Shakespeare - King Lear

  • Bevor ich zum nächsten Film komme, noch eine kurze Bemerkung zur Interpretation von Gregory Doran (s.o.) mit der RSC.

    Es sind die vielen Details in der Personenführung, die diese Inszenierung auch so reich machen. Gesten, Blicke, Berührungen. Und die in der Lage sind, ganz plötzlich ein neues Licht auf die Bühnenfiguren zu werfen.

    Ein Beispiel. Ein erschütternder Moment ist, wenn, ich glaube es ist Regan, nach der Verfluchung durch den Vater verzweifelt versucht, diesen zu umarmen, es dann aber ganz schnell wieder aufgibt und die Sinnlosigkeit ihres Verlangens einsieht. Ein verzweifelter Schrei nach Liebe. Lear ist hingegen so in Rage, dass er - einmal mehr - nichts versteht. Schlagartig wird ein anderes Licht auf die beiden 'bösen' Töchter geworfen, womit gleichzeitig ihre ihnen auf der Bühne oftmals zugewiesene Rolle als 'Schwestern der Nacht' ganz anders erklärt wird.

    :wink:Wolfram

    "Wieder versuchen. Wieder scheitern. Besser scheitern." (Samuel Beckett)

    "Rage, rage against the dying of the light" (Dylan Thomas)

  • Michael Elliott, GB 1984
    Laurence Olivier, John Hurt, Diana Rigg

    Dies ist eine ganz traditionelle, rein im Studio aufgezeichnete TV - Produktion, die vollständig von der Präsenz Oliviers beherrscht wird.

    Das Traditionelle, auch Konventionelle in der Wiedergabe mag man beklagen (mir ist es insgesamt auch zu wenig), aber wiederum bietet dieser Film die Möglichkeit, das Stück einfach nur in seinem Ablauf kennenzulernen. Als Einstieg gar nicht einmal schlecht. Wobei nicht vergessen werden darf, dass die Ästhetik durchaus ein wenig veraltet ist und dass es auch damals schon wesentlich aufregendere Produktion nicht nur auf englischen Bühnen gegeben hat. Sie ist eben ganz auf den 'Star' zugeschnitten.

    Laurence Olivier war nie ein 'Method - Actor', er kreierte stets eine Figur von außen her, d.h., er suchte zunächst eine bestimmte Kleidung, eine Maske, einen Gang und erst dann drang er in die jeweilige Figur ein. So auch hier. Lear ist ganz alter Mann mit den entsprechenden Bewegungen, Gesten, Blicken. Der eigene Großvater steht plötzlich vor einem, ganz realistisch porträtiert, das Alltagsdrama eines Menschen am Ende seines Lebens, hier natürlich oftmals ins Außergewöhnliche gesteigert. Das ist in dieser Perfektion überwältigend, auch immer wieder sehr ergreifend - das muss man erstmal so spielen können! Großartig und wer Sinn für und Interesse an großer Schauspielkunst hat - hier findet er ein Beispiel dafür.

    Ein Denkmal. Groß und mächtig und die Legende noch einmal bestätigend. Aber ob das heute noch so wirkt? Ein leichter Staub scheint auf dem ganzen Film zu liegen. Olivier setzt mit seiner schauspielerischen Virtuosität ein Zeichen, dem sicherlich kaum jemand heute entsprechen kann. Fraglich aber, ob man das überhaupt will. Die Sicht auf Rolle und vor allem Spiel ist heute eine ganz andere und das ist auch gut so. Ein Denkmal eben.

    :wink:Wolfram

    "Wieder versuchen. Wieder scheitern. Besser scheitern." (Samuel Beckett)

    "Rage, rage against the dying of the light" (Dylan Thomas)

  • Zweifelsohne hat der Mensch Edgar ein Innenleben, aber von der Bühnenperson Edgar erfahren wir zu dem Zeitpunkt eben wenig.

