Nun aber zu der versprochenen Detailanalyse:
ERSTER AKT
Der süffig-verführerische Charakter der Musik wird schon in der Potpourri-Ouvertüre deutlich, in der wir erstmals der bezaubernden Titelmelodie begegnen, die wir, ebenso wie die mit dem Namen Laoula verbundene Tonfolge, noch öfter hören werden. Als Anhänger Wagners kannte Chabrier natürlich die Idee des Leitmotivs. Sein freier Gebrauch davon ähnelt aber eher dem der Idée fixe eines Berlioz.
Die Ouvertüre beginnt eher konventionell mit ein paar Marschtakten, überrascht dann aber schon mit einer ganz anderen Wendung und warnt uns, dass hier - im Gegensatz zum Libretto - musikalisch nichts so laufen wird, wie man es erwartet. Nicht von ungefähr wurde Chabrier mehrfach dazu angehalten, "einfacher" zu schreiben, weil die Musiker und Sänger des Ensembles der Bouffes Parisiennes schon protestierten, wenn eine zweite Strophe anders lief als die vorherige, und mit Arbeitsverweigerung drohten, als sie die Partitur einstudierten. Damit hatten sie allerdings auch den Ehrgeiz des Direktors gereizt, der sich nicht nachsagen lassen wollte, seine Musiker seien schlechter als andere. Es wurden also viele zusätzliche Proben genehmigt, die auch nötig waren. Für unsere heutigen Ohren mag das überraschend sein, aber je mehr man in das Detail schon der Ouvertüre schaut, um so erstaunlicher erscheinen die immer neuen Überraschungen, die dennoch so zwangsläufig klingen, als könnten sie gar nicht anders. Schon deshalb verdient auch diese Ouvertüre, wie alle Orchesterstücke von Chabrier, einen häufigeren Einsatz im Konzert.
Der erste Akt beginnt in einem morgenländischen Königreich, dessen Herrscher König Ouf I. die Angewohnheit hat, sich am Vorabend seines Geburtstages inkognito unter das Volk zu mischen um jemanden zu finden, der etwas Schlechtes über den König sagt. Dieser wird nämlich anderntags öffentlich gefoltert und hingerichtet - ein Vergnügen, das Oufs Volk als festen Höhepunkt seiner Geburtstagsfeiern erwartet. Das Volk aber ist gewarnt, und in einem komisch-verschwörerischen Chor warnt man einander zur Vorsicht (
Mélons-nous).
In diese bedrohliche Stimmung geraten die nichtsahnenden Gesandten des Nachbarkönigs, Hérisson de Porc-Epic (Stachelschwein) und sein Sekretär Tapioca, der mit Hérissons Frau Aloes, der Vertrauten der ebenfalls mitgereisten Prinzessin Laoula, ein Verhältnis pflegt. Laoula soll mit Ouf verheiratet werden um zwischen den verfeindeten Nachbarn Frieden zu stiften und einen gemeinsamen Erben hervor zu bringen. Zunächst aber wollen sie inkognito bleiben um sicher zu stellen, dass in dem Land alles mit rechten Dingen zugeht. Auch ihr, mit Dialogpassagen unterbrochenes, Quartett
(Nous voyageons incognito) zerstört schnell alle Erwartungen auf einen vorhersehbaren Ablauf, denn es folgt vor allem der Sprachmelodie und unterstreicht den Witz der Situation, zumal Laoula erst jetzt den eigentlichen Zweck der Mission erfährt, mit dem sie natürlich überhaupt nicht einverstanden ist.In diese Gemengelage tritt (bei Gardiner) der nichtsahnende Straßenhändler Lazuli mit einem Auftrittslied, das nichts mehr mit den schlichten Auftrittscouplets anderer Operetten zu tun hat. Lazuli ist müde und will sich in seinem Karren schlafen legen. Zuvor aber beschwört er den hellsten Stern
