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1

Samstag, 11. Juli 2009, 12:10

Zwischen Hochdeutsch und Platt - Das Volkslied nördlich der Alpen

Areios schrieb:

Ich denke, dass das norddeutsche Volkslied durchaus einen eigenen Thread verdient hätte, gerade, wenn davon nur noch spärliche Reste vorhanden sind. ... Norddeutschland hat aus vielfältigen Gründen andere musikalische Traditionen und eine andere Kultur, die vorzustellen eine lohnende Aufgabe wäre. Ich halte es für schön, dass ein bisschen Bewegung in dieses Unterforum und vielleicht auch in die Beschäftigung mit echter Volksmusik gekommen ist, und fände es schade, das nur auf diesen Thread zu begrenzen.

Da ich das auch finde, sei hiermit der Extrathread eröffnet. Er beginnt mit einer Auskopplung aus diesem hier: Alpenmusik.

Hier ist aber darüber hinaus der Raum , geliebte Volkslider zu sammeln und auch mal die Frage zu stellen:
Was ist das Volkslied eigentlich.
Und was ist davon heute übrig geblieben?

:wink: Rideamus
Ein Problem ist eine Chance in Arbeitskleidung

2

Samstag, 11. Juli 2009, 17:17

Ein wunderschönes Norddeutsches Lied hast Du vergessen, ich weiss zwar den Titel nicht und kenne mehr die Melodie als den Text (zumal es plattdütsch gesungen werden sollte).

Textstellen daraus lauten:

"Dat Du mien leevsten best,
dat Du wohl weisst.
...
Kum bie der Nacht ...

Vater schläft
Mudder schläft
ich schlaf alleens
....

Solche Lieder sollten nicht vergessen werden

Ich glaube Esther Ofarim hat es mal mit ihrer wunderschönen Stimme gesungen

Weiss jemand den genauen Titel?
Ohne Musik wäre das Leben ein Irrtum (Nietzsche)
In der Tat spuckte ... der teuflische Blechtrichter nun alsbald jene Mischung von Bronchialschleim und zerkautem Gummi aus, welchen die Besitzer von Grammophonen und Abonnenten von Radios übereingekommen sind Musik zu nennen (H Hesse)

3

Samstag, 11. Juli 2009, 17:39

@Erzherzog,

bitteschön:

Dat du min Leevsten büst

Dat du min Leevsten büst,
Dat du woll weeßt.
|: Kumm bi de Nacht,
Kumm bi de Nacht,
Segg mi wat Leevs. :/

Kumm du üm Middernacht,
Kumm du Klock een!
|: Vader slöpt,
Moder slöpt,
Ick slap aleen. :/

Klopp an de Kammerdör,
Fat an de Klink!
|: Vader meent,
Moder meent,
Dat deit de Wind. :/

Kummt denn de Morgenstund,
Kreiht de ol Hahn.
|: Leevster min,
Leevster min,
Denn mößt du gahn! :/

Sachen den Gang henlank,
Lies mit de Klink!
|: Vader meent,
Moder meent,
Dat deit de Wind. :/

:wink:

Momus

4

Samstag, 11. Juli 2009, 17:42

Dieses Lied wurde zu Zeiten der Folk Music - Bewegung gerne gesungen. Ich habe noch eine alte LP mit internationalen Volksliedern, in der Helga & Klaus das sehr schön singen, und zwar mit dem hochdeutschen Text:

Dass Du mein Liebster bist,
Das Du wohl weißt
Komm bei der Nacht
Komm bei der Nacht
Sag wie du heißt.

Das Lied heißt auch "Dass du mein Liebster bist" oder, da es wohl ein pommersches Volkslied ist:

1. Dat du min Leevsten büst,
dat du wull weest.
Kumm bi de Nacht,
kumm bi de Nacht,
segg, wo du heest!

Hier findet Ihr die weiteren Strophen und die Melodie: http://kaszuby.bytow.pl/radde/Mitternacht.html

Eine weitere Interpretin war neben Esther Ofarim (wenn das stimmt, was ich nicht weiß) Lolita. Ich finde das Lied auch immer noch sehr schön und war drauf und dran, es zu nennen, als ich mich um die eher nazionalen Irritationen in dem Thread kümmern musste. Leider gibt es nicht viele deutsche Lieder, die damals in den akzeptierten Kanon internationaler Folksongs aufgenommen wurden (ich übergehe mal nationale Barden wie Heino).

