Debut Records soll das erste musikereigene US-Jazz-Label gewesen sein, das Mingus und Max Roach zusammen gründeten, um unabhängig, ohne etwa das Reinreden von Produzenten, man solle doch Standards aufnehmen, ihre Aufnahmen und die von jungen MusikerInnen, die sie fördern wollten, bei voller Kontrolle veröffentlichen zu können. Es entstand 1952, existierte bis 1957 und veröffentlichte Aufnahmen aus dem Zeitraum von 1951- 57. Jedoch bekamen sie die Vertriebsprobleme für ein unabhängiges Label nie ganz in den Griff. Immerhin entstand ein dänisches Schwesterlabel gleichen Namens für den europäischen Vertrieb, das den Debut-Katalog auch nach der Liquidation des amerikanischen Labels noch eine Zeit lang in Europa verfügbar hielt und sogar noch Sessions veröffentlichte, die in den Usa nicht mehr erscheinen konnten.
Anders als sich ihnen die Situation 1951 dargestellt hatte, hatten Mingus und Roach auch schon bald für ihre eigenen Veröffentlichungen diese eigene Label nicht mehr so nötig. Sie konnten bald ihre eigenen wichtigsten Veröffentlichungen der 50er auch bei etablierten, großen Labels platzieren und hatten genug Verhandlungsmacht gewonnen, sie auch ohne Reinreden von Produzenten weitgehend so zu veröffentlichen, wie sie das wollten. Mag sein, dass dazu, neben dem inzwischen erreichten Erfolg, auch beigetragen haben mag, ein eigenes Label in der Hinterhand zu haben.
Die oben gezeigte Debut-Box bringt nun viele, aber nicht alle Aufnahmen mit Mingus selbst. Schon gar nicht alle 26 LPs, davon aber 17 kleine "10-Inches-LPs + einige Singles und EPs, die auf dem amerikanischen Debut insgesamt erschienen. Dafür liefert sie Einiges an unveröffentlichtem Material meistens der selben veröffentlichten Sessions, aber auch sehr Rares, dass nur auf dem dänischen Label erschien oder noch gar nicht, wie Mingus Composition für den ersten Film von John Cassavetes
Shadows, die dann für den Film doch nicht verwendet wurde.
Ich mache den Anfang meiner Besprechung mit dem
Massey Hall Konzert, Toronto, am 15.5.1953.
Das geht hier aber zunächst los mit Max Roachs Solo-Komposition
Drum Conversation, das die Fähigkeit Roachs, allein, sehr unterhaltend und mit größtem Können, eine Art Song nur auf dem Schlagzeug zu "erzählen", sehr schön vorführt. Das setzt nicht nur sehr viel Intelligenz voraus, nicht nur mehr oder weniger diverse Schlagzeugtechniken und Klänge vorzuführen, sondern einen Song hörbar zu machen, das hat vor ihm so auch niemand gemacht und kaum jemand hat nach ihm das so gut gekonnt. Als Konzertauftakt muß das damals recht mutig gewesen sein. Es folgte im Konzert wie in der Box die Trioaufnahme mit Bud Powell, Mingus und Roach, die einzeln veröffentlicht wurde. Besonders schön hier die Fassungen von
Cherokee und
Lullaby of Birdland. Einzeln veröffentlicht so:
Hier findet man heute auch die
Drum Conversation, Mingus Solo-Performance
Bass-Icaliy Speaking aus der Massey Hall in der nachbearbeiteten Version und die 4 Tracks, die Mingus bei der Bearbeitung des Massey Hall Konzerts im Sommer 53 aufnahm, hinzugefügt, die nicht auf dem ursprünglichen Debut-Album waren.
Das weitere Konzert mit
Charlie Parker, Dizzy Gillespie, Bud Powell, Charles Mingus, Max Roach. gibt es, wie oben von Tharon abgebildet, in zwei Versionen, die beide in meiner Box enthalten sind.
