Nach der erfolgreichen Premiere von „On the Town“ ( s.
BERNSTEIN, Leonard: Die New York Musicals - I) ON THE TOWN) beherzigte Bernstein die Mahnung seines Mentors Sergej Koussevitzky, dass sich ein vielversprechender Dirigent nicht verzetteln dürfe, und lehnte fast zehn Jahre lang alle Anfragen ab, ein neues Musical zu schaffen. Erst im Oktober 1952, als Betty Comden und Adolph Green ihn um Hilfe baten, weil sie mit einem Projekt in der Klemme steckten, besann er sich eines Besseren.
Der Hintergrund des Problems: die Autoren Joseph Fields und Jerome Chodorov hatten 1940 mit großem Erfolg die humoristischen Erinnerungen der Journalistin Ruth McKenney, die Mitte der 30er Jahre mit ihrer Schwester aus dem, damals tief in der Wirtschaftskrise steckenden, Bundesstaat Ohio nach New York kam um dort Karriere zu machen, zu einem Theaterstück umgearbeitet, das mit Rosalind Russell erfolgreich verfilmt wurde. Daraus wollten sie eine Musicalversion realisieren, in der Russell erneut die Hauptrolle verkörpern sollte. Das Projekt wurde mehrfach mit den verschiedensten Komponisten und Stars verbunden und sollte schließlich von Leroy Anderson und Arnold Horwitt realisiert werden. George Abbott, der Regisseur von „On the Town“, war bereits verpflichtet worden, aber fünf Wochen vor Probenbeginn trennten sich die Autoren von dem vorgesehenen Team, obwohl dieses bereits eine fertige Partitur vorgelegt hatte. Das neue Stück musste aber wegen einer Reihe von festen Verpflichtungen in Russells Terminkalender binnen fünf Wochen fertig werden. In der Hoffnung auf ein ähnliches Wunder wie bei ihrem gemeinsamen Erfolg ON THE TOWN bat Abbott Comden und Green um Mithilfe bei der Suche nach einem schnell arbeitenden und trotzdem guten Komponisten. Diese waren mehr als skeptisch, versprachen aber, sich umzutun. Zu aber zu ihrer Überraschung war Bernstein, an den sie sich zuerst wandten, spontan begeistert von der Idee, die Musik und Stimmung der 30er Jahre, also ihrer gemeinsamen Jugendzeit, in einem Musical lebendig werden zu lassen. Das Ergebnis war
Wonderful Town
Wundervolle Stadt
Musical Play in zwei Akten.
Gesangstexte Betty Comden und Adolph Green
Buch Joseph Fields u. Jerome Chodorov nach ihrer Bühnenkomödie „My Sister Eileen“, die ihrerseits auf Kurzgeschichten von Ruth McKenney basiert.
Orchestrierung: Don Walker
UA 15.2.1953 New York.
DE 9.11.1956, Volksoper Wien
Personen
Ruth Sherwood Schriftstellerin
Eileen Sherwood Ruths Schwester
Robert Baker Journalist
Wreck Loomis Footballspieler
Helen seine „Verlobte“
Frank Lippencott Drogist
Chick Clark Reporter
Mr. Appopoulos Vermieter und Maler
Lonigan Polizist
Valenti Inhaber des Village Vortex
Fremdenführer, Polizisten, Journalisten u.a. Volk von Greenwich Village
Ort und Zeit: New York im Sommer 1935
Erster Akt: Im Sommer 1935 führt ein Fremdenführer eine Gruppe von Touristen durch das damalige Künstlerviertel Greenwich Village und stellt einige seiner Bewohner vor („Christopher Street“). Ruth und Eileen Sherwood, die soeben mit dem Zug aus dem fernen Ohio gekommen sind um in New York ihr Glück zu machen, lassen sich ein heruntergekommenes Souterrainappartement aufschwätzen, aus dem gerade eine Prostituierte vertrieben wurde. Noch bevor sie sich eingerichtet haben, werden sie von den Freiern der Vormieterin belästigt. Als sie auch noch feststellen müssen, dass die Sprengungen für die neue U-Bahn ihnen fortwährend den Schlaf rauben, überkommt sie das Heimweh nach „Ohio“(Duett).
Am nächsten Tag wollen sie New York erobern. Die attraktive Eileen, die Sängerin werden will, erhält zwar zahlreiche Einladungen, aber keine Rolle, während Ruth vergeblich versucht, ihre Kurzgeschichten zu platzieren („Conquering the City – Die Eroberung der Stadt“).Immerhin lernen sie ihre Nachbarn besser kennen, etwa den „Wreck“ genannten Footballspieler, den eine Nachbarin bei ihnen parkt, weil ihre Eltern zu Besuch kommen und nicht wissen dürfen, dass er mit ihr zusammen lebt.