(O petite étoile), ihm zu sagen, ob seine Träume in Erfüllung gehen werden. Dieses nur oberflächlich schlichte, tatsächlich aber beständig modifizierte Strophenlied ist von einer dermaßen bezaubernden Aura, dass ich es nur mit dem wunderschönen Lied an den Mond aus Dvoraks RUSALKA vergleichen kann. Schon deshalb ist die Entscheidung, es von einer Frauenstimme singen zu lassen, mehr als gerechtfertigt, weil der normale französische Operettentenor kaum in der Lage ist, die Innigkeit und Unschuld dieser Traumbeschwörung einzufangen. Colette Alliot-Lugaz macht das in der Lyoner Aufnahme traumhaft. Man kann es hier in einem Ausschnitt aus der Pariser Aufführung hören und sehen: "http://www.youtube.com/watch?v=KayhpIWFuog&feature=related". Es gibt das Lied auch in einer, auf YouTube leider total übersteuerten, konzertanten Darbietung von Patricia Petibon, die sich aber ihrer fantastischen Interpretation wegen trotzdem anzuhören lohnt, obwohl es weh tut: „http://www.youtube.com/watch?v=VtjzXyydatw&feature=related%E2%80%9C'"
Während Lazuli schläft, kommen die abenteuerlustigen Laoula und Aloes hinzu und beschließen, den hübschen Fremden zu kitzeln um ihn aufzuwecken
(Il faut le chatouiller). Diese etwas konventionellere Nummer beginnt wie ein neckisches Duett aus Humperdincks HÄNSEL UND GRETEL, wo sie nicht deplatziert wäre, bricht dann aber immer wieder in scheinbar freie Extemporés aus, die es immer näher an die komplexere Stimmführung der scherzenden Frauen von Verdis - formal strengeren - FALSTAFF rücken. Auch dieses Duett vermag zu bezaubern, ist aber nur eine Zwischenstation zu dem ursprünglichen Auftrittslied Lazulis
(Je suis Lazuli), das nur noch in dem konventionellen Text an ein gewöhnliches Auftrittscouplet in der Tradition Offenbachs erinnert. YouTube bietet es in einer historischen Aufnahme mit Fanely Revoil: „http://www.youtube.com/watch?v=F6k74VyUkjM%E2%80%9C".
Es beginnt wie ein munteres Vorstellungscouplet im Stil Offenbachs, kippt aber schon nach wenigen Takten in eine, dem Dialog folgende, intensive Anmache um. Lazuli verkauft nämlich alles, was Frauen Freude macht. Urplötzlich bahnt sich Chabriers Liebe zur Prosodie ihren Weg. Auch darin bleibt er seinem Vorbild Wagner treu, dem ebenfalls der Text oft wichtiger war als die geschlossene melodische Form. Der weit ältere Verdi, der Chabrier dennoch überlebte, fand erst in seinen späten Opern zu einer derartigen Differenzierung, wie Chabrier sie bereits in seinem ersten Bühnenwerk praktizierte. Es war die Nutzung von Freiheiten wie diese, die seinen Komponistenkollegen immer wieder große Bewunderung abgenötigt haben.
Dann endet die erst Strophe so munter, wie sie begann. Wir sind aber wieder mal vorgewarnt, und auch Orchester und Sänger(innen) müssen aufpassen wie Schießhunde. Bequem ist das nicht, aber ungemein reizvoll. Man darf sich bei Chabrier nie einfach zurücklehnen um den erwarteten Fortgang eines Stückes zu genießen. Es folgt ein typisches Listenlied. Kaum hat man sich jedoch behaglich darin eingerichtet, kommt eine weitere, noch überraschendere Wendung, ein kleiner Marsch, mit dem Lazuli behauptet, dass dank seiner raffinierten Kosmetik Mutter und Tochter wie Schwestern aussähen. Es folgt eine Wiederholung, aber auch das nur scheinbar, denn winzige Veränderungen, die auf den Text Rücksicht nehmen, zeigen immr wieder, dass Wiederholungen für Chabrier alles andere als Routine sind.
Nach diesen ausführlichen Expositionsteilen folgt sofort das große erste Finale: Herisson de Porc-Epic kehrt zurück um die Frauen zu holen und gibt Laoula als seine Gattin aus, zerrt sie aber davon, bevor sie protestieren kann. Lazuli ist am Boden zerstört, hat also genau die richtige Laune für den noch immer verkleideten Ouf, der ihn heuchlerisch befragt, was er von der Regierung halte. Wütend über die für ihn völlig irrelevante Frage, verpasst ihm Lazuli eine Ohrfeige. Nun enthüllt sich Ouf in seiner ganzen künstlichen Empörung und echten Grausamkeit. Er hat sein Opfer für die Tortur und anschließende Hinrichtung gefunden. Lazuli ist der Tod egal. Die Frau, die er liebt, ist verheiratet, sein Leben hat keinen Sinn mehr.
