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Montag, 6. September 2010, 01:52

Ravel: Klavierkonzert für die linke Hand - mehr als nur Show

Ihr Lieben,

als kürzlich der Thread zu den ersten Takten eines Werkes, die einen unmittelbar gefangen nehmen, gestartet wurde, kam mir ein Werk in den Sinn, das für mich zweifellos diese Eigenschaft besitzt und auch bei mehrmaligem Hören nichts von dieser Faszination einbüßt.

In den tiefsten Regionen des Orchesters, in denen kaum konkrete Töne, sondern eigentlich nur noch ein Brummen und Gegrummel zu vernehmen ist, beginnt das Klavierkonzert, das Maurice Ravel in den Jahren 1929 und 1930 für den durch einen Kriegsunfall nur noch einarmigen Pianisten Paul Wittgenstein geschrieben hat. Von den vielen Auftragswerken, die Wittgenstein unter Anderem bei Korngold, Schmidt, Prokofjew, Britten oder Hindemith bestellte, ist das Ravel-Konzert das wohl bis heute Bedeutendste.
Denn nicht nur der Beginn ist faszinierend. Vergleicht man das Konzert für die linke Hand mit dem zeitgleich entstandenen Klavierkonzert G-Dur, ist der Unterschied im Charakter frappierend. Während das G-Dur-Konzert voller Leichtigkeit, Finesse und Spritzigkeit ist, also mit einer lupenreinen Brillianz aufwarten kann, ist davon im Konzert für die linke Hand wenig bis gar nichts zu spüren. Im Gegenteil. Durch die tiefen Regionen, die im einsätzigen Konzert eindeutig die Oberhand haben, bekommt das Werk eine unheimliche Bedrohung, insgesamt vielleicht einen eher groben und derben Charakter, der trotz alledem den Stil seines Komponisten nicht verbergen kann.

Zu den Celli und geteilten (!) Kontrabässen am Anfang gesellt sich bald ein einsames Kontrafagott, das eine Melodie anstimmt, die in ihrer Rhythmik entfernt an alte französische Tänze erinnert. Tiefe Hörner übernehmen die Melodie, später steigen die Klarinetten ein, bevor so langsam aber sicher die Musik durch den Einsatz von immer mehr Instrumenten Fahrt aufnimmt und in einem ersten Klimax eindrucksvoll das Solo-Klavier auf den Weg bringt. Das hat nun erst einmal eine längere Solopassage mit dem Hauptthema vor sich, das danach auch noch einmal in einem Orchester-Tutti exponiert wird.
Es schließt sich das lyrische Seitenthema an, bei dem man sich nicht vorstellen kann, dass das von einer Hand gespielt wird. Denn der Pianist hat nicht nur zu beachten, dass Melodie und Begleitung durch den Anschlag voneinander getrennt wird, das Ganze spielt sich auch noch in einem vertrackten 2:3-Rhythmus ab. Höchste Schwierigkeitsstufen also durch den Pianisten, der das ganze Konzert in einer wahren "Tour de Force" durchstehen muss.
Nicht einfacher wird es im nächsten Abschnitt, der im Tempo anzieht und plötzlich sehr militant und marschartig wirkt. Die Instrumente werden beinahe nur noch als Perkussionsinstrumente verwendet. Überraschend sicherlich, dass jetzt auch Jazz-Elemente auftauchen, die Ravel auf seiner Amerika-Reise aufgeschnappt hat und die sich hier im Konzert durch Glissandi und "blue notes" bemerkbar machen.
In ein oder zwei lichten Stellen zeigt sich dann auch einmal die berühmte französische Eleganz, der typisch perlende Klang. Doch auch das währt nicht lange und in einer großen Steigerung, die beinahe schon lärmend ist, führt das Orchester zur Solo-Kadenz, in der dann der Pianist wieder völlig mit sich und seiner linken Hand alleine ist. Dort werden noch einmal die Themen verarbeitet und kaum hörbar, ähnlich wie in der Einleitung, gesellen sich tiefe Instrumente dazu, dieses Mal steigert es sich alles etwas schneller und kaum hat man sich versehen, endet das Stück etwas überraschend mit dem Marschthema, das eigentlich schon wieder seit einiger Zeit verdrängt war.

