5. September 2009, 02:40

Hallo Frank,

genau so ging es mir auch mit der Jarrett-Aufnahme.

:wink:
Nur weil etwas viel Arbeit war und Schweiß gekostet hat, ist es nicht besser oder wichtiger als etwas, das Spaß gemacht hat. (Helge Schneider)

Caesar73

Weltenbummler

  • »Caesar73« ist männlich

Beiträge: 5 668

Wohnort: Südliche Weinstraße - um die Ecke links

  • Nachricht senden

22

Sonntag, 6. Juni 2010, 21:10

Eine willkommene Gelegenheit, diesen Thread wieder einmal aus der Versenkung zu holen, ist eine neue Einspielung der 24 Präludien und Fugen:



Vorgelegt hat sie der russische Pianist Alexander Melnikov, erschienen ist die Aufnahme bei Harmonia Mundi. Ich besitze die Aufnahme, habe sie aber noch nicht hören können, aber vielleicht jemand von Euch? Melnikov hat schon einige Aufnahmen bei Harmonia Mundi veröffentlicht, zuletzt die Beethoven-Sonaten für Violine und Klavier. Daneben noch ein Brahms-Album.

:wink: :wink:

Christian
Rem tene- verba sequentur - Beherrsche die Sache, die Worte werden folgen

Cato der Ältere

23

Montag, 7. Juni 2010, 10:33

RE: Scherbakow mit op.87

Ich habe auch als einzige Aufnahme die Naxos-CD mit Konstantin Scherbakow, mit der ich zufrieden bin.

8+) Und zufrieden sein kann, wie die erfolgten Kritiken hier mitlerweile belegen.

Allerdings war ich vom meditativen, ruhigen Charakter des Werkes insgesamt etwas enttäuscht. Ich hatte mir mehr "größere Pranke" für Schostakowitsch erwartet. ;( Der Beitrag von maticus 5/2009 belegt gar eine "Satie-Nähe" für die 24 Präludien und Fugen. Satie, ein Komponist mit dem ich ohnehin auf Kriegsfuß stehe/genau wie mit Minimal Music - für mich beides "Langweiler der ersten Klasse".

Zitat


Favoriten von maticus:

Meine momentanen Favoriten sind die Nummern (besonders fett)

1, 4, 5, 9, 10, 13, 14, 15, 16, 17, 18, 20, 21, 24,

aber es gibt (inzwischen) keine, die ich überhaupt nicht mag.

Hallo maticus,

Deine Favoritennummern werde ich mal eingehend hörend überprüfen.
______________

Gruß aus Bonn

Wolfgang

music lover

Liebt Klassik in historischen Aufnahmen. Und liebt Jazz.

  • »music lover« ist männlich

Beiträge: 1 981

Wohnort: Hamburg

  • Nachricht senden

24

Dienstag, 1. November 2011, 02:43

Ein seit Juni 2009 bestehender Capriccio-Thread über op. 87 erwähnt alle möglichen Aufnahmen, z.B. von Konstantin Scherbakow, Mûza Rubackyté, Marios Papadopoulos, Caroline Weichert, Jenny Lin, David Jalbert und Alexander Melnikov, aber nimmt die wirklich großen Aufnahmen von Präludien und Fugen aus op. 87, die Kenner weltweit hymnisch rühmen, die Kultstatus besitzen, überhaupt nicht zur Kenntnis? Ich frage mich wirklich manchmal, woran so etwas liegen könnte. Aber ich bin mir sicher, dass irgendeine Philosophie schon dahinterstecken wird. Und während ich mich wundere, lege ich mir die vier Präludien und Fugen auf, die Tatjana Nikolajewa am 18. August 1987 in Salzburg spielte (sie hat - zu meiner Beruhigung - hier immerhin Erwähnung gefunden)