Auch das Volk freut sich und gibt in einer raffiniert-mutierten Neuauflage eines Motivs von FISCH-TON-KAN, dem Operettenfragment, das Chabrier nach einem Libretto Paul Verlaine vertont hatte, mit einer Pseudoklage Ausdruck, deren munterer Rhythmus sein angeblich so entsetztes Mitgefühl Lügen straft. Der Höhepunkt ist dann die nicht weniger verlogene, geradezu süßlich walzernde Einladung Oufs an Lazuli, es sich auf dem Folterstuhl bequem zu machen.
Donnez-vous la
Donnez-vous la
Donnez-vous la
Peine de vous assoir
Mon bon ami, vous allez voir.
(
Macht euch das Vergnügen, euch zu setzen, lieber Freund, und ihr werdet schon sehen).
Das Wortspiel um die Pein ist sicher kaum zufällig gewählt.
Beim Lesen dieser Zeilen meint man, ganz von selbst auf die Melodie zu kommen, auf die Chabrier verfiel, aber das stimmt natürlich nicht. Man hat sich nur wieder von Chabriers Talent einfangen lassen, seine höchst komplexe Musik dem Wort anzupassen und ihrer Komplexität eine Tarnkappe vermeintlicher Schlichtheit überzuziehen. Jeder andere, auch Offenbach, hätte hier wahrscheinlich ein im engsten Wortsinn fürchterliches Theater veranstaltet, nicht aber der an und mit Verlaine geschulte Chabrier. Nicht zum ersten und letzten Mal, hier aber besonders deutlich, erzielt Chabrier einen höchst komischen, aber auch nachhaltig erschreckenden Effekt durch die Kontrastierung des Textinhalts mit der Wahl seiner Mittel.
In diesem schon recht extremen Fall ist sie nicht weniger grotesk, aber mindestens so hintersinnig wie Johann Strauß' genialer Walzer aus SIMPLICIUS, mit dem er das Massenschlachten des Dreißigjährigen Krieges zelebriert. Augenblicke höchster Grausamkeit kann man eben auch musikalisch oft nur durch die sarkastische Ausformulierung ihres genauen Gegenteils kennzeichnen. Sowohl Chabrier als auch Strauß, der aber die Hilfe eines Regisseurs braucht um seinem Publikum auf die Sprünge zu helfen, waren mit diesem Verfremdungseffekt ihrer Zeit mindestens ein halbes Jahrhundert voraus.
Das Thema dieses großen Ensembles bestimmt den Rest des Finales. Oufs Hofastrologe Siroco kommt aufgeregt hinzu und berichtet Ouf, dass das Schicksal des jungen Mannes mit dem seinen untrennbar verbunden sei, denn Ouf müsse 24 Stunden nach dessen Tod sterben, und er, der Astrologe selbst, nur 15 Minuten danach. Beide haben also allen Grund, Lazuli zu verwöhnen statt zu töten. Nunmehr wird das trügerische Lied mit seinem passenden Inhalt gefüllt. Ouf lässt Lazuli vom Folterstuhl in eine Sänfte und in seinen Palast bringen. Laoula ist verräterisch erfreut darüber. Das Volk aber ist enttäuscht, fast wütend, dass es heuer keine Hinrichtung geben wird. Als braves Volk und eingedenk der beständigen Gefahr, selbst auf dem Folterstuhl zu landen, beteiligt es sich jedoch an Oufs Einladung:
Donnez-vous la...
Man hört: nicht nur das Orchester und die Solisten, auch der Chor muss höchsten Ansprüchen gerecht werden, wenn diese nur scheinbar harmlose Operette angemessen umgesetzt werden soll. Hier hat Gardiners Einspielung gegenüber den Rundfunkaufnahmen, die ich kenne, ihre besonderen Stärken. Mag ihr manchmal der letzte Schwung, auch eine gewisse Leichtigkeit fehlen, die Differenzierungen der Partitur sind bei ihm und seinem Ensemble in besten Händen.
Fortsetzung folgt

Rideamus