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Donnerstag, 20. Oktober 2011, 00:37

Claudio Monteverdi - Vespro della Beata Vergine (1610) - Marienvesper

Die Marienvesper, als Druck 1610 erschienen, steht in der Schnittstelle zwischen dem Alten (der Renaissance) und dem Neuen (dem Frühbarock), zwischen prima prattica und seconda prattica, zwischen der Polyphonie und der Monodie. Hier werden zum ersten Mal konsequent die Stilmerkmale beider konzeptionell miteinander verschmolzen und zu einem neuen Ganzen gemacht.

Monteverdi hatte bis dato keine geistliche Musik komponiert, obwohl er einer der bekanntesten Komponisten Italiens war. Mit der Oper "L'Orfeo" hatte er im Jahre 1607 der neuen Gattung den entscheidenden Zündfunke verpaßt, und diese Lunte brennt bis heute. Doch diesem Triumph folgte bald eine Tragödie, die der Beginn einer beruflichen Neuorientierung werden sollte.

Im September 1607 starb nach 8 Jahren Ehe seine Frau und hinterließ ihn als getroffenen Witwer mit zwei kleinen Söhnen. Dann schienen die Probleme am Hof Gonzaga, wo er als Kapellmeister angestellt war, sich zu häufen: er arbeitete recht viel für wenig Salär, und er konnte wohl zunehmend auch seine Ambitionen nicht mehr sinnvoll umsetzen. Nach über zwanzig Jahren in Mantua war er an einem toten Punkt angelangt.

In der Zeit der Drucklegung der Vesper schien er sich beruflich befreien zu wollen. Er widmete die Sammlung Papst Paul V. und schielte eventuell auf eine Anstellung in Rom oder vielleicht Venedig. Daraus wurde zunächst aber nichts. Spätestens 1612 war er durch den Tod seines Arbeitgebers, dem Herzog Vincenzo Gonzaga, arbeitslos geworden, und nun war es nötig, sich neu umzusehen. Im Jahr darauf verstarb der Kapellmeister des Markusdoms in Venedig, Giulio Cesare Martinengo, und Monteverdi bewarb sich für das Amt. Er wurde genommen und blieb in dieser Position bis zu seinem Tod im Jahre 1643.

Die Marienvesper zeigt vielleicht am Deutlichsten, wie konsequent Monteverdi seine musikalische Ausrichtung den Gezeiten anpaßte. Er fing mit seinen 1. Madrigalbuch stilistisch noch in der Tradition der Spätrenaissance an und endete beim letzten Madrigalbuch komplett in der frühbarocken Moderne. Die Vesper steht dazwischen, als ein Monument der damaligen Kunst.


Die Vesper besteht aus fünf Psalmvertonungen, drei Concerto, einer Motette, einem Hymnus, einem Responsorium, einer Sonata und einem Magnificat. Die Besetzung ist mit sieben Solostimmen, einem Doppelchor und Instrumente angegeben. Die Reihenfolge der Stücke ist im Druck so festgelegt:



I.
Intonation Deus in adiutorium meum intende / Responsorium Domine ad adiuvandum me festina (sex vocibus & sex Instrumentis, si placet)

II.
Psalm 109 Dixit Dominus Domino meo (sex vocibus & sex Instrumentis, Modus IV)

III.
Motette Nigra sum (motetto ad una voce)

IV.
Psalm 112 Laudate pueri, Dominum (a otte voci sole nel Organo, Modus VIII)

V.
Concerto Pulchra es (a due voci)

VI.
Psalm 121 Laetatus sum (a sei voci, Modus II)

VII.
Concerto Duo Seraphim (tribus vocibus)

VIII.
Psalm 126 Nisi Dominus (a dieci voci, Modus VI)

IX.
Concerto Audi coelum (sex vocibus)

X.
Psalm 147 Lauda Jerusalem (a sette voci, Modus III)

XI.
Sonata sopra Sancta Maria Ora pro nobis (a otte voci)

XII.
Hymnus Ave maris stella (a otte voci, Modus I)

XIII.
Magnificat I (septem vocibus & sex Instrumentis, Modus I) oder:
Magnificat II (a sei voci, Modus I)



Mit den Psalm- und Magnificat-Teilen erfüllt das Werk die Voraussetzung als feierliche Vespervertonung in der Liturgie der damaligen Zeit; die fehlenden Antiphonen wurden als einstimmige Choräle beibehalten und sind deshalb nicht notiert worden. Die restlichen Teile gelten sozusagen als zusätzliche Erbauung.

Man rätselt schon lange, ob die Marienvesper als komplettes Werk konzipiert wurde oder eine Ansammlung einzelner Kompositionen darstellt. Bis heute gehen die Meinungen darüber auseinander. Aufgeführt wird sie heutzutage als geschlossenes Werk, entweder mit den fehlenden Antiphonen (und einer leicht veränderten Reihenfolge) oder ohne ihnen.

In den 1950er Jahren begann das Interesse an der Vesper zu erwachen. Die ersten Einspielungen erfolgten (Hans Grischkat, Vox 1953; Anthony Lewis, L'Oiseau-Lyre 1953), und das Werk begann sich allmählich zu etablieren. Heute gehört es zum Kanon jener Glanzstücke, die einfach nicht mehr wegzudenken sind. Man hat die Auswahl zwischen zwei Dutzend Einspielungen verschiedenster Konzeptionen und unzähligen Aufführungen weltweit. Und egal, wie man es früher aufgeführt hatte oder heutzutage aufführt, irgendwie schafft man es eher selten, es komplett zu ruinieren. Dafür ist es einfach zu brillant komponiert worden.


Links:
"http://de.wikipedia.org/wiki/Marienvesper_%28Monteverdi%29"
"http://de.wikipedia.org/wiki/Claudio_Monteverdi"
"http://www.medieval.org/emfaq/cds/search.cgi?q=monteverdi+vespro"




jd :juhu: :juhu: :juhu: :juhu: :juhu:
"Interpretation ist mein Gemüse."
Hudebux


2

Donnerstag, 20. Oktober 2011, 01:56

Ich verliere nun mal ein paar Worte zu der letzten Einspielung, die ich gestern in der Post fand. Vor etwa zehn Tagen bestellte ich bei marketplace eine preiswertige Ausgabe der Gardiner-Aufnahme, in der Hoffnung, ich würde die Digitalaufnahme von 1990 erhalten. Falsch gedacht: es war die Analog-Aufnahme von 1974.



Sopran: Jill Gomez, Felicity Palmer
Countertenor: James Bowman
Tenor: Robert Tear, Philip Langridge
Bariton: John Shirley-Quirk
Baß: Michael Rippon

The Monteverdi Choir & Orchestra
Salisbury Cathedral Boys' Choir
Philip Jones Brass Ensemble
David Munrow Recorder Ensemble

Continuo:
Nicholas Kraemer, Cembalo
Malcolm Hicks & Alastair Ross, Orgeln
Robert Spencer, Laute
Jennifer Ward Clarke, Cello

Dirigent:
John Eliot Gardiner



Gardiner dirigiert hier keine solistisch geprägte Aufführung, sondern einen fetten Chor und ein fettes Orchester, zusammen mit sieben Solisten, die ihr Vibrato und Inbrunst voll ausleben. Man hört aber keinen falschen Ton, keine unschöne Klangfarbe oder überforderte Instrumentalisten; alles ist großartig, virtuos und effektvoll musiziert, und jeder gibt sein Bestes. Trotz der Größe des Ensembles bleibt noch Raum für Details, auch wenn die Stimmen im Wust des Chores gelegentlich verwischen.

Gardiner dirigiert übrigens nicht - nein, er zelebriert die Vesper. Die Tempi sind sehr langsam; immerhin bringt es die Einspielung auf 100 Minuten Laufzeit für den Standardsatz (alle 13 Teile ohne zusätzliche Antiphone), und Gardiner kostet jede Sekunde davon aus. Er variiert das Tempo: mal wird es sehr langgezogen, mal wird es straff gespielt. Auch die Lautstärke wird gehandhabt wie eine dramatische Komponente: ich kenne keine Einspielung bisher, die so dynamisch mit ihren klanglichen Möglichkeiten arbeitet wie diese hier. Es wird kein Trick der klanglichen Dramaturgie ausgelassen, um der Vesper ihre Geheimnisse zu entreißen.

Das hört sich erstmal wirklich klasse an, aber bei den Sängern bemerkt man aber doch die Vergangenheit bei der Oper: die Verzierungen der Tenöre im Duo Seraphim klingen, als möchte man der Königin der Nacht in der Zauberflöte Konkurrenz machen; im Audi coelum wird manchmal auch dergleichen zuviel getan. Die Sopranistinnen schmettern ebenfalls etwas zu dick und wuchtig. James Bowman klingt sehr gut, kommt aber leider viel zu selten zum Einsatz. So bleibt die Gesangsleistung auf einem technischen Spitzenniveau, die zwar nicht so recht vom Stil her zu der Vesper passen mag, aber die Einstellung dahinter ist gegeben. Keiner der Solisten verkauft sich unter Wert und gibt sein Bestes.

Im Grunde ist Gardiners Lesung die konsequente Verbindung von solistischer Durchhörbarkeit mit den Mitteln eines großen Ensembles, der Durchgang von der gnadenlosen Überladung eines Eugen Jochum 1957 zu der klaren Transparenz eines Jordi Savall 1989. Es ist die Dramatisierung der Marienvesper als "szenisches Oratorium" - mit all seiner überwältigenden Kraft und Würde.

