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81

Donnerstag, 20. Oktober 2011, 14:16

Liebe Renate, lieber Algabal,

danke für eure Korrektur.

:wink:

82

Donnerstag, 20. Oktober 2011, 15:07


Und bei aller berechtigten Kritik der Biologisierung aller möglicher Gebiete sehe ich nicht, warum die Hypothese, Singen sei älter als Sprechen bzw. der Aufweis der kognitiven und evolutionären Gemeinsamkeiten nun gleich in zwei Schritten zum Rassismus führen sollte (Unmusikalische als Untermenschen klassifizieren?).


Ja, genau, in zwei Schritten führt das in entsprechenden Kontexten ggf. zum Rassismus, vielleicht sogar in einem.

Nur mal so als Beispiele:

Zitat

So erzeugt jeder geistige Fortschritt eine Steigerung der Leistungsfähigkeit des materiellen Organs des Intellects, und diese wird durch Vererbung (im Durchschnitt) dauernder Besitz der Menschheit, - eine erklommene Stufe, welche das Weiteraufsteigen zur nächsten erleichtert. D.h. die Fortschritte des geistigen Besitzes der Menschheit gehen Hand in Hand mit der anthropologischen Entwickelung der Race, und stehen in Wechselwirkung mit derselben; jeder Fortschritt der einen Seite kommt der andern zu Gute; es muss also auch eine anthropologische Veredelung der Race, die aus andern Ursachen als aus geistigen Fortschritten entspringt, die intellectuelle Entwickelung fördern. Von letzterer Art ist z.B. die Veredelung der Race durch geschlechtliche Auswahl (Cap. B. II.), welche unaufhörlich ihre unbeachteten aber mächtigen Wirkungen übt, oder die Concurrenz der Racen und Nationen im Kampf um's Dasein, welcher sich unter den Menschen nach ebenso unerbittlichen Naturgesetzen vollzieht wie unter Thieren und Pflanzen. Keine Macht der Erde ist im Stande, die Ausrottung der inferioren Menschenracen, welche als stehen gebliebene Reste früherer, dereinst auch von uns durchgemachter Entwickelungsstufen bis heut fortvegetirt haben, aufzuhalten. So wenig dem Hunde, dem der Schwanz abgeschnitten werden soll, ein Gefallen damit geschieht, wenn man ihn allmählich Zoll für Zoll abschneidet, so wenig Menschlichkeit liegt darin, den Todeskampf der aussterbenden Wilden künstlich zu verlängern. Der wahre Philanthrop kann, wenn er das Naturgesetz der anthropologischen Entwickelung erst einmal begriffen hat, nicht umhin, eine Beschleunigung dieser letzten Zuckungen zu wünschen und auf dieselbe hinzuwirken. Eins der besten Mittel hierzu ist Unterstützung der Missionen, die (nach einer wahrhaft göttlichen Ironie des Unbewussten) mehr für diesen Naturzweck gethan haben, als alle directen Vernichtungsarbeiten der weissen Race gegen die Wilden.

Eduard von Hartmann: Philosophie des Unbewußten, Erster Teil: Phänomenologie des Unbewußten, Leipzig (11., erweiterte Auflage) 1904, S. 331.


Oder kurz und knapp:

Zitat

Diese Schwarzen haben vor Gott und Menschen den Tod verdient, nicht weil sie die zweihundert Farmer ermordet haben und gegen uns aufgestanden sind, sondern weil sie keine Häuser gebaut und keine Brunnen gegraben haben.

Gustav Frenssen: Peter Moors Fahrt nach Südwest. Ein Feldzugsbericht, Berlin 1906, S. 200.


Da geht’s jetzt tatsächlich nicht explizit um’s Singen oder Nicht-Singen, das ist schon klar. Dass aber aus der Setzung bestimmter kultureller Praktiken als menschlich weitreichende Schlüsse auf Wertigkeiten hinsichtlich des »Mensch-Seins« gezogen werden, darüber werden wir jetzt nicht streiten wollen, oder?