Und danach vertiefe ich mich in die grandiosen Aufnahmen zweier Klavier-Titanen, die op. 87 wie niemand sonst auf der Welt im Konzertsaal interpretiert haben (bei einem der beiden saß ich mal glückerfüllt in der ersten Reihe des Saals, als dies passierte - wenige Reihen hinter mir saß übrigens der andächtig lauschende Leonard Bernstein -), von denen es auch viele Mitschnitte dieser Interpretationen gibt. Die genieße ich einfach mal im Stillen. Ohne zu verraten, wen ich meine. Ihr könnt mir dann ja in den nächsten Tagen entgegenschleudern, dass Mûza Rubackyté, Marios Papadopoulos und alle anderen doch auch ganz, ganz tolle op. 87-Interpreten seien und dass ich von großen Namen verblendet sei. Bitte schön - gerne schön. Suum cuique.
_____________________________________________________________________________________________________
Information ist nicht Wissen, Wissen ist nicht Weisheit, Weisheit ist nicht Wahrheit, Wahrheit ist nicht Schönheit, Schönheit ist nicht Liebe, Liebe ist nicht Musik. Musik ist das Beste.
(Frank Zappa)

25

Dienstag, 1. November 2011, 12:46

Ein seit Juni 2009 bestehender Capriccio-Thread über op. 87 erwähnt alle möglichen Aufnahmen,(...) aber nimmt die wirklich großen Aufnahmen von Präludien und Fugen aus op. 87, die Kenner weltweit hymnisch rühmen, die Kultstatus besitzen, überhaupt nicht zur Kenntnis? Ich frage mich wirklich manchmal, woran so etwas liegen könnte.
Ist doch ganz einfach: Hier gibt es eben keine "Kenner", die den "Kultstatus" dieser Aufnahmen zu würdigen wissen. Außer Dir natürlich. Du hebst Dich ja derartig von dem gemeinen Volk hier ab, dass Du Dich zu Recht nicht einmal dazu herablässt, zu verraten, um welche Aufnahmen es eigentlich geht. Von einer Begründung, was diese im Gegensatz zu allen anderen zu "wirklich großen Aufnahmen" macht, mal ganz abgesehen. Mit so etwas gibt sich ja bekanntlich kein wahrer Kenner ab.

Schwer beeindruckt,

Christian

Caesar73

Weltenbummler

  • »Caesar73« ist männlich

Beiträge: 5 668

Wohnort: Südliche Weinstraße - um die Ecke links

  • Nachricht senden

26

Dienstag, 1. November 2011, 12:52


Und danach vertiefe ich mich in die grandiosen Aufnahmen zweier Klavier-Titanen, die op. 87 wie niemand sonst auf der Welt im Konzertsaal interpretiert haben (bei einem der beiden saß ich mal glückerfüllt in der ersten Reihe des Saals, als dies passierte - wenige Reihen hinter mir saß übrigens der andächtig lauschende Leonard Bernstein -), von denen es auch viele Mitschnitte dieser Interpretationen gibt. Die genieße ich einfach mal im Stillen. Ohne zu verraten, wen ich meine. Ihr könnt mir dann ja in den nächsten Tagen entgegenschleudern, dass Mûza Rubackyté, Marios Papadopoulos und alle anderen doch auch ganz, ganz tolle op. 87-Interpreten seien und dass ich von großen Namen verblendet sei. Bitte schön - gerne schön. Suum cuique.


Schade, dass Du Dich ausschweigst ;+)

Es würde mich durchaus interessieren, wen Du meinst, gerade weil ich auf diesem Sektor nicht so gut zu Hause bin, wie anderswo. Also nur zu. Butter bei die Fische ;+)

:wink: :wink:

Christian
Rem tene- verba sequentur - Beherrsche die Sache, die Worte werden folgen

Cato der Ältere

27

Dienstag, 1. November 2011, 14:52

General Lavine hat oben Nikolajewa ausführlich erwähnt, inklusive Live-Erlebnis.
Aber warum einen thread lesen, wenn man stattdessen auch eine Verschwörungstheorie oder "Philosophie" wittern kann, aufgrund derer die "maßgeblichen" Aufnahmen (warum sind die eigentlich maßgeblich? und Scherbakow &c nicht. Eine Begründung, abgesehen vom andächtig lauschenden Lennie, wäre ja vielleicht eher Motivation für andere Hörer als so ein absurdes Persönlichnehmen der Abwesenheit bestimmter "Referenzen") nicht genannt werden.

