Wer nicht lesen will, muss hören!

  • Aber um ehrlich zu sein: so geht es mir mit Günther Grass.

    Nicht nur Dir!
    In "gerade gewälzt" habe ich meine Vorlieben ab und zu ausgebreitet. Grass gehört definitiv nicht dazu. Insbesondere als ich ihn anläßlich der Eröffnung des G. Grass Hauses in Lübeck,- was hat der eigentlich mit Lübeck zu tun?- aus seinen Werken lesen hörte. Was für ein eingebildeter Pinsel. Siehe auch F.J. Raddatz Tagebücher.
    Nee, meine deutsche Literatur im 20.Jhdt. geht über Tucho, Döblin, Thelen zu Bernhard, Johnson, Henscheid, Schulze und Schulz.
    Dazwischen jede Menge Kleinkram.
    Gruß aus Kiel

    "Mann, Mann, Mann, hier ist was los!"

    (Schäffer)

  • Und wenn Westphal ihn liest,- ich habe jahrelang "Am Morgen vorgelesen" gehört,- dann ist es endgültig aus. Alt-Herren-Schmonz, Wird in seiner Ranzigkeit nur noch übertroffen, wenn Westphal Fontane liest.

    Ich finde das ein wenig ungerecht. Westphal war (was sonst?) ein Kind seiner Zeit und erfüllte da offensichtlich mit seinem Lesestil ein Bedürfnis seiner Hörer. Handwerkliches Können kann man ihm jedenfalls kaum absprechen. Man hört bei ihm immer, dass es "Literatur" ist, das mag uns heute gestelzt, übertrieben oder unnatürlich vorkommen. Ich finde aber, man hört auch seine Liebe zur Sprache und zum Text. Er ist halt veraltet, aber das steht ja bekanntlich jedem bevor, ist ihm also kaum anzulasten.

    Günther Grass. Ein Möchtegern-Großautor, der einen halbwegs passablen Wurf hinlegte und dann seinen Bestimmung offensichtlich darin fand, seine Leser zu Tode zu langweilen. Und dazu noch dieses moralinsaure Gehabe, das von einem peinlichen Geständnis am Lebensende konterkariert wurde!

    Auch das finde ich zu hart. Peinlich fand ich an seinem Lebensende weniger die Geschichte mit der Waffen-SS (die er gegenüber seinem Verleger schon 1963 offenbart hatte) als vielmehr dieses unsägliche Israel-Gedicht und vor allem seine Behauptung, es seien im zweiten Weltkrieg sechs Millionen deutsche Soldaten "liquidiert" worden. Die (frei erfundene) Zahl kommt einem doch im Zusammenhang mit dem Krieg irgendwie bekannt vor, oder? Psychologisch jedenfalls sehr interessant...
    Von seinen Büchern habe ich viele gelesen und fand am besten - und wirklich ohne Einschränkung großartig - "Katz und Maus", gefolgt von der "Blechtrommel" (die im letzten Drittel nachlässt) und dem "Butt". "Hundejahre" changiert für mich zwischen grandios und ärgerlich. Ebenfalls sehr gut ist "Das Treffen in Telgte", wesentlich besser als sein Ruf auch "Die Rättin". Und sein "moralinsaures Gehabe" (welches ich in keinem der genannten Bücher gefunden habe) beinhaltete immerhin, dass er 1992 nach dem sogenannten "Asylkompromiss" (der in Wahrheit eine faktische Abschaffung des Grundrechts war) sein SPD-Parteibuch zurückgegeben hat. Und 1997 sprach er in seiner Laudatio auf Yasar Kemal anlässlich dessen Auszeichnung mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels auch die damaligen Waffenlieferungen an die Türkei an, mit dem einfachen Satz "Ich schäme mich für mein Land". Das hatte Kraft und Wirkung.

