Mahler: Symphonie Nr. 9 D-Dur

  • Der Referent hat dazu eine interessante These aufgestellt, dass nämlich auch die 9. Sinfonie wie auch das Lied von der Erde als Fragment gelten können. Mahler hat ja während der Proben und nach der Aufführung seiner Sinfonien noch z.T. erhebliche Veränderungen vorgenommen, und da klingt es für mich plausibel, dass er auch die beiden nicht mehr von ihm aufgeführten Werke noch einer Bearbeitung unterzogen hätte.

    Natürlich kann man dem Referenten zunächst mal zustimmen. Tatsächlich Mahler an allen Werken, bei denen er selbst die Uraufführung dirigierte, noch Änderungen vorgenommen, bzgl. Instrumentation, aber auch bzgl. der Verläufe von Dynamik und Tempo, auch die instrumentenindividuell vorgeschriebene Dynamik.


    Die Hypothese, dass er dies bei LvdE und bei der 9. genauso gemacht hätte, ist m. E. wesentlich plausibler als die Annahme, es handele sich bei der vorhandenen Partituren um letztgültige Willensäußerungen.


    Allerdings - und da muss man die Hypothese zumindest einschränken - hat Mahler solche Änderungen auch bei späteren Aufführungen gewünscht. Sinngemäß hat er gesagt, dass er seine Werke alle fünf Jahre neu herausgeben möchte. Vor diesem Hintergrund wären alle Werke nur in einem vorläufigen Zustand überliefert ... LvdE und 9. Sinfonie bestenfalls graduell mehr als die anderen.

    Ich find's eher mit dem Holzhammer dirigiert.

    Der kommt doch nur in der 6. Sinfonie vor ... ;)


    Gruß
    MB


    :wink:

    "Den Geschmack kann man nicht am Mittelgut bilden, sondern nur am Allervorzüglichsten." - Johann Wolfgang von Goethe

  • Naturgemäß gehört zu den Problemen von Internetforen, dass es mit der Zeit schwieriger wird, interessante neue Themen zu finden, weil schon viel geschrieben wurde und man nicht immer Lust hat, sich durch zig schon vorhandene Seiten zu wühlen mit dem Ergebnis, dass man draufkommt, dass viel, was man sagen wollte, bereits von anderen gesagt wurde.
    Daher versuche ich mal folgendes, ohne die bisherigen vier Seiten dieses Threads gelesen zu haben: Gestern und heute gab es in einem ganz anderen Thread massive Meinungsverschiedenheiten zu Mahlers 9. Symphonie. Da ich persönlich gerne erfahren würde, wieso die Symphonie als langweilig empfunden wird, kopiere ich manche der entsprechenden Postings hierher:


    Mahlers 9. ist nun mal unglaublich langweilig :schaem1: :schaem1: :versteck1: :versteck1: - dafür kann Currentzis eher wenig, wenn man davon absieht, dass er diese grottenöde :sleeping: :schaem1: :schaem1: :schaem1: :versteck1: :versteck1: :versteck1: Musik überhaupt dirigiert.....

    Im Gegentum... vielmehr ist eine Seele zu retten für eine der mega-fetzigsten Sinfonien, vor allem hammer-geiles Andante der 9.

    was sind das hier schon wieder für Plattitüden und Ressentiments, da muss man sich ja fremdschämen. Wenn man Mahlers Musik nicht kennt, zwingt einen niemand dazu sich zu äußern. Und wenn man Mahlers 9., die bedeutendste Symphonie des 20 Jahrhunderts, sterbenslangweilig findet, könnte man ja auch seinen Mund halten und sich nicht als musikalisch völlig unbedarft outen.

    als mahler-sinfonie-9-geiles Kerlchen hab ich überhaupt nischt dagegen, wenn andere User diese mega-fetzige Mucke blöd bzw. laaaangweilig finden und bildet gar keinen Grund zum Fremdschämen.