Es ist vielleicht kein Zufall, daß das beeindruckendste Stück der Hymnus Ave maris stella darstellt: in den zehn Minuten, die das Stück geht, wird eine Ruhe und Traurigkeit aufgebaut, in der das langsame Tempo zu jener inneren Bewegtheit führt, die der Text so wundervoll ausdrückt. Gardiner setzt hier keine scharfen rhythmischen Akzente, sondern läßt die Musik schwingen - bis zu dem Punkt, wo sie zum Schluß im Nichts verschwindet.

Aufgenommen ist das Ganze in einer offenen Weise. Man hört das Ensemble in seiner szenischen Gesamtheit, wobei die Stereo-Wirkung sehr gut erfaßbar ist. Die Dynamik ist sehr weit gefaßt. Ein Klang, der mir gefällt.


jd :wink:
"Interpretation ist mein Gemüse."
Hudebux


3

Donnerstag, 20. Oktober 2011, 08:41

Gardiner dirigiert übrigens nicht - nein, er zelebriert die Vesper. Die Tempi sind sehr langsam; immerhin bringt es die Einspielung auf 100 Minuten Laufzeit für den Standardsatz (alle 13 Teile ohne zusätzliche Antiphone), und Gardiner kostet jede Sekunde davon aus. Er variiert das Tempo: mal wird es sehr langgezogen, mal wird es straff gespielt. Auch die Lautstärke wird gehandhabt wie eine dramatische Komponente: ich kenne keine Einspielung bisher, die so dynamisch mit ihren klanglichen Möglichkeiten arbeitet wie diese hier. Es wird kein Trick der klanglichen Dramaturgie ausgelassen, um der Vesper ihre Geheimnisse zu entreißen.


Gerade deswegen gehört diese Einspielung der Vespro zu meinen Favoriten! Ich finde es in diesr Hinsicht genialer, als seine spätere (schon mit historischen Instrumenten operierende) Aufnahme (bei Archiv).

LG
Tamás
:wink:
"Vor dem Essen, nach dem Essen,

Biber hören nicht vergessen!"


Fugato

4

Donnerstag, 20. Oktober 2011, 09:44

die Verzierungen der Tenöre im Duo Seraphim klingen, als möchte man der Königin der Nacht in der Zauberflöte Konkurrenz machen; im Audi coelum wird manchmal auch dergleichen zuviel getan.

Die Sopranistinnen schmettern ebenfalls etwas zu dick und wuchtig.


So bleibt die Gesangsleistung auf einem technischen Spitzenniveau,...


Lieber Josquin,

Das klingt jetzt aber nicht nach technischem, noch sonstigem Spitzenniveau, sondern eigentlich - zumindest für mich - eher gruselig!
Ich hätte das jetzt gerne mal an Klangbeispielen nachgehört, aber die gibt es leider, wie so häufig bei älteren Aufnahmen, nicht.
Allerdings schätze ich mal, dass es nicht meine Lieblingsvesper sein wird! ;+) Fetter Chor, fette Stimmen, Vibrato und opernhaftes Agieren gehören nicht zu meinen Favoriten!
Die Aufführungspraxis betreffend, ist es sicherlich eine interessante Einspielung. :yes:

LG
juli
"Eine Semmel enthält 140 Kalorien, 700 Semmeln pro Jahr ergeben 98000 Kalorien,
diese benötigt man, um eigenhändig 1 Elefanten 9 Zentimeter weit zu tragen. Aber wozu?"
(Loriot)

5

Donnerstag, 20. Oktober 2011, 10:41

Liebe Juli,

ich denke Josquin wollte nur sagen, dass die Sänger nicht in der Art der super-schlanken "HIP-Stimmen" agieren. Gruselig ist das, überhaupt nicht. Ein großes, aber durchörbares Chor, und starke Stimmen. Die Gesangsweise ist tatsächlich etwas opernhaft, aber nicht als würde man Verdi hören. Spitzenniveau stimmt schon, aber eben nicht der heutige Standard, sonder die von 1970... dafür aber bahnbrechend.

LG
Tamás
:wink:
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Biber hören nicht vergessen!"


Fugato

6

Donnerstag, 20. Oktober 2011, 11:38

Naklar war man in den 70ern noch auf einem anderen Niveau, da war HIP und in den Kinderschuhen!
Ich wollte jetzt auch die Qualität dieser Aufnahme - am damaligen Standart gemessen - nicht in Abrede stellen.
Deshalb habe ich ja auch geschrieben, dass es sehr wahrscheinlich nicht meine Lieblingsvesper ist, ich bevorzuge nun einmal den schlanken, transparenten HIP-Klang!
Meine Lieblingsaufnahme ist immer noch ungeschlagen die von Savall.

LG
Juli
"Eine Semmel enthält 140 Kalorien, 700 Semmeln pro Jahr ergeben 98000 Kalorien,
diese benötigt man, um eigenhändig 1 Elefanten 9 Zentimeter weit zu tragen. Aber wozu?"
(Loriot)

7

Donnerstag, 20. Oktober 2011, 12:03

Meine Lieblingsaufnahme ist immer noch ungeschlagen die von Savall.

Da gibt's aber eine transparentere:



Die Aufnahme von Alessandrini ist zum Verlieben! Solistisch besetzt, deshalb super transparent, doch kraftvoll und festlich. Phenomenal!

Meine 3 Favoriten sind übrigens: die oben gezeigte Gardiner-Aufnahme, die erwähnte mit Savall (in der Neumischung bei AliaVox), und diese mit Alessandrini. Drei grundverschiedene Aufnahmen, aber alle drei unvergleichlich!

LG
Tamás
:wink:
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Biber hören nicht vergessen!"


Fugato

8

Freitag, 21. Oktober 2011, 09:42

Nach der neuesten spinnerten Attacke meines Computers auf meine Geduld kann ich endlich mal wieder etwas schreiben... :cursing: :cursing: :cursing:
Ich hätte das jetzt gerne mal an Klangbeispielen nachgehört, aber die gibt es leider, wie so häufig bei älteren Aufnahmen, nicht.
Versuch es mit dieser Ausgabe:




ich denke Josquin wollte nur sagen, dass die Sänger nicht in der Art der super-schlanken "HIP-Stimmen" agieren.
Genau das! An der Qualität dieser Einspielung gibt es nichts zu rütteln - die ist großartig! Sie ist nur eben nicht HIP. Ich muß allerdings sagen: wenn mit fetter Besetzung, dann so. :thumbup:

Die Divergenz zu den späteren HIPpen Aufnahmen macht eigentlich den größten Reiz aus. Es ist immer noch die Vesper, aber anders gewichtet.


jd :wink:
"Interpretation ist mein Gemüse."
Hudebux


9

Montag, 31. Oktober 2011, 16:22

Die zweite Aufnahme, die ich vorstelle, ist diese hier:




Cantus Cölln
Sopran: Johanna Koslowsky, Maria Cristina Kiehr
Altus: Pascal Bertin, Bernhard Landauer
Tenor: Gerd Türk, Markus Brutscher, Martin Post
Baß: Stephan Schreckenberger, Stephan MacLeod, Matthias Gerchen


Concerto Palatino

Dirigent: Konrad Junghänel



Sie erschien zum ersten Mal im Jahre 1995 und ist eine solistische Aufführung. Hier dominiert kein großer Chor, kein großes Orchester; es ist alles wesentlich intimer und in HIP musiziert. In den zwanzig Jahren seit der Gardiner-Einspielung von 1974 hat sich eine Menge getan.

Die SängerInnen haben jedes Maß an Operhaftigkeit abgelegt und lassen ihre Stimmen mit wenig bis gar kein Vibrato erklingen. Gerd Türk etwa, der Nigra sum singt, gestaltet sein Part mit Würde und großer Ausdruckskraft. Das Duo Seraphim wird mit Präzision und jener Zurückhaltung gesungen, die sich wohltuhend mit dem Instrumentenensemble verbindet.

Die Instrumentalisten sind höchstens dreifach besetzt und lassen somit dem Gesangsensemble freien Raum, sich frei zu entfalten. Dadurch gewinnt die Marienvesper an Durchhörbarkeit und Intimität. Junghänel wählt ein moderates Tempo und läßt die Stücke in einem kompakten Ablauf; nur an vereinzelten Stellen (z.B. beim kompletten Einsatz der Sänger bei "omnes" in Audi coelum) verlangsamt er es mal, um besondere Effekte zu setzen. Er dramatisiert das Tempo jedenfalls nicht wie Gardiner; damit ist Junghänel immerhin zehn Minuten schneller mit der Vesper fertig.

Jünghänels Version wirkt etwas nüchtern, ist aber wunderbar abgestimmt. Alles verbindet sich zu einem feinen Klangkosmos, ohne die Details zu verschlucken. Die Blechbläser dröhnen herrlich, die Streicher fiedeln klar, die Stimmen harmonieren wunderbar. Eine großartige Ensembleleistung. Auch die Aufnahmetechnik ist so zu sehen: klar, präzise, mit leichten Hallanteil, ohne weit entfernt zu sein. Man ist mitten drin.


jd :wink:
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Hudebux


10

Dienstag, 8. November 2011, 14:24

Hier die dritte Einspielung:




Pro Cantione Antiqua:
Barbara Schlick (s)
Timothy Penrose (ct)
James Griffett & Ian Partridge (t)
Stephen Roberts & Michael George (b)

Collegium Aureum
Musica Fiata

Knabenchor Hannover


Dirigent: Heinz Hennig


Dies ist eine Live-Aufzeichnung, die der NDR am 06. Juli 1979 in Herrenhausen vornahm. Hennig (1927-2002) dirigiert hier eine Aufführung, die eher sich nach Gardiners 1974er Einspielung richtet. Jedenfalls kann man ebenso eine solche große Prachtentfaltung erleben, die allerdings nicht so stark im Tempo dramatisiert wird. Hennig läßt die Vesper im moderaten Tempo spielen und erreicht damit eine Laufzeit von 92 Minuten.

