Ich habe keine Ahnung, wie weit das noch als irgendwie historisch informiert rechtfertigbar ist
Lieber Matthias,
es ist zu rechtfertigen. Nur der schnellen Erhellung halber ein wenig nachschlagbare Informationen. Bach hat BWV 82 ursprünglich für Bass komponiert und erstmals am 02.02.1727 aufgeführt. Die Kantate erfreute sich offensichtlich schnell einer gewissen Beliebtheit, sodass sie Bach im Anschluss häufiger aufgeführt hat. In diesem Zuge entstanden Bearbeitungen, und zwar:
1. 1731 (oder 1730) für Sopran. Hier wird die Kantate eine Terz nach oben gesetzt, die Oboe wird durch eine Traversflöte ersetzt, die im Übrigen in nr. 3 "Schlummert ein" mitspielt (im Original schwegit die Oboe hier). Hier und da gibt es kleinere Veränderungen (z.B. in den Koloraturen der letzten Arie).
2. 1735 für Mezzo-Sopran. Jetzt wieder in der Originaltonart und mit Oboe.
3. 1745 oder 1748 wieder für Bass und mit einer Oboe da caccia in Nr. 3.
Zitat
aber Lorraine Hunt-Lieberson singt, nach meinem Empfinden, so ausdrucksvoll, dass es mich nicht weiter stört.
Man müßte in den Schnipseln halt doch noch ein wenig mehr von ihr hören. Allerdings klingt das wenige, was man hört (in der Nr. 1 aus BWV 82 ist es leider gar nichts...) in der Tat ziemlich vielversprechend.
Lieber Bernd,
Lorraine Hunt-Liebersons Einspielung gehört sicher zu den Berührendsten des Werkes, auch wenn ich selbst an sich lieber eine Bass-Stimme höre (schließlich bin ich von Hause aus selbst Bass und habe die Kantate auch schon selbst gesungen). Man mag zwar sagen, dass das, womit ich ihre äußerst intensive Gestaltung begründen möchte, zu stark von außen in die Wiedergabe "hineininterpretiert" ist, dennoch scheint es mir wie folgt. Die Aufnahme entstand 2002 in Boston als Zeugnis einer Reihe von szenischen Aufführungen der Kantate in der Inszenierung von Peter Sellars:
Zitat
In the early 2000's Lorraine Hunt-Lieberson also gave a series of shattering performances of two Bach cantatas for solo voice and orchestra, semi-staged by the director Peter Sellars, with the Orchestra of Emmanuel Music conducted by Craig Smith. These concerts were performed in Lincoln Center's New Visions series, in Paris, Berkeley, and at the Barbican in London. In Cantata BWV 82, Ich Habe Genug ("I Have Enough"), she was wearing a flimsy hospital gown and thick woolen socks, her face contorted with pain and yearning, portrayed a terminally ill patient who, no longer able to endure treatments, wants to let go and be comforted by Jesus. During one consoling aria, Schlummert ein, ihr matten Augen ("Slumber now, weary eyes"), she yanked tubes from her arms and sang the spiralling melody with an uncanny blend of ennobling grace and unbearable sadness.
Lorraine Hunt-Lieberson war zu diesem Zeitpunkt schon an Krebs erkrankt und ich meine, dass dies als der Ausgangspunkt für ihre ausgesprochen bewegende Interpretation verstanden werden kann. Im Angesicht des Endes der eigenen Existenz eine Kantate zu gestalten, die sich - dem Canticum Simeonis gemäß - mit den Freuden des Sterbens beschäftigt, hat eine ganz eigene Dimension, die man als Gesunder wahrscheinlich in ihrer Tiefe nicht wirklich ermessen kann. Lorraine Hunt-Lieberson starb 2006.
Agravain
zu bekommen. Herreweghes 'Manier' ist oben beschrieben worden, sie erzeuge einen goldenen Glanz. Das passt natürlich wunderbar zu diesem großartigen Stück, aber ich kann es mittlerweile nicht mehr so gut ertragen, dass A. Scholl am oberen Rand seiner Stimme so schlecht sitzende Töne produziert ... Wieviel überzeugender ist da die wunderbare Magdalena Kozena bei Reinhard Goebel 
, in der viele virtuose Partien grade mal angedeutet werden ... Freilich, bestimmt ganz interessant, aber ganz so neu ist dieser Ansatz allerdings nicht, wenn ich da an die Gesprächskonzerte der "Internationalen Bachakademie Stuttgart" unter Federführung von Helmuth Rilling denke, die zum Teil auch veröffentlicht worden sind. Rilling gibt, bevor die Kantaten in Gänze aufgeführt werden, eine Einführung und vertieft seine Erzählungen durch live musizierte Musikbeispiele.Ein origineller und interessanter Weg, die Kantaten ins Gespräch zu bringen, meine ich.