    Die 9. Mahler ist meine Lieblingssymphonie (soeben wieder den 1. und 2. Satz gehört), aber EBEN GENAU DESHALB würde ich mich gern mit Leuten unterhalten, die von Mahler nichts halten. Hauptsächlich Diskussionen mit Andersdenken liefern ja neue Einsichten oder Selbstreflexionen. Von ausschließlichem "Mahlers 9. ist die bedeutendste Symphonie des 20. Jahrhunderts, ist der komponierte Abschied, ist das Tor zur neuen Musik,..."-Blabla habe ich nichts.

    Nur damit bei dir kein Missverständnis aufkommt, lieber Sadko: Ich halte durchaus etwas von Mahler! Seine vierte Sinfonie (bei der ich auch schon im Orchester mitgespielt habe) liebe ich sehr, und beim Hören der "Lieder eines fahrenden Gesellen" bekomme ich regelmäßig eine Gänsehaut. Aber speziell mit den beiden letzten Sinfonien kann ich gar nichts anfangen. ---

    Lieber Bernd! Das ist ja auch nicht das geringste Problem. Es würde mich auch überhaupt nicht stören, wenn Du Mahler in Grund und Boden verdammst. Umso schöner zu hören, dass Dir zum Beispiel Mahlers 4. Symphonie persönlich viel gibt. Aber Du musst Dich vor niemandem (und vor mir schon gar nicht) rechtfertigen, wenn Dir bestimmte Musikstücke nicht gefallen. Ist halt so, fertig.


    Mahlers 9. Symphonie ist derzeit meine Lieblingssymphonie. Ich finde sie extrem ausdrucksstark und wunderschön, und sie berührt mich sehr. Für mich klingt sie tatsächlich wie ein wehmütiges Abschied-Nehmen mit schönen Erinnerungen, aber gleichzeitig auch Todesahnungen.
    Allerdings räume ich ein, dass sie nach dem phantastischen ersten Satz kontinuierlich LEICHT abfällt... aber auch die anderen Sätze finde ich wunderbar.
    Live gehört habe ich sie erst einmal (mit Blomstedt und den Wiener Philharmonikern im vergangenen Sommer).


    Dass die 9. Mahler im Forum von vielen sehr geschätzt wird, ist ja bekannt. Ich möchte mal nach den persönlichen Eindrücken fragen: Was gibt Euch diese Symphonie? Welche Bedeutung hat sie für Euch persönlich? Welche Aufnahmen mögt Ihr oder mögt Ihr nicht? (wobei manche sicherlich schon auf den bisherigen 4 Seiten beantwortet sein dürfte, allerdings liegt der letzte Eintrag ja schon knapp drei Jahre zurück)


    Wichtig: ALLE Meinungen sind erlaubt! :D

  • Ich habe mich auf den vorigen Seiten meiner Meinung nach hinreichend über Mahler 9 geäußert.
    Ich gehöre zu den Hörern, die das Überborden der Gefühle nicht so mögen und fand es wunderbar, Gielen zu verfolgen, der zunächst (intercord,) recht flott unterwegs war, um dann bei 95 Minuten (Hamburg 2010) zu landen, aber immer sehr strukturbetont.
    Da kannte ich noch nicht die SZELL-Aufnahmen.
    Nun sind mir gleich 3 zugespielt worden aus Szells letzten Lebensjahren und ich muss ehrlich zugeben, dass die Rezeptionsgeschichte zwar nicht neu geschrieben werden sollte, aber die Aufnahmen ergeben ne neue Farbe auf der Palette.
    Szells Aufnahmen sind flott um die 75 Minuten! Und sie sind jede Sekunde wert!
    Der Schlusssatz misst ca. 22 Minuten, das Rondo bleibt unter 13 Minuten. Dabei ist alles komplett kontrolliert im Orchester und nach mehrmaligen zunächst skeptisch geneigtem Hören bin ich voller Begeisterung.
    Was für ein Rondo! Es wäre genial zu nennen, wäre der Ländler nicht noch besser. Für mein Empfinden genau das Tempo, das ich hören will, etwas täppisch und sehr derb. Szell wird im 2. Teil des Satzes eben nicht zu schnell, sondern bleibt angemessen. Dadurch stellt sich bei mir das Empfinden ein, dass es so nicht anders gehen kann.
    Satz 1 besticht durch eine instrumentale Auffächerung, die ihresgleichen sucht, ich habe verglichen und verglichen, doch so genau hatte ich Teile noch nie gehört. Der letzte Satz ist ein Traum der Orchesterkontrolle. Szell and Cleveland at their best.
    Warum gibt es diese Aufnahme(n) nicht im normalen Verkauf?
    Ich kann da nur Ancerls Genietat gleichberechtigt finden, sowie in den Mittelsätzen die beiden mir bekannten Aufnahmen von James Levine, der zudem das Kunststück fertig bringt, in München den wohl langsamsten 4. Satz aller Zeiten abgeliefert zu haben, der aber definitiv nicht auseinander fällt, sondern in jeder Sekunden spannend bleibt.
    Gruß aus Kiel

