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1

Samstag, 2. Oktober 2010, 17:36

Das musikalische Thema und das Thema der Komplexität

Zugegeben ein etwas verwirrender Titel. :D

Aber mein Diskussionsanstoß ist relativ simpel:
Im Verlauf des 20. Jahrhunderts ist es zu beobachten, dass von der musikalischen Themenbildung eine immer höhere Eigencharakteristik und Zunahme an (linearer) Komplexität erwartet wird. Sequenzen gelten heute als verpönt, in einer einfachen Skala einen melodischen Einfall entdecken zu wollen, würde niemandem mehr einfallen. Es gilt (was ja inbesondere von der Wiener Schule herrührt) die mus. Themen von Klischees zu befreien.

Nun muss ich aber feststellen, dass große Komponisten es vollbracht haben, aus einfachsten - banalen! - Tonfolgen großartige, eindringliche Melodien zu formen. Mich würde interessieren, was euch da so einfällt und welche Kunstgriffe die Komponisten dabei jeweils angewendet haben.

Ich beginne mit einem Beispiel aus Wagners Lohengrin:
Am Ende des Vorspiels zum 1. Akt gibt es ein Thema, welches am Schluss wieder Oper wiederkehrt, nachdem Lohengrin seinen Namen bekannt gegeben hat (dann mit einem wundervollen Chorsatz).
Die ersten 5 Takte des Thema bestehen melodisch bloß aus einer absteigenden fis-Moll-Tonleiter (über ca. 2 1/2 Oktaven) mit ein paar wenigen chromatischen Zwischentönen - banaler könnte es kaum gehen.
Dem Komponist sei nichts eingefallen, könnte man spotten. Doch würde man in die Skala einen Sprung, Aufwärtsschritt oder was auch immer einbauen, um das Thema vermeintlich interessanter zu machen, würde es sofort an Wirkung verlieren.

Die Wirkung resultiert natürlich u. a. aus dem Kontext: In beiden Fällen, wo es erscheint, wird vorher triumphal nach A-Dur abkadenziert. Der Grundton a erscheint als leuchtende Spitze. Sobald aber die Oberstimme beim a ankommt, sacken die Bässe erschreckend zum fis ab und das zuvor strahlende a verwandelt sich in die klagende Mollterz des fis-Moll-Dreiklangs, die nun keine andere Möglichkeit mehr hat, als kontinuierlich abzugleiten.
Eine schwere Aufgabe ist freilich die Höflichkeit insofern, als sie verlangt, daß wir allen Leute die größte Achtung bezeugen, während die allermeisten keine verdienen; sodann, dass wir den lebhaftesten Anteil an ihnen
simulieren, während wir froh sein müssen, keinen an ihnen zu haben. (A. S.)

Zwielicht

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2

Dienstag, 5. Oktober 2010, 19:22

Zugegeben ein etwas verwirrender Titel. :D


Ich bin mir auch nach drei Tagen noch nicht sicher, worauf es hinauslaufen soll... :D


Aber mein Diskussionsanstoß ist relativ simpel:
Im Verlauf des 20. Jahrhunderts ist es zu beobachten, dass von der musikalischen Themenbildung eine immer höhere Eigencharakteristik und Zunahme an (linearer) Komplexität erwartet wird. Sequenzen gelten heute als verpönt, in einer einfachen Skala einen melodischen Einfall entdecken zu wollen, würde niemandem mehr einfallen. Es gilt (was ja inbesondere von der Wiener Schule herrührt) die mus. Themen von Klischees zu befreien.


Ist das so? Hat es nicht vielmehr auch im 20. Jh. und danach immer Komponisten und musikalische Strömungen gegeben, die mit Skalen, einfachen melodischen Floskeln, Sequenzen etc. gearbeitet haben?


Nun muss ich aber feststellen, dass große Komponisten es vollbracht haben, aus einfachsten - banalen! - Tonfolgen großartige, eindringliche Melodien zu formen. Mich würde interessieren, was euch da so einfällt und welche Kunstgriffe die Komponisten dabei jeweils angewendet haben.


Es gibt doch in Barock, Klassik und Romantik unzählige Beispiele für Themen, die sich nur aus Tonleiterausschnitten, Dreiklängen und/oder Sequenzen einfachster Motive zusammensetzen. Oft als bewusst primitives Ausgangsmaterial, wie in Haydns später C-dur-Klaviersonate, wo zunächst mal außer dem C-dur-Dreiklang nicht viel erklingt.

Aber Du meinst, wie ich sehe, "eindringliche" Melodien, also solche, die als besonders schön empfunden werden? Sowas wie das Hauptthema von Smetanas Moldau? Oder das Thema des Mittelsatzes von J.S. Bachs Doppelkonzert für zwei Violinen?


Ich beginne mit einem Beispiel aus Wagners Lohengrin:
Am Ende des Vorspiels zum 1. Akt gibt es ein Thema, welches am Schluss wieder Oper wiederkehrt, nachdem Lohengrin seinen Namen bekannt gegeben hat (dann mit einem wundervollen Chorsatz).
Die ersten 5 Takte des Thema bestehen melodisch bloß aus einer absteigenden fis-Moll-Tonleiter (über ca. 2 1/2 Oktaven) mit ein paar wenigen chromatischen Zwischentönen - banaler könnte es kaum gehen.
Dem Komponist sei nichts eingefallen, könnte man spotten. Doch würde man in die Skala einen Sprung, Aufwärtsschritt oder was auch immer einbauen, um das Thema vermeintlich interessanter zu machen, würde es sofort an Wirkung verlieren.

Die Wirkung resultiert natürlich u. a. aus dem Kontext: In beiden Fällen, wo es erscheint, wird vorher triumphal nach A-Dur abkadenziert. Der Grundton a erscheint als leuchtende Spitze. Sobald aber die Oberstimme beim a ankommt, sacken die Bässe erschreckend zum fis ab und das zuvor strahlende a verwandelt sich in die klagende Mollterz des fis-Moll-Dreiklangs, die nun keine andere Möglichkeit mehr hat, als kontinuierlich abzugleiten.


