Shakespeare - King Lear

  • 'Wich of you shall we say doth love us most'

    Ein alter König möchte zurücktreten - so weit, so gut. Er möchte sein Herrschaftsgebiet unter seinen drei Kindern aufteilen - so weit, so gut. Was aber zwingt ihn dazu, diese Frage zu stellen? Diese Frage nach Liebe, gestellt in aller Öffentlichkeit, zudem verbunden auch noch mit einer Art Wettkampf, verknüpft mit einer Belohnung.

    'Thou shouldst not have been old till thou hadst

    been wise.'

    Warum ist Lear nicht weise? Er ist mindestens 80 Jahre alt, hat sein Reich lange und wohl auch erfolgreich regiert, kennt sich also im Politischen aus, hat zudem Kinder aus mindestens zwei Ehen und kennt seine Nachkommenschaft lange genug. Warum hat er nichts gelernt? Warum diese Frage, an diesem Ort, vor dieser Zuhörerschaft? Ist das Naivität, Selbstüberschätzung, sind es erste Anzeichen des Verfalls, des Verrücktwerdens, ist es Eitelkeit oder schlichtweg ein Spiel, ein Machtspiel, ein letztes?

    Also noch einmal unbeschränkte Macht demonstrieren, die eigenen Kinder wie dressierte Hunde vorführen? Es gibt ein Leckerli, wenn du brav bist, wenn du Männchen oder, besser gesagt, Frauchen machst. Wobei der Wettkampf sowieso ein recht zweifelhafter ist. Goneril und Regan (Vorläuferinnen der bösen Stiefschwestern aus den Märchen) erhalten ihren vorgegebenen Anteil unabhängig von 'wich...doth love us most' und für Cordelia, dem Liebling, der Spätgeborenen, steht bereits 'a third more opulent than your sisters' bereit. Um Wahrheit kann es ihm also nicht gehen, eher um die richtige Schmeichelei, aber vor allem um das Vorführen einer Dressur, im Angesicht des Hofes, im Gegenwart einer zahlenden Zuschauermenge. Hier spielt er noch einmal auf der Klaviatur der Macht, nur leider macht er es in dem Augenblick, in dem er sich dieser entledigen will. Wehe, wenn ein 'Star' schwächelt!

    Goneril und Regan kennen das Spiel (und ihren Vater auch) lange genug, Cordelia hingegen verweigert die Dressur und wird entsprechend bestraft. Egal wer sie bekommt, aus den Augen aus dem Sinn soll sie verschwinden. Die bösen Stiefschwestern machen das Rennen und der Zuschauer quasi gleich mit, ahnt dieser doch, wie alles ablaufen wird, bevor noch die 'Siegerinnen' ein erstes Mal die Köpfe zusammenstecken. Dass das schiefgehen wird, dass hier der Keim zu einem Unglück angelegt wurde, das ist zu erahnen. Nur die Größe dieses Desasters - das ist nicht abzusehen.

    Aber nicht nur Lear hat Kinder, sein Gefolgsmann Gloucester ist ebenfalls (stolzer) Vater, diesmal zweier Söhne, wiederum von verschiedenen Müttern. Und auch er hat nichts gelernt, fällt auf den einen rein, verdammt den anderen. Edmund heißt der Böse, der Bastard, der endlich einmal nicht zu kurz kommen möchte, Edgar ist dann der Gute, der Naive, der Gutgläubige, ist der, den wir als Zuschauer immer wachrütteln möchten. Sind wir doch schlauer als die Akteure und auch, Tragödie hin oder her, noch hoffnungsfroh gestimmt.

    Gloucester und Kent eröffnen das Spiel, hinzu tritt dann Edmund. Und gleich zeigt sich ein Thema, das sich durch das ganze Stück hindurchziehen wird. Gloucester redet und redet, redet viel zu viel. In Anwesenheit seines (unehelichen) Sohnes erzählt er von seinem Verhältnis zu ihm, zu seiner Mutter, über den Spaß, den er gehabt hat 'at his making'. Edmunds erste Äußerung hingegen ist ein schlichtes 'no', eine Verneinung, ein Nichts. Kurz und knapp, die Verweigerung der Worte. Edmund wird sich zwar offenbaren, mehr als sein Verwandter im Geiste, Jago, aber er wird es nur uns gegenüber machen. Er bleibt der Vertreter des Neins, der Leere, der Schwärze.

    Szenenwechsel. Lear tritt auf, sein Hofstaat und seine drei Töchter und es beginnt die 'Fragerunde'. Und auch Lear redet viel, viel zu viel, wie er das fast das ganze Stück hindurch so halten wird. Goneril und Regan stehen ihm dabei in nichts nach. Auch sie gebrauchen viel zu viel Worte, wenn ein einfaches 'ich liebe dich' ausgereicht hätte. Erst Cordelia wird einen anderen Ton einbringen. Zunächst, mehr an sich gerichtet:

    'What shall Cordelia speak? Love, and be silent.'

    Und dann, nachdem sie den Befehl ihres Vaters zum Sprechen erhalten hat:

    'Speak.'

    'Nothing, my lord.'

    'Nothing?'

    'Nothing.'

    'How, nothing will come from nothing.'

    So wie Edmund verweigert auch Cordelia das Reden, die Ausschmückung, denn Worte stellen sich vor den wahren Sinn, verschleiern Absichten, sie lügen, zumindest verführen sie dazu. 'Love' will sie sprechen und dann 'be silent' wird sie sein. Das reicht ihr, das wäre ehrlich. Aber wer nicht spricht, steht für das Nichts. So jedenfalls empfindet es Lear. 'Nothing will come from nothing.' Und das Nichts darf nicht sein, noch bedarf er der Sinnhaftigkeit seines Seins und Tuns. Noch hat er eben nicht begriffen, noch weiß er nicht, wie Edmund dieses Nichts feiern wird. Seine Sprachlosigkeit, besser die Verweigerung der vielen Worte, dies wird erst noch kommen und damit auch der Absturz, die endgültige Verlassenheit, der Wahn.

    Der wahnsinnige König, der Narr, der den Wahnsinn Spielende, der Blinde - eine Ansammlung der Hilflosen, der Gescheiterten - sie hocken dann irgendwann in der menschenleeren Heide, im Nichts und ringen um irgendeinen Sinn, um eine Antwort, um ein Zeichen. Das ist grotesk, das ist absurd - das ist Samuel Beckett. Lange, sehr lange tat sich das Publikum, taten sich die Kritiker schwer mit diesem Stück, mit seiner Hoffnungslosigkeit, mit dem tiefen Fall der Guten wie der Bösen. Edgar und Albany überleben, Kent wird den toten Lear begleiten, der Narr wird aus dem Stück verschwinden und alle anderen werden am Ende tot sein. Das war dann doch zu viel. 'King Lear' überlebte auf der Bühne über mehr als zwei Jahrhunderte nur in Adaptionen, gerne auch mit Happy End. Erst spät kam die Originalfassung wieder auf die Bühne, erst als 'Gott tot war', als auch Sinnlosigkeit menschlichen Tuns ohne Heilsversprechen Allgemeingut wurde, als Naturwissenschaften und Religionskritik den Menschen immer häufiger mit dem Nichts konfrontierten, erst da wurde 'Lear' wirklich angenommen. Zunächst als naturalistisches Drama eines Einzelnen, es bedurfte aber noch der Katastrophe von 1933 bis 1945, es bedurfte eines Satres, eines Camus, eines Becketts, auch eines Dürrenmatts, um das Stück in einem ganz anderen Licht zu sehen.

    'Wahn! Wahn! Überall Wahn!' könnte man sagen. Hoffnungslosigkeit, Sinnlosigkeit, Schwärze, das Nichts. Die Absurdität des Seins. Vielleicht noch gerade 'Warten auf Godot'. Ein 'Endspiel'. Oder ist es vielleicht doch ein Stück der Liebe? Kündigt sich in seiner Anfangsfrage schon der Wahn an oder ist es einfach nur ein Betteln um, ein sich Versichern von Liebe, vielleicht ein Hilfeschrei?

    Egal was Lear macht, es gibt immer Menschen, die ihn lieben, bedingungslos, schlicht und dauerhaft. Cordelia, wir ahnen es gleich zu Beginn, ist solch ein Mensch. Aber auch Kent, der sich verkleidet, sich verleugnet und der immer treu bleibt, letztlich bis in seinen Tod hinein. Der Narr, der so viel gewitzt Böses von sich gibt und trotzdem ihm immer zur Seite steht. Gloucester, in Treue und Liebe ihm bis zum Ende hin ergeben. Edgar, der sich so sehr erniedrigt wie es nur geht. Albany, der sich endlich von seiner Frau lösen kann und 'umschwenkt' zu Lear. Warum lieben ihn (fast) alle so? Sie lieben/verehren zunächst den König, klar, aber dabei bleibt es ja nicht. Der Mensch ist es, der gestürzte, gefallene, die wahnsinnige Kreatur, das Wesen, dass nur noch äußerlich ein Mensch zu sein scheint, diese Ansammlung von Nichts - sie wird geliebt.

    Und Lear liebt zurück. Er kann hassen, unbändig und ohne Zögern, aber er kann auch lieben. Cordelia und sein Abschied von ihr! Gloucester und sein Kümmern um ihn. Er kann auch lieben! Oder kann er sich nur sorgen? So wie ein Monarch sich sorgt und kümmert. Kann er also wirklich lieben? Hat er es wirklich einmal gelernt, es gelebt, es erfahren, was lieben heißt?

    Ach Shakespeare, wenn man wenigstens einmal eine Antwort von dir bekäme!

    Natürlich kommt diese Antwort nicht. Zum Glück nicht! Und wie sollte sie auch!

    Macht, Liebe, Wahn - alles einzeln, alles zusammen, ineinander verwoben und ausufernd, wie ein Geschwür, bösartig oder gutartig und somit alles, wirklich alles betreffend, beherrschend, verändernd. Und alles vernichtend! Alles in einem unaufhaltsamen Strudel hinabziehend. 'The rest is silence' - hier ist der Hamlet-Schluss noch einmal angebracht. Die Bösen sind tot. Die Guten sind tot. Leere. Nacht. Nichts.