Die aufgrund der schwer nachvollziehbaren Indigniertheit gar nicht explizit genannten, sondern vom geneigten Leser als Hausaufgabe herauszufindenden Einspielungen sind vermutlich die von Gott Swjatoslaw Richter, der nicht den ganzen Zyklus gespielt hat.
There are nine objections to your view. Of course there are; any interesting philosophical view faces at least nine objections.
W. G. Lycan

28

Dienstag, 1. November 2011, 20:19

Wenn der Music-Lover vom Titanen raunt, wissen wir doch, wer gemeint ist. Als kleines Trösterchen für den enttäuschten Fan klaube ich mal zusammen, was ich dereinst über diese Philips-Doppel-CD in einem anderen Forum geschrieben habe (mit minimalen Veränderungen):



Dann und wann höre ich die Präludien und Fugen ganz gern. Allerdings höre ich sie nur selten hintereinander weg. Sie sind nach meinem Empfinden dafür zu wenig zusammengehörig. Die oben abgebildete Aufnahme von Schwerbakow besitze ich ebenfalls. Auch ich halte sie für gut und empfehle sie gern. Allerdings ist das Bessere des Guten Feind. Und das Bessere ist eindeutig Richter in der oben abgebildeten Aufnahme. Es handelt sich um keine Gesamtaufnahme. Richter hat keine gemacht. Er hat jedoch diverse Stücke aus op. 87 eingespielt. Immerhin befinden sich von ihnen rund 40 Minuten auf dieser Doppel-CD (die, bevor sie 2007 wieder erschien, nur früher nur für viel Geld gebraucht erhältlich war).

Wie unterscheiden sich nun Scherbakow und Richter? Der größte Unterschied dürfte in dem Ausmaß der Gestaltung liegen. Scherbakow, so ist mein Eindruck, ohne im Besitz der Noten zu sein, gestaltet so gut wie nicht. Damit meine ich, er spielt die Noten - welche er vollkommen beherrscht -, nicht mehr. Scherbakow ist nach meinem Eindruck überdies stärker an der Motorik als an den Klangfarben interessiert. Rhythmisch, das Urteil erlaube ich mir, halte ich ihn sogar für stärker als Richter. Bei Richter tritt die Motorik in den Hintergrund, teils wirkt besonders das Spiel der linken Hand im Vergleich zu Scherbakow etwas unstet. Nur geht es Richter offenbar gar nicht um einen möglichst exakten Vortrag der Noten, also z.B. um ein über längere Zeit möglichst gleichförmiges Spiel der linken Hand. Ganz im Gegenteil ist Richter nach meinem Eindruck daran interessiert, nicht nur die Noten zu spielen, sondern diese, teils unter Verwendung großer Eigenmächtigkeiten, möglichst interessant zu gestalten. Er holt aus den Noten ein Mehr hinaus, das Scherbakow nicht herausholen wollte. Ein Crescendo ist bei Scherbakow ein bloßes Ansteigen der Lautstärke, bei Richter hingegen ein fast schon magisches machtvolles Anschwellen. Der Klangkosmos, in dem Richter sich bewegt, ist ungeheuerlich. Einzelne hohe Töne der rechten Hand, die bei Scherbakow keine besondere Beachtung finden, versteht Richter derart in den Mittelpunkt zu rücken, dass sie auf eine Weise funkelnd leuchten, die ich nur mit beseelt zu beschreiben weiß. Richter ist im Vergleich zu Scherbakow, insbesondere aufgrund der Anschlagsvielfalt der rechten Hand, ein Zauberer, ein Magier der Klänge. Würde ein Komponist sein Werk von Scherbakow und Richter gespielt hören, würde er bei Scherbakow zufrieden äußern: "Ja, das ist wirklich gut gespielt." Bei Richter hingegen würde er staunen, weil er nicht geahnt hat, was alles in seiner Komposition steckt, und er würde sich ungläubig - und insgeheim bewundernd - selbst fragen: "Das habe ich komponiert?" Der Klang der Richter-Aufnahme ist übrigens trotz ständigen Hintergrund-Rauschens befriedigend bis gut.

Von Tatiana Nikolaeva kenne ich keine Aufnahme.

Viele Grüße
Thomas

music lover

Liebt Klassik in historischen Aufnahmen. Und liebt Jazz.

  • »music lover« ist männlich

Beiträge: 1 981

Wohnort: Hamburg

  • Nachricht senden

29

Dienstag, 1. November 2011, 23:58

Wenn der Music-Lover vom Titanen raunt, wissen wir doch, wer gemeint ist.
l-l l-l l-l l-l , lieber Thomas!

