Maestro - Cooper gibt Bernstein

  • Heute startete der Film "Maestro" auf Netflix. Regisseur, Drehbuchautor, Produzent und Hauptdarsteller in einem: Bradley Cooper. Wie schon in "A Star is born" (mit Lady Gaga, achtfach Oscar-nominiert und einmal ausgezeichnet).

    Unheimlich fast schon, irgendwie ein Renaissance-Mensch. Unheimlich fast auch seine Ähnlichkeit mit Bernstein, von dem (und Mahler) er bis vor drei Jahren laut eigener Aussage noch kaum was gehört hatte. Ich hab bisher nur zwei Trailer und ein Interview gesehen.

    Hier war schonmal Nézet-Séguins Dirigier-Coaching für Cooper verlinkt, Tilson-Thomas hatte wohl auch Anteil.

    Bin sehr gespannt auf das Ding (wohl eher kein wirkliches Biopic). Wird spätestens am Wochenende fallen.

    "...es ist fabelhaft schwer, die überflüssigen Noten unter den Tisch fallen zu lassen." - Johannes Brahms

  • Lieber Audiamus,

    ich habe mir den Film bereits im Kino angeschaut und kann nur folgende Infos bereithalten. Ich bin mit dem Drehbuch leider etwas unzufrieden: es werden relativ viele Dinge nur angeschnitten und nicht wirklich zuende geführt. Auch finde ich, dass der Film relativ viel Vorwissen über die Hauptfigur erwartet. Was ich wunderbar finde, ist wie sehr sich Cooper traut, Lenny nicht nur als Sympathieträger rüberzubringen, sondern auch die Schattenseiten zu thematisieren. Und er versucht auch nicht, das mag ich auch daran, Lenny immer als Gewinner rüberkommen zu lassen und in den Mittelpunkt zu stellen. Und Carey Mulligan ist als Felicia Montealegre Cohn absolut umwerfend. Gibt also viel zum Drauffreuen, wie ich finde.

    Viel Spaß damit!

    Überzeugung ist der Glaube, in irgend einem Puncte der Erkenntniss im Besitze der unbedingten Wahrheit zu sein. Dieser Glaube setzt also voraus, dass es unbedingte Wahrheiten gebe; ebenfalls, dass jene vollkommenen Methoden gefunden seien, um zu ihnen zu gelangen; endlich, dass jeder, der Überzeugungen habe, sich dieser vollkommenen Methoden bediene. Alle drei Aufstellungen beweisen sofort, dass der Mensch der Überzeugungen nicht der Mensch des wissenschaftlichen Denkens ist (Nietzsche)

  • Gibt also viel zum Drauffreuen, wie ich finde.

    Lieber Giovanni von und zu,

    danke für Deine Replik. Letzter Schultag, Maestro-Time. Und ich kann mich Deinen Ausführungen nur anschließen.

    Nicht ganz in einem Rutsch durchgeschaut, aber immerhin innerhalb eines Tages.

    Tatsächlich: Das Drehbuch ist nicht wirklich eine Erfüllung.
    Für ein Biopic zu wenig Bio, für einen Beziehungsfilm zu wenig Dramaturgie.
    Schon klar, wenn man versucht, möglichst nahe an den Fakten zu bleiben, zeigt sich, dass das Leben oft weniger dynamisch ist, als die geschriebene Fiktion.
    Aber vielleicht ist halt gerade deshalb der Film nicht Fisch und nicht Fleisch. Immerhin ist er nicht vegan, es sind genügend Vitamine beigefügt, um ihn immer noch als ausgezeichnetes Werk erscheinen zu lassen. Aber ich hätte mir etwas mehr Würze, von mir aus auch aus der Kochmütze gezaubert, gewünscht, wenn man sich schon im Wesentlichen auf einen einzigen Aspekt im Leben eines Künstlers beschränkt.

    Auch wenn es ebenfalls nicht zum tiefgehenden Charakterbild eines Künstlers oder seiner Partnerin (oder erst recht alternativer männlicher Partner) reicht: Die Schauspielleistungen sind durchweg beeindruckend, egal, ob Haupt- oder Nebendarsteller. Und eben Coopers Ähnlichkeit mit Bernstein lässt einen sich fragen, ob da teilweise echtes Doku-Material mit eingeflochten wurde. Wird’s aber erst im Abspann. Hut ab denn auch vor der Maskenbildnerei (obwohl die angeblich zu große Nase schon Anstoß erregt haben soll…).