    Edgar! Edgar, vom blassen Jüngling zum Mann, zum Menschen gereift, bleibt zurück, soll die Fackel weitertragen. Es geht also weiter. Ein König wird da sein, ein besserer, menschlicherer. Aber haben wir, die Zuschauer, Vertrauen in ihn? Hoffnung und Desillusionierung. Die Tragödie beginnt gut und endet schlecht. So wie das Leben? Das Theater, das Leben, als ein Abgrund. Erfahren haben wir es, die letzten drei Stunden. Und je länger wir da hineinschauen, je grauenhafter blickt der Abgrund zurück. Wo ziehen wir also die Reißleine? Wo sagen wir 'Halt'? Wo hoffen wir noch? Oder geben wir uns ganz hin? Fallen wir ins Bodenlose, in das Sinnentleerte, in die Absurdität?

    'Lear' geht nicht ohne Zuschauer. Banaler Satz und trotzdem ist er hier genau richtig. Wahn oder Hoffnung, Sinnlosigkeit oder doch ein Hauch von Sinn, Leben als absurdes Welttheater oder doch Licht, irgendwie, irgendwo. 'Lear' gibt keine Antwort, aber er zwingt uns Stellung zu beziehen. Vor allem vor uns selbst.

    Nacht oder Tag oder irgendwas dazwischen. 'Lear' ist sinnlos wie das Leben. 'Lear' ist Hoffnung und Vertrauen - wie das Leben. 'Lear' ist alles, ist das Leben. 'Lear' ist unausschöpfbar - wie das Leben. 'Lear' ist und bleibt die große Frage!

    ---

    Das Stück wird wohl zwischen 1603 und 1606 geschrieben worden sein, Unsicherheiten hinsichtlich der Datierung aber bleiben. Grundlagen waren einmal mehr bei Shakespeare die 'Chronicles' von Holinshed, aber vielleicht auch Spensers 'Faerie Queene' und ein recht mediokres Stück eines unbekannten Autors: 'The True Chronicle History of King Leir'. Einmal mehr aber hat Shakespeare die Vorlagen verändert, ergänzt, umgeschrieben. Das Stück liegt in zwei verschiedenen Textfassungen vor (Quarto von 1608 und First Folio von 1623), die sich aber in hunderten von Textstellen und auch in der Textlänge so dermaßen unterscheiden, dass man heute eher von zwei Stücken spricht.

    :wink:Wolfram

    "Wieder versuchen. Wieder scheitern. Besser scheitern." (Samuel Beckett)

    "Rage, rage against the dying of the light" (Dylan Thomas)

  • Lieber Wolfram, ein ganz wunderbarer Post ist das, vielen Dank! Mir scheint du bist begeistert von dem Werk. Und mich inspiriert deine Begeisterung es in meiner Erinnerung hochzuspülen. Deinen Ausführungen möchte ich überhaupt nichts hinzufügen, ausser dass mir bei Shakespeare die Betrachtung von Detail oder Moment (im Kontext) fast noch wichtiger erscheint, als die grosse Linie.

    Das tragische Ende ist für mich ein Mittel, oder der Rahmen des Bildes, oder ein Tor, duch welches man hindurchschreitet, um eine Reise ins Ich anzutreten. Ohne die Tragik, die Erschütterung, die Zerstörung, im Lear das Nichts, würde die Motivation fehlen, sich mit den dramatischen Elementen, die dorthin führen zu beschäftigen.

    Interessant ist deswegen deine Bemerkung, dass man als Zuschauer sofort ahnt, dass so etwas nicht gut ausgehen kann. Man soll es ja sicher ahnen, denn der Weg und die Momente der Verstrickung und Verdichtung sind das eigentliche Thema. Bzw: sie sind der eigentliche Schauplatz des Dramas.. Und jedes solcher Momente wird sein eigenes Drama im Drama. Unser menschliches Wesen ist so angelegt, dass wir in jedem Moment darauf bedacht sind, eine Katastrophe zu verhindern. Immer sind unsere Antennen auf "Überleben" ausgerichtet und deswegen bleibt unser Geist an bestimmten Momenten hängen. Es öffnet sich dort ein innerer Dialog mit dem Selbst. Ich meine, dass genau darin die unermessliche Grösse von Shakespeares Werken liegt, nämlich in der Vielfalt der möglichen inneren Dramen, anhand derer wir uns selbst erkunden können. Auch unsere eigenen Positionen in der Welt natürlich.

    Aber ich glaube mit keinem Gedanken, dass du das nicht auch so siehst. Nochmal vielen Dank für deine schöne Einführung!

  • Liebe Rosamunde, dank dir für deine interessante Rückmeldung. Und nein, um das vorwegzunehmen, ich würde dir da überhaupt nicht widersprechen, möchte nur einige Sachen kommentieren und vielleicht erweitern.

    Mir scheint du bist begeistert von dem Werk.

    Ich bin selber ganz von mir überrascht. Früher konnte ich mit dem Stück kaum etwas anfangen, das hat sich erst in den Jahren verändert und ist nun sozusagen voll durchgeschlagen. Ich las quasi mit offenem, staunendem Mund. Das mag natürlich auch jetzt mit meinem Alter zu tun haben, einen Romeo findet man in sich in einem bestimmten Alter, einen Hamlet in einem anderen, aber auf einen Lear läuft es halt irgendwann hinaus. Das ist eine Art Endstation und die ist, folgt man dem Stück, nicht unbedingt aufmunternd.

    ausser dass mir bei Shakespeare die Betrachtung von Detail oder Moment (im Kontext) fast noch wichtiger erscheint, als die grosse Linie.

    Dem würde ich teilweise zustimmen. Detail und Moment dürfen nicht vernachlässigt werden, aber in einem solch kurzen Text läuft es halt zwangsläufig auf die 'große Linie' hinaus. Das betrifft die Details, die zum Finale führen, die also Teil dieser Reise in die Absurdität und in das Nichts sind (wenn man sich der Deutung anschließen möchte), aber auch andere Momente, die im Stück auftauchen, und, wie du geschrieben hast 'sein eigenes Drama im Drama' werden. Ich denke da z.B. an die beiden 'Widerständigen', an Edmund und Cordelia und an ihre so wahrlich unterschiedlichen Lösungen für den eigenständigen, selbst bestimmten Weg. Oder Edmunds Verwechslung von Lust und Liebe, von seiner Unfähigkeit wirklich zu sich durchzudringen. Oder die Rollen des Narren, zunächst als Beobachter und zynischer Kommentator des Lebens, der dann die Position für sich nicht mehr aufrechterhalten kann, wenn er das Sein in seiner schwärzesten Nacht plötzlich miterleben muss. Oder die unfassbare Grausamkeit, die Shakespeare uns zumutet, wenn Gloucester auf offener Bühne geblendet wird. Rückfall in seine 'Titus Andonicus' - Anfänge oder was ist es, dass er so über die Grenze geht?

    Ohne die Tragik, die Erschütterung, die Zerstörung, im Lear das Nichts, würde die Motivation fehlen, sich mit den dramatischen Elementen, die dorthin führen zu beschäftigen.

    Macht man das aber nicht bei jedem Stück, dass man vom Ende her ausgehend die Weichenstellungen sich anschaut, die Warnzeichen, die Bedingungen, die da hinführten. Die sind allerdings im 'Lear' ganz besonders existenziell, das stimmt. Allerdings darf nicht vergessen werden, dass die Deutung um das absurde Nichts herum, nur eine von vielen ist.

    Interessant ist deswegen deine Bemerkung, dass man als Zuschauer sofort ahnt, dass so etwas nicht gut ausgehen kann.

    Wir sind natürlich auch mehr als dreihundert Jahre weiter, kennen die Dramaturgie so vieler anderer Stücke und Filme, kennen die gängigen Märchen und wissen auch, dass es sich um eine Tragödie handelt. Zweifellos spüren wir aber auch, selbst in einer Erstbegegnung mit dem Werk, dass die bewusste Frage zu Beginn, Gefahrenpotential in sich trägt. Letztlich bringen wir als Zuschauer ja auch Erfahrungen aus dem eigenen Leben mit.

    Immer sind unsere Antennen auf "Überleben" ausgerichtet und deswegen bleibt unser Geist an bestimmten Momenten hängen.

    Schön ausgedrückt. Diese Momente, in denen man den Personen oder Menschen auf der Bühne zurufen möchte: Passt auf, das läuft jetzt schief! Oder vielleicht auch nicht. Kann auch sein. Das wiederum hängt von unserer Haltung diesen Figuren gegenüber ab, die natürlich durch unser eigenes Sein und Leben bedingt ist. Und an solchen Punkten beginnen dann die Fragen an uns.

    Ich glaube, dass das allerdings für alle bedeutenden Werke der Kunst und Literatur gilt. Nur finde ich diese 'Details und Momente', diese Knackpunkte, auch diese Widersprüchlichkeiten, diese Notwendigkeit, manches zusammenzuführen, was scheinbar nicht zusammenpasst, um zu einen weiteren Schritt gehen zu können, im 'Lear' in ganz besonderem Maße vorhanden und ganz besonders zwingend.

    :wink:Wolfram

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  • Ein weiterer Gedanke....Was du als "Nichts" empfindest und was ich auch so nachvollziehen kann, könnte ich aber auch als Kastration des Egos** verstehen. Diese kann im Extremfall ins "Nichts" führen, aber es gibt meist positivere Alternativen, nämlich wenn die Person daran wächst oder gar über sich hinauswächst. Ich würde diese Lear Deutung bevorzugen, denn so kann man zB die offen dargestellte Grausamkeit gegen Gloucester verstehen, eben als Kastration, aber auch den Seitenwechsel oder die Einsicht des Albany, und natürlich die menschliche Stärke des Edgar.

    ** Ich glaube das ist ein psychologisches Konzept, weiss nicht mehr genau, woher ich das habe...von einem Carl Jung Anhänger? Die Kastration des Egos hatte ich dort als wichtigen Schritt im Individuationsprozess verstanden.

  • Ein paar kurze Gedanken dazu in der Halbzeitpause. ;)

    Diese 'Kastration des Ego' würde ich als einen Reifungsprozess verstehen, gar nicht einmal hin zu einer Individuation, sondern eher zu einem menschlichem Sein allgemeinerer Art. Gloucester durchläuft ihn, Lear auch. Beide Kinder profitieren sogar noch davon. Nur haben beide die Möglichkeit über sich hinaus zu wachsen? Sie erkennen etwas, aber danach gibt es für sie keine Hoffnung mehr. Nur einer wächst über sich hinaus und das ist ausgerechnet Edmund, der nach dem Kampf mit seinem Bruder Einsicht zeigt und auch noch so handeln kann.