  • Ich oute mich hier mal als hemmungsloser Thomas-Mann-Fan, gerade auch in der Verbindung mit Gert Westphal. ^^

    Natürlich ist Westphal in gewisser Weise Stil von gestern, was stilistisch Thomas Mann ja auch ist. Aber er hat für mich genau den Tonfall, der für diese gewollte und angestrebte Hochliteratur passt. Das hat Größe, Emotion, Ironie und v.a. auch Witz. Ich kann mit Westphal herrlich bei Thomas Mann lachen.

    Ich erinnere mich an eine Matinee in Hamburg, bei der er 'Die Damengesellschaft' aus dem 'Joseph' las. Das ganze Theater lag auf dem Boden und trommelte vor Lachen. ^^ Darin, aber nicht nur da, war er wirklich groß. Allerdings hatte er natürlich auch seine Grenzen. Englische Literatur höre ich ungern mit ihm, weil er die englischen Eigennamen viel zu betont Deutsch-Englisch aussprach, nur aussprechen konnte, während er die Russen und Franzosen viel besser beherrschte. Aber es sind immer die Klassiker, bei denen er für mich brillierte. Zugegeben ein altmodisches Klassikerbild. Leserfürst trifft auf Dichterfürst. Höhepunkt diesbezüglich war ein gemeinsamer Auftritt mit Will Quadflieg, die aus dem Briefwechsel von Goethe und Schiller lasen :D .

    Eine andere Grenze waren die Frauenrollen, v.a. in den Fontane-Romanen, wo sie ja nicht ganz unwichtig sind. ^^ Die gerieten ihm, der doch wunderbar stimmlich die Rollen differenzieren konnte, viel zu stereotyp.

    Dann ging moderne Literatur, von der ja nicht so viel eingelesen hat, überhaupt nicht, jedenfalls nicht, wenn sie sich nicht mehr in den Fußstapfen des klassischen Romans bewegten. Und es gab auch Situationen, in denen er geradezu an die Wand gelesen wurde. Wieder live: Maria Wimmer und er lasen aus den Tagebüchern von Cosima Wagner. Seine Anteile waren großartig, sehr witzig, aber auch mehr oder weniger eindimensional. Sie waren aber vor allem geradezu bedeutungslos, wenn die Wimmer mit ihrer herben, sehr modernen Stimme sprach. Da entstand ein schillerndes Portät und oft genug hatte man den Eindruck, dass das jetzt kein Spiel mehr sei, sondern bitter erfahrene Wirklichkeit ist, die genau in diesem Moment uns mitgeteilt wird.

    Er hatte also seine Begrenzungen, aber trotzdem greife ich bei vielen Autoren, will ich sie hören gerne zu ihm, wobei der beste Thomas-Mann-Vorleser natürlich der 'Zauberer' selber war. ;)

    :wink: Wolfram

    "Wieder versuchen. Wieder scheitern. Besser scheitern." (Samuel Beckett)

    "Rage, rage against the dying of the light" (Dylan Thomas)

  • TMsens "Zauberberg" halte ich am Ende (am Ende heißt: nach Jahrzehnten immer und immer wiederholten Leseerfahrungen zumindest was diesen, die Buddenbrooks und den Faustus betrifft), also: ich halte ihn für seinen größten Roman. Er ist auch der Einzige, der in meiner internen Liste der 5,6 allergroßartigsten Sachen steht und nicht aus dem 19. Jahrhundert ist.

    Trotzdem kann ich Lagerfeld auch irgendwie verstehen, denn es gibt Längen, teils ausufernde (nicht daß die bei 1000 Druckseiten extrem ins Gewicht fallen würden), aber sie sind da. Sie sind immer dann da, wenn Settembrini beginnt sich allzu ausufernd in Szene zu setzen, und es wird nicht besser, wenn in der zweiten Hälfte Naphta auch noch mitraisonniert.

    Wenn ich den Zauberberg heute lese, und ich habe ihn etwa 6 Mal gelesen, tendiere ich zum Überschlagen bestimmter Sachen in der zweiten Hälfte des Buches. Ich finde, ein guter Leser (das ist ein liebevoller Leser) darf und sollte das nach sovielen Durchgängen schon tun.

