Christopher Hogwood - Feinsinniger Arbeiter am Klang

  • Christopher Hogwood - Feinsinniger Arbeiter am Klang

    Geboren wurde Christopher Hogwood 1941 in Nottingham. Er studierte in Cambridge Musikwissenschaft und Altphilologie, ließ sich gleichzeitig am Cembalo ausbilden. Auf diesem Instrument begann er 1965 auch eine Ensembletätigkeit bei der Academy of St.-Martin-in-the-fields, der er bis 1976 noch lose zugehörte. 1973 bereits gründete er allerdings sein eigenes „Kammerorchester“, die Academy of Ancient Music (AAM). Dessen erste Aufnahme müssen meines Wissens Acht Ouvertüren Thomas Augustin Arnes gewesen sein. Das Label, auf dem die AAM fortan kontinuierlich veröffentlichte, war die Decca.


    Ein Großprojekt, für das die AAM und Hogwood rasch bekannt wurden, war die erste Gesamteinspielung der Mozartsymphonien auf Originalinstrumenten, die von den späten Siebziger Jahren bis in die Mitte der Achtziger entstand. Danach nahm Hogwood sich auch der Beethovensymphonien an, wobei hier statt Jaap Schröder nun der aufgerückte Simon Standage als Primgeiger fungierte. Auch Roy Goodman hatte mal die erste Fidel in der Hand. Haydnsymphonien folgten in den Neunzigern.


    Seit 1981 war Hogwood auch als Dirigent diverser Orchester in den USA tätig. Sein Schwerpunkt blieb aber weiterhin in England, wo er immer mehr Tätigkeiten wahrnahm und neben praktischen auch nie seine wissenschaftlichen Neigungen vernachlässigte. Besonders auflagenstark war und ist bis heute seine 1988 erstmals publizierte Händelbiographie, aber auch kritische Notentextausgaben zählen - und dies in später Zeit wieder verstärkt - zu seinem „Repertoire“. Seit den Neunziger Jahren hat er Professuren und Dozenturen an verschiedenen englischen Instituten inne, seine musikwissenschaftliche Arbeit fokussiert sich immer wieder auf britische Komponisten wie Dowland, Purcell oder Elgar.


    Hogwood trägt heute den ansprechenden Titel eines „Director emeritus“ der Academy of Ancient Music. Die Academy wird jetzt von Richard Egarr weitergeleitet.


    Als Hauptherausgeber der neuen Carl Philipp Emanuel Bach-Edition „The Complete Works“, die am Packard Humanities Institute erstellt wird, bleibt Hogwood seinen philologischen Vorlieben weiter treu. Zum dreihundertsten Geburtstag des Komponisten im Jahr 2014 sollen alle Bände abgeschlossen vorliegen.


    Wenn ich den Eindruck, den Hogwoods Dirigieren auf mich macht, zusammenfassen müßte, würden Worte wie „unaufgeregt“, „sachbezogen“ oder „musikdienlich“ fallen. Dabei vergaß er für meinen Geschmack nie, pointiert auf sein Verständnis eines Werkes hinzuarbeiten. Ein wahrhaft durchhörbares Klangbild (hier paßt der Begriff so gut wie sonst nur selten) sowie ein unnachlässiger, gleichwohl auch niemals atemloser „drive“ kennzeichnen für mich die besten seiner Aufzeichnungen, zu denen ich Symphonien Carl Philipp Emanuel Bachs (1979), Händels „Messias“ (1980), die späten Mozart- und die frühen Beethovensymphonien (Mitte 1980er) sowie eine ausgeprägt schöne „Entführung“ (1991) und einen rundum gelungenen „Titus“ (1993, beide Mozart) zählen mag. Neben dem erwähnten Thomas Arne hat Hogwood mit William Boyce einen weiteren britischen Barockkomponisten bevorzugt eingespielt.


