In den Jahren 1752/53 malte der Venezianer
Giovanni Battista Tiepolo die Decke des Treppenhauses der Würzburger Residenz aus und schuf das mit rund 670 qm größte zusammenhängende Deckenfresko der Welt (siehe
http://de.wikipedia.org/wiki/Deckenfresk…burger_Residenz). Thema des Riesengemäldes: die (damals bekannten) vier Kontinente. Von bisher dreien dieser Bilder hat der Franzose
Hugues Dufourt (*1943) sich zu jeweils etwa zwanzig bis fünfundzwanzig Minuten langen Kompositionen für ein achtköpfiges Ensemble (Klavier / Flöten / Oboe, Englisch Horn / Klarinetten / Schlagzeug / Violine / Bratsche / Cello) inspirieren lassen:
"L'Afrique d'après Tiepolo" (2005) und
"L'Asie d'après Tiepolo" (2009) wurden vom Ensemble Recherche jeweils bei den Tagen für neue Kammermusik in Witten uraufgeführt und erschienen auf dieser schönen KAIROS-CD:
Ein dritter Teil,
"L'Europe d'après Tiepolo", erlebte vor wenigen Tagen, am 7. Oktober, in Straßburg seine Uraufführung. Eine zweite Aufführung in Graz am 9. Oktober wird heute abend auf Ö1 gesendet (23 Uhr) - hoffentlich komplett, denn angekündigt ist eine Sechzigminutensendung für ein Achzigminutenkonzert, und bei Neue-Musik-Sendungen auf Ö1 ist es mir schon häufiger passiert, dass gerade die interessantesten Stücke nur ausschnittweise präsentiert werden. Ein hervorragender Einführungstext zu "L'Europe" ist hier zu lesen:
http://musikprotokoll.orf.at/de/werk/l%E…%C3%A8s-tiepolo. - In allerlei Ankündigungen zu "L'Europe" heißt es, das sei das letzte Stück aus Dufourts Tiepolo-Zyklus; ich will sehr hoffen, dass es nur das jüngste ist und er sich auch noch an die Arbeit zu "Amerika" machen wird!
In Vorfreude auf Europa habe ich mir gestern abend "L'Afrique" und"L'Asie" noch einmal angehört, und diesmal nicht mit den schlechten Tiepolo-Reproduktionen aus dem CD-Booklet, sondern mit besseren von zeno.org:
Afrika (zwei Teile, gehören nebeneinander):
Wohlfeile Exotismen vermeidet Dufourt, und trotzdem erscheinen mir die Fresken geradezu getreu in Musik abgebildet. Offenbar liest Dufourt sie sehr genau von links nach rechts: Die Musik zu "Afrika" bewegt sich zunächst lange in langsam wiegenden, schwerfälligen Schritten und evoziert so Bilder von einer Karamelkarawane, lastend unter der Wüstensonne. Erst spät wird die Musik wilder, tumultiger - ich assoziiere dazu die dunkelhäutige Figurengruppe ganz am rechten Rand des zweiten Bildes, also des rechten Teils des Freskos.
Asien (zwei Teile, gehören nebeneinander):
"Asien" hingegen beginnt wuselig, mit einer latenten, irgendwie selbstverständlichen, ungerührten Aggressivität, viel metallener Percussion und einigen tiefen Holzbläsern (man muss nicht, aber man kann durchaus das Trompeten des Elefanten dabei mithören), und landet später in ruhigeren Klängen, die erst noch gespenstisch und beunruhigend anmuten, bis sie schließlich am Ende in einem ganz langsamen Duett von Bariton-Oboe und gestrichenem Marimbaphon eine eigenartige, sanfte, Madame-Chauchat-hafte Verführung ausstrahlen, so dass man sich am liebsten willig in sie hineinfallen lassen möchte.
Grüße
vom Don
(Bilder laut zeno.org gemeinfrei)