Von der Alpenmusik entfernen wir uns aber auch hier, aber es soll dem Threadstarter üverlassen bleiben, ob er mit der Erweiterung des Themas einverstanden ist, da es ja anscheinen kaum einen eigenen Thread veträgt. Oder doch?

:wink: Rideamus
Ein Problem ist eine Chance in Arbeitskleidung

5

Samstag, 11. Juli 2009, 17:43

.....aber das ist jetzt nicht wirklich Alpenmusik....

:mlol:

Momus

6

Samstag, 11. Juli 2009, 17:45

Nein, flachländischer geht's überhaupt nicht. :D

Anscheinend bin ich heute zu langsam, denn ich schreibe fast nur noch parallel mit jemand anderem. :faint:

:wink: Rideamus

(mit der Bitte an Momus um Entschuldigung, dass ich seinen identischen Text im Parallelthread gelöscht habe)
Ein Problem ist eine Chance in Arbeitskleidung

Maggie

Nordlicht

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7

Samstag, 11. Juli 2009, 19:40

Da bin ich platt. :D

Mein liebstes niederdeutsches Volkslied habt Ihr bereits genannt.

Es gibt natürlich noch viele mehr.

Zum Beispiel dieses, dass mir als Kind bereits viel Freude bereitet hat.

Sing man tau oder Herrn Pastor sin Kauh
(Die Strophen sind regional abgewandelt, dazugedichtet bzw. weggelassen worden.)

Kennt ji all dat nije Leed, nije Leed, nije Leed,
Wat dat ganze Dorp all weet
Von Herrn Pastorn sin Kauh?

Refrain:
|: Sing man tau, sing man tau
Von Herrn Pastorn sin Kauh, ja Kauh!

2. Ostern wor se dick und drall,
Pfingsten lag se dod im Stall,
Uns Herrn Pastorn sin Kauh.
Refrain:

3. Als se wor in Stücken sneden,
Hat dat ganze Dorp wat kregen
Von Herrn Pastorn sin Kauh.
Refrain:

4. Jochen Steif, der Obermaat,
Kreig en Pott full Maulsalat
Von Herrn Pastorn sin Kauh.
Refrain:

5. Un de Köster Dümelank
Kreig en Steert als Glockenstrang
Von Herrn Pastorn sin Kauh.
Refrain:

6. Und de olle Stadtkapell
Kreig en nijes Trummelfell
Von Herrn Pastorn sin Kauh.
Refrain:

7. Un de nije Füerwehr
Kreig en Pott full Wagensmeer
Von Herrn Pastorn sin Kauh.
Refrain:

usw.

Wir sangen als letzte Strophe diese.

Un nu kümmt dat allerbest allerbest allerbest,
de Kauh dat ist en Ossen wäst.
uns Herrn Pastorn sin Kauh.
Refrain:

LG

Maggie
De Natur äuwt ehre Macht up jegliches Hart ut; äwer dat Hart möt mit die Natur stimmen, dat möt klor un uprichtig för den Sonnenstrahl apen dorliggen. (Fritz Reuter)

8

Samstag, 11. Juli 2009, 23:06

Liebe Maggie, jetzt bin ich auch platt. Das ist ja richtig schwer.
Maulsalat, Steert, Wagensmeer... puh, schwitz, also verstehen tu' ich das nicht wirklich.
Aber die letzte Strophe ist mir völlig rätselhaft. Kannst Du vielleicht für mich, evtl. noch andere Bewohner südlich des Weißwurstäquators eine kleine Übersetzungshilfe anbieten?

Ich revanchiere mich mit einem Kinderlied, das wir (Achtung Volkslied!) in den Ende60er/Anfang 70er Jahren in der Grundschule gesungen haben (wobei man mich als kleine Nichtbayerin sehr tolerant behandelt hat :) ).