Immerhin ein paar chromatische Zwischentöne, wie Du sagst. Das Absinken über zweieinhalb Oktaven nach einem Höhepunkt ist ja schon mal ziemlich wirkungsvoll, auch klangfarblich. Und dann der semantische Aspekt: fis-moll ist im Lohengrin die Ortrud-Gegenwelt, was der geübte Hörer (also ich nicht) spätestens bei der Wiederkehr der Stelle im dritten Akt weiß - auf das "erschreckende" Absinken zum fis kann er sich jetzt auch einen inhaltlichen Reim machen. Sowas ist ja auch für die "Wirkung" verantwortlich.


Viele Grüße

Bernd
Details are always welcome. (Vladimir Nabokov)

3

Dienstag, 5. Oktober 2010, 19:47

Zitat

Dem Komponist sei nichts eingefallen, könnte man spotten. Doch würde man in die Skala einen Sprung, Aufwärtsschritt oder was auch immer einbauen, um das Thema vermeintlich interessanter zu machen, würde es sofort an Wirkung verlieren.

Die Wirkung resultiert natürlich u. a. aus dem Kontext:

[...]






Eben solche Mittel - Mittel, Wirkungen bei einem Hörer zu erzeugen - sind es, die für mich reizen; und sie beruhen in der Tat nicht auf Komplexität oder Originalität; und sie hängen mehr oder weniger vom Kontext ab, in dem sie aufreten. Schön, dass das hier an einem Beispiel gezeigt werden sollte (kann mich nur leider nicht genauer darauf einlassen). Sie sind sogar mehr oder weniger unabhängig von der Kenntnis ggf. der Opernhandlung und von Inhalten ähnlicher Art. Das rechtfertigt gerade die Rede von einem musikalischen 'Thema' im Unterschied zu einem Thema in dem Sinne, in dem z. B. Gewitter ein Thema der Pastorale oder Mitleid ein Thema im Parsifal ist.

4

Dienstag, 5. Oktober 2010, 20:13

banaler könnte es kaum gehen.
Dem Komponist sei nichts eingefallen, könnte man spotten.

Biber ist darin auch genial aus Banalem Geniales zu machen: z.B. in der 3. Violinsonate aus 1681 setzt er ein Viernoten-Ostinato ein: V-I-IV-I - darüber entwickelt er aber eine Variationsreihe, die aus diesem wirklich banalen Floskel völlig auskostet. Genial und witzig zugleich.

LG
Tamás
:wink:
"Vor dem Essen, nach dem Essen,

Biber hören nicht vergessen!"


Fugato

5

Dienstag, 5. Oktober 2010, 20:36

Man muß zwischen zwei Typen von Komponisten unterscheiden: Jenen, die auf der Basis eines "einfallslosen" Themas arbeiten und jene, deren Themen (oder Melodien) wirkliche Inspirationen sind. Übrigens geht das eine mitunter ins andere über.
Primitive Themen mit genialer Verarbeitung sind vor allem Sache von Kaiser Ludwig dem Tauben, keine Floskel ist zu banal für ihn - gut so, denn dadurch merkt man, wie er die Themen zerstäubt und wieder zusammensetzt. Der typische Fall von Inspiration, die oft wider die Regel läuft, ist Kaiser Franz der Liederkundige, man sehe sich seine Lieder darauf hin an und seine Quartette am besten auch.
Zar Peter der Newawassertrinker ist ein ideales Beispiel für "inspirierte Melodie" - nicht wahr? Nichts da! Er zeigt auf geradezu geniale Weise, wie man aus vorgegebenem Material Melodien entwickeln kann: Im Grunde braucht er nichts weiter dazu als eine Tonleiter...

Das Duumvirat Arnold der Schreckliche und Alban der Sanftmütigere hingegen sind ebenfalls nur oberflächlich betrachtet frei von der Floskel: Bei beiden entsprechen die Themen zwar der Aperiodik, der "musikalischen Prosa" und lösen sich von Tonika und Dominante, aber nur scheinbar. Denn wenn man sich die Themen und Melodien der beiden genauer ansieht, so sind sie ebenfalls unter dem Aspekt der Prägnanz gearbeitet, nur sind die Konturen etwas verzerrt. Das mag dann schwerer zu behalten sein, jedoch wirklich komplexe Themen sind es nicht - die Komplexität besteht auch hier in der Durchführung (was Arnold der Schreckliche natürlich bei Johannes dem Scheinkonservativen gelernt hat).
:wink:
Na sdarowje! (Modest Mussorgskij)

6

Dienstag, 5. Oktober 2010, 20:48

jedoch wirklich komplexe Themen sind es nicht
Und was wäre deiner Meinung nach ein musikalisches Beispiel eines "komplexen" Themas bzw. einer komplexen Melodie? Sachen von Stockhausen ("Gruppen"), dem frühen Boulez oder Lachenmann??
wellen unterschiedlicher frequenz und töne verschiedener höhe

7

Dienstag, 5. Oktober 2010, 21:23

Freut mich, dass der Thread allmählich an Leben gewinnt!

Ich gehe mal auf Bernd ein:

Ist das so? Hat es nicht vielmehr auch im 20. Jh. und danach immer Komponisten und musikalische Strömungen gegeben, die mit Skalen, einfachen melodischen Floskeln, Sequenzen etc. gearbeitet haben?


Natürlich, im 20. Jahrhundert gab es doch alles. ;)
Ich bezog mich jetzt insb. auf die deutsche "Hauptströmung" (auch wenn diese Prioritätensetzung evtl. langsam veraltet sein mag).

Es gibt doch in Barock, Klassik und Romantik unzählige Beispiele für Themen, die sich nur aus Tonleiterausschnitten, Dreiklängen und/oder Sequenzen einfachster Motive zusammensetzen. Oft als bewusst primitives Ausgangsmaterial, wie in Haydns später C-dur-Klaviersonate, wo zunächst mal außer dem C-dur-Dreiklang nicht viel erklingt.


Stimmt, bei Haydn, Mozart und Beethoven geht man schon davon aus, aber bei Wagner, Strauss und anderen Spätromantikern könnte man meinen, dass sich die Melodik parallel zur Harmonik, Rhythmik, Metrik etc. ebenfalls verkompliziert hat - es gibt aber etliche Gegenbeispiele, und das interessante ist: Oft sind diese einfachen Themen so gut verpackt, dass man erst einmal gar nicht merkt, dass es sich einfach nur um simpelste Skalen oder Dreiklangsbrechungen handelt. Solche Fälle finde ich interessant...