    Der Himmel hat geschlossen, die Hölle ist überbevölkert. Ich bleibe noch hier. (Willie Nelson)

  • Seltsamerweise habe ich die 9. erst ein einziges Mal im Konzert gehört und zwar mit Zubin Mehta in einer mich sehr beeindruckenden Aufführung.


    Ansonsten lieb ich diese Symphonie auch sehr, weil sie für mich diese Ambivalenz hat. Einerseits die Fülle der Erscheinungen, andererseits aber auch dieses Musik gewordene Bewusstsein des Scheiterns, der Sinnlosigkeit allen Tuns, allen Aufnehmens, allen Erfühlens, weil es eben alles endlich ist. Und trotzdem bricht immer wieder etwas durch, ist der Mensch nicht am Ende, scheinbar und wird doch wieder eingeholt.


    Ich muss sagen, dass ich bei der 9. gerne die richtig große Geste habe. Wenn schon Leiden an der Welt, dann richtig. :D Und da ist die Berliner Bernstein-Aufnahme für mich weiterhin das Maß der Dinge.



    Gerade dieses Übermaß der Gefühle passt für mein Empfinden hervorragend zu dieser Endzeitstimmung vor dem I. WK, als vieles so überdimensional wirkte und angelegt war.


    :wink: Wolfram

  • Habe nun auf SWR Curentzis mit Mahler 9 gehört.
    Günter Wand hat mal sinngemäß in einem Interview gesagt, er wisse wie und könne also "dem Affen Zucker geben", doch das würde die Musik beschädigen.
    Ich finde: Das kann man bei Currentzis erleben.


    Einzig der 2. Satz geht so einigermaßen. Ansonsten: leise = langsam, laut = schnell, Vieles zerdehnen und auf den Effekt hin arbeiten.
    Ärgerlich. Es lies mich völlig kalt.
    Wo blieb das Moderne der Sinfonie, wo die die harten Kanten und Ecken im 1. Satz? Es war nur laut und teilweise unendlich langweilig.
    Der 4 Satz, na klar, zu langsam und zu leise, scheinbar kraftlos und als es dann "voll Rohr" laut werden musste, passte es für mich nicht.
    Wer nen 30 Minuten langen 4. Satz at his best erleben will, der möge (den mittlerweile verfemten) Levine in seiner Münchener Aufnahme hören. Da spürt man, dass er genau weiß was er tut.
    Ich habe erst etwas Szell mit Mahler 9 gehört, um zu prüfen ob ich etwa nen schlecht gelaunten Tag hätte. Dem war nicht so, die Begeisterung, das "Ja, so muss es sein", stellte sich sofort wieder ein.
    Ich höre nun, um die "Ohren zu reinigen", wieder Rock.
    Gruß aus Kiel

    Der Himmel hat geschlossen, die Hölle ist überbevölkert. Ich bleibe noch hier. (Willie Nelson)

  • Lieber Doc,


    ich höre gerade ebenfalls den im TC-Faden bereitgestellten Link und bin sehr angetan von der Interpretation. Ohne jemals eine Partitur des Stücks besessen haben (habe ich nur für Mahler IV und VII), habe ich den Eindruck, einer sehr präzisen und überzeugenden Umsetzung dieses außerordentlichen Stücks zu lauschen: da ist überhaupt nichts übertrieben, die Hervorhebung von Einzelstimmen, das Stauchen und Beschleunigen der Tempi scheint mir sehr genau dem zu entsprechen, was andere zeitgenössische Interpretationen auch veranstalten: wer noch die gute alte Ausgabe von Bernsteins Neunter Symphonie aus Amsterdam sein eigen nennt, kennt die vielen Track-Eintragungen in den einzelnen Sätzen. Und wenn ich meine M VII-Partitur anschaue, sind dort noch viel mehr Tempoanpassungen gefordert.