    Was mich auch noch interessiert ist die Frage von Schuld und Bestrafung, durchaus auch im religiösen Sinne. Die Götter, die zu Beginn angerufen werden, tragen noch Namen. Das hört im Verlauf auf. Stattdessen tobt nun die Natur sich aus. Das Religiöse weicht und dafür gewinnt das Unberrschbare immer mehr an Bedeutung. Das aber ist sinnlos, schlägt zu ohne Begründung, ist in sich auch Verneinung.

    Bei Edgar ist die 'Kastration' sicherlich am erfolgreichsten. Zunächst einmal. 'Speak what we feel' wäre schon einmal ein Fortschritt (was Edgar allerdings nur in einer Quelle sagt), aber haben wir als Zuschauer/Leser nicht doch auch erhebliche Zweifel bei ihm. So gut er es meint, wehe, wenn die Verhältnisse oder was auch immer, sich gegen ihn verschwören. Ein Fehler, schnell gemacht, der dann solche Konsequenzen nach sich zieht?

    So weit erstmal Ungeordnetes, denn nun geht es in Dortmund wieder los. Manchmal beugt sich mein Shakespeare - Wahn doch anderen Dingen, v.a. wenn die Engländer beteiligt sind. Grins1

    :wink:Wolfram

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  • Ein tolles Werk...man kann sich lange darüber austauschen. Fussball war aber auch nett :).

    Diese 'Kastration des Ego' würde ich als einen Reifungsprozess verstehen

    Auf jeden Fall liegt darin ein Potential der Reifung oder noch extremer gesehen ist es die Vorraussetzung für eine Reifung. Diese Kastration fälltt grausamer aus, je mehr sie nötig ist. Man érkennt eine Art Hierarchie oder Schweregrad. Und dabei zählt nur ein gewisse Art von Hybris, meine ich. Cordelias unglückselgies Schicksal gehört zB nicht in diese Kategorie.

    Bei Edgar ist die 'Kastration' sicherlich am erfolgreichsten. Zunächst einmal. 'Speak what we feel' wäre schon einmal ein Fortschritt (was Edgar allerdings nur in einer Quelle sagt), aber haben wir als Zuschauer/Leser nicht doch auch erhebliche Zweifel bei ihm. So gut er es meint, wehe, wenn die Verhältnisse oder was auch immer, sich gegen ihn verschwören. Ein Fehler, schnell gemacht, der dann solche Konsequenzen nach sich zieht?

    Ja, Edgar besitz die Fähigkeit sich zu erniedrigen und sich zu wandeln. Selnbstverständlich wissen wir nicht, wie er sich nach dem Drama weiterentwickeln wird, aber innerhalb des Dramas ist er derjenige, der mMn den idealsten Verlauf des Reifungsprozesses aufzeigt. Denn er durchlebt er schwerwiegende äusserliche Umstände mit einer gewissen innerlichen Leichtigkeit und Natürlichkeit. Zweifel habe ich an ihm nicht, jedenfalls kann ich mich nicht erinnern welche gehabt zu haben. Müsste nochmal lesen.....

    dafür gewinnt das Unberrschbare immer mehr an Bedeutung. Das aber ist sinnlos, schlägt zu ohne Begründung,

    Ja, das Unsichtbare gewinnt an Bedeutung und genau das ist ein Teil des Jung'schen Individuationsprozesses - oder nenn es Reifungsprozess - in dem das Unsichtbare das Unbewusste ist, welches uns zum Verhängnis werden kann (aber nicht in jedem Fall tatsächlich wird), solange es unbewusst bleibt. Es bleibt - solange es unbewusst ist - eben unbeherrschbar, wie du sagts, und wirkt seinen Einfluss im Dunkeln... positiven wie negativen Einfluss. Es entzieht sich unseres Bewusstseins und deswegen kann es uns so erscheinen, als ob uns Dinge "passieren", von aussen aufgedrängt werden oder geschenkt werden, wenn das nicht immer tatsächlich so ist. Wenn jemand immer wieder dieselben Fehler macht, wäre ein Beispiel welches wir alle kennen.

    Der Sturm, in dem Lear verrückt wird, kann innerhalb dieses Konzepts ausgelegt werden als ein Hervorbrechen des Unbewussten und Unbeherrschbaren in Lear, also all den Kräften, die er bis jetzt, in seinem Herrscher-Hybris gefangen, verneint hat. Das Unbewusste wird aber nicht wie das menschliche Ego von Logik oder Vernunft regiert, und deswegen wird Lear während der Kastration seines Egos verrückt. In seinem Wahnsinn oder anhand seines Wahnsinns gesundet er aber, eben weil ihm einiges nun endlich bewusst wird, zu dem er vorher keinen Zugang hatte....und erkennt schliesslich die wahre Natur der Liebe angesichts seiner Tochter Cordelia. Ich finde deswegen das Unbeherrschbare nicht sinnlos. Ich finde auch kein Nichts am Ende dieses Dramas, obwohl ich verstehe, wenn es andere finden. Ich selber empfinde hier eine Art Hoffnung in der Darstellung der Dynamik und Relevanz des Reifeprozesses - von aussen nach innen - und mit Wechselwirkung von innen und aussen.

  • Um Missverständnissen vorzubeugen, muss ich doch noch hinzufügen, dass das Ende, während ich es miterlebe, im Moment des Erfahrens also, gefühlsmässig trotz allem eine erschütternde Wirkung auf mich hat - es geht in die Richtung des Endes von Othello. Othello ist aber für mein Gefühl noch erschütternder, da ich dort tatsächlich alles als sinnlos und von einem Abgrund verschlungen empfinde. Kein Körnchen Positives bleibt übrig.

    Interessant ist für mich, dass Verdi Pläne für eine Lear Oper hatte, doch trotz fertiggestelltem Libretto es zu keiner Komposition kam.

  • Fussball war aber auch nett :) .

    :jaja1::jaja1::jaja1:

    Diese Kastration fälltt grausamer aus, je mehr sie nötig ist. Man érkennt eine Art Hierarchie oder Schweregrad.

    Lear hat sicherlich Cordelia immer den beiden Stiefschwestern vorgezogen und bekommt von beiden letztlich die Quittung. Sie wollen und können mit seinem riesigen Tross, der alles durcheinanderbringt, nicht leben. Kann man durchaus verstehen. Ihr Verhalten schlägt erst so richtig um, als Lear sie verflucht und als Edmund eingreift. Bis dahin hätte er es noch alles lösen können. Gut, er hatte diese Reife zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Aber im Moment, als er, durch eigenen Stolz verschuldet, in die Nacht und den Sturm hinausmuss, hätten Kent oder der Narr ihn sich schnappen können und hinsichtlich Cordelias mal ein ernstes Wort mit ihm reden können. Und ich bin mir sicher, dass er das verstanden hätte. Eine Versöhnung mit der jüngsten Tochter hätte nichts im Wege gestanden. Stattdessen geht nun erst sein Martyrium so richtig los. Da fällt es mir schwer, seinen Grad der 'Kastration' in eine Hierarchie einzubetten. Sein Wahn geht ja übrigens schon viel früher los. Kent ist der erste am Ende der Fragerunde und er selber spricht es kurz danach erstmals aus. Das heißt, die Schwere seiner 'Kastration' ist besonders augenfällig und heftig. Warum? Und wer legt das fest? Shakespeare oder ein Schicksal oder ein Gott?

    Interessant in dem Zusammenhang mag übrigens die immer wieder herangeführte Parallele mit Hiob sein.

    aber innerhalb des Dramas ist er derjenige, der mMn den idealsten Verlauf des Reifungsprozesses aufzeigt

    Edgar ist aber innerhalb seines Reifungsprozesses auch nicht der 'Musterknabe'. Er lässt seinen geblendeten Vater durch alle schrecklichen Torturen hindurchgehen (Szene bei den Kreidefelsen), ohne sich jemals zu offenbaren. Das passiert erst ganz am Ende (übrigens nicht coram publico), als sein Vater von einer Versöhnung nichts mehr hat. Und welche Reifung muss er eigentlich durchlaufen? Eigentlich ist er ja unschuldig von Beginn an. Ein bisschen sehr blauäugig zwar, aber Schuld direkt hat er nicht auf sich geladen. Gut, durch den Reifungsprozess wird er zu einem mitfühlenden Menschen, aber war er das vorher nicht auch?

    in dem das Unsichtbare das Unbewusste ist, welches uns zum Verhängnis werden kann (aber nicht in jedem Fall tatsächlich wird), solange es unbewusst bleibt.

    Der Sturm, in dem Lear verrückt wird, kann innerhalb dieses Konzepts ausgelegt werden als ein Hervorbrechen des Unbewussten und Unbeherrschbaren in Lear, also all den Kräften, die er bis jetzt, in seinem Herrscher-Hybris gefangen, verneint hat.

    Das würde in Falle Lears natürlich Spekulationen Tür und Tor öffnen (Warum nicht?), denn welche Qualen toben sich in seinem Unbewussten aus, dass ein solcher Sturm, eine solche Verwirrung in ihm ausgelöst werden kann. Die im Stück geschilderten 'Taten' würden das, denke ich, wohl eher nicht rechtfertigen.

    Ich finde deswegen das Unbeherrschbare nicht sinnlos. Ich finde auch kein Nichts am Ende dieses Dramas, obwohl ich verstehe, wenn es andere finden.

    Das ist natürlich die logische Konsequenz deiner Herleitung, die ja in sich schlüssig ist und einen wirklich interessanten Ansatz bildet. Ich habe heute beim ständigen Nachdenken darüber für mich aber doch gefunden, dass es nicht meine Interpretation ist - was aber nichts bedeutet! Das ist ja wirklich das Zeichen der Größe dieses Werks, dass es so unendlich viele Deutungsmöglichkeiten zulässt, dass die eben alle im Stück selber vorhanden sind. Und wer weiß, wie ich das Stück bei der nächsten Lektüre 'lesen' werde.

    :wink:Wolfram

    "Wieder versuchen. Wieder scheitern. Besser scheitern." (Samuel Beckett)

    "Rage, rage against the dying of the light" (Dylan Thomas)

  • dass das Ende, während ich es miterlebe, im Moment des Erfahrens also, gefühlsmässig trotz allem eine erschütternde Wirkung auf mich hat - es geht in die Richtung des Endes von Othello.

