Musizieren im Alter

  • Gerade kam eine interessante Sendung dazu im Deutschlandradio Kultur, die man nachhören kann:

    Musizieren im hohen Lebensalter
    Viele Amateure spielen bis ins hohe Alter. Musik hält geistig und körperlich fit, was Musikgeragogik und Musikermedizin bestätigen.
    www.deutschlandfunkkultur.de

    Und wie lange gedenkt ihr noch zu spielen? Die Flötistin, die in der Sendung zu Wort kommt, ist 85. Das peile ich dann auch mal als Ziel an. Ich finde bemerkenswert, dass sie besonders das Üben als Lebenselexier empfindet. Das geht mir oft auch so.

    Vom Schlechten kann man nie zu wenig und das Gute nie zu oft lesen. Arthur Schopenhauer

  • Mir geht es im Moment auch so. Seltsam.....

    Wieso seltsam? Ist doch toll! Die Flötistin in der Sendung führt den "Verjüngungseffekt" auf die besondere Art des Atmens zurück.

    Vom Schlechten kann man nie zu wenig und das Gute nie zu oft lesen. Arthur Schopenhauer

  • Der Amateurgeiger, mit dem ich jetzt, wo es mir wieder möglich ist, häufig Hausmusik mache, befindet sich schon jenseits der 85 Jahre. Vor einiger Zeit hat er sich, nachdem er infolge eines komplizierten Bruchs der Schulter die Geige nicht mehr richtig halten konnte, selber eine Vorrichtung gebastelt, mittels der er das Instrument irgendwie "anklemmen" kann. Er spielt das Bach-Doppelkonzert nicht perfekt, aber auch nicht schlechter als vor 30 Jahren (da gehörte ich bereits zu seinen Musizierpartnern) - ich ziehe den Hut vor ihm und betrachte ihn im Hinblick auf das Musizieren im Alter als Vorbild.

    Selber gedenke ich zu spielen, so lange es irgendwie geht. Der zu seiner Zeit bekannte Oboist Richard Lauschmann ist fast 93 Jahre alt geworden und hat laut Aussage meines ersten Lehrers, welcher Lauschmanns Schüler war, bis kurz vor seinem Tod die Oboe bedient. Auch auf diesem Instrument kann man also bis ins hohe Alter unterwegs sein, wenn man es unbedingt will.

  • Nun, das muss jeder mit sich selbst ausmachen. Mein Bassist (Kontrabass) wird dieses Jahr 88 Jahre alt. Er spielt das, was man in meiner Musik braucht, noch immer traumwandlerisch sicher. Auch nimmt er nach wie vor etwas an, wenn man es ihm sagt und erklärt. Er sagt immer zu mir, dass, wenn es denn damit anfangen sollte, man es ihm sagen möchte, dass er nicht mehr mithalten könnte, dann würde er aufhören zu spielen. Ich gehe davon aus, dass, wenn ihm die Gesundheit keinen Strich durch die Rechnung macht, er mit 90 noch immer spielen wird. Ich wünsche ich es ihm von Herzen.

    Ich persönlich werde allerspätestens mit 70 Jahren aufhören zu spielen, aber es kann auch genauso gut in zwei Jahren passieren. Auf die Bühne tragen lasse ich mich nicht. Lionel Ferbos, ein ganz hervorragender Trompeter, saß bis zu seinem Tode mit 103 (!!!) Jahren, auf der Bühne. Er konnte noch etwas Trompete spielen und singen, und so wirkte er immer noch als Gast bei diversen Konzerten mit. Er galt als der älteste, aktive Musiker in Bew Orleans und steht im berühmten Buch der Rekorde als ältester aktiver Trompeter der Welt. Er verstarb 2014.

    In meiner Gegend treten noch zwei Kollegen (Trompeter) mit 90, bzw. über 90 Jahren auf. Gestern (Freitag) besuchte ich einen Trompetenkollegen, der noch hin und wieder mit inzwischen 96 Jahren spielt, aber nur noch zuhause. Er ist gerade dabei seine Instrumente so nach und nach zu verkaufen. Es geht ihm übrigens sehr gut, auch geistig ist er noch recht fit.

    Ähnlich war es beim Saxophonisten Ferd Staton, der noch 1945 mit Dizzy Gillespie, Miles Davis, u.a. bei Billy Eckstine spielte. Auch er wurde über 100 Jahre alt und spielte bis zu seinem Tode in der legendären Harlem Blues & Jazz Band.

