Wer hat Angst vorm schwarzen Mann? - Die Kritik am Regietheater

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  • Damit sich meine Phantasie entfalten kann, brauche ich Freiräume im wahrsten Sinn des Wortes, also ein möglichst minimalistisches, abstrahiertes Bühnenbild. Welche Fragen sollen sich z.B. bei der "Traviata" von Zeffirelli aufdrängen? Da ist doch schon alles beantwortet, bis ins kleinste Detail der vollgerammelten Bühnenräume springt Dir doch ein "So ist es und nicht anders!" entgegen. Hingegen die Willy-Decker-Inszenierung in Salzburg: Hier ist nichts beantwortet, alles offen und daher von der ersten Minute an spannend. (Auch wenn man den Ausgang kennt )


    Liebe Severina,


    das verstehe ich nicht ganz. Für mich ist das Bühnenbild eigentlich nur ein Teil der Inszenierung und der Interpretation durch den Regisseur. Auch ein vollgestopftes Zefirelli-Bühnenbild sagt mir nichts über das Verhältnis der Personen untereinander, zu Gesellschaft o.ä. Ich halte es nicht für vollständig ausgeschlossen, dass auch in einem Zefirelli-Bühnenbild spannendes Theater möglich ist. Die Interpretation ergibt sich doch aus den Gesamtpaket (nicht das ich Zefirelli jetzt verteidigen will).


    Für mich ist der Hinweis auf möglichst minimalistische, abstrahierte Bühnenbilder, die der Phantasie freien Raum lassen, nicht schlüssig. Wenn ich eine Oper kennenlernen möchte, greife ich bevorzugt zur CD, weil ich mir da tatsächlich möglichst unbeeindruckt durch die Interpretation einen Regisseurs mein eigenes Bild machen kann. Wenn ich hingegen in die Oper gehe, möchte ich eine Reibungsfläche - eine Interpretation. über die ich dann diskutieren kann. Möglicherweise liefert der Regisseur neue Einsichten, oder er setzt andere Schwerpunkte, das wären alles Themen, die hinterher diskutiert werden können. Idealerweise macht er das natürlich auf eine Art und Weise, die mich packt und mitreißt und zumindest beim Ansehen denken lässt, ja so muss es sein. Aber natürlich ist meine eigene Phantasie dann an die Zügel genommen - ich muss mich auf die Sichtweise des Regisseurs einlassen.


    Wenn ich wieder meiner Phantasie freien Lauf lassen will, greife ich wieder zur CD. Danach lässt sich dann auch wiederum über das Stück diskutieren.


    Damit kein Mißverständnis aufkommt: Ich will hier nicht gegen abstrakte Bühnenbilder und für Zefirelli'sche Ausstattungsorgien plädieren und Zefirelli ist definitiv kein Regisseur, der mich in die Oper locken würde. Ich habe aber nichts gegen Inszenierungen, die ein Stück ausdeuten und damit die Phantasie natürlich einschränken. Und das geht mE wiederum in kargen, abstrakten und üppigen Bühnenbildern.


    Viele Grüße,


    Melanie

    With music I know happiness (Kurtág)

  • USA: Land der Hochkultur?

    Das wäre sicherlich einen eigene Thread wert. Hier nur ein spontaner Gedanke... Zwar hier ein wenig offtopic, aber ich möchte auch nicht einige Bemerkungen in diese Richtung unbeachtet lassen.


    Es ist ja keine Frage, dass in den USA auch massenhaft "hohe" Kultur entstanden ist und entsteht. Es handelt sich um ein riesiges Land mit ca. 250 Mio. Einwohnern, da wäre das Gegenteil doch sehr verwunderlich. Ich würde aber sagen, dass gerade wegen dieser Größe der Anteil an "Hochkultur" insgesamt doch recht gering ist, etwa im Vergleich zu Europa. Die lange Liste von Namen, die Le Merle Bleu gepostet hat, ändert an dieser Einschätzung nicht viel. Denn viele Personen auf der Liste (ich habe sie nur überflogen) stammen enweder direkt oder indirekt aus Europa (etwa Hicthcock, Chaplin, viele "Italoamerikaner", etc.), oder sind stark durch Europa beeinflusst, wie etwa Woody Allen, der auch in den USA selbst relativ unpopulär ist. Schauen wir uns doch die amerikanische, von Hollywood geprägte Filmindustrie an (schon allein das Wort!). Das meiste würde ich doch "Trash" nennen wollen, und dass dieser auch weltweit so erfolgreich ist, wertet das in meinen Augen nicht auf. Gute Produktionen verschwinden doch in den Promille-Bereich.