Obwohl das Konzert wie bereits geschrieben ungeheure Schwierigkeiten für den Pianisten mit sich bringt, ist es eigentlich kein Show- oder Virtuosenstück in dem Sinne. Sicherlich ist die Leistung immer wieder beeindruckend, wenn der Pianist es schafft, die Illusion, die Ravel hineinkomponiert hat, dass es sich wie ein zweihändiges Stück anhört, zu erschaffen. Jedoch ist es sicher nicht dazu geeignet, als Pianist sich und seine Fähigkeiten in den Vordergrund zu stellen (wie man es sicherlich bei anderen linkshändigen Stücken von Bortkiewicz, Godowsky oder Rosenthal machen könnte), sondern eher in eine Symbiose mit dem Orchester zu treten und zu versuchen, die vielen Klangfarben, Feinheiten und Schattierungen Ravels zu erfassen und auszuleuchten. Wenn das gelingt, wird die Interpretation dieses Konzertes immer zu einem Erlebnis für die Zuhörer als sicher auch für die Interpreten werden.

Was die verschiedenen Aufnahmen angeht, von denen es eine Menge gibt, möchte ich mich erst einmal zurückhalten und euch den Vortritt lassen. Ich bin gespannt, wer Eurer Meinung nach die Stimmungen am Besten eingefangen hat und Euch das Konzert so näher gebracht hat.

:wink:

Liebe Grüße,
Peter.
Kaum nimmt Guttenberg kein Haargel mehr, geht Schlecker pleite. Das kann kein Zufall sein!

2

Montag, 6. September 2010, 15:02

Hallo,
das Klavier-Konzert für die linke Hand von Ravel mag ich ausgesprochen gern, ebenso wie das G-Dur-Konzert.

Meine Favoriten-Einspielung ist: K. Zimerman, dirigiert von Boulez!
Kenne auch die Aufnahmen von Arturo Benedetti Michelangeli und S. Richter. Mir gefällt die Zimerman-Aufnahme aber am meisten. Sowohl aufnahmetechnisch als auch interpretatorisch.


Nicht schlecht ist auch Lugansky: ttp://www.youtube.com/watch?v=e20vW-WDQMg&feature=related


Grüße,
Robert

3

Montag, 6. September 2010, 20:05

:wink:

Das Konzert war zuletzt auch Thema in der Interpretationenreihe, mit Herbert Schuch als Gast, der sehr klug kommentierte. Auch ihm hatte es die Aufnahme von Zimerman sehr angetan, freimütig zugebend, dass es nicht jedem gegeben sei so klangschön und perlend zu spielen. Favorit Schuchs und des MOderators war aber doch Leon Fleisher.

Gruß, Frank
"No matter. Try again. Fail again. Fail better." (Samuel Beckett)

4

Montag, 6. September 2010, 20:25

Das Werk ist eines meiner liebsten Stücke von Ravel (m.E. viel besser als das andere Klavierkonzert), gerade weil es so dunkel und stellenweise fast brutal daherkommt. Für Einspielungsempfehlungen müsste ich erstmal wieder reinhören. Ich meine aber, dass sowohl Monique Haas/Paray als auch Kocis/? sowohl klanglich als auch interpretatorisch sehr gut waren. (Meine älteste Aufnahme Casadesus/Ormandy ist klanglich doch etwas eingeschränkt).

Kater Murr

Es ist immer die gleiche Geschichte: Verfolgt man die Spur des Terrors nur lange genug, endet man vor einem geheimen Dienstgebäude. Rein kann man nur während einer Revolution.

(Nils Minkmar, FAZ v. 20.11.2011)

5

Montag, 6. September 2010, 22:33

Kenne auch die Aufnahmen von Arturo Benedetti Michelangeli


Der hat aber doch nur das G-Dur-Konzert aufgenommen, oder täusche ich mich da?

6

Montag, 6. September 2010, 22:59

Zitat von »Trebor«
Kenne auch die Aufnahmen von Arturo Benedetti Michelangeli


Der hat aber doch nur das G-Dur-Konzert aufgenommen, oder täusche ich mich da?


Och, nö. - Ich war schon ganz heiß geworden. Lieber Trebor, sag, dass der Don keine Ahnung hat :D und wo es die gibt!

