Lieblings-Rolleninterpreten (3 + 3)

  • Nach zwei Belcanto-Rollen in Folge nun wieder eine Rolle aus Wagners "Ring" - eine alles andere als unwichtige in einem Stimmfach, dass in dieser Rubrik bislang überhaupt noch unterrepräsentiert ist: der Charaktertenor.

    Ich bringe heute die Rolle des Mime in "Siegfried" in diese Rubrik ein.

    Vorbemerkung: Meine Lieblingsinterpreten in dieser Rolle sind die, die wirklich Wagners dargelegten Notentext SINGEN und nicht frei nach diesem stimmlich CHARGIEREN. Sicher kann man als Charaktertenor auch buffonesk dem Affen etwas Zucker geben, aber diejenigen, die mehr oder weniger frei nach Wagner singen (oder bellen oder keifen oder in einem Sprechgesang à la "Wozzeck"-Hauptmann verfallen), mag ich in dieser Rolle gar nicht. Wagner hat das wirklich so genial komponiert, dass man als Mime-Interpret meines Erachtens am besten tut, einfach diesen Notentext so gut wie möglich zu ERFÜLLEN, das ist das nämlich charaktervoll und ausdrucksstark genug, eigentlich noch charaktervoller und ausdrucksstärker, als wenn man sein eigenes Süppchen kocht (obgleich das inhaltlich ganz gut zum Mime passt...).

    Am liebsten würde ich als meine historische Lieblingsrolleninterpreten des Mime Heinrich Tessmer, Albert Reiß und Erich Witte nominieren, die mir alle ganz wunderbar gefallen, nur leider kenne ich von ihnen nur Ausschnitte und keine komplette Rolleninterpretation, deshalb kommt das leider nicht infrage. Trotzdem meine Hörempfehlung für die Studio-Szenen mit Melchior, Tessmer und Reiß sowie die Live-Szenen aus Buenos Aires mit Lorenz, Witte und Janssen.

    Als meine Lieblingsrolleninterpreten des Mime nominiere ich nun:

    (nicht live erlebt)

    1. Julius Patzak - 1953 in Rom unter Furtwängler ein stimmliches Kaliber, das man sonst nicht häufig in dieser Rolle, eben kein keifend-greller Charaktertenor, sondern einer, der stimmlich der Größe dieser Rolle gerecht wird.

     

    2. Paul Kuën - in mehreren Bayreuther Mitschnitten der 1950er Jahre auch ein ganz besonderes stimmliches Kaliber, vor dem sich die Siegfried-Sänger fürchteten. Kuën neben Windgassen - da fragt man sich, wer da eigentlich der Heldentenor ist...

     

    Warum ich Leute wie Laufkoetter, Stolze und Zednik nicht nominieren möchte, habe ich bereits oben begründet, wohlfahrt kenne ich zu wenig, aber Schreier kenne ich unter Janowski und der gefällt mir in dieser Rolle gar nicht. Also nehme ich für Platz 3 einen Sänger, der immer noch singt und den ich in Dutzenden Rollen live erlebt habe, aber leider nie als Mime:

    3. Andreas Conrad - in mehreren Bayreuther Mitschnitten unter Petrenko wie unter Janowski finde ich ihn sehr überzeugend. Eine kleine Tendenz zum stimmlichen Chargieren hatte er zwar auch, aber seine Textverständlichkeit war immer hervorragend und die stimmliche Dimension eines Sängers, der auch Stewa und Herodes sang, ist natürlich eine andere als bei solchen, die nie über das reine Buffo- und/oder Charakterfach hinauskamen. Da er auch ein begnadeter Darsteller ist, ist er mir im Video natürlich am liebsten.

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    Das Video kann ich leider nicht verlinken, aber zumindest die ersten beiden Akte habe ich auf meiner Festplatte.

    (nun live erlebt)

    4. Horst Hiestermann

    Mein alles überragender live erlebter Lieblings-Mime, vielfach erlebt im Friedrich-Tunnel-"Ring" an der Deutschen Oper Berlin in den 1990er Jahren. Er musste nicht auf den Putz hauen, um charaktervoll und auch etwas buffonesk zu sein. Die Tiefe war ein bissl dünne ("Fafner, der wilde Wurm") und ein gewisses Altersvibrato war auch schon da (er sang die Rolle ja schon Anfang der 1970er Jahre an der Staatsoper Berlin), trotzdem war er einfach hinreißend und seine Luftsprünge auf der Bühne wären alleine eine Nominierung wert.

