Jazz für Oboe und Fagott

  • Jazz für Oboe und Fagott

    Hallo Jazzfreunde,


    in der aktuellen Diskussion über Oboen schrieb Matthias:


    Für den Jazz stimmt das nicht. Die meisten Klarinettisten und Saxophonisten, die gelegentlich oder häufig zur Klarinette greiffen, spielen auch Alt-Klarinette, z.B., um hier etwas bekanntere Nahmen zu nennen, die sehr viel Alt-Klarinette spielen: Gianluigi Trovesi, Michel Portal, Marty Ehrlich, Louis Sclavis, Peter Brötzmann..... Die Bass-Klarinette ist aber inzwischen vielleicht noch verbreiteter.


    OboistInnen, FagottistInnen sind schon sehr viel seltener, aber auch da gibt es einige.


    Das macht mich neugierig. Diese beiden Instrumente assoziiere ich so gar nicht mit Jazz.


    Was gibt es denn da und was ist hörenswert?


    Viele Grüße,


    Mela

    With music I know happiness (Kurtág)

  • Wenn Du Englisch lesen kannst, suche mal auf http://www.organissimo.org/forum - da haben wir umfaseen darüber diskutiert. Alles weiß ich auch nicht mehr auswendig ..


    Yusef Lateef hat tollen Blues auf der Oboe gespielt, aber eben neben Flöte, Tenorsaxophon u.a. - z.B. auf dieser (Blues for the Orient):



    Paul McCandless von der Gruppe Oregon ist ein Beispiel in neuerer Zeit. Meine Lieblings-CD der Gruppe:



    Mehr hier:
    http://www.organissimo.org/forum/index.php?showtopic=2251


    Fagott ist schwierig, selten im Jazz gespielt, weil nicht so beweglich. Illinois Jacquet hat mal Round Midnight auf dem Fagott gespielt, aber das war ein Einzelfall.
    Mehr hier:
    http://www.organissimo.org/forum/index.php?showtopic=39227
    http://www.organissimo.org/forum/index.php?showtopic=11356
    http://www.organissimo.org/forum/index.php?showtopic=1081

  • Paul Hanson

    Liebe Mela,


    Oboisten bzw. Englisch-Horn-Spieler findet man ab und zu mal. Wenn ich etwas Muße habe, schaue ich da mal genauer nach. Zum Fagott fällt mir spontan der Amerikaner Paul Hanson ein. Den habe ich einmal live mit der Jazz-Bluegrass-Funkband Bela Fleck & The Flecktones gesehen. Dort bildete er einen Bläsersatz mit dem Saxophonisten Jeff Coffin und dem oben von Miguel erwähnten Paul McCandless (den du wirklich unbedingt mal hören solltest). Das war schon ein ziemlich außergewöhnlicher Bläserklang... Hanson selbst verfremdet den Fagottklang hin und wieder durch Live-Electronic.



    Auf Hansons Webseite findest du auch seine Diskographie.


    Einen kleinen Ausschnitt (leider eines der blöderen Stücke...) von Hanson & Bela Fleck findest du hier:
    "http://www.youtube.com/watch?v=6v6j_JbOlpA"


    LG
    C.

    „Beim Minigolf lernte ich, wie man mit Anstand verliert.“ (Element of Crime)

  • Gleich mit Fagott und Oboe oder Engl.Horn würde ich gerne diese empfehlen können.


    Von dem sehr guten afro-amerikanischen Flötisten James Newton kenne ich eine wunderbare LP in der Besetzung: Flöte, Tuba, Klarinette, Fagott und wahlweise Oboe oder English Horn, "The Mystery School", 1980 auf India Navigation erschienen. Trotz des Titels, kein bischen New Age -Schrott, sondern sehr schöner, moderner Kammer-Jazz mit Wechseln zwischen relativ komplexen, ausgeschriebenen und frei improvisierten Passagen. Newton ist jedoch heute völlig zur Neuen Musik gewechselt und leitet und dirigiert heute darauf spezialisierte Kammerorchester und komponiert. Leider sind die India Navigation Aufnahmen heute nur sehr schwer gebraucht zu bekommen, was sehr schade ist. Das war ein hochinteressantes Label.