Sorry, ich sehe die Gemeinsamkeit zum Ursprung von Gesang und Sprache nicht. Da geht es um einen Schritt (oder eine Phase oder was immer) in der "Menschwerdung", der stattgefunden haben muss, denn wir haben nun mal seit Jahrtausenden Gesang und Sprache und zwar universell bei allen "Racen". Es geht um die Entstehung einer unbestrittenen menschlichen Praxis, nicht um die willkürliche Setzung einer Praxis als menschlich. Bei den von Dir gebrachten Zitaten geht es dagegen um einen Vergleich des "Kulturstandes" unterschiedlicher Völker als selbstverständlich unzulässige Begründung für Herrschaft, Unterdrückung und Ausrottung. Der biologistische Hintergrund ist beinahe überflüssig, man könnte das ebensogut/schlecht mit dem kulturellen Höherstehen begründen. Es wird sich immer irgendein Mäntelchen für das unverblümte Recht des Stärkeren finden lassen. Wenn wir herausbekämen, dass die Schweine oder die Rehe eine Art Kultur hätten (also zB Werkzeugnutzung durch Nachahmung lernten), würden wir dann deswegen aufhören, sie zu essen?
(Das erste Zitat vermengt außerdem Darwinismus und Lamarckismus, war also schon damals nicht auf dem Stand der biologischen Wissenschaft (ich weiß, dass das zur Legitimation zweitrangig ist.) )

Zitat


Ja und? Was folgt daraus? Dem habe ich weder widersprochen noch sonst was. Es ist aber so, dass der biologistische Über(Unter?)bau, bzw. der Über(Unter?)bau, den der Rekurs auf sogen. »exakte Wissenschaften« konstituiert, bestimmte Postulate mit der Aura einer nicht weiter zu hinterfragenden Plausibilität ummäntelt. Dies ist wirkungsmächtig, insbesondere in Kreisen, die nicht das Privileg haben, das Zustandekommen »wissenschaftlicher Tatsachen« zu hinterfragen. Deshalb ist etwa die von einigen einflussreichen Neurophysiologen (z.B. Gerhard Roth) vertretene These, dass das die Genese von Charakter und Persönlichkeit eines Individuums zu ca. 98% in den ersten Wochen nach der Befruchtung einer Eizelle abgeschlossen, z.B. Kriminalität somit biologisch und prässozialisatorisch determiniert sei und Straftäter somit auch nicht re-sozialisiert werden können, an Stammtischen so schön anschlussfähig …


Ja. Aber daraus, dass etwas von dummen Menschen am Stammtisch für richtig gehalten wird, wird es nicht automatisch falsch und man kann wohl kaum Denk- und Forschungsverbote ableiten. Es ist doch offensichtlich möglich, dass Roth recht hat, genauso wie es möglich gewesen wäre, dass Freud oder wer auch immer recht gehabt hätte. Man kann aber letzlich nur herauskriegen, ob sie recht oder unrecht haben, indem man weiter forscht.
Es ist meiner Ansicht nach ein Fehlschluss zu meinen, man müsse Wissenschaft und Forschung "dekonstruieren", um ihr die Autorität zu nehmen und die Gefahr zu bannen, es könnten mit "wissenschaftlicher Begründung" Greueltaten verübt werden (wie vormals mit Rekurs auf Religion). Man muss dagegen klarstellen, dass gewisse Behandlungen von Menschen in jedem Falle moralisch verwerflich sind und entsprechend vorsichtig sein, wenn es um praktische oder rechtliche Implikationen geht.

Was sollte denn die Alternative sein? Wenn wir eine Gruppe von Hominiden im Urwald entdeckten, sollten wir die völlig unabhängig davon behandeln, ob wir meinen, sie seien Menschen oder sie seien nichtmenschliche Affen? Heute wären wir sehr wahrscheinlich so sensibel, dass wir selbst mit Affen vergleichweise menschlich umgingen (falls es auf dem Gebiet nicht gerade Öl- oder Diamanten gäbe, in diesem Falle wäre die Menschen aber ähnlich übel dran.) Sollen wir Fragen, was spezifisch menschlich ist oder die nach Entstehung und Ursprung menschlicher Verhaltensweisen (wie Singen) einfach ausklammern, weil sie zu gefährlich sind, so wie man meinen könnte, die Kernspaltung vielleicht besser nie erforscht zu haben? Was darf man überhaupt noch erforschen, wenn fast alles missbraucht werden kann, um Brutalitäten mit dem Segen der Wissenschaft zu begehen?