    Wenn Dich Szell mit diesem Stück mehr überzeugt, darf man Dir doch gratulieren: Du hast Deine Interpretation vom M IX gefunden und die ist halt etwas weniger emotional ausladend, obwohl die extrem krassen Emotionen definitiv im Stück eingeschrieben sind. Ich bin ja auch ein Günter Wand- Fan und denke sehr glücklich an die vier Aufführungen unter seiner Leitung zurück, denen ich beiwohnen durfte. Doch ihn darf man sicher nicht gegen TC ins Feld führen. Wenn das 'dem Affen Zucker geben' ist, was TC hier tut, dann gehört das zum Stück.


    Meine persönliche Wahrnehmung: Stuhlkanten-Spiel sieht definitiv anders aus, da gab es einen M III-Ausschnitt aus Perm, wo das Orchester definitiv mehr bei der Sache war.


    Man darf nicht vergessen, dass etliche Spieler des SWR-SO vermutlich schon unter Gielen und Cambreling viel Mahler gespielt haben werden. Insofern werden die Spieler am vergangenen Freitag routinierter an die Sache gegangen sein: aber in den komplexen-auseinderfallenden Passagen i letzten Drittel des dritten Satzes finde ich diese Aufnahme ziemlich harmlos, da haben das BR-SO (live) unter Kubelik oder gar die Berliner Bernstein-Aufnahme mehr Feuer und Wahnsinn. Und Scherchen natürlich sowieso. Auch das trotzige, das der dritte Satz schon in der Tempobezeichnung enthält, ist in meinen Ohren kaum getroffen.


    Der vierte Satz hat mir dann wieder sehr gut gefallen, mancher in die Musik einkomponierter Schmerz kommt halt in einer solchen Aufzeichnung bekanntlich nicht in gleicher Intensität wie im Saal an. Das ganze (in meinen Ohren notwendige und sicher auch in der Partitur stehende) Rubato-Zaubern eines Bernstein unterlässt TC hier ebenfalls weitgehend. Aber von der Intensität des Streicherchores kann man doch eigentlich nur begeistern sein, insbesondere bei den sehr gelungenen leisen Passagen am Ende des vierten Satzes: ich bin sehr überzeugt von dieser Aufführung.


    Als reiner Konsument von Musik vergisst man eventuell gelegentlich, wie sauschwer diese Musik in der Koordination und im Spiel ist, wie viel in einer Aufführung abhängig ist vom Gelingen eines Augenblickes.


    Lieben Gruß Benno

    Überzeugung ist der Glaube, in irgend einem Puncte der Erkenntniss im Besitze der unbedingten Wahrheit zu sein. Dieser Glaube setzt also voraus, dass es unbedingte Wahrheiten gebe; ebenfalls, dass jene vollkommenen Methoden gefunden seien, um zu ihnen zu gelangen; endlich, dass jeder, der Überzeugungen habe, sich dieser vollkommenen Methoden bediene. Alle drei Aufstellungen beweisen sofort, dass der Mensch der Überzeugungen nicht der Mensch des wissenschaftlichen Denkens ist (Nietzsche)

