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Samstag, 7. Juli 2012, 12:43

Suppé, Franz von: Missa pro defunctis (1855)

Liebe Capricciosi!

Franz von Suppé, 1819 in Split geboren, ist heutzutage so gut wie ausschließlich als Operettenkomponist ("Die schöne Galathee", "Boccaccio", "Leichte Kavallerie"...) bekannt. Gerade deshalb wurde sein geistliches Musikschaffen lange Zeit marginalisiert ("Ein reiner Operettenkomponist kann doch sicher keine seriöse Messe komponieren!") und erst in den letzten Jahren wiederentdeckt.

Als sein Meisterwerk ist ganz gewiss die Missa pro defunctis (vulgo "Requiem") in d-moll aus dem Jahre 1855 zu betrachten. Gewidmet ist das Werk Suppés Freund und Förderer, dem Theaterdirektor Franz Pokorny, der 1850 verstorben war. Es wurde im November 1855 in der Piaristenkirche in Wien bei einem Gedenkgottesdienst uraufgeführt. Zunächst - Suppé war damals noch nicht als Operettenkomponist hervorgetreten - hatte das Requiem großen Erfolg bei Kritik und Publikum und erlebte mehrere Wiederaufführungen. Als aber ab den 1860er Jahren Suppés Ruhm als Archeget der Wiener Operette alle seine anderen Schaffensbereiche überschattete, wurde die Kritik plötzlich nicht müde, die geistlichen Werke Suppés als zu "operettig" und heiter zu verunglimpfen. Sie gerieten folglich in Vergessenheit, die - nie gedruckte - Partitur zur Missa pro defunctis war sogar verschollen. Das Urteil konnte somit auch nicht revidiert werden.

Erst in den 1990er Jahren wurde die Partitur wiedergefunden und erschien in Folge erstmals in Druck. Seither gibt es immer wieder Aufführungen und auch die eine und andere CD-Aufnahme.

Was ist jetzt dran an den Vorwürfen der Operettenhaftigkeit? Ist das ein zu Recht vergessenes Werk eines österreichischen Kleinmeisters oder lohnt es sich, seine Bekanntschaft zu machen?

Die Missa pro defunctis ist für großes klassisches-frühromantisches Orchester (doppelte Holzbläser, vier Hörner, zwei Trompeten, drei Posaunen, Pauken, Tamtam, fünfstimmige Streicher), Chor SATB (mit Stimmteilungen) und Soli SATB (Confutatis: TTBB) komponiert und umfasst 13 Sätze: 1. Requiem aeternam; 2. Dies irae; 3. Tuba mirum; 4. Rex tremendae majestatis; 5. Recordare Jesu Pie; 6. Confutatis maledictis; 7. Lacrimosa; 8. Domine Jesu Christe; 9. Hostias et preces; 10. Sanctus; 11. Benedictus; 12. Agnus Dei; 13. Libera me. Mit der Wahl der Tonart d-moll stellt sich Suppé ebenso in die Tradition, die besonders von Mozart geprägt ist, wie mit den Fugen in Kyrie (= Lux aeterna) und Quam olim Abrahae. Das "Tuba mirum" wird natürlich mit dem Posaunentrio eröffnet (und beschlossen) und ist ein Bass-Solo (hier allerdings mit Chor). Das Solistenquartett übernimmt traditionell u.a. das "Te decet hymnus" und das "Benedictus".