Zitat


Und noch was zur Kärrnerarbeit: Die ist sicher nicht durch die Analyse von Metadiskursen ersetzbar, da stimme ich dir zu. Aber Kärrnerarbeit wird sicherlich auch weder von Herrn Mithen noch von transdisziplinär spekulierenden Forschergruppen geleistet.


Ich habe von MIthen vor einigen Jahren nur mal einen Teil von "After the ice" gelesen; ich meine mich zu erinnern, dass er hier an der Kärrnerarbeit beteiligt war, jedenfalls ist das meiner Erinnerung nach eine nicht besonders spekulative populäre Zusammenfassung der vor- und frühgeschichtlichen Forschung.
By nature a philosopher is not in genius and disposition half so different from a street porter, as a mastiff is from a greyhound.
Adam Smith

83

Donnerstag, 20. Oktober 2011, 16:32

Eure spannende Diskussion über die Bedeutung des Gesangs für die Entwicklung zum Menschen inklusive der Problematik der Biologisierung kultureller Praktiken habe ich jetzt an dieser Stelle in einen eigenen Thread kopiert. Hier kann es dann mit den jeweiligen persönlichen Vorlieben für musikalische Gattungen weitergehen.

Viele Grüße
Federica
The moon looks on them all: the healers and the brilliant talkers, the eccentrics and the silent walkers, the dumpy and the tall.
(W.H. Auden)

84

Donnerstag, 20. Oktober 2011, 16:47

kleine Streicherbesetzungen (solo bis Oktett ungefähr). Seltsamerweise wird die exponiert hohe Solovioline im Konzert aber als weniger problematisch empfunden als ein Streichquartett (oder Cello solo?!)? Klingt eine Geige dann anders? Klingt ein Streichquartett wirklich anders in einem Klavierquintett als ohne Klavier?

Woran kann das liegen? (Ich kenne Leute, die meinen, es läge an falschen Stereo-Anlagen oder Digitaltechnik...) Geht das den Hörern mit entsprechenden Abneigungen live ebenso?


Mögliche Erklärung: Ein Streichquartett (oder -quintett, oder auch -sextett) hat keinen Bass! Das Cello geht ja nur bis zum großen C, das ist den meisten wohl einfach zu wenig.
Eine schwere Aufgabe ist freilich die Höflichkeit insofern, als sie verlangt, daß wir allen Leute die größte Achtung bezeugen, während die allermeisten keine verdienen; sodann, dass wir den lebhaftesten Anteil an ihnen
simulieren, während wir froh sein müssen, keinen an ihnen zu haben. (A. S.)

85

Donnerstag, 20. Oktober 2011, 16:58

Entspricht nicht meinem Eindruck derer, die klassischen Gesang nicht mögen. Meine Theorie hierzu ist, dass aufgrund der Popmusiksozialisierung selbst Klassikhörer teilweise ausgebildeten Stimmen als "künstlich" empfinden.
Was sie ja in gewisser Weise auch sind, müssen sie doch ohne Mikro bis in die hinteren Reihen "tragen"... Also geht sehr viel Energie in die Tragfähigkeit des Tones. Seit mit Mikro gesungen werden kann, hat man sich daran gewöhnt, anstrengungsloses Singen zu hören, das bis zum Flüstern gehen kann und trotzdem über Schlagzeug und Bass gut zu hören ist. Dagegen klingt jeder klassische Gesang angestrengt; auch wenn ich das würdigen kann und manche klassische Stimme sehr liebe - die Nuancen sind da viel weniger zu hören, die man mit Mikro sehr deutlich kriegt.


Ich kann das auch ansatzweise nachvollziehen, obwohl keineswegs jeder klassische Gesang angestrengt klingt. Und es liegt ja mitunter auch Ausdruck in der Anstrengung (vgl. "Bluesröhre"), überhaupt sind die Ausdrucksmittel eben andere. Aber es ist eben schon leicht pervers, dass einem verstärktes Singen "natürlicher" vorkommt.

Ob meine Hypothese als Erklärung ausreicht, bezweifle ich selber, da es ja durchaus popmusikalisch sozialisierte Hörer gibt, die klassischen Gesang schätzen (und Schwundstufen wie Bocelli wurden zu Stars), aber ich glaube schon, dass es eine gewisse Zugangshürde darstellt.