Der Chor ist sehr groß, unter anderem mit Knaben als Sopranstimmen besetzt, die ihre Sache aber sehr gut machen. Er ist räumlich sehr gestaffelt und klingt wunderbar geschlossen und deutlich. Das Orchester ist mit zwei Ensembles besetzt, die sich dem historischen Instrumentengebrauch verschrieben haben. Somit hört man Laute, Zinken oder Streicher alter Bauart, die ein wunderbaren Klangteppich bilden. Man muß allerdings sagen, daß der Chor das Orchester ein bißchen übertönt, doch nicht in der Weise, daß ich das übermäßig störend empfand.

Die Solisten sind allesamt sehr gut und vermeiden jede Art der opernhaften Dröhnung. Beim Duo Seraphim bemerkt man zwar auch ein gestelztes Vibrieren, doch bleibt es eher die Ausnahme. Audi coelum ist sehr gut gesungen, mit einem großartigen Choreinsatz auf "omnes". Man muß den Solisten der Pro Cantione Antiqua allgemein zugestehen, daß sie damals zu den besten Sängern mit Bereich der Barockmusik zählten. Auch heute noch eine sehr gute Leistung.

Auch das Klangbild kann überzeugen. Daß dies eine Live-Konserve ist, hört man so gut wie gar nicht. Eher selten ein Huster oder Rumpeln, eine exzellente Mikrophonierung plus eine klasse Abmischung präsentiert einen klaren, sehr nahen Klangraum, der alle Details offenbart und kaum etwas verdeckt. Zwar ist der Chor leicht dominant, aber das Orchester bleibt dennoch präsent.

Es ist eine immer noch überzeugende Leistung, auch wenn die Historische Aufführungspraxis ihren Weg fortgesetzt hat. Heute wäre der Chor solistisch besetzt, die Solisten hätten eine andere Technik, die Instrumentalisten klängen präziser. Aber was mir daran gefällt, ist die dynamische Ausrichtung, die Vesper in einer festlichen Art und Weise zu musizieren. Durchaus gut gelungen. :thumbup:


jd :wink:
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Areios

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11

Dienstag, 8. November 2011, 15:49

Kennt jemand diese (solistisch besetzte und relativ neue) Aufnahme?



Liebe Grüße,
Areios
"Wenn [...] mehrere abweichende Forschungsmeinungen angegeben werden, müssen Sie Stellung nehmen, warum Sie A und nicht B folgen („Reichlich spekulativ die Behauptung von Mumpitz, Dinosaurier im alten Rom, S. 11, dass der Brand Roms 64 n. Chr. durch den hyperventilierenden Hausdrachen des Kaisers ausgelöst worden sei. Dieser war – wie der Grabstein AE 2024,234 zeigt – schon im Jahr zuvor verschieden.“)."
Andreas Hartmann, Tutorium Quercopolitanum, S. 163.

12

Dienstag, 8. November 2011, 19:50

Kennt jemand diese (solistisch besetzte und relativ neue) Aufnahme?


Ja, ich kenne und schätze sie. Sie ist etwas spartanisch: Instrumente wurden nur dort eingesetzt, wo sie Monteverdi anmerkt, durchgehend solistisch besetzt, und im Continuo nur mit Orgel. Die Interpretation ist schön und präzise, vielleicht aber etwas kalt.

LG
Tamás
:wink:
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Fugato

13

Donnerstag, 10. November 2011, 11:18

Da wart ihr etwas schneller als ich: ;+)




(P) 2008 Challenge Classics CC72311 (2 Hybrid-SACDs)

Sopran: Gerlinde Sämann & Marie Kuijken
Altus: Alessandro Carmignani & Paolo Costa
Tenor: Giuseppe Maletto, Fabio Furnari & Jean-Francois Lombard
Baß: Marco Scavazza, Fulvio Bettini & Valter Testolin

La Petite Bande

Dirigent: Sigiswald Kuijken



Dies ist eine solistische Einspielung, gerade erst vor drei Jahren veröffentlicht. Das Tempo ist zügig; Kuijken braucht gerade mal 87 Minuten für die Vesper. Es bleibt gleichbleibend, was in dem Fall durchaus sinnvoll ist, und ich halte es für genau richtig. Nichts ist zu langsam, daß es durchhängt; nichts ist zu schnell, daß es zu sehr gehetzt wird.

Hier gibt es auch keinen Chor; die oben angegebenen Sänger bilden ihn nämlich, und dementsprechend transparent klingt das auch. Und da es sich um exzellent ausgebildete SängerInnen handelt, wird man damit konfrontiert, daß man einer großartigen Gesangsleistung zuteil wird. Ich weiß auch nicht, wen der Solisten ich besonders herausstellen könnte: sie sind alle wunderbar und harmonieren miteinander in herrlichster Weise.

Die Instrumentierung ist tatsächlich spartanisch. Zur meisten Zeit erklingt nur eine Orgel als B.C. Kuijken legt auch dar, daß er sich bewußt an den Anweisungen Monteverdis hält; damit wird der volle Klangapparat (maximal 16 Instrumentalisten) nur an einigen zentralen Stellen eingesetzt (z.B. in Domine ad adjuvandum me, in den Zwischenspielen im Dixit Dominus oder in der Sonata "Sancta Maria"). Das reduziert das ganze Klanggefüge erheblich, stellt aber andererseits die brillante Gesangsleistung in den Vordergrund.

Diese Durchhörbarkeit ist auch sehr gut zu hören. Die Aufnahmequalität ist dynamisch, gut gestaffelt und präzise in den Details. Auch wenn ich bisher nicht in den Genuß der DSD-Spur kam, kann ich über die Stereo-Spur sagen: top! :thumbsup:

Kuijkens Auslegung ist der konsequente Gegensatz zu Gardiners Einspielung von 1974: hier dröhnt nichts gewaltig, sondern ist auf seine kleinsten Einheiten begrenzt. Was bleibt, ist eine wunderschön gesungene und intim interpretierte Marienvesper, die ich zu den definitiv besten Einspielungen zähle. Großartig! :juhu: :juhu: :juhu: :juhu: :juhu:


jd :wink:
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Hudebux


14

Freitag, 11. November 2011, 10:20


L'Areggiata, Leitung: Christina Pluhar, Aufnahme: 2010; Spielzeit: 75'09

Obwohl ich die oben von jd beschriebene Einspielung von Sigiswald Kuijken nicht kenne, scheint Christina Pluhar bei ihrer Interpretation vom gleichen Ansatz auszugehen. Auch in dieser Aufnahme ist das Ensemble rein solistisch besetzt. Auf einen Chor wird verzichtet, aber wegen der hervorragenden Leistungen aller beteiligten Sänger und Sängerinnen vermisst man einen solchen kaum.

Bei dieser Aufnahme im gewohnt typischen "L'Arpeggiata-Sound" kommt nach meinem Empfinden kaum eine feierliche Stimmung auf. Die Interpretation ist eher sehr "erdig" und betont mehr die Freude an der Musik und am virtuosen Musizieren. Trotzdem respektiert Christina Pluhar das Werk und nimmt es ernst. Auf die capricciösen Jazz-Einlagen, die zwischenzeitlich zu Pluhars Markenzeichen geworden sind, verzichtet sie diesmal zu Recht. Überraschenderweise wird aber nicht einmal der nette Echo-Effekt in Audi coelum besonders hervorgehoben.

Ein besonderer Höhepunkt ist für mich Nuria Rials Gesang in der Sonata sopra Sancta Maria. Hier schimmert dann doch etwas himmlisches durch. Allein deswegen würde sich die Anschaffung der CD lohnen.

Viele Grüße
Frank
"...wird hier gebratscht?"

15

Freitag, 11. November 2011, 20:29

scheint Christina Pluhar bei ihrer Interpretation vom gleichen Ansatz auszugehen. Auch in dieser Aufnahme ist das Ensemble rein solistisch besetzt.

ABER: Pluhar verwendet eine überausgroße Continuogruppe, UND lässt die Instrumente mit den Sangern colla parte spielen.

Kuijken (ebenso wie Alessandrini und McCreesh) verwendet nur dort Instrumente, wo sie ausdrücklich ausgeschrieben sind.

LG
Tamás
:wink:
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Fugato

16

Freitag, 18. November 2011, 21:53

Kommen wir nun zu der Einspielung, die in Bach & Beyond zu finden ist:




(P) 2001 BIS Records CD-1071/1072 (2 CDs)

Sopran: Midori Suzuki, Yukari Nonoshita & Yoshie Hida
Sopran/Alt: Mutsumi Hatano
Tenor: Gerd Türk, Stephan van Dyck & Yosuke Taniguchi
Baß: Stephan McLeod & Yoshitaka Ogasawara

Concerto Palatino
Bach Collegium Japan

Dirigent: Masaaki Suzuki



Im Dezember 1999 nahm Suzuki diese CD auf und geizte nicht mit äußerst interessanten Zugaben: neben dem Magnificat II ist hier auch die Missa "In illo tempore" vorhanden, womit der japanische Dirigent den kompletten Inhalt des 1610 veröffentlichten Druckes der Marienvesper eingespielt hat. Ein besonderes Vergnügen, wie ich finde. Ich beschränke mich aber auf die Vesper.