    Musik wird wohtuend sparsam und zielgerichtet eingesetzt. Als Hintergrund wird sie selten genutzt (mal ein büschen Adagietto und so), tritt sie in Erscheinung, spielt sie auch eine Rolle, im wahrsten Sinne. Neben Bernstein und Mahler gibt’s etwas Walton, ein paar Takte Schumann, ein paar Beethoven 8 mit Nachwuchsdirigent, ein wenig Tanzmusi, hab bestimmt was vergessen.

    Zentral natürlich die schon im Vorfeld propagierte Dirigierszene Ende Mahler II in Ely Cathedral.
    Cooper ist schon echt gut gecoacht worden, kann man nicht anders sagen. Und bringt offensichtlich viel eigene Musikalität mit.
    Wir fanden’s zwar gaaaanz leicht drüber, einen Mintouch too much, aber das ist Meckern auf sehr hohem Niveau.

    Welten liegen da zwischen dieser Musiker-Darstellung und anderen Filmen über Musiker, wo ganz offensichtlich wird, dass entsprechenden Darstellern die nötige Technik und Erfahrung bei der Ausübung von Musik fehlt (denke z.B. an die Depardieus in „Die siebente Saite“, ein ansonsten grandioser Film, der aber trotz musikalischer Professionalität der Crew bis hin zum Regisseur in meinen Augen enorm verliert).

    Wäre interessant zu wissen, ob die Mahler-Verkaufszahlen jetzt in die Höhe gehen. Vielleicht gibt’s ja auch nen Charts-Platz für das Finale, wie seinerzeit für Górecki III.

    Die Stimme Coopers (inklusive Verschnupftheit, die wohl nicht nur vom auch gezeigten Koksen kam) reicht nahe an das Original heran. Zwar imsgesamt irgendwo im Baritonbereich angelegt, erklingt sehr oft das Ruacher-Knarzen. Das bringt leider die deutsche Synchronstimme nicht rüber. Für nen echten Bernstein einfach zu hoch und zu sauber. Schade.

    Ein witziger Goof ist drin. Bei einer Chorprobe zu Candide dirigiert Coopernstein mit Zigarette. Die Assistenz hat nicht gut aufgepasst. An einer (musikalisch ungeschnittenen) Stelle wandert die Kippe innerhalb einer Millisekunde vom Mund zur Hand.

    Soviel mal dazu.

    audi

    "...es ist fabelhaft schwer, die überflüssigen Noten unter den Tisch fallen zu lassen." - Johannes Brahms

  • Liest sich sehr interessant alles! :top:

    Und hier mein Eindruck zu diesem Film, der sich teilweise mit dem bereits Geschriebenen deckt:

    Ein Kino- und Netflixfilm über Leonard Bernstein – was kann man da erwarten? Dokumentarisches zum universellen Musikgenie zwischen Komponist, Dirigent und Musikvermittler? Oder voyeuristische Blicke durchs Schlüsselloch? Regisseur und Hauptdarsteller Bradley Cooper hat sich in seinem Ende 2023 zunächst in die Kinos gelangten amerikanischen Film für zwei Hauptelemente entschieden. Einerseits werden Fotos, dokumentierte musikalische Sequenzen und weiteres Dokumentationsmaterial sowie Anekdoten filmisch mit akribischer Detailtreue schlaglichtartig nachgestellt, andererseits konzentriert sich Bradley inhaltlich auf Leonard Bernsteins Beziehung zu seiner Frau Felicia, unter der Belastung seiner latenten Hinwendung zu jungen Männern.

    Den Rahmen bildet ein Fernsehinterview des alten Leonard Bernstein am Klavier, in dem er sich schmerzlich an Felicia erinnert.

    Deutlich ist der Film in diesem Rahmen in vier Blöcke unterteilt.

    Block 1 ist Schwarzweiß gefilmt und beginnt mit Leonard Bernsteins (Bradley Cooper) Karrieredurchbruch als Einspringer 1943 beim New York Philharmonic, bei Cooper frisch aus dem Bett, das sein Leonard Bernstein mit einem Lover geteilt hat. Bernstein wird da gleich sowohl als Dirigent als auch als Komponist mit dem Ballett Fancy Free eingeführt. Bernsteins Schwester Shirley stellt die Schauspielerin Felicia (Carey Mulligan) allen bei einer Party vor, beide fangen Feuer, die Liebe entbrennt und sie gründen ihre Familie.

