Nun werde ich die Aufnahmen, die ich mit ihr besitze, kurz vorzustellen.
Erstmals in Berührung gekommen bin ich mit ihr so richtig als Elisabetta in Rossinis Oper über die Königin von England (2002):

Diese erste der Neapolitanischen Opern Rossinis besticht mit ihrer ausgeklügelten Dramatik und stringenten Handlung, und Rossini hat sich nicht gescheut, mit den Konventionen zu brechen; wir haben einige einstrophige Cabaletten und Strette (sehr ungewöhnlich!) und streicherbegleitete Rezitative die ganze Oper hindurch - eine Neuerung, die Rossini in Neapel ausprobiert und dann weitergeführt hat. Larmore singt die Hauptpartie, die Rossini seiner noch-nicht-Gattin-aber-vielleicht-wer-weiß-schon-Geliebten Isabella Colbran auf den Leib geschneidert hat, als sie in ihren besten Jahren war: lange Koloraturen, großer Stimmumfang, vokaler Power. Larmore meistert das mit erstaunlicher Präzision und Souverinität, sie stellt den Charakter eindrucksvoll und respektheischend dar, lässt sich aber
auch Zeit für ruhige Momente. Am überzeugendsten ist sie freilich in den racheerfüllten Abschnitten, wenn ihre Koloraturkaskaden wie Dolchstiche herunterprasseln und sie mit ihrer frei schwingenden, sehr einnehmenden Höhe, aber auch mit ihrer robusten Tiefe punkten kann. Schon während des Hörens dieser Aufnahme - das ist nun schon fast 10 Jahre her - war mir klar, dass diese Frau eine meiner liebsten Sängerinnen werden würde.
Als nächstes hörte ich den wohl schon legendären
Giulio Cesare von Händel unter Jacobs (1991):

Hier spielt Larmore einen jugendlichen, draufgängerischen und optimistischen Cesare, mit ebenfalls souveräner Koloraturbewältigung und sympathischer Ausstrahlung. Allerdings finde ich hier - die Aufnahme ist relativ alt und sie war sehr jung - ihre Dramatik und Ausdruckskraft noch nicht so zwingend, wie in späteren Aufnahmen, hier wirkt das Ganze manchmal noch zu nett.
Zwei Solorezitals aus ihrer Zusammenarbeit mit Teldec kenne ich gut. Das erste trägt den Titel
Call Me Mister (1997):

Hier singt sie ausschließlich als Frau in Männderkleidern das
best-of an Hosenrollen. Während manche Titel absolute Extraklasse sind (die Bellini-, Rossini- und Gluck-Ausschnitte) wirkt etwas verzichtbar, dass sie z.B. Orlofsky's
Ich lade gern mir Gäste ein zweimal aufgenommen hat - einmal auf deutsch, und dann auf englisch. Trotzdem besticht sie hier in jedem Takt mit den genannten Attributen und wagt auch mehr dramatische Attacke (z.B. zu hören in
Mura felici als
La Donna del Lago).
Das zweite Rezital bewegt sich schon in die Richtung, die sie einschlagen sollte; das Changieren zwischen den Stimmfächern.
Diese CD trägt den Titel
Amore per Rossini (1998):

Hier singt Jennifer Larmore sich quer durch das Repertoire der Rossini-Opern, und nicht nur das: sie singt sowohl Arien, die für Alt konzipiert sind (aus
Matilde di Shabran,
Maometto II und
Bianca e Falliero), als auch für Mezzosopran (aus
La Pietra del Paragone), Sopran (aus
Le Siège de Corinthe), und für das Zwischenfach des Soprano Sfogato (aus
Otello und
Armida). All dies tut sie mit großer Souveränität und Leichtigkeit. Sie deckt hier einen Stimmumfang von einem großen, orgelnden tiefen g (in
Matilde) bis hin zu einem leuchtend hohen c3, auf welchem sie sogar noch ein astreines
Messa di Voce hinzaubert (
Armida). Sie versteht es auch, in diesem Ariensammelsurium den Eindruck zu erwecken, als seinen dies Ausschnitte aus kompletten Dramen, sie lässt keine Beliebigkeit zu, jede Stimmung, jeder Moment ist exakt eingefangen und nachvollziehbar. Ein echter Tip!
Von ihren Gesamtaufnahmen aus der Zeit kenne ich nur Rossini's
Italiana in Algeria, wieder eine Alt-Rolle (1997):