Suzuki läßt auf den Hörer eine transparente und sehr schnelle Vesper los. In gerade mal 83 Minuten ist sie durchexerziert, mit forschem Tempo, die kein langes Verweilen zuläßt. Es muß aber ganz klar gesagt werden, daß dieses Tempo nicht zu einer gehetzten Stimmung verkommt - im Gegenteil: mit größter Lebendigkeit erstrahlt das Werk und erhält damit eine faszinierende Wucht. Leicht tänzerisch verweilt das Tempo in einer elastischen Darbietung.

Hinzu kommt die große Besetzung: der Chor ist 22 Stimmen stark, ist aber mitsamt den Solisten besetzt. Eine homogene und exzellente Leistung kommt dabei zustande, die den Chorklang weder zu mächtig noch zu unpräzise werden läßt. Ebenso sind die Instrumentalisten - 24 an der Zahl - mit einer beeindruckenden Präzision und Luftigkeit zugange, die dem Gesamtklang eine große Dynamik verleihen.

In den Psalmen wie Dixit Dominus oder Lauda Jerusalem kommt das richtig groß heraus: wie eine gewaltige Welle überschwemmt das Ensemble die Hörsinne und erweckt die Vesper zu einer strahlenden Vision, wie man sie sich im Markusdom unter Monteverdis damaliger Leitung am Liebsten erträumen würde. Dabei bleibt die Transparenz komplett erhalten: hier bleibt jedes Detail nachvollziehbar, jeder Klang ist einzuordnen.

Die Solisten können in ihren Solopartien zur Höchstform auflaufen: Stephan van Dyck bringt eine großartige Leistung in Nigra sum zustande, und Gerd Türk glänzt in Audi Coelum. Midori Suzuki und Mutsumi Hatano veredeln Pulchra es, und die Ensembleleistung im Magnificat I ist besonders hervorragend.

Insgesamt hat sich Suzuki für ein großbesetztes Basso Continuo mit sieben Instrumenten entschieden, aber die pappen die Solisten nie zu. Alles bleibt in einem ausgewogenen Gleichgewicht und läßt die Interpretation atmen. Das unterstützt auch die Aufnahmequalität: eine räumliche Atmosphäre ist zu spüren, die den Klangapparat treffend einfängt.

Bei dieser Einspielung kann man definitiv von einer brillanten Leistung sprechen. Suzuki gibt der Vesper eine Größe und Dynamik, ohne sie aber schwerfällig werden zu lassen. Im Gegensatz zu Gardiner zerdehnt er nichts, erlangt aber eine ähnlich große Festlichkeit. Wer die Vesper in Großbesetzung hören möchte, dem sei diese Einspielung ans Herz gelegt.


jd :wink:
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Hudebux


17

Dienstag, 13. Dezember 2011, 16:36

Dann komme ich nun mal zu etwas wirklich Historischem:




(P) 2008 Andromeda ANDRCD 9031 (2 CDs)

Maria Stader (s)
Hertha Töpper & Marga Höffgen (a)
Richard Holm & Helmut Krebs (t)
Herbert Brauer, Hans Braun & Walter Berry (bt)

Chor & Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks

Dirigent: Eugen Jochum


Dies ist eine Live-Aufzeichnung, die am 06. September 1957 in München stattfand. Erst im März 2008 erschien sie erstmals auf einem Tonträger und stellt die damalige Beschäftigung des Bayerischen Rundfunks mit Werken des Frühbarocks bzw. der Spätrenaissance dar. Jochum hatte bereits 1955 mit dem Chor und dem Symphonieorchester des BRs die Marienvesper zum ersten Mal aufgeführt, in einer neuedierten Bearbeitung. Somit stellt die Aufzeichnung einen Mitschnitt der mehrfach erprobten Interpretation dar.

Das läßt sich auch hören: sehr sicher gehen Chor, Orchester und Solisten durch die Vesper und präsentieren sich in guter Form. Der Chor ist aber auch sehr groß, was sich gelegentlich in einer unpräzisen Deklamation und einer verschwimmenden Tonführung äußern kann. Einzelne Stimmen lassen sich nicht ausmachen.

Das Orchester spielt auf modernen Instrumenten und erreicht eine große Dynamik in ihrer Instrumentation, die sich vor allem in der Sonata "Sancta Maria" als wirklich gelungen zeigt. Es musiziert farbig und prachtvoll. Als Continuo spielt eine Orgel dezent im Hintergrund.

Die Solisten sind natürlich nicht mehr zeitgemäß: viel zuviel Vibrato (vor allem Hertha Töpper "schwingt" sich durch die Partitur), aber eine profunde Technik hält das Klanggefüge zusammen. Die Inbrunst allerdings sollte man ignorieren, da es zu dick aufgetragen wird. Durch die Bearbeitung kommt Hertha Töpper in den Genuß des Solos im Nigra sum und des Audi coelum, und ihr Organ bringt eine seltsame Düsternis in die beiden Stücke. Die Herren Baritone sind in ihrer Dreieinigkeit im Magnificat (Quia fecit mihi magna) etwas nervig, weil sehr voluminös vorgetragen. Die Tenöre Holm und Krebs ziehen sich da noch am Besten aus der Affäre. - Insgesamt eine sehr gute technische Leistung, die heute aber eher durch ihren unHIPpen Vortrag irritiert.

Ansonsten kann man Jochums Dirigat nicht unterstellen, daß es unpassend wäre: die Tempi sind gemäßigt (94 Minuten für das ganze Werk) und lassen die Vesper nicht auseinanderdriften. Die Sonata ist wirklich wunderbar gelungen mit ihrer etwas tänzerischen Ausrichtung; das klingt bei neueren Einspielungen nicht viel anders. Das Magnificat pendelt wunderbar zwischen den Solo- und Tuttiteilen hin und her, und das Audi coelum überzeugt mit großer Dramatik.

Dem Klang merkt man sein Alter an: es ist eine Mono-Aufnahme, die zwar alle Details wiedergibt, aber im Frequenzgang nach oben und unten etwas begrenzt ist. Dazu kommt noch, daß die Differenzierung manchmal etwas verwischt, wenn tutti gespielt wird. Die Balance der einzelnen Stimmen zueinander ist in Ordnung, aber nicht perfekt. Das Mikro war relativ weit von den Musikern entfernt, wodurch auch eine Menge Nebengeräusche vom Publikum zu hören ist; zwar sind sie nicht sehr laut, aber vernehmbar. Im Gesamten eine zufriedenstellende Klangqualität; für damals sicherlich eine sehr gute Radioqualität.

Immerhin merkt man den klanglichen Unterschied, wenn man die Bonusstücke hört, die Guido Cantelli in den USA dirigiert hatte (die Sonata und das Magnificat). Die sind klanglich noch deutlich begrenzter und werden mit einer wuchtig angehauchten Langsamkeit zelebriert. Klingt sehr feierlich, aber gerade die Sonata wird auf 11:41 Minuten gestreckt, was etwas einschläfernd wirkt. Das Magnificat wird durch einen gewaltigen Einsatz von SängerInnen zum definitiven Chorgasmus geführt. Insgesamt sehr gewöhnungsbedürftig... :S

Jochums Interpretation möchte ich dagegen eine positive Empfehlung geben: die Bearbeitung hat eher eine Neuorchestration erbracht, und somit bleiben die originalen Stimmen der Marienvesper erhalten. Jochum mag zwar nicht HIP sein, und seine Solisten sind es auch nicht, aber diese Einspielung ist weit davon entfernt, Ohrenschmerzen zu verursachen. Sie unterliegt einer anderen Aufführungstradition, die so nicht mehr existiert, aber es ist eine sehr gute Interpretation mit klassen Leistungen. Man kann sie gut durchhören und sich an die Eigenheiten gewöhnen. Als Dokument der frühen Aufführunspraxis der Vesper in den 1950er Jahren ist sie auf jeden Fall von hohem Wert. :thumbup:



Links:
"http://www.br.de/radio/br-klassik/br-chor/chor-br-zum-60-jaehrigen-bestehen-handstein100.html"


jd :wink:
"Interpretation ist mein Gemüse."
Hudebux


18

Sonntag, 5. Februar 2012, 12:46

Ich möchte mal auf diese Einspielung hinweisen:



The Scholars Baroque Ensemble:

Kym Amps, Janet Coxwell (Sopran)
Angus Davidson, Frances Jellard (Alt)
Robin Doveton, Julian Podger (Tenor)
David van Asch, Adrian Peacock (Bass)

Pauline Nobes, William Thorp (Violinen)
Jeremy West, Nicholas Perry, Susan Smith (Cornett)
Paul Nieman, Martin Pope, David Stewart (Sackpfeifen)
Jan Spencer (Cello)
Robin Jeffry (Chitarrone)
Terence Charlston (Orgel)

Künstlerische Leitung: David van Asch

Aufnahme: St. Augustine’s Church, Kilburn, September 1993


Das Scholars Baroque Ensemble hat in den frühen 1990er Jahren eine ganze Reihe von Aufnahmen für Naxos gemacht (u.a.: Bachs Johannespassion, Händels Messiah, Purcells Dido and Aeneas und Fairy Queen), die sich allesamt durch ein hohes musikalisches Niveau auszeichnen – und durch den Einsatz sehr reduzierter Klangkörper bei Chören und Orchester. So werden die Chöre in der Johannes-Passion durchgehend in solistischer Besetzung dargeboten (es dürfte wohl die erste Passionseinspielung mit solistisch besetztem Chor sein). Und auch in dieser Einspielung der Marienvesper aus dem Jahr 1993 sind Chor und Orchester solistisch besetzt.