    Es paßt vielleicht zu diesem feinsinnigen Arbeiter, daß er (anders als beispielsweise Harnoncourt, der auf Brahms und Bruckner Jagd macht) in jüngster Zeit sich Mendelssohn verstärkt gewidmet hat, den er zudem ediert. Ob er auch hier mit Luftigkeit und Verve zu überzeugen wußte, konnte man im letzten Jahr live in Weimar überprüfen, dort hatte er die ansässige Staatskapelle dirigiert, bevor er sich, wie so oft, zu den Händelfestspielen nach Halle begab, diesmal allerdings nur, um einen weiteren Preis seiner ansehnlichen Sammlung zuzufügen.


    Welche Erfahrungen habt Ihr mit Christopher Hogwood gemacht? Besonders interessieren würden mich Stimmen zu seinem Buch über die „Triosonate“ (1979), denn das liegt doch außerhalb meines Blickfeldes und sicher auch meiner Kompetenz. Wie schlägt sich Hogwood als Bachdirigent? Und wie plausibel wirken seine Bemühungen um Musik des 20. Jahrhunderts?


    Liebe Grüße,


    Alex :wink:


    "In the year of our Lord 1314 patriots of Scotland, starving and outnumbered, charged the field of Bannockburn. They fought like warrior poets. They fought like Scotsmen. And won their freedom."

  • Okay, hier mal ein paar der mir liebsten unter seinen Aufnahmen, vielleicht hat der eine oder andere von Euch ja noch eine Empfehlung, denn ich bilde mir ein, gestern die letzte Platte mit Hogwood erworben zu haben, die mir noch fehlte (außer ein paar Einspielungen ohne die AAM).


                           







    Nicht ganz so empfehlenswert finde ich:


       


    Gibt es für Euch Aufnahmen von Hogwood, auf die Ihr nicht verzichten wolltet, egal was sonst die Konkurrenz gemacht hat? Oder ist Hogwood für Euch eher ein Dirigent, der zwar durchaus Gehobenes geboten hat, dabei jedoch nie unentbehrlich war?



    Alex :wink:


    "In the year of our Lord 1314 patriots of Scotland, starving and outnumbered, charged the field of Bannockburn. They fought like warrior poets. They fought like Scotsmen. And won their freedom."

  • Christopher Hogwood schätze ich sowohl als Dirigenten wie auch als Cembalisten sehr. Für das barocke Repertoire hat er einige für meine Begriffe maßstabsetzende Einspielungen vorgelegt – neben seiner wundervollen Interpretation von Purcells »Dido and Aeneas«




    würde ich unbedingt seine Interpretationen der Händelschen Concerti grossi op. 6 empfehlen (nicht mit der Academy of Ancient Music eingespielt sondern mit der Handel & Haydn Society):



    Eine sehr schön ausbalancierte und ausgewogene Interpretation. Naklar historisch informiert aber ohne den manchmal etwas schroffen Klang, den der eine oder andere bei Hogwoods Einspielungen mit der AoAM nicht so besonders liebt. Durchaus in Richtung »Klangrede« ausgespielt, wobei Hogwoods Lesart deutlich weniger exaltiert ist als beispielsweise Harnoncourt – außerdem geht Hogwood die Werke auch deutlich zügiger an, was der Musik IMO außerordentlich gut tut.


    Hogwoods Beethoven-Symphonien und -Klavierkonzerte hat der Graf ja schon bebildert. Ganz große Interpretationstaten sind das gewesen. Insbesondere die Klavierkonzerte sind IMO ein Meilenstein: Eine frische, kantig-transparente und doch sehr volltönende HIP-Einspielung mit einem hinreissenden Steven Lubin am Fortepiano. Für mich aktuell immer noch die rundum überzeugendste HIP-Einspielung der Klavierkonzerte.


    Und nun noch schnell der Hinweis auf zwei ganz vorzügliche CDs mit Hogwood an den Tasten. Zunächst diese:



    Hier interpretiert Hogwood Klavierwerke Mozarts (u.a. die Klaviersonate KV 381, den Marche funebre KV 453a und die Fantasie KV 397) auf dem Clavichord, wobei Instrumente zum Einsatz kommen, die entweder im Besitz Mozarts gewesen sind oder aus seinem unmittelbarten Umfeld stammen. Hogwood spielt die Werke sehr einfühlsam und dynamisch, das eher intime Klangbild des Clavichords kleidet dabei die Musik Mozarts sehr, sehr gut.


