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41

Dienstag, 14. September 2010, 18:46

BWV 51 „Jauchzet Gott in allen Landen“
Eine neuere Aufnahme ist diese:





Die Kantate "Jauchzet Gott in allen Landen" wurde bearbeitet von Wilhelm Friedemann Bach.



Diese Kantaten BWV 82 und 199, werden von Lorraine Hunt Lieberson ganz, ganz wunderbar gesungen. Irgendwo in diesem Forum schrieb ich einmal, daß mich diese Aufnahme zu Tränen rühren würde.

Schöne Grüße von calisto

Caesar73

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42

Dienstag, 14. September 2010, 19:03

BWV 51 „Jauchzet Gott in allen Landen“:


Suzuki hat diese Kantate mit Carolyn Sampson aufgenommen - eine wunderschöne Stimme:



:wink: :wink:

Christian
Rem tene- verba sequentur - Beherrsche die Sache, die Worte werden folgen

Cato der Ältere

43

Dienstag, 14. September 2010, 19:58

:wink:

Die genannten Sängerinnen sind wirklich fabelhaft. Mein Favorit ist bei "Jauchzet Gott in allen Landen" diese Aufnahme mit Emma Kikrby:



Vielen ist das zu schnell, aber ich liebe das sehr und Emma kann das wunderbar.

Gruß, Frank
"No matter. Try again. Fail again. Fail better." (Samuel Beckett)

Gurnemanz

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44

Dienstag, 14. September 2010, 21:56

Soderle, ich habe mich bemüht, ein möglichst breites Spektrum, sowohl was die Art der Kantate als auch was die Besetzung angeht, abzudecken. Ich schlage vor, du kaufst sie dir alle. :D
Alle? Sofort? Ist das ein Befehl? :D Im Ernst: Vielen Dank, lieber Thomas, für die vielen Tips; ich werd's in Ruhe bedenken.

Heute habe ich mir erstmal auf Bernds Hinweis dieses Buch bestellt:


Christoph Wolff, Ton Koopman: Die Welt der Bach-Kantaten (Bärenreiter/Metzler)

Mit Christoph Wolffs Bach-Büchern (Bach-Biographie, Buch über die H-Moll-Messe) habe ich bislang sehr gute Leseerfahrungen gemacht. Unbedingt zu empfehlen!

:wink:
Es grüßt Gurnemanz

---
-¿Se trata de una cita? -le pregunté.
-Seguramente. Ya no nos quedan más que citas. La lengua es un sistema de citas.

Jorge Luis Borges

45

Dienstag, 14. September 2010, 22:36

Zitat

Den Unterschied, HIP und Non-HIP mache ich gar nicht mehr, nachdem mich Rilling oder Richter sowas von überhaupt nicht ansprechen. Bei mir ist jetzt eher die Frage, ob die Chöre solistisch gesungen werden oder nicht. Aber da kann ich beiden Varianten extrem viel abgewinnen.


Da sieht man, wie unterschiedlich die Schwerpunkte gesetzt werden. Ich bin zugegebenermaßen ziemlich orchesterfixiert, danach kommen bei mir dann die Gesangssolisten (es sei denn, sie wären ganz ungewöhnlich gut oder schlecht - dann können sie in der Prioritätenliste schon nach oben rücken) und das letzte Kriterium ist für mich die Leistung des Chors :schaem:. Man muss das vielleicht als eine Art Berufskrankheit sehen; bei Peter, der selber in einem Chor singt, sieht das natürlich schon wieder ganz anders aus.

Zitat

aus der Erinnerung heraus kann ich nur "berühmte" Kantaten als Empfehlungen nennen, in denen mir Leusink sehr gut gefällt:

BWV 56 /82 mit Bas Ramselaar ( " Kreuzstab" und " Ich habe genug")


Mit BWV 82 in der Leusink-Fassung habe ich mich wie gesagt heute nachmittag beim Aufbinden meiner Röhrchen etwas näher beschäftigt. Bas Ramselaar singt in der Tat sehr kultiviert und trotzdem ungekünstelt, die Stimme erscheint mir als nahezu ideal für eine solche Kantate. Das ist also schon mal ein eindeutiger Pluspunkt dieser Aufnahme. Gut gefallen mir auch die ruhigen, gelassenen Tempi in den ersten beiden Arien; hier wird alles schön ausmusiziert. Den letzten Satz habe ich seinerzeit eine Spur flotter gespielt; etwas mehr Schwung als bei Leusink würd ich hier lieber hören.
Moppern muss ich dann aber doch etwas - wer hätte das geahnt - über die Solooboe. Peter Frankenberg bedient sein Stuhlbein durchaus gekonnt, intonationsmäßig sicher, fingertechnisch souverän und nicht unbedingt unmusikalisch. Mir fehlt es aber doch an Dynamik, an Akzenten vor allem in der hohen Lage. Im ersten Satz gibt es immer wieder mal hohe Cs, auf die man mehr hinspielen und die man mehr betonen könnte. Ich denke aber, dass man hier mit dem barocken Instrument doch schnell an gewisse Grenzen stößt.
Und außerdem fehlt mir einfach das innere Knistern, welches sich regelmäßig bei mir einstellt, wenn ich diese Musik mit einer gut gespielten modernen Oboe höre. Dass mir der Klang des Stuhlbeins unangenehm wäre, kann ich nicht sagen, aber er erreicht mich einfach nicht so, dass Spannung in mir entsteht. Bei Manfred Clement oder Günter Passin ist das anders - da genügt alleine das instrumentale Timbre, die "Stimme" halt, um bei mir sofort eine Gänsehaut hervorzurufen....

Alles in allem ist das aber eine gute, erfreulich zu hörende Einspielung, die mich dazu verleitet hat, auch noch BWV 42 ("Am Abend aber desselbigen Sabbats") auszupacken. Diese Kantate mag ich ebenfalls sehr gerne.

Naja, in der einleitenden Sinfonia dümpeln die Oboen und die Streicher ein wenig müde vor sich hin, ohne dass mir das allzu großen Kummer bereitet. Aber dann - dann kommt er, nämlich Sytse Buwalda:

Zitat

Übrigens: Ich finde Leusinks Aufnahme wesentlich besser als ihr Ruf es behauptet. Sie könnte sogar die Einsteigerreferenz für den kleinen Geldbeutel sein - wenn, ja wenn die Altus- Partien nicht oft mit Sytse Buwalda besetzt wären. Sein Timbre gefällt mir leider gar nicht.


Warum Stefan die zitierten Zeilen geschrieben hat, weiß ich jetzt! Er hat mich regelrecht vom Sessel gerissen, der Altus - aber nicht, weil er so schön singt! Die blechig-jaulerige Manier, mit der er diese Arie gestaltet, ist kaum zu beschreiben; man muss das einfach selber gehört haben. Abgrundtief scheußlich - so eine Stimme habe ich auf einer käuflich erworbenen CD schon lange nicht mehr erlebt. Wenn der Mann immer so singt, ist es mir ein Rätsel, warum man in einer Gesamtaufnahme, deren Ambitionen dann doch ein wenig über die Kreisliga B hinausgehen, viele Partien mit ihm besetzt hat...... :wacko:

Viele Grüße

Bernd

Agravain

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46

Mittwoch, 15. September 2010, 08:06

Zitat

Den Unterschied, HIP und Non-HIP mache ich gar nicht mehr, nachdem mich Rilling oder Richter sowas von überhaupt nicht ansprechen. Bei mir ist jetzt eher die Frage, ob die Chöre solistisch gesungen werden oder nicht. Aber da kann ich beiden Varianten extrem viel abgewinnen.


Da sieht man, wie unterschiedlich die Schwerpunkte gesetzt werden. Ich bin zugegebenermaßen ziemlich orchesterfixiert, danach kommen bei mir dann die Gesangssolisten (es sei denn, sie wären ganz ungewöhnlich gut oder schlecht - dann können sie in der Prioritätenliste schon nach oben rücken) und das letzte Kriterium ist für mich die Leistung des Chors :schaem:. Man muss das vielleicht als eine Art Berufskrankheit sehen; bei Peter, der selber in einem Chor singt, sieht das natürlich schon wieder ganz anders aus.