    Spielerisch unglaublich ist die Free-Jazz Fagottistin Karen Borca, die vor allem mit Jimmy Lyons, auch mit Cecil Taylor in dessen Formationen mit Lyons gespielt hat. Sie schafft es, das Fagott auch rau, dennoch sonor-warm klingen zu lassen und spielt mit einer geläufigen Fingerfertigkeit sehr guter Saxophonisten, allerdings tritt selbst sie auf vielen Studioaufnahmen instrumentenbedingt etwas zu leise und mit vergleichsweise wenig Sustain etwas zu sehr in den Hintergrund. Dennoch sind sämtliche Aufnahmen in den Bands Jimmy Lyons mit ihr zumeist bei Black Saint in Italien herausgekommen, sehr empfehlenswert für alle, die gut konzipierten, dichten, energiereichen Free Jazz mögen. Diese habe ich mal herausgesucht, die noch zu haben sind. Auf der ersten ist sie auch - schon auf den Tonschnipseln . sehr gut zu hören:


    Die Amazon-Links funktionieren leider alle nicht, aber man kann reinhören und günstig runterladen.


    Jimmy Lyons Quintet; Give It Up mit Karen Borca, Paul Murphy, Jay Oliver, Enrico Rava


    Jimmy Lyons Quintet :Wee Sneezawee mit Karen Borca, Raphe Malik, Paul Murphy, William Parker


    Beim Wiederhören bin ich wieder hellauf begeistert. Bei beiden sind die Besetzungen (bei Amazon angegeben) erstklassig, Give it Up (sogar mit meinem Trompetenliebling Enrico Rava.)


    Erst recht erstklassig ist die Besetzung auch bei Cecil Taylors Orchestra of Two Continents: Karen Borca mit Gunter Hampel, Jimmy Lyons, Andre Martinez, William Parker, Enrico Rava, Tomasz Stanko, Cecil Taylor, John Tchicai, Frank Wright



    Auf diesem (insgesamt sehr guten) Festival-Sampler findet man immerhin ein Stück von ihr mit eigenem Quartett:


    Karen Borca Quartet
    Aus dem Album Visionfest- Vision Live


    Bei diesem Festival-Mitschnitt wird sehr deutlich wie stark Karen Borca Coltrane- und Lyons-Spielweisen auf das Fagott überträgt. Ich habe sie mal live ähnlich gut erlebt in Kopenhagen mit John Tchicai, dem afro-dänischen Saxophonisten, der auf Coltranes "Ascension" mitspielt und bis heute eine Schlüsselfigur nicht nur der dänischen Jazzavantgarde ist.


    Sehr schöne Aufnahmen enstanden auch mit dem Pianisten Joel Futterman, auf denen sie gelegentlich auch mehr Raum und Zeit hat, ihre Improvisationen langsam zu entwickeln, was für Fagott (und Oboe) aufgrund der Beschaffenheit des Instruments eher ein Vorteil ist. Leider ist da auch alles vergriffen.


    :wink: Matthias


  • Von dem sehr guten afro-amerikanischen Flötisten James Newton kenne ich eine wunderbare LP in der Besetzung: Flöte, Tuba, Klarinette, Fagott und wahlweise Oboe oder English Horn, "The Mystery School", 1980 auf India Navigation erschienen.


    An diese herrliche Musik dachte ich heute mittag auch gleich, als ich den thread sah. Mein Exemplar der LP ist inzwischen so abgehört, dass ich einiges für eine CD-Wiederveröffentlichung geben würde... "The Mystery School" war eine meiner ersten Jazzplatten, die ich mir noch als Schüler vom Taschengeld gekauft habe - ich hatte sie im Schallplattenladen beim Reinhören in Sonderangebote sehr zufällig entdeckt - und ist immer noch eine meiner allerliebsten. Eine so traumverlorene Musik, die trotzdem viel zu sophisticated ist, um auch nur ansatzweise esoterisch oder kitschig zu wirken, begegnet einem wirklich selten.


    Beim Recherchieren im Netz entdeckte ich gerade, dass es wohl sowas wie einen Nachfolger gab - "Water Mystery", erschienen 1985 auf Gramavision, in der gleichen Besetzung, aber zusätzlich noch mit einem zweiten Oboisten (Greg Martin), Bass, Percussion, Harfe und Koto. Kennst Du die, Matthias? Ist natürlich auch nicht mehr zu kriegen.