Auf die Tatsache, dass Suppés kirchenmusikalische Sozialisation in Dalmatien stattfand, könnte man hingegen manche leicht exotischen Besonderheiten wie z.B. den 15/8-Takt des "Tuba mirum", die archaisierende Melodik des "Lacrimosa" und das Übergewicht sowohl der tiefen Solostimmen (Bass: "Tuba mirum" und "Hostias"; Alt: "Lacrimosa", während Sopran und Tenor nur im Quartett verwendet werden) und Chorstimmen (Alt und Bass öfters quasi-solistisch) als auch der Bläser im Orchester schieben. Sehr volksliednah geben sich u.a. das Posaunentrio im "Tuba mirum" (die Lieder, die bei uns in Südösterreich am Land die Blasmusik bei Beerdigungen spielt, klingen durchaus ähnlich) und das Männerquartett des "Confutatis maledictis". Zahlreiche Sätze folgen in ihrer Anlage einem (unterschiedlich variierten und verkomplizierten) Schema A-B-B. Wiederholungen und variierte Wiederholungen haben eine große Bedeutung und bewirken, dass auch komplexe Melodien und Harmonien besser haften bleiben. Hochromantisch ist der Variationssatz des "Recordare", wo sich eine Melodie in wechselnden Klangfarben vom Piano bis zum Fortissimo-Tutti steigert. Es wäre Übertreibung, von einem "geistlichen Bolero" zu sprechen, aber der Vergleich hat was. Spannend ist überhaupt der Einsatz der Holzblasinstrumente, z.B. der Flöte als Exponentin des Gegenthemas in der Kyrie-Fuge oder als "Vogelgezwitscher" zum Frauenchor bei "voca me con benedictis". Die unvorhersehbaren und beunruhigenden harmonischen Rückungen (z.B. B-Dur => C-Dur) und zahlreichen Variantklänge im Offertorium nehmen - allerdings in homophonem Satz - schon beinahe Fauré vorweg. Und das liebliche "Benedictus", vom Solistenquartett a cappella [!] gesungen, hat mich mit diesem Teil der Messe (den ich in den meisten anderen Messen lähmend öde und allzusehr konventionalisiert finde) und insbesondere mit der - von mir bislang als ästhetisches Hemmnis empfundenen - Tradition, ihn vom Solistenquartett singen zu lassen, versöhnt. Nein, operettenhaft ist da nichts, und humorvoll ist das Requiem schon gar nicht. Es ist ein sehr persönliches, eher lyrisches - obwohl das Dies irae selbstverständlich tost und braust - Werk in der Tradition der österreichisch-süddeutschen Kirchenmusik, in das einige Einflüsse aus Hochromantik, süd-mitteleuropäischer Volksmusik und italienischem Belcanto Eingang gefunden haben. Es ist eigentlich ein romantisches Requiem par excellence. Umso verwunderlicher, dass das Werk aus dem Repertoire gedrängt worden ist; doch bezeichnend, dass es sich einen Platz im erweiterten Repertoire sehr rasch wiedererkämpft hat.



Die Aufnahme, die ich habe, bietet ein sehr schönes, homogenes Solistenquartett (Malin Hartelius, Verena Barbara Gohl, Wolfgang Bünten, Oliver Widmer), wobei Verena Barbara Gohl und Oliver Widmer auch in ihren "Arien" Glanzleistungen bringen (besonders gefällt mir das "Hostias" von Oliver Widmer); der Chor ist von der Tontechnik aber nicht immer ganz optimal eingefangen worden. Auffällig ist das sehr bedächtige und gemütliche Dirigat von Edmond de Stoutz, das zu meinem Bedauern besonders dem coolen Mittelteil des "Tuba mirum", aber auch dem "Confutatis maledictis" und dem "Agnus Dei" einiges an fetzigem Drive nimmt. Für andere Sätze passt das Tempo wiederum gut. Insgesamt ist das eine ordentliche Aufnahme, aber es ginge noch besser, brillanter und spannender. Vielleicht mit dieser Aufnahme hier, von der ich weiß, dass sie mindestens ein Forianer schon gehört hat?



P.S.: Passend zu einem Parallelthread: Auf das Konto von Edmond de Stoutz geht auch der Umstand, dass das Werk auf 2 CDs veröffentlicht werden musste - Gesamtdauer 84'57''. Michael Coboz auf der Alternativeinspielung braucht nur eine CD mit 66'10'' [!!!]. Allein daran mag man ermessen, wie unterschiedlich die Interpretationen sein dürften.

Liebe Grüße,
Areios
"Wenn [...] mehrere abweichende Forschungsmeinungen angegeben werden, müssen Sie Stellung nehmen, warum Sie A und nicht B folgen („Reichlich spekulativ die Behauptung von Mumpitz, Dinosaurier im alten Rom, S. 11, dass der Brand Roms 64 n. Chr. durch den hyperventilierenden Hausdrachen des Kaisers ausgelöst worden sei. Dieser war – wie der Grabstein AE 2024,234 zeigt – schon im Jahr zuvor verschieden.“)."
Andreas Hartmann, Tutorium Quercopolitanum, S. 163.