    Aber das alles was dann immer noch dasteht, das finde ich genial, und nein, Rosamunde, es ist nicht einer der Schwierigen von Mann (der Faustus ist schwieriger, der Joseph ohnehin), aber es ist ein Roman, der etwas sehr unmodernes abfordert: einen verschwenderischen Umgang mit Zeit, Romanzeit, Lesezeit, Handlungszeit, eigner Lebenszeit. Dann aber belohnt er reich.

    Vielleicht nicht eben Lagerfelds Stärke, insofern, wie gesagt, der lag ihm wohl nicht so. Sowas passiert :D

    Westphal finde ich sehr angenehm, aber ob er gewissen Schärfen Manns (die sich hinter den Fassaden immer mitverbergen) wirklich gerecht wird... Manches klingt mir doch bei aller Meisterschaft ein bissl nach dem Opa aus der Werbung der Werther Echte an den Enkel verfüttert :D

    Aber eigentlich mag ich ihn und bedaure sehr, daß gerade seine Zauberberglesung so arg zusammengekürzt ist. Das ist sehr schade.


    :)

    "Verzicht heißt nicht, die Dinge dieser Welt aufzugeben, sondern zu akzeptieren, daß sie dahingehen."
    (Shunryu Suzuki)

  • Trotzdem kann ich Lagerfeld auch irgendwie verstehen, denn es gibt Längen, teils ausufernde (nicht daß die bei 1000 Druckseiten extrem ins Gewicht fallen würden), aber sie sind da.

    Aber eigentlich mag ich ihn und bedaure sehr, daß gerade seine Zauberberglesung so arg zusammengekürzt ist. Das ist sehr schade.

    Wie heißt es in der Ariadne? 'Das Stück hat Längen, gefährliche Längen. Man lässt sie weg.' ;)

    Diese Endlosvorlesungen und -gesprächen von Naphta uns Settembrini sind schon arg anstrengend, deshalb gewinnt die Hörbuchfassung schon für mein Empfinden durch die Kürzungen. Bei anderen Stellen ist das aber schon sehr schade.

    :wink: Wolfram

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  • Meine bescheidene Meinung zum Zauberberg: die Thematik und der grundlegende Atem des Romans sind sehr ansprechend. Aus diesem Grunde habe ich es auch ohne gröbere Probleme geschafft, das Buch durch zu lesen. Die bildungsbürgerlichen Angebereien Manns in den Naphta-Settembrini Gesprächen sind allerdings eine Zumutung und eigentlich vollkommen erkenntnisfrei. Auch das Schneegestöber ist eine gewollt höchstliterarische Kraftmeierei (ähnliche Zahnwurzelbehandlungskapitel gibt es auch bei Broch). Manns ehrlichstes Buch sind die Buddenbrooks. Da ist alles aus einem Guss. In diesem Buch kommt er den großen Russen wohl am nächsten.

    Im Zweifelsfall immer Haydn.

  • Es ist der Umgang mit der Zeit, der mich am Zauberberg so fasziniert. Hunderte von Seiten werden nur die ersten Wochen beschrieben die Castorp da zubringt. Langsam geraten die Dinge ins Rollen, und die letzten 4 Jahre haben nur noch die letzten 200 Seiten. Und auf wundersame Weise überträgt sich das auf den Leser (den geneigten jedenfalls), der anfangs jede Liegestunde, jede Wartezeit beim Doktor, jedes Dinner in Echtzeit mitlebt und genießt und durchlebt... Ich finde das singulär. Ich kann in nichts oder kaum was derart eintauchen. Und alle 2,3 Jahre Les ich das wieder und hab rote Backen (und, wer weiß, vielleicht 37,9?!)