Eileen hat den jungen Frank Lippencott getroffen, der sie in seinem Drugstore kostenlos verköstigt. Ruth rät ihr, sich an ihn zu halten und gibt ihr jede Menge Ratschläge, wie man vermeidet, Männer zu verlieren („100 easy ways to lose a man – 100 einfache Arten, einen Mann zu verlieren“). Danach besucht sieden Redakteur der Zeitschrift „Manhattan“, Robert Baker, der ihr, eifrig unterstützt von seinen Kollegen, rät, nach Ohio zurück zu kehren („What a Waste- Welche Verschwendung“). Dennoch duldet er es, dass Ruth spielt ihm ihre Geschichten vorspielt. Sie alle handeln von einer untreuen Frau und enden in einer Umarmung. Baker ist so entsetzt, wie er erwartet hatte.
Eileen erhält Besuch von Frank, der ihr etwas zum Essen vorbei bringt. Sie lädt ihn zum Abendessen ein und gesteht sich ein, ein wenig in ihn verliebt zu sein („A Little Bit in Love“). Baker kommt und wird von Eileen ebenfalls zum Abendessen eingeladen. Das ist jedoch eine schlechte Idee, denn noch schläft Wreck bei ihnen. Dessen Freundin Helen ist eifersüchtig, weil er für die Schwestern besser bügelt als für sie. Damit Wreck endlich ein eigenes Zimmer bezahlen kann, schleppen die Schwestern ein Gemälde ihres Vermieters, Mr. Appopoulos, dessen Rahmen etwas wert sein könnte, zum Pfandhaus. Wreck denkt über sein Leben nach. Er ist zwar nicht der intelligenteste, aber er kann Football spielen („Pass that Football“).
Rechtzeitig zum Abendessen finden sich Chick Clark, ein Reporter, der auf sehr zudringliche Weise hinter Eileen her ist, sowie Frank und Baker ein. Alle setzen sich zum Essen, aber niemand hat etwas zu sagen („Conversation Piece – Konversationsstück“). Appopoulos verdächtigt Ruth und Eileen, sein Bild gestohlen zu haben. Auch Wreck und Helen erscheinen um sich zu entschuldigen. Helens Mutter will ihre Tochter aus den Fängen dieser unmoralischen Gesellschaft lösen. Ruth entschuldigt sich bei Baker wegen des Chaos, aber dieser amüsiert sich köstlich. Er teilt Ruth mit, dass sie Talent habe, aber besser über Dinge schreiben sollte, die sie kennt, statt über frustrierte Frauen. Ruth ist empört, und stürmt davon. Baker beklagt sich, dass ihm immer die intellektuellen Kratzbürsten unterlaufen, dabei hätte er doch lieber ein ruhiges Mädchen („A Quiet Girl“).
Chicks Zeitung ruft an und gibt Ruth den Auftrag, eine Gruppe brasilianischer Seekadetten zu interviewen, deren Schiff gerade eingelaufen ist. Sie stürmt zum Hafen. Als Eileen erfährt, dass dies nur ein Trick von Chick war um Ruth loszuwerden, wirft sie ihn wütend hinaus. Indessen nimmt Ruth ihre Reporterpflichten ernst. Die Seekadetten verstehen aber kein Englisch und sind nur daran interessiert, mit Ruth „Conga“ (Ensemble) zu tanzen. Sie folgen ihr sogar nach Hause. Eileen kann sie erst recht nicht los werden, und so bedarf es des Einschreitens der Polizei um die allgemeine Verwirrung im Conga-Rhythmus zu beenden. ZU guter Letzt wird Eileen wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses verhaftet.
2. Akt: Eileen wartet im Polizeirevier auf ihre richterliche Vernehmung. Helen und Wreck berichten ihr, dass sie heiraten und Appopoulos von Helens Aussteuer entschädigen wollen, die sie aber erst von Helens Mutter bekommen müssen. Als Ruth erscheint, stellt sie fest, dass Eileen bereits sämtliche Polizisten um den Finger gewickelt und sich in ihrer Zelle gemütlich eingerichtet hat. Dass Baker für Eileen Kaution stellen will, macht Ruth auch nicht glücklicher. Sie gibt ihm aber die Geschichte, die sie über ihr Abenteuer mit den Kadetten geschrieben hat. Nun kommt auch Frank vorbei und bringt Eileen einen Ventilator gegen die Hitze. Eileen ist gerührt, lässt ihn aber empört hinaus werfen, als er ihr vorschlägt, mit ihr nur ein Verhältnis zu haben. Angeführt von dem irischen Cop Lonegan, bekunden die Polizisten ihre eigene Verehrung für Eileen mit einem schwärmerischen irischen Liebeslied („Darlin’ Eileen“).