Drunt' in da greana Au
drunt' in da greana au stehd a birnbam so blau, juhäh!
drunt' in da greana au stehd a birnbam so blau

was is an dem bam? a wundaschena ast!
ast am bam, bam in da au, drunt in da ...

wos is an dem ast? a wundaschens astal!
astal am ast, ast am bam, bam in da au, drunt in da ...

wos is an dem astal? a wundaschena zweig!
zweig am astal, astal am ast, ast am bam, bam in da au, drunt in da ...

wos is an dem zweig? a wundaschens zweigerl!
zweigerl am zweig, zweig am asterl, asterl am ast, ast am bam, bam in da
au, drunt in da ...

wos is an dem zweigerl? a wundaschens nestal !
nestal am zweigerl, zweigerl am zweig, zweig am asterl, asterl am ast,
ast am bam, bam in da au, drunt in da ...

wos is in dem nestal? a wundaschens oar! (ei)
oar im nestal, nestal am zweigerl, zweigerl am zweig, zweig am asterl,
asterl am ast, ast am bam, bam in da au, drunt in da ...

wos is in dem oar? a wundaschens vogal!
vogal im oar, oar im nestal, nestal am zweigerl, zweigerl am zweig,
zweig am asterl, asterl am ast, ast am bam, bam in da au, drunt in da ...

wos is an dem vogal? a wundaschens fedal!
fedal am vogal, vogal im oar, oar im nestal, nestal am zweigerl, zweigerl
am zweig, zweig am asterl, asterl am ast, ast am bam, bam in da au, drunt in da ...

drunt in da greana au stehd a birnbam schee blau, juhäh!
drunt in da greana au stehd a birnbam schee blau!

Das Lied ist übrigens auswendig zu singen und man darf keinen Gegenstand, der sich am Baum befindet, vergessen. :pfeif:

Viele Grüße,
:wink: Talestri
One word is sufficient. But if one cannot find it?
Virginia Woolf, Jacob's Room

Areios

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9

Samstag, 11. Juli 2009, 23:18

Liebe Maggie, jetzt bin ich auch platt. Das ist ja richtig schwer.
Maulsalat, Steert, Wagensmeer... puh, schwitz, also verstehen tu' ich das nicht wirklich.
Aber die letzte Strophe ist mir völlig rätselhaft. Kannst Du vielleicht für mich, evtl. noch andere Bewohner südlich des Weißwurstäquators eine kleine Übersetzungshilfe anbieten?


Also bei Wagensmeer könnte es sich um Wagenschmiere handeln, Steert ist gegoogeltermaßen der Schwanz, Maulsalat würde ich mit gekochtem Fleisch vom Rindsmaul, Zwiebel, Essig und Öl herstellen und die letzte Strophe würde ich ungefähr so übersetzen: "Und jetzt kommt das allerbeste: die Kuh war ein Ochs, die Kuh von unserm Herrn Pastor."

Liebe Grüße,
Areios
(der als von allen Capricciosi der südlichst beheimatete für seine Übersetzungen aber keine Garantie übernimmt)
"Wenn [...] mehrere abweichende Forschungsmeinungen angegeben werden, müssen Sie Stellung nehmen, warum Sie A und nicht B folgen („Reichlich spekulativ die Behauptung von Mumpitz, Dinosaurier im alten Rom, S. 11, dass der Brand Roms 64 n. Chr. durch den hyperventilierenden Hausdrachen des Kaisers ausgelöst worden sei. Dieser war – wie der Grabstein AE 2024,234 zeigt – schon im Jahr zuvor verschieden.“)."
Andreas Hartmann, Tutorium Quercopolitanum, S. 163.

GiselherHH

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10

Sonntag, 12. Juli 2009, 10:49

Return of the Tüdelband - Die Wiederentdeckung der Gebrüder Wolf

An de Eck steiht ´n Jung mit´n Tüdelband
in de anner Hand ´n Bodderbrood mit Kees,
wenn he blots nich mit de Been in´n Tüdel kümmt
un dor liggt he ok all lang op de Nees
un he rasselt mit´n Dassel op´n Kantsteen
un he bitt sick ganz geheurig op de Tung,
as he opsteiht, seggt he: hett nich weeh doon,
ischa ´n Klacks för ´n Hamborger Jung


Refrain
Jo, jo, jo, Klaun, klaun, Äppel wüllt wi klaun,
ruck zuck övern Zaun,
Ein jeder aber kann dat nich, denn he mutt ut Hamborg sien.


An de Eck steiht ´n Deern mit´n Eierkorf
in de anner Hand ´n groote Buddel Rum
Wenn se blots nich mit de Eier op dat Plaaster sleit
un dor seggt dat ok al lang "bum bum".
Un se smitt de Eiers un den Rum tosomen
un se seggt "so'n Eiergrog den hebb ik geern"
as se opsteiht, seggt se: "hett nich weeh doon,
ischa´n Klacks för´n Hamborger Deern".


Refrain
Jo, jo, jo, Klaun, klaun, Äppel wüllt wi klaun,
ruck zuck övern Zaun,
Ein jeder aber kann dat nich, denn he mutt ut Hamborg sien.



