Vom 7. Juni bis 14. Juni 2024, 17:00 Uhr, findet die 14. ordentliche Mitgliederversammlung des Capriccio-Trägervereins statt. Mitglieder werden gebeten, sich für die Teilnahme hier zu registrieren.
  • Klar, nicht nur die Oktave ist 2/1, auch die Quinte 3/2 und die Terz 5/4, alles wie gehabt. Nur gibt es manchmal ähnliche Intervalle, die anders heißen müssten, z. B. die septimale große Terz (9/7). Statt einem Ganzton (200 Cent) gibt es mindestens drei (9/8, 10/9, 8/7), wenn man "zusammengesetzte" Verhältnisse hinzunimmt, noch viele weitere (z. B. 35/32).

    Das ist das Tonnetz des Cembalos (die Diagonalen zeigen die gemittelten Septimen, die Töne, die sie verbinden, sind also enharmonisch verwechselbar):

    Die Bünde der Gambe liegen so:

    ... daraus ergeben sich natürlich viel mehr Töne als aus dem Cembalo.
    (Die Notation der Töne richtet sich nach der Extended Helmholtz-Ellis JI Pitch Notation, siehe https://marsbat.space/pdfs/notation.pdf)

  • Nach langer Zeit gibt es mal wieder neue Musik. Es handelt sich um drei enharmonische Préludes, die wieder für das gleiche Instrument wie die vorherigen geschrieben sind – das Clavemusicum omnitonum mit 31 Tasten pro Oktave –, wiederum die Möglichkeiten septimaler ("7-limit") Harmonik ausloten, aber doch ganz anders sind: Diesmal ist das Instrument in seiner gewöhnlichen, historischen 31-mitteltönigen Temperatur gestimmt, was bedeutet: mit ziemlich genau 1/4-Komma-mitteltönigen Quinten (der Unterschied ist vernachlässigbar) ergibt sich ein Zirkel mit (quasi) reinen Terzen und (quasi) reinen Naturseptimen. Die reinen Naturseptimen entsprechen (sozusagen enharmonisch verwechselbar) übermäßigen Sexten und können natürlich auch musikalisch in beider Funktion verwendet werden. Folglich entsprechen ebenso etwa verminderte Quarten (z. B. his-e) septimalen Großterzen (9:7, reine Septime C - None E über dem Grundton D), übermäßige Sekunden (z. B. c-dis) septimalen Kleintieren (Quinte C - Septime Es über Grundton F) usw. usf. Das eröffnet ganz neue Möglichkeiten der enharmonischen Verwechslung und auch natürlich der Transponierbarkeit.

    Im Einzelnen:

    Das erste Stücke kreist um die traditionelle "Wolfsquinte" bzw -quarte (z. B. es-gis), ein unerwünschtes Restintervall in der traditionellen Mitteltönigkeit (als Quinte unbrauchbar), septimal jedoch integrierbar als 21/16. Am elegantesten und unmittelbarsten geht das mit einem 7/4-Akkord, denn das gis über dem es ist logischerweise eine konsonante (temperierte) reine Quart zur Naturseptime cis (es-cis ergibt, wie erwähnt, durch die Temperatur nahezu eine reine Septime).

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    Das zweite Stück verwendet stark die erwähnte Doppelfunktion der verminderten Quarte, die melodisch als solche, vertikal als None und Septime eines Septnonakkords verstanden werden kann (so z. B. gleich im ersten Akkord). Später kommen auch an Bach-Toccaten gemahnende Progressionen verminderter Akkorde vor, wobei jede Umkehrung des verminderten Septakkords hier natürlich unterschiedlich klingt.

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    Das dritte Stück verwendet teilweise abstraktere Intervalle, z. B. die doppelt-verminderte Quarte, die u. a. als Differenz von Naturseptime und verminderter Quint (bspw. über dem Grundton F: Ces-Dis(=Septimen-Es) oder als Differenz von Naturseptime und kleiner None (etwa wiederum über dem Grundton F: septimales Es=Dis – Ges) verstanden werden kann.

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    In allen Stücken kommen auch vertraute Progressionen vor, die durch die Enharmonik neu eingefärbt sind bzw. eine andere Richtung erhalten.

    Der Nachteil des Stimmungssystems sind natürlich die schlechten, deutlich zu kleinen Quinten (wie man sie aus der Musik des 17. Jahrhunderts kennt). Die kompositorische Aufgabe kann entsprechend darin bestehen, die schlechten Quinten so zu integrieren, dass sie möglichst wenig auffallen.