    Viele Grüße sendet Maurice

    Musik bedeutet, jemandem seine Geschichte zu erzählen und ist etwas ganz Persönliches. Daher ist es auch so schwierig, sie zu reproduzieren. Niemand kann ihr am Ende näher stehen als derjenige, der/die sie komponiert hat. Alle, die nach dem Komponisten kommen, können sie nur noch in verfälschter Form darbieten, denn sie erzählen am Ende wiederum ihre eigene Geschichte der Geschichte. (ist von mir)

  • Ich will überhaupt nie aufhören - und wenn ich es je tue, dann mit Sicherheit ausschließlich aus gesundheitlichen Gründen.

    Viele Grüße - Allegro

    "Musik ist ... ein Motor, Schönheit, Intensität, Liebe, Zauber, alles in allem: ein Elixir." Lajos Lencsés

  • Mir geht es im Moment auch so. Seltsam.....

    Wieso seltsam? Ist doch toll!

    Ja sicher! .....für mich nur ungewohnt, aber ich begrüsse es! Von Verjüngung kann ich allerdings noch nichts sagen, nur fühlt es sich angenehm an. Beim Bratschen - denke ich mir - liegt es vielleicht an den Schwingungen, die man spüren kann. Das wiederum fiel mir schon als Jugendliche auf. Egal - auf jeden Fall hat es einen ganzheitlich positiven Effekt im Moment - long may it continue.

    Mein Bassist (Kontrabass) wird dieses Jahr 88 Jahre alt. Er spielt das, was man in meiner Musik braucht, noch immer traumwandlerisch sicher.

    Dies und was du sonst berichtest ist sehr inspirierend!

  • Von Verjüngung kann ich allerdings noch nichts sagen

    Ich auch nicht, und ich spiele jetzt (wieder) seit drei Jahren. Ich kann aber sagen, dass ich nach der Stunde Flötenspiel manchmal mehr Energie habe als vorher, ja geradezu euphorisch bin. Es weckt die Lebensgeister! Außer ich übe komplizierte Stellen mit Metronom, das strengt mich an.

    In dem Radiobeitrag wird von einem Senioren-Orchester erzählt, das nie auftritt, sondern einfach aus Freude am Spielen probt und sich ein Stück erarbeitet. Da ist dann der Weg das Ziel. Die Idee gefällt mir.

    Vom Schlechten kann man nie zu wenig und das Gute nie zu oft lesen. Arthur Schopenhauer

  • Ich kann aber sagen, dass ich nach der Stunde Flötenspiel manchmal mehr Energie habe als vorher, ja geradezu euphorisch bin.

    Ich glaube das Euphorische kommt tatsächlich durch die Atmung zustande. Mir ist es, als ob ich das von Chorsängern auch schon gehört habe.

  • Dies und was du sonst berichtest ist sehr inspirierend!

    Oh, danke sehr. :ohnmacht1::):cincinsekt:

    Viele Grüße sendet Maurice

    Musik bedeutet, jemandem seine Geschichte zu erzählen und ist etwas ganz Persönliches. Daher ist es auch so schwierig, sie zu reproduzieren. Niemand kann ihr am Ende näher stehen als derjenige, der/die sie komponiert hat. Alle, die nach dem Komponisten kommen, können sie nur noch in verfälschter Form darbieten, denn sie erzählen am Ende wiederum ihre eigene Geschichte der Geschichte. (ist von mir)

  • Ich glaube das Euphorische kommt tatsächlich durch die Atmung zustande.

    nö, das habe ich auch nach ner gelungenen Gitarren-Loop-Improvisation. wo ich eher mal vergesse, ordentlich zu atmen...

    Die englischen Stimmen ermuntern die Sinnen
    daß Alles für Freuden erwacht

  • nö, das habe ich auch nach ner gelungenen Gitarren-Loop-Improvisation. wo ich eher mal vergesse, ordentlich zu atmen...

    Also, nee, dann vermute ich mal, dass die Gitarren-Loop-Improvisation nicht gelungen ist. Ist doch erwiesen, auch nicht blasende Musiker sollten atmen und das nicht nur aus medizinischer Sicht, sondern vielmehr aus musikalischen Gründen.

  • Ist doch erwiesen, auch nicht blasende Musiker sollten atmen und das nicht nur aus medizinischer Sicht, sondern vielmehr aus musikalischen Gründen.

    Ganz richtig! Und deshalb gehört Permanentatmung nicht zu den für einen (blasenden) Musiker essentiellen Techniken. Wenn man sie beherrscht, ist das ganz schön, aber man kommt auch ohne aus

    Ansonsten bin ich ganz bei philmus: Euphorie beim Musikmachen kommt nicht durch die Atmung zustande, sondern durch - die Musik.