Auf der anderen Seite ist es allerdings anders man schnell denken mag. Ja, Rillings Chor ist nicht eben klein, Richters Chor ist groß. Dafür, dass sie jedoch so üppig besetzt sind, schaffen es doch beide Dirigenten, dass die Strukturen des Satzes nicht wirklich verschwimmen. Waberig ist das selten (denken wir beispielsweise an die exzellente Durchhörbarkeit der Turbae in Richters 1958er Matthäuspassion), es klingt eben nach großem Chor, ein Klang, der für viele Hörer ja zu Recht mit der romatischen Tradition verbunden und nicht so recht "Bachisch" ist. Bedenken wir, das Bachs Thomaner nicht allzu üppig ausgestattet waren und dass sich Bach bisweilen (ich müsste jetzt nachsehen wo genau) über die Qualität seiner Sänger beschwert, so sind Richter und Rilling natürlich recht weit weg vom Originalklang. Am nächsten dran sind dann eben doch Leusink oder Harnoncourt/Leonhardt, die Knaben besetzen, ganz getreu dem Motto: wenn schon HIP, dann nicht nur mit alten Instrumenten, sondern auch mit den richtigen Stimmfarben.

Ich kann aber auch das Interesse an solistischer Besetzung verstehen, wobei da meiner Hör- / Konzerterfahrung nach dem Experiment Grenzen gesetzt sind, beispielsweise bei Live-Aufführungen von stark besetzten Kantaten (z.B. BWV 63). Hier scheint mir das Klangverhältnis zwischen solistisch besetztem Chor und Orchester unrealistisch. Da freuen dann doch die tontechnischen Möglichkeiten, die die Aufnahme für Tonträger bietet.

Er hat mich regelrecht vom Sessel gerissen, der Altus - aber nicht, weil er so schön singt! Die blechig-jaulerige Manier, mit der er diese Arie gestaltet, ist kaum zu beschreiben; man muss das einfach selber gehört haben. Abgrundtief scheußlich - so eine Stimme habe ich auf einer käuflich erworbenen CD schon lange nicht mehr erlebt. Wenn der Mann immer so singt, ist es mir ein Rätsel, warum man in einer Gesamtaufnahme, deren Ambitionen dann doch ein wenig über die Kreisliga B hinausgehen, viele Partien mit ihm besetzt hat...... :wacko:


Das habe ich oben zwar etwas milder formuliert, tatsächlich kann ich das, was Du schreibst, nur unterschreiben. Am Altus hängt viel, hat Bach doch einige seiner schönsten Arien für Alt komponiert. Das bedeutet ganz milchmädchenhaft gesagt, dass man nicht nur einen exzeptionellen Altus besetzen sollte, wenn man die Passionen einspielt, sondern und auch und gerade bei einem solchen Großprojekt wie der Aufnahme aller Kantaten. Wie Leusink und das Label auf Buwalda verfallen sind? Es ist mir vollkommen unklar. Es ist ein Grausen und das eigentlich durchgehend. Man höre zum besseren Verständnis nicht nur BWV 42, sondern auch die von Knulp schon erwähnte Alt-Kantate BWV 170 oder - noch brutaler - BWV 83: "Erfreute Zeit im neuen Bunde" (an Mariae Reinigung). Wie soll man dafür gute Beurteilungen erhalten? Das Orchester unter Leusink agiert ganz tadellos, gerade der festliche Eingsangssatz gelingt ausgesprochen klangschön - bis der Solist einssetzt. Grusel. Aber genug des Bashings.

:wink: Agravain
Was ein richtiger Musiker sein will, der muß auch eine Speisekarte komponieren können. (Richard Strauss)

47

Mittwoch, 15. September 2010, 08:25

Emma kann das wunderbar.


Woll. Bis auf den Konsonanten Z.
"...es ist fabelhaft schwer, die überflüssigen Noten unter den Tisch fallen zu lassen." - Johannes Brahms

48

Mittwoch, 15. September 2010, 08:27

Zitat

....so sind Richter und Rilling natürlich recht weit weg vom Originalklang. Am nächsten dran sind dann eben doch Leusink oder Harnoncourt/Leonhardt, die Knaben besetzen, ganz getreu dem Motto: wenn schon HIP, dann nicht nur mit alten Instrumenten, sondern auch mit den richtigen Stimmfarben.


Mir ist es nicht wichtig, dass eine Interpretation möglichst nahe dran am Originalklang ist. Entscheidend ist, dass mich die Musik abholt und mitnimmt - wenn sie das nicht tut, kann sie im musealen Sinne noch so erstklassig interpretiert sein - und umgekehrt.

Zitat

Ich kann aber auch das Interesse an solistischer Besetzung verstehen....


Wie ich im d´amore-Thread schrieb, finde ich die im Chor solistisch besetzte h-moll-Messe unter Andrew Parrot ganz vortrefflich. Diese Aufnahme, die ich mit einem Freund auf einer nächtlichen Rohrholz-Einkaufsfahrt nach Südfrankreich rauf und runter gehört habe, hat mir das große Werk erst richtig erschlossen.

Zitat

Wie Leusink und das Label auf Buwalda verfallen sind? Es ist mir vollkommen unklar. Es ist ein Grausen und das eigentlich durchgehend....


Da sind wir uns bislang ja weitgehend einig. Allerdings habe ich mal auf youtube nachgeschaut - Buwalda hat da durchaus seine Fans. Die dort eingestellten Aufnahmen klingen auch nicht alle so gruselig wie seine Arie in BWV 42, das muß man gerechterweise schon sagen. Aber trotzdem ist das eine Stimme, die mich in alles andere als in Begeisterung versetzt.

Als nächstes werde ich mir die hier gelobte Ruth Holton anhören. Schaun mer mal...

Beste Grüße

Bernd

Agravain

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49

Mittwoch, 15. September 2010, 08:41

Mir ist es nicht wichtig, dass eine Interpretation möglichst nahe dran am Originalklang ist. Entscheidend ist, dass mich die Musik abholt und mitnimmt - wenn sie das nicht tut, kann sie im musealen Sinne noch so erstklassig interpretiert sein - und umgekehrt.


Nicht, dass wir uns falsch verstehen. Ich bin - wie oben zu lesen - kein orthodoxer HIP-Fanatiker. Ich liebe auch meinen Richter - da wo er meinem Empfinden nach passt. Insofern muss ich sagen, dass Dein Statement auch für mich gilt. Allerdings finde ich es immer wieder abstrus, dass viele HIP-Fans in Diskussionen die Fahne des Originalklangs hochhalten und mir dann im Anschluss den Monteverdi Choir als das Nonplusultra des Bach-Gesanges unterjubeln wollen. Das erscheint mir dann wiederum nicht schlüssig. Sicher, die Jungs und Mädels singen ausgesprochen gut, ich höre sie selbst sehr gerne (und regelmäßig live), sie sind aber von dem Klang eines verhältnismäßig kleinen Knabenchores jedoch recht weit weg. Darauf zielte meine Äußerung.

Zitat

Ich kann aber auch das Interesse an solistischer Besetzung verstehen....


Wie ich im d´amore-Thread schrieb, finde ich die im Chor solistisch besetzte h-moll-Messe unter Andrew Parrot ganz vortrefflich. Diese Aufnahme, die ich mit einem Freund auf einer nächtlichen Rohrholz-Einkaufsfahrt nach Südfrankreichr auf und runter gehört habe, hat mir das große Werk erst richtig erschlossen.


Auch das kann ich nachvollziehen, wenngleich es bei mir vollkommen anders war, bin ich doch von Richters Aufnahme geprägt. Ich habe die h-moll-Messe aber schon mehrfach live in solistischer Besetzung gehört, war aber vom Liveeffekt dann aber doch etwas ernüchtert. Mir schien das Klangverhältnis beide Male nicht überzeugend. Ich habe sie häufiger gesungen, wobei meist in großen (Capell-) Chor und Favoritchor unterteilt wurde. Das fand ich ganz schlüssig.

:wink: Agravain
Was ein richtiger Musiker sein will, der muß auch eine Speisekarte komponieren können. (Richard Strauss)

Agravain

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50

Mittwoch, 15. September 2010, 08:59

Als nächstes werde ich mir die hier gelobte Ruth Holton anhören. Schaun mer mal...


Ruth ist schon nicht übel. Ihre größten Minuten hat sie in BWV 127, und zwar in der Arie für Sopran:"Die Seele ruht in Jesu Händen". Vielleicht mal reinhören - auch des Obeoensolos halber?! :thumbsup:

:wink: Agravain
Was ein richtiger Musiker sein will, der muß auch eine Speisekarte komponieren können. (Richard Strauss)

51

Mittwoch, 15. September 2010, 09:52

Mache ich heute noch, Agravain! Aber jetzt gibt es erst mal - auch auf deinen Hinweis hin - BWV 8 in der dritten Version (nach Leusink und Richter folgt Rilling).

Ich bin ja schon lange begeisterter Kantatenhörer, aber jetzt bricht bei mir offenbar eine regelrechte Manie aus. Was so ein Forum doch für Folgen zeitigen kann.....