Aber Du meinst, wie ich sehe, "eindringliche" Melodien, also solche, die als besonders schön empfunden werden? Sowas wie das Hauptthema von Smetanas Moldau? Oder das Thema des Mittelsatzes von J.S. Bachs Doppelkonzert für zwei Violinen?


Das Bach'sche Thema gewinnt immerhin, nachdem es eine Septime durchschritten hat, eindeutige Konturen, ist also wie ich finde nicht ganz so krass.

Die von Edwin definierte Zwei-Klassen-Theorie finde ich interessant.

Ich mache mal eine Liste:

Klasse 1:

Haydn
Beethoven
Brahms
Mahler
Berg
Hindemith

Klasse 2:

Mozart
Chopin
Mendelssohn
Tschaikowski
Dvorak
Wagner
Schönberg
Prokofjew

Widerspruch?
Eine schwere Aufgabe ist freilich die Höflichkeit insofern, als sie verlangt, daß wir allen Leute die größte Achtung bezeugen, während die allermeisten keine verdienen; sodann, dass wir den lebhaftesten Anteil an ihnen
simulieren, während wir froh sein müssen, keinen an ihnen zu haben. (A. S.)

Zwielicht

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8

Dienstag, 5. Oktober 2010, 21:43

Widerspruch?


Den von Edwin schon genannten Schubert Franzl kannst Du noch bei Kat. 2 reintun.

Schönberg und Berg würd' ich tauschen, aber da kann ich mich irren.

Und bei Mahler und Wagner bin ich mir auch nicht so sicher... 8+)


Viele Grüße

Bernd
Details are always welcome. (Vladimir Nabokov)

9

Dienstag, 5. Oktober 2010, 22:05

Zitat von »ralphb«
Widerspruch?


Den von Edwin schon genannten Schubert Franzl kannst Du noch bei Kat. 2 reintun.

Schönberg und Berg würd' ich tauschen, aber da kann ich mich irren.

Und bei Mahler und Wagner bin ich mir auch nicht so sicher



Stimme was Schubert und Berg betrifft zu (bei Schönberg auch nicht sicher wo er hingehört).. und insbesondere bei Mahler und Wagner würd ich vehement für Umgruppierung plädieren. Denn: welche Melodie bei Wagner ist eigentlich nicht banal? Und grade die besonders exponierten (Preislied; Abendstern; Winterstürme...) sind es doch am allermeisten - grade wenn sie 'nichts als Melos' sein sollen, stehen sie seltsam hilflos da. Hingegen bei Mahler nur willkürlich Beispiele: "Das ist der Herzallerliebste dein" in den "Schönen Trompeten": als wäre es wirklich ein Volkslied; "Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis" aus der VIII.: wie eine Prägung von Bach; das Seitenthema im langsamen Satz der I.: wie auf einem echten Jahrmarkt aufgelesen. Melodien, die eben für sich selbst stehen ganz und gar.
________________________________________________________________________________________________________

Musica est exercitium metaphysices occultum nescientis se philosophari animi

10

Dienstag, 5. Oktober 2010, 23:21

jedoch wirklich komplexe Themen sind es nicht
Und was wäre deiner Meinung nach ein musikalisches Beispiel eines "komplexen" Themas bzw. einer komplexen Melodie? Sachen von Stockhausen ("Gruppen"), dem frühen Boulez oder Lachenmann??

Ja, in etwa. Dazu noch Messiaen - aber nicht immer. "Chronochromie" geht allerdings von sehr komplexen thematischen Bildungen aus. Auch in der Musik der Frührenaissance finden sich extrem komplexe Themen.

ad ralphbs Liste:
Mahler fällt in beide Kategorien: Er verwendet einerseits deutlich selbstgezimmertes Material mit Anflügen von "das hab' ich doch schon gehört", andererseits aber auch relativ komplexe Bildungen. Das typische selbstgezimmerte Material ist etwa "Veni, veni Creator spiritus" - sozusagen nach dem Lehrbüchl geschrieben. Die Sätze 1 und 4 in der neunten sind hingegen mit eher frei gestaltetem Material gearbeitet. Bei Mahler fließen die Übergänge sowieso. Übrigens auch bei Berg: Das Rondo-Thema des "Wozzeck" ist ganz klar solch ein selbst gezimmertes, nach der Lehre gebildetes Material, das letzte Zwischenspiel hingegen nicht. Ich nenne da nur die Extrempunkte.
Hindemith hingegen ist der Klassiker der nach dem Lehrbuch entwickelten Thematik - auch ihm kommt es selten auf das Thema selbst an, sondern auf die Möglichkeit, es zu verarbeiten.

Wagner-Themen sind im Grunde (fast) alle Fanfaren und als solche für sich genommen zwar prägnant, aber musikalisch uninteressant. Erst durch die Verarbeitung gewinnen sie ihr Raffinement und ihre Sprengkraft.
:wink:
Na sdarowje! (Modest Mussorgskij)

11

Mittwoch, 6. Oktober 2010, 10:29

Was ist mit dem ausgedehnten Tristan-Thema, das zum ersten mal zu Beginn der Ouvertüre nach Exposition+Sequenz+Zerstückelung des Tristanakkords erklingt? Oder das berühmte Siegfried Thema? Keine echte Inspiration?
Eine schwere Aufgabe ist freilich die Höflichkeit insofern, als sie verlangt, daß wir allen Leute die größte Achtung bezeugen, während die allermeisten keine verdienen; sodann, dass wir den lebhaftesten Anteil an ihnen
simulieren, während wir froh sein müssen, keinen an ihnen zu haben. (A. S.)

12

Mittwoch, 6. Oktober 2010, 10:45

Ich mache mal eine Liste:

Klasse 1:

Haydn
Beethoven
Brahms
Mahler
Berg
Hindemith

Klasse 2:

Mozart
Chopin
Mendelssohn
Tschaikowski
Dvorak
Wagner
Schönberg
Prokofjew

Klasse 1:
Perotinus
Josquin
Palestrina
Lasso
Monteverdi
Biber

Klasse 2:
Machaut

Dufay
Ockeghem
Gombert
Monteverdi
A. Scarlatti
JSB. Bach


Einwände?

Monteverdi - davon bion ich überzeugt - gehört in beide Klassen: oft operiert er mit den banalsten Mittel (Tonrepetition z.B. s. Hor che l' ciel) dann wiederum entwickelt er Themen, die immer bei jeder Wendung gegen den Hörerwartung gehen.