    Die Besetzung von "Mystery School" trage ich noch eben nach, um diese wunderbaren Musiker angemessen zu würdigen:
    Tuba: Red Callender
    Klarinette: John Carter
    Fagott: John Nunez
    Oboe/Englisch Horn: Charles Owens
    Flöte: James Newton



    Ansonsten ist mir der Oboist Marshall Allen, eine der wichtigsten Stimmen des Sun Ra Orchestras, sehr lieb und wichtig. Allen ist inzwischen wirklich schon ein Urgestein: seit 1958, seit 51 Jahren also, spielt er in diesem Orchester, das er seit 1995 leitet.



    Grüße,
    Micha

  • Danke Euch allen,


    da habe ich ja jetzt erst mal genug Stoff, um mich ein bisschen umzuhören.


    Und dann muss ich den Thread wohl schließen, sonst wird's zu teuer :D


    Viele Grüße,


    Melanie

    With music I know happiness (Kurtág)

  • Yusef Lateef ist hier ja schon genannt worden, der die Oboe in den Jazz als Soloinstrument eingeführt hat. Des weiteren spielte er auch gelegentlich orientalische Doppelrohrblattinstrumente. Obwohl die Oboe für ihn ein Nebeninstument blieb, beherrschte er sie durchaus und kommt sie bei Ihm vor allem in ruhigeren oder orientalisierenden Stücken gut zur Geltung.


    Bald darauf verwendete Roland Rashaan Kirk gelegentlich das Englisch-Horn, Joseph Jarman auf eigenen Aufnahmen und beim Art Ensemble of Chicago das Fagott und der Altsaxophonist Marshall Allen die Oboe in den diversen "Arkestras" von Sun Ra. Allen ist einer der ganz großen des Saxophons, wenn er auch selbst nie so im Rampenlicht der Öffentlichkeit stand, weil er seit 1958 in den Orchestern von Sun Ra spielte und in dessen Musikerkommune lebte, die er nach dem Tod Sun Ras auch leitend weiterführte. Auf einigen der letzten Sun Ra CDs vor dessen Tod traten Oboe und jetzt auch Fagott wieder etwas häufiger auch solistisch in den Vordergrund, weil einige der jüngeren Mitglieder und Allen-Schüler auch teilweise anfingen, sich an der Oboe zu versuchen und mit James Jackson nun ein sehr guter Fagottist zum Arkestra gehörte.
    Bei diesen allen wurden die Doppelrohrblattinstrumente vor allem genutzt, um ein orientalisierendes Klangbild zu schaffen, etwa in Sun Ras imaginärem schwarzem Alt-Ägypten "from outer Space".


    Hinweise auf Cds der Genannten mit einschlägigen Solostellen muß ich mal nach und nach nachliefern, - dafür stehr bei mir zu viel von denen rum. Kürzlich gehört habe ich diese, auf der Marshall Allen auch an der Oboe und Jackson am Fagott zu hören ist.


    Von den´späten Studioaufnahmen Sun Ras, auf denen er sich wieder besonders auch der Tradition widmete, freilich ohne Free Jazz und Post-Free Jazz zu vergessen. - Sun Ra war unter dem Namen Herman Blound in den 30er/40er Jahren noch Pianist und Arrangeur in Swing Bands wie der von Fletcher Henderson, in denen Swing mit Hot Jazz verbunden wurde und in denen dann auch BeBop- Musiker mitspielen durften, gewesen.
    Sun Ra Arkestra - Hours After auf Black Saint (bei Amazon günstig als mp3; link funktioniert nicht)


    :wink: Matthias

  • Beim Recherchieren im Netz entdeckte ich gerade, dass es wohl sowas wie einen Nachfolger gab - "Water Mystery", erschienen 1985 auf Gramavision, in der gleichen Besetzung, aber zusätzlich noch mit einem zweiten Oboisten (Greg Martin), Bass, Percussion, Harfe und Koto. Kennst Du die, Matthias? Ist natürlich auch nicht mehr zu kriegen.


    Nee, die ist mir auch entgangen. Danke für den Hinweis. Wenn sie bei Gramavision erschienen ist, habe ich aber gute Karten, noch ranzukommen. Kann bloß etwas dauern.


    da habe ich ja jetzt erst mal genug Stoff, um mich ein bisschen umzuhören.