    An den Otello habe ich - interessanterweise - weniger gedacht, was aber durchaus einleuchtend ist. Mir fiel eher das Ende von 'Hamlet' ein. Der Mensch, der in einen vorgegebenen Ablauf (ob der durch Recht oder Unrecht entstanden ist, ist in dem Fall zweitrangig) eingreift und am Ende ein Schlachtfeld hinterlässt. Und auch Lear greift mit seiner Frage ein festgefügtes, ziemlich sicher laufendes Regime an und provoziert damit ein Desaster.

    Othello ist aber für mein Gefühl noch erschütternder, da ich dort tatsächlich alles als sinnlos und von einem Abgrund verschlungen empfinde. Kein Körnchen Positives bleibt übrig.

    Das Gefühl der absoluten Sinnlosigkeit entsteht vielleicht dadurch, dass Jago seine Beweggründe nicht richtig offenbart. Und so sehen sich Desdemona, Otello und alle anderen und eben auch die Zuschauer einer großen Leerstelle gegenüber. Das ist im 'Lear' ein wenig anders, weil Edmund mehr von seinen Verletzungen offenbart und man das Handeln der beiden Schwester zu Beginn durchaus nachvollziehen kann.

    :wink:Wolfram

    "Wieder versuchen. Wieder scheitern. Besser scheitern." (Samuel Beckett)

    "Rage, rage against the dying of the light" (Dylan Thomas)

  • Mal eine erste Verfilmung, in diesem Fall die Aufzeichnung einer Theaterinszenierung, die mich auf einen ganz bestimmten Gedanken brachte.

    King Lear - Gregory Doran
    Royal Shakespeare Company 2016
    Antony Sher, Antony Byrne, Paapa Essiedu, David Troughton

    Das ist, wie bei Gregory Doran eigentlich immer, 'gemäßigtes' Regietheater, modern ohne große Wagnisse. Das mag manchem Zuschauer vielleicht zu wenig sein, aber Doran bietet immer vielfältige Ideen, eine in sich stimmende Wiedergabe des Plots und gute bis sehr gute schauspielerische Leistungen. Um also ein Werk kennenlernen zu wollen, ohne dass die Interpretation angestaubt wirkt, ist mit seinen Arbeiten wunderbar bedient.

    So auch hier. Dieser 'Lear' ist großartig durchdacht, in fast allen Partien sehr gut besetzt (was bei der RSC heute nicht mehr selbstverständlich scheint) und bietet mit Antony Sher einen überragenden, erschütternden Lear an. Er vor allem und auch David Troughton als Gloucester sind wirklich die Ereignisse dieser Produktion. Beide haben Momente, die mich als Zuschauer wirklich zu Tränen gerührt haben.

    Wodurch ich eben auf diesen 'bestimmten Gedanken' kam. Es mag an der Inszenierung liegen, aber bei mir tauchte plötzlich die Frage auf: Wie sieht es bei Shakespeare eigentlich mit dem Mitleid aus? Und zwar nicht das Mitleiden des Zuschauers/Lesers mit den jeweiligen Figuren, sondern mit seinem, mit dem von Shakespeare. Ich glaube, das ist keine Kategorie, die ihn besonders auszeichnete, Mitleid mit den selbst erschaffenden Figuren zu besitzen, hier aber ist es plötzlich da. Shakespeare leidet (scheinbar) mit Lear und Cordelia mit. Die Schlussrede Lears ist für mich sonst in ihrer schmerzhaften Wucht nicht anders zu erklären.

    Aber vielleicht ist das auch nur auf das Spiel von Antony Sher zurückzuführen, vielleicht sollte, darf ein Dramatiker auch kein Mitleid mit seinen Figuren haben. Ich weiß es nicht.

    Jedenfalls ist diese Aufzeichnung es absolut wert, gesehen zu werden. Ein großer Theaterabend.

    :wink:Wolfram

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  • Ich hatte heute morgen noch weitere Gedanken und werde deine Worte hier unten im Zitat zum Anlass nehmen, sie einzubringen:

    Lear hat sicherlich Cordelia immer den beiden Stiefschwestern vorgezogen und bekommt von beiden letztlich die Quittung. Sie wollen und können mit seinem riesigen Tross, der alles durcheinanderbringt, nicht leben. Kann man durchaus verstehen. Ihr Verhalten schlägt erst so richtig um, als Lear sie verflucht und als Edmund eingreift. Bis dahin hätte er es noch alles lösen können. Gut, er hatte diese Reife zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Aber im Moment, als er, durch eigenen Stolz verschuldet, in die Nacht und den Sturm hinausmuss, hätten Kent oder der Narr ihn sich schnappen können und hinsichtlich Cordelias mal ein ernstes Wort mit ihm reden können. Und ich bin mir sicher, dass er das verstanden hätte. Eine Versöhnung mit der jüngsten Tochter hätte nichts im Wege gestanden. Stattdessen geht nun erst sein Martyrium so richtig los. Da fällt es mir schwer, seinen Grad der 'Kastration' in eine Hierarchie einzubetten. Sein Wahn geht ja übrigens schon viel früher los. Kent ist der erste am Ende der Fragerunde und er selber spricht es kurz danach erstmals aus. Das heißt, die Schwere seiner 'Kastration' ist besonders augenfällig und heftig. Warum? Und wer legt das fest? Shakespeare oder ein Schicksal oder ein Gott?

    Interessant in dem Zusammenhang mag übrigens die immer wieder herangeführte Parallele mit Hiob sein.

    Was du hier sagst kann ich gut nachvollziehen. Die "Kastration" erscheint ausser Proportion. Auch die Gewalt an Gloucester erscheint ausser Proportion. Dieser Eindruck kommt zustande, weil wir Theaterbesucher das Bühnengeschehen am realen Leben messen, am heutigen Leben, also an dem, was man heute in Friedenszeiten und vom Zusammenleben in einer europäischen Gesellschaft erwartet. Was Shakespeare auf die Bühne bringt ist davon zweimal entfernt; erstens dadurch, dass es vor langer Zeit in einem sehr viel weniger zivilisiertem Umfeld entstanden ist, in dem zB offiziell gefoltert wurde, und zweitens ist dieses Shakespeare Werk nicht wirklich ein historisches Drama, sondern ein alter Stoff wird mit einem tragischen Ende neu präsentiert. Im "originalen" King Lier, einer pseudohistorischen Erzählung, die zu Shakespeares Zeiten bekannt war, hat das ganze ja ein happy end, das heisst Cordelia und Lear gehen aus der Schlacht siegreich hervor und nehmen die Herrschaft über das britische Reich wieder an sich.

    Das neue, von Shakespeare erfundene tragische Ende ist mMn ein Beleg dafür, dass Shakespeare etwas in der Lebensgeschichte des Lear beschäftigt und dann inspiriert haben muss, um sie so wesentlich mit dem tragischen Ende zu belasten. Es muss also etwas geben, dass so gravierend im Argen ist, dass es solche extremen Konsequenzen nach sich ziehen kann - immer im Blick behalten aber, dass es eben auch andere Zeiten waren und der "originale" King Leir dann nochmal früher angelegt war, so etwa um 800 BC.

    Demnach würde ich dann die Unverhältnismässigkeiten als dramaturgisches Mittel verstehen, um auf ein Problem in der menschlichen Psyche aufmerksam zu machen, welches zunächst unscheinbar erscheint, aber tatsächlich das einzige Problem ist, auf das alles, was wir Menschen anrichten zurückzuführen ist. Nämlich die Unfähigkeit zu lieben.

    Hinzufügen wollte ich meinen Kommentaren zur Kastration des Egos als Teil eines Reifeprozesses, dass man natürlich im realen Leben einen Unterschied machen muss zwischen psychologischen und körperlichen Gewalthandlungen oder Misshandlung durch andere und "normalen" negativen Erfahrungen, welche einem gesunden Reifeprozess fördern können. Man würde also real Vorkommnisse wie die Folterung des Gloucester ganz anders einordnen, nämlich als Misshandlung, welche in einem normalen menschlichen Reifeprozess keinen Platz hat. Aber in einem Drama auf der Bühne könnte man solche Darstellungen im übertragenen Sinne zur Verdeutlichung psychologischer Inhalte deuten.

    Andererseits könnte man den Schicksalsweg des Lear bei Shakespeare auch als Beispiel dafür ansehen, wie ein Mensch völlig ausser Proportion und fast ohne Sinn von den Göttern oder Naturgewalten als Marionette für übergeordnete Ziele eingesetzt wird. Oder dass das Leben eben sinnlos ist und man keine Konttolle darüber hat. Das wäre dann also so eine Art Hiob-Geschichte, wie du sagst. Nur als Hiob Geschichte...was wären dann die Ziele der Götter/Naturgewalten? Wir haben ja hier bei Lear kein positives Ende oder keine Moral, wie bei Hiob. Es wäre also doch alles absolut zufällig und sinnlos, was den Menschen hier geschieht.

    Edgars allerletze Äusserung spricht gegen eine Fremdbestimmung, als er sagt, speak what we feel, not what we ought to say. Er schlägt damit den Bogen zu dem Moment zu Beginn, der die tragischen Geschehnisse auslöst. Damit ist für mich gegeben, dass Shakespeare ganz am Ende auf diese Kausalität hinweisen möchte und damit ist für mich eigentlich klar, dass Shakespeare der Geschichte eine Moral und einen Sinn zuweist. Nämlich, wenn du gewusst hättest, was Liebe ist, dann wäre das alles nicht geschehen.

  • Ich wollt' ja schon länger was dazu schreiben, und jetzt steht so viel da...
    OK: 1. Lieferung

    Cordelia hingegen verweigert die Dressur und wird entsprechend bestraft. Egal wer sie bekommt, aus den Augen aus dem Sinn soll sie verschwinden.