Man kann mit Fug und Recht sagen, dass es sich bei dem
Lied "An de Eck steiht´n Jung mit´n Tüdelband" um so etwas wie die heimliche Hamburger Nationalhymne handelt (und sie dürfte auch populärer sein als die offizielle Hymne "Stadt Hamburg an der Elbe Auen"). Jeder "richtige Hamburger" kennt es und kann es - zumindest auszugsweise - singen. Weitgehend vergessen waren aber bis vor kurzem die Urheber dieser Hymne: die Gebrüder Wolf.

1895 gründeten die Brüder Ludwig, Leopold und James Isaac, Söhne eines Schlachtergesellen aus der Hamburger Neustadt, dem Wohnquartier der Armen, das "Wolf-Trio". Erfolgreich bespielten sie mit ihren Liedern, Parodien und Sketchen die Revuetheater rund um die Reeperbahn und wurden schon bald auch über Hamburgs und auch Deutschlands Grenzen bekannt. Nach dem Ausscheiden von James wurde aus dem "Wolf-Trio" die "Gebrüder Wolf", die fortan vor allem mit ihren Bühnenfiguren "Fietje" und "Tetje", zwei Hamburger Hafenarbeitern, allerlei Schabernack auf der Bühne trieben. Mit ihren Gassenhauern, rasanten Kostümwechseln und gesellschaftskritischen Spitzen begeisterten sie ihr Publikum. Dem in Deutschland zunehmenden Antisemitismus versuchten sie im 1. Weltkrieg durch intensive Truppenbetreuung und 1926 durch Ablegung ihres Familiennamens Isaac und Annahme des Künstlernamens Wolf zu begegnen. Aber all das nützte ihnen nichts.

Mit der Machtergreifung der Nazis verloren die Wolfs die meisten ihrer Engagements. Sie durften zwar noch Auftritte für den jüdischen Kulturbund machen, aber die großen Unterhaltungsbühnen blieben ihnen verschlossen. Weil die Lieder der Gebrüder Wolf in Hamburg aber so populär waren, konnten die Nazis sie nicht einfach verbieten. So wurden sie kurzerhand zu "deutschem Liedgut" erklärt, die Verfasser durften nicht mehr erwähnt werden. James musste dies nicht mehr erleben, er war
bereits 1926 gestorben. Ludwig überlebte dank seiner "arischen" Frau, während Leopold samt Frau in Theresienstadt ermordet wurde.

Nach dem Tode Ludwigs 1955 gerieten die "Gebrüder Wolf" dann endgültig in Vergessenheit, während ihre Lieder, gesungen von anderen Interpreten, weiterlebten. Die beiden Söhne Leopolds, James und Donat, waren über viele Umwege 1939 nach New York emigriert, wo sie sich - wie viele andere Emigranten auch - mehr schlecht als recht durchschlugen. Sie starben Anfang der 1980er in den USA.

Der Dokumentarfilmer
Jens Huckeriede, der das Schicksal der Wolfs recherchiert hatte, lud den Enkel Donats, Dan Wolf, einen HipHop-Musiker, zu einer Spurensuche in die Heimat seines Großvaters ein. Daraus entstand der Film "Return of the Tüdelband", der die Gebrüder Wolf wieder schlagartig ins Licht der Aufmerksamkeit rückte. An den Hamburger Kammerspielen wurde die Revue "Die Jungs mit dem Tüdelband" zwei Jahre lang mit großem Erfolg aufgeführt. Und im Juni 2008 benannte man
schließlich auf St. Pauli einen Platz nach den Gebrüdern Wolf.

Zur Vertiefung:

http://einestages.spiegel.de/static/topi…&r=1&a=2095&c=1
http://www.gebruederwolf.de/


:wink:

GiselherHH

P.S. Das "Tüdelband" ist ein Eisenreifen, den Kinder mit einem Stock vor sich her trieben.
"Er war verrückt auf Blondinen. Wäre Helga auch noch adlig gewesen, der gute Teddy wäre völlig durchgedreht."

Michael Gielen über Theodor W. Adorno, der versucht hatte, Gielen seine Frau auszuspannen.

11

Sonntag, 12. Juli 2009, 12:06

Und noch eins:

Lütt Matten de Haas

Lütt Matten, de Haas,
de maak sik en Spaß,
he weer bi't Studeern,
dat Danzen to leer'n
un danz ganz alleen
op de achtersten Been.