:wink: Matthias

7

Dienstag, 7. September 2010, 00:24


Die Fleisher/Ozawa-Aufnahme wird oft gelobt; ich habe bis jetzt noch nicht verstanden, warum. Ich mag Fleisher, er ist ein anständiger Geradeausspieler, der keine Faxen macht, das ist okay. Aber bei Ravel braucht es ein bisschen mehr oder ein bisschen was anderes. Hier sind gelegentliche Faxen, paar schräge Betonungen und überraschende Akzente nicht so ganz verkehrt. Das ist, eigentlich, ziemlich jazziges Zeug. Wenn nicht Fleisher es spielt.
Richtig schlimm ist aber das bräsig-bombastische Dirigat Ozawas. Manno, das ist nicht "Pomp and Circumstance"!


Hier spielt Claire Chevallier auf einem Erard von 1905. Der klingt mehr nach Honky Tonk Piano als nach Konzertflügel, und das ist schonmal ganz witzig und passend. Leider ist Mme. Chevallier keine Granate. Vor allem durch die rhapsodischen Passagen stochert sie sich recht hilflos. Auf sinngebende, strukturierende Phrasierungen wartet man eher vergebens. Der Star ist aber eh das Orchester, das ebenfalls auf mehr oder weniger historischem Instrumentarium spielt. Ich versteh davon nix, freu mich aber, wenn ich interessante Klänge höre, und das ist hier immer wieder der Fall. Ein bisschen behäbig bleibt das freilich.


Casadesus ist der König dieses Konzertes - und überhaupt. Virtuosität und Eleganz, knallende Akzente und verschobene Rhythmen, purer Jazz und äußerste Freiheit, Wahnwitz und Entzücken. Das sind Welten im Vergleich zu den anderen beiden. Der Sound ist nicht gut. Von den Raffinessen der Instrumentation hört man anderswo mehr. Aber hat je wieder ein Pianist in Ravels Noten so viel Freiheit, so viel Modernität entdeckt? Knapp 17 Minuten rasender Taumel, Schwindel, Glück. Um die 21 Minuten brauchen die Mitbewerber.

Grüße
vom Don

8

Dienstag, 7. September 2010, 01:05

Alicia de Larrocha

Meine absolute Lieblingsaufnahme der Ravel-Klavierkonzerte, die ich aufs höchste schätze ist die Decca-Aufnahme mit

Alicia de Larrocha, Klavier / London PO / Lawrenc Foster



Mein Decca-Cover/CD entspricht noch der ersten Hochpreisausgabe

Decca, 1974, ADD



Hinzu kommt das die ausgezeichnete Decca-Analog-Klangqualität dieser interpretatorisch fabelhaften Aufnahmen genau das in Klang verwandelt, was petemonova so schön und präzise im 1.Beitrag in Worte gefasst hat.

Die jazzigen Elemente im KK für die linke Hand könnten kaum besser zur Geltung kommen. Das Konzert wird auch nicht in die Länge gezogen - 18:45 ist die angemessene Spielzeit.
______________

Gruß aus Bonn

Wolfgang

9

Dienstag, 7. September 2010, 03:15

Hier spielt Claire Chevallier auf einem Erard von 1905. Der klingt mehr nach Honky Tonk Piano als nach Konzertflügel, und das ist schonmal ganz witzig und passend. Leider ist Mme. Chevallier keine Granate. Vor allem durch die rhapsodischen Passagen stochert sie sich recht hilflos. Auf sinngebende, strukturierende Phrasierungen wartet man eher vergebens. Der Star ist aber eh das Orchester, das ebenfalls auf mehr oder weniger historischem Instrumentarium spielt. Ich versteh davon nix, freu mich aber, wenn ich interessante Klänge höre, und das ist hier immer wieder der Fall. Ein bisschen behäbig bleibt das freilich.


Die habe ich auch. Lieber Don, vollständige Zustimmung. Ich hatte mir schon überlegt, während ich die heute noch einmal gehört habe, zu schreiben, der Klang des Erards von 1905 ist sehr schön. Freundlicherweise müßte man hier aufhören, über die Klavierstimme zu schreiben. Die anderen Spieleigenschaften des alten Erards könnten, ja müssten zu neuen, interessanten, eigenen Akzentsetzungen verleiten, nur, überhaupt irgendwelche sinnvollen Akzentsetzungen und Phrasierungen sind nicht so der Dame ihr Ding. Sie kommt halt irgendwie fehlerfrei durch.