Caesar73

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Samstag, 7. Juli 2012, 13:00

Lieber Areios,

danke für diesen informativen Eröffnungsbeitrag! Mir war Franz Suppé eben vor allem als Operettenkomponist bekannt, um so mehr freue ich mich auf eine Erweiterung meiner Requiemsammlung :)

:wink: :wink:

Christian
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AlexanderK

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Mittwoch, 18. Juli 2012, 15:15

Die Möglichkeit dieses Werk in einer Liveübertragung zu hören gibt es am Sonntag 22.7.2012 ab 17 Uhr im Radiosender BR-Klassik.

"http://www.br.de/radio/br-klassik/programmkalender/sendung342740.html"
Herzlicher Gruß
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musica

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4

Mittwoch, 18. Juli 2012, 15:37

Fran von Suppé hat auch ein wunderschönes Salve Regina geschrieben, es ist ausgelegt für eine Altstimme mit Orchester, Orgel- oder Klavierbegleitung.
viele Grüße von musica

5

Mittwoch, 18. Juli 2012, 16:44

Als aber ab den 1860er Jahren Suppés Ruhm als Archeget der Wiener Operette alle seine anderen Schaffensbereiche überschattete, wurde die Kritik plötzlich nicht müde, die geistlichen Werke Suppés als zu "operettig" und heiter zu verunglimpfen.

Was ist jetzt dran an den Vorwürfen der Operettenhaftigkeit?


Das war die Zeit in der aus Kirchensicht versucht wurde, einen strengen und unvereinbaren Dualismus zwischen "weltlich" und "kirchlich" zu konstruieren, der natürlich auch Auswirkungen auf die Kirchenmusik hatte. Das war die Zeit, als Palestrina, der zeitlebens für die Kirche komponierte, von kleineren "Verirrungen" abgesehen, für die er dann "Buße" tat, nicht zuletzt aus diesem Grund als DER Kirchenmusikkomponist galt. Das war die Zeit, in der ein Orlando di Lasso, obwohl musikalisch universaler als Palestrina, kirchenmusikalisch hinter diesen zurücktreten mußte, da er sein Genie nicht AUSSCHLIESSLICH in den Dienst der Kirche gestellt hatte, in der einen Mozart, einen Haydn, einen Beethoven derselbe Vorwurf traf (ETA Hoffmann, Alte und neue Kirchenmusik....), in der die Messen Mozarts und Haydns wegen ihrer vorgeblichen OPERNHAFTIGKEIT VERURTEILT wurden, in der aus eben diesem Grunde auf einem Stimmensatz der Missa brevis in B, KV 275 (272b) von WA Mozart in St. Jakob, Wasserburg/Obb. (RISM D-WS 497) vermerkt steht

Zitat

"Die lateinische Messe, angeblich von Jos. Haydn [sic!], von welcher das Kyrie beginnt: [folgt Incipit], darf in den hiesigen Kirchen nicht mehr zur Aufführung kommen, denn diese Komposition ist ein offenbarer Hohn auf den heiligen Text. Wasserburg, den 5ten Febr. 1860. Kath. Stadtpfarramt Wasserburg, Koenig, Stadtpfr. mp."

in der allein schon die Verwendung anderer Instrumente als der ORGEL, vor ALLEM von Holz- oder gar Blechbläsern und Pauken und anderer "Operninstrumente" offiziell verpönt war, in so einer Zeit einer weitverbreiteten kirchenmusikalischen Kleingeisterei und eines ebensolchen Pharisäertums, da sollte die Kirchenmusik eines liederlichen OPERETTEN-Schreibers nicht kritisiert werden??? Hat sich dieser nicht allein schon durch seine Beschäftigung mit derartiger unernster Musik disqualifiziert? Und dann auch noch ein Requiem, das nach offizieller Lesart ganz ohne Instrumente, sogar ohne Orgel auskommen mußte, mit vollem (Opern- oder wollen wir lieber sagen Operetten-?) Orchester??? Doppelte Holzbläser, vier Hörner, zwei Trompeten, drei Posaunen, Pauken, Tamtam??? Tamtam!!! Pfui!!!