    Und dann muss ich den Thread wohl schließen, sonst wird's zu teuer


    Ich fang doch gerade erst an. :D


    :wink: Matthias

  • Oboe und Fagott als Hauptinstrumente únd Saxophone nur als Nebeninstrumente spielte dann vor allem die Britin Lindsay Cooper.Lindsay Cooper hatte zunächst klassisches Fagott und Oboe studiert und war zuerst Orchestermusikerin, parallel in der Neuen Musik aktiv, bevor sie zum Jazz kam.
    Von Linsay Cooper ist regulär leider kaum noch etwas zu bekommen.


    Immerhin noch einiges von ihrer sehr guten Band Henry Cow. Diese beiden enthalten zwar keine Oboen-, aber immerhin sehr schöne Fagott-Soli von ihr. Auf einer ist auch noch die Schweizer Free-Jazz Pianistin Irene Schweizer, eine meiner Lieblingspianistinnen, als Gast dabei. Hochspannende, wunderbare Musik! Für mich vielleicht das beste aus dem experimentellen englischen Jazzrock, der hier zum Free Jazz und zur Neuen Musik weit offen war.




    Später spielte sie dann auch bei National Health und bei vielen weiteren Projekten den Canterbury Scene. Von ihren eigenen Aufnahmen mag ich besonders "Schrödinger´s Cat", mit Musikern aus der britischen Szene, und "Live at The Bastille", mit der ebenfalls von der Neuen Musik herkommenden französischen Bassistin Joelle Léandre.
    Leider meines Wissens nie auf CD aufgenommen, aber sehr schön war auch ihr Duo mit der deutschen Pianistin Ulrike Haage, Aufnahmen mit Mike Westbroke´s Orchestra (z.B. "Rossini"), Zusammenarbeiten mit Phil Minton, Maggie Nichols, Elvira Plenar, dem Maarten Altena Oktett und mit der Feminist Improvising Group und dem European Women´s Orchestra. Daneben blieb sie aber auch in der Neuen Musik, auch als Komponistin, aktiv und spielte ebenso in der europäischen Free-Jazz-Szene, bis sie an Multipler Sklerose erkrankte. Sie ist seitdem vor allem als Komponistin von zeitgenössischer "E-Musik" tätig. Auch da gibt es ein Paar durchaus hörenswerte Stücke von ihr.


    Von ihren "klassischen" Kompositionen sticht für mich besonders ihr "Concerto for Sopranino Saxophone and Orchestra" hervor. Sehr gut fand ich auch ihre "Songs for Bassoon and Orchestra", die ich mit dem Orchester von Bologna dort hören konnte. Die haben auch die Uraufführung dort gegeben, ich habe es aber etwas später dort gehört.


    Erhältlich und sehr hübsch ist eine Komposition von ihr für Ondes Martenot:



    Inzwischen gibt es noch einige weitere, jüngere OboistInnen und FagottIstinnen, sogar die Barock-Oboe wird verwendet, die diese Instrumente als Hauptinstrumente spielen. Die meisten fahren zweigleisig mit Neuer Musik oder HIP und Jazz. Dazu später einmal.


    :wink: Matthias

  • Um mal mit einer der jüngeren einen Anfang zu machen, 2000 hörte ich auf dem Berliner JazzFest das Helios Quartet
    feat. Emmanuelle Somer. Somer beeindruckte als Frontfrau auf Oboe und Englisch Horn, neben ihr stach als guter Solist stark in der Nachfolge eines Jaco Pastorius in Sound und Spielweise Daniel Dunlap auf dem E-Bass hervor, wobei sich die beiden Soloinstrumente in ihrem sonoren Klang auch soundmäßig gut verbanden. Pete McCann (g) blieb da eher Begleitung, Jarrod Cagwin (dr ) sorgte bestens für treibende Begleitung und sensible Sound-Ergänzungen. Ihre Musik bewegte sich sehr gelungen zwischen einem osteuropäisch beeinflussen Folk imaginaire, Funk und modernem Jazz bis zu freien Improvisationen.