Keem Reinke, de Voß,
un dach: Dat's en Kost !
Un seggt: "Lüttje Matten,
so flink op'e Padden ?
Un danzt hier alleen
op'e achtersten Been ?

Kumm, laat uns tosaam !
Ik kann as de Daam !
De Kreih, de speelt Fietel,
denn geiht dat canditel,
denn geiht dat mal schön
op de achtersten Been !"

Lütt Matten geev Poot.
De Voß beet em doot
un sett sik in'n Schatten,
verspies de lütt Matten:
De Kreih, de kreeg een
vun de achtersten Been.


Ein paar Vokabelhilfen: weer bi't = war beim; achtersten Been = die Hinterbeine; Kost = Mahlzeit; op'e Padden = auf den Füßen; Kreih = Krähe; geev Poot = gab (ihm die) Pfote

"Lütt Matten" ist wohl kein originäres Volkslied, der Text stammt von dem Dichter Klaus Groth aus einem 1858 veröffentlichten Buch mit plattdeutschen Kinderliedern. Es gibt offenbar auch mehrere verschiedene Vertonungen. Das Lied wurde schnell sehr populär und letztendlich dann doch zu einem echten Volkslied. Mir als kleinem Jungen hat es in den 60er Jahren eine alte niedersächsische Bäuerin oft und gerne vorgesungen und sich dabei immer wieder köstlich amüsiert über die Dummheit des Lütt Matten. Als Kind tat mir der arme Hase ja immer leid :cry:, aber jedenfalls habe ich das Lied bis heute nicht vergessen.

12

Sonntag, 12. Juli 2009, 13:00

Wer gerne Volkslieder hört, hier 8 CDs mit 97 Liedern mit Herrmann Prey


was echtes nicht dieser Volksmusikhit Schmarren

Wie kann man nur danach suchen ohne den Schrott mit angeboten zu bekommen?
Ohne Musik wäre das Leben ein Irrtum (Nietzsche)
In der Tat spuckte ... der teuflische Blechtrichter nun alsbald jene Mischung von Bronchialschleim und zerkautem Gummi aus, welchen die Besitzer von Grammophonen und Abonnenten von Radios übereingekommen sind Musik zu nennen (H Hesse)

GiselherHH

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13

Sonntag, 12. Juli 2009, 13:21

Um mal den (falschen) Konnex von Volksliedern und politische eher rechtsstehenden Barden zu widerlegen, hier mal zwei "norddeutsche" Klassiker:





Hannes Wader, der sicher nicht im Verdacht steht, ein Freund des "-tümlichen" zu sein, singt hier wunderbar atmosphärisch plattdeutsche Klassiker ("Lütt Matten" und "Dat du min Leevsten büst" inklusive) sowie Shanties, also Arbeitslieder der Seeleute und Matrosen.

:wink:

GiselherHH
"Er war verrückt auf Blondinen. Wäre Helga auch noch adlig gewesen, der gute Teddy wäre völlig durchgedreht."

Michael Gielen über Theodor W. Adorno, der versucht hatte, Gielen seine Frau auszuspannen.

14

Sonntag, 12. Juli 2009, 13:34

Dann sollten hierbei auch ruhig

Knut Kiesewetter



und

Achim Reichel



erwähnt werden, wobei Letzterer Shanties auf sehr rockige Weise anging, Ersterer auch norddeutsche Weihnachtslieder aufgenommen hatte (passt nicht gerade in die Zeit ;) .

Grüsse
Achim

15

Sonntag, 12. Juli 2009, 13:40

Die Gebrüder Wolf


Mit der Machtergreifung der Nazis verloren die Wolfs die meisten ihrer Engagements. Sie durften zwar noch Auftritte für den jüdischen Kulturbund machen, aber die großen Unterhaltungsbühnen blieben ihnen verschlossen. Weil die Lieder der Gebrüder Wolf in Hamburg aber so populär waren, konnten die Nazis sie nicht einfach verbieten. So wurden sie kurzerhand zu "deutschem Liedgut" erklärt, die Verfasser durften nicht mehr erwähnt werden. James musste dies nicht mehr erleben, er war
bereits 1926 gestorben. Ludwig überlebte dank seiner "arischen" Frau, während Leopold samt Frau in Theresienstadt ermordet wurde.

