Wer hat Angst vorm schwarzen Mann? - Die Kritik am Regietheater

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  • Ähnlich wie Schönberg sich hier über Regisseure äußert, hat Mahler sich über Dirigenten geäußert und damit seine sehr exakten Partitur-Anweisungen begründet. Man sollte nicht vergessen, daß die Opernregie zu Schönbergs Zeiten noch nicht so weit entwickelt war wie heute - das Zitat stammt aus der Zeit vor Felsenstein und Wieland Wagner.


    Es ist im Übrigen schon interessant: Wenn ein Klemperer Beethovens Tempo-Vorschriften eindeutig mißachtet, schreien die einschlägigen Verdächtigen nichts von "Verfremdung", steckt man aber Wotan in einen herkömmlichen Anzug, wird der Untergang des Abendlandes vermutet.


    LG :wink:

    Lieber Symbol,
    dass bei musikalischen "Verfremdungen" nicht so laut geschrien wird, liegt vielleicht auch schlicht und einfach daran, dass sie vielen Leuten gar nicht bewusst sind. Ich z.B. kann keine Partitur lesen und habe also keine Ahnung, welche Tempo-Vorschriften ein Beethoven gemacht hat. Mir gefällt also ein Dirigat oder eben nicht, eine wissenschaftliche Begründung kann ich Dir dafür nicht liefern, weil ich eben gar nicht weiß, was in der Partitur steht und ob es da Abweichungen gibt. Ein Libretto hingegen kann jeder lesen, da stechen Diskrepanzen zwischen dem, was im Text steht, und dem, was sich auf der Bühne abspielt, sofort ins Auge und führt je nach dem persönlichen Standpunkt zu Beifall oder lautstarker Empörung.
    Und was die "Werktreue" betrifft: Ich erinnere mich noch gut an das empörte Aufheulen, als Riccardo Muti in den 80erjahren Franco Bonisolli als Duca die eingelegten Spitzentöne untersagte, eben weil Verdi die nicht komponiert hatte. Das Publikum war erzürnt und Bonisolli, dem ja immer mehr an vordergründigen Effekten als an einer ernsthaften Interpretation gelegen war, legte sich ebenfalls quer. Kaum war der Maestro aus dem Haus, schmetterte jeder wieder fröhlich in altbewährter Manier drauf los - Partitur hin, Partitur her.
    lg Severina :wink:

    "Das Theater ist ein Narrenhaus, aber die Oper ist die Abteilung für Unheilbare!" (Franz Schalk)

  • Umgekehrt wird allerdings auch ein Schuh draus :D : Meine "einschlägigen Verdächtigen" halten es grundsätzlich für eine unzumutbare Fehlleistung, wenn eine Telemann-Suite auf modernem Instrumentarium gespielt wird, aber ein Parsifal als Cheftrainer der deutschen Eishockey-Nationalmannschaft ist in ihren Augen ein wunderbar progressiver Regieeinfall.


    Viele Grüße


    Bernd


    Lieber Bernd,


    das, was Du schreibst, mag im Prinzip richtig sein, aber eben halt auch nur im Prinzip. Die Frage ist nämlich, ob der von Dir angeführte HIP-Fan den "modernen" Telemann ablehnt, weil dieser nicht "authentisch" sei, oder aber, weil er/sie findet, daß die HIP-Interpretation einfach besser klingt. Im ersteren Fall hätten wir in der Tat einen Widerspruch, im letzteren nicht, weil es bei der einen diskutierten ästhetischen Präferenz überhaupt nicht um "Werktreue" geht, sondern um subjektive Vorliebe für einen bestimmten Klang oder eine bestimmte Spielweise.