    Die Settembrini (und später Naphta-) - Debatten kranken natürlich auch daran, daß sie für die heutige Zeit inhaltlich weittgehend bedeutungslos geworden sind. Settembrinis großherzig/naiver Fortschrittsglaube, Naphtas erzkatholische Negation jeder persönlichen Verantwortung, das ist alles überkommenes zeitgeschichtliches Zeugs, heut irrelevant. (aber gut gemacht). T Mann brauchte das ja auch um sich persönlich freizustrampeln. Zeitgeschichtlich nicht uninteressante Umwege... Ich folge dem nicht ungern, aber nicht mehr bis in die letzte Windung heutzutage.

    Das Schneekapitel packt mich aber immer noch :D das muß ich zugeben...


    Ich bin ja seit Wochen im Moby-Dick, der ist von 1850 und wesentlich moderner und erregender auch und alles, aber der Zauberberg, das ist mir ein Lebensbuch. Das ist wirklich so. Und das waren sie Buddenbrooks nur so bis 45 und der Faustus nur in denn 20ern/30ern meines Lebens.

    Aber das kann ja mit 79 alles wieder anders aussehen :D denn Thomas Mann ist ein Lebensautor, da kann immer alles geschehen...


    :)

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    (Shunryu Suzuki)

  • Das mit der Behandlung der Zeit kann ich sehr gut nachvollziehen, und ich meinte genau das mit dem "grundlegenden Atem". Aber Mann verzettelt sich eben auch. Ich habe zudem ein grundlegendes Problem mit der Konzeption von Romanen, in welchen der Protagonist ein mediokrer "Simpleton" ist. Weshalb sollten sich all diese illustren Figuren überhaupt mit einem wie Castorp beschäftigen? Ähnliche Konstellationen gibt es auch bei Schnitzler und Werfel (z.B. in "Barbara und die Frömmigkeit", einem ansonsten großartigen Roman, in welchem der ahnungslose und recht mittelmäßige Protagonist ständig vom höchstintellektuellen Alter Ego Werfels, Engländer, hofiert und umschwärmt wird).

    Im Zweifelsfall immer Haydn.

  • Die Settembrini (und später Naphta-) - Debatten kranken natürlich auch daran, daß sie für die heutige Zeit inhaltlich weittgehend bedeutungslos geworden sind.

    Da würde ich glatt das genaue Gegenteil behaupten wollen. Diskutiert werden zwei konträre intellektuelle Strömungen, einerseits Vernunft, Aufklärung, Demokratie und Individualismus versus Totalitarismus, Zynimus, Wissenschaftsungläubigkeit, Kollektiv etc. Leider muss man sagen, dass angesichts der Lage in vielen Ländern und des Liebäugelns mit dem Rechtspopulismus dort (leider auch in Europa) diese Diskussion alles andere als obsolet geworden ist. Ganz im Gegenteil.

    Es handelt es bei diesen Diskussionen meiner bescheidenen Meinung nach also keinesweg um 'bildungsbürgerliche Angebereien', schon gar nicht um 'erkenntnisfreie'.

  • Settembrini ist mMn keineswegs so positiv konnotiert, wie Du das meinst. Er ist die genaue Antithese zu Naphta, aber dadurch eben nicht individualistisch, sonder starr und maskenhaft. Die Synthese aus S. und N. soll dann wohl der Mensch des 20. Jahrhunderts sein.

    Im Zweifelsfall immer Haydn.

  • Moment: die "bildungsbürgerlichen Angebereien" stammen nicht von mir :) und wären auch Unsinn da diese Themen Th Mann ein ernstes Anliegen waren im Zuge seiner Entwicklung ab 1918 hin zum (nicht immer völlig sattelfesten) Demokraten. Er war ein Angeber hohen Ranges, ja. Aber: Hier will er nicht angeben. Hier ringt er gegen sich selbst. Das ist ernst.