Helen, Wreck und Appopoulos inszenieren eine Charade für Helens Mutter, die von dem vermeintlichen Aristokraten Wreck begeistert ist. Ruth läuft indessen auf der Straße mit einem Schild herum, das Werbung für einen neuen Club, das Village Vortex macht. Dabei wird sie von Baker entdeckt. Er teilt ihr mit, dass er ihre Geschichte seinem Chef gegeben hat und sicher ist, dass sie gedruckt werden wird. Dieser Dialog wird von Ruths Auftraggeber Valenti unterbrochen, der sie auffordert, sich auf die Reklamearbeit zu konzentrieren. Ruth gehorcht und preist die Vorteile des „Swing“ (Ensemble) im Village Vortex unter reger Beteiligung der begeisterten Nachbarn. Ruth aber ist vom Pech verfolgt. Nicht nur, dass Appopoulos sie hinaus wirft, auch Baker muss ihr beichten, dass sein Chef ihre Geschichte nicht drucken will. Chick aber hat eine gute Nachricht: sein Chef ist von Ruths Geschichte begeistert und will sie haben. Eileen hält Chick für einen notorischen Lügner und rät Ruth ab. Wehmütig verfallen beide wieder in Erinnerungen an „Ohio“ (Reprise), das sie nie hätten verlassen sollen. Baker protestiert und eilt zu seinem Chef um diesen umzustimmen. Da bietet Valenti Eileen ein Vorsingen an. Er ist zwar weniger ihre Stimme als an dem Presserummel um sie interessiert, aber es ist immerhin ein Anfang.
Im Village Vortex, Valentis Club, führen Appopoulos, Helen und Wreck ihre Charade um Helens Mutter fort. Appopoulos, der die Rechnung bezahlen muss, ist unglücklich, verstärkt aber um so mehr seine Bemühungen, Helens Mutter Wreck als den passenden Mann für ihre Tochter zu präsentieren. Eileen sieht ihrem ersten Auftritt mit großer Nervosität entgegen, und als Chick erneut auftaucht um ihr zu berichten, dass er wegen Ruth alles geregelt habe, lässt sie ihn von dem Polizisten Lonegan abführen. Danach aber muss sie Baker trösten, der seinen Job verloren hat, weil er sich zu sehr für Ruth einsetzte. Zu ihrer Freude bekennt er ihr, dass er Ruth liebt („It’s Love!“).
Valenti eröffnet das Village Vortex mit seiner Band („Ballet at the Village Vortex“). Helen und Wreck feiern dort ihre Verlobung mit dem Segen von Helens Mutter. Bevor Eileen auftreten kann, bringt Chick Ruth einen Presseausweis und die Zusage einer Festanstellung. Eileen verzeiht ihm. Sie ist aber zu nervös um aufzutreten, also singt Ruth gemeinsam mit ihr den „Wrong Note Rag - Misstonrag“. Beider Erfolg ist so groß, dass sie eine Zugabe singen müssen. Da Baker gerade auftaucht und Eileen ihrer Schwester von dessen Geständnis berichtet, Ruth zu lieben, entscheiden sich alle für eine Reprise von„It’s Love”.
Werkgeschichte
Tatsächlich wurde fast die gesamte Partitur innerhalb der vorgesehenen Frist fertig. Russell, die sich bereits bestens mit der Rolle auskannte, war trotz der, von ihr heftig beklagten, „andauernden Tonartwechsel“ Bernsteins von der Musik begeistert, die dieser auf ihre „einzigen vier Töne“ zugeschnitten hatte. Sie unterstützte die Autoren auch in deren Widerstand gegen eine Aktualisierung des Stückes. Trotzdem verliefen die Proben denkbar stürmisch, und erneut zweifelten die Buchautoren an ihrer Wahl des Komponisten und seiner Textdichter. Erst der Erfolg bei den ersten Testaufführungen überzeugte alle davon, dass sie etwas Erfolgversprechendes geschaffen hatten. Nur deshalb konnte das Stück, wie vorgesehen, bereits im Februar 1953 uraufgeführt werden und die damals mehr als achtbare Laufzeit von 559 Aufführungen in 17 Monaten erreichen. Bernsteins vergleichsweise konventionellstes Musical war auf Anhieb erfolgreich und führte zu zahlreichen Nachaufführungen im In- und Ausland. Das Werk erhielt neun Donaldson Awards (Vorläufer der Tony Awards), u. a. für das beste Musical sowie die beste Regie (George Abbott), Musik und die Gesangstexte. Die deutsche Erstaufführung am Wiener Volkstheater begründete eine enge Freundschaft zwischen Bernstein und Marcel Prawy, dem Bernstein später auch die deutschen Fassungen seiner übrigen Bühnenwerke anvertraute.