Lieber Giselher,

magst Du diesen Abschnitt über die Gebrüder Wolf nicht für unsere Ehrentafel der Naziopfer aufrunden und hier einstellen: Der Nominierungsthread zu Verfolgt, emigriert, ermordet... ?



:wink: Rideamus
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GiselherHH

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16

Sonntag, 12. Juli 2009, 15:48

Leever Rideamus,

mook ick, mook ick, kann aber´n beeten düern.

:wink:

GiselherHH
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Michael Gielen über Theodor W. Adorno, der versucht hatte, Gielen seine Frau auszuspannen.

17

Sonntag, 12. Juli 2009, 16:05

Leever Rideamus,

mook ick, mook ick, kann aber´n beeten düern.

:wink:

GiselherHH

Lieber GiselherHH,

den "Jung mit'n Tüdelband" haben wir in Hambuach in der Grundschule gelernt. Ebenso einen anderen Klassiker: den "Hamborger Veermaster"!

"http://de.wikipedia.org/wiki/Hamborger_Veermaster"

Jetzt habe ich in meinem niedersächsischen Exil einen Ohrwurm... :D

LG :wink:
"Was Ihr Theaterleute Eure Tradition nennt, das ist Eure Bequemlichkeit und Schlamperei." Gustav Mahler

petra

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18

Sonntag, 12. Juli 2009, 20:42

Die meisten Lieder, die ihr hier vorgestellt habt, kenne ich und habe sie als Kind oft und gern gehört und auch manches Mal gesungen. Mit den Jahren sind einige davon etwas in Vergessenheit geraten; dieser Thread ist eine schöne Gelegenheit, Erinnerungen daran wieder aufzufrischen.

Ich verstehe unser Platt, kann es lesen und auch ein wenig sprechen, allerdings nicht ohne Anleitung schreiben. Aktiv gelernt habe ich es nicht, aber passiv schon als Kind eine ganze Menge aufgeschnappt.

Mein Lieblingslied aus dieser Ecke, als ich noch ein kleines Nordlicht von vier oder fünf Jahren war:

Ik wull, wi weern noch kleen, Jehann,
Do weer de Welt so grot!
Wi seten op den Steen, Jehann,
Weest noch? bi Nawers Sot.
An Heben seil de stille Maan,
Wi segen, wa he leep,
Un snacken, wa de Himmel hoch
Un wa de Sot wul deep.

Weest noch, wa still dat weer, Jehann?
Dar röhr keen Blatt an Bom.
So is dat nu ni mehr, Jehann,
As höchstens noch in Drom.
Och ne, wenn do de Scheper sung,
Alleen, int wide Feld:
Ni wahr, Jehann? dat weer en Ton!
De eenzige op de Welt.

Mitünner inne Schummerntid
Denn ward mi so to Mod,
Denn löppt mi't langs den Rügg so hitt,
As domals bi den Sot.
Denn dreih ik mi so hasti um,
As weer ik nich alleen:
Doch Allens, wat ik finn, Jehann,
Dat is - ik sta un ween.


Später erfuhr ich, dass es gar kein „richtiges“ Volkslied, sondern ein vertontes Gedicht war. Wie schon bei „Lütt Matten“ (ich hatte auch immer Mitleid mit dem armen Hasen :faint: ) war Klaus Groth der Verfasser; er schrieb dieses Gedicht im Gedenken an seinen verstorbenen Bruder.

Liebe Grüße
Petra

edit: vielleicht ein paar Worterklärungen: Ein Sot ist ein Brunnen, der Nawer ist der Nachbar und der Maan ist der Mond, der am Himmel segelt. :wink:
The moon looks on them all: the healers and the brilliant talkers, the eccentrics and the silent walkers, the dumpy and the tall.
(W.H. Auden)

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19

Sonntag, 12. Juli 2009, 20:53

Einige Jahre später kam die Zeit der Liedermacher und Folksänger, und Hannes Wader war (und ist immer noch) einer meiner Favoriten aus dieser Richtung.

Von ihm gibt es auch eine Aufnahme des zweiten Jehann-Gedichtes aus der Feder von Klaus Groth; in seiner schlichten und strengen Melodik höre ich es auch heute noch sehr gern:

He sä mi so vel
Un ik sä em keen Wort
Un all wat ik sä, weer:
„Jehann, ik mutt fort!“

He sä mi vun Lev
Un vun Himmel un Eer
He sä mi vun Allens –
Ik weet ni mal mehr!