    (Anmerkung vorweg: Es gibt nur die Bühnenperson. Nur der Korrektheit halber)

    Eben. Wenn wir nichts darüber wissen, können wir auch keinen diesbezüglichen Schlüsse daraus ziehen. Insbesondere nicht, daß das, was wir dann später über ihn erfahren, einer wie auch immer gearteten Entwicklung entspringt. Wir wissen nicht, was er mitbringt oder nicht mitbringt, alles andere ist Spekulation. Für mich ist er die eigenlich edle Figur in diesem Stück und meine marginale Menschenkenntnis läßt mich vermuten, daß Edelmut nicht innerhalb von wenigen Stunden oder möglicherweise Tagen, hier zwischen Flucht in II/1 und Monolog in II/3 entsteht. Aber OK: auch das ist nur Annahme.

    Wenn Gloucester von Liebe in den Hass fällt und dann wieder zur Liebe durchdringen kann, das würde ich schon als Wandlung bezeichnen.

    Die Formulierung "Er kann sich wieder zur Liebe durchringen" würde ich bei einem Akt des Verzeihens anwenden. Er ist aber nicht der, dem hier Verzeihung ansteht, er ist der Schuldige. Er muss sich zu nichts durchringen, er stellt fest, (bzw. wird ziemlich unsanft darauf gestossen) daß er einen Fehler gemacht hat und seine Gefühle auf der Basis des Fehlers ein Irrtum waren. Was ich hier als Entwicklung zugestehe, sind die Schuldgefühle, die er hinterher hat. Die sind möglicherweise ein Grund für seine Suizidabsichten und die zu vereiteln ein Akt der Verzeihung Edgars. Könnte man so interpretieren, ist aber nicht zwingend.


    Ich würde die Verkleinerung seines Hofstaates nicht als zu gering für seinen Charakter ansehen. Er sieht sich als absoluten Herrscher, der bereit ist, auf sein Königreich zu verzichten, all sein Land, seine Macht und seinen Einfluss aufzugeben. Dabei pocht er nur noch auf diesen Ehrenbeweis, der er mit Sicherheit für bescheiden hält. Lears Problem hier ist, dass er einfach keinen Schlussstrich ziehen kann. Ein bisschen Herrscher geht eben nicht und als Herrscher führen er und seine Mannen sich ja weiterhin auf. All das erinnert heute natürlich auch an Landwirte, die ihren Betrieb aufgeben oder Unternehmer, die ihre Kinder einsetzen und es nicht schaffen, sich wirklich ohne ständiges Hineinreden aus allem raus zu halten. Gleichzeitig ist er wie jemand, der zu Lebzeiten sein Vermögen an die Kinder vererbt und nun erwartet, dass er für den Rest seines Lebens Dankbarkeit erwarten kann. Und ich kann sogar verstehen, dass dieses Weggeschobenwerden für den jeweiligen Erblasser eine persönliche Katastrophe darstellt. Er handelt nicht klug, er ist aus der Sicht der Kinder/Erben eine unerträgliche Belastung, aber klein und unwesentlich ist dieses Desaster für einen Menschen am Ende seines Lebens und seiner Wirksamkeit mit Sicherheit nicht.

    Schon richtig. Aber hier haben wir schon ein ziemlich krasses Missverhältnis zwischen subjektiven und objektivem Leid. Deswegen schrieb ich ja auch, daß Shakespeare ein Meister des Framings ist, denn objektiv ist das Leid größer, das über Edgar oder Gloucester hereinbricht und auch Cordelia und Kent tragen mehr. Und Lear hätte schon noch ein paar Optionen. Daß er die nicht geht, bleibt angesichts seines impulsiven und autokratischen Charakters rätselhaft. Ich bin mir nicht sicher, ob das nicht quasi als doppelter Boden geplant ist. Ähnliches hätten wir auch im Märchen von des Kaisers neuen Kleidern: das Offensichtliche und das, was man erst auf den zweiten Blick sieht, und was das Offensichtliche relativiert.


    die Einsicht des Albany

    Albany ist genau das, was seine Frau von ihm hält: ein Lapp. Er weiss zwar meist (immer?) was richtig und was falsch ist, aber steht dafür nicht ein. Er haut nicht auf den Tisch und weist seine Frau in die Schranken. Ein Mitläufer.

    viele Grüße

    Bustopher


    Wenn ein Kopf und ein Buch zusammenstoßen und es klingt hohl, ist denn das allemal im Buche?
    Georg Christoph Lichtenberg, Sudelbücher, Heft D (399)

  • Eben. Wenn wir nichts darüber wissen, können wir auch keinen diesbezüglichen Schlüsse daraus ziehen.