    Ja, und schließlich diese:


    [Blockierte Grafik: http://ecx.images-amazon.com/images/I/4109950GMAL._SL500_AA300_.jpg]


    Einfach toll!!!


    Adieu,
    Algabal

    Keine Angst vor der Kultur - es ist nur noch ein Gramm da.


  • Dürfte ich um ein paar zusätzliche Worte zu den Haydn-Symphonien bitten? Warum sollte ich mir erstere kaufen, warum zweitere nicht (abgesehen davon, dass ich 94 nicht besonders mag)?



    Ich habe gerade nachgesehen und zu meiner Schande festgestellt, dass sich unter meinen drei CDs keine einzige mit Hogwood findet. In digitaler Form habe ich diese hier:



    Da kann ich aber nichts dazu sagen, weil mir der Vergleich fehlt.



    Gruß,


    V.

    ?

  • Dürfte ich um ein paar zusätzliche Worte zu den Haydn-Symphonien bitten? Warum sollte ich mir erstere kaufen, warum zweitere nicht (abgesehen davon, dass ich 94 nicht besonders mag)?


    Bin zwar nicht gefragt (und mag auch Nr. 94 sehr gern :P), tue aber gerne meine abweichende Meinung kund: Die CD mit 94 und 96 gefällt mir gut, (fast zu) rasante, geschärfte Interpretationen mit deutlich herausgearbeiteten Kontrasten - besser als Brüggen oder Minkowski.


    Ansonsten habe ich erhebliche Vorbehalte gegen Hogwoods Haydn-Sinfonien: er bestätigt leider immer mal wieder die Vorurteile, bei denen man "philologische Korrektheit" mit "Langeweile" verbindet. Die Korrektheit kann man Hogwood nicht absprechen: Wenn Pauken- und Trompetenstimmen erst später hinzugefügt wurden, lässt er sie fort. Es spielt kein Continuo-Cembalo mit (und das ist auch gut so). Sämtliche Wiederholungen werden befolgt, auch wenn dadurch mancher langsame Satz fast Bruckner'sche Dimensionen annimmt. Manchmal wird aber eben auch erschreckend neutral, ohne Temperament, bloß hurtig und/oder pedantisch musiziert. Dann verschenkt Hogwood kompositorische Pointen reihenweise, es klingt nur noch dröge (z.B. Adagio von Nr. 66). Und wenn dann - gegen alle Korrekheit - so mancher langsame Satz auch vom Tempo her wie Bruckner gespielt wird (z.B. Nr. 26 und 28), stellt sich der berühmte Kaugummi-Effekt ein.


    Dabei zeigt Hogwood immer wieder (vielleicht sogar in der Mehrzahl seiner Haydn-Aufnahmen), dass er auch ganz anders kann. Weiß auch nicht, woran das liegt. Vielleicht hatte er angesichts des Zwangs zu Komplettheit nicht auf jede Sinfonie gleichermaßen Lust.


    Man kann sich die meisten Hogwood-Aufnahmen von Haydn-Sinfonien auch im Netz anhören (94 und 96 leider nicht), und zwar hier:


    "http://www.haydn107.com/index.php?id=2&lng=1"



    Viele Grüße


    Bernd

    .

  • Auch wenn ich gefragt war, so philologisch-kritisch-schön wie Bernd kann ich dazu nichts sagen.


    Die Doppelnennung war so gedacht, Vé, daß die Haydn-Boxen in der Tat viel Gutes bergen, mir sind, anders als Bernd, hingegen die 94er und 96er nicht schwungvoll und nicht gleichmäßig genug. Die Londoner habe ich mit den unhippen Marriner und Davis kennengelernt, und habe ja schon mehrfach darauf hingewiesen, daß ich beide Interpretation (und zwar den Davis fast komplett) für eine faustdicke Überraschung in punkto Spielfreude und gelungener Phrasierung halte.