He sä mi so vel
Un ik sä em keen Wort
Un all wat ik sä, weer:
„Jehann, ik mutt fort!“

He heel mi de Hann'
Un he be mi so dull
Ik schull em doch gut wen
Un ob ik ni wull?

Ik weer je ni bös
Awer sä doch keen Wort
Un all wat ik sä, weer:
„Jehann, ik mutt fort!“

Nu sitt ik un denk
Un denk jümmer deran
Mi dücht, ik muss seggt hebbn:
„Wa geern, mi Jehann!“

He sä mi so vel
Un ik sä em keen Wort
Un all wat ik sä, weer:
„Jehann, ik mutt fort!“

Un doch, kumt dat wedder
So segg ik keen Wort
Un hollt he mi, segg ik:
„Jehann, ik mutt fort!“
The moon looks on them all: the healers and the brilliant talkers, the eccentrics and the silent walkers, the dumpy and the tall.
(W.H. Auden)

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Sonntag, 12. Juli 2009, 22:03

Leever Rideamus,

mook ick, mook ick, kann aber´n beeten düern.

:wink:

GiselherHH

Lieber GiselherHH,

den "Jung mit'n Tüdelband" haben wir in Hambuach in der Grundschule gelernt. Ebenso einen anderen Klassiker: den "Hamborger Veermaster"!

"http://de.wikipedia.org/wiki/Hamborger_Veermaster"

Jetzt habe ich in meinem niedersächsischen Exil einen Ohrwurm... :D

LG :wink:


Lieber Symbol,

den "Veermaster" hab ich in der Grundschule auch gesungen (allerdings war das bei mir in Cuxhoben), auch "Tüdelband" und "Lütt Matten". Überhaupt haben wir damals viele Lieder mit maritimem Charakter eingeübt: "Winde wehen, Schiffe gehen", "Es kommt ein Schiff geladen" oder "Wir lieben die Stürme", das ich damals wegen des Piratenbezuges besonders mochte und entsprechend inbrünstig mitkrakeelte :D . Und dann gab es da noch so Klassiker wie den "Bi-Ba-Butzemann", "Ein Männlein steht im Walde", "Komm, lieber Mai" oder "C - A - F - F - E - E - trink nicht so viel Kaffee" (der Text wäre heute wohl etwas zu politically incorrect).

Ein Lied (dreistimmiger Kanon) fand ich besonders merkwürdig:

Ich armes welsches Teufli
bin müde vom Marschieren
bin müde vom Marschiern
Ich hab verlorn´ mein Pfeifli
aus meinem Mantelsack
aus meinem Mantelsack
Ich glaub´ ich hab´s gefunden
was du verloren hast
was du verloren hast


Vor allem konnte ich mir nicht vorstellen, was ein "Mantelsack" sein sollte. Oder ein "welsches Teufli".

:wink:

GiselherHH
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Michael Gielen über Theodor W. Adorno, der versucht hatte, Gielen seine Frau auszuspannen.

Maggie

Nordlicht

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Sonntag, 12. Juli 2009, 23:13

Liebe Maggie, jetzt bin ich auch platt. Das ist ja richtig schwer.
Maulsalat, Steert, Wagensmeer... puh, schwitz, also verstehen tu' ich das nicht wirklich.
Aber die letzte Strophe ist mir völlig rätselhaft. Kannst Du vielleicht für mich, evtl. noch andere Bewohner südlich des Weißwurstäquators eine kleine Übersetzungshilfe anbieten?


Also bei Wagensmeer könnte es sich um Wagenschmiere handeln, Steert ist gegoogeltermaßen der Schwanz, Maulsalat würde ich mit gekochtem Fleisch vom Rindsmaul, Zwiebel, Essig und Öl herstellen und die letzte Strophe würde ich ungefähr so übersetzen: "Und jetzt kommt das allerbeste: die Kuh war ein Ochs, die Kuh von unserm Herrn Pastor."

Liebe Grüße,
Areios
(der als von allen Capricciosi der südlichst beheimatete für seine Übersetzungen aber keine Garantie übernimmt)
Also das ist doch ein starkes Stück. Dieser "Südländer" kann Platt. Gebe es zu lieber Areios, einer Deiner Vorfahren war ein vorpomm'scher Fischkopp. :D :thumbsup:

LG

Maggie
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Montag, 13. Juli 2009, 10:15

Liebe Maggie!

