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Areios

uomo universale

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1

Samstag, 27. August 2011, 21:37

VILLA-LOBOS: Bachianas Brasileiras

Liebe Capricciosi!

Während die Sinfonien des wichtigen brasilianischen Komponisten bei uns im Forum bereits einen Thread haben, gilt das noch nicht für seine lange Zeit vielleicht bekannteste Werkreihe (abseits von Gitarristen), die neun "Bachianas Brasileiras". Es ist der Versuch einer Synthese zwischen der barocken Polyphonie Bachs (daher der Titel), frühen Formen von Jazz (vielleicht auch in Erkenntnis gewisser formaler Ähnlichkeiten zwischen Barock und Jazz) und einheimischer brasilianischer Musik. Die Stücke (entstanden zwischen 1930 und 1945) haben deshalb fast alle doppelte Satzbezeichnungen: barocke und modern-brasilianische. Es finden sich Fugen und Toccaten, eine "Giga" (in Nr. 7) und natürlich reichlich Präludien. Vielleicht das bekannteste Werk von Villa-Lobos sind die Bachianas Brasileiras Nr. 5, in der Originalversion für Sopran solo und acht Celli. Es gibt auch Bearbeitungen für Sopran und volles Orchester sowie für Sopran und Gitarre.

Von den Aufnahmen, die ich kenne, finde ich interpretatorisch die unter dem Dirigat des Komponisten mit großem Abstand am besten, die derzeit außerdem zu einem sensationellen Preis zu haben ist:



Die Box inkludiert auch noch weitere Werke von Villa-Lobos. In den Bachianas Brasileiras Nr. 5 singt Victoria de los Ángeles ein traumhaftes Sopran-Solo, das nur noch von Bidú Sayãos Aufnahme überboten wird. Die Tonqualität ist spätes Mono, sehr anhörbar, manchmal würde man sich vielleicht ein bisschen mehr Brillanz wünschen, aber das sind nur Kleinigkeiten. Ich rate jedenfalls entschieden davon ab, die vermehrte Brillanz bei folgender Aufnahme zu suchen:



Das einzige, was daran besser ist, ist nämlich die Tontechnik. Ansonsten bekommt man hier einen sehr dicken, zähen Villa-Lobos zu hören, und die polyphonen Linien, die gerade bei den Bachianas Brasileiras programmatisch wichtig sind, verschwimmen in einem klebrigen Breitwandsound. Auch kann Barbara Hendricks als Sopransolistin in den Bachianas Brasileiras Nr. 5 nicht einmal ansatzweise mit Victoria de los Ángeles in des Komponisten eigener Aufnahme mithalten. Sie hat das selbe Problem wie die gesamte Aufnahme: zu dick, zu schwerfällig, zu viel Vibrato, und wenig Gefühl für die Musik.

Die beliebten Bachianas Brasileiras Nr. 5 allein habe ich außerdem noch mit Ana María Martínez:



Und Elina Garanca hat in einem Anfall von akuter Schnipselwut überhaupt nur den ersten Satz der Bachianas Brasileiras Nr. 5 (also quasi den Hit des Hits) aufgenommen:



Elina Garanca gibt eine recht interessante hyperdramatische Hochdruck-Version des Gedichts in der Mitte des ersten Satzes, die aber irgendwie völlig an der Aussage der idyllischen Poesie vorbeigeht und den Anschein erweckt, sie verstehe nicht ganz, was sie da singt; Ana María Martínez singt gut und stilgerecht, aber im Vergleich zu Victoria de los Ángeles noch zu wenig profiliert. Die beiden nehmen übrigens die Version für Orchester, die gegenüber der schlanken und zarten Originalfassung für acht Celli inferior ist. Aber wer nur an der "Ária (Cantilena)" aus den Bachianas Brasileiras interessiert ist, der sollte sich sowieso unbedingt die Aufnahme mit Bidú Sayão anhören:



Oder auf Youtube. Auch hier dirigiert der Komponist, es spielen nur die acht Celli zu Bidús exquisiter Stimme. Ultimativ. :juhu: :juhu: :juhu:
Ich glaube ja, dass sie damals auch den zweiten Satz aufgenommen hat, aber den kann ich leider nirgends finden. :cry:

Äußerst interessant sind auch noch die Bachianas Brasileiras Nr. 9, die heute und auch auf den oben vorgestellten Aufnahmen meist in der Fassung für Streichorchester gespielt werden. Ursprünglich hatte der Komponist dieses Werk aber für sechsstimmigen, Fantasiesilben singenden Chor geschrieben, und eine Aufnahme dieser Originalfassung findet sich auf folgender empfehlenswerter CD:



Wenn das Streicher spielen, klingt es ja nicht so ungewöhnlich, aber was der Chor in dieser polyphonen Tour de Force alles aufführen muss (und dieser hier auch kann), ist absolut cool und reißt mich immer zu wilden Begeisterungsstürmen hin. In der Chorversion klingt das Stück ziemlich schwierig, und vielleicht ist das auch der Grund, weswegen Villa-Lobos selbst eine Fassung für Streichorchester herstellte (de facto wird er wohl nur die Beschriftung der Notensysteme geändert haben ;+) ) und diese zweite Fassung heutzutage auch viel öfter aufgeführt wird.

So, und jetzt hätte ich gerne von euch: Eindrücke, Erfahrungen, CD-Empfehlungen, Verteidigungen von mir rüde abgekanzelter Aufnahmen etc.

Liebe Grüße,
Areios
"Wenn [...] mehrere abweichende Forschungsmeinungen angegeben werden, müssen Sie Stellung nehmen, warum Sie A und nicht B folgen („Reichlich spekulativ die Behauptung von Mumpitz, Dinosaurier im alten Rom, S. 11, dass der Brand Roms 64 n. Chr. durch den hyperventilierenden Hausdrachen des Kaisers ausgelöst worden sei. Dieser war – wie der Grabstein AE 2024,234 zeigt – schon im Jahr zuvor verschieden.“)."
Andreas Hartmann, Tutorium Quercopolitanum, S. 163.

2

Sonntag, 28. August 2011, 08:11

Lieber Areios,

ich schätze die Bachianas sehr, kenne sie aber leider (noch) nicht so gut wie Du, so dass ich mich nur Deiner Empfehlung der Aufnahmen mit dem Komponisten selbst anschließen kann. Ich möchte aber noch eine weitere, sehr schöne Aufnahme ins Spiel bringen, die in der kurzen Zeit, in der sie am Markt war, leider nicht so gewürdigt wurde:



Gegenüber den Aufnahmen des Komponisten hat sie den Vorteil eines hervorragenden Klangbildes. Renée Fleming mag gegenüber Victoria de los ANgeles nicht die ideale Authentizität mitbringen und sich zu sehr auf den Schöngesang kaprizieren, aber wie sie das macht, ist schon hinreißend.

Der eigentliche Star der Aufnahme aber ist Michael Tilson Thomas, der die Partitur in begeisternder Weise zum Leuchten bringt und genau die Brillianz liefert, die Du bei den älteren Aufnahmen zu Recht vermisst. Sie enthält übrigens auch Prßelude und Fuge aus den Bacchianas Nr. 9, die ich gerade mit großer Freude höre.

:wink: Rideamus
Ein Problem ist eine Chance in Arbeitskleidung

3

Sonntag, 28. August 2011, 11:27

Lieber Areios,


das klingt ja sehr sehr interessant und verlockend!

Oder auf Youtube. Auch hier dirigiert der Komponist, es spielen nur die acht Celli zu Bidús exquisiter Stimme. Ultimativ. :juhu: :juhu: :juhu:
... wäre es evtl. möglich.... in " " gesetzt, den entsprechenden Link reinzusetzen? Das ist ja erlaubt.


Vielen Dank im voraus!