Was zeichnet diese Interpretation desweiteren aus? Zunächst einmal das wundervoll transparente Klangbild und die berückend innige Darbietung des Werks. Die Sänger (alle 8 mit schönem, klarem Stimmmaterial ausgerüstet; Vibrato wird überaus sparsam und ausschließlich als gestalterisches Mittel eingesetzt) agieren sehr unprätentiös und im besten Sinne werkdienlich. Das Ensemble ist perfekt abgestimmt, was zu einer überaus geschlossenen und runden Interpretation des Werks beiträgt. Insgesamt ist die Präsentation von spiritueller Zurückhaltung geprägt, was auch dadurch betont wird, dass die Generalbasssektion ausschließlich »fundierend« eingesetzt wird. Durch den Verzicht auf 16’’-Instrumente/-Register, hat das ganze, hm, wie soll ich sagen, einen spirituellen Charakter, der jeder Erdenschwere enthoben scheint.

Eine sehr schöne Einspielung dieses Werks ist das, die durchaus neben den anderen mir bekannten Interpretationen (Savall, Gardiner [DG], Junghänel, Parrott, Fasolis [den ich aber neu erstanden und erst einmal gehört habe]) bestehen kann.

Adieu,
Algabal

p.s.: die Antiphonen sind leider nicht enthalten.
»Dieser Austausch, den wir hier betreiben, ist nichts anderes als ein soziales Spiel.« (Knulp)

19

Montag, 6. Februar 2012, 02:05

Gut, daß du mich daran erinnerst, mal wieder die Marienvesper aufzulegen... ;+)

Ich kann den Eindruck Algabals von der Naxos-Einspielung voll und ganz bestätigen: es ist eine solistische Darbietung mit viel Schwung und einer exzellent gestaffelten Durchhörbarkeit. Sie ist schnell (ca. 82 Minuten), wirkt aber nicht gehetzt. Die neun Solisten bilden auch den Chor, und sie leisten Grandioses. Die Instrumentalisten sind tutti (11 Musiker) nur an den entscheidenden Stellen zu hören; sonst bleibt ein BC mit Orgel und Chitarone übrig.

Der Gesamtklang ist sehr schön eingefangen worden, mit einer breiten Stereowirkung, die die intimen Details wie auch die Tuttis prächtig einfängt. Definitiv kann auch ich diese Einspielung zu den besten der Vesper zählen.


jd :wink:
"Interpretation ist mein Gemüse."
Hudebux


20

Montag, 6. Februar 2012, 08:31

p.s.: die Antiphonen sind leider nicht enthalten.


Welche Antiphonen meinst du? ?(

Die Vespro ist nicht für ein bestimmtes Marienfest geschrieben worden und die Zuordnung von Antiphonen, wie sie an manchen Aufnahmen zu finden ist, ist mehr als problematisch. Noch problematischer sind aber dann die Concerti, die zwischen den Psalmen stehen, weil sie überhaupt nicht in die (und zu der) Liturgie passen. Man könnte fast meinen, entweder Antiphonen eines bestimmten Marienfestes (nach welchem Brevier: nach dem römischen oder nach dem mantuanischen?) oder die Concerti... ich bin für eine Aufführung OHNE Antiphonen. Ich weiß, das gibt nicht die liturgische Wirklichkeit des Stückes wieder, ich meine aber, heute hören wir das Werk eher als Konzertstück, als liturgsches Werk - deshalb sind die Antiphonen verzichtbar.

Diese Aufnahme mit den Scholars Baroque Ensemble habe ich noch nicht gehört, aber ich bin jetzt sehr neugierig gemacht worden! :thumbsup:

LG
Tamás
:wink:
"Vor dem Essen, nach dem Essen,

Biber hören nicht vergessen!"


Fugato

21

Montag, 6. Februar 2012, 12:00

p.s.: die Antiphonen sind leider nicht enthalten.


Welche Antiphonen meinst du? ?(


Die Antiphonen war wahrscheinlich missverständlich. Jedenfalls ist die Einspielung des SBE ohne Antiphonen - im Gegensatz etwa zu Savall und Fasolis.

Mich stört es nicht sonderlich, dass hier keine Antiphonen enthalten sind. Andererseits schätze ich den eher liturgische Charakter, der durch die Einbindungen von Antiphonen evoziert wird, durchaus.

Adieu,
Algabal
»Dieser Austausch, den wir hier betreiben, ist nichts anderes als ein soziales Spiel.« (Knulp)

22

Montag, 6. Februar 2012, 13:06

apropos Antiphonen:

Viele Musikwissenschaftler und Interpreten haben sich darüber den kopf zwerbrochen, welche Antiphonen man zur Vespro eignen dürften. Das Problem ist folgendes:

Bei einer Vesper wird immer ein für den Tag vorgeschriebener Kursus von Psalmtönen rezitiert. Welche Psalmtöne man zu den einzelnen Psalmen benutzen muss, bestimmen eben die Antophonen, die im selben Modus stehen, wie der Psalmton den sie umrahmen. Nun aber korrespondiert die von Monteverdi ausgewählte Reihenfolge von Psalmtönen keinem der vorgeschriebenen Vesper-Kursen. Den marianischen erst recht nicht. (N.B. ich meine nicht die PsalmTEXTE, sondern die Töne auf die sie gesungen werden!)

Das führte zu der "Lösung" von Jürgen Jürgens (übernommen später von Harnoncourt), für jeden Psalm marianische Antiphonen im passenden Modus auszuwählen - egal zu welcher Psalm sie an welchem marianischen Festtag gehören. Wie liturgisch ist das denn??

Nun: wahrscheinlich war es damals nicht zwingend, wenn man einen Psalm vertont hat, dass man auch den passenden Ton ausgewählt hat, besser, dass diese Vertonung dann nur gespielt werden konnte, wenn auch der Psalmton liturgisch stimmt. Problematischer wird aber die Sache, wenn wir die Vespro unbedingt als einen festen Zyklus, für eine bestimmte Feier konzipiert sehen möchten - dann stellt sich nähmlich die frage, wieso sich Monteverdi nicht an den Kursus der Psalmtöne gehalten habe? Erst wenn wir die Vespro lediglich als "Druckkonzept" sehen, also eine sinnliche Darstellung im Druck, die aber nichts mit der tatsächlichen Verwendung zu tun haben muss, also wenn wir die Vepro nicht als zusammengeschweißten Zyklus sehen können, erübrigt sich diese Frage.

Darin sind sich mE die Vespro und die h-moll Messe absolut ähnlich: beide keine richtige Zyklen, sondern nur Druckkonzepte, die eigenständige, für sich stehende Stücke in einer sinnlichen, quasi-liturgischen Form nacheinanderreihen.

LG
Tamás
:wink:
"Vor dem Essen, nach dem Essen,

Biber hören nicht vergessen!"


Fugato

23

Montag, 6. Februar 2012, 13:53

Darin sind sich mE die Vespro und die h-moll Messe absolut ähnlich: beide keine richtige Zyklen, sondern nur Druckkonzepte, die eigenständige, für sich stehende Stücke in einer sinnlichen, quasi-liturgischen Form nacheinanderreihen.
Ich denke auch, daß es in dieser Richtung läuft. Bei der Vesper kommt ja noch hinzu, daß im originalen Druck auch eine Messe vorkommt - die Missa "In illo tempore". Man darf nicht vergessen, daß das vertonte Ordinarium liturgisch gesehen auch kein Sinn ergibt, weil ja das Proprium fehlt, welches ebenso Teil einer liturgischen Messe ist.

Die Concerti sind mehrstimmige Werke, die anscheinend liturgisch einsetzbar waren, die aber nicht zwingend die Antiphonen ersetzten. Man hat sicherlich je nach Aufwand eine Auswahl getroffen - und es leider unserer Nachwelt nicht mitgeteilt. Echt doof... :shake: ( :pfeif: )


jd :wink:
"Interpretation ist mein Gemüse."
Hudebux


24

Montag, 6. Februar 2012, 14:13

Die Concerti sind mehrstimmige Werke, die anscheinend liturgisch einsetzbar waren, die aber nicht zwingend die Antiphonen ersetzten.


Ersetzen konnten sie die Antiphonen nimmer: die Antiphonen durften - laut römischer Regelung - nie weggelassen werden, HÖCHSTENS durch Orgel (also als Choralbearbeitung) realisiert werden. Sie hätten vielleicht zwischen den Psalmen gesungen werden können, dafür gibt es Quellen, die eine solche Praxis belegen. Monteverdi selbst betont auf der Titelseite, die concerti seien sowohl für die Kirche, als auch für die prinzlichen Kämmer "akkomodiert"...

LG
Tamás
:wink:
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Biber hören nicht vergessen!"


Fugato

25

Montag, 6. Februar 2012, 14:40

Ich stelle eine weitere Einspielung vor:




(P) 1987 harmonia mundi france HMC 1247/48 (2 LPs)

Agnès Mellon & Guillemette Laurens (s)
Vincent Darras (a)
Howard Crook, William Kendall & Gerhard O'Beirn (t)
Peter Kooy & David Thomas (b)

Collegium Vocale Gent
Les Sacqueboutiers de Toulouse
Choeur et Orchestre de la Chapelle Royale

Dirigent: Philippe Herreweghe


Herreweghes Interpretation ist eher festlich gestaltet, mit zwei Chören (27 SängerInnen) und einem 14köpfigen Instrumentalensemble zu den acht Solisten. Damit kann er solistisch ebenso einen transparenten Klang erzeugen, wie er im Tutti eine große Dynamik entwickeln kann. Dem fünf Psalmen sind Antiphonen vorangestellt. Mit knapp 90 Minuten ist die Marienvesper in einem mittleren Tempo angeordnet.