    Verweigert sie sie wirklich? Verweigern würde bedeuten, dass sie nicht schmeicheln WILL, sie also Ihrem Vater Paroli bietet, den Konflikt bewusst sucht. Lears Raktion DARAUF ist zwar überzogen, wäre dann aber immerhin verständlich. Hat sie Shakespeare aber nicht ganz anders gezeichnet? Als Unschuld und Aufrichtigkeit in Person, als wahre Naive, ohne jegliche Eloquenz? So kann sie gar nichts verweigern. Sie KANN nicht schmeicheln ('What shall Cordelia speak? Love, and be silent.'). Und, weil sie ihren Vater vermutlich besser kennt ('What shall Cordelia speak?'), als der unvorbereitete Zuschauer in dieser Szene: mit dem deutlichen Wort "Opfer" auf der Stirn? Was sich in der Reaktion des Vaters ja unmittelbar bewahrheitet?
    Ja ich weiß: In der einschlägigen Literatur gibt es darüber Spekulationen unterschiedlichster Art, Inzestversuch z.B., warum sie so reagiert, wie sie reagiert. Aber was nicht im Stück steht, ist genau das: Spekulation.

    Die bösen Stiefschwestern machen das Rennen und der Zuschauer quasi gleich mit, ahnt dieser doch, wie alles ablaufen wird, bevor noch die 'Siegerinnen' ein erstes Mal die Köpfe zusammenstecken. Dass das schiefgehen wird, dass hier der Keim zu einem Unglück angelegt wurde, das ist zu erahnen.

    Wir sind natürlich auch mehr als dreihundert Jahre weiter, kennen die Dramaturgie so vieler anderer Stücke und Filme, kennen die gängigen Märchen und wissen auch, dass es sich um eine Tragödie handelt. Zweifellos spüren wir aber auch, selbst in einer Erstbegegnung mit dem Werk, dass die bewusste Frage zu Beginn, Gefahrenpotential in sich trägt. Letztlich bringen wir als Zuschauer ja auch Erfahrungen aus dem eigenen Leben mit.

    Ja genau! Aber das, was wir kennen, legt eigentlich was anderes nahe... (Ausser natürlich das Framing im Wort 'Tragedy' im Titel der Folio-Ausgabe. Im Quarto-Text steht nur 'History')

    Der zeitgenössische Zuschauer, für den das Stück geschrieben wurde (oder ein heutiger, der es nicht kennt), muss das nicht erahnen, weder, wie das alles ablaufen wird, noch daß das zwangsläufig in der Katastrophe enden muß. Das (mehrfach verfilmte) slowakische Volsmärchen "Salz ist kostbarer als Gold" und auch Aschenputtel (oder das weitaus logischere Cinderella) und andere Märchen dieses Typus haben das nämliche Setting und gehen gut aus. Der King Lear-Stoff ist seit dem 12. JH. bekannt (Historia Britanniae von Geoffrey of Monmouth) und endet ebenfalls positiv, wie auch spätere Versionen des Stoffes: Die unmittelbaren Quellen Shakespeare waren die Chronicles of England, Scotland, and Ireland von Raphael Holinshed, eine Dramatisierung mit dem Titel Chronicle History of King Leir und zwei weitere (plus eine für die Gloucester-Nebenhandlung). Bei Holinshed werden die undankbaren Schwestern von Codelias Mann besiegt und Lear erhält seinen Thron zurück und nach ihm regiert Cordelia. Shakespeare ist der Erste, bei dem alles in der Katastrophe endet.

    Wir "ahnen" das nur, weil wir das Stück kennen.

    Und auch er [Gloucester] hat nichts gelernt, fällt auf den einen rein, verdammt den anderen.

    Wo in dem bisherigen Verlauf des Stückes hätte er (und auch sein Sohn Edgar) denn lernen können, daß die blanke Behauptung nicht reicht für eine Verurteilung? OK: bereits in der Antike war man juristisch schon weiter. Insofern: Auf den ersten Blick (s. aber unten) sind beide einfach nur doof, wenn auch mit fatalen Folgen. Außer: Edgar hätte seinem Vater schon früher Anlaß zu Misstrauen gegeben - wissen wir aber nicht, und was nicht im Stück vorkommt, ist Spekulation. Es ist aber eine beliebte Technik im Drama, auf eine unbewiesene Behauptung hin auf die Schnelle einen Konflikt herbeizuführen - Die Räuber, Othello... Sogar der Tamino glaubt alles, was ihm der jeweils letzte erzählt. Ein Ausweg wäre, miteinander zu reden. Das ist aber nicht im Sinne des Autors, denn dann gäb's keinen Konflikt - oder, in der Kommödie, Missverständnisse, die zu ewigen Verwicklungen führen. Wenn die Protagonisten in Rosamunde Pilcher-Filmen in den ersten zwei Minuten miteinander reden würden, wär der Film an dieser Stelle aus...

    Wenn andererseits der Gloucester die Anschuldigungen Edmunds lege artis hätte untersuchen wollen (statt sie einfach nur für bare Münze zu nehmen: 'hat nichts gelernt'), und in der Umkehrung Edgar die "guten" Ratschläge seines Halbbruders, dann wäre das ein eigenes Stück geworden, wie beim Dorfrichter Adam, nicht eine Parallelhandlung, die Shakespere nur nutzt, um durch die Doppelung den Konflikt als solchen zu unterstreichen. Für den isolierten King-Lear-Plot wäre diese Parallelhandlung zum Fortgang des Dramas an sich nicht erforderlich.

    Und auch Lear redet viel, viel zu viel, wie er das fast das ganze Stück hindurch so halten wird.

    hmmm...

    Ich glaub, das halten alle Protagonisten auf dem Theater so, oder..?

    So wie Edmund verweigert auch Cordelia das Reden, die Ausschmückung, denn Worte stellen sich vor den wahren Sinn, verschleiern Absichten, sie lügen, zumindest verführen sie dazu.

    Nur weil der Edmund in der ersten Szene etwas wortkarg ist, verweigert er nicht das Reden. Ganz im Gegenteil: Um an sein Ziel zu gelangen, redet er ununterbrochen, schmückt er seine fake storys aus ohne Ende, verschleiert wortreich, was er vorhat und lügt dafür wie gedruckt. Zur Cordelia s.o.

    Der wahnsinnige König, der Narr, der den Wahnsinn Spielende, der Blinde - eine Ansammlung der Hilflosen, der Gescheiterten

    Der Narr ist weder hilflos, noch gescheitert, und er könnte jederzeit gehen und sich einen anderen Job suchen. Tut er auch im 3. Akt - französisch.... Hilft den König fortzutragen und kommt nicht wieder. Bis dahin darf er aber nicht gehen, denn er macht genau das, was seine Aufgabe als Narr ist: der Welt im Allgemeinen und Lear im Besonderen den Spiegel vorzuhalten. Er ist der Kommentator - keine Person, die die Handlung voranträgt, nicht als Held, nicht als Bösewicht und auch nicht als Opfer. Insofern kann er auch nicht scheitern.

    Der den wahnsinnigen Spielende macht das, um sein Leben zu retten. Er ist nur temporär hilflos und gescheitert. Rad der Fortuna - das kommt im Stück mehrfach vor (zuletzt von Edmund: 'The wheel is come full circle; I am here.').

    Das ist grotesk, das ist absurd - das ist Samuel Beckett.

    Klar. King Lear war ja auch die Inspiration für Endspiel

    Er kann hassen, unbändig und ohne Zögern, aber er kann auch lieben. Cordelia und sein Abschied von ihr!

    Tut er das? Lear ist ein Narziss, wie er im Buche steht: Lebt, solange er die Macht hat, in einer selbstgeschaffenen Blase von Schmeichlern, akzeptiert keinen Widerspruch und keine Kritik und bestraft wiederholt vorgetragene Kritik völlig unangemessen, verflucht die Urheber seiner Misere auf das grausamste, ohne sich Rechenschaft darüber abzuglegen, inwieweit er an seiner Lage vielleicht auch selbst Verantwortung trägt und ergeht sich in grenzenloses Sebstmitleid bis zum Wahnsinn. Ob und wie weit er sich darin durch seine Erfahrungen im Verlauf des Stückkes gebessert hat, bleibt offen. Wir können daher nicht wissen, ob seine Trauer über Cordelias Tod echtes, tiefes Gefühl ist oder nicht einfach nur eine letzte Selbstinszenierung...


    Edgar, vom blassen Jüngling zum Mann, zum Menschen gereift, bleibt zurück,

    Ich finde nicht, daß das Stück eine derartige Entwicklung nahelegt. Es gibt im 1. und 2. Akt nur die kurzen Wortwechsel mit Edmund, die legen nicht viel vom Innenleben Edgars dar. In II/3 überlegt er, wie er sein Leben retten kann und in III sehen wir die der Situation geschuldete Umsetzung - auch nicht sonderlich aussagefähig über seine Reife, ausser vielleicht das: '[Aside.] My tears begin to take his part so much, they mar my counterfeiting' (beiseit. Meine Tränen nehmen so Partei für ihn, daß sie mein Spiel verderben.) - er befürchtet, aus seiner selbsgewählten Rolle zu fallen. Und senen Monolog kurz darauf am Ende der (6.) Szene. Das sind die ersten Stellen, besonders letztere, wo wir etwas darüber erfahren, wie Edgar denkt und fühlt.


    Oder die unfassbare Grausamkeit, die Shakespeare uns zumutet, wenn Gloucester auf offener Bühne geblendet wird. Rückfall in seine 'Titus Andonicus' - Anfänge oder was ist es, dass er so über die Grenze geht?

    Antike Dramentheorie? Katharsis? Erzeugen von großen Emotionen beim Publikum?

    Nur finde ich diese 'Details und Momente', diese Knackpunkte, auch diese Widersprüchlichkeiten, diese Notwendigkeit, manches zusammenzuführen, was scheinbar nicht zusammenpasst, um zu einen weiteren Schritt gehen zu können, im 'Lear' in ganz besonderem Maße vorhanden und ganz besonders zwingend.

    Was genau meinst Du damit? Welche Widersprüchlichkeiten? Und was muss zusammengeführt werden, was offensichtlich nicht zusammenpasst damit es weitergeht? In meiner Oxford-Ausgabe der Complete Works wird das Stück mit 'clear-eyed' charakterisiert und ich empfinde das ebenso. Klar, die Konflikte eskalieren bis zum showdown zwischen Edmund und Edgar, aber doch stets nachvollziebar und straight forward?

    So, jetzt muss ich erst mal wieder weiterlesen...

    viele Grüße

    Bustopher


    Wenn ein Kopf und ein Buch zusammenstoßen und es klingt hohl, ist denn das allemal im Buche?
    Georg Christoph Lichtenberg, Sudelbücher, Heft D (399)

  • Nämlich die Unfähigkeit zu lieben.