Schön, dass es mir gelungen ist, diesen seit 1 1/2 Jahren eingeschlafenen Thread über ein hochinteressantes Thema durch ein - erkennbar ironisches - Posting wieder zum Leben zu erwecken! Und dann bekomme ich noch so herrlich aufgebrachte Postings wie #25 und #27 zu lesen. Wunderbar :klatsch:

Und jetzt zum allein Wichtigen: zur Musik. Die Meinungsführerschaft von Tatjana Nikolajewa in Sachen op. 87 anzuzweifeln, wäre aberwitzig. Sie war praktisch op. 87, ist sogar inmitten einer öffentlichen Aufführung dieses Werks gestorben. Sie hat sich wie kein anderer für dieses ihr gewidmete und von ihr am 23. und 28. Dezember 1952 in Leningrad uraufgeführte Werk eingesetzt, hat es immer wieder auf ihre Programme genommen, z.B. in Salzburg

Du glaubst gar nicht, lieber Lavine, wie ich Dich um Dein Live-Erlebnis mit ihr in Köln beneide! So etwas Tolles war mir leider zu Lebzeiten von Tatjana Nikolajewa nicht vergönnt.

Ihre Gesamtaufnahmen des Zyklus'


sollten m.E. stets Ausgangspunkt einer Befassung mit diesem Werk sein. Aber jenseits von Nikolajewa gibt es natürlich noch weitere absolut herausragende Schostakowitsch-Interpreten, die op. 87 nicht zyklisch im Konzertsaal gespielt haben, mit ihren Auszügen aus op. 87 aber vielleicht sogar mehr für die Durchsetzung des Werks getan haben als die "Enzyklopädisten". Meine beiden Lieblingsinterpreten des Werks jenseits der Widmungsträgerin sind - was in der Tat niemanden verwundern dürfte - Emil Gilels und Swjatoslaw Richter. Richter habe ich am 4. Juli 1988 in Lübeck live im Konzertsaal mit den Präludien und Fugen Nr. 19 und 20 gehört: das war jener sagenhafte Klavierabend, dessen Liszt-Teil auf dieser RCA-CD

veröffentlicht wurde, während der Schostakowitsch-Teil leider in den einschlägigen Diskografien immer noch als bisher unveröffentlicht verzeichnet ist.

Was ist greifbar von Richter und Gilels? Eine Menge. Insbesondere im Falle von Richter, der immer wieder Auszüge aus op. 87 auf seine Konzertprogramme setzte. Bei Gilels ist die Ausbeute hingegen nicht so intensiv. Von ihm gibt es nur die Präludien und Fugen Nr. 1, 5 und 24. Aber in welch(!!!) atemberaubenden Interpretationen :juhu: :juhu: :juhu: Zu nennen sind die Live-Aufnahmen vom 26. Februar 1954 aus Paris, die Studio-Aufnahmen vom 5. und 22. März 1954 aus Paris sowie die Moskauer und New Yorker Mitschnitte von 1955. Empfehlenswerte Bezugsquellen für alle drei von Gilels gespielten Präludien und Fugen sind diese CDs


Von Richter gibt es weitaus mehr: nämlich die Präludien und Fugen Nr. 2, 3, 4, 6, 7, 8, 12, 14, 15, 17, 18, 19, 20, 21, 22 und 23. Also immerhin 16 (!) von 24 Präludien und Fugen. Welche Aufnahmen sollte man von ihm besitzen?
Ich als Fan sage natürlich: alle :hide:
Aber wer kein expliziter Richter-Komplettist ist, sollte vielleicht mal mit dieser grandiosen Philips-Veröffentlichung mit hohem Kultstatus beginnen (ärgerlicherweise nie als CD erschienen, aber immerhin nach wie vor als LP erhältlich)

und sich dann Schritt für Schritt durch die zahlreichen Live-Mitschnitte durcharbeiten, die es allenthalben zu kaufen gibt. Außer der bereits von Thomas in Posting #28 verlinkten (sehr schönen) CD möchte ich z.B. diese hier erwähnen

Glückseligkeit ist garantiert :juhu: :juhu: :juhu: :juhu: :juhu:

P.S.: Bemerkenswerterweise kommen sich Richter und Gilels auch bei diesem Werk wieder mal nicht in die Quere. Die drei Präludien und Fugen, die Gilels in seinem Repertoire hatte, hat Richter ausgelassen. Ein direkter Interpretationsvergleich Richter - Gilels ist also wieder mal - wie so oft - nicht möglich.
_____________________________________________________________________________________________________
Information ist nicht Wissen, Wissen ist nicht Weisheit, Weisheit ist nicht Wahrheit, Wahrheit ist nicht Schönheit, Schönheit ist nicht Liebe, Liebe ist nicht Musik. Musik ist das Beste.
(Frank Zappa)

30

Mittwoch, 2. November 2011, 08:35

Die Meinungsführerschaft von Tatjana Nikolajewa in Sachen op. 87 anzuzweifeln, wäre aberwitzig. Sie (...) ist sogar inmitten einer öffentlichen Aufführung dieses Werks gestorben.
Das macht sie natürlich zur ultimativen Expertin. Wenigstens wissen wir jetzt, nach welchen Kriterien Du urteilst, danke. Leider schweigst Du Dich zu den Eigenschaften der von Dir empfohlenen Einspielungen weiter aus. Ach nein: "kultig" sind sie. Na dann....
Ihre Gesamtaufnahmen des Zyklus' sollten m.E. stets Ausgangspunkt einer Befassung mit diesem Werk sein.
Interessante These. Ich war bisher eigentlich der Meinung, dass der Notentext auch eine ganz brauchbare Basis für die Auseinandersetzung mit einer Komposition sein könnte.

Viele Grüße,

Christian

31

Mittwoch, 2. November 2011, 13:56

wikipedia meint ferner, dass sie nicht während der Aufführung des Werkes verstorben ist sondern erst Tage später in Folge einer während des Konzerts erlittenen Hirnblutung.

music lover

Liebt Klassik in historischen Aufnahmen. Und liebt Jazz.

  • »music lover« ist männlich

Beiträge: 1 981

Wohnort: Hamburg

  • Nachricht senden

32

Mittwoch, 2. November 2011, 16:44

@Milton

Das Werk stand auch 1993 auf dem Programm ihres Konzerts in San Francisco, bei dem sie ein tödlicher Gehirnschlag ereilte.
Genauso wie Lavine das oben in Posting #10 geschrieben hat, hatte ich das auch in Erinnerung. So habe ich es in einem CD-Booklet gelesen und so steht es auch auf der Homepage ihrer Schallplattenfirma:

Zitat

Tatiana Nikolayeva died whilst playing the Shostakovich Preludes and Fugues at a public concert in San Francisco on 13 November 1993.
Quelle: "http://www.hyperion-records.co.uk/a.asp?a=A1004&name=nikolayeva"

Du hast aber möglicherweise Recht: Auf der Tatjana Nikolajewa-Homepage ist ein Artikel aus "The Independent" eingestellt, in welchem es heißt:

Zitat

The Opus 87 set became one of the most important works in Nikolayeva's repertoire, taking up a whole recital programme. Indeed, it was while she was performing the big B flat minor fugue at the Herbst Theater in San Francisco on 13 November that she suffered a massive brain haemorrhage and soon lapsed into a coma.
Quelle: "http://www.tatiana-nikolayeva.info"

Fest steht also, dass sie am Tag des Konzerts ins Koma gefallen ist. Möglicherweise - insoweit findet man unterschiedliche Angaben - ist sie aber nicht am Tag des Konzerts gestorben, sondern etwas später. Wiki meint hierzu:

Zitat

On November 13, 1993, while playing the Shostakovich Preludes and Fugues at a concert in San Francisco, Nikolayeva was stricken by a cerebral haemorrhage and was unable to complete the performance. She died nine days later, on November 22. (Some sources say she died on November 13, but this is incorrect.)
Quelle: "http://en.wikipedia.org/wiki/Tatiana_Nikolayeva"

Beim Recherchieren dieser Frage bin ich übrigens auf einen hochinteressanten Artikel gestoßen, der ebenfalls auf der Tatjana Nikolajewa-Homepage eingestellt ist und die 24 Präludien und Fugen op. 87 behandelt. Dort werden auch die vorhandenen Aufnahmen kritisch gewürdigt, und zwar mit dem Ergebnis:

Zitat

Nikolayeva, Richter and Melnikov are the pianists who allow us to glimpse into the music's history and soul. Who have the ears to hear its 'secret songs'.
Von den neueren Einspielungen wird diejenige von Alexander Melnikov sehr gelobt. Der Autor meint, dass sie mit den maßstabsetzenden Interpretationen durch Nikolajewa und Richter mithalten kann:

Zitat

Here, at last, is a vision of Shostakovich's magnificent work that can stand next to those of Nikolayeva and Richter.
Quelle: "http://www.tatiana-nikolayeva.info"
_____________________________________________________________________________________________________
Information ist nicht Wissen, Wissen ist nicht Weisheit, Weisheit ist nicht Wahrheit, Wahrheit ist nicht Schönheit, Schönheit ist nicht Liebe, Liebe ist nicht Musik. Musik ist das Beste.
(Frank Zappa)

33

Montag, 7. November 2011, 00:30

Ein paar Worte noch zu der schon mehrfach erwähnten Tatjana Nikolayeva:

Sie hat DS durch ihren fabulösen Umgang mit dem WTK bei einem Klavierwettbewerb in Leipzig (DS saß damals in der Jury) überhaupt erst auf die Idee gebracht, Präludien und Fugen zu komponieren. Sie arbeitete lange Zeit eng mit Schostakowitsch zusammen. Sie ist die Widmungsträgerin (wie Nocturnus bereits erwähnte). Sie hat das op. 87 außerordentlich häufig in ihre Konzertprogramme aufgenommen. Das Werk stand auch 1993 auf dem Programm ihres Konzerts in San Francisco, bei dem sie ein tödlicher Gehirnschlag ereilte. Es gibt von ihr eine Hyperion-Einspielung von 1990 und eine (schönere) bei Melodiya, vermutlich aus den 60ern.


Wer den Kostenaufwand zur Anschaffung der älteren Nikolayeva-Aufnahme auf CD scheut, kann sich (sofern noch nicht geschehen) auf dem Streaming-Portal Simfy kostenlos registrieren und diese Aufnahme des op. 87 vollständig anhören.





Alternativ bietet Simfy auch Jenny Lin und David Jalbert an.

Es ist wohl auch eine DVD im Handel, die Frau Nikolayeva nach 1990 bei der Wiedergabe des Werkes und in mehreren Interviews zeigt; ich kenne sie jedoch bislang nicht.

Cheers,

Lavine :wink:
.
Mitunter kann schon ein einziger Buchstabendreher den gesamten Text urinieren

34

Montag, 7. November 2011, 02:03

Hallo maticus,

Deine Favoritennummern werde ich mal eingehend hörend überprüfen.


Hallo Wolfgang,

jetzt interessiert mich aber doch dein Ergebnis. Zeit genug hattest du ja. :D

:wink: maticus
Mit der Avantgarde ist jetzt Schluß! --- Alfred Schnittke

Lionel

Akkordhörer

  • »Lionel« ist männlich

Beiträge: 1 729

Wohnort: Irgendwo in Hessen

  • Nachricht senden

35

Dienstag, 22. November 2011, 23:37

Heute hörte ich zum ersten Mal die Aufnahme von Jenny Lin:



Bis dahin kannte ich nur die Aufnahme von Keith Jarrett mit der ich lange sehr zufrieden war und das auch durchaus weiterhin bin. Allerdings finde ich Jenny Lin`s Aufnahme doch irgendwie packender, weil ich den Eindruck habe, dass sie die Extreme, die in diesem Werk stecken, besser auszureizt. Die gefühlvollen, verträumten fast meditativen Passagen finde ich grandios und die schnellen, virtuosen und ironischen Stellen spielt sie sehr kraftvoll. Meiner Meinung nach ist das eine sehr gelungene Aufnahme.

Lionel
"Musik ist für mich ein schönes Mosaik, das Gott zusammengestellt hat. Er nimmt alle Stücke in die Hand, wirft sie auf die Welt, und wir müssen das Bild zusammensetzen." (Jean Sibelius)

Succubus

Prinzessin Vogelfrei

  • »Succubus« ist weiblich

Beiträge: 1 927

Wohnort: in dem wogenden Schwall, in dem tönenden Schall

  • Nachricht senden

36

Dienstag, 12. Februar 2013, 12:22

Von diesem Werk besitze ich die Einspielung in der Schostakowitsch selbst in die Tasten greift :



Das hat weniger damit zu tun, dass ich meine er könnte sein Werk am besten geben (sowas meine ich nicht), sondern schlicht damit, dass die CD mal i-wo im Angebot war und mich die Klaviermusik von Schosti immer schon interessiert hatte.
Zu Schostakowitschs Spiel kann ich nichts sagen, da ich da wenig Ahnung und auch kaum Vergleich habe, aber die Werke als solches gefallen mir.
Besonders No. 5 in D-dur und No. 23 in F-dur begeistern mich sehr.
"Allwissende! Urweltweise!
Erda! Erda! Ewiges Weib!"

