WAGNER: Der Ring des Nibelungen – Größtes Werk der Operngeschichte?

  • Hat denn jemand behauptet, dass sie das tut?

    Ja. Ich hab's doch zitiert ... ;)

    Für mehr reichte auch Wagners Glaskugel wohl nicht aus.

    Na ja, das weiß ich nicht, aber ich meine, dass Wagner uns zumindest nicht mehr sagte.


    Also, ich meine: Wagner sagt, dass die Welt am Ende der "Götterdämmerung" nicht mehr dieselbe ist. Das ist aber auch eine Binsenweisheit, da die Götter untergegangen sind. - Immerhin eines der drei Geschlechter in Wanderers lustigem Fragespiel im ersten Aufzuge des "Siegfried".


    Nur, dass mit "größtmöglicher Deutlichkeit" von der künftigen Welt die Rede sei, das finde ich nicht. Um einen Vergleich zu nennen: In Offb 21 finde ich viel mehr Beschreibung der "künftigen Welt" als bei Wagner.


    Gruß

    MB


    :wink:

    "Den Geschmack kann man nicht am Mittelgut bilden, sondern nur am Allervorzüglichsten." - Johann Wolfgang von Goethe

  • Doch. Es kommt eben dazu, daß die Dramaturgie nicht wirklich beteiligt war.

    Erstens stimmt das nicht, wie man der Kritik entnehmen kann, zweitens ist von der Beteiligung der Abteilung Dramaturgie in dem von Dir zitierten Satz gar keine Rede.


    Und wenn der Satz besagen würde, dass die Dramaturgie nicht beteiligt war, würde er nicht besagen, dass »die Dramaturgie noch erschwerend dazu kommt....« wie Du behauptetest. Es passt also in keinem Fall. Du hast den Satz einfach nach wie vor nicht verstanden.

  • Das ist aber auch eine Binsenweisheit, da die Götter untergegangen sind

    Das finde ich nun gar nicht binsenweisheitlich. Zugrunde geht die Welt eben noch lange nicht, wenn die Herrschenden untergehen. Oder, wie es ein anderer (etwas kleinerer) komponierender Dichter mal gesagt hat: "Nur die Götter geh'n zugrunde, wenn wir endlich gottlos sind."


    Wie die Welt anschließend aussehen wird, ist damit noch nicht gesagt:

    Chéreau sagte mit dem Zuwenden der Bühnendarsteller zum Publikum eventuell so etwas wie: "Jetzt seid ihr dran ...!"

    Immerhin ist Wagners Musik da recht optimistisch!

    Bernd


    Fluctuat nec mergitur

  • Wie die Welt anschließend aussehen wird, ist damit noch nicht gesagt:

    Eben - das ist doch meine Rede ...

    Immerhin ist Wagners Musik da recht optimistisch!

    Hmmm ... woraus schließt Du das? Ich höre die Reinigung des Rings, der Fluch ist getilgt, die Götter sind untergegangen, aber was sonst hören wir über die künftige Welt?


    Die Harmonik der letzten Takte ist übrigens dieselbe wie im Liebestod ...


    Gruß

    MB


    :wink:

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    2 Mal editiert, zuletzt von Mauerblümchen ()

  • Wo nun genau die Musik von der künftigen Welt erzählt, wäre noch zu erklären. Mein ich. Ich höre es nicht.

    Ich weiß nicht, Du hast Dir da eine Riesenfleißaufgabe mit Zitaten auferlegt, das wäre alles nicht nötig. Man hört die "künftige Welt" doch dem orchestralen Schluß an, Du nennst es "Erlösungsmotiv". Das muß man doch hören.

    Immerhin ist Wagners Musik da recht optimistisch!

    Ganz genau. Wagners Ausblick in eine zukünftige Welt ist von Optimismus geprägt.

    »Was da, Identität!« rief Charlotte erzürnt. »Will er mich wohl mit seinen Identitäten in Frieden lassen? Ich habe durchaus keine Zeit für Identitäten. Sag' er seinem Herrn Doktor …« »Absolut!« versetzte Mager unterwürfig.