    Hinsichtlich Edgar: Klar ist da viel Interpretation dabei, aber die Reaktionen auf Edmunds Verweise machen - meiner Ansicht nach - vieles deutlich.

    Die Formulierung "Er kann sich wieder zur Liebe durchringen" würde ich bei einem Akt des Verzeihens anwenden.

    Hinsichtlich Gloucester: Ich schrieb allerdings: durchdringen. Damit ist für mich eher ein Akt der Erkenntnis gemeint.

    Aber hier haben wir schon ein ziemlich krasses Missverhältnis zwischen subjektiven und objektivem Leid.

    Hinsichtlich Lear: Natürlich gibt es diesen Unterschied, aber was ein Mensch - subjektiv - in einer bestimmten Situation erleidet, welche Ausmaße es für ihn hat, kann objektiv kaum nachvollzogen werden.

    :wink:Wolfram

    "Wieder versuchen. Wieder scheitern. Besser scheitern." (Samuel Beckett)

    "Rage, rage against the dying of the light" (Dylan Thomas)

  • Albany ist genau das, was seine Frau von ihm hält: ein Lapp. Er weiss zwar meist (immer?) was richtig und was falsch ist, aber steht dafür nicht ein. Er haut nicht auf den Tisch und weist seine Frau in die Schranken. Ein Mitläufer.

    Albany ein Mitläufer? Ja erst. Ab Akt 4 Szene 2 nicht mehr so richtig. Und hier erkennt man seine Einsicht und seinen Wandel. Was er damit macht, ist was anderes. Aber egal, was man davon hält, auf jeden Fall wandelt er sich vom passiven Mitläufer im tSchatten seiner Frau zum aktiven Staatsmann, der sowohl die Frauen wie auch Edmund in ihre Schranken weist. Er ist am Schluss der ranghöchste Überlebende.

  • Hinsichtlich Lear: Natürlich gibt es diesen Unterschied, aber was ein Mensch - subjektiv - in einer bestimmten Situation erleidet, welche Ausmaße es für ihn hat, kann objektiv kaum nachvollzogen werden.

    Unbestritten. Wer viel lamentiert, leidet mehr? Sicher. Lear ist ein Narziss, was ihm geschieht, egal was, ist das schlimmste, was einem Menschen überhaupt passieren kann. Müssen wir das enstnehmen? Leiden Edgar oder Gloucester weniger, weil sie weniger lamentieren? Cordelia? Ist nicht Gloucester die eigentlich tragische Figur, viel tragischer als Lear? Ich bin mir da nicht mehr so sicher, was uns Shakespeare sagen wollte.

    viele Grüße

    Bustopher


    Wenn ein Kopf und ein Buch zusammenstoßen und es klingt hohl, ist denn das allemal im Buche?
    Georg Christoph Lichtenberg, Sudelbücher, Heft D (399)

  • Ist nicht Gloucester die eigentlich tragische Figur, viel tragischer als Lear?

    Aber geht es überhaupt um eine Abstufung? Das Stück heißt nun 'Lear' und nicht 'Gloucester', weshalb es an ihm besonders exemplarisch durchgeführt wird. Was aber dann nicht bedeutet, dass das Leiden der anderen geringer wäre.

    :wink:Wolfram

    "Wieder versuchen. Wieder scheitern. Besser scheitern." (Samuel Beckett)

    "Rage, rage against the dying of the light" (Dylan Thomas)

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