Der Fluch des Kammertons - Über das Absoluthören

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  • Guldas Beethoven

    Heute ist nun die opulente "Friedrich Gulda - Complete DECCA Recordings"-Box erschienen. 41 CDs + Pure Audio Blu-ray.


    Auch wenn es zu deren Thema gar nicht gehört: die 68er-Amadeo-Aufnahme der Sonaten ist auch noch mal mit drin. (ist halt alles Universal jetzt)
    Und da hatte ich ja nun so sehr auf eine Neudigitalisierung gehofft, mit korrekterer Bandgeschwindigkeit. Aber nicht nur die Geschwindigkeit, sondern das komplette Material ist absolut bitidentisch zur CD-Box von 1985. Das hätte ich nicht erwartet. Remastering muss ja nicht immer von Vorteil sein - aber dass man so ganz und gar nichts macht, hat mich doch verwundert.
    (Wenn ich op 2 Nr. 1 auf zwei Spuren genau parallel lege, und bei einer die Phase umkehre, hört man perfekte Stille - von vorn bis hinten.)


    Immerhin kann man jetzt die einzelnen Sätze anwählen, ohne noch einen Subindex-fähigen CD-Player zu besitzen...
    Aber die Mühe der Tonhöhenkorrekturen anhand der LPs werde ich mir irgendwann noch machen.

  • Zum Thema "Absolutes Gehör" habe ich eben einen interessanten Artikel in der FAZ gefunden:


    Musik und Gehirn: Das absolute Gehör ist eine Gabe – und eine Last
    An Weihnachten wird gerne geflötet und gesungen. Für Menschen mit einem absolutem Gehör ist das eine nicht immer einfache Zeit. Über eine Gabe, die zur…
    www.faz.net


    Am Ende wird eine Musikerin zitiert, die uns Capricciosi nicht ganz unbekannt sein dürfte...


    :wink:

    Es grüßt Gurnemanz
    ---
    Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
    Helmut Lachenmann

  • Danke für den Artikel. Jetzt weiss ich auch, dass Absoluthörer besonders an der Klarinette leiden. Die Ärmsten. :pfeif:

    Erstaunt hat mich, dass angeblich Lutz Jäncke, der zitierte Neurowissenschaftler, weder Absolut- noch Relativhörer sei. Ich dachte, dass alle Nicht-Absoluthörer Relativhörer seien? Dann gibt natürlich, noch die mit Gehörbildung, die Intervalle auch benennen können, währen die übrigen immerhin einen falschen Ton in bekannten Melodien entdecken können.

    Auch diese Aussage verwundert mich:

    Zitat

    Tatsächlich besitzen nur zwischen 0,01 und 1 Prozent der Menschen ein absolutes Gehör.

    Warum Beträgt die Unsicherheit hier drei Grössenordnungen?

    Da ich mehrere Leute mit absoluten Gehör kenne, tendiere ich die Zahl auf 0.1 bis 1% zu schätzen. Aber wissenschaftlich sollte das doch gut bekannt sein.

  • Warum Beträgt die Unsicherheit hier drei Grössenordnungen?

    Da ich mehrere Leute mit absoluten Gehör kenne, tendiere ich die Zahl auf 0.1 bis 1% zu schätzen. Aber wissenschaftlich sollte das doch gut bekannt sein.

    nach meiner persönlichen Erfahrung würde ich die Zahl sogar noch höher schätzen.

    Ich kenne Theorien von mehreren Prozent Absoluthörern, die mir plausibel erscheinen.

    Ein Problem ist, dass es "das" absolute Gehör nicht gibt, sondern verschiedenste Ausprägungen der zugrundeliegenden Fähigkeit, Tonhöhen absolut im Langzeitgedächtnis zu behalten.

    Ein Test, bei dem nur das Kurzeitgedächtnis beansprucht wird, kann sehr viel mehr "Absoluthörer" feststellen, als ein anderer, bei dem das Kurzzeitgedächtnis durch verschiedene Maßnahmen ausreichend irritirert wird.

    Standardisierte Tests gibt ebensowenig wie ein standardisiertes AG. Wissenschaftliches Vorgehen erscheint mir unter solchen Voraussetzungen nicht sinnvoll möglich.

    Daher sind die großen Diskrepanzen bei den geschätzen Zahlen (nichts anderes sind sie) für mich verständlich.


    Ich dachte, dass alle Nicht-Absoluthörer Relativhörer seien?

    Ich habe den Artikel nicht gelesen, aber im Englischen gibt es den Begriff "pseudo absolute pitch" für die Fähigkeit, Tonhöhen für relativ :) lange Zeit im Gedächtnis zu behalten. So lange, dass man diese Fähigkeit zum Musizieren sinnvoll nutzen kann, also z.B. wie ein Absoluthörer singen kann. Meine Tochter ist ein Beispiel dafür (ihr Chorleiter war jahrelang der Überzeugung, sie hätte wie ich das absolute Gehör).