  • Ganz richtig! Und deshalb gehört Permanentatmung nicht zu den für einen (blasenden) Musiker essentiellen Techniken. Wenn man sie beherrscht, ist das ganz schön, aber man kommt auch ohne aus

    Ansonsten bin ich ganz bei philmus: Euphorie beim Musikmachen kommt nicht durch die Atmung zustande, sondern durch - die Musik.

    ;) Auch Permanentatmung ist Atmung und hilft im Alter sehr. Grins1 Und es wird ja behauptet, dass bei kurz vor dem Ersticken eine gewisse Euphorie aufkommt.
    Aber schon klar, Du hast natürlich (wie fast immer) recht.

  • Also ich kenne Euphorie vom Musizieren eigentlich nicht, nur vom Sport ist sie mir bekannt. Skifahren würde ich da als Nr 1 anführen, Joggen Nr 2. Wandern, aber dann wirklich mehrere Stunden. Und sicherlich würde das alles weniger wirken, wenn es in einem Betondjungel stattfinden würde. Anyway, ich habe eben aus guten Gründen den Musikerberuf verlassen. Denn meine Erfahrung war eher, dass man den Kopf so konzentriert und das Denken so präsent halten musste, dass irgendeine Euphorie oder sowas gar nicht aufkommen konnte. Manchmal habe ich eine Art Flow Zutand erlebt, in dem alles wunderbar geklappt hat und ich mich wohl gefühlt habe, aber das war eher bei Solo-Spiel, nicht im Orchester, obwohl es da auch mal vorkommen konnte, Aber als Euphorie habe ich diesen Zustand nicht in Erinnerung, sondern eher als "Flow". Für mich nicht vergleichbar mit der Euphorie beim Skifahren, aber wie gesagt, das kann natürlich mit an der Umgebung liegen.

  • Manchmal habe ich eine Art Flow Zutand erlebt, in dem alles wunderbar geklappt hat und ich mich wohl gefühlt habe, aber das war eher bei Solo-Spiel, nicht im Orchester, obwohl es da auch mal vorkommen konnte,

    Deswegen kam von mir auch eher die Richtung Solo-Improvisation, also etwas, wo so etwas wie "Flow" auch Platz hat, sich im klanglich-melodisch-harmischen Ergebnis niederzuschlagen... Obwohl ich es auch in der Band erlebt habe, wo Vieles festgelegt ist.

    Die englischen Stimmen ermuntern die Sinnen
    daß Alles für Freuden erwacht

  • Ich kann aber sagen, dass ich nach der Stunde Flötenspiel manchmal mehr Energie habe als vorher, ja geradezu euphorisch bin. Es weckt die Lebensgeister!

    Mir geht es ebenso. Ob es Euphorie zu nennen ist oder anders, kann ich nicht sagen. Meine Mitbewohnerin sagt jedoch manchmal, dass das Geld in den Unterricht gut investiert sei, besser als in eine Therapiestunde - ich würde oft sehr entspannt nach Hause kommen.

    Der Zustand den ich "Flow" nenne, der gibt es bei mir nicht (Anfängerin) - vom Sport kenne ich es aber.

  • Auch Permanentatmung ist Atmung...

    Auch Permanentatmung ist Atmung, das stimmt. Aber da sie, wenn sie gut ausgeführt wird, für den Zuhörer nicht wahrnehmbar ist, handelt es sich nicht um eine Art von Atmung, die im Hinblick auf die musikalische Gestaltung eine Rolle spielt.

    Also ich kenne Euphorie vom Musizieren eigentlich nicht, nur vom Sport ist sie mir bekannt. Skifahren würde ich da als Nr 1 anführen, Joggen Nr 2. Wandern, aber dann wirklich mehrere Stunden.

    Mir geht es genau umgekehrt: Euphorie kenne ich zwar von der Musik, aber nicht vom Sport. Ich habe zwar schon häufig mehrtägige Wandertouren durch die Alpen mit vielen Kilometern und Höhenmetern pro Tag unternommen, aber wenn dabei Euphorie aufkam, geschah das angesichts der grandiosen Landschaft über die Augen, über die physische Anstrengung mitnichten.

    Anyway, ich habe eben aus guten Gründen den Musikerberuf verlassen. Denn meine Erfahrung war eher, dass man den Kopf so konzentriert und das Denken so präsent halten musste, dass irgendeine Euphorie oder sowas gar nicht aufkommen konnte.