2003 wurde das Musical auch am Broadway neu herausgebracht und verzeichnete mit fast 500 Aufführungen immerhin einen Achtungserfolg, dessen teilweise Ausstrahlung man auch in YouTube besichtigen kann: ("http://www.youtube.com/watch?v=hvYQ5nd6UkI"). Da es bereits eine Filmfassung mit Rosalind Russell gab, wurde das Musical selbst nicht verfilmt. Sein Erfolg beförderte jedoch eine Neuverfilmung des zugrunde liegenden Stoffes durch die Columbia, die noch immer die Filmrechte an dem Stoff besaß. Diese zog es aber vor, nicht auch noch die Rechte an dem zu teuer gewordenen Musical zu erwerben, sondern ließ von Jule Styne und Leo Robin eigene Songs schreiben, die ebenfalls hörenswert, Bernsteins Partitur aber deutlich unterlegen sind.
Musik
Der große Zeitdruck seiner Entstehung ist „Wonderful Town“ allenfalls in seiner außerordentlichen Einheitlichkeit anzumerken, die dennoch weit von jeglicher Eintönigkeit entfernt ist. Mit großem Vergnügen griffen Comden, Green und Bernstein auf ihre gemeinsamen Erfahrungen vom Ende der 30er Jahre bei dem Kabarett „The Revuers“ im Greenwich Village zurück und bedienten sich ausgiebig der damals modernen Tanzrhythmen wie Swing und Conga und des erkennbar zeitgebundenen Sprachduktus, der noch heute in Filmen der Zeit auffällt. Dennoch markiert WONDERFUL TOWN eher eine Konsolidierung der gewaltigen Fortschritte von ON THE TOWN als weitere anzustreben. Aber auch hier stellt sich die vermeintliche Simplizität der Partitur bei näherer Betrachtung als weitaus komplexer heraus, denn auch hier ist Bernsteins konsequente Motivarbeit erkennbar. So entsteht „It’s love!“ aus einer originellen Variation des Motivs von „A little bit in love“, das zu Beginn zitiert wird. Insgesamt vermag die Partitur aber vor allem durch ihre eingängigen Rhythmen und Melodien, sowie natürlich dem durchaus nicht veralteten Witz seines Librettos zu überzeugen.
Wegen der knappen Vorbereitungszeit gab es keine Chance, das Element des Tanzes stärker in die Handlung, obwohl der im Lauf der Proben hinzu gestoßene Choreograph Jerome Robbins dies anregte. Unterstützt von den Autoren und Librettisten, und sowieso den Produzenten, verzichtete Bernstein jedoch darauf, denn eine Ausweitung über die vorhandenen Einlagen hinaus hätte den Rahmen des bereits bewährten Stückes gesprengt. Auch aus der Begrenztheit von Rosalind Russels Stimmumfang machte er das Beste und kompensierte ihre musikalische Begrenztheit mit dem anspruchsvolleren Sopran der Eileen. Beider ironisch heimeliges Duett „Ohio“ mit dem herrlichen Reim
Why, oh why, oh why-o
Why did I ever leave Ohio...
schaffte es sogar für kurze Zeit in die Hitlisten.
Das Glanzstück der Partitur, auf das Bernstein zeitlebens besonders stolz war, ist das nur teilweise gesungene „Conversation Piece“, eigentlich eher ein Melodram, das aber dennoch mit großer instrumentaler Raffinesse die Probleme der Kommunikation in der Großstadt zum Ausdruck bringt.
Auch hier möchte ich die im Markt befindlichen Aufnahmen erst kommentieren, wenn alle drei Musicals vorgestellt sind, aber wer will kann sich schon mal die wunderbare "Conga" mit Kim Criswell unter der Leitung von Simon Rattle ansehen und -hören, und zwar hier: "http://www.youtube.com/watch?v=-Wxg7k9gvHo&NR=1" und, noch authentischer, hier mit Rosalind Russell in einer alten TV-Aufzeichnung: "http://www.capriccio-kulturforum.de/index.php?form=ThreadAdd&boardID=31" .

Rideamus