    Mit ihrem Helios Quartet gab es auch einmal diese sehr schöne CD:



    E. Somer war vorher auch klassische Solistin z.B. mit Aufführungen von Werken von Holliger oder dem Oboenkonzert von Martinu, war aber immer primär Jazzmusikerin, hat sich dann eine Zeit lang in der japanischen experimentellen Szene rumgetrieben und spielte dann wieder viel mit europäischen Musikern modernen Jazz, auch Funk und Jazzrock, aber auch viel Free Jazz und nach wie vor viel mit Jarrod Cagwin. Somer spielt auch diverse Saxophone, aber ihre Hauptinstrumente blieben Oboe und Englisch Horn.


    :wink: Matthias

  • Auf mehreren Aufnahmen des Sun Ra Arkestras spielten mal Danny Ray Thomson, mal Elo Omoe ein umgebautes Fagott mit Trompetenmundstück - sie nannten es "Neptunian libflecto". Wenn ich irgendwann mal dazu komme, meine Sun Ra-Aufnahmen anständig zu sortieren, finde ich vielleicht auch eine mit einem Solo auf diesem Instrument und kann mitteilen, wie das ungefähr klingt...


    Grüße,
    Micha

  • Noch vor Yusef Lateef spielte Bob Cooper (1925 - 1993) neben Tenorsaxophon auch regelmäßig und auch solistisch Oboe. Er war Gründungsmitglied der Lighthouse All Stars und von Shelly Manne & his Men, zwei der wichtigsten Progressive Jazz West Coast Bands und spielte vor allem viel auch mit anderen Größen dieser Szene wie Stan Kenton, Shorty Rogers, Bud Shank, Jimmy Giuffre und Pete Rugolo. Mit Bud Shank unternahm er auch 1957 und 1958 Europatourneen, auf denen er u.a. auch mit Attila Zoller, Albert Mangelsdorff und Gary Peacock auftrat. In den 60ern wurde er dann Studiomusiker in Hollywood und verschwand so wie viele andere für einige Zeit aus der aktiven Jazz-Szene, hat aber später wieder mit einigen aus dieser West-Coast-Szene gespielt und aufgenommen.


    Von der Europa-Tour mit Bud Shank gibt es inzwischen diese mit Joe Zawinul am Piano:



    Hier, statt Joe Zawinul, Claude Williamson (p), der aber ein guter West Coast Pianist war.



    Hier ist er auf einem sehr schönen Album Barney Kessels, aufgenommen 1954/55, zu hören:



    Barney Kessel (g) Bob Cooper (ts, oboe), Hampton Hawes od. Claude Williamson (p) Monty Budwig od. Red Mitchell (b) Shelly Manne (dr)


    Mit Shelley Manne z.B. gut zu hören hier:


    Shelly Manne & His Men: The West Coast Sound (Contemporary, 1955) (Bild gibt es nicht, aber die CD ist noch lieferbar.)


    Sehr schön verbindet sich hier in einigen Stücken die Oboe mit Jimmy Giuffres Klarinette. Zu diesem Kammer-Jazz passt dann die Oboe auch besonders gut:



    An die sehr guten Sessions mit Bud Shank, auf denen er viel Oboe spielte, ist leider gar nicht mehr ranzukommen.


    Von seinen eigenen Scheiben gibt es leider kaum noch etwas lieferbar und auf denen spielt er gerade wenig oder gar keine Oboe.




    Auf der Milano Blues gibt es dann wieder ein paar ganz schöne Oboensoli, aber die Oboe passt hier nicht so gut wie auf der Aufnahme mit Giuffre oder einigen Sessions mit Bud Shank oder in dem Sound der West Coast Small Big Bands von Shelly Manne oder Shorty Rogers. Cooper bläst auf dieser besonder gute Tenor-Soli, z.B. zu "Indiana", aber die übrigen, ausschließlich europäischen Musiker sind nicht besonders. Milano Blues ist auch auf der Europa-Tour 1957 in einer Studio-Session in Rom und einer Live-Show in Holland aufgenommen.





    Gut, aber ganz ohne Oboe, aber Bob Cooper war ein wirklich sehr guter Tenor-Saxophonist, sind diese späten Aufnahmen:



    mit einem anderen West Coast Jazz Veteranen: Conte Condoli (tp)



    mit zwei anderen West Coast Veteranen: Dem sehr hörenswerten Lou Levy (p) und wieder Monty Budwig (b)


    :wink: Matthias

  • Das kopiere ich hier mal aus dem "Jazz eben goutiert"-Thread hin. Wenigstens Bob Cooper hatte ich hier ja doch schon etwas vorgestellt. Er war übrigens mit der sehr guten Sängerin June Christy verheiratet, von der es leider mehr Belangloses, als wirklich guten progressiven Westcoast-Jazz gibt, den sie selbst singen wollte, wie sie selbst meinte, Beide lernten sich in der Big Band Stan Kentons kennen.