    Aus Deiner Idee könnte man vielleicht sogar was machen: die Gralsritter als Sport-Team und Amfortas (nicht Parsifal) als schwächelnder Spielführer, dem die Fleischeslust nicht gut bekam. Daß das bei Sportlern manchmal nachteilig ist, sieht man ja gerade an Tiger Woods. :D Könnte man das Konzept nicht mal an einen Regisseur schicken? Ich würde mich auch persönlich dafür verwenden, Dich im Programmheft als Co-Dramaturgen aufzuführen. :D


    LG :wink:

    "Was Ihr Theaterleute Eure Tradition nennt, das ist Eure Bequemlichkeit und Schlamperei." Gustav Mahler

  • Zitat von Severina


    ...
    Und was die "Werktreue" betrifft: Ich erinnere mich noch gut an das empörte Aufheulen, als Riccardo Muti in den 80erjahren Franco Bonisolli als Duca die eingelegten Spitzentöne untersagte, eben weil Verdi die nicht komponiert hatte. Das Publikum war erzürnt und Bonisolli, dem ja immer mehr an vordergründigen Effekten als an einer ernsthaften Interpretation gelegen war, legte sich ebenfalls quer. Kaum war der Maestro aus dem Haus, schmetterte jeder wieder fröhlich in altbewährter Manier drauf los - Partitur hin, Partitur her.
    lg Severina :wink:


    Hallo Serverina,


    weil G. Verdi dieses anders sah und niederschrieb, in diesem Fall vermittelt durch R. Muti. Man glänzt nicht allein durch Spitzentöne. ;+)


    Der Komponist lässt in seinen Werken sehr wenig improvisatorischen oder ändernden Spielraum für die Sänger. G. Verdi war hier sehr streng:
    1. Mit Fortschreiten seiner Werken
    2. (Kleinere) Ausnahmen bestätigen wie immer die Regel.


    G. Verdi ist halt nicht Belcanto sondern Romantik; auch wenn sich die Gesangskultur in Italien nur allmählich und verzögert änderte...ob zum Guten oder Schlechten bleibt dahingestellt. ;+)


    Allgemein: Zur "Werktreue":
    In diesem Begriff steckt das Wort 'Treue'. Dieser ist hier ebenso indifferent wie der Paragraph 242 des BGB (ähnlich gibt es diesen in Österreich): Man kann damit alles oder nichts machen...M. E. hat die "HIP-Bewegung" dem Begriff "Werktreue" viele neue und vorher nicht gekannte Aspekte vermitteln können...."Was geschrieben steht (oder insb. nicht)..." [siehe bes. Belcanto-Oper...und damit der Oper des Barock in Italien bzw. der 'italienischen Schule'!] ;+)


    Absolute Werktreue im ureigenen Sinn [?] (nach der damaligen Uraufführung unter Einstudierung, Aufsicht und Bewilligung etc. des betreffenden Komponisten): Wenn dieses erstrebenswert wäre oder ist, müsste eine (in diesem Fall) 'Oper' für alle Zeiten ímmer gleich aufgeführt werden, wenn dieses bzgl. der Sängerdisposition ginge und des Kontiniums Raum und Zeit und weiterer nicht bekannter Effekte möglich wäre...
    - Und dann?
    - Ein philosophischer und künstlerischer Irrweg, weil Fiktion?


    Bis dann.

  • Lieber Keith,
    da rennst Du bei mir offene Türen ein, reine "Stimmritzenakrobatik", wie sie ein Bonisolli bis zum Exzess betrieben hat, stößt mich eher ab als dass sie mir imponiert. Für diese Helden der "Wer-kann's-lauter-und-höher"-Philosophie konnte ich mich nie erwärmen, deshalb auch mein Problem mit so manchen historischen Stimmen.....
    lg Severina :wink:

    "Das Theater ist ein Narrenhaus, aber die Oper ist die Abteilung für Unheilbare!" (Franz Schalk)

  • Lieber Mengelberg, der Gipfel der Paradoxie ist dann noch ,wenn die Oper , die angeblich total werkgetreu aufgeführt wird, nicht mal in der Sprache auf die Bühne kommt, zu der sie komponiert wurde.
    Die Verquickung von militanten Forderungen nach "Werktreue" mit gleichzeitigem lautem Rufen nach Aufführungen in Landessprache hat mir die Schizophrenie solcher Gedankengänge in aller Deutlichkeit erschlossen.
    F.Q.


    Liebe Fairy,


    wurde darüber in diesem Thread diskutiert oder "drüben"? Irgendwie habe ich da die Originalaussage über Werktreue und Landessprache wohl überlesen.