    Dazu konzentriert sich die "Hochkultur" in den USA auf einige wenige Metropolen, mit weitem Vorsprung sicherlich in New York, das in weiten Teilen sehr europäisch geprägt ist, Es gibt nicht diese Dichte wie in Europa, zwischen West- und Ostküste ist nicht viel. Wenn wir uns etwa die Orchesterdichte in Mitteleuropa anschauen. Ich denke, in den USA ist es viel schwieriger und gleichzeitig teurer und elitärer, in ein gutes (klassisches) Konzert zu gehen als etwa in Deutschland.


    Oder mehr im Alltagsbereich: Man denke an den Sektor Ernährung im weitesten Sinne. Etwa Restaurant- und Cafehauskultur etc.


    :wink: maticus

    Social media is the toilet of the internet. --- Lady Gaga
    Und wer Herr Reichelt ist, weiß ich auch erst seit Montag. --- Prof. Dr. Christian Drosten

  • Zitat

    Schauen wir uns doch die amerikanische, von Hollywood geprägte Filmindustrie an (schon allein das Wort!). Das meiste würde ich doch "Trash" nennen wollen, und dass dieser auch weltweit so erfolgreich ist, wertet das in meinen Augen nicht auf. Gute Produktionen verschwinden doch in den Promille-Bereich.


    Dazu konzentriert sich die "Hochkultur" in den USA auf einige wenige Metropolen, mit weitem Vorsprung sicherlich in New York, das in weiten Teilen sehr europäisch geprägt ist, Es gibt nicht diese Dichte wie in Europa, zwischen West- und Ostküste ist nicht viel. Wenn wir uns etwa die Orchesterdichte in Mitteleuropa anschauen. Ich denke, in den USA ist es viel schwieriger und gleichzeitig teurer und elitärer, in ein gutes (klassisches) Konzert zu gehen als etwa in Deutschland.


    ich hatte selbst die Gelegenheit die USA zu besuchen. Mein Eindruck: die Menge an sog. "Trash" entspricht dem in der z.B. BRD. Auffällig ist z.B. dass in Seattle wesentlich mehr für die musikalische Früherziehung (in den öffentlichen Einrichtungen) gemacht wird, als vergleichsweise in der BRD. Gute Produktionen in Europa verschwinden auch im Promillebereich; z.B. einige gute Fassbinder- oder Chabrolfilme sind momentan nicht als DVD erhältlich. Das Publikum des Seattle Chamber Music Festivals macht übehaupt keinen elitären Eindruck, sondern gibt sich - auch hinsichtlich der Klamotten - wesentlich lockerer als in der BRD. Und ob die zahlreichen BRD-TV-Seifenopern qualitativ besser sind als die US-amerikanischen sind, bezweifle ich stark. Ist Woody Allen in der BRD tatsächlich populärer ? Kurz gesagt, mir ist da jede nationale Selbstgerechtigkeit eher fremd... sog. Massenkultur ist ein weltweites Phänomen


    :wink:

    „Ein Komponist, der weiß, was er will, will doch nur was er weiß...“ Helmut Lachenmann

  • Liebe Mela,
    was ich damit sagen will: Es gibt Bühnenbilder, Kostüme, die mir auf den ersten Blick verraten, wo und wann der Regisseur sein Stück verortet, und die habe ich eben nicht so gerne wie solche, die das in der Schwebe lassen. (Deshalb finde ich auch Naziuniformen nur mäßig originell, weil damit schon wieder eine Festlegung stattfindet. Jeder denkende Zuschauer wird diese Assoziation, so sie Sinn macht, selber herstellen, dazu braucht's keinen Holzhammer.) Ich liebe also Inszenierungen - und natürlich ist das Bühnenbild nur ein Teil davon - die vieles offen lassen, die mehr Fragezeichen als Rufzeichen enthalten. Dass das für Dich nicht schlüssig ist, ist schon OK, ich habe ja nur meine Position erläutert.
    Aber natürlich ist das Allerwichtigste die Interaktion auf der Bühne, das Seelendrama, das Beziehungsgeflecht zwischen den Protagonisten, und mit tollen Singschauspielern kann man da auch in einer 0815-Inszenierung aufregendes Theater erleben, keine Frage. Das ist aber dann meist nicht das Verdienst der Regie, sondern der Sänger, die aus sich heraus eine Rolle gestalten können. (Ich spreche jetzt von ungeprobten Repertoirevorstellungen, der Alltag an der WSO, wo vom Regisseur und seiner segensreichen Tätigkeit nur mehr der Name auf dem Programmzettel übrig geblieben ist.)