    Nachdem ich heute im Oboenunterricht mit Freude improvisiert habe, bin ich hierauf gestoßen (ein Tip meines Lehrers, wurde hier ebenfalls schon empfohlen):


    Oregon: Winter Light, u. a. mit Paul McCandless, Oboe
    Vanguard, aufg. 1974



    Die habe ich seit langem auch mal wieder gehört. Das ist schon eine der schönsten Oregon-CDs mit sehr guten Soli von Paul McCandless.


    Das bringt mich darauf, dass ich irgendwann ja noch einige weitere Doppelrohrblatttröter im entsprechenden Thread vorstellen wollte und es dann wieder vergessen habe. Es gibt ja noch den Westcoast-Tenorsaxophonisten Bob Cooper, der auch Oboe und Englisch-Horn spielte und mit dem es im Jazz mit diesen Instrumenten losging. Paul McCandless ist klar von ihm besonders beeinflußt. In erster Linie Saxophonisten sind auch Makanda Ken McIntyre, der beinah das gesamte Holzbläserinstrumentarium genutzt hat, und Sonny Simmons, der öfter mal zum Englisch-Horn greift. Beide sind dem progressiven Creative Jazz und Free Jazz zuzurechnen. Nur als Oboistin war vor allem in den frühen 80ern im holländischen Free Jazz Maud Sauer aktiv, vor allem in den Bands von Maarten van Regteren Altena und Guus Janssens, aber kurzzeitig auch mit eigenem Quartett. Von allen ist tolle Musik auch auf LP/CD erschienen, aber leider das meiste nur noch schwierig greiffbar. In der französischen Szene gibt es auch noch weitere, z. B. die junge Fagottistin Sophie Bernardo, die mich, letzten Herbst hier in Berlin mit einem deutsch-französischem Ensemble um den Kölner Pianisten Pablo Held gehört, enorm beeindruckt hat. In ihren ausgedehnten, intelligent und spannendaufgebauten Soli, irgendwo zwischen späterem Coltrane und Evan Parker, hat sie mit perfekter Zirkularatmung und hochvirtuos dichte Multiphonics-Ketten losgelassen, - alles in gleichbleibend vollem und brilliantem Sound und in der Lautstärke nicht gegenüber Schlagzeug, E-Bass, Saxophon und großem Konzertflügel untergehend, spielerisch nie in ausgelutschte Holzbläser-Patterns verfallend. Wenn die beim Jazz bleibt, hat sie eine aussichtreiche Zukunft! Karen Borca und Lindsay Cooper, die die junge Französin noch an Virtuosität übertrifft, spielen ja inzwischen nicht mehr und die Nische und Offenheit für eine Top-Jazzfagottistin sehe ich durchaus. Von oder mit Sophie Bernardo kenne ich leider noch keine erwerbbare Aufnahme.


    Mehr zu den Genannten später mal. Ich höre mich gerade durch meinen, leider auch bei mir sehr spärlichen Bestand von Aufnahmen mit Maud Sauer und habe inzwischen auch noch ein paar weitere Aufnahmen, auf denen Bob Cooper Oboe spielt, ergattert.


    :wink: Matthias

  • Danke, lieber Matthias, für die schönen Anregungen! "Winter Light" werde ich sicher demnächst mal erwerben (ist ja relativ günstig zu bekommen). Die Namen sagen mir allesamt nichts. Solltest Du (oder wer sonst sich in der Lage sieht) konkrete CD-Tips zu Oboe und Jazz haben, würde ich mich freuen. Leider kann ich keine Richtungen im Jazz angeben, die mich näher interessieren würden, aber das, was Paul McCandless macht (Freejazz?), finde ich schon recht verheißungsvoll...


    :wink:

    Es grüßt Gurnemanz
    ---
    Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
    Helmut Lachenmann

  • das, was Paul McCandless macht (Freejazz?), finde ich schon recht verheißungsvoll...