    Es geschieht nicht oft in letzter Zeit, eigentlich eher gar nicht, daß innerhalb Musik vor Beethoven (und bis zu diesem) bei mir nicht ein Hipper vorne liegt, aber auch Hogwood schafft es nicht, die beiden Genannten bei mir abzulösen. Das erklärt natürlich noch nicht, warum ich diese Symphonien hier als weniger empfehlenswert eingestuft habe.


    Ich vermisse schlicht die großen Bögen, manche der makrostrukturellen Konturen sozusagen. Kontrastreich ist zweifellos, was Hogwood bietet, aber ein wenig zu effekthascherisch, zu sehr auf den Augenblick bedacht, nicht ein, zwei Partiturseiten weiter, sondern immer ganz bei sich, was generell keinen Makel darstellen muß - bei Haydn schon! Und das ist mir keine Frage des Tempos oder des vordergründigen Ereignisreichtums, der Streicherspielweise oder der Opposition "attack vs. gepflegte Langeweile", das ist eben die Phrasierung, egal auf welchen Instrumenten sie mit welchem Ansatz (spieltechnisch) dargeboten wird.


    Freilich, bei den frühen Symphonien fehlt mir vielfach neben Pinnock, der meist noch dröger ackert, der Vergleich. Jedoch was ich so kenne, hat zu deutlich mehr als 50% Substanz in meinen Ohren, und allein der philologischen Vollständigkeit halber zählte ich die Scheiben neben den Beethoven- und Mozartsymphonien auf. Bei Mozart läßt Hogwood übrigens auch alle da capos spielen. Auch hier sind die Menuette und Adagios vielfach kaum anzuhören, zumindest nicht bis zu ihrem oft meilenweit entfernten Ende.


    Ich weiß nicht, ob Dir nun das als Begründung reicht, habe da ein wenig idiosynkratische Schwerpunkte beim Evaluieren, welche sich wohl einer Mischung aus Unerfahrenheit und Unkenntnis verdanken. :D Nein, ich kokettiere nicht...


    Phrasierung aber, das ist wichtig! Das ist oft die Musik, zum mindesten für einen banausos wie mich.



    Alex :wink:


    "In the year of our Lord 1314 patriots of Scotland, starving and outnumbered, charged the field of Bannockburn. They fought like warrior poets. They fought like Scotsmen. And won their freedom."

  • Liebe Alle, alle Lieben,


    da gibbet et doch noch was. Im Gedächtnis geludolft und im Wirrwarr tatsächlich noch an die artenova-Reihe erinnert, bei der Aufnahmen Christopher Hogwoods mit dem Kammerorchester Basel erschienen, wie bspw. die folgenden Scheiben:


     
     


    Vielleicht ist ja da wat dabei, was jefallen tut, wa?


    :wink:
    Wulf

    "Gar nichts erlebt. Auch schön." (Mozart, Tagebuch 13. Juli 1770)

  • :wink:


    Meistens finde ich die von Hogwood geleiteten Aufnahmen besonders gut, weshalb sich in meiner Schrank auch eine ganze Menge von ihm findet. Die Reserviertheit Bernds kann ich aber manchmal auch gut nachvollziehen, z.B. hatte ich im Radio Ausschnitte aus Beethovens Neunter gehört, was mir zu brav vorkam. Weiterer Vorteil vieler seiner Aufnahmen ist, dass Emma Kirkby mitsingt. :) In Ergänzung zu den bereits genannten Beispielen, das unglaublich herrliche "I attempt from Love's sickness to fly in vain", hier zu finden:



    Sehr gefallen mir auch seine Aufnahmen der Kammermusik Purcells:



    Die Sonaten in 4 Parts sind gerade nicht bei unseren Partnern zu finden.