    Ich hingegen bin aus guten Gründen beim Musikerberuf geblieben. Auch wenn ich mit mittlerweile 60 Jahren gerne über die mit der Muggerei verbundenen Anstrengungen (die zum Teil außermusikalischer Natur sind - heute und morgen z.b. hängen sie damit zusammen, dass ich nicht richtig weiß, wie ich zum Ort des Geschehens und retour nach Hause gelangen soll) jammere, will ich die Euphorie, die beim Mitwirken in Konzerten aufkommen kann, nach wie vor erleben. Aber vielleicht besteht da auch ein grundsätzlicher Unterschied zwischen Streichern und Bläsern. Wie es wäre, wenn ich so gut wie immer mit etlichen Kollegen ein und dieselbe Stimme spielen müsste, weiß ich nicht....

    Herzliche Grüße

    Bernd

  • Aber vielleicht besteht da auch ein grundsätzlicher Unterschied zwischen Streichern und Bläsern. Wie es wäre, wenn ich so gut wie immer mit etlichen Kollegen ein und dieselbe Stimme spielen müsste, weiß ich nicht....

    ja, das ist glaube ich tatsächlich ein Problem für die Tuttisten, wengier für die am ersten Pult.

    Ich habe zwar schon häufig mehrtägige Wandertouren durch die Alpen mit vielen Kilometern und Höhenmetern pro Tag unternommen, aber wenn dabei Euphorie aufkam, geschah das angesichts der grandiosen Landschaft über die Augen, über die physische Anstrengung mitnichten.

    Ja klar, die Umgebung ist ein wichtiger Faktor, sagte ich ja auch, aber ich finde es gar nicht so anstrengend, das ist ja das seltsame. Klar ist aufwärts steigen theoretisch anstrengend, aber praktisch eben nicht. Die Muskeln wollen es und es entsteht dabei eine Euphorie, welche nach mehr verlangt. Natürlich braucht man irgendwann mal ein Pause, das ist klar. Ich bin glaube ich nicht zum Rumsitzen geeignet. Das war auch so eine Sache im Orchester. Wenn ich zu Hause übe, dann stehe ich ja auch. Und kann mich frei bewegen.

    Deswegen kam von mir auch eher die Richtung Solo-Improvisation, also etwas, wo so etwas wie "Flow" auch Platz hat, sich im klanglich-melodisch-harmischen Ergebnis niederzuschlagen

    ok das kann ich nachvollziehen....und ich meine dies manchen Musikern auch manchmal anzusehen. Ich meine jetzt nicht dich, aber ein Teil von mir fragt sich dann meist, wieviel davon durch vorherigen Drogenkonsum hervorgerufen oder eben vom Flow in die Euphorie gepuscht wurde. Bzw hat die Euphorei in manchen Fällen wirklich nur mit der Musik zu tun, oder wird da ein wenig vorgeglüht. Aber es ist wohl schon so, dass es auch Musiker gibt, die es ohne Drogen schaffen.

  • Klar ist aufwärts steigen theoretisch anstrengend, aber praktisch eben nicht. Die Muskeln wollen es

    Das ist wirklich ne interessante Dynamik: dahin zu kommen, dieses "Wollen" der Muskeln auch zu fühlen, hat schon was euphorisches.

    Da steht so viel gesellschaftliches Zeugs dazwischen, also der grundsätzliche Strafcharakter körperlicher Arbeit in der sog. "Leistungs"gesellschaft z.B.

    ein Teil von mir fragt sich dann meist, wieviel davon durch vorherigen Drogenkonsum hervorgerufen oder eben vom Flow in die Euphorie gepuscht wurde

    ich würde das nicht überbewerten, auch wenn natürlich der geniale Jazzer auf Koks oder Speed und die Psychedelic-Rocker auf Gras oder LSD nicht immer nur Klischees sind: die Hilfsmittel, aus der reinen Leistungsschau in eine Art wirklich musikalischen Flow zu kommen, sind vielfältig.

    Aus eigener Erfahrung würde ich sagen, dass es durchaus immer möglich ist, das im "nüchternen" Zustand zu schaffen, es bedarf dazu halt anders als auf Drogen (die einen einfach irgendwohin katapultieren, was ja auch manchmal schiefgeht...) einer bewussten Entscheidung, in den Flow zu gehen. Wenn man das einmal mitgekriegt hat, braucht man keine Drogen mehr. und, da wir hier beim Thema "Alter" sind: die Musiker, die mit ihrem Job alt werden, sind doch auch meistens die, die das mit den Drogen seit möglicherweise Jahrzehnten nicht mehr brauchen.

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    daß Alles für Freuden erwacht

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