Am 17. Januar 1773 hat der Kastrat Venanzio Rauzzini Mozarts
Exsultate, jubilate in der Mailänder Theatiner-Kirche uraufgeführt. Rauzzini hatte in Mozarts
Lucio Silla als primo uomo geglänzt. Dass das geistliche Stück sehr nahe an der Oper gebaut war - und nicht zuletzt die Virtuosität des Solisten zeigen sollte, liegt nahe. Ein Kirchenwerk im Sinne des 19.Jahrhunderts war die Motette nicht, aber ihre Popularität blieb ungebrochen, nicht zuletzt bei den Sopranistinnen. Wenn man die Reihe der Einspielungen durchgeht, so findet man sicher auch solche, die dem auf Sensationen wartenden Opernfreund Zucker geben. Aber man findet eben auch Interpretationen wie die von Maria Stader unter Fricsay oder Emma Kirkby unter Christopher Hogwood, die kein Zirkusstück aus dem eben auch innigen Werk Mozarts machen.
aus der Brilliantbox bringt mit Annemarie Kremer unter Nicol Matt ein durchaus respektables Beispiel, wie man beides erfüllen kann: Virtuosität und Intensität
Maria Stader
Radio-Symphonie-Orchester Berlin
Ferenc Fricsay
1962
habe ich im Rahmen der kommentierten Anthologie "La gran musica". Da man nun bei Stader/Fricsay die Alternative zwischen zwei Einspielungen hat, bekenne ich, dass ich die frühere vorziehe. Klanglich hätte man sich mehr vorstellen können.
Auch
Janine Micheau, Sopran
Orchestre du Conservatoire de Paris
Ernest Ansermet
ist kein klangliches Wonnebad, aber das etwas trockene Dirigat Ansermets tut dem Stück ebenso wohl wie die unangestrengte Stimme von Janine Micheau.
Bei der folgenden Aufnahme
Hilde Gueden, Sopran
Wiener Philharmoniker
Alberto Erede
bin ich als erklärter Gueden-Fan befangen, aber es kommt noch Besseres
Emma Kirkby, Sopran
The Academy of Ancient Music
Christopher Hogwood
Ein historisches Instrumentarium ist mir hier sehr sympatisch, auch weil es Raum lässt für einen unpathetischen, das Filigrane bewunderswert herausarbeitende Vortrag.
Am Ende einer Reihe von Einspielungen der Mozartschen Motette
Exsultate, jubilate, die ich gestern hörte,
stand die Einspielung unter Fricsay mit Maria Stader als Solistin, eine kostbare Beigabe der "Entführungs"-Box
Diese Einspielung ist von 1954.
Warum man von dieser wunderbaren Motette genug haben kann, leuchtet mir gerade nach der Reihe der Einspielungen, die ich heute verteilt über den Tag gehört habe, nicht ein. Aber die Geschmäcker sind bekanntlich unterschiedlich, deswegen ist es nur ein leises Staunen, das ich da empfinde. Für mich blühte die Motette von Mal zu Mal mehr auf, vor allem beieindruckten mich Stader und Kirkby, die interpretatorisch nicht gerade einander nahe stehen. Aber von dem etwas wuscheligen Anfang, wo sich der Jubel erst einmal in Töne finden muss über die weiten melismatischen Bögen der Allegro, der Innigkeit der Phrasierung im Andante zu dem einer namenlosen Freude, einem jubelnden Gestammel über den immer wiederholten Worten "Alleluja" spannen sich Dimensionen einer zärtlichen Freude, deren Universen keine Grenze mehr zu finden scheinen, am Ende in einen Himmel taumeln, den jemand erfährt, der eine Welt von Schmerzen hinter sich gelassen hat
tu consulare affectus
unde suspirat cor
Was das Besondere ausmacht: Es ist ein sehr menschlicher Jubel, der sich hier hören lässt, kein entfernter Platz, an dem er sich löst, sondern die Kunst Mozarts formuliert ihn in der Mitte der Lebens, durchaus eben auch in der Nähe der Konstanze. Dass man da doch noch an Rilke denkt
Denn das Schöne ist nichts
als des Schrecklichen Anfang, den wir noch grade ertragen,
und wir bewundern es so, weil es gelassen verschmäht,
uns zu zerstören.
ist das, was für mich Mozart ausmacht.
Ohne Bild übrigens die schöne Aufnahme, die ich mir für heute Morgen aus dem Regal zog:
Monika Frimmer, Sopran
Collegium Cartusianum
Peter Neumann
1990
Leider gibt es die beiden Boxen, die ich noch von EMI im Regal stehen habe, inzwischen nur mehr in einer (allerdings sehr preiswerten und ohne Frage empfehlenswerten) Box. Die Aufnahme reiht sich für mich in ihrer unprätensiösen Art unter die besten Einspielungen der Motette.
Liebe Grüße Peter