    Zuletzt hatte ich Glück und konnte diese Aufnahme als Schallplatte finden:



    Ich mag den Klang der hippen Frühwerker (auch Goebel und Gardiner der 80er, die natürlich ruppiger zur Sache gehen als Hogwood). Hier sehr schön zu hören, wie der zutreffend der Untertitel des Fadens ist.


    Gruß, Frank

  • Lieber Beryllo, ich danke sehr herzlich für den Hinweis auf die Indian Queen, die mir bisher leider nciht untergekommen ist, obschon sie ja sozusagen meine exotische Sister ist. Das von Dir so gelobte "I attempt from loves sickness" (Text von John Dryden) habe ich gerade bei youtube mit Alfred Deller gehört. Ja, das ist wirklich sehr schön! Leider nciht mit Emma Kirkby- denn ich schwärme genauso für diese Dame wie Du und werde mir gleich mal ihre Cd mit Händel-Arien auflegen. :juhu: :juhu: :juhu:
    :fee:

    Jede Krankheit ist ein musikalisches Problem und die Heilung eine musikalische Auflösung (Novalis)

  • Zuletzt hatte ich Glück und konnte diese Aufnahme als Schallplatte finden:



    Ich mag den Klang der hippen Frühwerker (auch Goebel und Gardiner der 80er, die natürlich ruppiger zur Sache gehen als Hogwood). Hier sehr schön zu hören, wie der zutreffend der Untertitel des Fadens ist.


    Oh ja, stimmt, die ist gaaanz groß! Insbesondere die enthaltene Aufnahme des e-moll-Konzerts für Altflöte, Traversflöte und Streicher ist unübertroffen!


    Adieu,
    Algabal

    Keine Angst vor der Kultur - es ist nur noch ein Gramm da.

  • 2 Studiokonserven der Bachschen Orchestersuiten befinden sich in meiner tollen Sammlung. Nämlich diese:


     


    Academy Of Ancient Music unter Hogwood ist vorzuziehen, weil der Klang sehr viel differenzierter aufgefächert ist, als mit dem Le Concerts des Nations unter Savall, die ja auch nicht schlecht sind


    :wink:

    „Ein Komponist, der weiß, was er will, will doch nur was er weiß...“ Helmut Lachenmann

  • Mit Erschrecken stelle ich fest, dass Christopher Hogwood in meiner Sammlung nur sehr mager vertreten ist:


     


    Die Cellosonaten sind einer der schönsten Wiederentdeckungen in meinem Plattenschrank.


    Bei Vinyl ist sogar ganz Fehlanzeige.
    Es liegt vielleicht daran, dass die Platten früher so richtig sauteuer waren.


    Grüße, Kermit

    Es ist vielfach leichter, eine Stecknadel in einem Heuhaufen zu finden, als einen Heuhaufen in einer Stecknadel.

  • Zu Hogwoods Beethovensymphonien muß ich sagen, ich habe sie neulich wieder alle mal gehört, und meine Eindrücke sind disparat.


    Die 1.-6. habe ich auf Schallplatte, die 7.-9. auf CD. Zur Ersten, die ist sehr gut eingespielt, Referenz für mich sozusagen. Bei der Zweiten gibt es eine ganze Reihe guter HIP-Aufnahmen, Hogwoods gehört sicherlich dazu. Die Dritte war mir immer etwas zu langsam, aber hier habe ich mit der Zeit gelernt, mich darauf einzustellen und mich dem etwas zu öffnen. Savall und Krivine waren bisher meine Favoriten, aber Hogwood hat nachgezogen. Die Vierte ist bei mir zweiter Platz, geschlagen knapp von - man glaubt es kaum - dem sonst so sämigen Frans Brüggen. Die Fünfte, nein, auch hier nicht, auch nicht Hogwood, die Fünfte habe ich noch nie so gehört, wie ich sie gerne hören würde, Savall hat sie leider nicht in Ton geritzt. Mit Abstrichen ist bei der Fünften immer noch Gardiner bei mir bevorzugt. Die Sechste darf man ja nicht hören, sagt uns Algabal, also zur Siebten. Das macht Hogwood ganz ordentlich, aber andere sind besser. Die Achte ist von ihm sogar eine Enttäuschung, ich höre wenig von der geistreichen Spritzigkeit, die in der Partitur niedergelegt ist, nein, die Achte gefällt mir von Hogwood wirklich nicht. Die Neunte, die ich immer nur bis zum dritten Satz laufenzulassen beliebe, kommt in den ersten beiden Sätzen sehr differenziert daher, sehr schmissig, mir gefällt das gut.


