Meine Lieben,
Gerechterweise müßte man dem Namen Strauß auch jenen Adolf Müllers anfügen, der im Einverständnis mit dem Komponisten das geniale Arrangement der Melodien bewältigte. Der alte und bald todkranke Strauß fühlte sich dazu nicht mehr imstande, erlebte die Premiere am 26.Oktober 1899 auch nicht mehr. Eine Enttäuschung weniger für ihn, muß man sagen, denn die Wiener brauchten Zeit, um dieses Werk unter ihre besonderen Lieblinge aufzunehmen. Heute zählt "Wiener Blut" zu den wenigen Dauerbrenner-Operetten, die immer wieder aufgeführt werden. Allerdings mitunter in recht verballhornter Form. Nicht jeder hat eben so ein geniales Gespür wie Ernst Marischka und Willi Forst, deren alter Schwarzweißfilm von 1942

nach wie vor zu den unsterblichen Genieleistungen des Mediums gehört (und ich kann mich jetzt täuschen, aber ich glaube, da hört man auch die Stimme der Cebotari).
Unter den Audio-Einspielungen dominiert natürlich die Robert-Stolz-Aufnahme von 1965 mit Schock, Güden, Schramm, Kusche, Lipp, Gruber

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doch hat auch die Ackermann-Aufnahme von 1954 mit Dönch, Schwarzkopf, Gedda, Köth, Loose, Kunz

nicht ohne Grund ihre fanatischen Anhänger,
während die EMI-Aufnahme mit der Rothenberger hier nur in weitem Abstand zu nennen ist und daher von mir heute kein Bild bekommt.
Bei den DVDs gibt es den ganz hübschen Film von 1972 mit Hallstein und Kollo (und einem Teil der Stolz-Besetzung)

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bei dem Anton Paulik dirigiert,
und nicht weniger als drei Mörbischer Produktionen, von denen ich diesmal die Produktion von 1994 herausgreifen möchte:
Ich besitze nicht diese Edition, sondern die von am@do/cascade (2001), nehme aber nicht an, daß wesentliche Unterschiede bestehen.
Gespielt wird hier eine Bearbeitung von Alexander Waechter, der auch Regie führte. Waechter ist ein Profi, der sich schon wiederholt bewährt hat, aber diesmal hat er keine besondere Leistung zustandegebracht. Er vergröbert und verblödelt und deformiert den Stoff so sehr, daß alle die Feinheiten und Ironismen verlorengehen und meist nur plumper Vorstadthumor überbleibt. "Wiener Blut" à la Löwinger (oder Millowitsch). Damit ruiniert man auf die Dauer, das was man doch eigentlich schätzt (denn daß Intendant Harald Serafin die Operette liebt, steht unzweifelhaft fest, ebenso wie seine Verdienste um sie). Mörbisch hat schon Besseres gesehen (aber auch, das sei zugestanden, viel Schlechteres). Eine in manchem ganz attraktive Ausstattung und das Engagement einiger Protagonisten reißen die Aufführung doch in mancher Beziehung heraus. Es bleiben aber manche Längen und die Handlung läßt teilweise den Schwung vermissen. Auch von Johannes Wildner, dem Dirigenten, habe ich schon überzeugendere Leistungen im Ohr. Er bietet routinierten Strauß, aber eien Spur zu "letschert". das fällt nicht zuletzt deswegen auf, weil als Bonus bei meiner Ausgabe der Bozener Strauß-Film von 1999 beigegebn ist, und da führt besonders Alfred Eschwé meisterhaft vor, wie man Strauß dirigieren muß.
Nun zu den Protagonisten: Peter Matic ist ein großartiger Schauspieler, den ich sehr mag und der auch über eine überdurchschnittliche Stimmgbegabung verfügt. Trotzdem ist er kein "Voll"-Sänger, und ich denke immer an den unvergleichlichen Benno Kusche zurück, der der Rolle des des bornierten Premierministers auch das nötige akustische Profil verlieh. Aber ich gebe zu, daß ich über die virtuosen Tölpeleien Matics auch lachen muß.
Den Grafen Zedlau gibt Herbert Lippert, den ich im Radio immer gern gehört habe, dem aber die Bühnenausstrahlung weitgehend fehlt. Man glaubt ihm weder den Weltmann noch das erworbene Wiener Blut, sondern er bleibt ein blaß-gehemmter Reuß-Schleiz-Greizer. Eine ganz hübsche Stimme, aber er macht nicht viel daraus.
Martina Serafin als Gräfin Gabriele bemüht sich hingegen erfolgreich, echte Operettenkultur einzubringen und ist ein Lichtblick der Aufführung.
Ulrike Steinsky als Demoiselle Cagliari wurde vom Regisseur dazu verurteilt, eine hysterische Nudel zu geben, und entledigt sich dieser Aufgabe mit aufopferndem Temperament. Freilich lassen sich für mein Gefühl Abnützungserscheinungen dieser früheren Prachtstimme nicht überhören.
Ute Gfrerer als Pepi Pleiniger ist durchaus eine Idealbesetzung, sie singt und spielt herzerfrischend. Für den vulgären Ton, der ihr auferlegt ist, kann sie nichts.
Auch Alfred Pfeifer als Josef macht seine Sache nicht schlecht, ist aber auch jeder differenzierenden Nuancen beraubt.
Als Kagler hat man sich Teddy Podgorski geholt, nicht nur ein langjähriger Fernsehintendant, sondern auch ein glänzender Schauspieler, der hier einen gealterten Vorstadt-Strizzi derbster Art markieren muß. Da hilft auch eine Wiener-Lied-Einlage nicht, bei der er zeigt, was er alles sonst draufhätte. Wäre nicht seine unleugbare Ausstrahlung, müßte man teilweise von Schmiere sprechen.
Rainer Spechtl mimt überzeugend einen rüpelhaften Kutscher, Volker Wahl muß leider einen trotteligen preußischen Adjutanten darstellen (und hier wird's mir eindeutig zu primitiv - nichts gegen Piefke-Verulkung, aber sie muß mit liebenswürdigem Witz erfolgen [wer je Friedrich Schwardtmann in Roda-Rodas "Feldherrnhügel" erlebt hat, wird mich verstehen]).
Liebe Grüße
Waldi