    Ein wichtiger Punkt, der ja aber nicht alle gleichmäßig betrifft. Edgar kann lieben, Cordelia kann lieben, Kent kann lieben. Sie können es nur nicht entsprechend äußern. Auf der anderen Seite dann Edmund, der Liebe und Lust verwechselt und die Töchter mit ihrer Vernunftehe und ihrem Verhältnis zu Edmund. Gloucester macht hier eine gewisse Wandlung durch, in dem er seine Liebe zu Edgar, wie auch immer die zuvor ausgesehen hat, wieder findet und dann Lear selbst, der in der Schlussrede wirklich Liebe zeigt.

    Nur als Hiob Geschichte...was wären dann die Ziele der Götter/Naturgewalten? Wir haben ja hier bei Lear kein positives Ende oder keine Moral, wie bei Hiob. Es wäre also doch alles absolut zufällig und sinnlos, was den Menschen hier geschieht.

    Die Parallele geht in der Tat nicht ganz auf. Im 'Lear' gibt es eben dieses namenlose, schweigende Gegenüber, dass später ja auch nicht mehr mit Namen angeredet wird und dem man völlig ausgeliefert ist, wie es ihm gefällt. Von daher ist es eben wirklich 'alles absolut zufällig und sinnlos, was den Menschen hier geschieht'.

    :wink:Wolfram

    "Wieder versuchen. Wieder scheitern. Besser scheitern." (Samuel Beckett)

    "Rage, rage against the dying of the light" (Dylan Thomas)

  • "Kastration des Ego"

    Ich hab's mal gegoogelt. Es gab bei Google genau zwei Treffer, einer davon ist dieser Thread, der andere in einem anderem Forum, aber dort als flapsige Bemerkung. Bei einer erneuten Suche etwas später kam als einziger Treffer nur noch dieser Thread. Andere Suchmaschinen lieferten gar keinen Treffer. Für ein Psychoanalytisches Konzept, gar aus dem Umfeld von C.G.Jung ist das ein bisschen wenig.

    Aber egal. Euch ist offenbar völlig klar, was Ihr damit meint, und wieso das für einige Figuren im Lear relevant sein soll, mir aber nicht. Ich versuche mal in eigenen Worten auszudrücken, was ich mir unter diesem Begriff vorstellen könnte:

    Die "Kastration des Egos" bezieht sich auf einen Prozess, in dem man sein Ego bzw. seinen übermäßigen Stolz reduziert bzw. kontrolliert, um eine für das menschliche Miteinander ausgeglichene Perspektive auf sich selbst und andere zu entwickeln. Es geht darum, sich von egoistischen Motiven und Verhaltensweisen zu lösen und mehr Mitgefühl und Verständnis für andere zu entwickeln.

    Ist es das, was Ihr meint?

    viele Grüße

    Bustopher


    Wenn ein Kopf und ein Buch zusammenstoßen und es klingt hohl, ist denn das allemal im Buche?
    Georg Christoph Lichtenberg, Sudelbücher, Heft D (399)

  • Erstmal Dank an dich, lieber Bustopher, für die ausführliche (erste) Antwort mit all den zu meinen Ideen kontroversen Sichtweisen. Worüber ich mich sehr freue.

    Verweigert sie sie wirklich? Verweigern würde bedeuten, dass sie nicht schmeicheln WILL

    Hat sie Shakespeare aber nicht ganz anders gezeichnet? Als Unschuld und Aufrichtigkeit in Person, als wahre Naive, ohne jegliche Eloquenz?

    Der Text macht das nicht klar, der ist da überhaupt nicht eindeutig. In der Regel wird Cordelia als die schüchterne, ängstliche Person gezeichnet, die mit der Situation überfordert ist. Man kann sie aber auch ganz anders anlegen und auch das geht auf. Persönlich finde ich den Blick auf Cordelia als starke Widerspenstige viel interessanter, aber dazu mehr weiter unten.

    ('What shall Cordelia speak? Love, and be silent.'). Und, weil sie ihren Vater vermutlich besser kennt ('What shall Cordelia speak?'), als der unvorbereitete Zuschauer in dieser Szene: mit dem deutlichen Wort "Opfer" auf der Stirn?

    Cordelia hat mehr Liebe von ihrem Vater genossen, als ihre Schwestern, was auch immer Lear unter Liebe verstand. Man kann diese Zeilen aber auch so lesen, dass sie eben nicht 'Opfer' auf ihrer Stirn geschrieben hat, sondern dass sie die Tochter ihres Vaters ist, ebenso stark und dominant und sich in dem Moment fragt, was der ganze Unsinn soll und sie dieses Spiel nicht mitspielt. Sie spricht von sich in diesem Moment übrigens in der dritten Person, als würde der Vater ihr eine Rolle aufzwingen, die sie nicht zu erfüllen bereit ist.

    Ich glaub, das halten alle Protagonisten auf dem Theater so, oder..?

    Lear ist einer der wenigen Hauptfiguren bei Shakespeare, die keinen Monolog sprechen. Er redet sehr viel, vor allem im Wahn, aber er offenbart sich nie (es sei denn, man versteht die Schlussrede als eine Art Monolog), findet trotz all der Worte, die er spricht, nie zu sich, umkreist sein eigenes Sein damit quasi immer nur. Und es ist insgesamt eine Riesenrolle, was den Sprachanteil angeht.

    Der zeitgenössische Zuschauer, für den das Stück geschrieben wurde (oder ein heutiger, der es nicht kennt), muss das nicht erahnen, weder, wie das alles ablaufen wird, noch daß das zwangsläufig in der Katastrophe enden muß.

    Wir "ahnen" das nur, weil wir das Stück kennen.

    Das ist richtig und das habe ich später auch noch richtig gestellt. Im ersten Text ist das missverständlich ausgedrückt.

    Wo in dem bisherigen Verlauf des Stückes hätte er (und auch sein Sohn Edgar) denn lernen können, daß die blanke Behauptung nicht reicht für eine Verurteilung?

    Das ist aber nicht im Sinne des Autors, denn dann gäb's keinen Konflikt - oder, in der Kommödie, Missverständnisse, die zu ewigen Verwicklungen führen.

    Natürlich braucht das Stück diesen Konflikt, aber der zeigt schließlich, dass Gloucester, trotz seines hohen Alters, obwohl er seine beiden erwachsenen Söhne lange genug um sich herum hat, eben nichts gelernt hat im Sinne, dass er seine Kinder nicht kennt und dass er auf das erste Gerücht hereinfällt. Klug oder geradezu weise geworden, ist er im Laufe seines Lebens nicht unbedingt.

    Nur weil der Edmund in der ersten Szene etwas wortkarg ist, verweigert er nicht das Reden. Ganz im Gegenteil: Um an sein Ziel zu gelangen, redet er ununterbrochen, schmückt er seine fake storys aus ohne Ende, verschleiert wortreich, was er vorhat und lügt dafür wie gedruckt.

    Aber Edmund verweigert das Reden auf Aufforderung hin, ähnlich wie Cordelia. Das ist der Punkt. Beide verweigern sozusagen die Aussage, lassen eine Leerstelle zurück, die von ihren jeweiligen Vätern gefüllt werden muss.

    Der Narr ist weder hilflos, noch gescheitert, und er könnte jederzeit gehen und sich einen anderen Job suchen. Tut er auch im 3. Akt - französisch....

    Auf welche Art er verschwindet, bleibt unklar. Er ist einfach weg. Dass mit Lears 'And my poor fool is hanged' (ich hoffe, es so richtig - zitiert aus dem Gedächtnis) nicht der Narr gemeint ist, sondern er liebevoll Cordelia meint, ist wohl ziemlich unbestritten. Wir wissen also nicht, was mit ihm geschieht. Aber dass er in der Situation auf der Heide mit seinem Latein auch ziemlich am Ende ist, dass er helfen möchte und es nicht kann, dass er dort zu einem ähnlich Betroffenen wird, macht ihn für mich schon zu einem Hilflosen und auch Gescheiterten.

    Selbst wenn er später die Flucht ergreift, so wird ihm die Erfahrung bleiben, dass auch er in einem Moment allem hilflos ausgeliefert war.

    Er ist der Kommentator - keine Person, die die Handlung voranträgt, nicht als Held, nicht als Bösewicht und auch nicht als Opfer. Insofern kann er auch nicht scheitern.

    Sein Beruf ist es, den König zu unterhalten und zu zerstreuen. Und selbst wenn wir seine Rolle auf diese Funktion reduzieren, ist er sicherlich gescheitert. Aber er hat eben zu 'nuncle' noch eine darüber hinaus gehende Beziehung, die sich auch darin zeigt, dass er nicht schon vorher 'Fersengeld' gegeben hat.

    Der den wahnsinnigen Spielende macht das, um sein Leben zu retten. Er ist nur temporär hilflos und gescheitert.

    Temporär - das kann Edgar in dieser Situation nicht wissen. Auch er ist an einem Tiefpunkt angelangt, von dem er nicht weiß, ob er ihn jemals überwinden kann.

    Tut er das? Lear ist ein Narziss....

    Ob und wie weit er sich darin durch seine Erfahrungen im Verlauf des Stückkes gebessert hat, bleibt offen. Wir können daher nicht wissen, ob seine Trauer über Cordelias Tod echtes, tiefes Gefühl ist oder nicht einfach nur eine letzte Selbstinszenierung...

    Alles richtig, was du über seinen Charakter schreibst. Was aber seine Trauer über Cordelias Tod angeht... Selbstinszenierung oder wirkliche Trauer? Das würde ich, wie Cordelias Äußerungen zu Beginn, der Interpretation überlassen. Man kann es sicherlich so oder so sehen oder spielen. Für meinen Teil sehe ich das als ergreifende Trauer, aber wie gesagt...

    Es gibt im 1. und 2. Akt nur die kurzen Wortwechsel mit Edmund, die legen nicht viel vom Innenleben Edgars dar.

    Hat er das zu dem Zeitpunkt denn überhaupt? Vielleicht ist die Kargheit auch Programm, vielleicht war das genau Shakespeares Absicht. Frage der Interpretation.

    Antike Dramentheorie? Katharsis? Erzeugen von großen Emotionen beim Publikum?