    Ich will auch nicht sagen, daß der dort (Settembrini/Naphta) dargestellte Dualismus völlig hinfällig sei. Aber daß die zeitgebundene Art, in der er dort in Gestalt von Settembrini und Naphta durchexerziert wird, heut noch besonders hilfreich ist, das bezweifle ich schon. Das war spätestens mit dem Heraufziehen totalitärer Ideologien wenige Jahre später völlig unzureichend, einen mönchisch/katholischen Intellektuellen mit einem von ewigen Fortschrittsglauben beseelten Operettendemokraten diskutieren zu lassen. Mann war ja kein Prophet.

    Abgesehen von inhaltlichen Dingen die schnell (wenigstens partiell) überholt waren: rein literarisch (es ist ja kein Essay sondern ein Roman), da ist dies der Schwachpunkt. Das interessiert mich viel mehr. Das Buch säuft in diesen Dialogen stellenweise ab wie eine Bleiente. Es geht aber nie ganz unter, weil die Vorteile, die Segel, der Rumpf, so großartig sind daß sie es aushalten, es am Schwimmen halten, ja es zum Fliegen bringen, weil es erzählerisch eben so großartig ist neben diesen Dialogstellen. (ich merk eben selbst ich werd blumig weil ich es so schätze und liebe :D
    )


    Thomas Mann war sonst ja von Anfang an auf der Höhe seines Könnens, ab den Buddenbrooks. Nur dieser eine Aspekt seines Schaffens, das Einweben essayistischer Anteile, das hat er sich langsam erarbeiten müssen. In den Buddenbrooks kommt es nur am Rande vor, im Zauberberg ist es in die Dialoge ausgelagert was noch etwas plump erscheint, in den Josephromanen raunt dann der Erzähler es hinein, was schon raffinierter ist, und erst im Faustus verschmilzt es dann richtig. So jedenfalls mein privater Eindruck.


    Ach, Daumen hoch für den Zauberberg und fürs selektive Lesen dann und wann...


    :)

    "Verzicht heißt nicht, die Dinge dieser Welt aufzugeben, sondern zu akzeptieren, daß sie dahingehen."
    (Shunryu Suzuki)

  • Ich will auch nicht sagen, daß der dort (Settembrini/Naphta) dargestellte Dualismus völlig hinfällig sei.

    In der Tat mitnichten. Nur braucht es deswegen diese Dauerberieselung. Man kapiert es doch vergleichsmäßig schnell und ein paar weniger Seiten wären vielleicht dienlicher.

    Aber daß die zeitgebundene Art, in der er dort in Gestalt von Settembrini und Naphta durchexerziert wird, heut noch besonders hilfreich ist, das bezweifle ich schon.

    Das sehe ich, lieber Garcia, ein wenig anders, denn letztlich ist das das Problem all der Klassiker. Natürlich sind sie zeitgebunden und gewinnen ihre Aktualität nur durch uns, den Leser, den Zuschauer. Wenn wir es transformieren können, dann bleibt es aktuell. Da gebe ich Melzer recht. Das mag nicht in allen Aspekten passend sein, aber der Grundkonflikt besteht weiterhin.

    Ansonsten völlig d' accord mit deiner Einschätzung des Romans. Sorry, Felix Meritis, ich sehe auch nicht das Problem des 'Simpleton', der ja eine gern benutzte Figur schon seit Grimmelshausen seeligen Zeiten ist. Es ist halt ein klassischer Entwicklungsroman.