    Die Noten finden sich unter folgendem Link: http://www.bernardynet.de/werke/DreiPreludes.pdf

  • Leider ist mir die Theorie im Sinne Deiner Erläuterungen zu hoch, Meister Ralph, aber das klingende Ergebnis hat seinen Charme! :thumbup:

    Was ich natürlich schon verstehe und etwa dank des Wikipedia-Artikels zum verwendeten Instrument (und ähnlichen) nachzuvollziehen ist, sind die exakten Frequenzen, die den erhöhten Ton einer diatonischen Stufe vom erniedrigten der nächsten Stufe unterscheiden. Enharmonik eben, wie sie ein Tasteninstrument nicht per se bereithält, Streich- und Blasinstrumente sehr wohl. Aber das hilft mir noch nicht zum Feinverständnis Deiner obigen Ausführungen. Macht nichts! Es bleibt die spannend-originelle Hörerfahrung.

    Was mich verblüfft hat, ist die jahrhundertealte Tradition solcher Instrumente, auch wenn sie sich in der Praxis nicht durchgesetzt haben.

    Wieder ein anderes Modell als die diversen Streichquartette eines Ben Johnston!

    Frage - deren Intelligenzgrad ich nicht einschätzen kann [ ;) ]: Wie geht ein Absoluthörer wie unser Kollege Khampan mit solchen Experimenten um?

    :) Wolfgang

    He who can, does. He who cannot, teaches. He who cannot teach, teaches teaching.

  • Danke für euer Feedback!

    Das Schöne an all den Zahlen und der Theorie ist, dass ihre Wirkung jeder sinnlich erfahren kann; das theoretische Verständnis ist nicht nötiger (aber auch nicht weniger bereichernd) als bei traditioneller, im engeren Sinne tonaler klassischer Musik, würde ich sagen.

    Was deine letzte Frage betrifft: Dazu kann ich vielleicht auch etwas sagen, ich bin nämlich selbst Absoluthörer und leite seit Jahren Gehörbildungskurse, früher auch reine Absoluthörerkurse. Man stellt sich gemeinhin die Absoluthörer als eine viel homogenere Gruppe vor (die "sowieso alles hört"), als sie es tatsächlich ist. Ich habe schon alles Mögliche erlebt: von Problemfällen, die es schwieriger hatten als die meisten Relativhörer, bis zu brillanten Studenten (die aber bei tonaler Stilistik und "musikalischer" Aufgabenstellung nicht besser sind als die Spitze der Relativhörer, die zugegebenermaßen kleiner ist). Es gibt Absoluthörer, für die ist ein A nichts anderes als 440 Hz (ging mir früher auch so). Durch die Beschäftigung mit unterschiedlichster Musik, vor allem älterer, relativiert sich das aber schnell. Wenn man nicht ganz auf das Klavier fixiert ist und vielleicht bloß liegende Harmonien rein oder annähernd rein ausstimmt, ist das A schon flexibel, als Terz nämlich tiefer. An die verschiedenen Stimmtöne 392Hz/415Hz/466Hz und die gewöhnliche mitteltönige Stimmung gewöhnen sich Absoluthörer, die intensiv Alte Musik machen, schnell, und dann ist der Unterschied von gis und as etwa selbstverständlich – und von da aus ist es nur noch ein kleiner Schritt zu der hier verwendeten Stimmung, die ja im Grunde nur erweitert mitteltönig ist und septimale Beziehungen musikalisch miteinschließt.

  • Frage - deren Intelligenzgrad ich nicht einschätzen kann [ ;) ]: Wie geht ein Absoluthörer wie unser Kollege Khampan mit solchen Experimenten um?

    was für eine hinterhältige Frage :)

    Antwort: zurücklehnen und genießen. Mitdenken wollen hat keinen Sinn. Aus dem gleichen Grund liebe ich exotische Tonsysteme, allen voran Gamelan-Musik.

    Hammergeil

    finde ich auch.

  • Danke für Eure Antworten, Ralph und Khampan!

    Wahrscheinlich habe ich's leichter als musikalisch Nicht-Professioneller, Relativhörer und Relativkenner ...

    Weitere Frage - kann natürlich gerne verschoben werden: Was haltet Ihr von Ben Johnstons Streichquartetten? Selber hätte ich eine Antwort - vermutlich könnt Ihr sie Euch vorstellen. :)

    :cincinbier: Wolfgang

    He who can, does. He who cannot, teaches. He who cannot teach, teaches teaching.