Beste Grüße

Bernd

52

Mittwoch, 15. September 2010, 12:51

Die genannten Sängerinnen sind wirklich fabelhaft. Mein Favorit ist bei "Jauchzet Gott in allen Landen" diese Aufnahme mit Emma Kikrby:


Ich liebe die Stimme von Emma Kirkby, habe allerdings bei dieser Kantate (für mich eine der schönsten!) noch eine andere Favoritin:
Carolyn Sampson mit dem Bach Collegium Japan unter Masaaki Suzuki.

Hör dir Frau Sampson mal an, sie singt zauberhaft! Gardiner nimmt mir diese Kantate viel zu schnell, da kann sich der Jubel gar nicht richtig entfalten.

LG
Juli

PS Ich habe mir Sytse Buwalda mal angehört, den ich bisher nicht kannte (und auch weiterhin eigentlich nicht kennen möchte)
Sowas Grauenhaftes ist mir noch nicht untergekommen, das würde mir eine Kantate komplett versauen.

Nachtrag: Ich sehe gerade, dass Carolyn Sampson schon von Christian erwähnt worden war. na ja, doppelt gemoppelt... :whistling:
"Eine Semmel enthält 140 Kalorien, 700 Semmeln pro Jahr ergeben 98000 Kalorien,
diese benötigt man, um eigenhändig 1 Elefanten 9 Zentimeter weit zu tragen. Aber wozu?"
(Loriot)

53

Mittwoch, 15. September 2010, 13:19

Das vergleichende Hören von BWV 8 war richtig spannend; ich sollte so etwas viel öfter machen!

Im Eingangschor trifft Leusink das Tempo für meine Begriffe sehr schön, der Knabenchor ist in guter Form, und die beiden Oboisten bedienen ihre d´amores gewohnt gepflegt. Allerdings werde ich es wohl nie lernen, dem Sound der ollen Dinger mit richtiger Freude zu lauschen - gerade hier kommt mir das kanglich wieder sehr flach vor; unwillkürlich denke ich an Kinderinstrumente (Melodicas oder etwas in der Art).

Bei Richter wirkt der Eingangschor vergleichsweise sehr schleppend und statisch. Die Oboen d´amore (Horst Schneider, den heute keiner mehr kennt, sowie Edgar Shann) klingen kaum besser als bei Leusink, sondern tendieren in eine ziemlich dünne und plärrige Richtung. Erstes Urteil: Das geht gar nicht!

Aber dann kommt Rilling mit zwar tonlich etwas besseren, aber immer noch nicht ganz überzeugenden Bläsern (Hedda Rothweiler und Klaus Kärcher - bei letzterem hatte ich während der BW-Zeit mal ein Jahr Unterricht, eigentlich ist das ein guter Oboist), jedoch mit einem fast doppelt so schnellem Tempo wie Richter. Was für eine unchristliche Hetze! Sicher will ich bald sterben :D, aber doch nicht völlig abgestresst und außer Puste! Nein, da kommt mir angesichts des Charakters der Musik Richters molto schlepptando noch eher entgegen....

In den Arien macht Rilling so weiter, wie er angefangen hat. Das wirkt alles irgendwie unschön überhastet.

Im Vergleich zu Richter wählt Leusink für meine Begriffe in allen Nummern die passenderen Tempi, Richter verfügt dafür über die in meinen Ohren eindrucksvolleren Sänger. Das gilt vor allem für Ernst Haefliger, der seinen Tenorkollegen Marcel Beckman stimmlich bei weitem übetrifft.

Alles in allem hat Leusink für mich die Nase vorne, da er eine dem Geist des Werkes besonders angemessene Interpretation abliefert. Auf Platz zwei landet Richter, und mit seinen mäßigen Sängern findet sich Rilling diesmal weit hinten wieder.

Vorurteilsmäßig sollte man ja meinen, der mit den ollen Instrumenten und dem hippen Interpretationsansatz hätte auch die flottesten Tempi, aber weit gefehlt! Und der Schnellste ist in der Musik ja bekanntlich nicht immer der Sieger...

Viele Grüße

Bernd

54

Mittwoch, 15. September 2010, 13:29

Homepage von Sytse Buwalda mit Hörproben und Fotos, wovon letztere interessanter sind, zumindest die Frisur ist gelungen.
Die Hörproben der Solo-CDs lassen die Stimme wie ein Nebelhorn klingen.

lg vom eifelplatz, Chris.

55

Mittwoch, 15. September 2010, 13:37

Zitat

zumindest die Frisur ist gelungen.


Auch darüber lässt sich durchaus streiten! :D

Zitat

Die Hörproben der Solo-CDs lassen die Stimme wie ein Nebelhorn klingen.


Ach, das liegt bestimmt nur an den Lautsprechern deines Rechners! :D :D

Beste Grüße

Bernd

56

Mittwoch, 15. September 2010, 13:39

Nebelhorn? Passt irgednwie zu dieser Rezension:

Sytse Buwalda sounds like a smooth and healthy fish in clear water…

:wink:
"Das Problem mit Zitaten im Internet ist, dass es oft schwierig ist nachzuweisen, ob sie echt sind oder nicht" Abraham Lincoln

57

Mittwoch, 15. September 2010, 15:11

Fische sind wenigstens stumm.
Und versuchen sich nicht an Bachkantaten.
"Eine Semmel enthält 140 Kalorien, 700 Semmeln pro Jahr ergeben 98000 Kalorien,
diese benötigt man, um eigenhändig 1 Elefanten 9 Zentimeter weit zu tragen. Aber wozu?"
(Loriot)

58

Mittwoch, 15. September 2010, 15:23

Ich vermute mal, dass die Heranziehung Buwaldas bei den Leusink-Aufnahmen einem besonders konsequenten HIP-Denken geschuldet ist.

Zu dieser Schlussfolgerung bringt mich jedenfalls Agravains obenstehende Formulierung:

Zitat

...und dass sich Bach bisweilen (ich müsste jetzt nachsehen wo genau) über die Qualität seiner Sänger beschwert....


:D

Beste Grüße

Bernd

59

Donnerstag, 16. September 2010, 21:34

Zitat

Ruth ist schon nicht übel. Ihre größten Minuten hat sie in BWV 127, und zwar in der Arie für Sopran:"Die Seele ruht in Jesu Händen". Vielleicht mal reinhören - auch des Obeoensolos halber?!


Heute nachmittag habe ich BVW 127 sowohl in der Rilling-als auch in der Leusink-Version gehört, und zwar mit einem nach den BVW -8- Erfahrungen recht verblüffenden Ergebnis:

Unter Rilling empfinde ich den Eingangschor, der bislang aus unerklärlichen Gründen komplett an meinen Ohren vorbeigegangen ist (die Arie kannte ich zumindesten der Oboenstimme nach aus meinen "Bachstudien"), als wunderbares Erlebnis. Der punktierte Rhythmus erscheint in einem vergleichsweise ruhigen, aber trotzdem selbstverständlich fließenden Tempo, eher triolisch als wirklich peinlich korrekt punktiert; er gewinnt dadurch etwas inegal Schwebendes, das zum Charakter des Satzes hervorragend passt. Die ausgezeichneten Blockflöten und Oboen (Simon Dent an der ersten Oboe spielt mit herrlich weichem, aber trotzdem vielschichtigem Ton) erzeugen dazu rein klanglich eine ganz besondere Atmosphäre, die mich sofort in ihren Bann zieht.

Die Qualitäten des Solooboisten prägen dann auch die in einem weitgespannten Bogen musizierten Sopranarie. Sehr gut gefallen mir zudem die Flöten, die ihre "Glocken"akzente kurz, aber nicht abgehackt , sondern flexibel klingend in die gesanglichen Linien werfen. Einzig Arleen Auger überzeugt mich nicht hundertprozentig, sie singt streckenweise mit zu viel Vibrato und wird klanglich manchmal minimal schrill. Aber wirklich schwach finde ich auch ihre Leistung nicht.

Insgesamt ist das eine Interpretation, die mich ziemlich begeistert.

Leusink nimmt den Eingangschor schneller und mit stereotyp zackigen, marschmäßigen Punktierungen, die Bläser klingen aber trotzdem rein von der Farbe her wie in Watte eingehüllt. Die von Rilling evozierte metaphysische Atmosphäre kommt überhaupt nicht auf - wenn ich mit dieser Aufnahme angefangen hätte, wäre mir die Schönheit des Satzes weiter nicht aufgefallen. Hier wird für meinen Geschmack der *spirit* der Komposition auf dem Altar eines Hopsigkeits-Kürze-Dogmas geopfert. Wenn das Ganze wenigstens noch tänzerisch wirken würde, wäre es etwas angenehmer zu hören, aber so ruft es bei mir eher Assoziationen an einen preussischen Militärmarsch hervor :thumbdown: .