    Deshalb mag ich auch den vom Feuilleton so verrissenen Bechtolf-Ring, der zwar eine große Deutung schuldig bleibt, aber unglaublich subtil auf der zwischenmenschlichen Ebene arbeitet und beinahe kammerspielartig vorgeht. Leider funktioniert das aber auf eine größere Entfernung nicht, außer man klebt 5 Stunden an einem hochwertigen Fernglas, weil sich natürlich die vielen kleinen, aber beziehungsreichen Gesten und Blicke spätestens ab der 10. Reihe Parkett verlieren.
    Damit bin ich jetzt ziemlich OT, sorry, aber ich wollte damit nur untermauern, dass mir selbstverständlich auch die Personenregie wichtiger als das Bühnenbild ist.
    lg Severina :wink:

    "Das Theater ist ein Narrenhaus, aber die Oper ist die Abteilung für Unheilbare!" (Franz Schalk)

  • Den USA-Kulturteil sollten wir abtrennen, ich möchte nicht hier antworten, aber, sorry lieber maticus, nimm es mir bitte nicht übel, ich bin erschreckt über diese geballte Ladung von Vorurteilen.


    :wink: Matthias

  • Schauen wir uns doch die amerikanische, von Hollywood geprägte Filmindustrie an (schon allein das Wort!). Das meiste würde ich doch "Trash" nennen wollen

    Ähmmm... die Gattung Film ist sicher in ähnlichem Maße vom US-Amerikanischen geprägt, wie es die Gattung Oper über Jahrhunderte vom Italienischen war... ein großer Teil (der Überwiegende?) der filmischen Meisterwerke stammt aus amerikanischer Produktion...


    Dass die meisten amerikanischen Filme Trash sind... nun ja, die meisten italienischen Opern im 17., 18. Jahrhundert waren das sicherlich auch...


    IMO waren die USA die prägende Kulturnation in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts... vor allem wegen ihrer beherrschenden Stellung in der gesellschaftlich wichtigsten (?!?) Kulturgattung Film...


    Falstaff

  • Zitat

    der filmischen Meisterwerke stammt aus amerikanischer Produktion...

    z.B. die Verfilmung "The Remains of the Day = Was vom Tage übrig blieb" erfolgte durch einen US-Regisseur, nämlich James Ivory


    :wink:

    „Ein Komponist, der weiß, was er will, will doch nur was er weiß...“ Helmut Lachenmann

  • Zitat

    Während Dich offensichtlich eine historisierende Inszenierung zum Nachdenken anregt, blockiert sie mich total. Ein Zeffirelli erschlägt meine klares Denkvermögen mit einer Flut von Bildern, die sich dem freien Assoziieren ebenso in den Weg stellen wie den Sängern die Plüschsofas auf der realen Bühne, denen sie ständig ausweichen müssen.


    Severina, den Zeffirelli-Pomp benötige ich überhaupt nicht zu meinem Glück. Auch auf mich wirkt er in dieser überzogenen Form eher störend. Aber noch mehr stören mich halt visuelle Eindrücke, die sich vorne und hinten mit dem Libretto und vor allem mit der Musik beißen. Wenn ich eine ständige Abfolge von Stilbrüchen sehe, vermindert das schnell meine Konzentration auf den eigentlichen Kern eines Werkes.


    Zitat

    Wenn ich eine Oper kennenlernen möchte, greife ich bevorzugt zur CD, weil ich mir da tatsächlich möglichst unbeeindruckt durch die Interpretation einen Regisseurs mein eigenes Bild machen kann.


    Melanie, für mich persönlich ist gerade im Falle der Oper die Konserve nur ein sehr schwacher Ersatz für eine (meinetwegen auch noch so wenig überzeugende ) Aufführung. Mir ist es jedenfalls, obwohl ich es häufig versucht habe, bislang nur selten gelungen, Opern alleine über einen Tonträger richtig lieben zu lernen - der Knoten platzte in der Regel erst dann, wenn ich selber im Theater saß (Ausnahmen wie "Die Liebe der Danae", die ich mangels Gelegenheit noch nie auf der Bühne erleben konnte, bestätigen die Regel).