    :wink: Wolfram

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  • Ich bin zwar bei Faulkners Schall und Wahn (a tale told by an idiot) nicht weit gekommen, aber ich konnte selten so recht nachvollziehen (was Ranicki auch immer mal wieder behauptet hat), dass eine schlichte Hauptfigur ein Problem für so siebengescheite Leser wie Ranicki sein könnte. Das mag im Einzelfall mal so sein, aber es kommt doch letztlich darauf an, wie es dargestellt ist und was überhaupt und sonst noch so in einem Roman vorkommt. (Interessanterweise fällt mir ein Buch ein, das ich relativ früh abgebrochen habe und bei dem ich mich dann erinnerte, dass Ranicki ebenfalls sich beschwert hatte, er könne mit dem Milieu (engl. Arbeiterklasse) nichts anfangen, "Last Orders" von Graham Swift.)
    Ich finde einige andere Konstellationen problematischer, zB ultraintelligente Kinder oder Teenager (wie zB in dem einzigen Buch des Anderthalbhitwonders Saffran Foer, das ich gelesen habe). Dann lieber Pippi oder Michel noch mal lesen ;)
    Ich habe den Zauberberg (wenn ich recht erinnere als einziges von Mann) bisher zweimal gelesen, das zweite Mal ist allerdings auch schon wieder 20 Jahre her. Beim ersten mal kurz nach dem Abi hatte ich zwischendurch schon ziemliche Durststrecken, war daher beim zweiten Mal knapp 10 Jahre später sehr positiv überrrascht, wie flüssig sich selbst die meisten essayistischen Abschnitte gelesen haben. Und wie witzig das meiste ist. Einige wenige Sachen sind ein bißchen dick aufgetragen und ohne Hintergrund schwer zu verstehen, aber zB das Schnee-Kapitel wirkt auch als bizarrer Traum. Mit Joseph muss ich nochmal einen Versuch starten und Faustus nach fast 30 Jahren nochmal lesen, aber der Rest von Mann interessiert mich auch nicht mehr so besonders (Lotte und Der Erwählte kenne ich auch noch nicht). Krull habe ich im Frühjahr gelesen und fand es eher etwas enttäuschend. Hier ist m.E. das "timing" für einen eher witzigen Roman misslungen und die Exkurse mit dem Naturgeschichtsmuseum etc. unpassend. Da habe ich den Eindruck, dass Mann seine "Masche" dem Stoff nicht ausreichend angepasst hat.

    Was ich dagegen wohl kaum je verstehen werde, ist, wie sich Leute längere Texte als kurze Novellen als Hörbuch reinziehen können. Dabei würde ich einschlafen oder verrückt werden. "Fülle des Wohllauts" mit Musikbeispielen habe ich auch mal bei einer Lesung goutiert, aber 20-50 Stunden oder wie lange selbst eine gekürzte Buddenbrooks oder Zauberberg-Lesung dauern würde... nein danke.

    Tout le malheur des hommes vient d'une seule chose, qui est de ne pas savoir demeurer en repos dans une chambre.
    (B. Pascal)

  • 20-50 Stunden oder wie lange selbst eine gekürzte Buddenbrooks oder Zauberberg-Lesung dauern würde... nein danke.

    Ich höre so was nur während längerer Autofahrten, da finde ich es aber sehr gut. Perfekt war für mich immer Lessings Nathan, weil der genau von Haustür zu Haustür passte, wenn ich zu Proben nach Würzburg gefahren bin :) . Die Blechtrommel von Grass selbst gelesen reicht hingegen für einen ganzen Probenmonat (und ist übrigens eine sehr empfehlenswerte Aufnahme).

  • aber ich konnte selten so recht nachvollziehen (was Ranicki auch immer mal wieder behauptet hat), dass eine schlichte Hauptfigur ein Problem für so siebengescheite Leser wie Ranicki sein könnte.

    Das kann ich auch nicht verstehen, so wie ich das meiste, was Ranicki sagte, nicht verstehen konnte. Mir ging es aber um etwas anderes, nämlich um die Plausibilität der Figuren und der Handlung.

    Sorry, Felix Meritis, ich sehe auch nicht das Problem des 'Simpleton', der ja eine gern benutzte Figur schon seit Grimmelshausen seeligen Zeiten ist.