Aber erst einmal zum großartigen Konzert selbst: Sie spielen die Bebop-Klassiker
Perdido, Salt Peanuts, Wee, A Night in Tunisia, All the Things You Are, Hot House und
52nd Street Theme. Das Zuspiel in den herausragenden Soli von Parker und Gillespie, sehr flexibel vom Trio begleitet, begeistert mich besonders. Aber auch Powell und Roach haben vorzügliche Soli, besonders gut von beiden in Gillespies humorvollem
Salt Peanuts. Besonders gerne mag ich auch ihre Fassung hier von
All the Things You Are, in der eine tolle Spannung entsteht, in dem die Bläser wunderschön die Melodielinie balladesk ausführen, Gillespie in seinem zweiten Solo auch mit gestopfter Trompete, während das Rhythmustrio die Rhythmen sehr häufig, stark variiert. Hier gibt es auch besonders schöne Soli von Powell und Mingus.
Weil im Originalmitschnitt der Bass am Anfang gar nicht, dann nur sehr leise zu hören ist, - auf einer guten Anlage läßt sich da mit Equilizer ein bisschen was machen, aber es bleibt dürftig, oft nur erahnbar - hat Mingus seinen Bass im Sommer des selben Jahres neu eingespielt und per Overdub hinzugefügt. Dabei hat er wohl auch seinen Bass noch etwas verfeinert, in der Art, wie er auf die anderen eingeht, während er ständig per schnellem Walking Bass für den treibenden Puls sorgt. Ich höre immer nur diese Version, aber ich bin auch Bassist.

Der Bass ist jetzt nicht gegenüber den Bläsern, aber gegenüber dem Klavier und Schlagzeug etwas zu laut und vordergründig. Das ist aber nicht ganz so schlimm, denn Mingus hat auch insgesamt die Tonqualität verbessern lassen und Powell und Roach in ihren Soli lautstärkemäßig nach Vorne hochgezogen, so dass einem hier nichts entgeht. Heute habe ich mal beide Versionen verglichen. Im unbearbeiteten Originalmitschnitt entgeht einem gerade in diesem tollen
All the Things You Are sehr viel vom Aufbau und der Spannung ohne Mingus Bass. Erst recht möchte ich seine grandiosen Soli hier und in
Hot House auch deutlich hören können. Besonders auch
A Night in Tunisia funktioniert ebenfalls gar nicht ohne diese tollen Basslinien, die immer sehr schön gegen das Schlagzeug gesetzt sind und viel zur rhythmischen Spannung dieses genialen Stücks beitragen.
Bei der Bearbeitung irgendwann im Sommer 1953 hat Mingus dann noch
Bass-Icaliy Speaking in 3 alternativen Takes und einen
Untitled Blues aufgenommen, die sich in der Box anschließen, aber inzwischen auch auf der Wiederveröffentlichung obiger Bud Powell-CD zu finden sind. Ebenso wie die ursprüngliche Live-Aufnahme im Trio mit Bud Powell aus der Massey Hall, wo die Bassspur hier aber auch bei dieser Session neu eingespielt wurde. Bei diesen alternativenTrioaufnahmen spielt Billy Taylor Piano, der Schlagzeuger ist unbekannt. In früheren Veröffentlichungen war Max Roach oder Art Taylor genannt, die aber beide abstritten, bei der Aufnahme dabei gewesen zu sein.
Mingus hübsches
Bass-Icaliy Speaking und der
Untitled Blues zeigt jetzt den Bass als das ganze Stück dominierende Solo- und Melodieinstrument, nur sparsam von Klavier und Schlagzeug begeitet. So etwas hatten erst relativ kurz vorher Jimmy Blanton und dann Ray Brown beide im Duo mit Duke Ellington zum ersten mal aufgenommen. Mingus schreibt hier mit
Bass-Icaliy Speaking aber eine komplexere Bebop-Ballade als Ausgangsmaterial für seine lange Improvisation, in der er noch raffinierter und stärker als seine Vorgänger die Melodielinie abwandelt und die letzten Takte sehr schön mit Bogenspiel schließt. Gutes Bogenspiel auf hörbarem Niveau hatte erst kurz vorher vor allem Paul Chambers in den Jazz eingebracht. Die 4 Versionen liefern 4 unterschiedliche Soli. Besonders die letzten Takte unterscheiden sich in der Länge und Güte des Gelingens des Spiels con arco. Ansonsten unterscheiden sich besonders die Betonungen, die unterschiedlich kräftig und anders versetzt werden. Mingus hat hier sein Solospiel gefunden. So sind das für Bassisten und alle, die sich für die Entwicklung des Bass im Jazz interessieren, eminent wichtige Aufnahmen.

Matthias