Schöne Grüße von

amamusica :pfeif: ,


... die in der Welt der Musik gerade so unendlich viel wundervolles, "neues" entdeckt...
Ein Blümchen an einem wilden Wegrain, die Schale einer kleinen Muschel am Strand, die Feder eines Vogels -
all das verkündet dir, daß der Schöpfer ein Künstler ist. (Tertullian)

...und immer wieder schaffen es die Menschen auch, Künstler zu sein.
Nicht zuletzt mit so mancher Musik. Die muß gar nicht immer "große Kunst" sein...




4

Sonntag, 28. August 2011, 12:54

Der Link ist "http://www.youtube.com/watch?v=2NvNxmqFxdU"

und ich stimme Areios zu: Bidu Sayao ist selbst bei der reduzierten Tonqualität auf YouTube die opmale Interpretin der Bachiana Nr. 5

:wink: Rideamus
Ein Problem ist eine Chance in Arbeitskleidung

5

Sonntag, 28. August 2011, 13:12

Oh, ich kenne das Stück seit meiner Kindheit !!!

Das war auf einer Platte von Joan Baez drauf, die wir hatten / haben. Hat mich damals schon sehr beeindruckt.

Wie findet Ihr Fachleute denn die Interpretation von ihr?

Ich bin zu keinem objektiven Urteil fähig, denn ich liebe (fast) immer die Fassungen meiner "frühkindlichen Prägung", egal von was...


Hier der Link:

"http://www.youtube.com/watch?v=xfTtUxyjOaE&feature=related"


:wink:

amamusica :pfeif:
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6

Sonntag, 28. August 2011, 14:11

Ich bin wahrlich kein Fachmensch und finde als solcher, dass sie das sehr gut mcht, vor allem, weil sie sich nicht um den zweiten Teil dieser Nummer drückt, obwohl sie da doch an Grenzen ihres (auch sprachlichen) Ausdrucksvermögens stößt, wie ein Vergleich mit Sayao und anderen deutlich macht. Das Lied ist eben doch viel anspruchsvoller, als man auf Anhieb glauben möchte.

Da ich aber ohnehin mit der Begleitung nicht so recht glücklich bin, wird das wohl nicht meine Referenzfassung werden.
Trotzdem: das ist weit besser, als ich erwartete und klar besser als alles, was Barbra Streisand in ihrem "Classical" Album aufgenommen hat. Dabei mag ich Barbra Streisand sehr. (sorry für das OT :hide: )

:wink: Rideamus
Ein Problem ist eine Chance in Arbeitskleidung

7

Sonntag, 28. August 2011, 17:41

Ich bin im Besitz der Batizaufnahme und Areios Ratschlag, sich diese Aufnahme nicht anzuschaffen, kommt für mich zu spät. Immerhin auch in dieser Aufnahme kann man Villa Lobos kennen lernen.

Ich bin aber gleich umgehend seiner Empfehlung nachgegangen und habe mir die 6 CD Box mit Einspielungen des Komponisten selber, die ja nun wirklich nicht sehr teuer ist, bestellt. Spätes Mono kann sehr gut klingen und ich denke Einspielungen des Komponisten selber sind immer so eine Art Referenzpunkt - und teuer ist diese Box weiß Gott nicht.

Interessant wäre es, ob jemand etwas zur Schermerhornaufnahme der Bachianas Brasilieras auf Naxos sagen könnte, die mag ja eventuell besser sein als der Batiz.

Gruß Martin
Der Hedonismus ist die dümmste aller Weltanschauungen und die klügste aller Maximen.

8

Sonntag, 28. August 2011, 18:09

Aber wer nur an der "Ária (Cantilena)" aus den Bachianas Brasileiras interessiert ist, der sollte sich sowieso unbedingt die Aufnahme mit Bidú Sayão anhören:

Oder auf Youtube. Auch hier dirigiert der Komponist, es spielen nur die acht Celli zu Bidús exquisiter Stimme. Ultimativ. :juhu: :juhu: :juhu:
Kannte ja wie gesagt die Version gesungen von Joan Baez in- und auswendig.