Herreweghe vermeidet extreme Tempi und Dynamiken und verschreibt sich einer gemäßigten Lesart. Interessant ist die eher ruhige, besonnere, verinnerlichte Art, wie manche Concerti - wie z.B. Duo Seraphim oder Audi Coelum - vorgetragen werden; hier wird keine gewaltige Dramatik aufgebaut, sondern ganz auf die Kraft der Musik gesetzt. Es gibt keine tänzerischen Rhythmen; sie wirken getragen und nur leicht akzentuiert.

Die Solisten sind hervorragend. Präzise, klangschön, wenig Vibrato - mit einem speziellen Sinn, die Innigkeit von Monteverdis Werk gebührend zum Ausdruck zu bringen. Das Instrumentalensemble legt sich wunderbar um die Stimmen und umschmeichelt mit Orgel und Laute.

Das ist schon ein bemerkenswerter Unterschied zu solchen Einspielungen wie denen von Jochum oder Gardiner einererseits und van Asch oder Suzuki andererseits. Hier gilt der Goldene Schnitt, die Goldene Mitte. Herreweghe geht es um die Spiritualität dieser Musik und nicht um ihre Dramatisierung. Insofern ist seine Interpretation erstaunlich geschlossen und angemessen.


jd :wink:
"Interpretation ist mein Gemüse."
Hudebux


26

Montag, 6. Februar 2012, 14:51

Die Concerti sind mehrstimmige Werke, die anscheinend liturgisch einsetzbar waren, die aber nicht zwingend die Antiphonen ersetzten.
Ersetzen konnten sie die Antiphonen nimmer: die Antiphonen durften - laut römischer Regelung - nie weggelassen werden, HÖCHSTENS durch Orgel (also als Choralbearbeitung) realisiert werden. Sie hätten vielleicht zwischen den Psalmen gesungen werden können, dafür gibt es Quellen, die eine solche Praxis belegen. Monteverdi selbst betont auf der Titelseite, die concerti seien sowohl für die Kirche, als auch für die prinzlichen Kämmer "akkomodiert"...

LG
Tamás
:wink:
Ups, da habe ich wohl Schwachsinn geschrieben... :D ( :hide: ) Ich hatte es falsch in Erinnerung. :S


PS
[Aber habe ich nicht geschrieben: "...die aber die Antiphonen nicht zwingend ersetzten."? Wer sagt hier denn, daß sie überhaupt ersetzt wurden, Tamas? ;+) :D ;+) ]


jd 8+)
"Interpretation ist mein Gemüse."
Hudebux


27

Montag, 6. Februar 2012, 14:51

Ja, die Herreweghe-Einspielung sehe ich auch ähnlich wie du. Für Herreweghe ist diese zarte, geistliche Annäherung typisch: das macht für mich seine Bach-Aufnahmen so angenehm, und - vor allem - seine Lassus-Einspielungen so kostbar.

LG
Tamás
:wink:
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Biber hören nicht vergessen!"


Fugato

28

Montag, 6. Februar 2012, 14:56

Ups, da habe ich wohl Schwachsinn geschrieben... :D ( :hide: ) Ich hatte es falsch in Erinnerung. :S


PS
[Aber habe ich nicht geschrieben: "...die aber die Antiphonen nicht zwingend ersetzten."? Wer sagt hier denn, daß sie überhaupt ersetzt wurden, Tamas? ;+) :D ;+) ]


jd 8+)


:D Ne, das war übrigens auch kein so großer "Schwachsinn", da die these, die Wiederholung der Antiphonen dürften ersetzt werden, galt einige Zeit in der Interpretationsgeschichte der vespro als führend. Wurde erst kürzlich wiederlegt.

Ich empfehle in puncto Vespro das Buch von John Whenham:



Was ich oben ausgeführt habe, basiert größtenteils auf diesem Buch.

LG
Tamás
:wink:
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Fugato

29

Samstag, 11. Februar 2012, 00:28

Und nun eine weitere Neuerwerbung, die mich erreicht hat:




(P) 2006 Archiv Produktion 477 6147 (2 CDs)

Susan Hemington Jones & Tessa Bonner [1951-2008] (soprano)
Mark Chambers & William Towers (falsetto)
Daniel Auchincloss & Will Unwin (high tenor)
Joseph Cornwell & Charles Daniels (t)
Peter Harvey & Charles Pott (bt)
Simon Grant & Richard Savage (b)

Gabrieli Consort & Players

Dirigent: Paul McCreesh


Sechzehn Jahre nach Gardiners Einspielung im Markusdom gab die Archiv Produktion wieder grünes Licht für eine neue Aufnahme der Marienvesper (die nunmehr dritte nach Schneidt 1975 und Gardiner 1990). Diesmal durfte Paul McCreesh ans Mikrophon. Wenn man seine Aufnahmen der Venezianischen Musik aus den 1990er Jahren im Ohr hat, erwartet man nun eine großangelegte Ensembleleistung. Doch falsch gedacht: keine Volldröhnung mit gewaltigem Tutti - im Gegenteil, eine reduzierte, transparente Einspielung, rein solistisch mit zwölf Solisten, die Kuijken näher steht als John Eliot.

Doch wenn man sich an diese Dimensionen gewöhnt hat und sich auf die Einspielung konzentriert, dann stellt man sehr schnell fest, daß McCreesh seinen typischen Dynamiksound immer noch realisiert - nur viel subtiler. Die Instrumente werden nur dann angewendet, wenn sie von Monteverdi notiert wurden, ansonsten besteht immer ein B.C. aus Orgel und/oder Theorbe.

Im Gegensatz zu vielen anderen hat McCreesh die Vesper in eine Liturgie eingebettet, was bedeutet, daß einige Teile an anderen Stellen auftauchen. So sind die Teile I.-IV. noch so gelassen worden, aber die drei letzten Psalmen (VI., VII. und X.) folgen ohne die Concerti dazwischen; diese sind verteilt worden: V. Pulchra es kommt nach dem letzten Psalm, dann folgt der Hymnus Ave maris stella (XII.) und das Magnificat I (XIII.). Den Abschluß bildet die Sonata (XI.) und die letzten fehlenden Concerti (VII. und IX.). Zwischen diesen Teilen kommen immer wieder Antiphone und einige Toccaten.

Diese Neuordnung ist keine neue Erfindung McCreeshs: bereits Andrew Parrott hatte seine 1984er Einspielung in eine liturgische Reihenfolge gebracht, und einige andere wie Herreweghe haben Antiphone den entsprechenden Teilen vorangestellt. Meiner Meinung nach ruiniert es die Wirkung der Vesper in keinster Weise, da es ohnehin nicht unstrittig ist, ob sie in der Reihenfolge wie in Druck angegeben aufgeführt werden muß.

Dabei darf man die vorhandenen Grundlagen nicht als Hürde verstehen: die Solisten sind stark genug, das ganze Geflecht der einzelnen Stimmen entwirren zu können, und die Instrumente klingen im Tutti alles andere als schwach auf der Brust. McCreesh hat genau die richtige Relation zwischen subtiler Verspieltheit und großer Kraft gefunden, und so kommt die Aufnahme mit einer transparenten Dynamik zu vollen Ehren.

Dixit Dominus kommt schlank, aber straff daher, und das Nisi Dominus hat einen lebendigen, geradezu tänzerischen Rhythmus. Die Tempi sind generell schnell (die eigentlichen Vesper-Teile gehen zusammen um die 85 Minuten), aber McCreesh läßt Zügigkeit nicht in Atemlosigkeit abdriften. Wenn es schnell gehen kann, ist er schnell - wenn es langsam sein sollte, läßt er sich Zeit. Ave maris stella profitiert davon besonders, denn hier sind selbst die Ritournelle langsam gespielt. Auch in Audi coelum wird besonnen agiert, und so erreicht die Vesper eine durchaus wünschenswerte Geschmeidigkeit.

Das Klangbild trägt der subtilen Kraft Rechnung: es ist klar gestaffelt und analytisch dynamisch. Der letzte Satz des Magnificats ertönt z.B. in strahlendster Weise. Wenn man den Lautstärke-Regler hochdrehen kann, dann schwebt man im Dröhn-Himmel... :angel: :wacko: :rolleyes: :D

Fazit: mit McCreesh kann man was anfangen. Wem Kuijken zu lasch daherkommt, dann sollte man es mit dem Paule versuchen... :thumbup:


jd :wink:
"Interpretation ist mein Gemüse."
Hudebux


30

Samstag, 11. Februar 2012, 08:06

rein solistisch mit gerade mal fünf Solisten (!)


Im Originalbooklet stehen 12 Solisten aufgezählt.

Zu den von dir aufgezählten kommen noch:

Mark Chambers & William Towers (falsetto)
Daniel Auchincloss & Will Unwin (high tenor)
Charles Pott (baritone)
Simon Grant & Richard Savage (bass)

Wem Kuijken zu lasch daherkommt, dann sollte man es mit dem Paule versuchen...


Ich rate immer noch zu Alessandrini. Mir ist die McCreesh-Aufnahme teilweise etwas hallig.

LG
Tamás
:wink:
"Vor dem Essen, nach dem Essen,

Biber hören nicht vergessen!"


Fugato

31

Samstag, 11. Februar 2012, 09:51

Im Originalbooklet stehen 12 Solisten aufgezählt.
Danke für die Ergänzung. In der Duo-Ausgabe steht leider nichts davon... :cursing: :boese:

Ich werde das entsprechend ändern.