In der Arie stören mich zunächst die sehr gleichförmig und extrem *brut* hingehackten Blockflötenachtel enorm. Was unter Rilling glockenartig flexibel klingt, erscheint hier wie gleichförmig mit der Machete abgehauen. Ruth Holtons Stimme wirkt - bei grundsätzlich feinem Timbre - auf mich dann doch etwas dünn-kleinmädchenhaft. Streckenweise gelingt ihr keine überzeugende Linie (was aber angesichts der abgerissenen Flöteneinwürfe auch kein Wunder ist), und die Intonation scheint mir - das kann aber auch an meinen Hörgewohnheiten liegen - manchmal leicht daneben. Das Beste an der Arie ist dann noch die musikalisch gut geführte Solooboe, aber wenn man zuvor den fabelhaften Simon Dent auf dem modernen Instrument gehört hat....

Hier gelange ich also zu einem genau entgegengesetzten Ergebnis wie bei BWV 8: Die Rilling-Aufnahme finde ich großartig, die Einspielung unter Leusink werde ich mir freiwillig so schnell nicht wieder anhören.

Auf der Leusink-Scheibe folgt dann noch mit BWV 95 eine meiner liebsten Kantaten. Nach der Hälfte des Eingangschors habe ich erst mal den Aus-Knopf gedrückt, weil ich dachte, ich sei in einem Bierzelt oder in einer sonstigen Schunkelbude. Aber zu BVW 95 schreibe ich dann demnächst noch mehr.

Viele Grüße

Bernd

60

Freitag, 17. September 2010, 19:35

Eben habe ich mir - vom Weismannthread getrieben :D - noch BVW 106 ("Actus tragicus") und BWV 161 ("Komm, du süße Todesstunde") unter Leusink genehmigt. Abgesehen vom bekannten Buwalda-Problem (das in BWV 106 für meine Ohren stärker zu Tage tritt als in BWV 161) und einigen anderen sängerischen Schwächen spricht mich der Grundduktus dieser Interpretationen durchaus an. Rilling folgt morgen noch zum Vergleich - mal schauen, was sich dann ergeben wird.

In meinen Ohren kommt Leusik mit langsameren, getrageneren Kantaten deutlich besser zurecht als mit solchen, die einen eher schwungvollen Grundcharakter besitzen - aber auf Ausnahmen von dieser gerade gefundenen :D Regel werde ich sicherlich auch noch stoßen.

Jedenfalls bedanke ich mich noch einmal bei Gurnemanz, dessen Thread-Eröffnung bei mir zu einer neuerlichen und vertiefenderen Reise in Bachs Kosmos geführt hat!

Herzliche Grüße

Bernd

Agravain

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61

Freitag, 17. September 2010, 22:19


In der Arie stören mich zunächst die sehr gleichförmig und extrem *brut* hingehackten Blockflötenachtel enorm. Was unter Rilling glockenartig flexibel klingt, erscheint hier wie gleichförmig mit der Machete abgehauen. Ruth Holtons Stimme wirkt - bei grundsätzlich feinem Timbre - auf mich dann doch etwas dünn-kleinmädchenhaft. Streckenweise gelingt ihr keine überzeugende Linie (was aber angesichts der abgerissenen Flöteneinwürfe auch kein Wunder ist), und die Intonation scheint mir - das kann aber auch an meinen Hörgewohnheiten liegen - manchmal leicht daneben.


Lieber Bernd,

schade, dass Dir die Aufnahme hier offensichtlich nicht so zusagt. Aber wo vier Ohren, da zwei Meinungen. Und so möchte ich gerne - die Deine freundlichst akzeptierend - meine als Alternative dazu kurz in den Raum stellen, bin ich doch der lebende Beweis, dass man diese Darstellung doch auch anders hören kann.
Mich stören die brut gespielten Blockflöten mitnichten. Ich assoziiere hier weniger den (vielleicht intendierten) Totenglöckchenklang, sondern empfinde das vielmehr wie das monotone Ticken eines Pendels, das die letzten Minuten des verfließenden Lebens ungerührt zu Ende schlägt. Insofern muss für mich das nichts glockig schwingen.
Ruth Holtons Anlage der Arie scheint auch mit recht kindlich, allerdings nicht mit dem von Dir negativ empfundenem kleinmädchenhaften Ton. In der schon fast knabenhaft anmutenden Gestaltung Holtons liegt für mich ganz positive Naivität, das Urvertrauen darauf, dass die Seele tatsächlich in Gottes Händen ruht und dass dem Tod so sein Schrecken genommen wird. Das finde ich ausgesprochen gelungen und sehr nah am Text. Insofern kann ich mich von meiner weiter oben getätigten Aussage nicht so recht distanzieren. :D

:wink: Agravain

P.S. Deinem Dank für die Eröffnung des Threads schließe ich mich im Übrigen sehr gern an!
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62

Samstag, 18. September 2010, 08:54

LIeber Agravain,

vielen Dannk - ich hatte schon befürchtet, es käme keine Gegenmeinung mehr. Ich will ja wissen, warum andere eine Interpretation anders wahrnehmen als ich, und du hast deine Perspektive sehr gut begründet.

Zitat

Mich stören die brut gespielten Blockflöten mitnichten. Ich assoziiere hier weniger den (vielleicht intendierten) Totenglöckchenklang, sondern empfinde das vielmehr wie das monotone Ticken eines Pendels, das die letzten Minuten des verfließenden Lebens ungerührt zu Ende schlägt. Insofern muss für mich das nichts glockig schwingen.


Mein Unbehagen hat sicher auch mit meiner *Erziehung* als Bläser zu tun. Am Anfang neigt man zu einer solch trockenen, abgehackt klingenden, den Ton kein bisschen nachhaltenden Spielweise, die einem von einem guten Lehrer dann abgwöhnt wird. Dass man auf künstlerischer Ebene bewusst so artikulieren kann, sei zugestanden - auch wenn mir angesichts des sonstigen Charakters der Arie diese Variante immer noch nicht gefällt.

Zitat

Ruth Holtons Anlage der Arie scheint auch mit recht kindlich, allerdings nicht mit dem von Dir negativ empfundenem kleinmädchenhaften Ton. In der schon fast knabenhaft anmutenden Gestaltung Holtons liegt für mich ganz positive Naivität, das Urvertrauen darauf, dass die Seele tatsächlich in Gottes Händen ruht und dass dem Tod so sein Schrecken genommen wird. Das finde ich ausgesprochen gelungen und sehr nah am Text.


Das kann ich richtig gut nachvollziehen.

Herzliche Grüße

Bernd

Gurnemanz

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63

Samstag, 18. September 2010, 11:40

Jedenfalls bedanke ich mich noch einmal bei Gurnemanz, dessen Thread-Eröffnung bei mir zu einer neuerlichen und vertiefenderen Reise in Bachs Kosmos geführt hat!
Gern geschehen! Ich profitiere hier ja selber nicht wenig - Bachs Kantatenkosmos scheint unerschöpflich. Heute ist das Buch von Wolff und Koopman eingetroffen und ich hoffe, irgendwann Substanzielleres zum Thema beitragen zu können.

:wink:
Es grüßt Gurnemanz

---
-¿Se trata de una cita? -le pregunté.
-Seguramente. Ya no nos quedan más que citas. La lengua es un sistema de citas.

Jorge Luis Borges

64

Mittwoch, 29. September 2010, 22:05

Nach eigenem Getröte in einer Aufführung von BWV 149 habe ich heute diese Kantate sowohl in der Rilling- als auch in der Leusink-Version gehört.

Im Eingangssatz überzeugt mich Rillings gemischter Chor etwas mehr als Leusinks Knaben. Die Bassarie, die zu den von mir überhaupt nicht geliebten Sätzen aus der Feder des großen Meisters gehört, lasse ich jetzt mal außen vor. Im Gegensatz zu ihr zählt die Sopranarie "Gottes Engel" zu meinen persönlichen Highlights, und diesmal muss ich gestehen, dass ich Ruth Holtons mädchenhaften Sopran hier ganz klar lieber höre als die mich erneut nicht ganz überzeugende Arleen Auger unter Rillings etwas unelastischer Stabführung.
Noch schöner als diese Arie finde ich das nachfolgende Duett "Seid wachsam, ihr heiligen Wächter"; in meinen Ohren ist diese Musik in ihrer melodischen Qualität und höchst kunstvollen kontrapunktischen Verschränkumg ein absolutes Wunder, wie es selbst einem Johann Sebastian Bach nicht so häufig gelungen ist. Leider wird diese Duett unter Rilling nicht nur sehr zügig, sondern auch ziemlich schreibmaschienenmäßig musiziert, was vor allem für die obligate Fagottstimme gilt. Unter Leusink befindet sich das Grundtempo für meine Begriffe ebenfalls an der Oberkante, aber alles wirkt viel nuancierter und lebendiger, da flexibler und erstaunlicherweise teilweise auch weicher artikuliert (selbst Buwalda hinterlässt hier einen ganz ordentlich Eindruck).