LG
Tamás
:wink:
"Vor dem Essen, nach dem Essen,

Biber hören nicht vergessen!"


Fugato

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13

Mittwoch, 6. Oktober 2010, 10:59

Was ist mit dem ausgedehnten Tristan-Thema, das zum ersten mal zu Beginn der Ouvertüre nach Exposition+Sequenz+Zerstückelung des Tristanakkords erklingt? Oder das berühmte Siegfried Thema? Keine echte Inspiration?


Das Siegfried-Thema gehört doch auch eher in die von Edwin genannte Kategorie der Fanfaren-Themen, oder? Bei Tristan stimme ich Dir zu und es gibt noch mehr Beispiele. Aber das sind dann Ausnahmen von der Regel - kein Komponist passt ja ausschließlich in eine der beiden Kategorien. Auch Beethoven natürlich nicht, man denke z.B. an die Cavatina aus op. 130 oder die Bagatelle op. 119/11...


Einwände?


Händel könnte noch in die zweite Kategorie eingeordnet werden. J.S. Bach vielleicht wie Monteverdi in beide...


Viele Grüße

Bernd
Details are always welcome. (Vladimir Nabokov)

14

Mittwoch, 6. Oktober 2010, 11:06

Das Siegfried-Thema gehört doch auch eher in die von Edwin genannte Kategorie der Fanfaren-Themen, oder?


Viele seiner Themen haben sicherlich Fanfarencharakter, aber sind sie deswegen inspirationslos? Das Siegfried-Thema ist doch auch für sich alleine betrachtet ein genialer Einfall.
Die ganze Lohnengrin-Oper basiert doch quasi darauf, dass Ohrwürmer aneinandergereiht werden. :D Hochzeitsmarsch - kein Einfall?
Ich finde bei Mahler weniger Einfälle...
Bei Schönberg hingegen wieder sehr viele (Op. 9 bspw. strotzt nur so vor Einfällen).
Eine schwere Aufgabe ist freilich die Höflichkeit insofern, als sie verlangt, daß wir allen Leute die größte Achtung bezeugen, während die allermeisten keine verdienen; sodann, dass wir den lebhaftesten Anteil an ihnen
simulieren, während wir froh sein müssen, keinen an ihnen zu haben. (A. S.)

15

Mittwoch, 6. Oktober 2010, 11:36

Ich finde bei Mahler weniger Einfälle...

8| 8| 8|

Alleine die Lieder...

LG :wink:
"Was Ihr Theaterleute Eure Tradition nennt, das ist Eure Bequemlichkeit und Schlamperei." Gustav Mahler

16

Mittwoch, 6. Oktober 2010, 12:05

Lieber ralphb,
das Siegfried-Thema ist auch eine Fanfare nach dem Lehrbüchl: Aufsteigende Quart, aufsteigende Terz - da haben wir den Dreiklang, darauf Spitzenton - gut gesetzt, der kann nämlich variiert werden, je nach tonartlichem Bedarf; sodann Sequenz beginnend mit dem Fanfaren-Grundton, nochmals Dreiklangs-Terz, Ausweichung und Terzbestätigung. Natürlich ist das Thema gut erfunden, aber die große Inspiration ist es meiner Meinung nach nicht. "Inspiration" bei Wagner sind eher Stellen wie "Der Augen leuchtendes Paar" oder das Tarnkappen-Motiv. Ein dermaßen universeller komponist wie Wagner fällt natürlich in beide Kategorien; seine Themen aber halte ich eher für blendendes Kunsthandwerk, das erst durch die Verarbeitung seine Legitamtion erfährt. Das verkleinert Wagner nicht! Beethoven, den er sehr verehrte, war ja ebenfalls ein Meister dieses selbstgezimmerten Themas.
Ich habe eine große Schwäche für Komponisten, die so vorgehen: Es sind für mich die planenden Komponisten. Sie wissen, worauf sie hinauswollen, haben den Gesamtentwurf vor sich, und bauen sich das Material so, daß es diesen Plan trägt. In der Regel wird man bei ihnen dichtere Struktur und Verabeitung finden als bei den großen Melodikern, die oft dazu neigen, die Melodien in verschiedenen Aspekten zu präsentieren, sie aber keiner wirklichen thematischen Arbeit zu unterwerfen.

Mahler ist meiner Meinung nach übrigens ein begnadeter Melodiker, sobald er einen Text hat. Rein instrumentale Melodien werden bei ihm mitunter zum Melodisieren, also zur Sequenzierung eines einprägsamen Grundgedankens. Das könnte er etwa bei Tschaikowskij gelernt haben, dem etwas wie der Beginn des Adagietto durchaus zuzutrauen wäre.
:wink:
Na sdarowje! (Modest Mussorgskij)

17

Mittwoch, 6. Oktober 2010, 12:12

Monteverdi - davon bion ich überzeugt - gehört in beide Klassen: oft operiert er mit den banalsten Mittel (Tonrepetition z.B. s. Hor che l' ciel) dann wiederum entwickelt er Themen, die immer bei jeder Wendung gegen den Hörerwartung gehen.


Mit Monteverdi ist es wie mit Wagner: So universell, daß er gruppenübergreifend ist. Kann seine Themen glänzend zurechtzimmern (übrigens auch viele mit Fanfarencharakter), ist aber obendrein ein verblüffender Melodiker, der gegen die Erwartungshaltung verstößt und schon dadurch (und nicht erst durch den Satz) ziemlich komplex wird. Die besten Beispiele dafür bieten die beiden letzten Madrigalbücher und die "Marienvesper".
:wink:
Na sdarowje! (Modest Mussorgskij)

18

Mittwoch, 6. Oktober 2010, 15:40

Die genialsten Melodiker sind für mich Mozart, Schubert und Bellini. Bei einem solchen Melodie-Genius ist eine komplexe Bearbeitung und Begleitung überflüssig.... (Bellini), sie schadet aber auch nicht (Schubert..)
Die Gesangsprobe ist für mich da entscheidend: man nehme eine Melodie und singe sie vollkommen unbefangenen Menschen vor. Wenn die Melodie ganz alleine und ohne jede Verarbeitung und Begleitung zieht und genügt ist der Komponist für mich ein Melodiker der ersten Klasse.
Ein Gegebeispiel ist z.B. Bach. Als reiner Melodiker wäre er sehr medioker- mit all seiner Komplexität ist er ein Genie. Mozart ist Beides. Schubert eigentlich auch Vielleicht sind sie ja auch deshalb so unvergleichlich. :fee:
Gracias a la vida!