    Ja, das mag in den Urzeiten des Romans noch eine akzeptable Gestaltung gewesen sein, meinetwegen auch noch bei Gogol, aber bei Mann verkommt es halt zur Parodie. Das ist auch meine Hauptkritik an Mann: es ist mutlose Literatur. Es handelt sich um ironische, parodistische Abhandlungen über die deutsche Geistesgeschichte (über Franzosen und Russen verbreitet er eher Paltitüden, wie etwa im Faustus), aber ohne relevanten Input. Nietzsche hätte sich mit Grausen abgewandt. Mann schafft nichts Neues, sondern klappert alte Topoi mit ironischer Brechung ab. Bei einem einzigen Roman mag das noch angehen, aber in x-facher Wiederholung finde ich es bestürzend langweilig. Da möchte man glatt Manns Idol, Richard Wagner, zitieren: "Kinder, schafft Neues!". So, jetzt ist es raus.... :versteck1:

    Im Zweifelsfall immer Haydn.

  • M.E. ist Hans keine so zentrale Hauptfigur und nicht so simpel, dass mich das stört. (Bei dem Prinzen in "Königliche Hoheit" bin ich nicht so sicher, das Buch habe ich aber nur einmal gelesen und nicht so präsent.) Mehr stört mich eine nicht wirklich witzige Nebenfigur wie Frau Stöhr. (Eine Tante von mir hat, ziemlich sicher in Unkenntnis des Zauberbergs, exakt denselben Flachwitz gemacht, als ich als Teenager die "Eroica" hörte.)
    Und die zu enge und herausgestellte Verbindung zur (deutschen) Geistesgeschichte sehe ich beim Zauberberg auch nicht (anders vielleicht beim Faustus oder einigen Novellen wie Wälsungenblut).
    Plausibilität ist für mich zweitrangig, solange es nicht zu unglaubwürdig wird oder nicht gut gemacht ist. Sehe ich beim Zauberberg beides nicht.

    Tout le malheur des hommes vient d'une seule chose, qui est de ne pas savoir demeurer en repos dans une chambre.
    (B. Pascal)

  • Und die zu enge und herausgestellte Verbindung zur (deutschen) Geistesgeschichte sehe ich beim Zauberberg auch nicht

    Nun, ich höre die Endlosdiskussionen zwischen Naphta und Settembrini eindeutig als Nachklang auf Wagner (Parsifal) und Nietzsche einerseits, und Lessing & Kant andererseits.

    Im Zweifelsfall immer Haydn.

  • Nachtrag:
    Es geht hier ja ums "Hören" von Literatur. Und Gert Westphal war eine Art Gralshüter des klassischen Vorlesens, wie Hans .Paetsch oder Eduard Marks.
    Ich kann wie gesagt, seinem Stil nicht viel abgewinnen, weil er die Texte nicht liest, sondern interpretiert, in dem er in Rollen schlüpft und mir dadurch die eigene Fantasie nimmt, die ich beim Lesen habe und die ich zum großen Teil bei Boysen oder Brückner erhalten weiß.
    Ich kann mir aber sehr gut vorstellen, wie er in Nienstedten vor einem "Hamburger Abendblatt Publikum" Entzücken bei den Damen hervorrufen konnte.
    Gruß aus Kiel

    Sehr gut Vorlesen kann Henscheid, auch wenn es nur eigene Werke sind. "Poschiavo-Graz einfach"

    "Mann, Mann, Mann, hier ist was los!"

    (Schäffer)


  • Sehr gut Vorlesen kann Henscheid, auch wenn es nur eigene Werke sind. "Poschiavo-Graz einfach"

    Selbst erlebt, vor allem wunderbar vorgebrachte Schwedengeschichten in Erinnerung.

    Gruß, Frank

    Gruß, Frank

    Eigentlich bin ich ganz anders, aber ich komme so selten dazu.

  • Ich kann mir aber sehr gut vorstellen, wie er in Nienstedten vor einem "Hamburger Abendblatt Publikum" Entzücken bei den Damen hervorrufen konnte.

    Sorry, lieber Doc, aber das finde ich ziemlich überheblich.

    :wink: Wolfram

    "Wieder versuchen. Wieder scheitern. Besser scheitern." (Samuel Beckett)

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