Klarer Sieg nach Punkten für Leusink!

Beste Grüße

Bernd

65

Freitag, 8. Oktober 2010, 21:40



Kantate BWV 198 "Trauerode", Messe BWV 234;Herzlich tut mich verlangen BWV 727;Präludium & Fuge BWV 544
Katharine Fuge, Carlos Mena, Jan Kobow, Stephan MacLeod, Ricercar Consort - Philippe Pierlot

Die Trauerode kannte ich noch gar nicht, aber ein schönes Werk, hier, wie auch der Rest, ganz vorzüglich dargeboten.

Das ist meine erste CD mit dem Ricercar-Consort, doch wenn die immer auf diesem hohen Niveau spielen und singen, könnte ich bald einen Liebling bei den Bach-Kantaten haben.

Ansonsten kann ich keine Gesamteinschätzungen geben, weil ich nur jeweils eine Reihe CDs aus verschiedenen Zyklen kenne, relativ viel wohl von Herreweghe, die ich bislang zumeist recht gut finde und von Koopman, die ich zumeist instrumentell sehr gut finde, aber was den Sologesang angeht, sehr unterschiedlich und, was den Chor angeht zumeist nicht so supertoll. Was ich bislang vom Bach-Kollegium Japan kenne, scheint mir aber auch besonders gut, überhaupt nicht 'akademisch', sondern sehr lebendig und klangschön. Nur ihre allererste CD war furchtbar, aber die ist wirklich untypisch. Inzwischen sind auch die japanischen Sängerinnen und Sänger meist ganz vorzüglich und singen, wie auch der Chor, meist deutlicher, akzentfreier als fast alle anderen nicht-deutschen Chöre, ja sogar verständlicher als oftmals deutsche Chöre.

Der Einschätzung von calisto über diese, die ich durch Nocturnus kennenlernte, kann ich mich aber nur anschließen:



Lorraine Hunt-Lieberson singt die Kantaten BWV 82 und 199 atemberaubend anrührend und schön.

:wink: Matthias

66

Freitag, 8. Oktober 2010, 21:55

Hallo Matthias,

BWV 82 mit einer Frau als Solistin? Das kommt mir zumindestens gewöhnungsbedürftig vor.

Ich habe eben mal bei JPC in die Schnipsel, welche durchaus mein Interesse wecken konnten, hineingehört und daraufhin versucht, via Google herauszufinden, ob das *Orchestra of Emmanuel Music* auf historischen oder modernen Instrumenten spielt, denn die Oboe klingt etwas nach Stuhlbein, die Streicher machen aber einen eher unHIPpen Eindruck. Allzu lange wollte ich nicht suchen, und die vielen Resultate auf Englisch verstehe ich nur mit großer Mühe. Weißt du da Näheres?

Herzliche Grüße

Bernd

67

Freitag, 8. Oktober 2010, 22:20

Hidemi Suzuki und das Bach Collegium Japan

Ich bin ein großer Liebhaber der Musik von J.S.Bach, aber beileibe kein Experte in Sachen Kantaten. Ganz im Gegenteil: ich habe bis vor nicht allzulanger Zeit einen großen Bogen um diese Musik gemacht. Das schien mit doch irgendwie sehr gewöhnungsbedürftig. Aber seit ich die Aufnahmen von Hidemi Suzuki und dem Bach Collegium Japan kenne, schätze ich diese Musik sehr:







Es gibt noch eine vierte Box, aber die finde ich in amazonien jetzt nicht.

Was mich daran immer wieder beeindruckt, ist die große Sprachverständlichkeit. Der Text ist - auch ohne, dass man das Textheft zur Hand nehmen muss - sehr gut zu verstehen.

Ebenfalls ehr positiv finde ich die ausführlichen und sehr informativen Booklets, in denen Suzuki die Aufführungsprobleme sehr detailliert schildert. Ich kann daran gut nachvollziehen, welche Probleme es bei der Umsetzung der einzelnen Kantaten gab und wie er sie gelöst hat. Ob das musiktheoretisch bzw. -historisch alles stimmt, weiss ich nicht, dafür fehlt mir das Fachwissen.

Selbst für mich als gläubigen Atheisten haben haben die Kantaten seit diesen Aufnahmen einen großen Reiz.

68

Freitag, 8. Oktober 2010, 22:46

BWV 82 mit einer Frau als Solistin? Das kommt mir zumindestens gewöhnungsbedürftig vor.


Ich habe keine Ahnung, wie weit das noch als irgendwie historisch informiert rechtfertigbar ist, aber, wenn es so gesungen ist, ist mir das auch egal. Es funktioniert m. E. jedenfalls auch in der Klangabstufung von Sologesang und (Solo-)Instrumenten.

Zitat

Ich habe eben mal bei JPC in die Schnipsel, welche durchaus mein Interesse wecken konnten, hineingehört und daraufhin versucht, via Google herauszufinden, ob das *Orchestra of Emmanuel Music* auf historischen oder modernen Instrumenten spielt, denn die Oboe klingt etwas nach Stuhlbein, die Streicher machen aber einen eher unHIPpen Eindruck. Allzu lange wollte ich nicht suchen, und die vielen Resultate auf Englisch verstehe ich nur mit großer Mühe. Weißt du da Näheres?


Ich habe nicht das Original und kann den Angaben zu meiner geschenkten Kopie auch nicht entnehmen, ob vielleicht ein Teil der Instrumente 'original' sind, aber wirklich HIP ist das nicht, wenn auch nicht ganz unbeeindruckt von der Originalklang-Bewegung, etwa nicht zu 'dicker Klang', nicht romantisierend, aber dennoch mit einer gewissen 'Wucht' - keine ideale Bezeichnung, aber anderes fällt mir gerade nicht ein. Instrumental gibt es wahrscheinlich bessere, müßte ich noch vergleichen, aber Lorraine Hunt-Lieberson singt, nach meinem Empfinden, so ausdrucksvoll, dass es mich nicht weiter stört. Den Chor finde ich ziemlich gut. Aber, nachdem ich jetzt noch mal kurz reingehört habe, schönere Oboen findest du wirklich wohl eher anderswo.

Instrumental finde ich von BWV 82 diese etwa mit den Berliner Barocksolisten und Rainer Kussmaul besser. Auch der RIAS Kammerchor ist ganz ausgezeichnet, Thomas Quasthoff schon hier sicherlich sehr gut, aber er berührt mich weitaus weniger.



:wink: Matthias

69

Freitag, 8. Oktober 2010, 22:54

Zitat

Aber, nachdem ich jetzt noch mal kurz reingehört habe, schönere Oboen findest du wirklich wohl eher anderswo.


Nach nochmaligem Hören würde ich meinen, dass es sich wohl doch nicht um ein Stuhlbein, sondern eher um so etwas wie amerikanische Schule in Mischehe mit meinen schwachen Laptoplautsprechern handelt....

Zitat

aber Lorraine Hunt-Lieberson singt, nach meinem Empfinden, so ausdrucksvoll, dass es mich nicht weiter stört.


Man müßte in den Schnipseln halt doch noch ein wenig mehr von ihr hören. Allerdings klingt das wenige, was man hört (in der Nr. 1 aus BWV 82 ist es leider gar nichts...) in der Tat ziemlich vielversprechend.

Die Version mit den Berliner Barocksolisten kenne ich schon wieder nicht. Sollte ich aber wohl mal kennenlernen!