    Einen deutschen Begriff dafür kenne ich nicht. Pseudoabsolutes Gehör ist zumindest nicht gängig.

    2 Mal editiert, zuletzt von Khampan ()

  • Danke für die Einsichten!

    Empfindest Du Dein absolutes Hörvermögen eher als Fluch oder Segen? Würde Dir auch auffallen, wenn ein Orchester auf 442 Hz spielt statt 443Hz? 442Hz ist in der Schweiz üblich.

  • Zum Thema "Absolutes Gehör" habe ich eben einen interessanten Artikel in der FAZ gefunden

    Ich finde den Artikel ziemlich schwach. Es stört mich schon, dass er die jahrhundertealte Verunglimpfung Leopold Mozarts weitertreibt und mit der unfreiwillig komischen These glänzt, dessen Sohn sei "zweifellos hochbegabt" gewesen (sensationelle Erkenntnis!). Immerhin habe ich als Neuigkeit gelernt, dass dieser Sohn trotz dieser Begabung seine Fähigkeiten nur dem Drill des Vaters verdankt. Das leuchtet doch ein: Leopold hat seinen Sohn so lange gedrillt, bis der endlich den Don Giovanni schreiben konnte. Aber auch zum eigentlichen Thema "Absoluthören" vermischt der Artikel ein paar Fakten mit abenteuerlichen und unbegründeten Spekulationen wie z.B. der Behauptung, Absoluthörer wären im Orchester wegen dieser Fähigkeit abgelenkt. Dass Absoluthören "für Musiker nicht vorteilhaft" sei, ist in dieser Pauschalität ebenfalls Unsinn. Da muss man doch wohl genau auf die Art der musikalischen Tätigkeit schauen sowie Vor- und Nachteile abwägen.

    "Herr Professor, vor zwei Wochen schien die Welt noch in Ordnung."
    "Mir nicht."
    (Theodor W. Adorno)

  • Ich verstehe auch den letzten Satz nicht:

    Zitat

    Sollte sie beim Spielen von zeitgenössischer Musik einmal vergessen haben mitzuzählen, könne sie mithilfe ihres absoluten Gehörs leicht wieder die Stelle in der Partitur finden.

    maticus

    Social media is the toilet of the internet. --- Lady Gaga
    Und wer Herr Reichelt ist, weiß ich auch erst seit Montag. --- Prof. Dr. Christian Drosten

  • Ich verstehe auch den letzten Satz nicht:

    Zitat

    Sollte sie beim Spielen von zeitgenössischer Musik einmal vergessen haben mitzuzählen, könne sie mithilfe ihres absoluten Gehörs leicht wieder die Stelle in der Partitur finden.

    das ist schon ein wesentlicher Vorteil: ich kann jeden einzelnen Ton leicht in der Partitur finden. Zur Orientierung bin ich nicht auf Zusammenhänge angewiesen. Nicht nur bei modernen Stücken erleichtert das das Mitlesen deutlich.

    Ich war zum Beispiel als Umblätterer recht beliebt und habe mir oft einen Spaß daraus gemacht, gar nicht mitzulesen, sondern mir irgendeinen markanten Ton oder Akkord in den Noten zu merken und dann drauf zu warten bis diese Stelle gespielt wurde. Als Nichtabsoluthörer hätte ich mich das vermutlich nicht getraut.

  • Aber auch zum eigentlichen Thema "Absoluthören" vermischt der Artikel ein paar Fakten mit abenteuerlichen und unbegründeten Spekulationen wie z.B. der Behauptung, Absoluthörer wären im Orchester wegen dieser Fähigkeit abgelenkt. Dass Absoluthören "für Musiker nicht vorteilhaft" sei, ist in dieser Pauschalität ebenfalls Unsinn. Da muss man doch wohl genau auf die Art der musikalischen Tätigkeit schauen sowie Vor- und Nachteile abwägen.

    au backe. Danke Christian! Da brauche ich den Artikel wirklich nicht zu lesen.

  • Interessant ist aber vielleicht doch der Fachartikel, der Anlass des Artikels war

    Musical Expertise Shapes Functional and Structural Brain Networks Independent of Absolute Pitch Ability

    Mit Hilfe funktionaler NMR Bildgebung wurden die Gehirnfunktionen von ca 150 Probanden untersucht. Je ein Drittel Musiker mit absoluten Gehör, ohne diesem und Nichtmusiker.

    Man fand signifikante neurologische Unterschiede zwischen Musikern und Nicht-Musikern, aber nicht zwischen Musikern mit oder ohne absoluten Gehör.


    Dies habe ich dem Abstract entnommen. Den ganzen Artikel habe ich nicht gelesen

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