Gurnemanz

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19

Mittwoch, 6. Oktober 2010, 15:48

[...] z.B. Bach. Als reiner Melodiker wäre er sehr medioker [...]
Hier, liebe Fairy, muß ich Dir heftigst widersprechen: Für mich ist Bach einer der größten Melodiker überhaupt!! Die Cembalokonzerte z. B. enthalten Ohrwürmer, die mich nicht mehr verlassen wollten, nachdem ich mehrere davon wiederholt gehört hatte. Auch die Kantaten..... usw.

Bach würde ich nach dem oben aufgestellten Kriterium unbedingt in beide Klassen einstellen.

:wink:
Es grüßt Gurnemanz

---
-¿Se trata de una cita? -le pregunté.
-Seguramente. Ya no nos quedan más que citas. La lengua es un sistema de citas.

Jorge Luis Borges

20

Mittwoch, 6. Oktober 2010, 16:07

Da bin ich ganz bei Gurnemanz! Bach gehört für mich zu den größten Melodikern überhaupt (Bellini hingegen.... :hide: ). Natürlich nicht immer und in all seinen etlichen Werken, aber das schaut ja bei Mozart nicht anders aus.

Gerade für Sänger sollte die Erstrangigkeit der melodischen Erfindung in Liedern wie BWV 509 "Gedenke doch, mein Geist") oder BWV 518 ("Willst du dein Herz mir schenken") auf der Hand liegen. Wirklich drüber kommt Schubert da für meine Begriffe auch nicht....

Beste Grüße

Bernd

21

Mittwoch, 6. Oktober 2010, 16:07


Ein Gegebeispiel ist z.B. Bach. Als reiner Melodiker wäre er sehr medioker- mit all seiner Komplexität ist er ein Genie. Mozart ist Beides. Schubert eigentlich auch Vielleicht sind sie ja auch deshalb so unvergleichlich. :fee:


Einspruch! Aber entschieden. Gegenbeweis: etwa die Arien aus der "Matthäuspassion" - und ungezählte aus den Kantaten. "Erbarme dich" als mediokren Melodie-Einfall zu bezeichnen - oder "Schlummert ein, ihr matten Augen" ...

Liebe Grüße Peter
.
Was ist die Neunte Symphonie neben einem Gassenhauer, den ein Leierkasten und eine Erinnerung spielen!

(Karl Kraus)

22

Mittwoch, 6. Oktober 2010, 16:17

Die Chaconne!


"Alles Syphilis, dachte Des Esseintes, und sein Auge war gebannt, festgehaftet an den entsetzlichen Tigerflecken des Caladiums. Und plötzlich hatte er die Vision einer unablässig vom Gift der vergangenen Zeiten zerfressenen Menschheit."
Joris-Karl Huysmans

23

Mittwoch, 6. Oktober 2010, 16:25

Mit Monteverdi ist es wie mit Wagner: So universell, daß er gruppenübergreifend ist. Kann seine Themen glänzend zurechtzimmern (übrigens auch viele mit Fanfarencharakter), ist aber obendrein ein verblüffender Melodiker, der gegen die Erwartungshaltung verstößt und schon dadurch (und nicht erst durch den Satz) ziemlich komplex wird. Die besten Beispiele dafür bieten die beiden letzten Madrigalbücher und die "Marienvesper".

Ich würde die fünfstimmigen Madrigale davon nicht ausschließen: sowohl "Zurechtzimmertes" wie auch "Verblüffendes" finden sich in sämtlichen Büchern beim Zweiten angefangen, und in den Vierten und Fünften nur recht.

LG
Tamás
:wink:
"Vor dem Essen, nach dem Essen,

Biber hören nicht vergessen!"


Fugato

24

Mittwoch, 6. Oktober 2010, 16:27

Welche Chaconne? ;+)

Jetzt geht aber doch einiges durcheinander, oder nicht? Erst wurde eine Dichotomie innerhalb der Komponisten vorgeschlagen, von denen die einen bereits ein musikalisch-strukturell reichhaltiges, zukunftsträchtiges und damit "interessantes" Thema kreieren, während die anderen innerhalb der Themen- oder auch Motivstruktur aus grobem Holze schnitzen und sich dafür an der Verarbeitung schadlos halten.

Abgesehen davon, daß bei solchen halbnormativen Unterteilungen auch immer die unterschiedlichen Ästhetiken der Zeiten hinzugezogen werden sollten, in denen die zur Debatte stehenden Komponisten jeweils geschrieben haben, kommt nun noch die rein persönliche Wertung mit ins Spiel, wessen Themen oder Melodien einem selbst an besten gefallen.

Ich verstehe ja nicht viel von Musiktheorie, aber ich kann erkennen, wenn Kategorien durcheinandergemixt werden, die man mit Vorteil trennen sollte. Oder liege ich da verkehrt?

Liebe Grüße,

Alex :wink:

"And in the end the love you take is equal to the love you make."

The Beatles - Abbey Road


25

Mittwoch, 6. Oktober 2010, 16:32

[...] z.B. Bach. Als reiner Melodiker wäre er sehr medioker [...]
Hier, liebe Fairy, muß ich Dir heftigst widersprechen: Für mich ist Bach einer der größten Melodiker überhaupt!!

:wink:
Ich dagegen gebe Fairy recht, ich empfinde es genauso. Wenn Spätbarock, dann halte ich vor allem die Italiener: Vivaldi, Caldara, Lotti oder A. Scarlatti, aber auch Händel für weit größere Melodiker als Johann Sebastian, obwohl der George Frederic auch durchaus geneigt war aus Banalem oder vorgekautem Material zu zimmern.

LG
Tamás
:wink:
"Vor dem Essen, nach dem Essen,

Biber hören nicht vergessen!"