Eine sehr schöne, spritzige und komödiantische Aufnahme, die echten Theatergeist versprüht. Und Larmore als Isabella ist großartig, sie verdreht nur mit ihrer Stimme allen Männern komplett den Kopf.
Ich bin allerdings der Meinung, dass ihre besten Aufnahmen aus der Zeit mit Opera Rara stammen. Patric Schmid (1944-2005), Gründer und Chef des Labels hat erkannt, dass in Larmore weit mehr steckt als in einem normalen Mezzosopran und gab ihr von Anfang an Grenzpartien. Die
Elisabetta ist eine davon, noch eindrucksvoller ist jedoch ihre Leistung als Estella in Pacini's
Carlo di Borgogna (2001):

Bis jetzt kenne ich nur Ausschnitte, aber diese bezeugen, dass Larmore die Partie der Estella (die für Giulia Grisi komponiert wurde) zur Protagonistin der Oper macht. Bei Gelegenheit muss ich mal einen eigenen Faden zu diesem Werk eröffnen, das würde sich sicher lohnen.
Desweiteren ist Larmore in diesen CDs zu hören, jede für sich hörenswert, allein der Raum ist hier zu gering, alle zu besprechen, ich beschränke mich auf einen Satz pro CD:

Eine witzige, frühe Oper des jungen Donizetti, Larmore hier in der Hosenrolle als herrlich alberner Page Edmondo (2004).

Eine
Seria-Oper von Rossini aus seiner mittleren Periode, Larmore als edler, kühner Held Ottone mit ausgiebig Raum zum Duettgesang mit der entzückenden Majella Cullagh (2005).

Ausschnitte aus dieser merkwürdigen Oper von Paer; Larmore spielt die klassische Heroine, die sich zum Suizid meldet, um das Vaterland zu retten - ich bin noch nicht hintergestiegen, aber reinhören lohnt sich natürlich (2005).

Mercadantes
Maria Stuarda ist ein hörenswertes Werk, diese Aufnahme auch, wegen der großen Leistungen von Judith Howarth und Manuela Custer, denen Larmore nur ganz knapp die Show stielt (2006).

Larmore brilliert hier, neben anderen, großartigen Kollegen, in Salonstückchen großer Virtuosität; ein Highlight ist Arditi's Boléro
Leggero, invisibile (2002).

Ebenfalls eher eine Ensemble- als Solo-CD aber auch sehr hörenswert (2004).

Hörenswerte und wirklich gute Ausschnitte aus unbekannten Operetten von Offenbach; Larmore u.a. in einer grotesken Szene aus
Le Voyage dans la Lune, in der alle duurch plötzlichen Schneefall völlig überfordert sind und mit dem Zähneklappern anfangen (2006).

Wahrscheinlich ebenfalls exzellent, kenne ich aber nicht (2008).
Das beste zum Schluss (CD von 2005):

Ein Wunder eigentlich, dass diese Scheibe so wenig Beachtung gefunden hat - sie ist nicht nur die spektakulärste von Larmore's Platten, sondern eine der grandiosesten Gesang-CDs überhaupt. Patric Schmid hat die Stücke eigens auf Larmore's Stimme hin ausgesucht und die Verzierungen geschrieben, sodass wir hier wirklich alles zu hören bekommen, was sie zu bieten hat. Die Stücke sind allesamt extrem gut, die Partner (Bruce Ford, Majella Cullagh) exzellent, und Larmore ist in bombenhafter Verfassung. Sie singt Stücke, die für Colbran, Malibran, Grisi, Velluti und andere komponiert wurden, und hat wieder einmal einen Stimmumfang von zweieinhalb Oktaven zu bieten. Wer Gesang liebt, sollte die CD unbedingt anschaffen, sie ist GENIAL! Unter dem Link findet man übrigens auch eine Rezension, die ich geschrieben habe... damit ist eigentlich
alles gesagt, was ich dazu zu sagen hab.
Ihre neueste CD,
Royal Mezzo (2009), kenne ich noch nicht:
Oh jeh, ganz schön viel...
Es bleibt zu hoffen dass auch ihre "zweite" Karriere so intensiv auf Tonträger festgehalten werden wird, wie die "erste"... Ich hoffe sehr auf eine DVD-Aufzeichnung in Genf, während diese Chance in Berlin leider vertan wurde.
Naja, noch ist ja nicht aller Tage abend, und vielleicht gibt es bald eine Wiederaufnahme von
Jenufa.