    Liebe Grüße
    Ingrid

  • Liebe Ingrid, nein, das war jahrelang in Tamino ein Thema.
    Hier sind die Begrüsser der Oper in Landessprache (ich drücke es mal angescihts der freundlichen Mehrheit dieses Spezies so positiv aus ;+) ) wesentlich konsequenter und nachvollziehbarer in ihrem Denken und lehnen nicht in einem Atemzug oder gar militant das Regietheater als Werkvergewaltigung ab. Fast im Gegenteil.


    F.Q.

    Jede Krankheit ist ein musikalisches Problem und die Heilung eine musikalische Auflösung (Novalis)

  • Zitat

    das, was Du schreibst, mag im Prinzip richtig sein, aber eben halt auch nur im Prinzip. Die Frage ist nämlich, ob der von Dir angeführte HIP-Fan den "modernen" Telemann ablehnt, weil dieser nicht "authentisch" sei, oder aber, weil er/sie findet, daß die HIP-Interpretation einfach besser klingt. Im ersteren Fall hätten wir in der Tat einen Widerspruch, im letzteren nicht, weil es bei der einen diskutierten ästhetischen Präferenz überhaupt nicht um "Werktreue" geht, sondern um subjektive Vorliebe für einen bestimmten Klang oder eine bestimmte Spielweise.


    Wahrscheinlich auf mich gemünzt.


    Authentisch gibt’s nicht, das ist Blödsinn, wer so HIP begreift hat gar nichts kapiert - hier geht es nicht um die Reproduktion eines Klangs, sondern um eine annähernde Interpretation.
    Für mich hat das ganz klar etwas damit zu tun, das mir der Klang besser gefällt, aber es ist nicht nur der Klang der Instrumente, da gehört ja auch noch eine ganz eigene Spielweise und Verzierungs- und Improvisationskunst dazu.
    Ich sehe die historische informierte Aufführungspraxis als eine Strömung der Neuen Musik, die eben nur historische Noten verwendet.


    Rene Jacobs hat einmal (in seinem belgischen Akzent) gesagt: "Ich kann nur authentisch mich selber machen" - ich denka damit ist alles gesagt.


    Zu der leidigen Grundsatzdiskussion im Bereich Regiearbeit.


    Werktreue ist genauso wie Reproduktion, purer Blödsinn.


    Aber ich liebe HIP Inszenierungen, eben weil es Interpretationen der Uraufführungsumstände sind, wie man sich eben z.B. eine Barockoper vorstellt.
    Aber ist das Werktreue ? Ich mag das Wort nicht.
    Es ist einfach spannend, weil man soviel machen kann, was auch unserer heutigen Ästhetik erst einmal widerspricht.
    Aber letztlich sind alle Inszenierungen unserer Tage auch durch unsere Ästhetik geprägt - von daher ist jeder Versuch eine "authentische Oper" zu machen völliger Quatsch - und das wird auch jeder HIP Musiker und Regisseur sagen.


    Heute habe ich via youtube die ersten bewegten Zefirelli Bilder gesehen – und da musste ich bei T. noch mal drauf hauen. :pfeif:


    So einen Müll zu fordern, so eine Verballhornung der Oper jenseits allen guten Geschmacks, hat mich Heute dermaßen schockiert, dass ich es immer noch nicht fassen kann, das ein solcher Kram auf der Bühne zu sehen war.
    Ich kannte bisher nur Photos von diversen Inszenierungen – in bewegten Bildern ist das geradezu unerträglich.


    Ich kenn mich nicht aus, hat der das wirklich ernst gemeint, oder ist das alles Persiflage ??? :stern:



    Also DAS hat garantiert gar nichts mit Werktreue zu tun, das hat nicht mal was mit Kunst zu tun.