    Viele Grüße


    Bernd

  • Wir können und sollten das gerne abtrennen. Ob meine "Ladung" so geballt war, das sehe ich nicht so, nur etwas vereinfacht. Vielleicht trägt das ja zu einer interessanten Diskussion bei -- an geeigneter Stelle. Nur eine Verbesserung: Meine Bemerkung bzgl. Trash bezog sich auf die heutige Filmindustrie, das Wort hatte ich vergessen hinzuzufügen. Ist ja auch nur meine Meinung.


    :wink: maticus


    [Vorschlag, da ich die Diskussion hier nur ungern zerreißen würde (USA, "Eurotrash" und "Regietheater" sind doch recht vermischt worden): Du - oder wer immer sich berufen fühlt - schreibst einen Eingangsbeitrag zum Thema "USA und Kultur" mit klarer Fragestellung und eröffnest damit den Thread.


    Und die, die an diesem Orte weiterdiskutieren, sind aufgerufen, sich wieder auf die Themenfrage "Kritik am Regietheater" zu beziehen.


    :wink:
    Gurnemanz]

    Social media is the toilet of the internet. --- Lady Gaga
    Und wer Herr Reichelt ist, weiß ich auch erst seit Montag. --- Prof. Dr. Christian Drosten

  • Zitat

    Wir können und sollten das gerne abtrennen. Ob meine "Ladung" so geballt war, das sehe ich nicht so, nur etwas vereinfacht. Vielleicht trägt das ja zu einer interessanten Diskussion bei -- an geeigneter Stelle.

    guter Vorschlag. Vielleicht trägt ein gesonderter Thread dazu bei, dass ein differenzierteres Bild von den USA gewonnen wird ...
    :wink:


    [S. o.
    :wink:
    Gurnemanz]

    „Ein Komponist, der weiß, was er will, will doch nur was er weiß...“ Helmut Lachenmann

  • was ich damit sagen will: Es gibt Bühnenbilder, Kostüme, die mir auf den ersten Blick verraten, wo und wann der Regisseur sein Stück verortet, und die habe ich eben nicht so gerne wie solche, die das in der Schwebe lassen. (Deshalb finde ich auch Naziuniformen nur mäßig originell, weil damit schon wieder eine Festlegung stattfindet. Jeder denkende Zuschauer wird diese Assoziation, so sie Sinn macht, selber herstellen, dazu braucht's keinen Holzhammer.) Ich liebe also Inszenierungen - und natürlich ist das Bühnenbild nur ein Teil davon - die vieles offen lassen, die mehr Fragezeichen als Rufzeichen enthalten.


    Liebe Severina,


    da habe ich mich vielleicht nicht gut genug ausgedrückt. Ich meine nicht, dass eine Inszenierung keine Fragen offen lassen kann - eine komplette "Deutung" ohne weitere Fragen ist sicher bei den meisten Stücken auch nicht möglich (man denke nur an den Ring). Vielleicht verstehen wir auch das Wörtchen Phantasie in diesem Kontext unterschiedlich. Bei dem Wort Phantasie in diesem Zusammenhang denke ich aber mehr an "freiassoziative" Gedanken zum Stück und die habe ich wirklich besser bei einer CD. Ein Regisseur wird schon (solange er nicht Stehtheater macht) meine Assoziationen in eine Richtung lenken, Schwerpunkte setzen und (hoffentlich) auch Deutungsansätze geben. Das finde ich auch gut so. Das ist für mich nur vollkommen unabhängig davon, zu welchem Zeitpunkt oder Ort der Regisseur die Oper gerade ansiedelt. Ich habe übrigens schon ewig keine Nazi-Uniformen auf der Bühne mehr gesehen :D


    Melanie, für mich persönlich ist gerade im Falle der Oper die Konserve nur ein sehr schwacher Ersatz für eine (meinetwegen auch noch so wenig überzeugende ) Aufführung.


    Lieber Bernd,


    für mich ist auch die Live-Aufführung das Ziel und ich würde diese auch nicht missen wollen. Die CDs möchte ich aber auch nicht missen - sonst würde ich auch viele Opern deutlich schlechter kennen. Und tatsächlich schätze ich es auch, mich mal auf Musik/Text komplett ohne "visuelle Reizablenkung" konzentrieren zu können.