Fugato

26

Mittwoch, 6. Oktober 2010, 18:23

Hab ich mir gedacht, dass mir die Bachianer (ich bin auch eine -und wie!!!) sofort vehement aufs Dach steigen! :thumbsup: Naklar gibt es auch schône Melodien bei Bach, ich denke gerade an das Thema der Goldberg-Variationen und Andras Schiff-, aber Bach als reiner Melodienkomponist ohne seine Komplexität der Verarbeitung dieser Melodien in Fugen, Variationen etc ist für mich vergleichsweise nichts Besonderes. (siehe auch Tschabs statement :wink: )
Bellini mit seinen Melodie lunghe ist zwar alles andere als komplex in der Verarbeitung, aber die Melodieeinfälle als solche reichen aus, um sein Genie zu begründen. Was m.E. für Schubert und Mozart genauso gilt, obschon die nun wirklich in beide Kategorien gehören.
Und was den Gesang angeht: Händel ist 100mal gesanglicher als Bach. Bach maltraitiert die Stimme als sei sie ein unverwüstliches Blasinstrument. (nee keine Oboe, die ist ja hochsensibel und nicht unverwüstliuch....) Eher wie eine Orgelpfeife.
Aber ehe ich mit Eisenacher Stienen beworfen werde, geb ich unumwunden zu, dass Bach einer der Grössten aller Zeiten ist. Für mich aber wegen seiner Komplexität und der "Meta-Physik" (Graf bitte Augen zu und durch) und nicht wegen der Melodik.
:fee: :hide:
Gracias a la vida!

27

Mittwoch, 6. Oktober 2010, 18:32

Und was den Gesang angeht: Händel ist 100mal gesanglicher als Bach. Bach maltraitiert die Stimme als sei sie ein unverwüstliches Blasinstrument. (nee keine Oboe, die ist ja hochsensibel und nicht unverwüstliuch....) Eher wie eine Orgelpfeife.

Da ich kein Sänger bin, wollte ich das nicht sagen, aber da stimme ich auch zu: Bach komponiere sehr instrumental denkend auf die menschliche Stimme. Der gesangliche melodische Fluss der italienischen Barockoper ist im sehr fern. Bei ihm ist ja eine Unisono Melodie als Arie, wie bei Händel unvorstellbar.

Das schmälert ja aber seine Größe nicht. So ist er eben nicht - er ist anders. Bach ist ja kein Absolutum, er muss nicht alles zusammen sein.

LG
Tamás
:wink:
"Vor dem Essen, nach dem Essen,

Biber hören nicht vergessen!"


Fugato

28

Mittwoch, 6. Oktober 2010, 18:57

. Bach ist ja kein Absolutum, er muss nicht alles zusammen sein.

LG
Tamás
:wink:
Erzähl das bloß keinem "Bach-ist-Gott-Bach-ist-alpha-und-omega-der-Musik"-Junkie. :D
Euer Essen stinkt. (calisto)

29

Mittwoch, 6. Oktober 2010, 19:03

. Bach ist ja kein Absolutum, er muss nicht alles zusammen sein.

LG
Tamás
:wink:
Erzähl das bloß keinem "Bach-ist-Gott-Bach-ist-alpha-und-omega-der-Musik"-Junkie. :D
:hide: Gibt's hier welche? :hide:


LG
Tamás
:wink:
"Vor dem Essen, nach dem Essen,

Biber hören nicht vergessen!"


Fugato

30

Mittwoch, 6. Oktober 2010, 19:17

Werter Graf,


Jetzt geht aber doch einiges durcheinander, oder nicht?


Jep!

Zitat

Erst wurde eine Dichotomie innerhalb der Komponisten vorgeschlagen, von denen die einen bereits ein musikalisch-strukturell reichhaltiges, zukunftsträchtiges und damit "interessantes" Thema kreieren, während die anderen innerhalb der Themen- oder auch Motivstruktur aus grobem Holze schnitzen und sich dafür an der Verarbeitung schadlos halten.


Soweit, so legitim.

Zitat

Abgesehen davon, daß bei solchen halbnormativen Unterteilungen auch immer die unterschiedlichen Ästhetiken der Zeiten hinzugezogen werden sollten, in denen die zur Debatte stehenden Komponisten jeweils geschrieben haben,


Sehe ich in diesem konkreten Fall nicht so und es wurden auch schon genug Beispiele gebracht, die zeigen, dass es zu verschiedensten Zeiten Komponisten beider „Kategorien“ gab.

Zitat

kommt nun noch die rein persönliche Wertung mit ins Spiel, wessen Themen oder Melodien einem selbst an besten gefallen.


Und genau hier springt der Punkt! :D
Was mich an diesem Thread zu stören beginnt, ist, dass melodische Komplexität von einigen (bewusst oder unbewusst) als Qualitätskriterium angesehen zu werden scheint, beziehungsweise, dass es gar nicht mehr um Komplexität, sondern um Qualität von Melodien geht.
Wenn ich aber zum Beispiel sage „Bachs Genialität liegt nicht in der Komplexität seiner melodischen Einfälle begründet“ (und das würde ich vielleicht sogar so sagen, auch wenn ich viel zu viele Werke Bachs nicht kenne) dann will ich damit doch nicht audrücken, dass Bach ein einfallsloser oder gar schlechter Komponist gewesen ist...


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31

Mittwoch, 6. Oktober 2010, 20:27

Pardon, aber hier geht es etwas durcheinander. Ich versuche einmal eine Klarstellung für den Eigenbedarf:
1) Die Qualität der Erfindung ist irrelevant für die Qualität des Komponisten. (ZB. ist Frederick Loewe ein besserer Melodiker als Beethoven, aber wir sind wohl einer Meinung, daß Beethoven der um etwas bessere Komponist ist.)
2) Der Thread befaßt sich mit der Komplexität der thematischen (und melodischen) Bildung, nicht aber mit der Ohrwurm-Qualität. Eine der komplexesten Melodien, da praktisch ohne Sequenzen und Entsprechungen ist "Durch die Wälder, durch die Auen". Sie besitzt dennoch Ohrwurm-Qualität. Das eine hat mit dem anderen also nichts zu tun.
3) Bach konnte aus einem Mist-Thema ein Gold-Werk spinnen, was das "Musikalische Opfer" beweist. Mitunter war er auch ein guter Melodiker. Da er jedoch stets zur Komplexität neigte, sind seine Melodien oft schwerer zu behalten und oft auch schwerer zu intonieren.
4) Der begnadetste Melodiker überhaupt war meiner Meinung nach Schubert. Ihm gelingen sowohl simple Bildungen als auch komplexe - beide haben meist die Qualität eines ursprünglichen Einfalls und klingen nicht nach Heimwerkerei. Es ist also beides möglich: Komplexes und Einfaches kann "Einfall" sein. Beides kann auch Handwerk sein. Der Unterschied besteht eher darin, ob die Regeln für ein markantes Thema (Quarten, Quinten, aufgefüllt durch Sekunden in Gegenrichtung) beachtet sind oder nicht. Taucht etwas Derartiges auf, ist's meist Handwerk, das erst durch die Verarbeitung zur Kunst wird. Ein "Lindenbaum" freilich bedarf keiner Verarbeitung mehr...
:wink:
Na sdarowje! (Modest Mussorgskij)