    Das wäre mir zu wenig. Shakespeare hat seit seiner Frühzeit (Titus, Henry VI.) auf solche Praktiken verzichtet und kommt nun plötzlich wieder darauf zurück. Die Versöhnung Gloucesters mit Edgar und sein Tod finden hinter der Bühne statt, da hätte er große Emotionen ausspielen können. Die Szene der Blendung ist auch eher eine des großen Ekels (ok, vielleicht aus heutiger Sicht), aber Shakespeare wäre nicht Shakespeare, wenn er auf solche kruden Theatermittel zu der Zeit noch zurückgreifen müssen.

    Aber vielleicht irre ich mich und er wollte wirklich dem Affen (oder Theaterpublikum) ein wenig Zucker geben.

    Was genau meinst Du damit? Welche Widersprüchlichkeiten? Und was muss zusammengeführt werden, was offensichtlich nicht zusammenpasst damit es weitergeht?

    Auch das habe ich in meiner Antwort wohl missverständlich ausgedrückt. Es ging dabei nicht um die Fortentwicklung der Geschichte, sondern um mögliche Interpretationen. Ein Beispiel an das ich dachte, wäre dabei die Ausgangslage (in meiner Sicht) von Cordelia und Edmund. Die Widerspenstigen, wie ich sie nannte, die mit ihrer Sonderrolle (geliebt und ungeliebt) dann sehr unterschiedlich umgehen. Oder eben, wurde schon erwähnt, die Blendung, das Auftauchen von Natur im Stück oder das Ausklammern des Privaten (es gibt wenig intime Szenen zwischen zwei Protagonisten), die Rolle der Frauen (aktiv auf der Bühne oder nur erwähnt) oder die Positionen der Ehemänner. Aber das sind alles weitere Interpretationsansätze, die eben unabhängig von der Handlungsebene möglicherweise bedeutsam sein können.

    :wink:Wolfram

    "Wieder versuchen. Wieder scheitern. Besser scheitern." (Samuel Beckett)

    "Rage, rage against the dying of the light" (Dylan Thomas)

  • Ist es das, was Ihr meint?

    Ich schrieb ja schon, dass ich unter 'Kastration des Egos' einen Reifungsprozess verstehe. Rosamunde sieht es, glaube ich, ein wenig anders, aber letztlich haben wir das ja schon bei bestimmten Personen diskutiert.

    :wink:Wolfram

    "Wieder versuchen. Wieder scheitern. Besser scheitern." (Samuel Beckett)

    "Rage, rage against the dying of the light" (Dylan Thomas)

  • Gerade mal ans Ende gesprungen:

    Gloucester macht hier eine gewisse Wandlung durch, in dem er seine Liebe zu Edgar, wie auch immer die zuvor ausgesehen hat, wieder findet

    Macht man eine Wandlung durch, wenn man darüber aufgeklärt wird, daß man betrogen wurde und einen Fehler gemacht hat? Abgesehen natürlich von der Einsicht, einen Fehler gemacht zu haben und man diesbezüglich hinterher klüger ist als vorher? Bei Gloucester kommt noch hinzu, daß er erkennt, Schuld auf sich geladen zu haben, die er in seiner aktuellen Situation nicht (mehr) ungeschehen machen kann. Ist das bereits eine Wandlung? Ist Erkenntnis Wandlung? Und wenn wir diese mal als Arbeitshypothese stehen lassen: Worin besteht diese Wandlung dann? Abgesehen von seiner Reaktion auf die Verleumdungen Edmunds verhält er sich das ganze Stück hindurch (aus der Erzählperspektive, Regan, Goneril und Cornwall sehen das anders) doch ehrenhaft? Wird für seinen Einsatz für den König sogar in seinem eigenen Haus geblendet und aus seinem eigenen Haus geworfen... *)

    *) ob das in real life in der Handlungszeit so einfach und ohne Widerstand der Gefolgsleute Goucesters möglich gewesen wäre...?


    Und nochmal schnelle Blütenlese (ich kann grad nicht so schnell alles lesen, nachdenken und antworten...):

    Auf welche Art er verschwindet, bleibt unklar. Er ist einfach weg. Dass mit Lears 'And my poor fool is hanged' (ich hoffe, es so richtig - zitiert aus dem Gedächtnis) nicht der Narr gemeint ist, sondern er liebevoll Cordelia meint, ist wohl ziemlich unbestritten. Wir wissen also nicht, was mit ihm geschieht. Aber dass er in der Situation auf der Heide mit seinem Latein auch ziemlich am Ende ist, dass er helfen möchte und es nicht kann, dass er dort zu einem ähnlich Betroffenen wird, macht ihn für mich schon zu einem Hilflosen und auch Gescheiterten.

    Selbst wenn er später die Flucht ergreift, so wird ihm die Erfahrung bleiben, dass auch er in einem Moment allem hilflos ausgeliefert war.

    Nein, nicht allem, nur dem schlechten Wetter. Und dem Umstand, daß sein König offensichtlich verrückt geworden ist. Einem Verrückten kann man keinen satirischen Spiegel vorhalten, damit dieser sein Verhalten reflektiert. Was soll er denn Sinnvolles sagen auf unzusammenhängende Selbstgespräche wie

    Zitat

    LEAR No, they cannot touch me for coining. I am the King himself. [...] Nature’s above art in that respect. There’s your press money. That fellow handles his bow like a crow-keeper: draw me a clothier’s yard. Look, look, a mouse! Peace, peace, this piece of toasted cheese will do’t. There’s my gauntlet; I’ll prove it on a giant. Bring up the brown bills. O, well flown, bird! i’ the clout, i’ the clout. Hewgh! Give the word.

    als Lear ('fantastically dressed up with flowers') wieder auftaucht? Sein weiteres "Dasein" ist daher sinnlos und Shakespeare lässt ihn bei erster passender Gelegenheit verschwinden.

    Und nein, er ist kein Betroffener, er steht ausserhalb der Geschichte. Wenn man ihn wegließe, würde das niemand bemerken, der das Stück nicht kennt. Scheitern könnte er nur, wenn er eine eigene Funktion für den Fortgang der Geschichte hätte.

    Aus welcher seiner (des Narren) Äusserungen auf der Heide entnimmst Du, daß er helfen möchte und und nicht kann (jenseits der physischen Unbill, der sie auf der Heide alle ausgeliefert sind)?

    Rest: d'accord.

    viele Grüße

    Bustopher


    Wenn ein Kopf und ein Buch zusammenstoßen und es klingt hohl, ist denn das allemal im Buche?
    Georg Christoph Lichtenberg, Sudelbücher, Heft D (399)

  • Ist es das, was Ihr meint?

    Ich schrieb ja schon, dass ich unter 'Kastration des Egos' einen Reifungsprozess verstehe. Rosamunde sieht es, glaube ich, ein wenig anders, aber letztlich haben wir das ja schon bei bestimmten Personen diskutiert.

    :wink:Wolfram

    Als Teil eines Reifungsprozesses. Ich geh' da mit Roasmunde konform. Aber im Groben glaube ich, sind wir uns einig. Ihr mögt das bei einigen Personen bereits diskutiert haben, aber sowohl was die Anwendung des Begriffs auf die Figuren des Stückes betrifft als auch deren mutmaßliche Reifung ich sehe grundsätzlich anders.

    Wie der Begriff nahelegt: Das ist ein selbstbestimmter Schritt (Kastration des Egos, des Ichs!), nicht etwas, was dem Protagonisten von aussen angetan wird oder einfach "passiert". Wenn Karl V. nach dem Fürstenaufstand von 1552 und dem darauf folgenden Augsburger Religionsfrieden sich in seiner Religionspolitik und seinem Universalitätsanspruch gescheitert sah, und daraufhin als König von Kastilien, Aragon, Sizilien, Neapel und der Kolonien und als Kaiser des HRR abdankte und sich für seine letzten Lebensjahre in ein Landhaus neben dem Kloster San Jerónimo de Yuste zurückzog, dann kann man diese Aufgabe der Macht als Kastration des Egos bezeichnen. Wenn Edgar von seinem Vater unschuldig verfolgt wird, ist das kein selbstbestimmter Schritt, den das Opfer tut, um ein besserer Mensch zu werden, der weiteren Entwicklung nicht im Weg zu stehen oder im schlechtesten Fall aus Resignation. Es geschieht ihm. Bei Lear ist es nicht ganz so klar, denn wir kennen das Motiv zur Reichsteilung nicht - wie gesagt: Er ist ein Narziss. Lear verläßt Goneril und Regan zwar selbstbestimmt, aber im Zorn und zieht sich nicht in die Heide zurück, um zu büssen und innerlich zu wachsen. Edgar versteckt sich vor Verfolgung, er hat keine andere Option. Insofern halte ich die Anwedung des Begriffs hier per se für ungeeignet. Bei Gloucester bin ich mir nicht ganz sicher. Wir treffen ihn auf der Heide wieder, mit der Absicht, in Dover vom Felsen zu springen. Diesen Entschluss und seine (vereitelte) Umsetzung könnte man evtl.(!) als Kastration des Egos bezeichnen, auch wenn er ganz offensichtlich nicht der Reifung dient, sie wegen des finalen Charakters der (geplanten) Tat ja sogar unmöglich macht.

    Damit zum Problem der Reifung selbst. Reift Lear? Bei Goneril, bei Regan und später auf der Heide tobt er sich aus, ergeht sich in grenzenlosem Selbstmitleid und wird schließlich verrückt. Bis dato kann man keine Reifung konstatieren. Bleibt die Frage, ob er gegen Ende des Stückes gereift ist. Darauf gibt das Stück keine Antwort, nicht einmal, ob er bei seinem Tod nicht immer noch (oder wieder) verrückt ist. Ich gebe Dir recht, daß es dem Betrachter überlassen bleibt, welche Antwort dieser gerne hätte. Keine davon lässt sich aus dem Stück belegen.

    Reift Edgar? Für mein Dafürhalten agiert er von seinem Monolog in III/3 (Folio) bis zum letzten Vierzeiler des Stückes (die unpräzise Tieck/Baudissin-Übersetzung lässt ihn allerdings Albany aufsagen) nachvollziehbar, verständig, aufrichtig und menschlich, dort wo er selbst ist und nicht zum Selbstschutz die Rolle des armen Tom spielt. Das ist nicht er, das ist eine Kunstfigur, die nur bedingt in ihrem Handeln Rückschlüsse auf ihn zulässt. Seine Auftritte mit seinem Bruder erlauben meiner Meinung nach wie gesagt keine Aussagen über seinen Charakter:

    Hat er das [Anm.: ein Innenleben] zu dem Zeitpunkt denn überhaupt? Vielleicht ist die Kargheit auch Programm, vielleicht war das genau Shakespeares Absicht. Frage der Interpretation.