Herzliche Grüße

Bernd

Agravain

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70

Samstag, 9. Oktober 2010, 09:21


Ich habe keine Ahnung, wie weit das noch als irgendwie historisch informiert rechtfertigbar ist


Lieber Matthias,

es ist zu rechtfertigen. Nur der schnellen Erhellung halber ein wenig nachschlagbare Informationen. Bach hat BWV 82 ursprünglich für Bass komponiert und erstmals am 02.02.1727 aufgeführt. Die Kantate erfreute sich offensichtlich schnell einer gewissen Beliebtheit, sodass sie Bach im Anschluss häufiger aufgeführt hat. In diesem Zuge entstanden Bearbeitungen, und zwar:

1. 1731 (oder 1730) für Sopran. Hier wird die Kantate eine Terz nach oben gesetzt, die Oboe wird durch eine Traversflöte ersetzt, die im Übrigen in nr. 3 "Schlummert ein" mitspielt (im Original schwegit die Oboe hier). Hier und da gibt es kleinere Veränderungen (z.B. in den Koloraturen der letzten Arie).
2. 1735 für Mezzo-Sopran. Jetzt wieder in der Originaltonart und mit Oboe.
3. 1745 oder 1748 wieder für Bass und mit einer Oboe da caccia in Nr. 3.



Zitat

aber Lorraine Hunt-Lieberson singt, nach meinem Empfinden, so ausdrucksvoll, dass es mich nicht weiter stört.


Man müßte in den Schnipseln halt doch noch ein wenig mehr von ihr hören. Allerdings klingt das wenige, was man hört (in der Nr. 1 aus BWV 82 ist es leider gar nichts...) in der Tat ziemlich vielversprechend.


Lieber Bernd,

Lorraine Hunt-Liebersons Einspielung gehört sicher zu den Berührendsten des Werkes, auch wenn ich selbst an sich lieber eine Bass-Stimme höre (schließlich bin ich von Hause aus selbst Bass und habe die Kantate auch schon selbst gesungen 8+) ). Man mag zwar sagen, dass das, womit ich ihre äußerst intensive Gestaltung begründen möchte, zu stark von außen in die Wiedergabe "hineininterpretiert" ist, dennoch scheint es mir wie folgt. Die Aufnahme entstand 2002 in Boston als Zeugnis einer Reihe von szenischen Aufführungen der Kantate in der Inszenierung von Peter Sellars:

Zitat

In the early 2000's Lorraine Hunt-Lieberson also gave a series of shattering performances of two Bach cantatas for solo voice and orchestra, semi-staged by the director Peter Sellars, with the Orchestra of Emmanuel Music conducted by Craig Smith. These concerts were performed in Lincoln Center's New Visions series, in Paris, Berkeley, and at the Barbican in London. In Cantata BWV 82, Ich Habe Genug ("I Have Enough"), she was wearing a flimsy hospital gown and thick woolen socks, her face contorted with pain and yearning, portrayed a terminally ill patient who, no longer able to endure treatments, wants to let go and be comforted by Jesus. During one consoling aria, Schlummert ein, ihr matten Augen ("Slumber now, weary eyes"), she yanked tubes from her arms and sang the spiralling melody with an uncanny blend of ennobling grace and unbearable sadness.


Lorraine Hunt-Lieberson war zu diesem Zeitpunkt schon an Krebs erkrankt und ich meine, dass dies als der Ausgangspunkt für ihre ausgesprochen bewegende Interpretation verstanden werden kann. Im Angesicht des Endes der eigenen Existenz eine Kantate zu gestalten, die sich - dem Canticum Simeonis gemäß - mit den Freuden des Sterbens beschäftigt, hat eine ganz eigene Dimension, die man als Gesunder wahrscheinlich in ihrer Tiefe nicht wirklich ermessen kann. Lorraine Hunt-Lieberson starb 2006.

:wink: Agravain
Was ein richtiger Musiker sein will, der muß auch eine Speisekarte komponieren können. (Richard Strauss)

71

Samstag, 9. Oktober 2010, 09:40

Lieber Agravain,

vielen Dank für deine Informationen! Von der Version mit der d´caccia in Nr. 3 wusste ich, aber mir war bislang unbekannt, dass es auch noch Varianten mit Traverso gibt.

Zitat

Lorraine Hunt-Lieberson war zu diesem Zeitpunkt schon an Krebs erkrankt und ich meine, dass dies als der Ausgangspunkt für ihre ausgesprochen bewegende Interpretation verstanden werden kann. Im Angesicht des Endes der eigenen Existenz eine Kantate zu gestalten, die sich - dem Canticum Simeonis gemäß - mit den Freuden des Sterbens beschäftigt, hat eine ganz eigene Dimension, die man als Gesunder wahrscheinlich in ihrer Tiefe nicht wirklich ermessen kann. Lorraine Hunt-Lieberson starb 2006.


Wenn man um diesen Hintergrund weiß, erhält die Interpretation von Lorraine Hunt-Lieberson natürlich noch eine andere Dimension.

Als meine damals gut einjährige Tochter 1992 an Krebs starb, war das erste, was ich an Musik wieder hören wollte, übrigens BWV 82.

Viele Grüße

Bernd

Agravain

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72

Samstag, 9. Oktober 2010, 09:55


aber mir war bislang unbekannt, dass es auch noch Varianten mit Traverso gibt.


Lieber Bernd,

Leusink hat sie eingespielt, allerdings ist sie nicht in den "regulären" Kantatenboxen enthalten, sondern findet sich in dieser Box:



Hier singt Marion Strijk die Sopran-Partie - wenngleich nicht wirklich spektakulär. Die Version mit Traversflöte finde ich persönlich nicht so berührend. Sicher, denkt man an den Einsatz der Querflöte in "Aus Liebe will mein Heiland sterben", dann weiß man, dass auch sie Trauer ausdrücken kann. Doch gleichzeitig vermittelt sie mir auch und gerade aufgrund dieser Arie ein Gefühl der (angesichts der Szene) inneren Leere, den ich in Kantate BWV 82 schlicht nicht hören will. Denn hier geht es ja um ein zufriedenes Sterben, nachdem der Heiland geschaut und die Hoffnung auf ein zukünftiges Leben somit bestätigt wurde. BWV 82 hat somit ja auch einen seelsorgerischen Charakter, was mir auch Deine Bemerkung über den Verlust Deiner Tochter und BWV 82 zeigt.
Insofern kann ich diesen leeren, schon fast hoffnungslosen Ton der Querflöte hier nicht verknusen und höre lieber den weich trauernden Ton der Oboe.

Viele Grüße

:wink: Agravain
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73

Samstag, 9. Oktober 2010, 11:21

Agravain hat ja brav im Booklet nachgelesen und war schneller mit den Informationen als ich, dafür möchte ich ihm danken, da ich mir jetzt Worte sparen kann :D . - Falls es interessant sein soll: Peggy Pearson spielt die Oboe d´amore auf der Aufnahme.


"Alles Syphilis, dachte Des Esseintes, und sein Auge war gebannt, festgehaftet an den entsetzlichen Tigerflecken des Caladiums. Und plötzlich hatte er die Vision einer unablässig vom Gift der vergangenen Zeiten zerfressenen Menschheit."
Joris-Karl Huysmans

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74

Samstag, 9. Oktober 2010, 11:44

Agravain hat ja brav im Booklet nachgelesen und war schneller mit den Informationen als ich, dafür möchte ich ihm danken, da ich mir jetzt Worte sparen kann :D


Ja, lesen kann ich. Allerdings nicht das Booklet, denn diese Aufnahme habe ich nur als Download. Aber wie Du ja sicher weißt, gibt es ja Dürr und Koopman und Schulze und Küster, die man zu Rate ziehen kann. Zudem gibt es ja auch noch glänzende Bach-Seiten im Netz. Vulgo: ein referierendes Booklet brauche ich - zumindest bei JSB - nicht - habe ich doch in jedem Falle das idR substantiellere Book. :D

:wink: Agravain
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75

Samstag, 9. Oktober 2010, 16:42

Zitat

Falls es interessant sein soll: Peggy Pearson spielt die Oboe d´amore auf der Aufnahme.


Danke, an Namen von Oboisten bin ich grundsätzlich interessiert. Aber eine Oboe d´ amore kanns eigentlich nicht gewesen sein - es sei denn, man hat die Tonart doch verändert, was ich vom Höreindruck her nicht glaube. Oder Frau Pearson plagt sich in b-moll mit 5 Feinden herum. Dann aber alle Achtung, denn das ist ein fingerbrecherisches Unterfangen!

Viele Grüße

Bernd

76

Samstag, 9. Oktober 2010, 17:04

Lieber Bernd, im Booklet sind alle Instrumentalisten (und der Personnel Manager :D ) aufgelistet und bei unserer Peggy steht da eindeutig (habe gerade zum dritten Mal nachgesehen): Oboe d´amore.
-
Hier **tp://bachcantata.blogspot.com/2010/02/cantata-82-smithhunt-lieberson.html* kann man das auch lesen (und anscheinend legal anhören).