    Zefirelli ist ein Bob Ross der Bühne mit faschistoider „Ästhetik“


    Ich habe wirklich schon eine Menge Mist gesehen, aber das hat echt dem Fass die Krone ins Gesicht geschlagen – unfassbar.
    Das schlimme daran war, das eben auch die Musik von Verdi auf einmal unerträglich wurde.
    Wenn es das ist was die Konservativen fordern, dann bin ich aber vehement fürs Regietheater ! :thumbup:


    Im Normalfall lasse ich jedem sein Vergnügen, aber in dem Fall kann ich mich nicht mehr zurück halten. :shake:
    Um so ein Zeugs werde ich jedenfalls einen Bogen machen.

  • Ich versuche es mal kurz und knapp zu machen: ich kann diese ewigen Grabenkämpfe Regietheater vs. Werktreue nicht mehr hören. Eine Geschichte kann gut oder schlecht erzählt werden, eine Inszenierung durchdacht oder zusammengeschustert sein, egal ob im historischen Kostüm oder auf einer komplett leeren Bühne und im Trainingsanzug. Ich finde das Beispiel einer Tosca im historischen Kostüm, bei der der Beweggrund für den Mord in eine völlig andere Richtung gelenkt wird sehr treffend. Ich lebe in der Provinz, wir haben hier ein Theater ohne eigenes Ensemble (aber zum Glück mit Orchester. Noch.) und müssen nehmen, was wir kriegen können. Ahnt ihr wohl, wieviele langweilige Toscas, Traviatas, Bohèmes etc. ich schon erlebt habe? Aber alle in schönen historischen Kostümen, ich frage mich, ob da wirklich die Flamme weitergegeben oder nicht doch die Asche bewahrt wird.
    Mich ärgert nicht automatisch eine leere Bühnen, so wie mich nicht automatisch ein malerisches Ambiente erfreut wenn das, was in diesem Ambiente erzählt wird nicht stimmig ist.
    Was soll überhaupt der Begriff „Regietheater“ als Synonym für „Inszenierung in modernem Ambiente“? Sollte nicht jede Inszenierung „Regietheater“ (also klug durchdacht) sein, egal ob sie z.B. eine Butterfly in einem Bilderbuch-Japan oder auf einer spartanisch leeren Bühne spielt? Es gibt gute und weniger gute Regieeinfälle. SS-Uniformen bei „Tosca“ z.B. werden langsam langweilig und sind kein Regietheater sondern ein Gähner, aber auch schlechte oder langweilige Regieeinfälle sind m.E. verzeihlich. Unverzeihlich ist für mich, wenn gegen die Musik inszeniert wird. Wenn ein Sänger einen anderen Charakter darstellen muß, als die Musik vorgibt.
    Geärgert hat mich z.B. Achim Freyers „Eugen Onegin“ in Berlin. Ich weiß nicht, wer die Vorstellung gesehen hat, ich war da (und musikalisch hat sie mir gut gefallen). Gestört hat mich nicht, daß es keine schönen romantischen Bilder vom zaristischen Russland gab, gestört hat mich auch nicht daß grelle, überzeichnete Make-Up der Sänger und Tänzer auf der Bühne. Gestört hat mich, daß die Künstler nicht miteinander in Kontakt treten durften. Lenski singt „Olga ich liebe dich“ und starrt die ganze Zeit ins Publikum weil Herr Freyer daß so will. Tatjana ringt eine ganze Nacht mit ihrem Stolz, schreibt einen Brief, verwirft ihn, schreibt ihn neu...und macht permanent die gleichen bescheuerten, abgehackten Bewegungen weil Herr Freyer daß so will, Lensky regt sich über Onegins Flirt mit Olga auf, dabei hat er gar keinen Grund dazu: Onegin hat Olga ja nicht mal angesehen, weil Herr Freyer daß so wollte, etc. etc.etc. DAS nervt, nicht das grelle Make-Up.
    Ich weiß nicht so genau, was mit Werktreue gemeint ist, sicher kein sklavisches Festhalten an bestimmten Kostümen, Kulissen oder Operngesten. Aber ich denke, der Geist eines Werkes sollte bewahrt werden. Ich habe im Sommer im Fernsehen „Lucrezia Borgia“ mit Edita Gruberova gesehen, mir hat nicht alles an der Inszenierung gefallen, aber Gennaros Sterbeszene fand ich sehr bewegend. Mal abgesehen davon daß Pavol Breslik m.E. wunderbar gesungen hat, fand ich den Einfall großartig, den Sterbenden auf einen Stuhl zu setzen und seinen Tod dadurch zu symbolisieren, daß er sich schließlich auf dem Stuhl umdreht und sich nicht wieder umschaut, egal was auf der Bühne noch passiert. Für mich war daß ein sehr eindrucksvolles Bild für die Unbarmherzigkeit und Endgültigkeit des Todes. Ich bin mir sicher, bei Donizetti steht nix von Stühlen, dennoch war es für mich das was ich „Werktreu“ nennen würde.