    Viele Grüße,


    Melanie

    With music I know happiness (Kurtág)

  • ok ich geb mich auch geschlagen.


    Da drüben ist dermaßen viel Dummheit und Ignoranz am Werke gepaart mit rechter Demagogik, dass ich da noch nichtmal mehr Lust habe zu Spotten.


    T-Rex - R.I.P.

  • RE: Wer hat Angst vorm schwarzen Mann - die Kritik am Regietheater

    • P1: Der Komponist/Librettist legt in der Partitur/im Libretto genau fest, wie das Werk aufgeführt werden soll.


    Zu P1: Dieser Punkt ist äußerst fragwürdig, und zwar aus folgenden Gründen:



    • Nicht jedes Libretto enthält Bühnenanweisungen. Noch weniger Partituren enthalten Bühnenanweisungen. Bühnenanweisungen im Libretto sind in den meisten Fällen sehr kurz gefaßt und reichen für eine Inszenierung nicht aus. Sofern Handlungsort und Handlungszeit in Libretto oder Partitur angegeben sind, bieten diese einen gewissen Rahmen.
    • Literarische Texte sind in jeder Leseart eine Interpretation. Niemand kann objektiv sagen, wie etwas gemeint sein soll. Noch weniger geht das in einer Partitur, die sich bei dem unzureichenden Notationssystem noch viel größerer Unklarheiten schuldig macht als ein literarischer Text. Zu sagen, man könne einen literarischen Text bzw. eine Partitur objektiv lesen, ist Unsinn.
    • Das Werk ist nicht die Partitur oder das Libretto, und niemand kann das Werk so aufführen, "wie es ist". Das Werk ist höchstens die Summe aller Aufführungen.


    Habe gerade ein Schönberg-Zitat gefunden (aus einem Brief, daher doch wohl also copyright-frei und mithin zitierbar??) (bezieht sich auf Schoenbergs Oper Moses und Aron):


    "[Ich habe] mit der genauen Ausarbeitung der Szene 'Tanz um das goldene Kalb' sehr viel Arbeit gehabt. Ich wollte den neuen Beherrschern der Theaterkunst, den Regisseuren, möglichst wenig überlassen und auch die Choreographie soweit erdenken, als es mir möglich ist. Denn all das liegt heute sehr im Argen, und die Eigenmächtigkeit dieser Hilfsorgane und ihre Gewissenlosigkeit werden nur von ihrer Kulturlosigkeit und Impotenz übertroffen. [...] Du weißt, daß ich für den Tanz nicht viel übrig habe. Seine Ausdruckskraft steht im Allgemeinen auf keinem höheren Niveau als die primitivste Programm-Musik; und seine 'Schönheit' ist mir in ihrer versteinerten Mechanik odios. Nun ist es mir [...] gelungen, solche Bewegungen zu erdenken, welche wenigstens ein anderes Ausdrucksgebiet betreten als das landesübliche Ballettgehüpfe."


    (Hervorhebungen durch mich)


    Und das bereits 1931, also noch vor den 50ern/60ern, deren Inszenierungen einige Poster hier als Abgrenzung zum Regietheater verwenden!!


    :wink:
    Philipp

  • das wäre aber schade, wenn der lullist vollständig rüber macht... ;(





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    Immer noch da ... ab und an.

  • Ähnlich wie Schönberg sich hier über Regisseure äußert, hat Mahler sich über Dirigenten geäußert und damit seine sehr exakten Partitur-Anweisungen begründet. Man sollte nicht vergessen, daß die Opernregie zu Schönbergs Zeiten noch nicht so weit entwickelt war wie heute - das Zitat stammt aus der Zeit vor Felsenstein und Wieland Wagner.


    Es ist im Übrigen schon interessant: Wenn ein Klemperer Beethovens Tempo-Vorschriften eindeutig mißachtet, schreien die einschlägigen Verdächtigen nichts von "Verfremdung", steckt man aber Wotan in einen herkömmlichen Anzug, wird der Untergang des Abendlandes vermutet.


    LG :wink:

    "Was Ihr Theaterleute Eure Tradition nennt, das ist Eure Bequemlichkeit und Schlamperei." Gustav Mahler

  • Zitat

    Es ist im Übrigen schon interessant: Wenn ein Klemperer Beethovens Tempo-Vorschriften eindeutig mißachtet, schreien die einschlägigen Verdächtigen nichts von "Verfremdung", steckt man aber Wotan in einen herkömmlichen Anzug, wird der Untergang des Abendlandes vermutet.