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    Kein anderer Mime hat mich live wieder so sehr überzeugt wie Hiestermann, entweder chargierten sie bis ins Unerträgliche oder aber sie blieben blass. Der Einzige, der da wirklich eingermaßen an Hiestermann ran kam, war im Jahr 2000 an der Deutschen Oper Berlin:

    5. Helmut Pampuch, der ja die Stammbesetzung im Münchner Sawallisch-Lehnhoff-"Ring", aber natürlich auch an sienem Stammhaus, der DOR, war. Auch an ihm schätzte ich gerade seine Besonnenheit und musikalische Umsichtigkeit. "Wilde Sau" musste der auch nicht spielen, um eindruck zu machen.

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    Der letzte zu vergebene Platz ist ein knappes Rennen zwischen Wolfgang Schmidt (2008 in Dresden) und Gerhard Siegel (2007 in Bayreuth und 2017 in Dresden jeweils unter Thielemann). Obgleich Siegel eigentlich die (zum jeweiligen Zeitpunkt) kräftigere Stimme hatte, entscheide ich mich doch aufgrund größerer Verbundenheit (weil ich ihn von Erik über Tannhäuser, Lohengrin, Tristan, Loge und beide Siegfriede bis zum Parsifal in so vielen Wagner-Rollen hatte) für

    6. Wolfgang Schmidt

    Der war 2008 in Dresden auch tatsächlich stimmlich sehr differenziert und natürlich so textverständlich wie eh und je, während Siegel in gewisser Weise ein Hausdrauf war und mir etwas zu sehr in Richtung Stolze ging.

    Hier ist er als Mime dabei:

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    Auch erlebt, aber nicht meine Lieblingsrolleninterpreten: Graham Clark, Thomas Harper, Burkhard Ulrich, Wolfgang Ablinger-Sperrhacke, Stephan Rügamer und sicher noch ein paar mehr, die mir namentlich gerade nicht einfallen.

    Beste Grüße vom Stimmenliebhaber

  • Für den Nicker und Zwicker gibt es diverse Kandidaten. Um die Zeit nur schnell einer:

    1. Gerhard Unger. Gegen den war so mancher Siegfried chancenlos…

    “There’s no point in being grown up if you can’t act a little childish sometimes” (Doctor Who, der Vierte Doktor)

  • Diverse Livemitschnitte aus München und Stuttgart unter Sawallisch und Varviso. Hier zum Beispiel

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    Aus Stuttgart gibt es den kompletten Ponnelle-Ring.
    Kesting schrieb ja mal: das einzige, was Unger zum Heldentenor gefehlt habe, seien zwei Kopf Größe gewesen.

    “There’s no point in being grown up if you can’t act a little childish sometimes” (Doctor Who, der Vierte Doktor)

  • Mime weiter:

    2. Patzak, weitab von seinem gewohnten Repertoire. Eine geniale Idee Furtwänglers.
    3. Wohlfahrt. Er und Windgassen könnten getrost die Plätze tauschen.
    Live natürlich Pampuch, dazu noch Peter Marsh.

    “There’s no point in being grown up if you can’t act a little childish sometimes” (Doctor Who, der Vierte Doktor)

  • Kesting schrieb ja mal: das einzige, was Unger zum Heldentenor gefehlt habe, seien zwei Kopf Größe gewesen.

    Finde ich jetzt ein bissl übertrieben, einen Heldentenor habe ich bei ihm jetzt noch nie rausgehört aus den Aufnahmen, die ich kenne (v.a. natürlich David), aber an der Staatsoper sang er nicht nur Tenorbuffo-Rollen, sondern auch Nemorino, Ferrando und Ariodante.

    Eigentlich ist es schon lange mein Wunsch, mir Unger mal als David anzuhören, es kam nur irgendwie noch nie dazu, aber ich sollte das noch in diesem Jahr endlich mal machen.

    Deine weiteren Nominierungen ergänze ich in meiner Liste noch.

    Beste Grüße vom Stimmenliebhaber

  • Mime

    von Aufnahmen:

    Heinrich Tessmer, Albert Reiß

    Die hätte ich auch genannt! Aber da die Rolle im "potted ring" unter beiden aufgeteilt ist, ist Dir das ja offenbar zu wenig. Daher:

    Heinz Zednik (Bayreuth 1975 unter Stein noch eher als 1980 unter Boulez)
    Peter Schreier (Janowski). Irgendwie passt der nicht richtig zur Rolle, aber er singt sie wenigstens.

    Wohlfahrt. Er und Windgassen könnten getrost die Plätze tauschen.

    In welcher Aufnahme? Ich bin mit dem Böhm-Ring "großgeworden", da finde ich den kaum singenden und hauptsächlich kreischenden Wohlfahrt schwer erträglich (wenn auch nicht so komplett unerträglich wie Stolze).