Zitat


Für die solistisch besetzten Streicherensembles habe ich dagegen keine Theorie, noch vor hundert Jahren spielten solche Ensembles bei Bällen u.ä. zum Tanz und als Hintergrundmusik
Na, so ein klassisches Streichquartett klingt schon anders als ne Tanzkapelle mit Kontrabass und klarem Rhythmus! Selbst wenns die gleichen Instrumente wären, kommt es doch schon oft in der "ernsten" Klassik so rüber, als spielten eigentlich alle Melodie und keiner wirklich Rhythmus. Stimmt natürlich eigentlich nicht, aber so könnte ich mir das erklären: der durchbrochene Satz, den wir so lieben, verunklart für einfachere Gemüter die ganze Chose erheblich.
Ein Kontrabass, der nen klaren Wechselbass oder SchrummschrummGroove macht, kann das schon wieder rausreißen.


Aber die Klangfarbe und das Timbre sind nicht wesentlich verschieden zwischen einem Salon-Ensemble und einem klassischen Streichquartett, oder?
Mit schienen die Kommentare immer darauf hin abzuzielen, aber vielleicht verstehe ich das auch falsch.
Gattungsvorlieben sind naheliegend, man kann kaum alles oder alles gleich häufig hören und es bleibt letztlich natürlich jedem selbst überlassen.

Da ich mich jedoch weniger auf Anfänger (oder einfachere Gemüter) beziehe, sondern auf jahre- oder jahrzehntelange Intensivhörer (und teils Freizeitmusiker), die in Klassikforen unterwegs sind, wundert mich die anscheinend tiefsitzende Abneigung einer stabilen Minderheit? gegenüber gerade diesen beiden Gattungen, also Gesang/Kunstlied/Oper und Streicherensembles, doch immer wieder. Zumal es ja nicht um randständige Genres geht. Wenn ich keine Bläserquintette oder Zarzuelas mag, verpasse ich sicher auch was (ich selbst mag erstere einigermaßen gerne, kenne jedoch keine Zarzuelas). Aber keine Kunstlieder oder erst recht keine Streichquartette!?!?

lch selbst bin, obwohl als Anfänger natürlich mit den typischen Verdächtigen und damit einer deutlichen Sinfonik-Überlast gestartet, viel mehr nach Komponisten beim Hören vorgegangen als nach Genres. Und ich finde noch immer, dass ein Beethoven-Quartett "näher" an einer Beethovensinfonie liegt als letztere an einer Mahler-Sinfonie... da scheine ich aber in der Minderheit zu sein.
By nature a philosopher is not in genius and disposition half so different from a street porter, as a mastiff is from a greyhound.
Adam Smith

86

Donnerstag, 20. Oktober 2011, 17:18

Im Gegensatz zu vielen anderen hier bevorzuge ich klar die Kammermusik (neben der geistlichen Vokalmusik). So ein riesiges spätromantisches Sinfonieorchester passt einfach nicht in meine kleinen Lautsprechern. Ganz im Ernst, ein Sinfonieorchester halbwegs adäquat wiederzugeben scheint mir sehr viel aufwändiger als dies bei einer Triosonate möglich ist. Meiner Vorliebe für kleine Besetzungen kommt natürlich die Historische Aufführungspraxis sehr entgegen, die meistens auf Transparenz und Durchhörbarkeit setzt. Aber auch eine klein besetzte Sinfonie höre ich seltener als zum Beispiel ein Streichquartett. Die großen Formen kommen mir oft ein wenig plakativ, mit dem breiten Pinsel gemalt vor.

Gruß, Carola

87

Donnerstag, 20. Oktober 2011, 18:29

Da ich mich jedoch weniger auf Anfänger (oder einfachere Gemüter) beziehe, sondern auf jahre- oder jahrzehntelange Intensivhörer (und teils Freizeitmusiker), die in Klassikforen unterwegs sind, wundert mich die anscheinend tiefsitzende Abneigung einer stabilen Minderheit? gegenüber gerade diesen beiden Gattungen, also Gesang/Kunstlied/Oper und Streicherensembles, doch immer wieder.


Bist du dir denn so sicher, dass diese Tendenz in Klassikforen wirklich so ausgeprägt ist?

Ich habe mir zwar mehr Resonanz beim Mozart-Quartette-Thread erhofft, aber immerhin haben sich dort drei Personen zur Sache geäußert, während sich in den Threads, die ich über Beethovens Op. 78 und Strauss' Heldenleben erstellt habe (beides nach deiner These beliebtere Genres) gar keine bzw. eine Person zu Wort gemeldet hat.
Auch der tolle Thread von Amfortas zu Mahlers 10. hat bisher überhaupt keine Resonanz gefunden.