    Ein Paradies ist immer da, wo einer ist, der wo aufpasst, dass kein Depp reinkommt...

  • Mal für absolute Opern-nicht-Kenner, gibt es eigentlich auch Regisseure, die schon Inszenierungen beider Arten gemacht haben? Gibt es bei denen Tendenzen?


    :wink: Philipp

  • Zitat

    Wahrscheinlich auf mich gemünzt


    Nein, nicht speziell auf dich. In meinem Bekannten- und Freudes(!)kreis gibt es da einige Kandidaten....


    Zitat

    Authentisch gibt’s nicht, das ist Blödsinn, wer so HIP begreift hat gar nichts kapiert - hier geht es nicht um die Reproduktion eines Klangs, sondern um eine annähernde Interpretation.


    Klar - und im Hinblick aufs Theater geht es mir nicht um eine "authentische" Inszenierung (nicht um die Reproduktion von 1860er Bärenfellen), sondern um eine "annähernde"! :D


    Ein Allegro ist ein Allegro und trotz eines gewissen Spielraums kein Largo - und Wotan ist Wotan und nicht Josef Ackermann. In mythologischer Vorzeit pflegte man nicht in Nadelstreifenanzügen herumzulaufen.


    Die Stilbrüche, die in der modernen Opernregie gang und gäbe sind, finden im Vergleich zu jeder einigermaßen ernstzunehmenden Musikinterpretation auf einer viel elementareren Ebene statt. Für den Charakter einer Oper und damit auch ihrer MUSIK entscheidende Faktoren wie die Zeit und der Ort der Handlung werden in vielen Inszenierungen völlig ignoriert bzw. bewußt abgeändert. Die zwangsläufige Folge ist eine fundamentale Diskrepanz zwischen Musik und Szene; eines paßt vorne und hinten nicht zum anderen. Und mich wundert ein wenig, daß diejenigen, die auf der einen Seite eine teilweise über "historische Aufführungspraxis" versuchte, musikalisch möglichst dichte Annäherung an das Werk und seinen "Geist" propagieren, gleichzeitig auf der anderen Seite sznenische Anakoluthe in krassesten Versionen völlig schmerzfrei hinnehmen und verteidigen.


    Viele Grüße


    Bernd

  • Zitat

    Also DAS hat garantiert gar nichts mit Werktreue zu tun, das hat nicht mal was mit Kunst zu tun.


    Zefirelli ist ein Bob Ross der Bühne mit faschistoider „Ästhetik


    Na mein Lieber,


    Du mußt mal hören, wenn Zeffirelli über seine eigenen Inszenierungen spricht und erklärt, warum er was wie macht. Das ist jenseits von Gut und Böse - das mußt Du sehen, sonst wirst Du es nicht glauben.


    Ich habe erlebt, daß sogar hartnäckige Zeffirelli-Bewunderer vom Glauben abgefallen sind, als sie dieses Kauderwelsch gehört haben... Nur diejenigen jenseits des Bollwerkes halten immer noch treu die Stellung und versichern, daß Zeffirellis Endsieg kurz bevorsteht.


    Ketzerische Grüße :D


    M.