37

Dienstag, 12. Februar 2013, 22:23

DS himself

Im Hotelzimmer sitzend mit jederzeit wieder ausfallendem WLAN.
DS hat jede Menge der Preludien und Fugen eingespielt. Es fehlen ca. 5 Stück, wenn ich mich erinnere. Es gab sie mal unter dem Label Russian Revelation.
Sehr empfehlenswert. Ha gefunden!!


Richter ist immer empfehlenswert.
Tatjana Nikolajewa (Hyperion, die mit dem Pferd) finde ich, ehrlich gesagt, etwas hausbacken, verglichen mit dem schlichten DS oder dem sehr empfindamen Richter.
Eine sehr interessante Aufnahme, äußerst umstritten übrigens, stammt von Keith Jarrett. Hab sie mal gehabt und einem Jarret Fan geschenkt. Doch der wurde kein DS Fan. Seltsam?!
So, das zum Tagesausklang.

Gruß aus Wels im Östrogenreich.
Doc
W.C. Fields: "Habe ich hier gestern 20Dollar versoffen?" "Ja" "Oh danke, ich dachte schon, ich hätte das Geld verloren"

38

Dienstag, 12. Februar 2013, 22:51

In dem Kontext sollte nochmal auf die Doppel-CD aus Beitrag #1 hingewiesen werden: Schostakowitsch spielt 16 seiner Präludien und Fugen (ca. 1951) und dabei, zusammen mit Weinberg, die kongeniale Einspielung der 10. Sinfonie in der Fassung für Klavier für 4 Hände.

(Allerdings ist mir nicht klar, ob die Doppel-CD noch erhältlich ist.)

maticus
Mit der Avantgarde ist jetzt Schluß! --- Alfred Schnittke

39

Donnerstag, 14. Februar 2013, 10:54

War es anders als wir es heute empfinden?

Hallo,
im Internet ist eine Doktor Arbeit zu finden (kein Plagiat)

Zitat

Dmitry Shostakovich's Twenty-Four Preludes and Fugues op. 87: An Analysis and Critical Evaluation of the Printed Edition Based on the Composer's Recorded Performance
Denis V. Plutalov University of Nebraska at Lincoln, dplutalov@gmail.com

Hier geht der Verfasser von den von mir oben genannten Einspielungen der 18 Preludien und Fugen
(Ich schreib mal bei Plutalov ab:
1951 December 6, Moscow Preludes and Fugues op. 87: nos. 1, 3, 5 and 23
1952 February 5, Moscow Preludes and Fugues op. 87: nos. 2, 4, 12, 13, 20 and 24.
February 14, Moscow Preludes and Fugues from op. 87: nos. 6, 7, 8, 14, 16 and 22. 17 und 18 um 1956!) aus, indem er die Partituren des op. 87 aus den Originalschriften um die aus den Aufnahmen hörbaren dynamischen Vorschriften, Pedalbehandlungen, Tempi etc. ergänzte und so zu einem ziemlich anderem Bild als die Nikolayeva kommt.
Der Autor meint sogar, dass DS die Aufnahmen ab Dez. 1951 wesentlich zu dem Zweck eingespielt hat, um seine Auffassung der Preludien und Fugen zu verdeutlichen. Nikolayeva hatte übernommen, das Werk vor der Öffentlichkeit zu spielen, nachdem DS selbst zweimal vor geladenen Gästen vor Nervosität (Nikolayeva war Notenumblätterein da) versagte und ihr die Uraufführung 1 Jahr später überlies. Bei den Proben soll es zu erheblichen Spannungen zwischen den beiden gekommen sein.
Zitat aus der Arbeit von Plutalov

Zitat

SHOSTAKOVICH: Tatyana Petrovna, you are playing my pieces in a wrong way!
NIKOLAYEVA: Come on, Dmitri Dmitrievich, you don‘t understand a thing in
piano playing!55