  • Danke für deinen Kommentar Benno,
    es ist nun mal so für mich: Ich finde M9 als Sinfonie bereits so ausgeführt, dass sie nicht extra inszeniert werden muss. Deshalb finde ich Bernstein auch nicht so toll. Bei Scherchen im Rondo sind wir beieinander.
    Was mich bei TC so stört, sind seine für mich willkürlichen Eingriffe, ich will keinen Scene by Scene Guide aufmachen (oder soll ich es??), aber Szenen, die für mich reine Effekthascherei sind, wobei sie gut gemacht sind, gibt es zuhauf.
    Die Spannung der alten Ancerl Aufnahme erreicht er bei weitem nicht. Ich will nicht mit Szell kommen, denn den kann man ja nicht kaufen. TC ist ja noch jung und wird lernen.
    Gruß aus Kiel

    Der Himmel hat geschlossen, die Hölle ist überbevölkert. Ich bleibe noch hier. (Willie Nelson)

  • Hier bin ich beim Doc. Die Mahler 9 IST ein Werk voller Brüche, Emotionen, Schönheiten, da muss man nix "machen".


    Hörte gestern den Currentzis und ja, fand das auch inszeniert und irgendwie "gewollt".
    Mahler hat doch mehr als diese "Gefühlskomponente", die Musik ist auch logisch aufgebaut, (Tempo-) Relationen sind sehr genau und präzise dargestellt.
    Um all diese Details hörber zu machen muss man nicht langsam sein oder Dynamik überbetonen, es genügt, was ein blöder Begriff in diesem Zusammenhang, so viele Angaben Mahlers wie nur irgend möglich zu befolgen.
    Und das beim eher zügigen Tempo, das Mahler ja wohl anstrebte....und schwerer zu erreichen als in einer ausgewalzten Inszenierung.



    Der Unterschied ist vielleicht der, dass man bei Szell (und anderen) als Zuhörer wirklich gefordert ist, hinzuhören und nachzuvollziehen statt etwas serviert zu bekommen.
    Rein subjektiv erlebe ich es immer wieder, dass quasi Vorgekautes an Emotion auf mich begrenzt wirkt. Während Aufnahmen, die mich selbst erfahren lassen, weitaus größere, tiefere ...und wie ich das nennen soll...Erlebnisse zulassen.
    Sehr simpel formuliert: die Emotion entsteht in mir und mir wird keine fremde suggeriert.
    Die große Stärke Bernsteins ist eben auch seine große Schwäche, für mich reduziert er auf seine Gefühlswelt, die mit der Mahlers nicht zwingend deckungsgleich ist.
    Manches nehme ich anders wahr als er, dann gibts "inneren Zoff". Ganz wie bei TC.
    Bei Ancerl oder Szell entsteht das Werk quasi aus sich selbst in mir selbst, immer wieder neu und nicht festgeschrieben auf das Erleben des Dirigenten.
    Ich lese auch gute Bücher im Abstand anders und wieder neu, Bernstein bin ich gezwungen, immer gleich zu hören.


    Diese "Durchlässigkeit" ist für mich wichtig, die weder Bernstein, noch Currentzis mitbringen. Beide scheinen dem Hörer nicht zu vertrauen, dem Werk auch nicht.
    Beide liefern mundgerecht ab, was sie für mundgerecht halten.
    Diesen Fehler begehen weder Gielen, noch Ancerl, noch Szell. Der vielleicht am wenigsten.


    Wie sehr das Arbeit ist, kann man hören anhand der drei Mitschnitte, innerhalb von zwei Jahren entstanden. Wie anders gewichtet Stimmen, Transparenz, Licht und Dunkel....
    das Bemühen darum, selbst nicht stattzufinden, sondern das Werk sprechen zu lassen, uneitel. Für Lenni so ausgeschlossen wie für Currentzis.


    Ist jetzt "weit aus dem Fenster gelehnt", sorry, um meine Wahrnehmung zu beschreiben und meine Beobachtung, was zwei Paar Schuhe sind.


    Mike

    "Ich mag verdammen, was du sagst, aber ich werde mein Leben dafür einsetzen, dass du es sagen darfst." Voltaire

  • Hi,


    ja, bei Bernstein habe ich auch das Gefühl, dass mir dort etwas "übergestülpt" wird. Das schmälert nicht seine Leistungen als Dirigent. Meist greife ich aber lieber zu anderen Einspielungen, im Fall von Mahler gern zu Ozawa, Inbal oder Abravamel.