    Live:

    1. Eberhard Francesco Lorenz (Bonn 1999 und 2001, Soustrot bzw. Ott/Schoenbohm).
    2. Johannes Preißinger (Köln 2007, Stenz/Carsen).
    3. Gerhard Siegel (Köln 2002, Tate/Carsen). Bei der WA 2010 hat er mich sängerisch allerdings nicht mehr überzeugt. Da hätte ich lieber Martin Koch gehabt, der den Mime aber nur im Rheingold sang.
    Ziemlich gut fand ich auch Wolfgang Ablinger-Sperrhacke im soeben gehörten Züricher Ring; der wäre knapp dahinter.

    Der Mime in Duisburg 1978 war Helmut Pampuch, aber die Erinnerung daran ist nur schwach.

    Bernd

    Fluctuat nec mergitur

  • In welcher Aufnahme? Ich bin mit dem Böhm-Ring "großgeworden", da finde ich den kaum singenden und hauptsächlich kreischenden Wohlfahrt schwer erträglich (wenn auch nicht so komplett unerträglich wie Stolze).

    Probier mal Sawallisch in Rom, vielleicht sagt er Dir da mehr zu.

    “There’s no point in being grown up if you can’t act a little childish sometimes” (Doctor Who, der Vierte Doktor)

  • Finde ich jetzt ein bissl übertrieben, einen Heldentenor habe ich bei ihm jetzt noch nie rausgehört aus den Aufnahmen, die ich kenne (v.a. natürlich David), aber an der Staatsoper sang er nicht nur Tenorbuffo-Rollen, sondern auch Nemorino, Ferrando und Ariodante.

    Ich zitiere ja nur, und so sehr viel kenne ich neben David und Mime nun auch nicht, aber beispielsweise der Pedrillo hat schon einiges an Stamina. Vor allem konnte er die Stimme hervorragend projizieren. Da durfte der Siegfried sich keine Schwäche erlauben, sonst klang der Zwerg heroischer als der Held.

    “There’s no point in being grown up if you can’t act a little childish sometimes” (Doctor Who, der Vierte Doktor)

  • da finde ich den kaum singenden und hauptsächlich kreischenden Wohlfahrt schwer erträglich (wenn auch nicht so komplett unerträglich wie Stolze).

    Das höre ich auch so, kenne aber auch keine anderen Aufnahmen von ihm in dieser Rolle.

    Diverse Livemitschnitte aus München und Stuttgart unter Sawallisch und Varviso. Hier zum Beispiel

    Ich habe mir Szene 1 auf eingestellten Youtube-Video (aktuell bin ich bei Minute 23) angehört: Von einem Heldentenor ist Unger meilenweit entfernt, das fällt schon bei der fehlenden Substanz in der Tiefe auf, eher ein etwas in die Jahre gekommener Lyrischer, aber er erfüllt zumindest Wagners Notentext und erfindet sich nicht seine eigenen "Spachmelodien", zudem ist er ausdrucksstark und sehr textverständlich, das ist schon sehr viel bei dieser wirklich so herausfordernden Rolle in diesem Fall, die dieses Fach eigentlich sprengt.

    Da durfte der Siegfried sich keine Schwäche erlauben, sonst klang der Zwerg heroischer als der Held.

    Leider erlaubt sich Cox in dem eingstellten Video ziemlich viele Schwächen... (für mich teilweise unerträglich)

    Beste Grüße vom Stimmenliebhaber

  • Aber da die Rolle im "potted ring" unter beiden aufgeteilt ist

    Ich kenne nur die Studio-Szenen-Aufnahmen. Auf welche Aufnahme beziehst du dich konkret? Ist das noch eine andere? Live kenne ich Melchior ausschließlich neben Laufkoetter.

    Beste Grüße vom Stimmenliebhaber

  • Daß die Tiefe bei Unger nicht so ausgeprägt war, ist ja schon öfters konstatiert worden. Aber ein singender Mime ist er in jedem Fall, und er konnte die Rolle noch mit 70 bewältigen.

    (Einer, den ich mal hören müßte, wäre Peter Klein...)

    “There’s no point in being grown up if you can’t act a little childish sometimes” (Doctor Who, der Vierte Doktor)

  • Ja, und da ist es schon frappierend, was für großen Eindruck diese beiden genannten Mime-Sänger erzielen, in dem sie einfach das singen, was Wagner komponiert hat.

    Beste Grüße vom Stimmenliebhaber

  • Mime in "Siegfried" historisch in den angeführten Aufnahmen :

    Karl Laufkötter - 1937 Bodansky

    Julius Patzak - 1953 Furtwängler

    Paul Kuen - 1955 Keilberth

    Good taste is timeless - "Ach, ewig währt so lang " - "But I am good. What the hell has gone wrong?" - A thing of beauty is a joy forever.

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