32

Mittwoch, 6. Oktober 2010, 20:52

Bach konnte aus einem Mist-Thema ein Gold-Werk spinnen, was das "Musikalische Opfer" beweist.
Ich finde das "Thema regium" ziemlich gut, jedenfalls weit vom "Mist" entfernt. Als Beleg für Deine These würde ich ehrlich gesagt eher das Plastik-Thema aus der "Kunst der Fuge" anführen, wenn ich mir denn sicher wäre, dass sie wirklich ein "Gold-Werk" ist :hide: .

Viele Grüße,

Christian

33

Mittwoch, 6. Oktober 2010, 20:53

Zitat

Wenn Spätbarock, dann halte ich vor allem die Italiener: Vivaldi, Caldara, Lotti oder A. Scarlatti, aber auch Händel für weit größere Melodiker als Johann Sebastian,



Mal abgesehen davon, ob hier in diesem Thread was durcheinandergeht oder nicht, ist es für mich hochinteressant, festzustellen, dass es tatsächlich sehr klassikbeschlagene Hörer gibt, die einen Vivaldi oder gar Lotti als Melodiker über J.S. Bach stellen. Eine Aussage wie die von Tamás hätte ich zuvor nicht für möglich gehalten (ich meine das ganz ohne jede Wertung!); hier wird wieder einmal klar, wie unterschiedlich die Wege der Wahrnehmung nebst dem daraus resultierenden Urteil verlaufen können.

Zitat

Die Qualität der Erfindung ist irrelevant für die Qualität des Komponisten. (ZB. ist Frederick Loewe ein besserer Melodiker als Beethoven, aber wir sind wohl einer meinung, daß Beethoven der um etwas bessere Komponist ist.)


Da bin ich in keinem Punkt einverstanden. Zum einen halte ich im Vergleich zu F. Loewe Beethoven für den deutlich *besseren* Melodiker, zum anderen ist die Qualität der Erfindung in meinen Augen nicht ganz unmaßgeblich für den Rang eines Komponisten... :hide:

Viele Grüße

Bernd

34

Mittwoch, 6. Oktober 2010, 21:04

Bach konnte aus einem Mist-Thema ein Gold-Werk spinnen, was das "Musikalische Opfer" beweist.
Ich finde das "Thema regium" ziemlich gut, jedenfalls weit vom "Mist" entfernt. Als Beleg für Deine These würde ich ehrlich gesagt eher das Plastik-Thema aus der "Kunst der Fuge" anführen, wenn ich mir denn sicher wäre, dass sie wirklich ein "Gold-Werk" ist :hide: .

Viele Grüße,

Christian

Lieber Christian,

das "Plastik-Thema" der KdF hat seine eher einfache Gestalt natürlich daher, daß das Thema Bach alle kontrapunktischen Kunststücke gestatten sollte. Und ja, die KdF ist ein "Gold-Werk" - wenn Du mir nicht glaubst, kann ich die exzellente Einspielung mit Deinem Kollegen Koroliov sehr empfehlen. ;+)

LG :wink:

P.S.: Beim "Thema regium" stimme ich Dir zu!
"Was Ihr Theaterleute Eure Tradition nennt, das ist Eure Bequemlichkeit und Schlamperei." Gustav Mahler

35

Mittwoch, 6. Oktober 2010, 21:31

das "Plastik-Thema" der KdF hat seine eher einfache Gestalt natürlich daher, daß das Thema Bach alle kontrapunktischen Kunststücke gestatten sollte. Und ja, die KdF ist ein "Gold-Werk" - wenn Du mir nicht glaubst, kann ich die exzellente Einspielung mit Deinem Kollegen Koroliov sehr empfehlen. ;+)
Mir ist schon klar, warum das Thema so einfach gestrickt ist. Meine Probleme mit der Kunst der Fuge liegen auch definitiv nicht an mangelhaften Einspielungen (wenn ich mich sogar bei Grigory Sokolov langweile, dann ist wohl nichts mehr zu machen...) sondern zweifelsfrei an mir. Weil es hier nicht zum Thema gehört, nur ganz kurz: Ich finde schon die ganze Anlage, nur ein einziges, langweilig neutrales, geradezu "geschlechtsloses" Thema zu nehmen, um dann damit zu zeigen, was für ein toller Kompositions-Hecht man ist, geradezu abstoßend. Spätestens, wenn Contrapunctus 3 mit der Umkehrung beginnt, rutsche ich zum ersten Mal nervös auf meinem Stuhl hin und her... Mir sind die liebsten Bach-Fugen meist die eher freien, manchmal sogar verspielten, wie etwa die wunderbar leichte, gleichermaßen sangliche und tänzerische in Fis-Dur aus dem WK I, oder die rasante zweistimmige in e-moll. Auf "Angeber-Fugen" wie die für Violine solo (vor allem die schier endlose in C-Dur, bei der, wenn man glaubt, es endlich geschafft zu haben, noch einmal alles in Umkehrung durchgenudelt wird) kann ich, es sei offen zugegeben, gut verzichten.

Viele Grüße,

Christian

36

Mittwoch, 6. Oktober 2010, 21:31

Zitat

Wenn Spätbarock, dann halte ich vor allem die Italiener: Vivaldi, Caldara, Lotti oder A. Scarlatti, aber auch Händel für weit größere Melodiker als Johann Sebastian,



Mal abgesehen davon, ob hier in diesem Thread was durcheinandergeht oder nicht, ist es für mich hochinteressant, festzustellen, dass es tatsächlich sehr klassikbeschlagene Hörer gibt, die einen Vivaldi oder gar Lotti als Melodiker über J.S. Bach stellen. Eine Aussage wie die von Tamás hätte ich zuvor nicht für möglich gehalten (ich meine das ganz ohne jeden Wertung!); hier wird wieder einmal klar, wie unterschiedlich die Wege der Wahrnehmung nebst der daraus resultierenden Wertung verlaufen können.