    Helli

  • Ist jetzt "weit aus dem Fenster gelehnt"

    ich finde, deine Ausführungen treffen sehr gut das, worum es geht.

    ---
    Es wäre lächerlich anzunehmen, daß das, was alle, die die Sache kennen, daran sehen, von dem Künstler allein nicht gesehen worden wäre.
    (J. Chr. Lobe, Fliegende Blätter für Musik, 1855, Bd. 1, S. 24).


    Wenn du größer wirst, verkehre mehr mit Partituren als mit Virtuosen.
    (Schumann, Musikalische Haus- und Lebensregeln).

  • Guten Abend,


    meine Gielen-Box finde ich gerade nicht, daher heute Abend aus der Tabakov-Box, Emil Tabakov dirigiert das Sofia Philharmonic Orchestra, 1991.


    Der erste Satz droht in den langsamen Passagen auseinanderzufallen, was m.E. eine gültige Lesart ist, im Booklet als "komponierte Ruinen" bezeichnet. Die Schwerfälligkeit des Ländlers taucht auch hier schon auf. Dieser gerät zu Beginn des 2. Satzes allerdings eher schwermütig als ungelenk. Im 3. Satz zeigt sich dann die Mahlersche Unerbittlichkeit, es geht recht vehement zur Sache. Der 4. Satz kommt nicht so schroff wie in manchen anderen Einspielungen, das Zerrissene ist zwar unsausweichlich, aber doch nicht soo schrecklich. Insgesamt höre ich hier keine emotionale Eindringlichkeit, dennoch ist der Kontrast zwischen den langsamen und schnellen Passagen der ersten beiden Sätze interessenat und stringent gestaltet.


    Die Klangqualität finde ich etwas schwammig.



    (Amazon B000001WVC, ISBN 4006408490432)

    Helli

  • In die Reihe der "nüchternen" Aufnahmen möchte ich die Kondrashins einreihen:


    Steht für mich der Ancerls nicht nach.


    Genug des "Salbaderns" :D .

    "Ich mag verdammen, was du sagst, aber ich werde mein Leben dafür einsetzen, dass du es sagen darfst." Voltaire

  • 109 Minuten Gustav Mahler Interpretationen zum Nachhören...
    deutschlandfunkkultur.de/die-9…ml?dram:article_id=472277

    gestern mir Talkerei eingeschmissen. Michael Stegemanns und Olaf Wilhelmers hätten ihr Potential viel doller ausschöpfen können, müssen, sollen. Für M9-Newcomer schrammt Sendung vorbei, für M9-Nerds vegane Magerkost.
    Schade. :( :( :( :( :( :(
    … beide hätten in ihrer Talkerei doch überhaupt kein Problem damit, u.a. mit einer Auslegung vom 3. Satz (Rondo burleske) zu zocken, die den Außenteil als Mucken-Schreckgestalt sich bloß blind reproduzierender Natur 2.0 und den Mittelteil davon, als vergeblichen Kontrast zum Getriebe rüberkommen lassen …..
    .. Stegemann unterstrich zurecht Mucken-Dichte vom 3. Satz….
    .. mein Brägen behauptet sogar, dass diese Chose – neben 1. Satz seiner 7. Sinfonie – dichteste Mucke bildet, die Mahler überhaupt verzapfte, möglicherweise sogar ein Grund, warum Mucken-Chose Schönberg so geil rüberkam. … warum hat Stegemann aber seinen Eindruck nicht doller mit verdeutlichenden Mahler-Mucken-Zitate aufgepäppelt ?(
    … oder einfach mal mit entsprechenden Mucken mal auf thematische Verklammerungen zwischen dem 1. Satz (Andante) und 2. Satz einerseits und zwischen der Rondo burleske (3. Satz) und Adagio (4. Satz) andererseits verklickern ….
    Menno, sowas wäre gleichermaßen fruchtbar für M9-Newcomer und –Nerds .. etc .. etc ..