    Natürlich hat er, wie alle anderen Figuren auch, ein Innenleben (ok, sagen wir: Charakter, passt vielleicht besser), sonst wäre er ein Holzklotz ohne Gefühle. Die "Vielleichts" sind mir aber zu spekulativ. Klar ist die Kargheit Programm: In den beiden raschen Dialogen mit seinem Bruder ist kein Platz für Reflektion, die uns vielleicht (schon wieder!) etwas über ihn verraten könnten. Und auch nach den Dialogen gibt es keinen Edgar-Monolog: beim ersten Mal drängt ihn Edmund sich zu entfernen ("But faintly; nothing like the image and horror of it: pray you, away!"), beim zweiten Mal drängt er ihn zur Flucht ("I hear my father coming:—pardon me; In cunning I must draw my sword upon you: Draw: seem to defend yourself: now quit you well. Yield: come before my father. Light, ho, here! Fly, brother. Torches, torches!—So farewell."). Also: keine Hinweise auf Edgars Verfasstheit. Selbstverständlich kann man sagen: Ich hätt's gerne, wenn er zwischen II/1 und II/3 zum Manne reift, aber eine Notwendigkeit hierfür ergibt sich aus dem Text nicht. Mir ist natürlich klar, daß die Annahme, daß er auch schon vor II/3 so ist, wie nachher, genausowenig belegt werden kann, wie das Gegenteil. Ich seh' nur keinen Hinweis auf eine Entwicklung, insofern halte ich die Annahme einer solchen Entwicklung für etwas willkürlich. Persönliche Sicht der Dinge.

    Edgar besitz die Fähigkeit sich zu erniedrigen und sich zu wandeln. Selnbstverständlich wissen wir nicht, wie er sich nach dem Drama weiterentwickeln wird, aber innerhalb des Dramas ist er derjenige, der mMn den idealsten Verlauf des Reifungsprozesses aufzeigt. Denn er durchlebt er schwerwiegende äusserliche Umstände mit einer gewissen innerlichen Leichtigkeit und Natürlichkeit. Zweifel habe ich an ihm nicht, jedenfalls kann ich mich nicht erinnern welche gehabt zu haben.

    Aber diese Fähigkeit(en) zur Erniedrigung und schwere Zeiten mit einer gewissen Leichtigkeit zu überstehen besitzt er doch schon in II/3, dem Augenblick, in dem wir mehr über ihn erfahren...? Wo reift er dann noch wie?


    Vielleicht aber sollten wir die Katastrophen, die Lear erdulden muss, erst einmal näher untersuchen. Was macht ihn zum Urbild selbstverschuldeten Leids? Hiob wurde schon erwähnt. Wie Lear ist er erfolgreich, geachtet, mächtig, reich. Abgesehen davon, daß der eine sein Leid selbstverschuldet, wird der andere Opfer einer Provokation Gottes durch Satan, dem er daraufhin beweisen möchte, daß sein Knecht nicht an ihm zweifelt, egal, was ihm geschieht. Und Hiob geschieht viel: Er verliert all seinen Besitz, seine Knechte, seine Kinder, seine Familie, sein Ansehen, seine Freunde bis auf drei, wird mit Krankheit geschlagen, sogar seine Frau wendet sich von ihm ab. Am Ende nimmt es Hiob hin und wird mehr, als er vorher war.

    Doch was genau geschied Lear, welche unmenschlichen Katastrophen ereilen ihn? Seine Töchter legen ihm nahe, seinen Hofstaat zu verringern*), was er aber empört ablehnt:

    Der König ist also in Wut. Tobt sich auf der Heide aus. Kommt ins Unwetter und verliert den Verstand. Also nochmal zusammengefasst das ungeheuere Leid: Er soll seinen Hofstaat verkleinern und kommt in ein Gewitter. DAS ist alles, was ihm Übles geschieht und ihn seinen Verstand verlieren lässt. Das ist mir jetzt erst klar geworden. Shakespeare: Was für ein Meister des Framings! Man könnte fast versucht sein anzunehmen, daß er sich über den Narziss Lear lustig macht. Edgar muß um sein Leben fürchten und bleibt trotzdem er selbst, Gloucester ist geblendet und denkt an Suizid, aber Lear leidet. Und ist er hilflos? Nein! Er hat immer noch seinen Hofstaat:

    Fünf- oder sechsunddreißig Ritter und weitere Vasallen begleiten ihn nach Dover, weil da gut bewaffnete Freunde sind...
    Nun könnte man einwenden: die wären von Gloucester. Nur: Als Lear Goneril verläßt hat er noch hundert:

    In der Folge geht das Geschacher der Schwestern dahin, wieviele er davon behalten darf, damit sie ihn aufnehmen, 50, 25, 10, 5 - What need one? Im obigen Zitat Cornwall/Oswald - gleiche Szene, wie die, wo es darum geht, wieviel er entlassen SOLL und Lear daraufhin geht ('In Wut') - hat er seinen Tross noch, der wurde nicht entlassen...

    *) Historisch: Wenn der König verreist ist, hat er seinen Hofstaat mitgenommen. Station hat er in Adelshäusern am Weg gemacht, die ihn wegen dieser Ehre mit seinem Tross standesgemäß unterbringen, verköstigen und unterhalten haben/mussten. Ist er länger geblieben, hat das die eine oder andere Familie durchaus in wirtschaftliche Schwierigkeiten bringen können. [advocatus diaboli-Modus:] Jetzt ist ein Gefolge von "100 Rittern" ja noch lange nicht der gesamte Tross. Der König hat ja auch noch seine Bedienten und übrigen Knechte und Mägde mitgebracht und seine Ritter ebenso. Es werden also mehrere hundert Personen inklusive mehrerer hundert Reit- und Zugtiere gewesen sein, die da im Schlosshof standen. Eine logistische Herausforderung. Da waren Penelopes Freier im Vergleich vermutlich pflegeleicht. Insofern könnte man den Unmut der Schwestern verstehen, wenn auch angesicht der publikumswirsamen Großzügigkeit Lears schlecht entschuldigen [advocatus diaboli-Modus aus]

    so, genug für heute, jetzt les' ich weiter

    viele Grüße

    Bustopher


    Wenn ein Kopf und ein Buch zusammenstoßen und es klingt hohl, ist denn das allemal im Buche?
    Georg Christoph Lichtenberg, Sudelbücher, Heft D (399)

  • Macht man eine Wandlung durch, wenn man darüber aufgeklärt wird, daß man betrogen wurde und einen Fehler gemacht hat?

    Eine erste Antwort kurz vor dem Endspiel. ;)

    Wenn Gloucester von Liebe in den Hass fällt und dann wieder zur Liebe durchdringen kann, das würde ich schon als Wandlung bezeichnen.

    :wink:Wolfram

    "Wieder versuchen. Wieder scheitern. Besser scheitern." (Samuel Beckett)

    "Rage, rage against the dying of the light" (Dylan Thomas)

    Einmal editiert, zuletzt von Wolfram (15. Juli 2024 um 21:13)

  • Nachdem ich nun das Endspiel verdaut habe Grins1...

    Reift Edgar?

    Würde ich schon sagen, da er im Laufe des Stückes nicht nur zu jemandem wird, der bereit ist, Verantwortung zu übernehmen, sondern auch zu einem Sohn, der dem Vater sein ungerechtes, vor allem aber vorschnelles Handeln vergeben kann, das ihn selber immerhin an den Rand der Existenz brachte. Ob er dieses nicht auch schon vorher gekonnt hätte, erfahren wir allerdings nicht.

    (die unpräzise Tieck/Baudissin-Übersetzung lässt ihn allerdings Albany aufsagen)

    Sie sind da eigentlich weniger unpräzise, sie halten sich halt an den Quarto von 1608, in dem Albany diese Zeilen spricht. Ich gehe mal davon aus, dass sie insgesamt eine Mischfassung benutzt haben, weiß das aber nicht genau.

    Natürlich hat er, (Anm.: Edgar) wie alle anderen Figuren auch, ein Innenleben (ok, sagen wir: Charakter, passt vielleicht besser), sonst wäre er ein Holzklotz ohne Gefühle.

    Zweifelsohne hat der Mensch Edgar ein Innenleben, aber von der Bühnenperson Edgar erfahren wir zu dem Zeitpunkt eben wenig. Edmund hat hingegen ganz andere, vom Autor ihm zugebilligt, Möglichkeiten seine Innensicht darzulegen.

    Er (Anm.: Lear) soll seinen Hofstaat verkleinern und kommt in ein Gewitter. DAS ist alles, was ihm Übles geschieht und ihn seinen Verstand verlieren lässt.

    Ich würde die Verkleinerung seines Hofstaates nicht als zu gering für seinen Charakter ansehen. Er sieht sich als absoluten Herrscher, der bereit ist, auf sein Königreich zu verzichten, all sein Land, seine Macht und seinen Einfluss aufzugeben. Dabei pocht er nur noch auf diesen Ehrenbeweis, der er mit Sicherheit für bescheiden hält. Lears Problem hier ist, dass er einfach keinen Schlussstrich ziehen kann. Ein bisschen Herrscher geht eben nicht und als Herrscher führen er und seine Mannen sich ja weiterhin auf. All das erinnert heute natürlich auch an Landwirte, die ihren Betrieb aufgeben oder Unternehmer, die ihre Kinder einsetzen und es nicht schaffen, sich wirklich ohne ständiges Hineinreden aus allem raus zu halten. Gleichzeitig ist er wie jemand, der zu Lebzeiten sein Vermögen an die Kinder vererbt und nun erwartet, dass er für den Rest seines Lebens Dankbarkeit erwarten kann. Und ich kann sogar verstehen, dass dieses Weggeschobenwerden für den jeweiligen Erblasser eine persönliche Katastrophe darstellt. Er handelt nicht klug, er ist aus der Sicht der Kinder/Erben eine unerträgliche Belastung, aber klein und unwesentlich ist dieses Desaster für einen Menschen am Ende seines Lebens und seiner Wirksamkeit mit Sicherheit nicht.

    :wink:Wolfram

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