  • Hi Wolfgang,

    die späten Quartette von Johnston finde ich z. T. höchst unterhaltsam, manchmal auch spannend und von ausdrucksvoller Lyrik, manchmal aber auch etwas oberflächlich und schematisch. Bin da gespalten. Harry Partch mag ich deutlich lieber, das ist oft unglaublich intime und harmonisch bezaubernde Musik.

    Jetzt bin ich aber gespannt auf deine Antwort, von der ich nicht weiß, ob ich sie mir richtig vorstelle. ;)

  • Ja, Ralph, es sind schon auch die späten Quartette, die mich bevorzugt interessieren. Manch frühes, noch nicht (oder kaum) mikrotonal Geprägtes erscheint mir denn doch reichlich spröde - ich denke vor allem an das erste Quartett, welches ich kürzlich wieder gehört habe. Soweit ich weiß, kommen dann auch relativ konventionell tonale Nummern.

    Die Nummern sieben und neun halte ich für echte Höhepunkte und habe auch gelesen, dass sie wirklich abgründige Anforderungen an ein Spezialisten-Ensemble stellen. Sie sind ja am ehesten in jener "reinen" Stimmung gehalten, die Johnston über Partch kennengelernt und mit der er experimentiert hat.

    Ich kenne die Einspielungen mit dem Kepler Quartet. Das Kronos-Quartett hat von seiner Musik zumindest das Amazing-Grace-Quartett eingespielt - vermutlich schon sein bekanntestes Werk für diese Besetzung.

    Die just intonation fasziniert mich ob ihrer Klangfarbe. Woran auch immer das liegt - vielleicht ausschließlich an mir - wirkt diese Musik dann irgendwie artifiziell, als wäre sie elektronisch erzeugt. Leicht möglich, dass eine reale Hörsituation solches abstellen würde (für mich). Denn eigentlich kann ja hier kein beschränkter Obertonreichtum vorliegen.

    Eine "spannendere" Antwort könnte ich Dir geben, hätte ich Deinen Hintergrund. Vielleicht auch nicht. Vielleicht ist meine Halblaiensicht für Dich genau deshalb interessant, weil eben der Laie hinter dem grundsätzlich musikbegeisterten Liebhaber nur selten ausgeblendet werden kann. Manchmal liefert ja die Naivität andere Einsichten, die ihren Wert für sich haben.

    Harry Partch ist mir nicht unbekannt. Ich habe Musik von ihm auf CD und mich auch einmal näher informiert. Aber das ist mir jetzt nicht wirklich gegenwärtig. Ich meine, dass er zumindest bekannter ist als Johnston, eher richtungsweisend.

    :) Wolfgang

    He who can, does. He who cannot, teaches. He who cannot teach, teaches teaching.

  • Woran auch immer das liegt - vielleicht ausschließlich an mir - wirkt diese Musik dann irgendwie artifiziell, als wäre sie elektronisch erzeugt.

    Ich kann das durchaus nachvollziehen. Die reine Intonation kann gewissermaßen auch unterkühlt wirken. Ich finde, die engen mitteltönigen Quinten bringen durch die Imperfektion etwas Menschliches in die Musik, das die Aura der Musik des 17. Jhs. sehr prägt. Die wohltemperierte Stimmung mit den reineren Quinten wirkt dann gleichsam "aufgeklärt" und in den scharfen Terzen könnte man den menschlichen Willen oder die Mündigkeit sehen, wenn man so will.

    Eigentlich wäre es interessant, ob du den Unterschied auch in meinen Stücken wahrnimmst, die neuen Préludes sind ja mitteltönig-temperiert, während die früheren Versuche, die ich hier auch schon gepostet habe und auf dem Studio31-Youtube-Kanal auffindbar sind, rein intoniert sind – da hast du sozusagen beides direkt gegenübergestellt. (Für mich ist der Unterschied groß, natürlich auch wegen der ganz unterschiedlichen kompositorischen Möglichkeiten.)

    Ich habe noch einen kleinen Einführungstext mit sehr vielen Klangbeispielen (auch älterer Musik) verfasst, um den Hintergrund ein wenig verständlicher zu machen. Ich habe mich bemüht, nicht zu ausschweifend zu theoretisieren; Grundlagen zur Temperatur, die für meine Argumentation nicht wesentlich sind, habe ich nicht wiedergekäut – die kann man ja auf Wikipedia nachschlagen.

    Hier der Link zum Text: Drei Préludes: Eine Einführung

    Hoffe, das hilft zur Veranschaulichung!

  • Danke Dir! Das schaue ich mir demnächst mal an!

    Das Adjektiv unterkühlt überzeugt mich spontan.

    :) Wolfgang

    He who can, does. He who cannot, teaches. He who cannot teach, teaches teaching.

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