Der Pianist Lucas Debargue - vom Wettbewerbsvierten zur Weltkarriere

  • Der Pianist und Komponist Lucas Debargue wurde am 23. Oktober 1990 in Paris geboren und wuchs in Villers-sur-Coudun in einem Elternhaus auf, das nicht musikalisch geprägt war. Im Alter von neun Jahren kam er erstmals mit klassischer Musik in Berührung, als er im Radio eine Aufnahme eines von Clara Haskil gespielten Mozart-Klavierkonzerts hörte. Dies war ein Schlüsselerlebnis für ihn: "Aus diesem Konzert sprachen Wahrheit und innige Liebe ... Es zeigte mir etwas, das ich gerne erreichen möchte. Ich fühlte mich, als hätte ich vorher in einer Nussschale gelebt oder in einem Käfig", wird er später zitiert. Er nahm im Alter von zehn Jahren (andere Pianisten gaben in diesem Alter schon öffentliche Konzerte!) ersten Klavierunterricht bei einem örtlichen Klavierlehrer und wurde im Alter von elf Jahren am Konservatorium in Compiègne Schüler von Catherine Muenier. Im Alter von 15 Jahren gab er sein Klavierstudium wieder auf und spielte lieber als E-Bassist in einer Rockband. Im Alter von 17 Jahren zog er nach Paris und begann ein Kunst- und Literatur-Studium, das er jedoch nach sechs Semestern abbrach.

    Ein Freund aus Compiègne bat ihn 2010, dort ein Klavierrecital im Rahmen des Festivals "Fête de la Musique" zu spielen. Zu diesem Zeitpunkt hatte er drei Jahre lang kein Klavier mehr angerührt. Er sagte zu. Seine Rückkehr zum Klavier wurde für seine Freunde so bewegend, dass sie ihn baten, sein Klavierstudium wieder aufzunehmen. Er wurde der russischen Professorin Rena Shereshevskaya vorgestellt, die ihn 2011 in ihre Klasse an der Musikschule Rueil-Malmaison und später an der École Normale de Musique de Paris Alfred Cortot aufnahm. Zeitgleich studierte er in der Klasse von Jean-François Heisser am Conservatoire de Paris. Während seines Studiums war er auch als als Jazzpianist in der Bar "Le Chat Noir" sowie als Korrepititor an einer Ballettschule tätig. 2014 gewann er den Adilia Alieva-Wettbewerb in Gaillard. 2015 schloss er sein Klavierstudium erfolgreich mit der Diplomprüfung ab.

    Sein Durchbruch erfolgte beim Moskauer Tschaikowsky-Wettbewerb 2015. Die teilweise zu findende Legende, dass er als einziger der damaligen Teilnehmer noch nie zuvor an einem Klavierwettbewerb teilgenommen habe, ist unzutreffend (siehe oben: Gewinn des Adilia Alieva-Wettbewerb im Jahr zuvor). Auch ist es nicht richtig (obwohl es gelegentlich kolportiert wird), dass er Autodidakt sei: Er hat durchaus ein Klavierstudium durchlaufen und abgeschlossen. Wohl aber ist es außergewöhnlich, dass ein 24-jähriger Pianist sich diesem Wettbewerb stellte, der im Grunde genommen erst als 20-jähriger ernsthaft mit dem Klavierstudium begonnen hatte.

    Bei diesem Wettbewerb wurde Debargue zum uneingeschränkten Publikumsliebling. Das Moskauer Publikum war so elektrisiert von ihm, dass ein britischer Journalist berichtete, dass es seit Van Cliburns Wettbewerbsgewinn 1958 sowie den Konzertauftritten von Glenn Gould in der Sowjetunion im Jahr zuvor noch nie einen westlichen Pianisten gegeben hat, der das Moskauer Publikum so dermaßen begeisterte wie Lucas Debargue. Nach Debargues Solo-Klavierdarbietungen in der zweiten Runde des Wettbewerbs (Ravel "Gaspard de la Nuit", Medtner Sonate op. 5) war das Publikum so dermaßen hin und weg von ihm, dass es eine Viertelstunde lang (!!) tosenden Applaus spendete und nur dadurch zum Verlassen des Saals bewegt werden konnte, dass das Licht im Saal vollständig abgeschaltet wurde.