Ich mache keinen Hehl daraus, dass ich - trotz meiner großer Liebe zu Barock- und Renaissance-Musik mit Bach oft sehr schwer tue. Zahlreiche seiner Stücke konnte ich erst nur nach zigmaligem Hören und Auseinandersetzungsversuchen (boah, was für ein Wort...) schätzen lernen, und wirklich an das Herz gewachsen sind mir nur sehr wenige seiner Meisterwerke (das sie welche sind geb ich aber ohne zögern zu).

LG
Tamás
:wink:
"Vor dem Essen, nach dem Essen,

Biber hören nicht vergessen!"


Fugato

37

Mittwoch, 6. Oktober 2010, 21:46

das "Plastik-Thema" der KdF hat seine eher einfache Gestalt natürlich daher, daß das Thema Bach alle kontrapunktischen Kunststücke gestatten sollte. Und ja, die KdF ist ein "Gold-Werk" - wenn Du mir nicht glaubst, kann ich die exzellente Einspielung mit Deinem Kollegen Koroliov sehr empfehlen. ;+)
Mir ist schon klar, warum das Thema so einfach gestrickt ist. Meine Probleme mit der Kunst der Fuge liegen auch definitiv nicht an mangelhaften Einspielungen (wenn ich mich sogar bei Grigory Sokolov langweile, dann ist wohl nichts mehr zu machen...) sondern zweifelsfrei an mir. Weil es hier nicht zum Thema gehört, nur ganz kurz: Ich finde schon die ganze Anlage, nur ein einziges, langweilig neutrales, geradezu "geschlechtsloses" Thema zu nehmen, um dann damit zu zeigen, was für ein toller Kompositions-Hecht man ist, geradezu abstoßend. Spätestens, wenn Contrapunctus 3 mit der Umkehrung beginnt, rutsche ich zum ersten Mal nervös auf meinem Stuhl hin und her... Mir sind die liebsten Bach-Fugen meist die eher freien, manchmal sogar verspielten, wie etwa die wunderbar leichte, gleichermaßen sangliche und tänzerische in Fis-Dur aus dem WK I, oder die rasante zweistimmige in e-moll. Auf "Angeber-Fugen" wie die für Violine solo (vor allem die schier endlose in C-Dur, bei der, wenn man glaubt, es endlich geschafft zu haben, noch einmal alles in Umkehrung durchgenudelt wird) kann ich, es sei offen zugegeben, gut verzichten.

Viele Grüße,

Christian

Hallo Christian,

ohne jetzt das OT vollenden zu wollen, aber die achte Fuge aus der KdF sagt Dir auch nichts? Das ist für mich eines der größten Wunderwerke der Klavierliteratur überhaupt. Na ja, Geschmäcker können halt verschieden sein...

LG :wink:
"Was Ihr Theaterleute Eure Tradition nennt, das ist Eure Bequemlichkeit und Schlamperei." Gustav Mahler

38

Mittwoch, 6. Oktober 2010, 21:49

Uh, mein von Tamás eingestelltes Zitat mag ich ja gar nicht anschauen - da habe ich ja mal wieder ein gar grausliges Deutsch verbrochen :schaem:!

Tamás, mir hat es Bach auch nicht ganz einfach gemacht. Ich erinnere mich noch gut an eine Klavierstunde, in der ich meinem Lehrer erklärte, die Musik des Thomaskantors sei für mich mehr Mathematik als wirkliche Musik. Heute sehe ich das ganz anders, weiß aber nicht, ob ich ohne das ständige Spielen der Bachschen Kantilenen auf dem eigenen Blasinstrument jemals von meinem alten Standpunkt losgekommen wäre.

Hingegen fehlt mir immer noch jeglicher melodischer (!) Draht zu Scarlatti. Dessen Musik/Melodik wirkt auf mich wie Kisuaheli - wobei ich mir ebenso wie Christian einige Zeilen zuvor im Falle der "Kunst der Fuge" (die ich im Gegensatz zu anderen Bachschen Werken auch nur als Ausführender, nicht als Hörer liebe) darüber klar bin, dass dies primär mit meiner Wahrnehmung anstatt mit der generellen Qualität von Scarlattis Kompositionen zu tun hat.

Zitat

Mir sind die liebsten Bach-Fugen meist die eher freien, manchmal sogar verspielten, wie etwa die wunderbar leichte, gleichermaßen sangliche und tänzerische in Fis-Dur aus dem WK I, oder die rasante zweistimmige in e-moll. Auf "Angeber-Fugen" wie die für Violine solo (vor allem die schier endlose in C-Dur, bei der, wenn man glaubt, es endlich geschafft zu haben, noch einmal alles in Umkehrung durchgenudelt wird) kann ich, es sei offen zugegeben, gut verzichten.


Christian, manchmal vertreten wir ja doch eine ähnliche Position... :D

Beste Grüße

Bernd

39

Mittwoch, 6. Oktober 2010, 22:20

Spätestens, wenn Contrapunctus 3 mit der Umkehrung beginnt, rutsche ich zum ersten Mal nervös auf meinem Stuhl hin und her...
Der Zyklus war vielleicht auch eher als "Stückesammlung" gedacht, und nicht als geschlossenes Werk, das am besten in einem Rutsch durchzuhören bzw. zu -spielen ist...
wellen unterschiedlicher frequenz und töne verschiedener höhe

40

Mittwoch, 6. Oktober 2010, 22:27

ohne jetzt das OT vollenden zu wollen, aber die achte Fuge aus der KdF sagt Dir auch nichts? Das ist für mich eines der größten Wunderwerke der Klavierliteratur überhaupt. Na ja, Geschmäcker können halt verschieden sein...
Nein, die ist zugegeben großartig. Natürlich ist es nicht so, dass mir die ganze KdF "nichts sagt", ich habe wie gesagt nur mit der Grundidee und bei manchen Stücken Probleme. Vor allem mit dieser etwas eitlen "Gelehrsamkeit" am belanglosen Objekt: Mir kommt das so vor, als ob ein Redner absichtlich ein nichtssagendes Thema für eine Rede wählt, um zu zeigen, welch glanzvoller Rhetoriker er ist.

Viele Grüße,

Christian

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