Habe mir nun auf YouTube die empfohlene Fassung zu Gemüte geführt, noch einmal und noch einmal und noch einmal,

und DIESE ist wirklich phantastisch. Sicherlich auch "ultimativ", aber jetzt kenne ich gerade mal zwei Fassungen...

(Am aller-ultimativsten wäre es natürlich, wenn die Tonqualität auch ultimativ wäre... :cry: ...aber such is life.)

Es ist schon ein ungeheuer beeindruckendes Stück! (Für mich hat das einen "düsteren Zauber")


Vielen, vielen Dank!

:wink:

amamusica :pfeif:
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Areios

uomo universale

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9

Sonntag, 28. August 2011, 19:43


Das war auf einer Platte von Joan Baez drauf, die wir hatten / haben. Hat mich damals schon sehr beeindruckt.
Wie findet Ihr Fachleute denn die Interpretation von ihr?


Bei einem Ranking der Aufnahmen müsste Joan Baez sicherlich zumindest ein Sonderpreis der Jury zukommen. Ich bin persönlich der Meinung, dass man für eine gute Interpretation dieses Stückes nicht unbedingt eine klassische Stimme braucht (wobei Joan Baez schon eine besondere unklassische Stimme hat), und Joan Baez beweist das in meinen Ohren hinreichend. Der erste Vokalisenteil ist sehr gut gesungen, der abschließende Summteil sogar herausragend gut. Nur der Mittelteil (das Gedicht), der bei vielen Sängerinnen ein Schwachpunkt ist, gefällt mir nicht ganz so gut. Ich finde, Joan Baez fängt zu dramatisch und hektisch an, ist vielleicht auch ein bisschen zu schnell, und das passt weder besonders gut zum Text, noch ist es musikalisch besonders schön. Hier hat sie manchmal auch Probleme, den Rhythmus und ihre Atempausen irgendwie miteinander zu vereinbaren; am Schluss des Mittelteils, den sie dann ruhiger nimmt, ist sie wieder gut. Die bisweilen etwas unidiomatische Aussprache verzeihe ich ihr gerne.

Insgesamt würde ich sagen: keine Referenzaufnahme, aber eine schöne Ergänzung. Und nicht die schlechteste Aufnahme, um das Stück kennen und lieben zu lernen. Einen Vorteil hat Joan Baez mit Bidú Sayão und Victoria de los Ángeles gemeinsam, und das ist die Natürlichkeit des Singens, dieses einfach-Fluten-Lassen der Stimme, das gar nicht so einfach ist.

Joan Baez ist übrigens nicht die einzige nichtklassische Sängerin, die sich an den Bachianas Brasileiras versucht hat: es gibt auch eine Version mit Nana Mouskouri, die auch durchaus anhörbar ist (das Stück ist nämlich nicht nur wunderschön, sondern auch noch unglaublich robust!), aber nur den A-Teil beinhaltet. Aber Joan Baez ist sowieso besser. ;+)

Liebe Grüße,
Areios
"Wenn [...] mehrere abweichende Forschungsmeinungen angegeben werden, müssen Sie Stellung nehmen, warum Sie A und nicht B folgen („Reichlich spekulativ die Behauptung von Mumpitz, Dinosaurier im alten Rom, S. 11, dass der Brand Roms 64 n. Chr. durch den hyperventilierenden Hausdrachen des Kaisers ausgelöst worden sei. Dieser war – wie der Grabstein AE 2024,234 zeigt – schon im Jahr zuvor verschieden.“)."
Andreas Hartmann, Tutorium Quercopolitanum, S. 163.