Alessandrini habe ich noch nicht - wird aber noch passieren... :yes:


jd :wink:
"Interpretation ist mein Gemüse."
Hudebux


32

Freitag, 17. Februar 2012, 22:42

Alessandrini habe ich noch nicht - wird aber noch passieren... :yes:
Es ist passiert: :D




(P) 2004 Naîve OP 30403 (2 CDs)

Roberta Invernizzi, Monica Piccinini & Anna Simboli (s)
Sara Mingardo (ca)
Francesco Ghelardini (a)
Vincenzo di Donato, Luca Dordolo & Gianluca Ferrarini (t)
Pietro Spagnoli & Furio Zanasi (bt)
Antonio Abete & Daniele Carnovich (b)

Concerto Italiano

Dirigent: Rinaldo Alessandrininininininininini :beatnik:


Rinaldo Alessandrini hat sich für das Standardschema - dem Druck folgend - entschieden, ließ aber beide Magnificate einspielen. Er nimmt die historische Aufführungspraxis sehr ernst, und die Besetzung der Marienvesper spiegelt das wieder: jede Stimme - ob vokal oder instrumental - ist einfach besetzt. Nur an den Stellen, wo Instrumente notiert sind, spielen Instrumente, d.h. das Responsorium zu Beginn, die Ritournelle von Dixit Dominus und Ave maris stella, die Sonata und das Magnificat I sind verstärkt; der Rest wird mit BC aus Theorbe und/oder Orgel gespielt.

Und das Ergebnis ist alles andere als schmalbrüstig. Die komplette Polyphonie der Vesper wird hörbar, ohne sie in zuviel Masse verschwimmen zu lassen. Eine solistische Glanznummer!

Die Solisten sind überragend: perfekte Technik, das richtige Maß an Inbrunst und wundervoller Stimmenklang ist zu vernehmen. Furio Zanasi singt das Nigra sum (ein Bariton singt eine Tenorstimme!) mit einer hinreißenden Würde. Pietro Spagnoli (der gleiche Umstand wie bei Nigra sum zuvor) erhellt das Audi coelum zu meisterhafter Klasse. Das Duo Seraphim ist ein Aufeinandertreffen von drei herrlichen Tenören, und die Damen veredeln Pulchra es auf betörende Weise.

Das macht auch vor den Instrumentalisten nicht Halt: sie umspielen die Solisten mit jener Nonchalance, das nur Virtuosen eigen ist. Das Meisterstück ist die Sonata, die flott musiziert wird. Doch wohnt dem Ganzen ein so tänzerischer Drive inne, wie ich es bisher noch nicht gehört habe: da muß sich selbst Masaaki Suzuki warm anziehen!

Und der Klang tut ein Übriges: sehr warm, recht nah am Ensemble, mit einem guten Nachhall, ohne zu verschmieren. Da läßt sich jedes Detail erfassen, und es ist ein ordentliches Maß an Dynamik zu vernehmen.

Alessandrini hat hier nicht mehr und nicht weniger die definitive solistische Einspielung vorgelegt. Transparent, klar, brillant interpretiert, mit einem schnellerem Tempo (87 Minuten) und recht genau vollzogenen Tempiwechseln in den Stücken hat er die Intimität der Vesper mit einer wirkungsvollen Größe gepaart. Ganz ehrlich: für den Top-Platz in der Bestenliste ist sie ein verdammt heißer Garant!!! 8o


Urteil: :juhu: :juhu: :juhu: :juhu: :juhu: :juhu: :juhu: :juhu: :juhu: :juhu: :juhu: :juhu: :juhu: :juhu: :juhu: :juhu: :juhu: :juhu: :juhu: :juhu:




PS
Heute nacht werde ich glücklich einschlafen... :angel:


jd :wink: ( :yes: )
"Interpretation ist mein Gemüse."
Hudebux


33

Samstag, 18. Februar 2012, 05:28

Wenn wir schon dabei sind... :D ...hier ein Klassiker:




(P) 1975 Archiv Produktion 2723 043 (3-LP-Box)

Paul Esswood & Kevin Smith (falsetti)
Ian Partridge & John Elwes (tenori)
David Thomas & Christopher Keyte (bassi)

Regensburger Domspatzen

Edward H. Tarr, Ralph Bryant & Richard Cook (cornetti)
Hamburger Bläserkreis für Alte Musik

Dirigent: Hanns-Martin Schneidt


Im Jahre 1975 veröffentlichte die Archiv Produktion ihre erste Einspielung der Marienvesper. Hanns-Martin Schneidt durfte dabei aus dem Vollen schöpfen und spielte praktisch den kompletten Druck von 1610 ein - mit beiden Magnificaten und der Missa "In illo tempore". Aufgenommen wurde in St. Emmeram in Regensburg.

Aus dem Kreis von Bruno Turners Pro Cantione Antiqua wurden die Solisten verpflichtet. In den Concerti, in zwei der Psalmen (Laudate pueri und Laetatus sum) sowie im Magnificat I übernehmen sie die anspruchsvollen Stimmen, die Verzierungen und große Präzision verlangen; der Rest wird von den Regensburger Domspatzen übernommen - ein Chor also.

Dabei wird das Werk aber instrumental nicht aufgestockt. Vielleicht zum ersten Mal überhaupt hält sich Schmidt an die Angaben Monteverdis und setzt die Instrumente nur dort ein, wo sie ausdrücklich ausgezeichnet sind. Der Rest wird als BC mit Orgel und Violone bzw. Viola da gamba, in den Concerti zusätzlich mit Liuto realisiert.

So ist also der Chor nicht gerade klein, und da er sich bis zu zehn Stimmen - jeweils mehrfach besetzt - ausweitet (im Nisi Dominus), klingt er ganz schön mächtig. Doch muß man sagen, daß er sehr gut deklamiert und für diese Größe gut durchhörbar bleibt. Da die einzelnen Gruppen, die als Stimmen fungieren, unterschiedlich positioniert wurden, lichtet sich dank der Aufnahmetechnik das Gewirr sehr gut. Die gesanglichen Leistungen sind wirklich hervorragend.

Das gilt auch für die Solisten: Ian Partridge übernimmt dabei den Haupteil als Tenor und singt Nigra sum und Audi coelum ausgezeichnet. Paul Esswood und Kevin Smith sind nicht weniger gut in Pulchra es. Zusammen mit John Elwes und David Thomas veredelt Partridge auch das Duo Seraphim, und zusammen mit Christopher Keyte erklingen alle nochmals im Magnificat I.

Die Instrumentalisten dürfen sich dann in der Sonata austoben. Dabei ist ein durchaus lebendiges Stück entstanden, welches mit vernünftigem Tempo voranschreitet. Im Magnificat I klingen Edward Tarr und seine Kollegen besonders gut. Insgesamt gesehen ist es eine sehr gute Leistung, was der Bläserkreis abliefert.

Schneidt hat sich für ein eher langsames Tempo entschieden, was der Aufnahme aber aufgrund der Größe des Chores ganz gut getan hat. Mit 93 Minuten ist die Vesper recht lang geworden, doch nicht in die Länge gezogen. Ich halte das Tempo für angemessen, auch wenn es keine größeren Tempiwechsel in den Stücken selber gibt. Dafür läßt Schneidt aber recht munter musizieren, mit einem leichten, aber präzisen Rhythmus.

Der Klang ist makellos, wie man es bei der Archiv Produktion auch erwarten darf. Die Szenerie ist gut gestaffelt, und die Details sind alle erfaßt worden. Die Mikros standen etwas weiter weg, aber der Hall ist nicht übermäßig.


Letztendlich muß man sagen: es ist eine handwerklich immer noch sehr gute Einspielung, auch wenn sie nicht mehr jung ist. Die Größe des Chores mag heute abschrecken, aber die Solisten sind klasse, und der Klang ist ausgezeichnet. :thumbup:


jd :wink:
"Interpretation ist mein Gemüse."
Hudebux


34

Samstag, 18. Februar 2012, 07:56

Alessandrini hat hier nicht mehr und nicht weniger die definitive solistische Einspielung vorgelegt. Transparent, klar, brillant interpretiert, mit einem schnellerem Tempo (87 Minuten) und recht genau vollzogenen Tempiwechseln in den Stücken hat er die Intimität der Vesper mit einer wirkungsvollen Größe gepaart. Ganz ehrlich: für den Top-Platz in der Bestenliste ist sie ein verdammt heißer Garant!!!


:thumbup: Sagt' ich doch. :thumbsup:

LG
Tamás
:wink:
"Vor dem Essen, nach dem Essen,

Biber hören nicht vergessen!"


Fugato

35

Samstag, 18. Februar 2012, 08:02

Im Jahre 1975 veröffentlichte die Archiv Produktion ihre erste Einspielung der Marienvesper. Hanns-Martin Schneidt durfte dabei aus dem Vollen schöpfen und spielte praktisch den kompletten Druck von 1610 ein - mit beiden Magnificaten und der Missa "In illo tempore". Aufgenommen wurde in St. Emmeram in Regensburg.


Die war die Erstbegegnung für mich mit der Vespro, und gehört für mich bis heute zu den Top-Einspielungen. Ich finde auch da ist alles glänzend gemacht. Schade nur, dass sie kaum mehr auf CD greifbar ist (ich habe lediglich ein LP). Eine Wiederauflage wäre klasse.

LG
Tamás
:wink:
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Biber hören nicht vergessen!"


