BACH, J. S.: Die Markus-Passion - endgültig verloren oder noch zu retten?

  • BACH, J. S.: Die Markus-Passion - endgültig verloren oder noch zu retten?

    Das nächste Projekt meines Chors (ich bin im Baß dabei) wird die Markus-Passion von J. S. Bach sein: Aufführung am 21.03.2010 in Heidelberg.

    Problem: Anders als Matthäus- und Johannes-Passion ist die Partitur nicht erhalten; offensichtlich ist eine Abschrift 1945 verbrannt, während das Textheft des 1731 uraufgeführten Werks überlebt hat. Es gibt wohl mehrere Versuche, die Passion zu rekonstruieren, einer davon stammt vom jungen Cembalisten Alexander Ferdinand Grychtolik. Näheres läßt sich z. B. hier nachlesen: "http://www.theater.de/news/1387459093".

    Ich selbst kenne das Werk bzw. das, was von ihm zu retten versucht wurde, noch überhaupt nicht. Vielleicht gibt es Bach-Experten, die Lust haben, sich näher zu äußern? Vor allem interessiert mich, wie solche Rekonstruktionsversuche beurteilt werden können.

    Vielleicht ist auch den Choraktiven hier die Markus-Passion schon mal untergekommen?

    :wink:

    Es grüßt Gurnemanz

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    Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
    Helmut Lachenmann

  • Ich kann dir wohl nicht wirklich helfen, da ich von der Markuspassion nur weiß, daß es sie gegeben haben soll. Allerdings habe ich mal in der Bach-Gesamtausgabe nachgeschaut (ich arbeite in einer Musikbibliothek). Es gibt einen Kritischen Bericht zur Matthäuspassion, der sich gegen Ende auch kurz mit der Markuspassion beschäftigt. Ich habe jetzt leider keine Zeit, das im Detail zu lesen (auch in Bibliotheken herrscht Vorweihnachtsstress) aber hier mal die bibliographischen Angaben, falls dich der Band interessiert:

    Johann Sebastian Bach: Neue Ausgabe sämtlicher Werke
    Serie II Band 5: Matthäus-Passion Markus-Passion, Kritischer Bericht.
    Kassel, Bärenreiter 1974


    Vielleicht ist die Ausgabe ja in einer Bibliothek in deiner Nähe vorhanden, so daß du mal einen Blick reinwerfen kannst. Viel ist es allerdings nicht.

    Ein Paradies ist immer da, wo einer ist, der wo aufpasst, dass kein Depp reinkommt...

  • Lieber Gurnemanz,

    Von mir auf die Schnelle, das ich aus dem Gedächtnis von dieser Aufnahme weiss, die bei Erscheinen natürlich kontrovers dikutiert wurde.

    Vielleicht lässt sich im Netz dazu noch etwas finden, auch von Koopman selbst. Ich hatte für mich entschieden, dass es genug echten Bach gibt und eine Rekonstruktion nicht nötig ist. Aber natürlich darf es das geben und führt vielleicht zu einem schönen Ergebnis.

    Gruß, Beryllo

    Gruß, Frank

    Eigentlich bin ich ganz anders, aber ich komme so selten dazu.

  • Liebe Mina, danke für den Hinweis; werde mal sehn, was ich daraus machen kann.

    Die Proben beginnen im Januar; dann habe ich wohl auch die Noten (vermutlich Edition Peters) und kann bei Interesse hier etwas dazu schreiben.

    :wink:

    Es grüßt Gurnemanz

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    Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
    Helmut Lachenmann


  • Die Proben beginnen im Januar; dann habe ich wohl auch die Noten (vermutlich Edition Peters) und kann bei Interesse hier etwas dazu schreiben.

    Und? Wie beurteilst du die Rekonstruktion?

    Liebe Grüße,
    Areios

    "Wenn [...] mehrere abweichende Forschungsmeinungen angegeben werden, müssen Sie Stellung nehmen, warum Sie A und nicht B folgen („Reichlich spekulativ die Behauptung von Mumpitz, Dinosaurier im alten Rom, S. 11, dass der Brand Roms 64 n. Chr. durch den hyperventilierenden Hausdrachen des Kaisers ausgelöst worden sei. Dieser war – wie der Grabstein AE 2024,234 zeigt – schon im Jahr zuvor verschieden.“)."
    Andreas Hartmann, Tutorium Quercopolitanum, S. 163.

  • Wie beurteilst du die Rekonstruktion?

    Leider gar nicht: Bereits Anfang Januar war ich aus Termingründen aus dem Projekt ausgestiegen und habe auch das Konzert am 21.03. nicht miterlebt. Die Aufführung bekam gute Kritiken, auch wenn der Rezensent der Rhein-Neckar-Zeitung nicht alles an der Rekonstruktion von A. F. Grychtolik überzeugend fand.

