Strauss - Salome / Hamburgische Staatsoper, Hamburg 15.11.2023

  • Ich muss ja noch etwas nachtragen:

    Richard Strauss: Salome

    Herodes - John Daszak
    Herodias - Violetta Urmana
    Salome - Asmik Grigorian
    Jochanaan - Kyle Ketelsen
    Page - Jana Kurocová
    Narraboth - Oleksiy Palchykov

    Philharmonisches Staatsorchester Hamburg
    Dirigent: Kent Nagano

    Ich habe nicht die Premiere besucht, sondern eine der folgenden Vorstellungen und ich befürchte, wir haben wieder einmal falsch gesessen. Oder vielleicht auch nicht, denn eigentlich habe ich da schon häufiger Vorstellungen erlebt und nie irgendwelche Probleme gehabt. Diesmal allerdings massiv. Davon später.

    Sehr lange, seit 1996, lief in Hamburg die Decker - Inszenierung, die einen ziemlich neutralen Raum, eine riesige Treppe, präsentierte, auf der das ganze Geschehen sich abrollte. Aufgrund des abstrakten Raums bot sie von daher Sängern wie Zuschauern sehr viel Freiraum. Die neue Inszenierung von Dmitri Tcherniakov ist, was das angeht, wesentlich einengender. In einem Festsaal gibt es schräg in den Vordergrund hinein eine opulent gedeckte Tafel, an denen Festgäste Platz nehmen. Gefeiert wird Herodes, der wiederum sein 'störrisches Gör' Salome mit Freuden empfängt. Ihm gegenüber, ganz am Bühnenrand platziert, sitzt fast die ganze Zeit Jochanaan, der allerdings die Feierlichkeiten ständig mit unpassenden Bemerkungen oder entsprechendem Verhalten stört. Und nun läuft die Geschichte ab.

    Herodes und Herodias, in knallbunten Fantasiekostümen, geben die leicht durchgeknallten Gastgeber, während sich Salome ihrer Kleidung fast vollständig erledigen muss (um zu sich selber zu kommen?). Vor allem das Königspaar wird dadurch aber als Charaktere ziemlich eingeengt, wie überhaupt die gesamte Inszenierung eine bestimmte Linie vorgibt. Salome ist letztlich das Opfer aller Umstände, aller Menschen, die sie umgeben. Persönlich finde ich das, wie auch die klare Einordnung ihrer Eltern ziemlich langweilig. Salome ist nicht nur Opfer (wahrlich nicht), die Eltern nicht nur 'Fatzkes' (wahrlich nicht), da ist viel mehr drin. Und Jochanaan, der sich die ganze Show anschaute, blieb eigentlich auch blass, drehte sich in den entsprechenden Momenten zum Publikum und gab seine 'Weisheiten' von sich. Auf Dauer fand ich das alles zu wenig. Nette, durchaus gut gespielte und inszenierte 'Show', aber letztlich brav, weil nichts wagend. Schon gar nicht in den Köpfen der Zuschauer. Ich befürchte, man schaut es sich an, findet alles überzeugend (was es durchaus auch ist) und das war's. Da ist keine Herausforderung, keine Verstörung, kein Aufwühlen. Spießig? Ich befürchte ja.

    Und die Sänger? Ich war vor allem wegen der Grigorian gekommen, die ich in der Salzburger Salome wirklich fantastisch fand. Aber lag es am Platz, an der möglichen sängerunfreundlichen Bühne, am Dirigenten - wir konnten kaum etwas vernehmen. Selbst die Urmana, die an sich eine kräftige, den Raum füllende Stimme besitzt, war selten richtig zu hören. John Daszak (wegen des recht hellen und schrillen Timbres) und Kyle Ketelsen (wegen der Platzierung) kamen noch am ehesten durch. Beide waren ok, aber so richtig 'funkte' es bei ihnen auch nicht. So wie ich es erlebt habe, lag es wohl vor allem am Dirigat von Kent Nagano, der einmal mehr ziemlich brachial durch die Partitur ging und auf die Sänger wenig Rücksicht nahm.

    Insgesamt also (für mich) keine nennenswerte neue Inszenierung und letztlich war ich froh, dass 'Salome', was die Länge angeht, keine 'Meistersinger' sind.

    :wink:Wolfram

    "Wieder versuchen. Wieder scheitern. Besser scheitern." (Samuel Beckett)

    "Rage, rage against the dying of the light" (Dylan Thomas)

  • Sehr lange, seit 1996, lief in Hamburg die Decker - Inszenierung, die einen ziemlich neutralen Raum, eine riesige Treppe, präsentierte, auf der das ganze Geschehen sich abrollte.

