"Im Salzkammergut, da kann man gut lustig sein" - "Das weiße Rößl", eine gnadenlose Kitschorgie? Oder eine Satire auf den Kitsch? Und überhaupt: Was hat der Benatzky sonst noch geschrieben? Ein Komponist am Ende, aus dem man nicht ganz schlau werden kann oder doch nur ein Diener am schlechten Geschmack? Einfach macht er es wirklich nicht!
Biografisches
Ralph Benatzky wird am 5. Juni 1884 in Mährisch Budwit geboren und auf den Namen Rudolph Josef František Benatzky getauft. Seine Staatsbürgerschaft ist österreichisch. Er tritt 1899 in die k.u.k. Kadettenanstalt in Wien ein und macht beim Militär eine bescheidene Karriere, ehe er 1909 krankheitsbedingt in den Ruhestand versetzt wird.
Er studiert in Prag und Wien Germanistik, Philosophie und Musik, Komposition u.a. bei Antonín Dvořák. 1910 promoviert er mit einer Arbeit über Goethe und das Volkslied in Wien zum Doktor der Philosophie.
Als Komponist tritt er erstmals im Wiener Kabarett „Hölle“ in Erscheinung, wo seine Chansons gesungen werden. Er nennt sich ab jetzt Ralph Benatzky. Ab 1912 leitet er das Kabarett „Bonbonniere“ in München, bis er 1914 Co-Direktor der „Bunten Bühne Rideamus“ in Wien wird. Benatzky versorgt das Kabarett mit witzigen Chansons zu denen er auch die Texte liefert. Am 4. Oktober 1909 heiratete er die Sängerin und Schauspielerin Fédi Férard, die Ehe wird fünf Jahre später wieder geschieden.
1914 lernt er Josma Selim kennen. Er wird deren Hauptkomponist, Klavierbegleiter und am 15. November 1914 Ehemann.
Nach einigen Operetten und vielen Chansons beginnt mit der Revue "An alle" im Großen Schauspielhaus in Berlin Benatzkys Zusammenarbeit mit dem Regisseur Erik Charell. Für ihn komponiert er drei sogenannte „Revueoperetten“: "Casanova" (1928), "Die drei Musketiere" (1929) und jenes Werk, das ihm Weltruhm sichert: "Im weißen Rößl" (1930). 1932 verläßt Benatzky Berlin und zieht mit seiner mittlerweile dritten Ehefrau in die Schweiz. Er hat vor dem aufstrebenden Nationalsozialismus Angst, den er kommentiert: „‚Urgermanen‘ mit Wampe und Nackenspeck, mit rückwärts rasiertem und oben hahnenkammartig durch eine Scheitelfrisur gekrönte Schädel, arisch-arrogant, provinzlerisch gackernd.“
Benatzky hakt die große Revueoperette mit ihrer glanzvollen Ausstattung ab und macht sich an intimere musikalische Lustspiele, deren Texte er selbst verfasst: "Adieu Mimi" (1926), "Meine Schwester und ich" (1930), "Bezauberndes Fräulein" (1933) und "Das kleine Café" (1934). "Axel an der Himmelstür" im Theater an der Wien (1936) sichert einer Schwedin namens Sara Stina Hedbergden, die sich Zarah Leander nennt, den ersten Erfolg außerhalb Skandinaviens. Als sie für Filmrollen engagiert wird, besteht sie auf Benatzky als Komponisten. Er schreibt für sie "Yes, Sir!" und "Ich steh im Regen".
