Ihr Lieben,
als kürzlich der Thread zu den ersten Takten eines Werkes, die einen unmittelbar gefangen nehmen, gestartet wurde, kam mir ein Werk in den Sinn, das für mich zweifellos diese Eigenschaft besitzt und auch bei mehrmaligem Hören nichts von dieser Faszination einbüßt.
In den tiefsten Regionen des Orchesters, in denen kaum konkrete Töne, sondern eigentlich nur noch ein Brummen und Gegrummel zu vernehmen ist, beginnt das Klavierkonzert, das Maurice Ravel in den Jahren 1929 und 1930 für den durch einen Kriegsunfall nur noch einarmigen Pianisten Paul Wittgenstein geschrieben hat. Von den vielen Auftragswerken, die Wittgenstein unter Anderem bei Korngold, Schmidt, Prokofjew, Britten oder Hindemith bestellte, ist das Ravel-Konzert das wohl bis heute Bedeutendste.
Denn nicht nur der Beginn ist faszinierend. Vergleicht man das Konzert für die linke Hand mit dem zeitgleich entstandenen Klavierkonzert G-Dur, ist der Unterschied im Charakter frappierend. Während das G-Dur-Konzert voller Leichtigkeit, Finesse und Spritzigkeit ist, also mit einer lupenreinen Brillianz aufwarten kann, ist davon im Konzert für die linke Hand wenig bis gar nichts zu spüren. Im Gegenteil. Durch die tiefen Regionen, die im einsätzigen Konzert eindeutig die Oberhand haben, bekommt das Werk eine unheimliche Bedrohung, insgesamt vielleicht einen eher groben und derben Charakter, der trotz alledem den Stil seines Komponisten nicht verbergen kann.
Zu den Celli und geteilten (!) Kontrabässen am Anfang gesellt sich bald ein einsames Kontrafagott, das eine Melodie anstimmt, die in ihrer Rhythmik entfernt an alte französische Tänze erinnert. Tiefe Hörner übernehmen die Melodie, später steigen die Klarinetten ein, bevor so langsam aber sicher die Musik durch den Einsatz von immer mehr Instrumenten Fahrt aufnimmt und in einem ersten Klimax eindrucksvoll das Solo-Klavier auf den Weg bringt. Das hat nun erst einmal eine längere Solopassage mit dem Hauptthema vor sich, das danach auch noch einmal in einem Orchester-Tutti exponiert wird.
Es schließt sich das lyrische Seitenthema an, bei dem man sich nicht vorstellen kann, dass das von einer Hand gespielt wird. Denn der Pianist hat nicht nur zu beachten, dass Melodie und Begleitung durch den Anschlag voneinander getrennt wird, das Ganze spielt sich auch noch in einem vertrackten 2:3-Rhythmus ab. Höchste Schwierigkeitsstufen also durch den Pianisten, der das ganze Konzert in einer wahren "Tour de Force" durchstehen muss.
Nicht einfacher wird es im nächsten Abschnitt, der im Tempo anzieht und plötzlich sehr militant und marschartig wirkt. Die Instrumente werden beinahe nur noch als Perkussionsinstrumente verwendet. Überraschend sicherlich, dass jetzt auch Jazz-Elemente auftauchen, die Ravel auf seiner Amerika-Reise aufgeschnappt hat und die sich hier im Konzert durch Glissandi und "blue notes" bemerkbar machen.
In ein oder zwei lichten Stellen zeigt sich dann auch einmal die berühmte französische Eleganz, der typisch perlende Klang. Doch auch das währt nicht lange und in einer großen Steigerung, die beinahe schon lärmend ist, führt das Orchester zur Solo-Kadenz, in der dann der Pianist wieder völlig mit sich und seiner linken Hand alleine ist. Dort werden noch einmal die Themen verarbeitet und kaum hörbar, ähnlich wie in der Einleitung, gesellen sich tiefe Instrumente dazu, dieses Mal steigert es sich alles etwas schneller und kaum hat man sich versehen, endet das Stück etwas überraschend mit dem Marschthema, das eigentlich schon wieder seit einiger Zeit verdrängt war.
Obwohl das Konzert wie bereits geschrieben ungeheure Schwierigkeiten für den Pianisten mit sich bringt, ist es eigentlich kein Show- oder Virtuosenstück in dem Sinne. Sicherlich ist die Leistung immer wieder beeindruckend, wenn der Pianist es schafft, die Illusion, die Ravel hineinkomponiert hat, dass es sich wie ein zweihändiges Stück anhört, zu erschaffen. Jedoch ist es sicher nicht dazu geeignet, als Pianist sich und seine Fähigkeiten in den Vordergrund zu stellen (wie man es sicherlich bei anderen linkshändigen Stücken von Bortkiewicz, Godowsky oder Rosenthal machen könnte), sondern eher in eine Symbiose mit dem Orchester zu treten und zu versuchen, die vielen Klangfarben, Feinheiten und Schattierungen Ravels zu erfassen und auszuleuchten. Wenn das gelingt, wird die Interpretation dieses Konzertes immer zu einem Erlebnis für die Zuhörer als sicher auch für die Interpreten werden.
Was die verschiedenen Aufnahmen angeht, von denen es eine Menge gibt, möchte ich mich erst einmal zurückhalten und euch den Vortritt lassen. Ich bin gespannt, wer Eurer Meinung nach die Stimmungen am Besten eingefangen hat und Euch das Konzert so näher gebracht hat.
Liebe Grüße,
Peter.