    Dieser Decker-Inszenierung verdanke ich eines meiner allerschönsten "Salome"-Erlebnisse überhaupt. Aprill 2002 mit Inga Nielsen, Anja Silja, Günter Neumann und Bernd Weikl.

    Ich war vor allem wegen der Grigorian gekommen, die ich in der Salzburger Salome wirklich fantastisch fand. Aber lag es am Platz, an der möglichen sängerunfreundlichen Bühne, am Dirigenten - wir konnten kaum etwas vernehmen.

    Die Silja habe ich damals auch kaum gehört. Grins1

    Ich habe mit in der Mediathek diese neue Hamburger "Salome" angesehen, aber nur ca. die erste halbe Stunde, dann habe ich abgeschaltet. Die Inszenierung fand ich wirklich unterirdisch schlecht und Frau Grigorian, die ich 2022 und 2023 in Berlin jeweils als wunderbare Jenufa erlebt habe, hat mich leider auch enttäuscht, sowohl stimmlich (nix jugendliches mehr in der Stimme) als auch bezüglich der Textverständlichkeit.

    Wer sich selbst einen Eindruck von diesem Stream machen möchte:

    Richard Strauss: Salome - Staatsoper Hamburg - Programm in voller Länge | ARTE Concert
    In Dmitri Tcherniakovs einzigartiger Inszenierung von Richard Strauss' Salome entfaltet sich eine düstere Geschichte. Asmik Grigorian glänzt als Salome, deren…
    www.arte.tv

    (noch bis 27.4. verfügbar)

    Beste Grüße vom Stimmenliebhaber

  • Aprill 2002 mit Inga Nielsen, Anja Silja, Günter Neumann und Bernd Weikl.

    Ich glaub, da war ich auch.

    Die Inszenierung fand ich wirklich unterirdisch schlecht

    Ganz so direkt würde ich das nicht sagen, aber in der Tendenz... Grins1

    Frau Grigorian, die ich 2022 und 2023 in Berlin jeweils als wunderbare Jenufa erlebt habe, hat mich leider auch enttäuscht, sowohl stimmlich (nix jugendliches mehr in der Stimme) als auch bezüglich der Textverständlichkeit.

    Das finde ich interessant. Ich kann das aufgrund der akustischen Verhältnisse ja kaum beurteilen, aber vielleicht hat sie in der Zwischenzeit wirklich 'abgebaut'. Würde manches erklären, wäre ja aber trotzdem eine Katastrophe. So eine tolle Stimme.

    :wink:Wolfram

    "Wieder versuchen. Wieder scheitern. Besser scheitern." (Samuel Beckett)

    "Rage, rage against the dying of the light" (Dylan Thomas)

  • So eine tolle Stimme.

    Ihre Tatjana an der Komischen Oper Berlin Mitte der 2010er Jahre war hinreißend, war ich 2x drin, mit ihrer Jenufa war ich wie gesagt auch beide Male sehr zufrieden, auch in den Streams aus Bayreuth (Senta) und Salzburg (drei Rollen im Trittico) hat sie mir wirklich gut gefallen (den Salzburger Macbeth habe ich nicht komplett gesehen). Ob ihre Wiener Turandot wirklich so eine gute Idee war?

    Beste Grüße vom Stimmenliebhaber

  • Ob ihre Wiener Turandot wirklich so eine gute Idee war?

    Die habe ich nicht gesehen, kann es mir aber auch nicht richtig gut vorstellen. Warum immer gleich Turandot oder ähnliche Sachen? Schlecht2

    Aber dann habe ich das falsch verstanden. Ich war der Meinung, sie wäre in den letzten Jahren stimmlich abgefallen, was dann ja nicht der Fall ist. Zum Glück. Trotzdem ist dein Eindruck von der Hamburger Salome natürlich interessant, war es ja nun eine ihrer Partien und auch meiner insofern, dass sie mich (akustische Verhältnisse hin und her) nicht getroffen hat. Premierensituation war es nicht mehr, aber vielleicht war sie wirklich nicht gut drauf. War schließlich November in Hamburg. Grins1

    :wink:Wolfram

    "Wieder versuchen. Wieder scheitern. Besser scheitern." (Samuel Beckett)

    "Rage, rage against the dying of the light" (Dylan Thomas)

  • Es gab hier im Forum aber schon 2 begeisterte Berichte von Grigorians Salome in Hamburg.

    Ich habe sie vor einigen Monaten in einem Lieder Rezital gehört - mit riesiger Stimme. Keine Probleme.

    Ich war allerdings bei Naganos Elektra und habe die Elektra auch nicht hören können. Dachte damals es lag am Platz......

  • Ich war allerdings bei Naganos Elektra und habe die Elektra auch nicht hören können. Dachte damals es lag am Platz......