Opern-Fans, die sich regelmäßig zu diesem Thema äußern, gibt es hingegen einige in der Klassikforenlandschaft, oder sehe ich das falsch?
Eine schwere Aufgabe ist freilich die Höflichkeit insofern, als sie verlangt, daß wir allen Leute die größte Achtung bezeugen, während die allermeisten keine verdienen; sodann, dass wir den lebhaftesten Anteil an ihnen
simulieren, während wir froh sein müssen, keinen an ihnen zu haben. (A. S.)

88

Donnerstag, 20. Oktober 2011, 20:07

Da ich mich jedoch weniger auf Anfänger (oder einfachere Gemüter) beziehe, sondern auf jahre- oder jahrzehntelange Intensivhörer (und teils Freizeitmusiker), die in Klassikforen unterwegs sind, wundert mich die anscheinend tiefsitzende Abneigung einer stabilen Minderheit? gegenüber gerade diesen beiden Gattungen, also Gesang/Kunstlied/Oper und Streicherensembles, doch immer wieder.


Bist du dir denn so sicher, dass diese Tendenz in Klassikforen wirklich so ausgeprägt ist?


Ich bin zwar teils auch von Threadbeteiligungen bei Kunstliedern oder Quartetten ausgegangen, aber mehr noch von expliziten Äußerungen in threads wie diesem hier. Zumal die ja nicht nur in Richtung "höre ich gerne, aber seltener" gehen, sondern eher "ist überhaupt nicht mein Ding". Je nach Forengröße (inzwischen ist für viele Themen keines mehr groß genug) reichen natürlich drei bis vier dezidierte Fans, um selbst einen recht spezialisierten thread am Laufen zu halten. (Sieht man hier zB bei Dichterliebe u.ä.) Die expliziten Statements sind aussagekräftiger, weil es auch Leute gibt, die manche Musik durchaus ganz gerne hören, aber dazu nicht posten. Das muss natürlich nicht repräsentativ sein (in der englischsprachigen usenet-Gruppe (oder deren Überresten) waren und sind einige außerordentlich kenntnisreiche Kammermusikhörer).

Zitat


Ich habe mir zwar mehr Resonanz beim Mozart-Quartette-Thread erhofft, aber immerhin haben sich dort drei Personen zur Sache geäußert, während sich in den Threads, die ich über Beethovens Op. 78 und Strauss' Heldenleben erstellt habe (beides nach deiner These beliebtere Genres) gar keine bzw. eine Person zu Wort gemeldet hat.
Auch der tolle Thread von Amfortas zu Mahlers 10. hat bisher überhaupt keine Resonanz gefunden.


Wage ich nicht zu beurteilen, aber op.78 gilt vielleicht eher als "Nebenwerk", Mahlers 10. ist schwierig mit all den unterschiedlichen Komplettierungen und etwas randständig, Heldenleben...keine Ahnung.

Zitat


Opern-Fans, die sich regelmäßig zu diesem Thema äußern, gibt es hingegen einige in der Klassikforenlandschaft, oder sehe ich das falsch?


Opernfans gibt es massenweise, klar und auch viele solche, die sich anscheinend kaum für Musik jenseits des Musiktheaters interessieren. Für die muss man Narrenfreiheit Sonderrechte einräumen; jedenfalls traue ich mir nicht zu, deren Vorlieben nachzuvollziehen. ;)
Ich muss das noch einmal präziser formulieren: Meine Verwunderung bezieht sich erst in zweiter Linie auf die absolute Popularität der beiden genannten Genres. Sondern einmal darauf, dass es überhaupt so viele Hörer mit so ausgeprägten Genre (anstatt Epochen- oder Komponisten) Präferenzen gibt. Hauptsächlich aber darauf, dass anscheinend "altgediente", vermutlich recht erfahrene und mitunter recht breitgefächerte Hörer häufig gerade diese beiden Genres auszuklammern scheinen. Von meinen kontrovers liegenden eigenen Vorlieben mal abgesehen, habe ich eben Schwierigkeiten nachzuvollziehen, dass für viele Genre anscheinend stärkere "Nähe" bedeutet als "Komponist". Also wie man über 15 Jahre gerne und häufig Beethoven, Brahms oder Schubert hören kann, sich dann aber eher 5-10 Aufnahmen von deren Sinfonien und Konzerten ins Regal stellt, statt sich ähnlch intensiv mit den maßgeblichen Kammermusikwerken und zumindest bei Schubert auch mit den Liedern zu befassen, weil einem diese Musik grundsätzlich nicht gefällt. (Etwas anderes wäre es bei einem ausgesprochenen Verdi-, Wagner, Puccini-Fan. Da könnte ich verstehen, dass er gelegentlich mal eine Beethoven- oder Brahmssinfonie anhört, aber die Quartette gar nicht auf dem Schirm hat)
Zum andern kann ich zwar verstehen, dass man generell großes Orchester kleineren Kammer- oder Solobesetzungen vorzieht (oder umgekehrt), viel weniger aber, warum nur oder besonders die Streicherbesetzungen gemieden werden.
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Adam Smith