Nee, da hat damals niemand von den Kritikern auf die musikalische Machart und die Qualität geachtet. Das wurde schon aus rein formalen Gründen in den Orkus gestoßen! "Opernhaft" wird ja hin und wieder sogar heute noch als Kampfbegriff in das Feld geführt. Nähe zur Operette, wie die auch immer konstruiert wurde, war damals jedenfalls absolut tödlich.

von Bellini und Verdi gibt's übrigens auch einschlägig unbekannte Messen...
viele Grüße

Bustopher



"Denkt daran, dass die wunderbaren Dinge, die ihr in euren Schulen kennenlernt, das Werk vieler Generationen sind, das in allen Ländern der Erde in begeistertem Streben und mit großer Mühe geschaffen worden ist. All dies wird als euer Erbe in eure Hände gelegt, damit ihr empfanget, ehret, weiterbildet und treulich euren Kindern einst übermittelt. So sind wir Sterbliche in dem unsterblich, was wir an bleibenden Werken gemeinsam schaffen." - A. Einstein, Mein Weltbild

6

Mittwoch, 18. Juli 2012, 18:50

Lieber Bustopher,

das ist definitiv der Capriccio-Beitrag des Tages!

Zitat

...mit vollem (Opern- oder wollen wir lieber sagen Operetten-?) Orchester??? Doppelte Holzbläser, vier Hörner, zwei Trompeten, drei Posaunen, Pauken, Tamtam??? Tamtam!!! Pfui!!!


:mlol: :juhu: :juhu: :juhu:

Aber am Sonntag können sich ja alle, die wollen, ihre eigene Meinung bilden. Tamtam? Tamtam!

[Selbiges Instrument figuriert übrigens auch prominent auf der Besetzungsliste des Cherubini-Requiems c-moll, welches der Anekdote nach den Erzbischof von Paris anlässlich einer dortigen Aufführung aufgrund der unzüchtigen Verwendung von Weiberstimmen erboste. Deshalb soll Cherubini daraufhin das d-moll-Requiem für Männerchor (und ohne Tamtam) komponiert haben.]

Liebe Grüße,
Areios
"Wenn [...] mehrere abweichende Forschungsmeinungen angegeben werden, müssen Sie Stellung nehmen, warum Sie A und nicht B folgen („Reichlich spekulativ die Behauptung von Mumpitz, Dinosaurier im alten Rom, S. 11, dass der Brand Roms 64 n. Chr. durch den hyperventilierenden Hausdrachen des Kaisers ausgelöst worden sei. Dieser war – wie der Grabstein AE 2024,234 zeigt – schon im Jahr zuvor verschieden.“)."
Andreas Hartmann, Tutorium Quercopolitanum, S. 163.

7

Donnerstag, 19. Juli 2012, 08:48

Jawollja! Weiber in der Kirche! Wo kämen wir da hin...! :D
viele Grüße

Bustopher



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AlexanderK

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8

Sonntag, 22. Juli 2012, 18:41

1.11.2012
11:15 Uhr
BR (Bayerisches Fernsehen)
Ausstrahlung der Fernsehaufzeichnung des heutigen Konzerts.
Der Termin wurde soeben nach der Übertragung in BR-Klassik bekanntgegeben.

PS: Ein Pflichttermin für "Requiemfreunde"! (Ich fand Werk wie Aufführung sehr zu Herzen gehend.)
Herzlicher Gruß
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9

Montag, 23. Juli 2012, 14:49

Liebe Capricciosi!

Ich habe das Suppé-Requiem zufällig - denn ich hätte es nicht erwartet - beim Blättern im Harenberg-Chormusikführer gefunden. Und was kann man da immer noch lesen?

Zitat

Verschiedene Stilebenen prägen die Partitur: Traditioneller Kirchenstil wechselt mit melodischen Elementen, die der italienischen Oper sowie der Folklore Österreich-Ungarns verpflichtet sind.


Belcanto kann man vielleicht im "Recordare" und im "Hostias" schon ein bisschen hören, aber die korrekt benannten folkloristischen Einflüsse scheinen mir weitaus stärker. Nicht zur Sprache kommt ein gewisser archaisierender Einschlag, der entweder auch aus Dalmatien oder vielleicht direkt aus der Gregorianik stammt.

Zitat

Dem "Dies irae", in dem traditionell die stärksten Klangeffekte entfaltet werden, verleiht Suppé seine Dramatik vor allem durch tonmalerische Orchestertremoli und -crescendi, die seine Erfahrung als Opernkomponist nicht verleugnen.