    Als in der Finalrunde Lucas Debargue von der Mehrheit der Jury nur auf den vierten Platz gesetzt wurde, kam es zum handfesten Skandal. Jurymitglied Boris Berezowsky stellte klar, dass diese Entscheidung so etwas von ungerecht sei, denn dieser Mann sei "ein Genie". Jurymitglied Dmitri Bashkirov pflichtete ihm bei und sagte Debargue voraus, innerhalb weniger Jahre einer der besten Pianisten der Welt zu werden. Die Vereinigung der Moskauer Musikkritiker verlieh Debargue demonstrativ den Preis als bester Pianist des Wettbewerbs (dieser Preis war nach dem vorherigen Tschaikowsky-Wettbewerb - inoffiziell - ins Leben gerufen worden, weil auch dort das Votum der Jury höchst strittig war). Boris Berezowsky plauderte schnell Interna aus und bekräftigte, dass es keineswegs die russischen Jurymitglieder waren, die zwei Russen (Dmitri Masleev und Lukas Geniusas; letzterer auf einem geteilten zweiten Platz mit dem US-Amerikaner George Li) vor Debargue sahen. Im Gegenteil seien es gerade die "ausländischen" (sprich westlichen?) Jurymitglieder gewesen, die den Franzosen herabgewertet hätten, während die Russen ihn mindestens auf dem zweiten, wenn nicht sogar auf dem ersten Platz haben wollten.

    Der Ehrenpräsident des Tschaikowsky-Wettbewerbs 2015, Valery Gergiev, setzte durch, dass im Preisträgerkonzert erstmals in der Geschichte des Wettbewerbs (!) mit Lucas Debargue auch ein Viertplatzierter auftrat, und das dann auch noch ausgerechnet mit dem signature piece der Veranstaltung, nämlich dem Klavierkonzert Nr. 1 b-moll von Tschaikowsky.

    In der Folge verpflichtete Sony Classical ihn als Exklusivkünstler. Auf den beiden ersten Alben spielte er u.a. seine beiden großen Erfolgsstücke in der zweiten Wettbewerbsrunde, nämlich Ravels "Gaspard de la Nuit" und Medtners Sonate op. 5. Debargue entschied sich bei seinem Debütalbum für einen Live-Mitschnitt, der bei Konzerten in der Salle Cortot in Paris vom 20. bis zum 22. November 2015 entstand:

    Seine weiteren Solo-Alben bei Sony Classical sind:

    Bei den Scarlatti- und Fauré-Alben handelt es sich übrigens jeweils um Boxen mit 4 CDs.

    Weitere Veröffentlichungen von ihm, die mit anderen Musikern entstanden, sind:


    Den Eröffnungsbeitrag schließen möchte ich einerseits mit einem schönen privaten Videomitschnitt, der beim Tschaikowsky-Wettbewerb nach seinem Auftritt in der zweiten Runde entstand. Debargue spielte backstage nach seinem großen Publikumserfolg, den er kurz zuvor erzielt hatte, völlig entspannt Jazz. Und wie!

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    Und außerdem möchte ich auf den Mitschnitt eines kompletten Recitals vom 26. Juni 2016 in La Grange du Meslay hinweisen:

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    Mit diesem beeindruckenden Recital habe ich Lucas Debargue kennengelernt. Ich war damals auf der Suche nach gelungenen Interpretationen der Scarlatti-Sonate A-Dur K 208 (L. 238). Er spielt sie zu Beginn seines Konzerts (wie auch als erstes Stück seiner oben abgebildeten Debüt-CD). Das gefiel mir so gut, dass ich mir gleich das gesamte Recital anhörte (in dem auch "Gaspard de la Nuit" erklingt). Seitdem halte ihn für einen der spannendsten Musiker seiner Generation, zumal er auch in nennenswertem Umfang als Komponist hervortritt.

    Dieser Thread gilt dem Pianisten Lucas Debargue. Über ihn als Komponist habe ich einen separaten Thread eröffnet:
    Der Komponist Lucas Debargue

    «Denn Du bist, was Du isst»
    (Rammstein)

  • Beim Verbier-Festival nahm Lucas Debargue erstmals 2017 teil. Damals gab er ein Solo-Recital, außerdem führte er Kammermusik (u.a. Messiaens Quatuor pour la fin du Temps gemeinsam mit Martin Fröst, Janine Jansen und Torleif Thedéen) auf. Hier eine Doku seines damaligen Auftritts:

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    Und hier eine Dokumentation zum 25. Verbier-Festival, in welcher zu Beginn auch auf seine Auftritte 2017 Bezug genommen wird:

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    «Denn Du bist, was Du isst»
    (Rammstein)

  • Zum wunderbaren Fauré-Album mit ihren vier CDs und einem sehr aufschlussreichen Booklet, in dem Debargue für jedes Stück einen Kommentar geschrieben hat, gibt es drei Videos von ihm:

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  • Wer Debargues Fauré-Spiel in bewegten Bildern sehen möchte, kann dies hier tun:

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