10

Sonntag, 28. August 2011, 20:23

Ich kenne das Stück sonst kaum, aber ich finde (als relativer Baez-Fan, jedenfalls der frühen Sachen), die Version auf dem Album "5" ziemlich grauenvoll. (Oder gibt es da noch eine spätere?)
Das unkontrollierte vibrato, das bei den Folksongs als Markenzeichen fungieren kann, wirkt auf mich hier völlig fehl am Platze bzw. es gefällt mir in dieser Dosis einfach nicht, wirkt nur überfordert und nicht "natürlich", die ganze Stimme wird dadurch unfokussiert. Ein Riesenunterschied (natürlich!) zu Sayao,obwohl die auch stark vibriert
Mouskouri (siehe Youtube-link) würde ich hier eigentlich mehr zutrauen, die war ja mal eine ordentliche Jazz-Sängerin. Die ist aber ein bißchen zu cool, um nicht zu sagen
langweilig...

"http://www.youtube.com/watch?v=CdXXQBd--4M"

Wenn die Vocalise möglichst "instrumtental" sein soll, ist Los Angeles (youtube) von denen am besten (allerdings weniger leidenschaftlich als Sayao )

(Allerdings muss ich zugeben, dass der besondere Appeal dieser Musik mich anscheinend auch nicht recht erreicht... :hide: )
There are nine objections to your view. Of course there are; any interesting philosophical view faces at least nine objections.
W. G. Lycan

11

Sonntag, 28. August 2011, 21:32

Naja, wo wir schon mal dabei sind, hier nun ein link, der mich seit langem begleitet und mich das erste mal mit der Musik Villa Lobos´bekannt machte. Ein guter Freund hat ihn mir damals geschickt.

"http://www.youtube.com/watch?v=ekWmb_Pytjs"

Marilia Vargas singt hier die Aria, wie ich finde, sehr, sehr gut. Leider ist die Tonaufnahme nicht die beste...


LG Lotte

P.S. ich habe mir damals auch die Noten gekauft. Also: welche 7 Cellisten hier hätten Lust????? (und vor allem: welche Sängerin??) :rolleyes:

„Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.“
(Immanuel Kant "Grundlegung zur Metaphysik der Sitten")

12

Montag, 29. August 2011, 09:19

Lieber Kater Murr,

du fragst
Ich kenne das Stück sonst kaum, aber ich finde (als relativer Baez-Fan, jedenfalls der frühen Sachen), die Version auf dem Album "5" ziemlich grauenvoll. (Oder gibt es da noch eine spätere?)
Keine Ahnung, ob es davon noch eine spätere Version gibt. Die die ich von klein auf kenne, ist genau die vom Album "5".
(Paßt ja eigentlich auch, die "Bachianas Brasileiras Nr. 5" im Plattenalbum Nr. 5)

Wie gesagt, ich selbst war in meinem damaligen zarten Alter von diesem "düsteren Zauber" schon sehr fasziniert, und ebenso wie Areios finde ich sie auch heute noch sehr schön. Bin ja überhaupt nicht musikalisch ausgebildet, bei mir geht der Musikgenuß rein über Herz und Seele, wobei ich grobe Qualitätsunterschiede schon heraushören kann, im Vergleich jedenfalls (meistens).

Aber es war immer etwas besonderes, dieses Stück, daß da mitten in den Folksongs drin war aber so völlig anders war, und diese Cello-Begleitung, gerade auch mit den Pizzicato (stimmt doch, oder?) und überhaupt, zu der Stimme... sicher nicht das schlechteste "Gedudel" für ein Kindergehirn! ;+)

Einen schönen Tag noch!

:wink:

amamusica :pfeif:
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Lionel

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13

Montag, 29. August 2011, 18:52

Die Musik von Heitor Villa-Lobos lernte ich zum ersten Mal in dieser Aufnahme kennen:



So schlecht wie Airos finde ich diese Aufnahme gar nicht. Darüber, ob Barbara Hendricks die ideale Sängerin für die Bachianas Brasileiras Nr. 5 ist kann man natürlich streiten aber für meinen Geschmack finde ich, dass sie den Gesangspart nicht zu "opernmäßig" gestaltet. Da ich aber nur diese Aufnahme aus der Batiz-Gesamtaufnahme habe, kann ich mir kein weiteres Urteil erlauben. Jedenfalls hat sie mir das Interesse an Villa-Lobos' Musik nicht verleidet.