    Block 2 wechselt zur Farbe. Bernsteins Liebe zu Felicia hindert ihn nicht daran, sich weiter mit jungen Männern zu treffen und zu umgeben. Vor Tochter Jamie leugnet er dies, tut er das Getuschel als Neid ab. Die „Mass“-Premiere mit Lover Tom neben Bernstein gibt Felicia den Rest, sie stellt Leonard Schuhe, Nachtgewand und Zahnputzzeug vor die Schlafzimmertür. Die Krise kulminiert in einem Streit, in dem Felicia ihren Mann zurücklässt mit dem Satz, er wird dereinst allein und verlassen enden. Bernstein erklärt daraufhin öffentlich, nun vollbärtig, er will jetzt ein freies Leben führen und kokst zusammen mit anderen Männern. Er ist aber künstlerisch am absoluten Höhepunkt, dirigiert in der Kathedrale von Ely Mahlers Auferstehungssymphonie. Beim ersten Abgang ist Felicia versöhnt zur Stelle, er ist überwältigt und umarmt und küsst sie wild.

    Block 3 behandelt Felicias Krebserkrankung bis zum traurigen Ende, von der Diagnose (Brustkrebs, der in die Lunge gestreut hat) über ihren Verfall im Zuge der Chemotherapie, dem Zusammenrücken der Familie um sie, bis zum (nicht gezeigten) Tod.

    In Block 4 sehen wir den alt gewordenen Bernstein bei seinem Dirigierkurs in Tanglewood mit einem jungen Dirigenten, mit dem er dann später in einer Disco tanzt.

    Die Blöcke 1 und 2 changieren knapp an Soap vorbei, die sorgfältige historische Szenerie und die schauspielerische Leistung vor allem von Carey Mulligan bewahren die Handlung gerade noch vor billigem Voyeurismus. Sofort bemerkt man, kennt man die Vorlagen, wie verbissen sich Bradley Cooper um eine fast exakte Bernstein-Kopie bemüht, ohne zur Parodie zu verfallen. Die Posen und Gesichtsausdrücke sind genau abgeschaut. Leider misslingt der Höhe- und Knackpunkt des Films, die Mahler Zweite in der Kathedrale, völlig. Genau da rutscht Cooper als ekstatisch dirigierender Bernstein ins Lächerliche, zum Kasperl ab. Leonard Bernstein hatte selbst in solchen Momenten genau jenes Charisma, gegen das Cooper den ganzen Film lang vergeblich anspielt, sichtbar in Verehrung, aber doch hilflos. Das rein Optische lässt sich verblüffend angleichen, die Ausstrahlung ist enorm schwierig.

    Block 3 lässt den Film drastisch ins heulende Elend stürzen. Gekonnt drückt Cooper da auf die Tränendrüsen, von der Diagnose an über den neuen Familienzusammenhalt, bis zum stummen Ende.

    Die Tanglewood-Probe danach ist eine weitere „kopierte“ real dokumentierte Sequenz. Vor dem Kathedralenkonzert hatte Felicia den letzten Satz „Noch Fragen?“, am Ende hat Leonard denselben Satz für die Fernsehreporter. Zu Beginn des Nachspanns verabschiedet sich, nun wieder in Schwarzweiß, Felicia noch einmal stumm von uns, sie blickt uns an und dreht sich dann um und geht fort. Ein poetisch-wehmütiger Schlusspunkt, bevor zum Nachspann der echte Leonard Bernstein im schwitzenden Volleinsatz auch noch zu seinem Auftritt kommt.

    Bradley Coopers Leonard Bernstein ist eine zerrissene Gestalt, dessen Charisma aber eben immer wieder erklärt werden muss. Optisch überwiegt der Showeffekt von Bernsteins Leben. Herz und Seele von Coopers Film gehören Felicia, die er bereits grandios hollywoodesk auftreten lässt (die Bernstein-Musik dazu fehlt auf der Soundtrack CD leider), und an deren Leidensgeschichte von der Notwendigkeit, mit den sexuellen Bedürfnissen ihres Mannes zurechtzukommen, bis zum Dahinsiechen mit dem Krebs, enorm herzrührend erzählt wird – mit ihrer schauspielerischen Leistung ist Carey Mulligan doch bitte eine Oscarkandidatin.