Initiiert und finanziert wird das Projekt von einem Schweizer Bankier und Bachliebhaber.

Zitat
Bei Rilling gibt es immer wieder Solist/innen, wo man die Ohren ein wenig wegklappen muss
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...aber die Holzbläser machen immer wieder viel Freude beim Zuhören.
Mich erstaunt die Diskrepanz zu den stimmlich teilweise mäßigen bis lausigen Gesangssolisten außerordentlich. Hatte Rilling ein hervorragendes Ohr für die Bläserfarben, aber keines für die Sänger?
- ihrem Fachwechsel), Doris Soffel, Eva Randová, Hanna Schwarz und eben auch diese eine Kantate, wo Judith Beckmann als Sopransolistin mitwirkt. Die Sängerin kenne ich noch von ihren Auftritten an der Frankfurter Oper her, dort sang sie z. B. Agathe oder Gräfin Almaviva, für Bach war die Stimme eher nicht geeignet.
Zitat
Anscheinend fanden einige Aufnahmen auch im Anschluss an Konzerte oder anstrengende Proben statt.
Dass man im Anschluss an ein Konzert noch schnell die Aufnahme einer Bach-Kantate hinterhergeschoben hat, kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen. Welcher Profi macht so etwas?
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Könnte es nicht einfach auch so sein, dass Helmuth Rilling (obwohl er es damals wahrlich nicht nötig gehabt hätte) und/bzw. sein Label nach den Gesetzen des Marktes gehandelt haben? Namen, die gerade (zum Zeitpunkt der Aufnahme) in aller Munde sind (bzw. waren), verkaufen sich einfach besser.
Zitat
Unter musikalischen Gesichtspunkten ist es allerdings nicht zu rechtfertigen, wenn offensichtlich missratene Interpretationen manchmal sogar mehrmals neu aufgelegt und dann teilweise regelrecht „verramscht“ werden.
!
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Dass Musik bei uns spätestens nach dem 2. Weltkrieg – in anderen Ländern, z.B. USA, mit Sicherheit schon früher – zu einer Ware geworden ist, mit der man handelt wie mit Waschpulver, ist eine traurige Realität.

Agravain Zuletzt habe ich mich intensiver mit BWV 173 "Erhöhtes Fleisch und Blut" beschäftigt. Diese weniger bekannte Kantate enthält eine wunderbare Tenorarie und ein ebenso schönes Duett zwischen Bass und Sopran. Bei Rilling singen Tenor und Bass (Adalbert Kraus und Niklaus Tüller) solide bis ausgezeichnet, aber wenn die Sopranistin Judith Beckmann auf den Plan tritt, ist es aus mit der Freude: Die Stimme wirkt gedrückt bis zum Geheule und man versteht kein einziges Wort vom Text.





Agravain
Puh, für mich ist das schon harte Kost! Wenn es einen Thread mit dem Titel "Die 10 sperrigsten Bach-Kantaten" gäbe, wäre das einer meiner ganz heißen Kandidaten.
Agravain Was machst Du, wenn Du beim Bäcker ein Brötchen kaufen willst?
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