Des weiteren habe ich diese Aufnahme:



Diese enthält die 4. Bachianas Brasileiras in der Orchesterfassung sowie mit der 2. und 8. Bachianas Brasileiras zwei weitere Werke aus dieser Reihe, die für größer besetztes Orchester geschrieben sind. Für meinen Geschmack ist das eine Interpretation auf hohem Niveau, die auch die rhythmischen Finessen der Kompositionen gut herausarbeitet und klanglich nie zu dick klingt.

Mein eigentliches Highlight stellt aber die folgende Aufnahme dar:



Es handelt sich hier um die Gesamtaufnahme aller erhaltenen Choros sowie der Bachianas Brasileiras. Dabei wurden von der 4. Bachiana Brasileiras sowohl die Klavier- als auch die Orchesterfassung und von der 9. Bachianas Brasileiras die Chor- und die Streicherfassung aufgenommen. Als "Zugabe" bekommt man des weiteren noch alle Werke, die Heitor Villa-Lobos für Gitarre solo komponierte.

Diese Aufnahme läßt für mich keine Wünsche offen. Das Sao Paulo Symphony Orchestra ist ein brilliantes Orchester, das mit großem Engangement und Leidenschaft für die Musik ihres großen Landsmanns einsetzt. Auch die kleiner besetzten Werke werden alle von Mitgliedern des Orchesters gespielt. Als prominente Solisten wirken die Sopnistin Donna Brown, der Pianist Jean Louis Steuerman sowie der Cellist Antonio Meneses mit. Lediglich das zusätzlich aufgenommene "Quintetto em Forma de Choros" wird von Mitgliedern des Berliner Philharmonischen Bläserensembles interpretiert.

Auch klanglich bietet diese CD-Box die gewohnt hohe BIS-Qualität.

Lionel
"Musik ist für mich ein schönes Mosaik, das Gott zusammengestellt hat. Er nimmt alle Stücke in die Hand, wirft sie auf die Welt, und wir müssen das Bild zusammensetzen." (Jean Sibelius)

14

Dienstag, 30. August 2011, 11:48

RE: Bachianas mit Batiz und Choros mit Neschling

Hallo Lionel,

Deinen positiven Worten zur GA der Choros und Bachianas mit dem Sao Paulo Symphony Orchestra/John Neschling (BIS), die Du ganz unten abgebildet hast, möchte ich Dir ausdrücklich zustimmen.
Ich habe diese BIS-GA angeschafft um endlich alle Choros Nr. 1-12 komplett zu haben.
Da kann ich ohne wenn und aber die vorhandenen Einzelaufnahmen (auf den Labels Naxos) aussortieren, da diese an diese Glanzleistungen mit dem Sao Paulo Symphony Orchestra nicht heranreichen.


Genau das gleiche hatte ich zuvor aber auch mit den Bachianas Brasileiras erlebt.
Dort besass ich mehrer mehr oder weniger gute Einzelaufnahmen und wie sich ebenfalls herausstellte die schwache GA mit Schermerhorn/Nashville SO (Naxos).
:thumbup: Erst die EMI-GA mit dem Royal PO / Enrique Batiz (EMI) hat mir gezeigt, wo "der Hase laufen" sollte. . Ist diese Ga nicht jetzt auch bei Brillant superpreiswert im Programm ? Batiz in gewohnter TOP-Form mit "seinem" Repertoire. Von daher kann ich Areios Einschränkungen hier ebenfalls wie Du nicht nachvollziehen. Batiz ist brillant, nie langweilig und mit dem nötigen Feuer ausgestattet.
;+) Nun muss ich aber für mich auch eingestehen, dass ich auf die Bachiana Nr.5, wo es auf die Gesangssolistin ankommt, nicht den wirklich großen Wert lege. Da möchte ich Areios gerne Glauben, dass hier andere Schleiereulen den Vorzug gegenüber Barbara Hendricks geniessen.
Ansonsten habe ich eine Reihe Einzel-CD´s aussortiert, da meinen Vorzug nur Batiz geniesst. Als erstes wurde die Bachiana-GA mit Schermerhorn (NAXOS) eliminiert, für die ich hier keine Empfehlung (eher eine Lanweiligkeitswarnung !) aussprechen kann.