Ochsenmaulsalat gibts auch in Österreich, und ansonsten haben mir wohl eher meine Liebe zur Sprachwissenschaft, und indirekt wahrscheinlich auch die Beschäftigung mit dem enorm dialektreichen Altgriechisch, in dem es ja die meiste Zeit keine Standardsprache gab, geholfen (das stärkt die sprachliche Kombinationsfähigkeit). Die nördlichsten Wurzeln meines Stammbaums, derer ich mir dank der genealogischen Forschungen meines Großonkels bewusst bin, liegen jedenfalls in Schlesien und das ist schon sehr sehr lange her. :D

Liebe Grüße,
Areios
"Wenn [...] mehrere abweichende Forschungsmeinungen angegeben werden, müssen Sie Stellung nehmen, warum Sie A und nicht B folgen („Reichlich spekulativ die Behauptung von Mumpitz, Dinosaurier im alten Rom, S. 11, dass der Brand Roms 64 n. Chr. durch den hyperventilierenden Hausdrachen des Kaisers ausgelöst worden sei. Dieser war – wie der Grabstein AE 2024,234 zeigt – schon im Jahr zuvor verschieden.“)."
Andreas Hartmann, Tutorium Quercopolitanum, S. 163.

23

Dienstag, 24. Mai 2011, 22:50

Auf diese DDR-Produktion aus den frühen 70ern habe ich schon mal kurz in "Eben gehört" hingewiesen:



Da diese CD, die sich gerade wieder bei mir im Player dreht, zu meinen schönsten Tonträgerentdeckungen der letzten Jahre gehört, möchte ich meinen Hinweis an einer etwas auffälligeren Stelle erneuern: Vergleichbare "Arrangements" von Volksliedern sind mir zuvor noch nicht untergekommen; erlebt habe ich bislang nur grauenvolles Geschnulze oder (schon viel erträglichere) Interpretationen, die an den *Liedermacherstil* des späten 20.Jahrhunderts angelehnt waren.

Hier handelt es sich um einen ganz anderen, in gewisser Hinsicht "artifiziellen" Ansatz. Das betrifft nicht nur die harmonisch/kontrapunktisch und in der Wahl der Klangfarben über weite Strecken höchst subtile Instrumentalbegleitung, sondern auch die Gestaltung durch die Sänger, die zwar vibratoarm-schlicht agieren, aber deutlich hörbar über eine klassische Ausbildung verfügen.

Nun könnte man sicherlich darüber diskutieren, inwieweit ein solch "kunstvoller" (aber nicht historisierender!) Satz und Vortrag dem Volkslied überhaupt angemessen ist, aber angesichts der enormen Wirkung, die etliche Lieder in dieser Gestalt auf mich ausüben, erschiene mir eine solche Diskussion am Ende zumindestens für mich selber müßig. Das, was ich hier höre, finde ich einfach unglaublich eindrucksvoll und zu Herzen gehend: "Nun will der Lenz uns grüßen" wirkt plötzlich wie eine der schönsten Schubert-Melodien, bei "Geseg´n dich Laub" schießt mir regelrecht das Wasser in die Augen, und selbst "Es waren zwei Königskinder" gewinnt plötzlich eine Dimension, die ich diesem tendenziell schmalzigen Song zuvor nie und nimmer zugetraut hätte. Auch das hier im Thread schon genannte "Dat du min Leevsten büst" erfährt (vermittels modaler Oboenostinati ;+) ) eine ebenso ungewöhnliche wie mir besonders zusagende Gestaltung.

Über Dr. Margarethe Kernlein, die (als Musikwissenschaftlerin?) wohl so etwas wie der spiritus rector der vorliegenden ETERNA-Produktion war, konnte ich leider nichts Näheres ergoogeln. Falls jemand mehr über sie weiß, würde ich entsprechende Hinweise sehr dankbar entgegennehmen.

Für jpc ist der Verkauf dieser Scheibe offensichtlich mir größeren Problemen verbunden. Zwischenzeitlich wurde ich gefragt, ob ich die Bestellung nicht lieber stornieren wolle, da die Anfrage beim Lieferanten der nicht ab Lager verfügbaren CD erst einmal erfolglos geblieben sei. Aber jetzt bin ich sehr froh darüber, genug Geduld bewahrt zu haben. Am Ende ging es ja dann doch......

Jedem, dem solche Volksliedbearbeitungen interessant erscheinen, kann ich nur empfehlen, einfach mal in die Schnipsel hineinzuhören!

Beste Grüße

Bernd

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