    Umgekehrt wird allerdings auch ein Schuh draus :D : Meine "einschlägigen Verdächtigen" halten es grundsätzlich für eine unzumutbare Fehlleistung, wenn eine Telemann-Suite auf modernem Instrumentarium gespielt wird, aber ein Parsifal als Cheftrainer der deutschen Eishockey-Nationalmannschaft ist in ihren Augen ein wunderbar progressiver Regieeinfall.


    Viele Grüße


    Bernd

  • Das, was Philipp da von Schönberg zitiert, verstehe ich nicht als Angriff auf die Regie. Vielmehr macht Schönberg ja selbst Regie und distanziert sich von Regisseuren, deren Arbeit er für schlecht befindet - er sagt allerdings nicht genau, warum. Da er jedoch abfällig von "landesüblichem Ballettgehüpfe" spricht, liegt es nahe, daß er irgendetwas einfallsloses, altmodisches meint.


    Schönberg war ja übrigens (wie fast alle um ihn herum auch) einer, dem nichts an der Meinung des Großteils des Publikums lag. Im Gegenteil. Von ihm stammt auch der Satz: Wenn es Kunst ist, ist es nicht für alle, und wenn es für alle ist, ist es keine Kunst.


    Daß mit der Werktreue im musikalischen Sinne ist ein interessanter Punkt, den ich im Laufe dieser Debatte (woanders) auch schon mal angesprochen hatte. Bei der Oper ist die Diskrepanz zwischen der Forderung nach "Werktreue" in der Inszenierung und vollkommener Sorglosigkeit in musikalischen Angelegenheiten besonders auffällig. Diejenigen, die da sagen "ich will es so, wie Verdi es wollte" (ohne, daß sie sich auf irgendetwas berufen können, Ihr wißt ja schon...), hören gleichzeitig ein modern gestimmtes Orchester und Stimmen, die es zu Verdis Zeiten nicht gab, sich oft elektronischer Hilfsmittel bedienen und die so singen, wie Verdi es bestimmt nicht wollte. Villazón, der alle Töne verschleift, Netrebko, die kein ordentliches Italienisch kann und ständig falsch singt, all diese Baritenöre, die seit Mario del Monaco Otello singen (Verdi konnte schon Tamagno nicht besonders gut leiden)... Meine Güte. Wenn man so singen würde wie 1870, dann würden die meisten Befürworter der "Werktreue" wahrscheinlich sagen: igitt, was ist denn das.


    Also, bitte merken: Werktreue heißt ein hübsch traditionelles Bühnenbild mit möglichst opulenten, der Handlungszeit entsprechenden Kostümen und perfekt ausbalancierten, modernen Stimmen (wenn auch mit Elektronik), die, wenn's geht, in attraktiven Körpern stecken, die man auf Hochglanzcovers vermarkten kann.


    :jub: (Ich taufe dieses tolle Smiley um. Es ist nicht nur ein Jubel-Smiley sondern ein Staubi-Jubel-Smiley!)


    M.

    "To me, Eurotrash is Zeffirelli." Graham Vick

  • Lieber Mengelberg, der Gipfel der Paradoxie ist dann noch ,wenn die Oper , die angeblich total werkgetreu aufgeführt wird, nicht mal in der Sprache auf die Bühne kommt, zu der sie komponiert wurde.
    Die Verquickung von militanten Forderungen nach "Werktreue" mit gleichzeitigem lautem Rufen nach Aufführungen in Landessprache hat mir die Schizophrenie solcher Gedankengänge in aller Deutlichkeit erschlossen. Wie soll man das bitte als denkender Zeitgenosse noch ernst nehmen?
    Wenn die Leute ihre Beweggründe klar auf den Tisch legen würden, wäre ja Alles klar und man kann das gut finden oder nciht, aber diese Scheinlogik bezüglich "Werktreue" zieht wohl nur mit mehreren vernagelten Brettern und Scheuklappen gleichzeitig.


    Was den Smilie betrifft: nee, da mach ich nicht mit! :boese:
    Den benutze ich schon seit Urzeiten für ganz unverstaubten höchsten Freudentaumel!


    F.Q.

    Jede Krankheit ist ein musikalisches Problem und die Heilung eine musikalische Auflösung (Novalis)

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