    Langsam beschleicht mich immer mehr das Gefühl, dass es an Nagano liegt. An sich kann man ja in Hamburg überall gut hören, so habe ich das jedenfalls in Erinnerung. Wenn also eine Elektra nicht durchkommt, dann muss man eigentlich in der Kantine gesessen haben. Aber da warst du wohl nicht.;)

    :wink:Wolfram

    "Wieder versuchen. Wieder scheitern. Besser scheitern." (Samuel Beckett)

    "Rage, rage against the dying of the light" (Dylan Thomas)

  • Die Hamburgische Staatsoper ist ein akustisch schwieriges Haus. Eines meiner unliebsten Opernhäuser überhaupt.

    Ich bin etwa 10x drin gewesen.

    Das würde ich gar nicht einmal so sagen. Es ist/war ja nun mein Stammhaus und ich habe im Laufe der 100 Jahre überall mal gesessen. Die ersten 7 Reihen im Parkett eher nicht, aber sonst geht es eigentlich überall, klar, mal mehr, mal weniger. Aber richtige 'Löcher' habe ich nie gefunden. Vierter Rang, Loge zwei - da ist es schon optimal, nur sieht man da halt nichts. Grins1 Aber ein Desaster ist es eigentlich nirgendwo.

    :wink:Wolfram

    "Wieder versuchen. Wieder scheitern. Besser scheitern." (Samuel Beckett)

    "Rage, rage against the dying of the light" (Dylan Thomas)

  • Vierter Rang, Loge zwei - da ist es schon optimal, nur sieht man da halt nichts. Grins1

    Vielen Dank für den Tipp - bei vielen Inszenierungen ist der ja geradezu ideal. Grins2

    Freu dich nicht zu früh. A bisserl sieht man natürlich, aber die Loge verleitet einen schon dazu, die Augen zu schließen, weil ist eh egal. Und das, da hast du recht, ist oftmals kein Verlust. Grins1

    :wink:Wolfram

    "Wieder versuchen. Wieder scheitern. Besser scheitern." (Samuel Beckett)

    "Rage, rage against the dying of the light" (Dylan Thomas)

  • Ich habe sie vor einigen Monaten in einem Lieder Rezital gehört - mit riesiger Stimme. Keine Probleme.

    Das war übrigens immer mein größter Traum: bei einem Liederabend (ich nehme an zum Klavier) in einem möglichst intimen Saal eine Sängerin mit einer riesigen Stimme zu hören. :D

    Beste Grüße vom Stimmenliebhaber

  • bei einem Liederabend (ich nehme an zum Klavier) in einem möglichst intimen Saal eine Sängerin mit einer riesigen Stimme zu hören.

    Könnte ich dir die Horne empfehlen ;), aber nun ist es natürlich zu spät.

    :wink:Wolfram

    "Wieder versuchen. Wieder scheitern. Besser scheitern." (Samuel Beckett)

    "Rage, rage against the dying of the light" (Dylan Thomas)

  • Habe gerade ihr Boston-Konzert von 1968 bekommen. Es gibt sicherlich nicht allzuviele Sängerinnen, die in einem Konzert Beethovens "Ah, perfido" und Brünnhildes Schlussgesang gesungen haben. :D

    Vielleicht höre ich da morgen mal rein. :)

    Beste Grüße vom Stimmenliebhaber

  • Ich habe sie vor einigen Monaten in einem Lieder Rezital gehört - mit riesiger Stimme. Keine Probleme.

    Das war übrigens immer mein größter Traum: bei einem Liederabend (ich nehme an zum Klavier) in einem möglichst intimen Saal eine Sängerin mit einer riesigen Stimme zu hören. :D

    Nur anbei, auch wenn ich Gefahr laufe, dein Frauenstimmenbild zu enttäuschen: geschrien hat sie nicht. Sie hat ausserdem sehr musikalisch intelligent von der Grösse ihrer Stimme Gebrauch gemacht. Und es war eine wohlklingende Grösse.

  • Wenn also eine Elektra nicht durchkommt, dann muss man eigentlich in der Kantine gesessen haben. Aber da warst du wohl nicht. ;)

    Grins1, nein, aber du hast Recht, das wäre besser gewesen. Haben die da Sekt? Zum runterspulen der Inszenierung.

    Ich sass in der ersten Reihe Mitte. Kann also tatsächlich akustisch ungünstig gewesen sein.

  • Hier der link zu weiteren Berichten im Forum:

    calavera
    5. Januar 2024 um 11:47
  • Ich habe sie vor einigen Monaten in einem Lieder Rezital gehört - mit riesiger Stimme. Keine Probleme.

    Ehe man hier falsche Schlüsse zieht: Es handelte sich nicht um Schubert Lieder oder anderes deutsches Repertoire, sondern um Tschaikowsky und Rachmaninov Lieder.

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