Vier vergessene Opern, von denen nur zwei überhaupt zur Uraufführung gelangten, sowie ein paar Lieder als Einlagen für Schauspiele und Vaudevilles sind jetzt schon "Erfahrung als Opernkomponist"? Da hatte Suppé doch wohl als geistlicher Komponist (drei Messen, Psalmvertonungen) zu diesem Zeitpunkt größere Erfahrung.

Zitat

[Ad "Recordare":] Zwischen Solo-Kantilenen psalmodiert der Chor in altertümlichen Quinten, später wird der vierstimmige kantable Satz der Solisten vom statisch rezitierenden Chor überlagert - eine Faktur, die der eines Opernensembles gleicht.


Für meine Ohren klingt das "Recordare" schon deutlich anders als alle Opernensembles, die ich kenne. Die Faktur ist in Haydns "Schöpfung" (Nr. 28 Duett mit Chor "Von deiner Güt"), oder schon Händels "Dixit Dominus" ("De torrente") - um nur zwei prominente Beispiele zu nennen, die nie der Opernhaftigkeit geziehen werden - auch nicht anders. Ist halt eine probate Kompositionsmethode, den Chor einen harmonischen Hintergrund zu den melodischen Linien der Solisten liefern zu lassen und gleichsam als Teil des Orchesters zu behandeln.

Zitat

[Ad "Hostias":] Der düster-mystische Tonfall geht eine reizvolle Mischung mit der bewegten Melodie im 12/8-Takt ein, die untergründig an einen Walzer erinnert.


Erstens: Eine Melodie, die "untergründig" ( 8| - klingt ein bisschen gefährlich!) an einen Walzer erinnert? Was soll denn das sein? :pinch: Zweitens: Hätte man bei einem anderen Komponisten als Suppé bei einem 12/8-Takt geschrieben, dass man sich an einen Walzer erinnert fühlt? Wohl kaum. Takt, Tempo und Rhythmus erinnern, wenn schon, an eine Sicilienne - keine allzu seltene Erscheinung in Oratorien. Ein mit Operetten bekannt gewordener Komponist wie Suppé hats bei geistlicher Musik wirklich nicht leicht: komponiert er im 3/4-Takt, behauptet man, es sei ein Walzer; komponiert er im 4/4-Takt, spricht jeder von einem Marsch (auch der Harenberg-Chormusikführer in Bezug auf Introitus und Agnus Dei, von mir hier unzitiert), und komponiert er im 12/8-Takt, fühlt man sich trotzdem an einen Walzer erinnert.

Zitat

[Ad "Libera me":] Am Schluß entfaltet das "Dies irae" noch einmal fast opernhafte Dramatik.


Schon einmal ein undramatisches "Dies irae" aus der Zeit nach 1700 gehört? Aber Mozarts "Dies irae" ist nicht opernhaft, Brittens auch nicht, Berlioz' auch nicht, das ist nämlich "eine kühne Raum-Polyphonie von niederschmetternder Gewalt". Sogar Verdi wird zugebilligt, dass bei ihm "die opernhaften Elemente in den Strom emotionaler und geistiger Verkündigung [?!] eingeschmolzen werden", und sein Dies irae ist eine "Schreckensvision", "eine musikalische Apokalypse von niederschmetternder Gewalt [sic! Schon wieder!]", aber von "opernhaft" steht da nichts. Nur Suppés "Dies irae" ist opernhaft. Hmm...

Und abschließend wird dann noch sehr unkritisch mit einem recht dummen, aber dennoch unwidersprochen bleibenden Zitat aus der Rezeptionsgeschichte die vermeintliche Operettenhaftigkeit und unseriöse Grundtendenz des Werkes unterstrichen:

Zitat

Während das Publikum der Uraufführung sich berührt zeigte, hinterließ das Requiem bei Aufführungen um die Jahrhundertwende keinen tieferen Eindruck. Von Puristen wurden die von der Oper inspirierten Stilelemente bemängelt, und im Neuen Wiener Journal vom 24. Dezember 1901 heißt es anläßlich einer Gedenkaufführung, daß man "jeden Augenblick erwarte [gemeint ist wohl: befürchte, Anm. v. Areios], der Komponist werde an den Pforten der Ewigkeit die Melodie seines "Fatinitza"-Marsches anstimmen."


Und diese leicht hysterische Erwartungshaltung, dass wo Suppé draufsteht, auch Operette drin sein müsse, prägt die Rezeptionsgeschichte dieses schönen Werkes wohl leider bis heute.