    Ja, ja, okay, okay, okay .. selbstoptimierter Erwartungs-Level = mein Problem ..
    .. doch vielleicht kommt am kommenden Sonntag die DLF-Kultur-Talkerei zu Bergs drei Orchesterstücken fetziger rüber => im Gegensatz zu Mahler-und Berg-Mucke, will mein Brägen positive Erwartungen für Sonntag in sich reinnudeln.


    Bergs op. 6 passt übringens zu M9, weil das Andante (1. Satz) daraus quasi wie Pro7-Next-Top-Modell/Impuls zum 1. Orchesterstück (Präludium) funzt.. Bergsteigerei dennoch höchst eigenständig im Verhältnis zur Mahlerei…


    Wer Bock drauf hat, muss nicht bis zum Sonntag warten, sondern kann schon mal selbst nachchecken:
    https://www.youtube.com/watch?v=NINHqmZRfIA
    M9-Einspielung mit zügigem Tempi, was Gesamtzusammenhang vom Andante vergleichsweise stärker als Details rüberkommen lässt
    1. zwecks Motivation/Agitation zum Erstrendezvous für M9-Newcomer; sich an geilen Details beim Reinziehn abhängen, wäre dann vielleicht sowas wie zweiter Schritt
    2. damit auch Beziehung zu Bergs Präludium deutlicher macht
    https://www.youtube.com/watch?v=VI505lycQmg


    leider bisher keine richtig zufriedenstellende Studiokonserven von Bergs op. 6 reingezogen :( :( , aber dafür 2 mega-fetzige Live-Mitschnitte :) :) im Stammkader (MTT aus SF 21.01.15; Haitink aus NYC, 16.03.02)…..

    „Ein Komponist, der weiß, was er will, will doch nur was er weiß...“ Helmut Lachenmann

  • So, ich habe es auch gehört. Wirklich kundige Leute, die beiden.
    Womit ich nicht so glücklich war, war die Verteilung der einzelnen Szenen auf Interpreten.
    Manche wurden mit ihrer "Schokoladenseite" präsentiert, andere mit den schwächsten Stellen ihrer Interpretation. Das wirkte schon fast gewollt.
    Klaro, dass Barbirolli Streicher dirigieren konnte, war er doch Cellist und stammte aus einer Familie, wo ansonsten Violine dazugehörte.
    Ebenso, dass Bernstein, wenn es abgedreht wurde, immer noch ne Schippe drauflegen konnte.
    Aber dass Solti mit dem Ländlerbeginn so vorgeführt wurde oder gar Klemp, dessen Rondo im Gegensatz zu Satz 1 und 4 nun wirklich nicht maßstabssetzend war/ist, das fand ich nicht so fair. Auch Mitropoulos kam nicht gut weg, weil eine besonders komplexe Stelle offenbarte, dass er das Orchester nicht mehr im Griff hatte.
    Horenstein, der solche Stellen en masse vermasselte, durfte dagegen mit einer Stelle glänzen, wo es auf die "Atmosphäre ankam.
    Nee, das wirkte dann wie eine Präsentation der "Lieblinge" der beiden.
    Egal, es waren zwei unterhaltsame Stunden.
    Gruß aus Kiel

    Der Himmel hat geschlossen, die Hölle ist überbevölkert. Ich bleibe noch hier. (Willie Nelson)

  • Hab das jetzt auch nachverfolgt. Und mir entsteht der selbe Eindruck wie dem Doc.


    Gern würde ich den Bogen aber weiter schlagen: Maß der Dinge ist nicht mein Verständnis der Musik, sondern sie selbst. Ich weiß da gar nix!
    Das geht nur innrhalb einer gewissen Kommunikation, Maß aller Dinge aber kann nicht ich sein, nur Hörer und in der Lage, meine Eindrücke beim Höären zu formulieren, armselig wie immer.


    Ich weise auch alle Vorwürfe ab, die mir anlasten, ich würde Bachs Musik und die Mahlers mit zweierlei Maß messen: ja, das tue ich!


    Weil die Musik beider, Bachs und Mahlers, zwar ganz sicher Begegnungen erlaubt, aber insgesamt von anderen Voraussetzungen ausgeht.
    Die eine erlaubt, ja, wünscht Freiheit und Improvisation, die andere ist so penibel genau notiert, das jegliche Improvisation ausgeschlossen sein müsste.... nicht ist.