55 Prof. Maria Gambarian in a private conversation with the author, December 1996. On the other side,
Shostakovich was absolutely delighted with Maria Yudina‘s rendering of his


Auf jeden Fall, so der Autor, sollte das heutige Bild von op.87 eher an den Aufnahmen von Schostakowitsch aus den frühen 50igern gemessen werden (die von September 1958 leiden zu sehr unter seinem Handicap mit der rechten Hand, er hat danach auch komplett alle Solokonzerte gestrichen) als an Tatjana Nikolayeva, die ein verfälschtes und zu romantisches Bild der Preludien und Fugen entworfen hat und mit Ihrer Persönlichkeit den Charakter dieser Musik verdeckt hat.
Und wenn man die Aufnahmen vergleicht: Der Unterschied ist erheblich. DS ist minimalistischer er nutzt weniger die Dynamik des Klaviers und viel mehr Pedal! Daher klingt vieles auch grau, neblig und trist traurig!
Aber auch irgendwie moderner, wenn er fast schon Klangcluster bildet.

Die Dr.-Arbeit kann man laden und sie ist recht leicht lesbar und sehr interessant.
Beste Grüße wieder aus Kiel
W.C. Fields: "Habe ich hier gestern 20Dollar versoffen?" "Ja" "Oh danke, ich dachte schon, ich hätte das Geld verloren"

40

Samstag, 11. Oktober 2014, 22:31

Ich möchte keinen neuen Thread aufmachen. Mengenmäßig ist die Klaviermusik von Schostakowitsch ja recht übersichtlich. Rein von der Länge her dürften die 24 Präludien und Fugen ja das Hauptwerk darstellen. Ich höre sie auch sehr oft und sehr gerne.

Die 2. Klaviersonate gefällt mir recht gut, besonders der Finalsatz. Was ich bis neulich garnicht auf meinem Schirm hatte, war die 1. Klaviersonate Op. 12 (1926). Da ich sie neulich im Konzert gehört habe, hatte ich sie als Vorbereitung ein paarmal auf yt gehört. Inzwischen gefällt sie mir besser als die Zweite. Die Werke sind extrem unterschiedlich. Die 1. Sonate ist einsätzig und knapp 15 Minuten kurz. Sie hat (soweit ich es empfnde) keine traditionelle Struktur, keine Wiederholungen etc. Sie ist extrem wild, dissonant, "modern". Ein riesiger Unterschied auch etwa zur 1. Sinfonie Op. 10. Stilistisch (nicht die Form) scheint sie mir in einer ähnlichen Liga wie Prokofjews Sonaten (ich kenne nur 6, 7, 8 aus den 40er Jahren).

Einspielungen von der 1. Sonate gibt es recht wenige. Die Naxos-Aufnahme mit Scherbakow (mit den 24 Präludien Op. 34) liegt schon lange, nur ein- oder zweimal gehört, bei mir rum. (Zu den 24. Präludien habe ich bisher noch keinen richtigen Zugang gefunden.) Die 1. Sonate darauf hatte ich garnicht wahrgenommen, erst neulich durch bewusstes Hören. Wesentlich besser gefällt mir die Aufnahme mit Lilya Zilberstein, aus dieser Sammlung:



(Die Aufnahme der 1. war früher bei DG erschienen.) Gut gefallen auch die Aphorismen Op. 13. Die 24 Präludien und Fugen, hier gespielt von Ashkenazy, hatte ich schon; nach wie vor gefällt mir hier Jarrett besser.

Die 1. Sonate habe ich (wie angedeutet) neulich live in der Frankfurter Oper (Mozartsaal) gehört. Ein Klavierabend mit Igor Levit. Im Vorgespräch beschrieb er, dass er beim Einstudieren (schon früher) sich bei keinem anderen Werk die Finger dermaßen wund gespielt habe, wie bei dieser Sonate. (Nebenbei, auch die Hammerklaviersonate Op. 106 von Beethoven hat mir ausgezeichnet gefallen an dem Abend. Es gab inkl. Zugabe noch drei Weitere längere Stücke.)

maticus
Mit der Avantgarde ist jetzt Schluß! --- Alfred Schnittke

Counter:

Hits pro Tag: 6 554,68 | Klicks pro Tag: 16 632,55