EMI, 1985-86, DDD



*** Zu den folgenden Beiträgen und den Bewertungen einzelner Aufnahmen:

:!: Zwei Beiträge weiter sieht Algabal das eben anders als ich und favorisiert gegenüber Batiz sogar die von mir geschähte Schermerhorn-GA (NAXOS) ! :D Sei es drum ! Darüber ärgere ich mich aber nicht, sondern akzeptiere seine Eindrücke.
Ich finde so einfach sollte man man sich das mit der Gesamtbewertung aber nicht bei einer GA von 9 Bachianas aber nicht machen. ;+) Man sollte tasächlich Einzelbewertungen durchführen und dann zum Ergebnis kommen. Denn wie der nachfolgende Beitrag von Aeiros zeigt sieht auch er, das Batiz zum Beispiel einiges im Vergleich auch für ihn nicht ganz daneben liegt.
Als nächstes werde ich meine Neschling-Aufnahmen (BIS) in dieser Hinsicht untersuchen. ;+) So weit bin ich nämlich noch nicht gewesen, da ich diese BIS-GA noch nicht lange in meinem Bestand habe.
______________

Gruß aus Bonn

Wolfgang

15

Dienstag, 30. August 2011, 12:45

dass hier andere Schleiereulen den Vorzug gegenüber Barbara Hendricks geniessen.
Das kann ja auch kein Waldkauz wissen. :D
calisto (Ohreneule)

16

Dienstag, 30. August 2011, 13:49

RE: RE: Bachianas mit Batiz und Choros mit Neschling

Als erstes wurde die Bachiana-GA mit Schwarz (NAXOS) eliminiert, für die ich hier keine Empfehlung (eher eine Lanweiligkeitswarnung !) aussprechen kann.


Die Naxos-Einspielung der Bachianas Brasilieras wird allerdings nicht von dem Grusel-Dirigenten Gerard Schwarz geleitet sondern von Kenneth Schermerhorn. Ich finde Schermerhorns Lesart, die sehr viel schärfer die polyphonen Strukturen der Kompoisitionen akzentuert, den Batiz-Einspielungen durchaus überlegen. Schermerhorn ist deutlich rational, schiebt die bachianischen Aspekte gegenüber den brasilianischen in den Vordergrund. Bei Batiz ist es ganz klar umgekehrt, ihm ist eher an satten Farben und Exotik gelegen, der Farbauftrag entsprechend prall und schillernd, die Zeichnung aber, da gebe ich Areios recht, ziemlich breitpinselig und pauschal. Ist sicher Geschmacksache, was man bevorzugt.

Anders als Areios empfinde ich aber gerade die Nr. 5 bei Batiz als Ausreißer nach oben, gerade weil mir Frau Hendricksens Timbre geradezu überidiomatisch für das Stücklein zu sein scheint.

So, ich verlinke mal die Schermerhorn-Aufnahme (nicht nur um teleton zu ärgern):



Adieu,
Algabal
»Dieser Austausch, den wir hier betreiben, ist nichts anderes als ein soziales Spiel.« (Knulp)

17

Dienstag, 30. August 2011, 14:06

Mein eigentliches Highlight stellt aber die folgende Aufnahme dar:


Danke! :cursing: :cursing: :cursing:
Denkst Du eigentlich nie an meine Geldbörse!!! :D
:wink:
Na sdarowje! (Modest Mussorgskij)

Areios

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18

Dienstag, 30. August 2011, 20:09

Liebe Capricciosi!

