Verehrte Titania,
ich bin gar nicht pessimistisch. Wenn ich das wäre, hätte ich diesen Thread nicht in Scherz, Satire und tiefere Bedeutung eingestellt, sondern woanders. (Ich hab' früher mal eine Zeitlang zum Spaß und nebenher Kabarett gemacht, und ab und zu kann ich's auch heute noch nicht lassen…)
Wie ich schon geschrieben habe, habe ich gegen Modernität an sich absolut nichts einzuwenden. Schon gar nicht wenn's witzig und gut gemacht ist, wie der Barbier von Claus Guth am Münchner Gärtnerplatz. Das Drumherum des Stückes ist ja schließlich nicht heilig. (Seiner etwas verkopften Erklärung, warum er das so inszeniert hat, muß ich ja nicht unbedingt folgen) Auch Axel Köhlers respektlosen Hallenser Admeto empfinde ich als Bereicherung angesichts so vieler lamorianter Alcestes.
Die Qualität der Inszenierungen reicht aber halt naturgemäß von sehr gut bis miserabel, das ist ein Kontinuum, und das ist normal. Und gerade schlechte Inszenierungen (Die es auch von bekannten Regisseuren geben soll!) zeichnen sich dadurch aus, daß irgendwelche Elemente klischeehaft übernommen werden, weils halt modern ist. (Oder schlimmer: weil das Ziel a priori banale Provokation ist) Und manchmal erschließt sich so eine Inszenierung einem Normalintelligenten eben nicht mehr.
Zur Verdeutlichung nun vielleicht doch ein paar Beispiele.
München, Ariodante, David Alden: Eine im Prinzip durchaus gelungene Inszenierung. Motto: die unterdrückte Frau. Irgendwo zwischendrin Balleteinlagen mit offenkundigen Schwulitäten des Königs und einem angedeuteten Mißbrauch Ginevras durch ihren Vater. Beides kommt aber weder im ursprünglichen Plot vor, noch paßt es zusammen oder in die sonstige Inszenierung. Also: was soll's? So richtig kam das Motto auch nicht rüber, und wenn es nicht im Programm gestanden wäre, wäre wohl keiner daraufgekommen. Ganz anders der völlig unaufgeregte Festspielariodante aus Halle von Stephen Lawless. Das ist für mich eine der ergreifendsten Operninszenierungen, die ich kenne. Nein: keine Erklärungen im Programm, aber so inszeniert, daß die werkimmanenten Konflikte und deren Ursachen und Wirkungen völlig klar werden. Nein, keine neue Deutung, Lawless reicht das, was ohnehin schon vorhanden ist, und das ist überwältigend viel.
Faust (Goethe): alle männlichen Rollen sind durch Frauen besetzt und umgekehrt. Die Folge: Auch für diejenigen im Publikum die das Stück kannten (und es waren einige darunter, die es sehr gut kannten!) war es zumindest zeitweilig außerordentlich schwierig, die Personen richtig zuzuordnen; das zu bewältigen hat ziemlich viel Konzentration erfordert. Von den anderen war ein nicht kleiner Teil schlicht überfordert und hat das ganze Werk nicht mehr verstanden. Wie ich aus allererster Quelle weiß (deswegen auch keine Nennung von Namen und Ort), hat sich der Regisseur dabei, wie auch bei einer Reihe von anderen Gags in dieser Inszenierung, absolut nichts gedacht. Das Ziel war einfach nur, ungewöhnlich zu sein, ohne tieferen Sinn. So nach der Art: "Hey, könnten wir nicht mal…") So was ist einfach nur schlechte Handwerklichkeit. Hauptsache spektakulär.
München, Richard III. (Regisseur weiß ich nicht mehr): Alle Schauspieler spielen alle Rollen. Was soll uns das sagen? Jeder ist Richard III.? Fein! Nur: es ist extrem anstrengend, einer solchen Inszenierung zu folgen, weil: Als Publikum bekommt man nicht immer gleich (wenn überhaupt) mit, wer gerade wen darstellt. Und auch hier wieder: wer das Stück nicht wirklich in- und auswendig kennt, verliert ziemlich schnell den Faden. Besonders die Jugendlichen, die ihre Theatererfahrungen erst machen müssen.
Apropos Jugendliche: Die sind mittlerweile durch ihre Deutschlehrer so auf Metapher und dem Sinn hinter dem Sinn hinter dem Offensichtlichen fixiert, daß sie die auch noch dort vermuten, wo gar keine sind. Ich habe vor einigen Jahren eine hinreißende Schülerinszenierung von Rainald Goetz' Jeff Koons erlebt, als tiefschwarze, bissige Satire auf Kunst, Kunstbetrieb und Künstler. Die älteren im Publikum haben sich köstlich amüsiert. Nur die anwesenden Schüler nicht. Der Versuch, das Geschehen auf der Bühne, das nichts mehr sein wollte, als gute Satire, metaphorisch zu deuteten, war von vorneherein zum Scheitern verurteilt, denn es gab keine Metapher. Die Heiterkeitsausbrüche der Erwachsenen haben dabei nicht unbedingt zur Verinerung der Verwirrung beigetragen…
Nein, ich bin nicht pessimistisch. Ich bin auch nicht gegen andere Sichtweisen. Ich bin nur gegen zu häufige Plattitüden.
Und ich mag keine Striche. Es läßt sich schließlich ALLES beweisen, wenn man alles wegläßt, was dagegen spricht. (So etwa: Wollen wir die Machtlosigkeit des Individuums gegenüber dem "Apparat" demonstrieren? Wohlan: Nehmen wir Fidelio, und lassen in der Kerkerszene Pizarro erst Leonore und anschließen Florestan erschießen. Rocco überlebt, denn er ist Werkzeug und Mitläufernatur. Vorhang.)
Aber irgendwie ist es hier jetzt gerade nicht scherzhaft, oder? Wie bekommen wir da nun die Kurve..?