Nachdem er einen Vertrag mit Metro-Goldwyn-Mayer abgeschlossen hat, verläßt Benatzky 1938 die Schweiz und geht nach Hollywood. Die Arbeitsbedingungen erweisen sich für ihn jedoch als dermaßen frustrierend, daß er den Vertrag auflöst: "Es war Alles umsonst! Ich passe nicht herein in dieses Milieu von Theater-Gangstern und billigen, skrupellosen Nur-Job-Haschern." Er will zurück in die Schweiz, doch die Staatsbürgerschaft wird ihm verweigert. So emigriert er 1940 endgültig in die USA und hält sich mit Live-Dirigaten für den Radiosender Whom über Wasser. Er übersetzt Werke amerikanischer Autoren, u.a. "Porgy and Bess" und William Somerset Maughams Memoiren "Rückblick auf mein Leben" ins Deutsche.
1948 läßt sich Benatzky in Zürich nieder. 1953 entsteht sein autobiografisch gefärbter Roman "In Dur und Moll". Er stirbt am 16. Oktober 1957 in Zürich und wird auf eigenen Wunsch in Sankt Wolfgang im Salzkammergut, dem Spielort seiner Operette "Im weißen Rößl", begraben.
Kurioses
Ralph Benatzky war für die Nationalsozialisten ein rotes Tuch. Bereits 1933 liefen die NS-Zeitungen gegen "den Juden" Benatzky Sturm. Allerdings irrten sie sich: Benatzky hatte zwar mit jüdischen Künstlern zusammengearbeitet, und auch seine dritte Frau war Jüdin, doch er selbst war kein Jude. Nach einiger Zeit merkten es auch die Nationalsozialisten, und Benatzky durfte für den Ufa-Film "Zu neuen Ufern" (1937) die Musik schreiben - freilich nur, weil Zarah Leander es so wollte, und die Nationalsozialisten schon in diesem Film ganz auf die Schwedin setzten. Dann erhielt Benatzky das Angebot, weiterhin für die Ufa zu arbeiten, aber nur, wenn er einen Ariernachweis erbrächte. Benatzky reagierte nicht und verließ Europa in Richtung Hollywood. Als die Nationalsozialisten das merkten, kam es zu einem endgültigen Aufführungsverbot von Benatzkys Werken in Deutschland, wo das "Weiße Rößl" bereits wegen seiner jüdischen bzw. im Fall von Robert Stolz, NS-feindlich eingestellten Mitautoren verboten war.
Einen Fan hatte Benatzky bis zu diesem Zeitpunkt in Propagandaminister Joseph Goebbbels, der sich im Juli 1933 mehrfach rühmte, Benatzkys Rehabilitierung durchgesetzt zu haben.
Die Musik
Ausgerechnet ein Werk, das Benatzky selbst nicht einmal besonders schätzte, wird zu seinem größten Erfolg: "Das weiße Rößl". Fortschrittliche Kritiker verurteilen es heute noch als Kitschorgie. Und verkennen dabei, oft in Unkenntnis anderer Werke Benatzkys, den wahren Charakter dieser Operette. Benatzky war ein Meister der Satire, seine Chansons sind frisch und frech, die Musik in seinen Operetten ist pointiert und geistreich, man achte etwa auf die Überspitzungen von Melodietypen. Obwohl "Das weiße Rößl" bereits einen eigenen Thread hat, möchte ich hier kurz auf dieses Werk eingehen, um zu zeigen, wie Benatzky arbeitet. Nehmen wir den Schlager "Im Salzkammergut, da kann man gut lustig sein": Benatzky beginnt mit einer Pseudo-Volksmusik von gnadenloser Banalität. Doch dann geschieht ein kleines Wunder: "Es blüht der Holunder / Den ganzen Sommer mitunter,/ Jedoch die Liebe,/ Die blüht s'ganze Jahr" entwickelt sich zur schwärmerischen Kantilene, und nur der Rhythmus im Orchester festigt den Hinweis, daß wir es mit einer Operette zu tun haben. Dann kippt das Ganze wieder in die groteske Volksmusik um, als wolle Benatzky den Zuhörer mit der Nase darauf stoßen, was echter volkstümlicher Ausdruck und was verlogene Volkstümlichkeit ist, und daß die Zweitgenannte die Nase vorn hat, weil sie einfach lauter und deftiger auftritt.