Interessant macht die Aufnahme der Klang der Bläser, wo es einige Unterschiede zu modernen Instrumenten gab und in Frankreich damals wohl auch noch etwas andere, als in z.B. Deutschland im Gebrauch waren. Der Klang ist tendenzeill weniger warm, das steigert aber noch die Wirkung der häufigen Wechsel zwischen Eleganz und Unruhe im Konzert. Nur um diesen Vorteil voll zur Geltung zu bringen, hätte auch Immerseel stärker Betonungen herausarbeiten lassen müssen. Immerseel versucht dagegen ganz auf Eleganz zu setzen, verharmlost m.E. dabei und, ja, du hast recht, läßt dabei dann aber auch zu oft Behäbigkeit aufkommen, was auch die angestrebte Eleganz einschränkt.

Ich sehe also ein, du hast doch Ahnung und der Casadesus muß ganz dringend her. :D

Und die von mir sowieso sehr geschätzte Alicia de Larrocha wohl auch. Danke, Wolfgang, ich wußte gar nicht, dass sie auch dieses Konzert eingespielt hat.

:wink: Matthias

10

Dienstag, 7. September 2010, 11:44

Hallo Don und Matthias,
Asche auf mein Haupt, mir ist da ein Fehler unterlaufen....

Keine Ahnung warum ich A. B. Michelangeli geschrieben habe? Wahrscheinlich, weil ich es mir gewünscht habe ;+)
Ich meinte Samson Francois. Von ihm gibt es eine ältere Aufnahme, von der es auch eine DVD gibt.

Aber eine Frage: Kennt jemand die Aufnahme mit Paul Wittgenstein? Angeblich soll er ja kleine Korrekturen vorgenommen haben und ich habe mal gelesen, dass seine Einspielung - naja, wie soll man es sagen - unter aller Würde sei?

Grüße von Robert

11

Dienstag, 7. September 2010, 23:24

Aber eine Frage: Kennt jemand die Aufnahme mit Paul Wittgenstein? Angeblich soll er ja kleine Korrekturen vorgenommen haben und ich habe mal gelesen, dass seine Einspielung - naja, wie soll man es sagen - unter aller Würde sei?

In der schon angesprochenen Interpretationen-Sendung wurde auch diese Aufnahme angespielt und sie war tatsächlich vom historischen Klangbild einmal abgesehen eher fragwürdig in musikalischer Hinsicht. Bruno Walter ist kein Ravel-Dirigent gewesen und war hörbar mit einigen Stellen auch im Zusammenspiel mit dem Pianisten überfordert. Wittgenstein selbst war ja mit Ravels Arbeit nicht zufrieden und hat einige Sachen in der Partitur verändert, worauf der berühmte Schriftwechsel zustande kam, ob der Interpret nun Knecht des Komponisten sei oder nicht.
Glücklicherweise haben sich diese Korrekturen nicht durchgesetzt, Ravels Noten sind so perfekt, wie sie sind.

Hier ist noch das Bildchen zur Wittgenstein-Aufnahme, die natürlich insgesamt in der Interpretationshistorie trotzdem relevant für eine Betrachtung ist:




LG, Peter.
Kaum nimmt Guttenberg kein Haargel mehr, geht Schlecker pleite. Das kann kein Zufall sein!

12

Mittwoch, 8. September 2010, 11:43

Es gibt zwei Aufnahmen mit Wittgenstein, neben dem Bruno Walter- Mitschnitt noch eine Aufnahme aus den 50er Jahren unter Max Rudolph.

Beide sind absolut gräßlich.