89

Donnerstag, 20. Oktober 2011, 20:32

Also wie man über 15 Jahre gerne und häufig Beethoven, Brahms oder Schubert hören kann, sich dann aber eher 5-10 Aufnahmen von deren Sinfonien und Konzerten ins Regal stellt, statt sich ähnlch intensiv mit den maßgeblichen Kammermusikwerken und zumindest bei Schubert auch mit den Liedern zu befassen, weil einem diese Musik grundsätzlich nicht gefällt.


Das ergibt für mich auch keinen Sinn, deswegen glaube ich auch noch nicht so ganz, dass das wirklich so häufig der Fall ist. Die 2-3 kritischen Äußerungen in diesem Thread bzgl. des Streichquartetts können ja auch Zufall sein.

Andererseits überrascht es mich immer wieder, dass ich, wenn ich mich in bestimmten Kreisen von Instrumentalisten (leicht nachtvollziehbar z. B. im Klavierforum clavio.de) aufhalte, feststellen darf, dass sich diese meistens fast ausschließlich für die für ihr Instrument geschriebene Musik interessieren. Da kennen viele alle Beethoven-Klaviersonaten in- und auswendig, aber kein einziges Streichquartett.
Dass ich Klavier spiele hat bei mir nie zu einer Präferenz der Gattung Klaviermusik geführt. Ich finde die Besetzung für die Qualität der Musik auch absolut nicht ausschlaggebend.
Eine schwere Aufgabe ist freilich die Höflichkeit insofern, als sie verlangt, daß wir allen Leute die größte Achtung bezeugen, während die allermeisten keine verdienen; sodann, dass wir den lebhaftesten Anteil an ihnen
simulieren, während wir froh sein müssen, keinen an ihnen zu haben. (A. S.)

90

Donnerstag, 20. Oktober 2011, 20:46

Also wie man über 15 Jahre gerne und häufig Beethoven, Brahms oder Schubert hören kann, sich dann aber eher 5-10 Aufnahmen von deren Sinfonien und Konzerten ins Regal stellt, statt sich ähnlch intensiv mit den maßgeblichen Kammermusikwerken und zumindest bei Schubert auch mit den Liedern zu befassen, weil einem diese Musik grundsätzlich nicht gefällt.


Das ergibt für mich auch keinen Sinn, deswegen glaube ich auch noch nicht so ganz, dass das wirklich so häufig der Fall ist. Die 2-3 kritischen Äußerungen in diesem Thread bzgl. des Streichquartetts können ja auch Zufall sein.


Ich meine ja auch nicht, dass das eine Mehrheit ist. Aber ein signifikanter Anteil, der sich in anderen Foren bestätigt. Ich schließe da wohl auch etwas zu naiv von mir und einigen wenigen Bekannten auf andere, aber deswegen wundert mich eben schon ein kleiner Anteil.

Zitat


Andererseits überrascht es mich immer wieder, dass ich, wenn ich mich in bestimmten Kreisen von Instrumentalisten (leicht nachtvollziehbar z. B. im Klavierforum clavio.de) aufhalte, feststellen darf, dass sich diese meistens fast ausschließlich für die für ihr Instrument geschriebene Musik interessieren. Da kennen viele alle Beethoven-Klaviersonaten in- und auswendig, aber kein einziges Streichquartett.
Dass ich Klavier spiele hat bei mir nie zu einer Präferenz der Gattung Klaviermusik geführt. Ich finde die Besetzung für die Qualität der Musik auch absolut nicht ausschlaggebend.