    Insgesamt freut es mich, daß in dem Thread der Beethovensymphoniengesamtaufnahmen JD die Hogwooder so affirmativ besprochen hat. Ich habe keine Gesamtaufzeichnung, die ich den anderen in allen Einzelheiten vorzöge, die hat wohl niemand, und so stoppele ich, wenn ich sie mal höre, mir meine Beethovensymphonien immer zusammen. Teilweise Satz für Satz. Hogwood kommt da recht häufig vor.


    "In the year of our Lord 1314 patriots of Scotland, starving and outnumbered, charged the field of Bannockburn. They fought like warrior poets. They fought like Scotsmen. And won their freedom."

  • Ich möchte an Hogwoods Versterbetag nicht das vorhin hingeschluderte Besprechungsposting so stehenlassen, sondern noch dazu sagen, daß ich die Dezenz, die Konzentriertheit und Sachlichkeit des Menschen und Musikers Christopher Hogwood sehr vermissen werde. Er hat, auch in seinen Orchesteraufnahmen der Wiener Klassiker, keinesfalls "HIP für Leute, die HIP nicht mögen" abgeliefert, wie es ein geschätzter User vorhin in einem anderen Thread mit einem dicken hinterhergeschobenen Fragezeichen anmerkte.


    Ich habe Hogwood immer als einen Musizierenden und Musizierenlassenden erlebt, der es nicht nötig hatte, sein Ego auf das Werk zu drücken, das er gerade vortrug. Der, in eine Lieblingsformulierung von mir gekleidet, die Partitur oder Klaviernoten hörbar gemacht hat, und damit genug getan hatte. Die Seite der BBC News zitiert heute einen Weggefährten Hogwoods mit dem Hinweis auf ebendiese Musikbezogenheit und Unprätentiosität. Ja, das habe ich, aus weiter Ferne selbstverständlich, immer so wahrgenommen. Und zwar dankbar. Hogwood hat nicht ohne Ecken und Kanten dirigiert, er hat die Ecken und Kanten nur nicht in den Vordergrund gestellt und damit gesagt: Hört mal her, wie eigen ich bin.


    Seine vielen Händelaufnahmen in meinen Schallplattenregalen werde ich in der nächsten Zeit wieder auflegen, ebenso seine Haydnsymphonien, auch die 94er und 94er, zu denen Zwielicht oben richtig sagte, daß sie viel lebendiger und konturschärfer gespielt seien, als ich sie damals in Erinnerung hatte. Man soll eben nichts schreiben, wenn die Erinnerung nicht mehr voll da ist. Ja, liebe Vé, falls Du nochmal hier hereinliest, auch die 94er und 96er sind sehr, sehr zu empfehlen.


    Glanzlichter werden bleiben wie die CPE Bach-Symphonien oder das Vivaldi-Stabatmater und -Nisidominus, aus dem ich nun, als "funeral" sozusagen, das berühmte "cum dederit" höre.


    "In the year of our Lord 1314 patriots of Scotland, starving and outnumbered, charged the field of Bannockburn. They fought like warrior poets. They fought like Scotsmen. And won their freedom."

  • Er hat, auch in seinen Orchesteraufnahmen der Wiener Klassiker, keinesfalls "HIP für Leute, die HIP nicht mögen" abgeliefert, wie es ein geschätzter User vorhin in einem anderen Thread mit einem dicken hinterhergeschobenen Fragezeichen anmerkte.