Von Immerseel gibt es jetzt auch den "Amerikaner in Paris" von Gershwin....abgeblich historisch informiert und ohne Vibrato.....gräßlich,einfach gräßlich.....vor allem, wenn man sich die 1929er Aufnahme, an der Gershwin mitwirkte, zum Vergleich anhört.
Insoferne bezweifle ich sehr stark, daß Immerseel im Falle des Ravel-Konzertes etwas für mich ist.

lg,
Michael

P.S.
ABM hat das Konzert für die linke Hand nicht aufgenommen.Keine Ahnung, ob er es überhaupt jemals gespielt hat.
Ich hasse Leute, die einfach mitten im Satz

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Donnerstag, 9. September 2010, 00:04

RE. weitere TOP-Aufnahmen der Ravel-KK

Neben meiner Favoriten-Aufnahme mit Alicia de Larrocha, die ohnehin schon perfekt klingt - eben Decca, habe ich noch eine, die sich durch die fabelhafte Klangtechnik - wieder Decca, auszeichnet:

Diese ist in meiner Ravel-Orchesterwerke - GA mit Dutoit / Montrel SO enthalten:

Der Pianist ist Pascal Roge, der sich einmal mehr als brillanter Interpret auszeichnet (mich aber in gleicher Besetzung bei den Saint-Saens-KK total gelangweilt hat). Hier bei den Ravel-KK ist er genau wie bei den Poulenc-KK (auch in gleicher Besezung und wieder Decca) herausragend.
Das KK für die linke Hand dauert hier noch angemessene 19:05.

Hier die Abb der Decca-Einzel-CD:


Decca, 1984, DDD


Meine dritte Aufnahme der Ravel-KK ist die mit Jean Phillip Collard / Orchestre National de France / Maazel EMI
Nicht schlecht, orchestral brillant, aber pianistisch deutlich hinter Larrocha und Roge zurückbleibend.
Das KK für die linke Hand - auch angemessen in 19:00.

OT: Die CD ist für mich hauptsächlich wegen der umwerfenden Klavier-Solo-Aufnahme von La Valse mit Michel Beroff interessant ! Ich dachte zunächst beim Kauf der CD eine Orchesterfassung von La Valse mit Maazel zum Interpretationsvergleich zu erhaschen - dann erwartete mich Beroff - :thumbup: astrein !


EMI, 1979, ADD
______________

Gruß aus Bonn

Wolfgang

Zwielicht

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14

Donnerstag, 9. September 2010, 16:59

Ravels Konzert für die linke Hand ist schon ein ziemliches Ausnahmewerk im Œuvre des Komponisten, oder? Den stellenweise düsteren, sogar pathetischen, dann wieder aggressiv-militanten, stellenweise auch hymnischen Duktus finde ich in dieser Mischung in keinem anderen Werk Ravels wieder. Das ist sicher auch durch die Auftragssituation bedingt, die Transzendierung der körperlichen Behinderung in einen Klaviersatz, der stellenweise klingt, als sei er für drei Hände geschrieben. Aber - Vorsicht Spekulation! - es schwingen für mich auch immer deutliche Reflexe auf Zeitgeschichte mit, insb. auf den Ersten Weltkrieg als Ursache der Behinderung Wittgensteins. Besonders markant ist das brutale "Abbrechen" der Musik am Ende durch den überraschend einfallenden Marsch des Mittelteils. Als anderes Werk Ravels mit zeitgeschichtlichen Implikationen fällt mir nur La valse ein. (Das G-dur-Konzert ist ein sehr artifizieller Gegenentwurf, den ich in seiner Art aber keineswegs "schwächer" finde als das Konzert für die linke Hand.)


Die von Wolfgang im letzten Beitrag erwähnte Rogé/Dutoit-Einspielung kenne ich nicht. Ich habe mir aber gestern die 1996 aufgenommene Interpretation mit Thibaudet/Dutoit angehört:





Hier ist natürlich an erster Stelle die sensationelle Decca-Klangtechnik zu erwähnen :D, aber auch Thibaudet, Dutoit und das Orchestre symphonique de Montréal schlagen sich sehr gut. Thibaudet souverän, nicht mit der ganz großen Pranke, der Flügel klingt sogar relativ weich (aufnahmetechnisch gut eingebunden, nicht zu sehr im Vordergrund). Kein Gewaber im Orchesterklang, was besonders am Anfang wichtig ist: man hört das Kontrafagott nicht - wie sonst gelegentlich - als Geräusch, sondern wirklich als Stimme. Das ein oder andere Detail habe ich schon mal pointierter gehört, aber trotzdem ist das Orchester hevorragend, Dutoit nimmt z.B. dem Marsch des Mittelteils nichts von seiner Schärfe.