Als Präferenz und Schwerpunkt ist es für mich schon nachvollziehbar, als völliges Ignorieren der anderen Genres nicht, egal ob man selbst das entsprechende Instrument spielt oder nicht.
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Adam Smith

Zwielicht

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91

Donnerstag, 20. Oktober 2011, 20:49

Dass Kammermusik weitaus (!) weniger Musikhörer interessiert als Orchestermusik, scheint mir unbestreitbar zu sein - es reicht ein Blick in die Konzertsäle und die Anzahl der Zuhörer bei den verschiedenen Gattungen. Das ist nicht nur eine Frage der Saalgröße: selbst bei namhaften Streichquartettformationen sind kleine Säle häufig nicht ausverkauft, während ein prominenter Pianist leicht einen vierfach größeren Saal füllen kann.

Auch der auf Individuen ausgerichtete Interpretenkult spielt eine Rolle: berühmte Dirigenten, Pianisten, Geiger können auf große Publikumskreise enorme Anziehungskraft ausüben. Dagegen hält/hielt sich die Prominenz selbst der berühmtesten Kammermusikensembles (Beaux Arts Trio, Alban-Berg-Quartett) in sehr engen Grenzen.


Viele Grüße

Bernd
Details are always welcome. (Vladimir Nabokov)

92

Freitag, 21. Oktober 2011, 00:43

Die von Bernd (Zwielicht) konstatierten Tatsachen der geringeren Beliebtheit von Kammermusik und der Fixierung des Publikums auf populäre Einzelkünstler sind wohl unbestreitbar.

Ich glaube aber, das liegt weniger am streicherbetonten Klang der Ensembles, sondern, was man natürlich nur ungern zugibt, nicht zuletzt daran, dass der volle Genuss von Kammermusik eine viel höhere Konzentration und letztlich auch ein besseres, d. h. auch geschulteres, Verständnis von musikalischen Abläufen und Gesetzen voraussetzt. Nicht zu übersehen bzw. überhören ist auch, dass man in den Klängen kleiner Ensembles nun einmal nicht so leicht passiv bleiben und wohlig baden kann, wie es viele groß besetzte Werke erlauben. Nicht von ungefähr sind ja die wenigen wirklich populären Werke für kleine Besetzungen vom Kaiserquartett über das Forellenquintett bis hin zu Dvoraks "amerikanischem" Quartett sehr stark von beliebten Melodien geprägt, und selbst Samuel Barbers beliebtes Adagio konnte sich erst richtig in orchestraler Besetzung durchsetzen und nicht in seiner ursprünglichen Form als Streichquartett. Dieses wohlige Bad ist ja auch beim Kunstlied schwerer als schon beim Orchesterlied oder gar in der Oper.

Auch engagierte Musikliebhaber sind halt oftmals Amateure, also Liebhaber, und primär Konsumenten, und da nehme ich mich überhaupt nicht aus.

:wink: Rideamus
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93

Montag, 15. Oktober 2012, 21:06

Bei mir ist die Verteilung sehr eindeutig würde ich sagen (ich bin eine Pfahlbürgerin) :

1. Vokalmusik bes. Oper, dann auch Lied, weniger Oratorien
2. Orchestermusik inkl. Konzerte für ein Instrument
3. Klavier solo

Kaum höre ich Kammermusik und muss zugeben, dass ich mich schon oft näher damit befassen wollte, es aber letztlich bisher nicht getan habe (ich kenne wohl gerade mal 3 Werke dieser Gattung).
Gar nicht Operette und Musicals (obwohl ich schon mal in einem war)

Von der Epoche gesehen, kann ich nicht wirklich ein Ranking aufstellen, da ich mich grundsätzlich nicht daran orientiere, aber ich höre seltener Alte Musik, Barockes und Klassik (da eigentlich nur ein paar Mozart-Opern und eine von Salieri)

Was die allgemeine Verteilung angeht :
60 % Klassische Musik
40 % Rock und Pop im weitesten Sinne.
Ein bisschen Traditionelle Musik kommt noch dazu.
Gar nicht für meine Ohren sind : Techno und alles verwandte, 99% allen HipHops, Jazz
"Allwissende! Urweltweise!
Erda! Erda! Ewiges Weib!"

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