    "To me, Eurotrash is Zeffirelli." Graham Vick

  • Lieber Bernd,
    wie Wotan wallte, wusste weiland nicht einmal Wagner ;+) - aber ganz bestimmt nicht mit Flügelhelm und Bärenfell. Für einen Mythos gibt es bekanntlich keine archäologische Quellenlage, also spricht absolut nichts dagegen, mir Wotan im Nadelstreif vorzustellen. Ganz bestimmt schmerzt mich das weniger als ein pseudogermanisches Kostümfest. Ich kann Dir auch erklären, warum: Meine bis vor kurzem heftige Abneigung gegen Wagners Ring resultierte u.a. auch aus dem Umstand, dass ich mit dieser ganzen Götter- und Halbgöttergesellschaft überhaupt nichts anfangen konnte. Ich konnte mich in dieses in meinen Augen absurde Konstrukt nicht hineinversetzen, das Schicksal von Siegfried und seinem Anhang berührte mich einfach nicht. Erst als ich die ersten Inszenierungen sah, in denen plötzlich Menschen aus Fleisch und Blut auf der Bühne standen, in normaler Kleidung und mit normalen Gesten, fand ich einen Zugang zu dieser mir bis dahin fremden Welt, und mit Sven- Eric Bechtolfs psychologisch ungemein fein gesponnenem Wotan, der überhaupt nichts Göttliches an sich hat, kann ich erstmals wirklich mitleiden. (In traditionellen Inszenierungen hingegen war er für mich nie mehr als eine ziemliche Witzfigur :hide: ) Es mag schon sein, dass ich einfach zu doof bin, das Allgemeingültige des Ring-Mythos auch in einem germanischen Disneyland zu erkennen, aber so ist es halt, und mein Ausweg aus diesem Dilemma sind eben moderne Inszenierungen.
    lg Severina :wink:

    "Das Theater ist ein Narrenhaus, aber die Oper ist die Abteilung für Unheilbare!" (Franz Schalk)


  • Lieber Bernd,


    leider gehst Du über den entscheidenden Punkt hinweg, nämlich daß viele HIP-isten gar nicht an einer Annäherung an das Werk interessiert sind, sondern finden, daß historische Instrumente und Spielweisen helfen, überkommene Interpretationsweisen zu überwinden, also einen sehr modernen Aspekt in diesem künstlerischen Ansatz sehen. Eine "moderne" Inszenierung ist dem relativ nah, denn auch hier geht es häufig darum, verschleiernde Interpretationen zugunsten einer Annäherung an den eigentlichen Kern des Werkes zu überwinden. Anders gesagt: wenn HIP nicht aus Gründen der Authentizität propagiert wird, kann man es auch nicht gegen einen "unauthentischen" Inszenierungsstil ausspielen.


    Betreffend Dein Beispiel zur Typisierung des Wotans: Kennst Du das Wagner-Brevier von George Bernard Shaw? Eigentlich ist eine Verortung des "Gottes" im Wagnerschen Sinne in die besitzende Oberschicht doch ein sehr werkgetreuer Einfall und eben halt gerade nicht Ausdruck der Neurosen des Regisseurs - oder?


    LG :wink:

    "Was Ihr Theaterleute Eure Tradition nennt, das ist Eure Bequemlichkeit und Schlamperei." Gustav Mahler

  • Wagner mochte doch soweit ich weiß keine Flügelhelme und illustrative Bühnenbilder sowieso nicht.


    :wink:


    M.

    "To me, Eurotrash is Zeffirelli." Graham Vick

  • Zitat

    und Wotan ist Wotan und nicht Josef Ackermann. In mythologischer Vorzeit pflegte man nicht in Nadelstreifenanzügen herumzulaufen.

    Lieber Bernd,


    Wagners Ring ist nicht zuletzt auch (nicht ausschließlich !) Wagners Zeit in musilkalische Sprache, in Bilder und Gedanken gefasst. Wagners Ring - und da stimme ich Symbols Bezug zu Shaw vorbehaltlos zu - ist auch (nicht ausschließlich !) eine Auseinandersetzung über die - der Tendenz nach - ziellose Selbstverwertung des Kapitals, welche alles diesem Zwang zur Verwertung, dieser Totale unterwirft. Zitat :


    WOTAN
    Zu was doch frommt dir der Hort,
    da freudlos Nibelheim,
    und nichts für Schätze hier feil?