    Free Jazz ist das eher nicht, obwohl "Winter Light" auch eine eher offene Form mit hohem Improvisationanteil hat. Oregon bleiben dabei jedoch immer hübsch, leicht eingängig und auf Schönklang orientiert; - meine ich gar nicht negativ, sondern nur beschreibend.


    Die Afro-Amerikaner McIntyre und Simmons gehen dagegen eher vom Hardbop, der wieder stärker den Blues in den Jazz einbrachte, und von modalem Skalenspiel aus, mehr vorrantreibend, groove-orientiert und kamen von da aus zum Free Jazz und zeitgenössischem Creative Jazz mit erweierten Spieltechniken, Kollektivimprovisationen und - tonal ungebundener - mehr "Dissonanzen".


    Kurzer Begriffsexkurs: "Creative Jazz" ist im Grunde ein Verlegenheitsbegriff, der von vielen Jazzautoren vor allem in den USA und Italien für alles, was gegenüber dem rein oder zumindest weitgehend kollektiv frei improvisierten Jazz wieder mehr komponierte Anteile hat, aber die Errungenschaften des Free Jazz weiter mitpflegt, gebraucht wird. Einige afro-amerikanische Chicagoer Musiker hatten den zunächst Ende der 60er zeitweilig selbst gebraucht, um sich einerseits vom Mainstream, das war damals und ist heute noch zumeist mehr oder weniger Hardbop oder Cool, abzusetzen, andererseits darauf hinzuweisen, das sie nicht nur frei improvisieren, sondern eine Kombination von avancierteren Kompositionen und frei improvisiertem Gruppenspiel anstrebten. In den späten 50ern/frühen 60ern, war für diese Art Musik "New Thing" gebräuchlich, etwa als Bezeichnung für die Musik von Eric Dolphy. Ich gebrauche "Creative Jazz" nicht nur hier auch häufig, ebenso aus Verlegenheit, für alles, was eher neutönerisch-experimentell ist oder an solches vor allem andockt, aber nicht ganz "free" ist, weil eine Einteilung über Stilchrakteristiken schon lange nicht mehr greifft und alles das "Avantgarde" zu nennen, was aber auch oft nur weitgehend wiederholt, was es inzwischen schon seit vielen Jahrzehnten so ähnlich in den Grundformen gibt, auch etwas komisch wäre. Problematisch ist aber an dem Begriff, dass er die Konnotation nahezulegen droht, der "Mainstream"-Jazz sei nicht 'kreativ'. Ich halte aber auch ein sich weitgehend an klassischere Jazzformen haltendes Spiel nicht zwangsläufig für unkreativ. Auch diese Formen sind noch lange nicht ausgereizt und öde Einfallslosigkeit und Kopiererei gibt es im sogenannten "Creative Jazz" genauso wie im sogenannten "Mainstream".


    Maud Sauer ist hingegen eine typisch europäische Free Jazzerin, zudem eine, mit viel Spielerfahrung auch in der Neuen Musik und in klassischen Ensembles, d.h. fast allgemein für den europäischen Free Jazz, weitgehend wurde schon auch das aufgegriffen, was von den Free Jazzern aus den USA ab den späten 50ern kam und auch die Jazz-Tradition ist bei vielen, auch bei ihr, durchaus da, aber es gibt auch tendenziell stärker als bei den meisten US-Amerikanern Nähen zur europäischen komponierten Neuen Musik. Bei manchen Aufnahmen von ihr mit den Bands von Maarten Altena höre ich z.B. einen guten Schuß Hanns Eisler raus. Der nette Quäkton der Oboe passt zu den oft sehr humorvollen Aufnahmen der Bands dieses holländischen Bassisten und Cellisten sehr gut, wobei die auch gelegentlich vor einer art brut, einer Art musikalischem NeoDada nicht zurückschreckten. Das war zeitweilig besonders bei einer ganzen Reihe holländischen Free-Jazz-Gruppen sehr beliebt, ist aber meist live witziger als auf einer zum Mehrfach-Hören angelegten LP.


    Ich werde hier noch einzelne Aufnahmen vorstellen.


    :wink: Matthias

Jetzt mitmachen!

Du hast noch kein Benutzerkonto auf unserer Seite? Registriere dich kostenlos und nimm an unserer Community teil!