Liebe Grüße,
Areios
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Andreas Hartmann, Tutorium Quercopolitanum, S. 163.

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Montag, 23. Juli 2012, 17:25

Ja, man sieht hier sehr schön, daß gerade bei Werken, die nicht im Mainstream liegen, immer nur aus der gleichen Ecke nicht weiter überprüfter Vorurteile abgeschrieben wird.
Wie war das bei Telemann? "Platter Vielschreiber..." So haben's wir noch in der Schule lernen müssen - und wiedergeben, auch gegen besseres Wissen. Es ist ein Skandal. Weniger, daß es (irgendwann) geschrieben wurde. Sondern, daß es einfach nachgeplappert wird. Das ist ein Problem der Halbbildung: gelernt zu haben, WAS man denken soll, statt gelernt zu haben, WIE man denken soll... :cursing:
viele Grüße

Bustopher



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Dienstag, 24. Juli 2012, 12:04

So selten scheint das Suppé-Requiem gar nicht aufgeführt zu werden. Jedenfalls gibt es eine ganze Menge Youtube-Einspielungen:

"http://www.youtube.com/results?search_query=supp%C3%A9+requiem&oq=supp%C3%A9+r&gs_l=youtube.1.0.0.3869.15616.0.16879.7.7.0.0.0.0.172.998.0j6.6.0...0.0...1ac.G3BRB07Y4BQ"

Naja: ist vielleicht nicht so überraschend. Immerhin gibt es die missa pro defunctis seit einigen Jahren im Druck (Carus).
Dieser Verlag scheint sich ohnehin Mühe zu geben, das Repertoire rechts und links des Mainstreams zu erschließen. Ich bin immer wieder überrascht, was man dort alles finden kann.
By the way: Hat irgendwer eine Ahnung, ob und wo es die Noten zu Verdis Messa solenne/Messa di gloria von 1837 gibt? (Ähnlich unbekannte Messe...) Von Chailly gibt es immerhin eine Einspielung auf CD, und auf Youtube gibt's auch was ...
viele Grüße

Bustopher



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Freitag, 7. September 2012, 14:46


P.S.: Passend zu einem Parallelthread: Auf das Konto von Edmond de Stoutz geht auch der Umstand, dass das Werk auf 2 CDs veröffentlicht werden musste - Gesamtdauer 84'57''. Michael Coboz auf der Alternativeinspielung braucht nur eine CD mit 66'10'' [!!!]. Allein daran mag man ermessen, wie unterschiedlich die Interpretationen sein dürften.


Zur Illustration des Gesagten hab ich auch grad das Offertorium im Hinblick aufs Tempo vergleichsgehört (CD und jpc-Schnipsel; aber bald hab ich die Coboz-Aufnahme auch tatsächlich bei mir zu Hause): Laut cpdl-Partitur ist Halbe=50 vorgeschrieben. Edmond de Stoutz dirigiert ungefähr Halbe=34 [!] und mit einigem Rubato, gestaltet die Bögen aber dennoch sehr schön aus und findet so zu einem faszinierend ruhigen Klangfluss von hoher meditativer Qualität. Coboz dirigiert Halbe=92 [!!!], was dem Stück einen völlig anderen Charakter gibt: dringlich und hastig, oft auch etwas flüchtig (die Achtel können in diesem Tempo vom Chor gar nicht mehr deutlich artikuliert werden!), was grundsätzlich auch zum Text passt. Das in der cpdl-Partitur vorgeschlagene Tempo (ich wüsste gern, ob das tatsächlich von Suppé stammt, aber das kann mir wohl nur der Blick in die Carus-Ausgabe verraten) würde eigentlich, wenn man es einhielte, noch einmal einen anderen Charakter geben: majestätisch schwer, eher unerbittlich als ruhig.

Liebe Grüße,
Areios
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AlexanderK

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Samstag, 26. Oktober 2013, 22:14

Dieses Requiem gibt es morgen Sonntag 27.10.2013 im SWR Fernsehen ab 9:20 Uhr wieder zu sehen.
"http://www.swrfernsehen.de/tv-programm/-/id=3160/date=20131027/134k2z4/index.html"

Detaillink:
"http://www.swrfernsehen.de/-/id=788872/sdpgid=855868/1ba8u8j/index.html"

Das ist wohl diese Aufnahme:

Herzlicher Gruß
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