"Alles Syphilis, dachte Des Esseintes, und sein Auge war gebannt, festgehaftet an den entsetzlichen Tigerflecken des Caladiums. Und plötzlich hatte er die Vision einer unablässig vom Gift der vergangenen Zeiten zerfressenen Menschheit."
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77

Sonntag, 10. Oktober 2010, 16:17

BWV 56 "Ich will den Kreuzstab gerne tragen" (Kreuzstabkantate)

Es ist ja in vielen Kantaten so, dass der Textdichter, ob nun unbekannt oder nicht, einen Sprecher in der Ich-Form nutzt. Bei dieser Kantate jedoch, in der es um die Unbillen des Lebens, das "wütenvolle Schäumen" die "Plagen", die "Trübsal" und die Hoffnung auf die Trocknung der Tränen im "Himmelreich" geht, wählt Bach ein bestimmtes Darstellungsprinzip (wie auch in BWV 82 oder anderen Solokantaten).

Während das Sprecher-Ich oft auf alle Solisten verteilt wird, es also gar kein einzelnes Ich mehr ist, sondern wieder eine Gruppe (die man als die Gemeinde bezeichnen könnte), so ist das Ich hier ausschließlich einem Solisten zugeordnet (vom Choral einmal abgesehen). Auf diese Weise wird - so empfinde ich es zumindest - der individuell leidenede Mensch ins Zentrum der Kantate gerückt, was es dem einzelnen Hörer leicht(er) macht, sich mit dem Text und der durch ihn transportierten Heilsbotschaft zu identifizieren. In diese Richtung gehend verstehe ich auch die unübliche Wiederholung der Zeilen aus der Eingangsarie im abschließenden Arioso. Das Individuum wiederholt am Ende der seiner Meditation über Leben und Tod für sich noch einmal den zentralen Tröstungs- und Erlösungsgedanken "Da leg ich den Kummer auf einmal ins Grab, / Da wischt mit die Tränen mein Heiland selbst ab", bevor dieser dann im Gemeindegesang noch einmal von quasi allen (leidenden) Menschen aufgegriffen und somit verallgemeinert wird.

Vielleicht ist es auch gerade diese identifikationsstiftende Struktur, die dazu beigetragen hat, dass diese Kantate (zusammen mit BWV 82) so außergewöhnlich populär wurde.

Persönlich liebe ich die folgende Einspielung der Kantate mehr als jede andere, die ich kenne (und ich kenne einige :D ):



Siegfried Lorenz hatte bei dieser Aufnahme, die aus dem Jahr 1984 stammt, einen seiner wohl besten Tage überhaupt. Nicht immer finde ich schön, was er macht, hier schießt er allerdings (in beiden Kantaten) den Vogel ab. Er singt das dermaßen ungekünstelt, natürlich, sinnfällig und klangschön, dass ich immer denken muss: So hat der alte Bach es sich gedacht! Da sitzt jeder Ton locker, es gibt keine sprachlichen oder interpretativen Manierismen, es ist nichts glatt oder oberflächlich, keine bloße Spielwiese für musikhistorische Experimente, sondern immer ausdrucksstark, ja tief empfunden, ohne jedoch kitschig zu sein. Ich habe beim Hören dieser Scheibe immer das Gefühl, nicht der Sänger singt, sondern "es" singt aus dem Sänger heraus. So wirkt die Aufnahme in ihrer Selbstverständlichkeit und ihrem natürlich-meditativen Charakter ein bisschen wie eine Kombination aus Bach und Zen.

:wink: Agravain
Was ein richtiger Musiker sein will, der muß auch eine Speisekarte komponieren können. (Richard Strauss)

78

Sonntag, 10. Oktober 2010, 22:03

Hallo Agravain,

vielen Dank für deine instruktiven Zeilen über BWV 56! Für meine Begriffe beschreibst du das, was die Anziehungskraft dieser Kantate ausmacht, ganz ausgezeichnet, wobei ich gerade auch den Choral besonders ausdrucksstark finde.

Die Solo-Oboe in "Endlich, endlich wird mein Joch" habe ich bislang erst einmal vor Publikum gespielt. Das hat ziemlich gut geklappt, und ich bin immer noch stolz darauf :angel: , da Bach den Instrumentalisten hier vor außergewöhnliche atemtechnische Probleme stellt.

Meine Leib- und Magenaufnahme war bislang (analog zu BWV 82) die mit Fischer-Dieskau und Manfred Clement unter Karl Richter. Die Einspielung mit Lorenz/Pommer/Lorenz ( :?: :D) kenne ich aber leider noch gar nicht, und deine Beschreibung macht mich schon sehr neugierig!

Zitat

Ich habe beim Hören dieser Scheibe immer das Gefühl, nicht der Sänger singt, sondern "es" singt aus dem Sänger heraus.


Dieses Gefühl kenne ich nicht nur von etlichen besonders mitreißenden CDs mit Spitzeninterpreten, sondern auch von einigen (leider sehr wenigen) Konzerten mit eigener Beteiligung. Wie es dazu kommt, weiß ich auch nicht genau, aber unter besonders günstigen Bedingungen (ein gewissser sympathischer Draht zum Dirigenten und zu den anderen Mitwirkenden scheint mir da eine größere Rolle zu spielen, erklärt das Phänomen aber auch nicht zur Gänze), gerät man einfach in eine Art kontrollierte Euphorie. Und plötzlich muss man sich nicht mehr mühen, alles wird selbstverständlich, da "es" aus einem herausspielt. Die Angst vor den Problemstellen, zum Beispiel vor Tönen, die im Pianissimo nicht kommen oder abbrechen, spielt keine Rolle mehr, denn man weiß mit tiefer Sicherheit, dass "es" jetzt gegenwärtig ist. Das klingt nach gefährlicher Irrationalität, aber die Aufnahmen solcher Konzerte sind auf jeden Fall auch diejenigen, die mich beim nachherigen Abhören zumindestestens ansatzweise zufriedenstellen. Und genau die Hoffnung auf derartige Momente (zuletzt habe ich das am Karfreitag 2010 in der Johannespassion erlebt) hält mich auch bei der Stange - ansonsten würde ich mir schon überlegen, ob ich mir nicht andere, im Vorfeld weniger nervenaufreibende Möglichkeiten suche, um ein Zubrot zu verdienen.

Selbstverständlich will ich mich nicht mit Künstlern wie Siegfried Lorenz vergleichen :hide:! Mir ging es jetzt nur um das Phänomen des "es", welches plötzlich singt oder spielt. Meiner Erfahrung nach kann diese Erscheinung schon auf unterschiedlichen Ebenen der Perfektion auftreten. -

Zitat

Lieber Bernd, im Booklet sind alle Instrumentalisten (und der Personnel Manager ) aufgelistet und bei unserer Peggy steht da eindeutig (habe gerade zum dritten Mal nachgesehen): Oboe d´amore.


Nach näherem Hinlauschen kann es sich durchaus auch um eine im US-Stil tönende Oboe d´ amore handeln. Leider verfüge ich nicht über ein absolutes Gehör, aber gestern abend habe ich (äußerst vorsichtig der Nachbarn wegen) versucht, die Schnipsel von Nr 1. mitzuspielen. Da bin ich dann nach wirklich sehr zaghaften Versuchen auf cis-moll statt c -moll als Grundtonart gekommen (meine gestrige g-moll-Zuschreibung von BWV 82 in der ursprünglichen Fassung beruhte auf einem Erinnerungsirrtum; das ganze Ding steht in c :schaem: ). Auf der d´ amore hieße cis-moll dann gegriffen e-moll mit nur einem Feind, klar, warum nicht? Ich schließe aber nicht aus, dass ich mich hier nach wie vor gewaltig irre.. Absoluthörer an die Front!

Herzliche Grüße

Bernd

Agravain

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79

Sonntag, 27. März 2011, 09:10



Die Kantate BWV 54 „Widerstehe doch der Sünde“ gehört mit ihren beiden um ein Rezitativ gruppierten Arien für Alt zu den kürzesten Kantaten Bachs. Es wird mittlerweile vermutet, dass sie zu Oculi 1715 erstmals in der Weimarer „Himmelsburg“ aufgeführt wurde. Sicher ist das indes nicht:

Zitat

(http://www.bach-cantatas.com/BWV54.htm)

There are some considerable problems here that make a definite assignment impossible. We are left with the possibilities indicated in the revised (English) Dürr. Klaus Hofmann (1993) in one of the Bach journals is primarily responsible for the 1715 date. The problem with the March 4, 1714 date is that it would have occurred two days after Bach’s appointment as Kapellmeister at the Weimar court. The only reason that Oculi has been assigned is because printed text book has this Sunday assigned. This is a good reason, but because the references to the Epistle and Gospel readings on Oculi Sunday are rather vague and because Bach composed a similar early cantata as “in ogni tempo”, Schulze considers the 7th Sunday after Trinity 1714 as a possibility because some possible references to the readings for that Sunday. Dürr (English + update) state: ‘most likely in summer or autumn’ of 1714. Küster dates this cantata to before 1714. The NBA KB states that it could have been composed as early as 1713 possibly for Oculi or another suitable point in the year (in ogni tempo). Schulze also explains that the 1st mvt. was used by Bach with a different text as part of the St. Mark Passion.