Einen anderen Fall haben wir in "Es muss was Wunderbares sein": Benatzky schreibt hier eine schwungvolle, rhythmisch pointierte Melodie, deren Besonderheit darin besteht, daß wohl jeder andere Komponist die Betonung auf "Wunderbares" gelegt hätte - nicht so Benatzky, bei dem "Wunderbares" in kleinen Notenwerten daherkommt, fast ein Understatement, etwas, das man der Geliebten so nebenbei sagt, halb hoffend, daß sie es hört, halb hoffend, daß sie es nicht hört. Genau diese Kleinigkeit verleiht dem Lied seine Eleganz und seinen Charme.
Dritter Fall: "Es ist einmal im Leben so". Das singt niemand Geringerer als der Kaiser Franz Joseph. Ein Liedchen, das zu einem Kaiser absolut nicht paßt, und schon gar nicht in einer Operette. So still und resigniert tritt kein Kaiser auf. Was will Benatzky? - Den Menschen hinter dem Kaiser zeigen? Oder einen schlaff gewordenen Monarchen, der sich in Gemeinplätze rettet und diese pseudovolkstümlich maskiert? Wie gesagt: Benatzky war ein Satiriker der Musik...
Wie ja auch das ganze "Weiße Rößl" ziemlich satirisch ist. Da kippen Stile ineinander, ein Bruch folgt auf den anderen, die Instrumentierung ist spitz und scharf und höhlt die traditionelle Operettenmusik ebenso aus wie sie den neu hinzugekommenen modernen Tanztypen Zund verleiht. (Wie ja auch das Stück die Klischees der deutsch-österreichischen Rivalitäten karikiert.) Leider kriegt man das im meist gespielten 50er-Jahre-Arrangement freilich nicht mit, und Eduard Künnekes Instrumentierung für die Uraufführung war wunschgemäß bombastisch, aber weit weg von Benatzkys ursprünglichen Intentionen, die erst 2009 an der Staatsoperette Dresden realisiert wurden. Und da fiel es so Manchem wie Schuppen von den Augen: "Das Weiße Rößl" ist ein enger Verwandter der "Dreigroschenoper"! Vor allem dann, wenn man es von den von anderer Hand hinzukomponierten Nummern ("Mein Liebeslied muss ein Walzer sein" und "Die ganze Welt ist himmelblau" von Robert Stolz sowie" Was kann der Sigismund dafür, dass er so schön ist?" von Robert Gilbert und Zuschau’n kann i net" von Bruno Granichstaedten) befreit. Diese Nummern sind für sich genommen nämlich durchaus hübsch, passen aber nicht in das doppelbödige Spiel, das Benatzky mit seinen musikalischen Versatzstücken treibt.
Wie Benatzky mit Stilen spielt und sie mitunter lustvoll genau dann in Banalitäten zerfließen läßt, wenn man den Höhepunkt erwartet, zeigt er übrigens in "Axel an der Himmelstür", einer mit Jodlern und modernen Tanzrhythmen gespickten Hollywood-Satire, die eine ganz erstaunliche gebrochene Nummer mit dunklen Untertönen hat, nämlich "Gebundene Hände".
Fazit
Ralph Benatzky, der ganz klassisch ausgebildete Komponist, näherte sich der Operette nicht, wie so viele ihrer Vertreter, speziell der sogenannten silbernen Ära, von der Oper her, sondern aus der Richtung Kabarett-Chanson. Das Ergebnis sind Operetten, die sich stilistisch gar nicht erst an der Oper anzulehnen versuchen, im Tonfall aber vielleicht gerade deshalb sehr ähnlich so mancher der sogenannten Zeit-Opern der 20er-Jahre sind. Ganz bestimmt sind Benatzkys Operetten eines nicht: Kitschig. Höchstens besteht, wenn doch einmal der Kitsch in ihnen auftaucht, akuter Satire-Alarm!