  • Man hört die "künftige Welt" doch dem orchestralen Schluß an, Du nennst es "Erlösungsmotiv". Das muß man doch hören.

    Das Erlösungsmotiv höre ich. Es erzählt, dass die künftige Welt etwas nicht mehr hat, was die Welt bis dahin hatte - den Fluch, der auf dem Ring lag. Das ist alles. Das ist leider nur eine Beschreibung "ex negativo". So ungefähr, als ob man über einen Kapellmeister sagen würde, dass er kein Meteorologiestudium vorweisen kann. Das mag zwar im Einzelfalle sogar zutreffen, tut aber zur Person des Kapellmeisters wohl eher wenig zur Sache, meine ich ...

    Ganz genau. Wagners Ausblick in eine zukünftige Welt ist von Optimismus geprägt.

    Wo hört man das? Ich höre lange Zeit das zerstörerisch Rasende, Feuer, Wasser, Walkürenmusik, dann mit dem Erlösungsmotiv das Loslassende. Was ist daran optimistisch? Ich höre das nicht. Ich finde das eher verklärt, was ich in den sieben Takten nach der Zäsur höre.


    Gut, wenn die Welt von einem Fluch gereinigt wurde, hat man eventuell Grund, optimistisch zu sein. Aber wo ist die Musik "optimistisch"? Woran erkennt man "optimistische Musik"? (Ich glaube, in der DDR wollte man offiziellerseits mal was Nettes über den Jazz schreiben und nannte ihn "optimistische Musik".)


    Was soll an den letzten sieben Takten optimistisch sein? Die Tonart? Der Rhythmus? Die Orchestrierung? Die Melodik? Die Dynamik? Irgendwie das Ganze? Klingt der Schluss vom Tristan auch irgendwie optimistisch? Oder der Schluss der Walküre?


    Wenn Ihr ja sagen würdet, der Schluss vom Rheingold klänge optimistisch, ok ...


    Gruß

    MB


    :wink:

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  • Immerhin ist Wagners Musik da recht optimistisch!

    So weit würde ich nicht gehen. Was die Musik am Ende (nicht erst in den letzten Takten, sondern ab »weißt du auch...«) so klar man es sich wünschen kann, ausspricht, ist, dass es neues Leben, genauer, dass es das Glück der Mutterschaft geben wird (und überhaupt nichts von Erlösung, womit das besagte Motiv auch gar nichts zu tun hat). Nicht mehr, allerdings auch nicht weniger. Ob das, was kommt, besser oder schlechter wird, kann keiner wissen. Die Musik ist also nicht optimistisch, sondern lediglich nicht pessimistisch. Die Vernichtung betrifft die alte und überlebte Ordnung, sonst nichts. Was kommt, weiß man aber nicht.

    Einmal editiert, zuletzt von Argonaut ()

  • Umgekehrt wird ein Schuh draus. Schlag einfach mal nach, was "halbherzig" bedeutet.

    Ich kenne mich in der deutschen Sprache recht gut aus, wie Du weißt. Die Aussage, dass die Dramaturgie des Abends halbherzig ist, sagt absolut nichts darüber aus, ob ein Dramaturg daran beteiligt war oder nicht. Abgesehen davon spricht er von nichts, was »erschwerend hinzu kommt« oder kommen könnte. Du verstehst das Wort »Dramaturgie« in diesem Satz nicht. Das ist das Problem.

  • Was die Musik am Ende (nicht erst in den letzten Takten, sondern ab »weißt du auch...«) so klar man es sich wünschen kann, ausspricht, ist, dass es neues Leben, genauer, dass es das Glück der Mutterschaft geben wird. Nicht mehr, allerdings auch nicht weniger.

    Woraus schließt Du das? Daraus, dass das Erlösungsmotiv an der Stelle exponiert wurde, als Sieglinde ihre Mutterschaft offenbart wurde?


    Falls ja: Hm. Ich bin nicht sicher, ob man Sieglindes Mutterschaft mit dem Begriff "Glück der Mutterschaft" angemessen beschreiben mag. Aber ich mag Deiner erklärenden Konstruktion nicht vorgreifen.


