Eben habe ich mir diese Aufnahme angehört und das war gleichzeitig meine erste Begegnung mit diesem Werk:

(AD: 26. - 28. März 2009, Frauenkirche, Dresden)
Die rekonstruierte Fassung wurde von Diethard Hellmann und Andreas Glöckner erstellt. Das musikalische Kerngerüst bildet die Trauerode BWV 198, aus der Bach 5 Sätze in die Markus-Passion übernommen hat. Weitere, bereits in die 1940er Jahre zurückreichende Forschungen ergaben weitere Parodievorlagen, z. B. die Arie "Falsche Welt, dein schmeichelnd Küssen" stammt ursprünglich aus der Kantate "Widerstehe doch der Sünde" BWV 54. Für mehrere der 16 Chorsätze wurde eine Sammlung vierstimmiger Choräle herangezogen, die aus der Hand des Bach-Schülers Johann Ludwig Dietel stammt, welche dieser wahrscheinlich 1735 für den Thomaskantor angefertigt hatte. Dietel verwendete dabei die Originalquellen aus Bachs Privatbibliothek. Auffallend ist, dass Dietels Abschrift der vierstimmigen Passionschoräle in derselben chronologischen Reihenfolge wie in Bachs Passionsmusik stehen. Aus dieser Hinsicht erweist sich zumindest Dietel als grober Anhaltspunkt über den Aufbau und die Struktur der Markus-Passion. Die einzige Freiheit, die sich die Bearbeiter herausgenommen haben, betrifft die positionswichtige Arie "Welt und Himmel, nehmt zu Ohren", auf die man nicht verzichten wollte. Daher wurde als Vorlage die Sopran-Arie "Leit, o Gott, durch deine Liebe" aus der Trauungskantate "Herr Gott, Beherrscher aller Dinge" BWV 120a verwendet. Diethard Hellmann betont aber ausdrücklich, dass dies "keinen Anspruch auf Verbindlichkeit" hat.
Wichtige Fragen über die Gestaltung der Turba-Chöre sowie der Rezitative bleiben aber weiter unbeantwortet. Aus diesem Grund hat man bei der vorliegenden Aufnahme konsequenterweise darauf verzichtet bzw. die Texte der Rezitative wurden hier gesprochen. Diese Vorgehensweise finde ich ehrlicher und irgendwie auch respektvoller dem Werk gegenüber im Vergleich zu Koopman, der die Rezitative im Stile Bachs neu komponierte und daher habe ich mir seine Aufnahme auch nicht gekauft, wobei ich ansonsten Koopmans Aufnahmen sehr schätze.
Die Interpretation aus der Dresdner Frauenkirche gefällt mir insgesamt sehr gut und sie folgt dem stärker werdenden Trend der solistisch besetzten Chorpartien. Das ansonsten nur aus Männerstimmen bestehende Ensemble "amarcord" (2 Tenöre, 1 Bariton und 2 Bassisten) wird hier von 2 Sopranistinnen und 2 Altistinnen ergänzt, also insgesamt besteht der Chor 9 Sängern. Die Kölner Akademie spielt ebenfalls in einer kleinen Besetzung, d. h. 15 Musiker, und so entsteht ein insgesamt sehr transparenter und homogener Klang. Auch die Art und Weise, in der Dominique Horwitz die Rezitative vorträgt, gefällt mir gut, denn er vermeidet jede Theatralik oder Dramatik und wählt einen nüchternen Stil.
Insgesamt eine Aufnahme, die keinerlei Anspruch auf irgendeine Authenzität erhebt und sich bescheiden, und daher für mich sympathisch, in den Dienst der Musik stellt.
Lionel