    Das schrieb ich, despektierlicherweise auch noch im Nekrolog-Thread. Aber mit Fragezeichen versehen, weil ich mich, je mehr ich über Musik lerne, desto weniger oft meiner musikalischen Urteile besonders über Interpretationen so sicher bin. Es stimmt, ich kann mit Hogwoods Orchesteraufnahmen der Wiener Klassik wenig anfangen. Aber vielleicht habe ich hier einfach eine Vorliebe für 'schärfer Gewürztes'.


    Dafür habe ich inzwischen Hogwood als Cembalist für mich entdeckt. Auch hier scheint mir gut zu passen, was du über seine unprätentiöse Art schreibst. Aber hier gfällt es mir sehr. Besonders liebe ich diese komplette Aufnahme von William Byrds My Ladye Nevell's Booke



    Dieses Notenbuch versammelt sehr unterschiedliche Werke Byrds, vereinigt eher zu einem außermusikalischen Zweck. Adäquate Interpretationen verlangen ganz Unterschiedliches. Hogwoods erste HIP-Gesamteinspielung war auch eine musikwissenschaftliche Großtat, weil er diese sehr unterschiedlichen Werke in ihrem jeweiligen Kontext studiert hat und sie dementsprechend spielt bis zur mir sehr cleveren und musikhistorisch nachvollziehbar erläuterten Wahl des jeweiligen Tasteninstruments, das Buch aber nicht auseinanderreist, wie Moroney. Ich finde es jedenfalls auch reizvoll, dieses Buch im Zusammenhang hören zu können. Hogwood unprätentiöse Leichtigkeit scheint mir bei dieser Hausmusik für die musikalisch gut ausgebildete Gentry-Lady einfach besonders gut zu passen. (Ich vermeide bewußt, von "Salonmusik" zu schreiben, denn das würde falsche, durch das 19.Jahrh. geprägte Assoziationen wecken: 'Leichte Musik' ist das nicht alles.)


    Bei dieser hingegen erwies sich Hogwood als Dirigent des Basler Kammerorchesters besonders als ein Meisterdirigent klassizistischer Werke der Moderne:



    Besonders schön, Strawinskys Three Songs from William Shakespeare (1953) mit Emma Kirkby


    Die erste CD aus dieser Reihe ist auch gut, aber die obige gefällt mir besonders.




    :wink: Matthias

  • Die erste CD aus dieser Reihe ist auch gut


    Da Du diese CD mit der Toccata von Bohuslav Martinů erwähnst: Es ist viel zu wenig bekannt, dass Hogwood ein veritabler Martinů-Spezialist war, was sich in einer Vielzahl von Einspielungen niedergeschlagen hat. Neben der von Dir verlinkten CD sind noch folgende weitere Hogwood-CDs mit Werken Martinůs erhältlich:
                 

  • Es ist viel zu wenig bekannt, dass Hogwood ein veritabler Martinů-Spezialist war, was sich in einer Vielzahl von Einspielungen niedergeschlagen hat.


    Schön, dass du darauf hinweist. Die Hyperion CD-Reihe mit Gesamteinspielung der Werke für Geige & Orchester habe ist sogar. Zwar ist nicht jedes bei dieser GA eingespielte Werk des enorm produktiven Martinu der Brüller, aber einige sind sehr hörenswert und Hogwood finde ich auch hier wieder sehr gut, gar nicht etwas dröge, wie bei manchen Aufnahmen der Wiener Klassik, aber immer sehr klar.


    :wink: Matthias

  • Dann sollte man auch auf die Gade-Einspielungen hinweisen....




    VG,Maurice

    Viele Grüße sendet Maurice

    Musik bedeutet, jemandem seine Geschichte zu erzählen und ist etwas ganz Persönliches. Daher ist es auch so schwierig, sie zu reproduzieren. Niemand kann ihr am Ende näher stehen als derjenige, der/die sie komponiert hat. Alle, die nach dem Komponisten kommen, können sie nur noch in verfälschter Form darbieten, denn sie erzählen am Ende wiederum ihre eigene Geschichte der Geschichte. (ist von mir)

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