    ALBERICH


    Schätze zu schaffen und Schätze zu bergen,
    nützt mir Nibelheims Nacht.
    Doch mit dem Hort, in der Höhle gehäuft,
    denk' ich dann Wunder zu wirken:
    die ganze Welt gewinn' ich mit ihm mir zu eigen!


    WOTAN


    Wie beginnst du, Gütiger, das?


    ALBERICH


    Die in linder Lüfte Weh'n da oben ihr lebt,
    lacht und liebt: mit goldner Faust
    euch Göttliche fang' ich mir alle!
    Wie ich der Liebe abgesagt,
    alles, was lebt, soll ihr entsagen!
    Mit Golde gekirrt,
    nach Gold nur sollt ihr noch gieren!
    Auf wonnigen Höhn,
    in seligem Weben wiegt ihr euch;
    den Schwarzalben
    verachtet ihr ewigen Schwelger!


    (In den Worten Alberichs ist zugleich sehr trefflich das Ressentiments des Bürgers ausgedrückt, der aus Zeitmangel die Früchte seiner Arbeit nicht genießen kann, gegen den faulen "Tagedieb")


    Wo ist in diiesem Zusammenhang irgendein Bezug zu einer mythologischen Vorzeit zu finden, die in Wagners Ring sowieso nur zu bloßen Phantasmagorie geraten kann ?


    :wink:

    „Ein Komponist, der weiß, was er will, will doch nur was er weiß...“ Helmut Lachenmann

  • Hallo Bernd,


    In mythologischer Vorzeit pflegte man nicht in Nadelstreifenanzügen herumzulaufen.
    (...)
    Für den Charakter einer Oper und damit auch ihrer MUSIK entscheidende Faktoren wie die Zeit und der Ort der Handlung werden in vielen Inszenierungen völlig ignoriert bzw. bewußt abgeändert. Die zwangsläufige Folge ist eine fundamentale Diskrepanz zwischen Musik und Szene; eines paßt vorne und hinten nicht zum anderen.

    dass die Wagnersche Musik untrennbar mit dem Dresscode aus mythologischer Vorzeit verbunden sei, bedürfte noch einer musikalischen Begründung.


    Gespannt,


    Christian

    "Herr Professor, vor zwei Wochen schien die Welt noch in Ordnung."
    "Mir nicht."
    (Theodor W. Adorno)

  • Hallo Christian,


    klingt das Walhall-Motiv für dich nach grauem Smoking? Oder das Schwert-Motiv nach Trainingsanzug?


    Auf die anderen Beiträge würde ich gerne noch mehr oder minder eingehend antworten, aber leider fehlt mir heute den ganzen Tag über die Zeit dazu :stern: . Frühestens morgen abend....


    Adventlich gestresste Grüße


    Bernd

  • Hallo Bernd,

    klingt das Walhall-Motiv für dich nach grauem Smoking? Oder das Schwert-Motiv nach Trainingsanzug?

    in die Falle tappe ich nicht: Nicht ich war es, der behauptet hat, dass es eine Verbindung von Musik und Kleidung gibt. Deshalb nur das: Ich kenne eigentlich gar keine Musik, die nach Kleidung klingt.


    Viele Grüße,


    Christian

    "Herr Professor, vor zwei Wochen schien die Welt noch in Ordnung."
    "Mir nicht."
    (Theodor W. Adorno)

  • Hallo Christian,


    Musik, die explizit nach Kleidung klingt, kenne ich auch nicht. Jedoch kenne ich (gerade bei Wagner) Musik, deren Funktion es - unter anderem - ist, eine bestimmte Atmosphäre zu evozieren. Kleidung und Atmosphäre hängen aber im Szenischen recht eng miteinander zusammen.


    Mir ist das Atmosphärische in Wagners Opern sehr wichtig, weil ich glaube, daß darin etwas viel Tieferes ausgedrückt wird als banale Sozialkritik.


    Nochmal, um Mißverständnissen vorzubeugen: Ich sehne mich nicht nach Bärenfellen und Flügelhelmen. Starke Abstraktionen genügen mir vollkommen, solange ich keine Klamotten zu sehen bekomme, die die vom Komponisten intendierte Atmosphäre nachhaltig kaputt machen.


    Viele Grüße


    Bernd

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