Viele Grüße

Bernd
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Sonntag, 26. September 2010, 17:01

Katchen, Francois, Aimard

Hallo,

ich muss gestehen, dass ich das G-Dur-Konzert lieber mag. Allerdings habe ich mir jetzt- angeregt durch diesen Thread, auch das D-Dur-Konzert mal wieder angehört. Meine liebsten Einspielung des G-Dur-Konzertes stammen von Moravec/Belohlavek und Katchen/ Kertész. Leider hat Moravec das D-Dur-Konzert offensichtlich nie (ein)gespielt. Dafür aber Katchen!

Die Aufnahme von Julius Katchen mit dem LSO unter der Leitung von István Kertész (17:48) finde ich fantastisch!
Was für ein außergewöhnlicher Pianist, der -so scheint es mir- leider etwas in Vergessenheit geraten ist.



(man beachte den Marktplatz -Preis der ersten CD!) :shake: :D

Die herrliche Aufnahme von Samson Francois mit dem Orch. de la Société des Concerts du Conservatoire unter André Cluytens (18:19) hat es wirklich verdient hier noch expliziet erwähnt zu werden! (und nicht nur als Verwechslung von Michelangeli). Auch Francois scheint mir heute (zu) wenig bekannt, bei DEBUSSY und RAVEL ist er für mich meistens "erste Wahl".


(rec.1959 oder 1967)

Fast immer "erste Wahl" bei RAVEL ist für mich Casadesus, aber die oben erwähnte Aufnahme mit konnte mich bisher noch nicht außergewöhnlich fesseln. (Es exisitieren mit Casadesus noch weitere Aufnahmen des Konzertes mit anderen Dirigenten, z.B. Celibidache und Scherchen)



Auch Fleischer hat das Konzert nicht nur mit Ozawa, sondern z.B. auch mit Sergiu Comissiona (8:18 + 9:16) eingespielt.



Ganz neu auf dem Markt ist eine Aufnahme mit Pierre-Laurent Aimard unter Pierre Boulez. Beide Interpreten schätze ich außerordentlich, deswegen kommt die CD gleich auf meine "Liste" Kennt jemand diese Aufnahme schon?



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Petit concours à la maison... (S. Richter, 1976)

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Sonntag, 26. September 2010, 18:01

Kennt jemand diese Aufnahme schon?
Ich kenne sie nicht, habe nur eine recht negative Kritik im FonoForum gelesen (Kai Luehrs-Kaiser): Überschrift: "Verkrampft". Aimards Ravel wirke "unschlüssig", er verfüge "kaum über den Sinn für Tragik beim Linke-Hand-Konzert (die er durch ein Quantum Gefühligkeit ersetzt)", das "allotriahafte Flair des G-Dur-Konzerts" liege ihm wenig, Boulez dirigiere "unflexibel und blockhaft", das Klangbild verärgere durch "teilweise wenig Transparenz".

Natürlich sind solche Kritiken mit Vorsicht zu genießen...

:wink:
Es grüßt Gurnemanz

---
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Jorge Luis Borges

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Montag, 27. September 2010, 22:31

Kennt jemand diese Aufnahme schon?
Ich kenne sie nicht, habe nur eine recht negative Kritik im FonoForum gelesen...


Hallo Gurnemanz,

Danke für den Hinweis! Ich hatte auf "Klassik-heute" positive Besprechung gelesen...
"http://www.klassik-heute.com/kh/3cds/20100913_19857.shtml"

Da muss ich die CD wohl doch selber hören... ;+)

Gruß petit_concours
W o h n z i m m e r w e t t b e w e r b:
Petit concours à la maison... (S. Richter, 1976)

18

Montag, 27. September 2010, 22:47

Ich höre die Aimard-Aufnahme seit Tagen rauf und runter und finde sie schon ziemlich gut, ohne dass ich das gezielt begründen kann. Es hört sich einfach stimmig an.
Seit gestern hab ich aber mal Aimard gegen Zimerman ausgetauscht und finde den Polen in dem Konzert irgendwie noch besser. Auch das kann ich noch nicht gezielt begründen. Erst mal ein paar Tage weiterhören und dann schaun ma mal, ob ich dann klüger bin.


Liebe Grüße,
Peter.
Kaum nimmt Guttenberg kein Haargel mehr, geht Schlecker pleite. Das kann kein Zufall sein!

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