Meine Lieblingssuite der Bachianas Brasileiras ist ja die in meinem Eröffnungsbeitrag bereits hervorgehobene Nr. 9, eigentlich nur ein Präludium und Fuge und eine der kürzesten Suiten (in der Bátiz-Aufnahme sogar nur als ein Track programmiert). Das Präludium ist vagaroso und místico, mystisch schweifend, und entwickelt ausgehend von der herben Anfangsmelodie eine leidenschaftlich dunkle Süße, die dann wieder zurückgeht und zusammenfällt - in die plötzliche Stille fährt das markante Fugenthema, eng verwandt mit der Anfangsmelodie, aber viel schneller und rhythmisch vertrackter. Die grandiose Fuge baut sich drei Mal über alle sechs Stimmen auf und bricht drei Mal wieder zusammen, das letzte Mal mit einem gewaltigen Unisono aller Stimmen.

Ich habe jetzt Villa-Lobos' eigene Aufnahme mit Bátiz vergleichsgehört und stelle fest: Das Prelúdio ist bei Bátiz sehr schön, etwas weniger intensiv vielleicht als bei Villa-Lobos, aber tadellos. Aber das Fugenthema ist bei ihm im Vergleich zu Villa-Lobos wie glattgebügelt. Die Marcati sind viel zarter, die Streicher spielen schwammiger, mit weniger Kontur und mehr Legato. Sehr interessant ist bei Villa-Lobos das Rubato und das Nachlassen des Tempos in der Mitte der Fuge. Die Fuge wird auf diese Weise teilweise romantisiert bzw. brasilianisiert und gerät kurzfristig in die Nähe eines chôro, bevor das Fugenthema im Tempo primo wieder dazwischenfährt. Bei Bátiz sind auch die Tempi viel mehr nivelliert, für manche Passagen zu hastig, um noch gut zu klingen. Das bachisch-brasilianische Doppelgesicht der Fuge wird nicht recht deutlich.

Außerdem ist mir beim heutigen Vergleichshören erstmals aufgefallen, dass die Kontrabassgruppe, die schon in der Villa-Lobos-Aufnahme einen recht kratzigen Klang erzeugt (was ich immer auf die Tonqualität schob), bei Bátiz und dem Royal Philharmonic Orchestra überhaupt grauenhaft schabend klingt. Entweder hat da der Tonmeister Mist gebaut, oder das Royal Philharmonic Orchestra kann sich keine ordentlichen Bässe leisten. Ich hab selber eine Zeit lang Kontrabass gespielt, ich weiß, wie ein guter Bass klingen kann, und wie er nicht klingen sollte. Oder ist das das original-brasilianische Bananenschachtel-Klangbild? :stumm:

Liebe Grüße,
Areios
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19

Dienstag, 30. August 2011, 22:31

Die Villa Lobos dirigiert Villa Lobos Box ist heute bei mir angekommen. Ich hörte die Bachianas Brasilieras 1 - 3. Die erste Bachianas ist allerdings spannender gespielt, auch mit einem sehr schönen Cellosolo im langsamen Satz. Die zweite - eines meiner Lieblingswerke - beim Komponisten selbst getragener, aber der Batiz gefällt mir deshalb nicht schlecht und fast möchte ich sagen, daß der Saxophonist bei Batiz eine größere Individualität hat als der beim Villa Lobos - was ich sehr gerne höre. Das 3. dann wieder bei Villa Lobos spannender, weil es bei Batiz fast zu so einer Art verhinderten Klavierkonzert wird - einen Eindruck, den ich bei Villa Lobos weit weniger hatte.

Zusammengefaßt gesagt: Diese Werke vom Komponisten selbst interpretiert zu finden, ist etwas ungemein spannendes, ohne daß ich deshalb das Gefühl hätte, daß die Batizaufnahmen deshalb schon von vorneherein disqualifiziert wären. Ich finde immer wieder, daß gerade bei Abwertungen von Interpretationen in Klassikforen oft maßlos übertrieben wird.

Gruß Martin
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20

Mittwoch, 31. August 2011, 07:29

Kurze Frage in die Expertenrunde:

Kann jemand etwas zu dieser Aufnahme sagen?



:wink: Agravain
Ich habe das schon oft bemerkt; die Leute von Profession wissen oft das Beste nicht.
Georg Christoph Lichtenberg

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