    Über das Werk und alternative Bearbeitungen finden sich auch hier aufschlußreiche Beiträge: "http://www.alte-musik-forum.de/index.php?page=Thread&threadID=220"

    :wink:

    Es grüßt Gurnemanz

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    Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
    Helmut Lachenmann

  • Eben habe ich mir diese Aufnahme angehört und das war gleichzeitig meine erste Begegnung mit diesem Werk:


    (AD: 26. - 28. März 2009, Frauenkirche, Dresden)

    Die rekonstruierte Fassung wurde von Diethard Hellmann und Andreas Glöckner erstellt. Das musikalische Kerngerüst bildet die Trauerode BWV 198, aus der Bach 5 Sätze in die Markus-Passion übernommen hat. Weitere, bereits in die 1940er Jahre zurückreichende Forschungen ergaben weitere Parodievorlagen, z. B. die Arie "Falsche Welt, dein schmeichelnd Küssen" stammt ursprünglich aus der Kantate "Widerstehe doch der Sünde" BWV 54. Für mehrere der 16 Chorsätze wurde eine Sammlung vierstimmiger Choräle herangezogen, die aus der Hand des Bach-Schülers Johann Ludwig Dietel stammt, welche dieser wahrscheinlich 1735 für den Thomaskantor angefertigt hatte. Dietel verwendete dabei die Originalquellen aus Bachs Privatbibliothek. Auffallend ist, dass Dietels Abschrift der vierstimmigen Passionschoräle in derselben chronologischen Reihenfolge wie in Bachs Passionsmusik stehen. Aus dieser Hinsicht erweist sich zumindest Dietel als grober Anhaltspunkt über den Aufbau und die Struktur der Markus-Passion. Die einzige Freiheit, die sich die Bearbeiter herausgenommen haben, betrifft die positionswichtige Arie "Welt und Himmel, nehmt zu Ohren", auf die man nicht verzichten wollte. Daher wurde als Vorlage die Sopran-Arie "Leit, o Gott, durch deine Liebe" aus der Trauungskantate "Herr Gott, Beherrscher aller Dinge" BWV 120a verwendet. Diethard Hellmann betont aber ausdrücklich, dass dies "keinen Anspruch auf Verbindlichkeit" hat.

    Wichtige Fragen über die Gestaltung der Turba-Chöre sowie der Rezitative bleiben aber weiter unbeantwortet. Aus diesem Grund hat man bei der vorliegenden Aufnahme konsequenterweise darauf verzichtet bzw. die Texte der Rezitative wurden hier gesprochen. Diese Vorgehensweise finde ich ehrlicher und irgendwie auch respektvoller dem Werk gegenüber im Vergleich zu Koopman, der die Rezitative im Stile Bachs neu komponierte und daher habe ich mir seine Aufnahme auch nicht gekauft, wobei ich ansonsten Koopmans Aufnahmen sehr schätze.

    Die Interpretation aus der Dresdner Frauenkirche gefällt mir insgesamt sehr gut und sie folgt dem stärker werdenden Trend der solistisch besetzten Chorpartien. Das ansonsten nur aus Männerstimmen bestehende Ensemble "amarcord" (2 Tenöre, 1 Bariton und 2 Bassisten) wird hier von 2 Sopranistinnen und 2 Altistinnen ergänzt, also insgesamt besteht der Chor 9 Sängern. Die Kölner Akademie spielt ebenfalls in einer kleinen Besetzung, d. h. 15 Musiker, und so entsteht ein insgesamt sehr transparenter und homogener Klang. Auch die Art und Weise, in der Dominique Horwitz die Rezitative vorträgt, gefällt mir gut, denn er vermeidet jede Theatralik oder Dramatik und wählt einen nüchternen Stil.

    Insgesamt eine Aufnahme, die keinerlei Anspruch auf irgendeine Authenzität erhebt und sich bescheiden, und daher für mich sympathisch, in den Dienst der Musik stellt.

    Lionel

    "Musik ist für mich ein schönes Mosaik, das Gott zusammengestellt hat. Er nimmt alle Stücke in die Hand, wirft sie auf die Welt, und wir müssen das Bild zusammensetzen." (Jean Sibelius)

  • Ich bin gerade von einer Aufführung der Markuspassion bzw. einer u. U. "neuen" "rekonstruierten" Fassung zurückgekommen. Bekannt ist ja, das Bach bei den Arien mit Parodien aus Kirchenkantaten (BWV 108, 198) gearbeitet hat. Die heutige Fassung hat in den Rezitativen und Chören ein Volker Bräutigam vervollständigt, und zwar im "zeitgenössischen" Stil. Mein Eindruck war ein zwiespältiger: Einige Chorsätze klangen nach Hanns Eisler (Herr Bräutigam kommt aus der DDR!); der Continuopart wurde von Orgel und Perkussion ausgefüllt. Seltsam die Antwort des Komponisten auf die Frage, warum er im strengen Zwölftonstil komponiert habe: "Weil's schnell gehen musste." So wirkten viele Rezitative des Evangelisten etwas blaß, beinahe wie Sprechgesang, oft ohne Spannung, so daß ich immer ins Programmheft schaute, wie lange es denn noch dauern würde.

    Keine Frage, die Ausführenden (Ensemble La Tirata) waren glänzend; die Arien, einem Bachliebhaber vertraut, vorzüglich gesungen. Und doch: Da diese bis auf eine in der ersten Stunde des Werks stehen, stellte sich dann etwas Langeweile bei mir ein.

    Frage nun: Kennt jemand diese "Bearbeitung" und Herrn Bräutigam?

    Der Antworten wartend

    Cato

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