    Gruß

    MB


    :wink:

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  • Was soll an den letzten sieben Takten optimistisch sein? Die Tonart? Der Rhythmus? Die Orchestrierung? Die Melodik? Die Dynamik? Irgendwie das Ganze? Klingt der Schluss vom Tristan auch irgendwie optimistisch? Oder der Schluss der Walküre?

    Antwort auf die letzten zwei Fragen: zweimal ja. Ich habe im Oktober in den Neuschwansteiner Festspielen einen "Tristan" gesehen, wo das genau so auch inszeniert war.


    Die "Götterämmerung" betreffend: ja, irgendwie das Ganze. Seit ich mit 16 Jahren die "Götterdämmerung" das erste Mal gehört habe, habe ich das so empfunden. Ich seziere das nicht musiktheoretisch in Einzelteile und hinterfrage das Gefühl nicht. Ich höre einfach auf die Musik. Wenn Du so wilst: es ist ein Bauchgefühl.

    »Was da, Identität!« rief Charlotte erzürnt. »Will er mich wohl mit seinen Identitäten in Frieden lassen? Ich habe durchaus keine Zeit für Identitäten. Sag' er seinem Herrn Doktor …« »Absolut!« versetzte Mager unterwürfig.

  • Wenn Du so wilst: es ist ein Bauchgefühl.

    Ok.


    Vielleicht ist es ohnehin ein Streit um Worte, genauer: um Wörter.


    "Positiv konnotiert" würde ich mitgehen, "optimistisch" nicht. Es fällt mir schwer, das jetzt sprachlich-logisch ("logos") auseinanderzufieseln.


    "Optimistisch" würde ich eine Haltung beschreiben, die eine positive Erwartung an die Zukunft hat. Die höre ich nicht.


    Ich höre eine positive Beschreibung der Gegenwart. Das ist etwas anderes.


    Aber auch nur Bauchgefühl ...


    Gruß

    MB


    :wink:

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  • "Positiv konnotiert" würde ich mitgehen

    Da kann ich auch mitziehen, so groß finde ich den Unterschied gar nicht.

    »Was da, Identität!« rief Charlotte erzürnt. »Will er mich wohl mit seinen Identitäten in Frieden lassen? Ich habe durchaus keine Zeit für Identitäten. Sag' er seinem Herrn Doktor …« »Absolut!« versetzte Mager unterwürfig.

  • Das Motiv, das vom Ende der Passage Brünnhldes bis zum Ende des Stücks dominiert, hat einen ziemlich deutlich bestimmten Sinn. Da muss man nicht lange rätseln. »d« ist wahrscheinlich das falsche Wort. Aber dass von einer Zukunft die Rede ist, also vom Gegenteil von totaler Vernichtung, ist sicher. (Abgesehen davon, dass es auch für jeden hörbar ist, der hinhört.) Der Schluss der »Tristan« ist übrigens auch nicht im eigentlichen Wortsinne optimistisch, aber unüberhörbar positiv. Was auch für jeden unüberhörbar ist, der zuhört, und übrigens auch nicht überraschend für den, der das Stück wirklich verfolgt hat. Da muss man gar nicht erst das ein Gefühl bemühen, das bei vielen sonderbarerweise im Bauch sitzt. Und übrigens auch fatal täuschen kann.

  • Die Aussage, dass die Dramaturgie des Abends halbherzig ist, sagt absolut nichts darüber aus, ob ein Dramaturg daran beteiligt war oder nicht.

    Das mußt Du mir bitte erklären. Wo hätte ich einen Dramaturgen erwähnt?

    Du verstehst das Wort »Dramaturgie« in diesem Satz nicht. Das ist das Problem.

    Weißt Du was, ich habe keine Lust mehr auf Deine ewig gleichen Spielchen.

    An Deine Sprachauthorität kommt natürlich keiner hin, aber Deutsch kann ich auch.