Fugato

36

Samstag, 18. Februar 2012, 16:00

Schade nur, dass sie kaum mehr auf CD greifbar ist (ich habe lediglich ein LP). Eine Wiederauflage wäre klasse.
Ja, vermutlich schon. Nur - die Auflage von 1995, die ich habe, hat noch dieses ausführliche Booklet mit den ganzen Infos über die Besetzung der einzelnen Stücke, über die Instrumente (wann gebaut usw.), die Texte von Andreas Holschneider, die von der LP übernommen wurden, alles natürlich dreisprachig, mit einer breiten Doppel-CD-Hülle, die aus stabilem Plastik gefertigt ist...und all das würde bei einer Neuauflage schlicht und einfach fehlen. :cry:

Wie würde es heutzutage aussehen: eine schmale Doppel-CD-Hülle mit einem 16seitigem Booklet mit Tracklisting auf zwei Seiten, und der Rest mit allgemeinem Geschwafel über Monteverdi und seine Vesper in drei Sprachen, von einem Unbekannten verfaßt. :thumbdown:


jd :wink:
"Interpretation ist mein Gemüse."
Hudebux


37

Samstag, 18. Februar 2012, 17:09

Schade nur, dass sie kaum mehr auf CD greifbar ist (ich habe lediglich ein LP). Eine Wiederauflage wäre klasse.
Ja, vermutlich schon. Nur - die Auflage von 1995, die ich habe, hat noch dieses ausführliche Booklet mit den ganzen Infos über die Besetzung der einzelnen Stücke, über die Instrumente (wann gebaut usw.), die Texte von Andreas Holschneider, die von der LP übernommen wurden, alles natürlich dreisprachig, mit einer breiten Doppel-CD-Hülle, die aus stabilem Plastik gefertigt ist...und all das würde bei einer Neuauflage schlicht und einfach fehlen. :cry:

Wie würde es heutzutage aussehen: eine schmale Doppel-CD-Hülle mit einem 16seitigem Booklet mit Tracklisting auf zwei Seiten, und der Rest mit allgemeinem Geschwafel über Monteverdi und seine Vesper in drei Sprachen, von einem Unbekannten verfaßt. :thumbdown:


jd :wink:


Ich hab ja das LP-Booklet... :k:

LG
Tamás
:wink:
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Fugato

38

Samstag, 18. Februar 2012, 17:46

Ich hab ja das LP-Booklet... :k:
Ein Hoch auf die LP-Box... :klatsch:


jd ;+)
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Hudebux


39

Sonntag, 19. Februar 2012, 18:40

Ich bin so schön in Fahrt... :D ...:




(P) 2000 Arts Music 47 594-2 (2 CDs)

Marinella Pennicchi & Anna Simboli (s)
Roberto Balconi & Fabian Schofrin (a)
Marco Beasley, Luca Dordolo, Sandro Naglia & Giuseppe Maletto (t)
Daniele Carnovich, Alfredo Grandini & Furio Zanasi (b)

Coro della Radio Svizzera, Lugano
Schola Gregoriana/Ensemble More Antiquo
Concerto Paladino/I Barrocchisti

Dirigent: Diego Fasolis


Diego Fasolis hat sich für eine festliche Interpretation entschieden: somit gibt es einen 28köpfigen Chor, aus dem sämtliche Solisten stammen, und 18 Instrumentalisten. Zusätzlich gibt es sechs Herren, die gesondert die Gregorianischen Gesänge interpretieren: fünf Antiphonen, die den Psalmen vorangestellt sind, ein Capitulum (vor dem Hymnus) sowie ein Versiculum und eine Oratio, die das Magnificat I einrahmen.

In der Instrumentierung hat sich Fasolis ebenfalls Freiheiten erlaubt: die Concerti haben ein größeres BC aus Cello, Laute und Orgel, und in den Psalmen werden einige Stimmen mit Instrumenten gedoppelt (die Bläser sind immer zu hören, manchmal auch die Streicher). Das erhöht den festlichen Charakter durchaus, was zeigt, daß die Marienvesper auch in einer mehr repräsentativen Umgebung ihre Qualitäten entfalten kann.

Die Solisten sind durchweg sehr gut, zumal nicht weniger als fünf Namen im Chor auftauchen, die fünf Jahre später auch bei Alessandrinis Interpretation zu hören sind. Mark Beasley singt Nigra sum und Audi coelum in sehr eindrucksvoller Zartheit, die Sopranistinnen Marinella Pennicchini und Anna Simboli glänzen in Pulchra es. Der Coro della Radio Svizzera ist voll und wohltönend, sehr gut gestaffelt in den einzelnen Stimmen und nicht überladen. Auch die Schola Gregoriana und das Ensemble More Antiquo singen die Gregorianischen Teile mit großer Präzision. Die Instrumentalisten spielen ohne Fehl und Tadel, mit einer fein abgestimmten Dynamik und transparenter Offenheit.

Fasolis hält die Vesper in einer dynamischen Spannung zwischen langsameren Tempi (das Magnificat) und schnelleren (Nisi Dominus). Die Unterschied zwischen den solistischen Teilen und denen mit dem Chor sind sehr wirkungsvoll realisiert, mit einem handfesten Ohr fürs leicht Dramatische. Die Länge bleibt mit 91 Minuten im mittleren Rahmen und ist durchaus mit Schneidt 1975 vergleichbar. Jedenfalls läßt Gardiner schön grüßen... ;+)

Die Aufnahmetechnik kann die ganze Größe dieser Interpretation gut einfangen, aber die Mikros waren recht weit vom Emsemble entfernt: der Aufführungsort ist ein größerer Raum gewesen, mit einem leichten Hallanteil, der jedoch nichts verschmiert. In den Tutti-Passagen sind die enzelnen Gruppen gut aufeinander abgestimmt, aber bei den Solos sind die Solisten zuweilen etwas zu leise. Wenn man sich das Datum der Aufnahme anschaut (24. Juni 1999 in Lugano), entstand diese Einspielung wohl während des damaligen Lugano Festivals. Jedenfalls ist es eine Live-Aufnahme; nicht nur ist der Applaus am Schluß zu hören, sondern im Magnificat sind auch die Umgruppierungen ganz leise zu vernehmen. In den vorherigen Stücken kommen eher selten Geräusche vom Publikum an die Mikros - eine sehr gut eingefangene Atmosphäre!

Fasolis hat eine ansprechende Live-Aufführung gestaltet, die sehr gut mitgeschnitten wurde. Übrigens ist es eine rein schweizerische Produktion: für ihre Verhältnisse fliegen gleich die Löcher aus dem Käse... :D

Urteil: :thumbup: :thumbup: :thumbup: :thumbup: :thumbup:


jd :wink:
"Interpretation ist mein Gemüse."
Hudebux


40

Sonntag, 25. März 2012, 16:21

Ich bespreche mal meine allererste Einspielung, die ich von der Marienvesper zugelegt hatte:





(P) 1984 EMI "Reflexe" 47078 (2 CDs)

Emma Kirkby (s)
Nigel Rogers (t)

Taverner Consort:
Tessa Bonner, Evelyn Tubb & Emily van Evera (s)
Margaret Philpot (ms)
Joseph Cornwell, Rogers Covey-Crump, Charles Daniels,
John Dudley, Andrew King & Peter Long (t)
Stephen Charlesworth (bt)
Simon Grant, Richard Savage, David Thomas & Richard Wistreich (b)

Taverner Choir & Players

Dirigent: Andrew Parrott




Genau wie die Einspielung von Paul McCreesh ist diese Aufnahme ebenfalls in eine Liturgie eingebettet. Die Reihenfolge ist nur leicht verändert worden gegenüber dem Druck von 1610: Parrott nahm VII. Duo Seraphim und XI. Sonata Sancta Maria heraus und setzte sie in umgekehrter Folge hinter dem XIII. Magnificat ein. Dazwischen sind Gregorianische Gesänge, zwei Sonaten von Giovanni Paolo Cima sowie Monteverdis Vertonung des Salve Regina aus dem Antiphona Beatae Mariae Virginis eingefügt.

Parrotts Klangapparat ist beachtlich: Der Chor besteht aus 27 SängerInnen (einschließlich 13 der 15 Solisten aus dem Consort) und 21 Instrumentalisten; die Gregorianischen Teile singen 17 Sänger. Trotz dieser Größe wirkt die Aufnahme aber nicht überladen, sondern stimmlich nachvollziehbar und klanglich ausgewogen (die Tutti-Stellen sind eh nicht zahlreich).

Parrott nutzt jedenfalls die Dynamik zwischen den solistischen und den Tutti-Stellen sehr gut aus: die Solisten kommen klar und präzise rüber, das BC bleibt mit Chitarrone und Orgel dezent im Hintergrund. Wenn es laut wird, dann kommt ein voller Ensembleklang zustande. Die Tempi sind zügig: für die dreizehn Vesper-Teile braucht Parrott gerade mal 84 Minuten, ohne daß es gehetzt wirkt. Es wird ausgewogen musiziert - nicht tänzerisch, aber präzise.

Mit dieser Riege an Solisten kann Parrott wirklich nichts falsch machen: allen voran muß hier Nigel Rogers genannt werden, der seine Solo-Partien (Nigra sum, Audi coelum und Duo Seraphim) hervorragend meistert. Das Pulchra es singen Emma Kirkby und Tessa Bonner, eine ebenso wundervolle Leistung. Das Magnificat und das Lauda Jerusalem wird übrigens eine Quarte tiefer gesungen und gespielt (Chiavetta ). Die Gregorianischen Choräle sind etwas weiter entfernt aufgenommen worden, um sie von den mehrstimmigen Teilen mehr abzusetzen; der Rest klingt etwas direkter.

Insgesamt eine Einspielung, die ich zu den besseren zähle. Handwerklich hervorragend ausgeführt; interpretatorisch etwas distanziert vielleicht, aber das liegt wohl eher an der "englischen Schule".


Ein kleiner Tipp zu den CD-Ausgaben: ich würde grundsätzlich die 5-CD-Box rechts unten empfehlen, weil sie noch drei weitere Alben von Parrotts Monteverdi-Einspielungen enthält. Ein gutes Paket - leider ohne die Texte im Booklet.


jd :wink:
"Interpretation ist mein Gemüse."
Hudebux


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