Wie dem aber sei: Die kurze Kantate (ca. 12 Minuten Spielzeit) gehört zum schönsten, was uns Bach hinterlassen hat. Die ersten Zeilen des im Zentrum stehenden Rezitativs ist verantwortlich für die Gestalt der beiden Arien. Bach formt davon ausgehend eine musikalische Juxtaposition des „wunderschönen“ und des „teuflischen“ Charakters der Sünden. So ist die erste Arie schon fast von einer an Händelsche Bukolik erinnernde Klangschönheit, in der die Violinen über einer gehenden Bassfigur geradezu zephyrisch-ruhige Känge zaubern, obwohl Bach den zweifelhaften Charakter der Sünde deutlich einbaut (Einsatz mit Dissonanz, Trugschlüsse!). Im Gegensatz zum Wohlklang der ersten Arie ist die zweite aufgeregt und herb, die Sünde erscheint in der Gestalt der ersten vier, sich chromatisch abwärts bewegenden Töne des Fugenthemas. Doch sind Teufel und Sünde nicht unüberwindlich und so endet der Satz in hellem Es-Dur.

Gehört habe ich die Kantate eben noch einmal in der Aufnahme Scholl/Herreweghe und ich muss erneut die Farge stellen, ob man das als Altus besser singen kann. Ich denke nein, obwohl es durchaus schöne Interpretationen gibt.
Buwalda musste ich nach den ersten paar Takten ausschalten. Paul Esswood, der mir oft nicht so recht zusagt, gefällt mir hier ausgesprochen gut. James Bowman kann leider kein Deutsch. Gerard Lesne singt sehr schön, aber sehr, sehr, sehr langsam (fast 9 Minuten für die Eingangsarie ist schon recht fett – Scholl/Herreweghe benötigen 6:58). Der niederländische Altus Maarten Engeltjes singt ebenfalls sehr gut, hat jedoch bei den tiefen Tönen eine leichte Tendenz zum Pressen. Scholl und Koopman scheinen mir nicht so sehr den gleichen Geist zu atmen wie Scholl und Herreweghe.
Es gibt da aber noch zwei historische Aufnahmen, die ich gerne erwähnen möchte. Zum einen ist das eine bei Youtube zu hörende Aufnahme der ersten Arie mit Alfred Deller. Sicher, Dellers Deutsch ist nicht so hundertprozentig, aber die Stimme hat so etwas Klares, ich möchte bald sagen: Unschuldiges, dass mir beim Hören schon einmal eine Träne ins Auge steigen kann. Ähnlich geht es mir bei der Fernsehaufzeichnung dieser Kantate mit Glenn Gould und dem Countertenor Russel Oberlin, die mich aufgrund der herrlichen Gestaltung des Orchestersatzes der ersten Arie noch immer berührt. Ist das Commitment, oder was?
Verinnerlichter schaffen das auch Herreweghe und Scholl nicht.

:wink: Agravain
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80

Sonntag, 10. April 2011, 08:25



BWV 1 "Wie schön leuchtet der Morgenstern"

Unter den sechs Einspielungen von BWV 1, die ich im Vergleich gehört habe, hat jede ihre Meriten, es gibt im Grunde keine, die mir in ihrer Gänze als misslungen erscheint.
Allerdings gibt es auch keine, die ich als völlig rund empfinde.

Der Eingangschor stellt sich in den Einspielungen recht unterschiedlich dar. Nicht nur, dass er bisweilen deutlich im Tempo differiert (so ist Rotzsch mit 7:07 recht flott, Suzuki mit 8:22 recht ruhig). Auch der Charakter des Satzes wird recht unterschiedlich gezeichnet. Die drei R (Richter, Rotzsch, Rilling) präsentieren eher einen beschwingt-freudigen und festlichen Satz, der in seinem goldgelben Klang durchaus an den Eingangschor zur vierten Kantate des Weihnachtsoratoriums („Fallt mit Danken, fallt mit Loben“) erinnert. Satter Chorklang, voller Orchestersatz, starker Cantus firmus. Es ist eine Lesart, deren Ausgangspunkt wohl in den beiden letzten Textzeilen („Schön und herrlich, groß und ehrlich, reich von Gaben, / Hoch und sehr prächtig erhaben“) zu suchen ist . Das kann man so machen und ich empfinde das durchaus als schlüssig.

Während auch Leusink diesen Ansatz wählt, so machen es die anderen beiden HIP-Vertreter (Suzuki und Kuijken) doch ganz anders.
Bei Suzuki, der diesen Satz ja recht langsam spielen lässt, entwickelt sich ein ganz weiches, im positiven Sinne wattiges musikalisches Geschehen, das eine eher verhaltene, pastorale Freude zu darzustellen sucht. Besonders schön lässt er den Cantus firmus gestalten, der nicht über die Unterstimmen weggeschmettert wird, sondern ganz leicht, immer piano oft sogar pianissimo über dem bewegten Satz schwebt. Der Effekt ist, dass sich das bei jedem Einsatz so anhört, als breche ein himmlischer (schon fast „englischer“) Sonnerstrahl durch – aber eben nur einer. Das gefällt mir schon sehr.
Aber auch Kuijkens solistische Herangehensweise ist überzeugend. Es gibt Kantaten, bei denen mich das zwar überhaupt nicht vom Stuhl haut, hier passt das aber schon sehr gut, betont es doch den im Grunde intimen Charakter des Verkündigungsgeschehens. Die gute Botschaft wurde ja eben von einem Engel überbracht und nicht von sämtlichen Cherubim und Serphim. Beide Interpretationen fokussieren weniger den Festcharakter. Sie orientieren sich eher an Begriffen wie „lieblich“, „freundlich“ oder „süß“.

Klippen – zumindestens im weitesten Sinne – scheinen mir indes die beiden Arien darzustellen. Nicht, dass sie im technischen Sinne ausgesprochen problematisch zu meistern sind, wohl aber im interpretativen.
In der Sopranarie spielt das Tempo eine entscheidende Rolle. Hier ist Kuijken mit 4:09 der schnellste, Leusink mit 5:21 deutlich der langsamste. Im direkten Vergleich wird es mehr als deutlich, dass eine langsame Herangehensweise der Arie nicht bekommt. Sie klingt dann schnell bieder, teilnahmslos, langweilig. Marjon Strijk gibt sich zwar redliche Mühe (so auch Edith Mathis), aber wenn das nicht mit einem gewissen Druck musiziert wird, springt kein Funke über.

Bei der Tenor-Arie gibt es zwar auch Unterschiede im Tempo (Richter ist mit 6:10 der schnellste, Leusink mit 7:05), das scheint mir aber nicht das Kriterium, das für das Gelingen entscheidend ist. Die 6:10 klingen bei Richter allerdings schon fast ein bisschen gehetzt. Für mich spielt allerdings sowohl die Präsenz des Sängers eine wichtigere Rolle als auch die Art, wie an die Gestaltung des Continuo herangegeangen wird.
So verliert der an sich flüssige und schwingende Satz schnell diesen Charakter, wenn die Unterstimmen zu schwer genommen werden, so wie beispielsweise bei Rilling, der hier schlicht hindurchtrampelt.
Bei den Sängern gibt es ebenfalls Unterschiede. Ernst Haefliger klingt durch Richters schnelles Tempo gestresst, Adalbert Kraus singt ebenso erdenlastig, wie Rilling dirigiert. Knut Schoch singt schön, das labberige Tempo Leusinks nimmt dem Satz indes vollkommen seine Spritzigkeit. Kuijkens Tenor Marcus Ullmann ist mir zu schwach auf der Brust, seiner Stimme fehlt etwas der Kern, der Biss; tadellos singt Gerd Türk, wenngleich mir schon – wie eigentlich immer - ein wenig zu glatt. Ich lande – wie so oft bei Schreier, der für diese Arie unter Rotzsch nicht nur technisch, sondern auch interpretatorisch die „Benchmark“ setzt.

:wink: Agravain
Was ein richtiger Musiker sein will, der muß auch eine Speisekarte komponieren können. (Richard Strauss)

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