    Kettenraucher sind beide, Leonard wie Felicia, das zieht sich konsequent durch den ganzen Film. Die im Vorfeld der Kinopremiere heiß umstrittene vergrößerte Cooper-Nase wirkt als einer der vielen Versuche optisch akribischer Angleichung, aber sicher nicht antisemitisch. Zeitlich nicht ganz korrekt ist der freie, vollbärtige Bernstein (1976) dem Kathedralenbernstein (1973) vorangestellt.

    Der von der DGG veröffentlichte Fleckerlteppich-Soundtrack setzt großteils auf Originalmusik von Bernstein und auf Yannick Nézet-Séguin und das London Symphony Orchestra – und liefert dort, wo die Musik nur eingeflochten ist, die originalen nunmehrigen Hörspielsequenzen mit.

    Herzliche Grüße
    AlexanderK

  • Mein Eindruck ist ein anderer. Typisches Schlüssellochkino - aufgeladen mit dem Voyeurismuswahn der Gegenwart. Wollen wir wirklich wissen, dass LB beim Scheißen die Klotür aufgelassen hat, weil er sich sonst einsam fühlte? Im Film wird das in mindestens zwei Szenen inszeniert und dann auch noch (und da wird's RICHTIG schlecht) verbal thematisiert.

    Naja, wer glaubt damit irgendwas über Bernstein und seine "Kunst" (davon ist im Film gar nie die Rede, oder wenn nur im Kitschmodus) begriffen zu haben - geschenkt. Selbst schuld. Schwamm drüber.

    Ein wirklich schlechter Film. Finde ich. Da helfen die guten Leistungen der Schauspieler:innen auch nicht.

    Ich bedaure, dafür Zeit aufgewendet zu haben. Und das nicht, weil ich Bernstein besonders lieben würde. Es ist einfach ein schlechter Film.

    Adieu Algabal

    Keine Angst vor der Kultur - es ist nur noch ein Gramm da.

  • Hallo Algabal,

    dass 'Maestro' ein schlechter Film sei, muss man nicht so sehen, das dürfte schon klar geworden sein durch meine und die anderen Besprechungen im Faden. Ich finde die Auswahl der gezeigten Szenen auch nicht nur überzeugend, das dürfte klar geworden sein.

    Aber der Film dramatisiert eben die nicht nur positiven menschlichen Seiten der Persönlichkeit Bernstein und wie genau diese mit der magnetischen Aura des Dirigenten verwoben sind, von der mir einige Profis, die unter ihm Musik gemacht haben, berichtet haben. Das im Film Gezeigte muss einen nicht interessieren, aber hinsichtlich der Einbettung der bekannten Seiten in die unbekannten Seiten einer Person steht der Film ja in einer Reihe mit anderen Fiktionalisierungen historischer Persönlichkeiten, z.B. dem Spencer-Film mit Kristen Stewart als Lady Diana aus dem Jahre 2021, den ich eher zufällig gestern noch einmal gesehen und wieder außerordentlich genossen habe. Ich glaube nicht alles Wort für Wort, was dort (=Spencer) gezeigt wird, aber es geht ja eben darum Bilder zu finden für den Menschen in seinem Umfeld.

    Ich kann Bernstein immer noch als genialen Musiker erkennen in all dem, was der Film 'Maestro' über ihn zeigt, was ich vielleicht nicht über ihn wissen wollte. Aber es rundet halt mein Bild von ihm ab.

    Das LSO hat übrigens auch noch in seinem Youtube-Kanal auf seinen Beitrag am Originalkonzert in Ely und der Fiktionalisierung hingewiesen.

    Gruß Benno

    Überzeugung ist der Glaube, in irgend einem Puncte der Erkenntniss im Besitze der unbedingten Wahrheit zu sein. Dieser Glaube setzt also voraus, dass es unbedingte Wahrheiten gebe; ebenfalls, dass jene vollkommenen Methoden gefunden seien, um zu ihnen zu gelangen; endlich, dass jeder, der Überzeugungen habe, sich dieser vollkommenen Methoden bediene. Alle drei Aufstellungen beweisen sofort, dass der Mensch der Überzeugungen nicht der Mensch des wissenschaftlichen Denkens ist (Nietzsche)

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