    Ich fand merkwürdigerweise die Stellen Mitropolous', in denen der das Orchester nicht im Griff hatte, als die überzeugendsten.
    Weil vielleicht die Musik davon lebt, so offen zu sein statt fest definiert?
    Mitropoulos sich erlaubt, was auch ein Bernstein nie zuließe: Musik um ihrer selbst willen.


    Und ich finde, das steht keineswegs im Widerspruch zu meiner Vorstellung von Notentreue bei Mahler!


    Mal wieder um Kopf ud Kragen....

    "Ich mag verdammen, was du sagst, aber ich werde mein Leben dafür einsetzen, dass du es sagen darfst." Voltaire

  • Jetzt, wo die Digital Concert Hall für jeden geöffnet ist, empfehle ich Mahler 9 mal dort zu hören.
    Zum Beispiel die hochinteressante Version mit Haitink aus 2017 https://www.digitalconcerthall.com/de/concert/51077#
    Hier lässt er dem Orchester, genauer den Solisten, sehr viel Freiraum und es wird einfach nur wunderbar, wenn kein Zuchtmeister dirigiert, aber doch einer, der das Team zusammenhält.
    Oder Sir Simon, eben nicht "Simple Simon", sondern sehr genau, zu genau https://www.digitalconcerthall.com/de/concert/2477


    Leider fehlen HvK und Abbado.


    Gruß aus Kiel

    Der Himmel hat geschlossen, die Hölle ist überbevölkert. Ich bleibe noch hier. (Willie Nelson)

  • Hallo zusammen,


    habe grade eher zufällig eine in meinen Ohren sehr überzeugende Lesart von M IX gehört und bin schwer beeindruckt. Sie ist definitiv auf der schnellen Seite, in knapp 70 Minuten kommen die Moskauer Philharmoniker ans Ziel, das ist die Geschwindigkeit, in der die sehr ruppige Scherchen-Aufnahme von 1950 dahinfetzt: überhaupt sind die Spielzeiten sehr ähnlich. Im Gegensatz zur genannten Aufnahme ist das Orchesterspiel und die Tonqualität allerdings sehr überzeugend. Kirill Kondrashin dirgiert im April 1967 in Tokyo Bunka Kaikan.


    Ich denke, das ist eine außerordentlich hörenswerte Interpretation, insbesondere der 3. Satz hat mich hier sehr angesprochen:


    https://www.youtube.com/watch?v=UF-iibhmF4I


    Gruß Benno

    Überzeugung ist der Glaube, in irgend einem Puncte der Erkenntniss im Besitze der unbedingten Wahrheit zu sein. Dieser Glaube setzt also voraus, dass es unbedingte Wahrheiten gebe; ebenfalls, dass jene vollkommenen Methoden gefunden seien, um zu ihnen zu gelangen; endlich, dass jeder, der Überzeugungen habe, sich dieser vollkommenen Methoden bediene. Alle drei Aufstellungen beweisen sofort, dass der Mensch der Überzeugungen nicht der Mensch des wissenschaftlichen Denkens ist (Nietzsche)

  • Ich habe mich - nach langem Zögern - jetzt endlich mal an die Karajan-Aufnahme der Neunten gewagt.



    Nicht nur, dass die nicht schlecht ist - sie ist m. E. sogar richtig gut! Natürlich kommt Karajan hier die hohe Klang- und Spielkultur der Berliner zugute, aber ich hätte nicht gedacht, dass ihm so viel innere Spannung und Dramatik gelingen würde. Klar kann man über ein paar Sachen diskutieren - wie z. B. ob der "gemächliche Ländler" im zweiten Satz nicht ein wenig arg gemächlich ausfällt - aber insgesamt ist das (aus der Erstbegegnung heraus gesprochen) eine wirklich tolle Aufnahme.


    LG :wink:

    "Was Ihr Theaterleute Eure Tradition nennt, das ist Eure Bequemlichkeit und Schlamperei." Gustav Mahler

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