    »Was da, Identität!« rief Charlotte erzürnt. »Will er mich wohl mit seinen Identitäten in Frieden lassen? Ich habe durchaus keine Zeit für Identitäten. Sag' er seinem Herrn Doktor …« »Absolut!« versetzte Mager unterwürfig.

  • (Abgesehen davon, dass es auch für jeden hörbar ist, der hinhört.)

    Die Wucht des Argumentes muss ich noch ein wenig wirken lassen, um der Wonnen wohl zu walten.

    »d« ist wahrscheinlich das falsche Wort.

    »d« ist kein Wort. Nicht einmal ein falsches. Jedenfalls im Deutschen, so weit ich es kenne.

    Weißt Du was, ich habe keine Lust mehr auf Deine ewig gleichen Spielchen.

    Wotan ging auch an seinen Spielchen zugrunde. Wenn der Ring doch eines lehrt ... jeden, der lesen kann.


    Gruß

    MB


    :wink:

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  • :)

    »Was da, Identität!« rief Charlotte erzürnt. »Will er mich wohl mit seinen Identitäten in Frieden lassen? Ich habe durchaus keine Zeit für Identitäten. Sag' er seinem Herrn Doktor …« »Absolut!« versetzte Mager unterwürfig.

  • Wir alle sind freilich Nachgeborene und können nur mühsam in den Spuren der Riesen zu lesen versuchen, was sie schrieben und was sie damit eventuell meinten.


    Nun hat Richard Wagner im Jahre 1848 einen Prosaentwurf zur GD erstellt. Darin heißt es, die Absicht der Götter würde erreicht sein, wenn sie in dieser Menschenschöpfung [der Liebe Siegfrieds und Brünnhildes] sich selbst vernichteten, nämlich in der Freiheit des menschlichen Bewusstseins ihres unmittelbaren Einflusses sich begeben müssten.


    Genau das ist in der Musik zu hören - erst die Vernichtung, dann das Loslassen, das Entsagen des Beeinflussens des Laufes der Welt, was Wotan ja schon in der Peripetie des zweiten Walkürenaufzugs beschließt.


    Nun ist Wotans Entsagung und Weltflucht ("Nur eines will ich noch: Das Ende!") der genaue Gegenpol zur Liebe Brünnhilde und Siegfrieds, was wunderbar zum Ausdruck kommt, wenn der Wanderer sich dem Siegfried auf dem Weg zum Walkürenfelsen in der Weg stellt - und genau dann das äußere Zeichen seiner Macht durchbrochen wird durch dasjenige Schwert, das sich derjenige neu durch vollkommene Zerstörung durch die Feile schuf, der das Fürchten (auch der Macht der Götter) nie gelernt.


    So zeigt die Götterdämmerung vollkommen und realiter, was in der Walküre dramatisch vorbereitet ist: Wotans Entsagen und das Überwinden durch die Liebe, welche am ersten Tag im Ausbruch der Sieglinde bei der annuntatio conceptionis zum Ausdruck gekommen ist.


    Gruß

    MB


    :wink:

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  • Woraus schließt Du das? Daraus, dass das Erlösungsmotiv an der Stelle exponiert wurde, als Sieglinde ihre Mutterschaft offenbart wurde?

    Wie mat Du auf die Bezeichnung »Erlösungsmotiv«? So weit ich weiß, kommt dieses Motiv nur an einer Stelle vor, bevor es am Schluss der »Götterdämmerung« wieder auftaucht und an dieser Stelle ist von Erlösung keine Rede, sehr wohl aber vom Glück der Mutterschaft. Wie sollte dieses Motiv in der Zwischenzeit seinen Sinn geändert haben? Das dürfte wohl kaum gehen, da es ja nicht mehr vorkommt, also auch nicht auf andere Vorgänge bezogen werden an.

  • Wie mat Du auf die Bezeichnung »Erlösungsmotiv«?

    Ich übernahm die Bezeichnung, die in der mir zur Verfügung stehenden Literatur die am häufigsten verwendete ist. Ich weiß nicht, welche Literatur Dir zur Verfügung steht, aber wenn Du eine kleine Recherche unternehmen solltest, wird Dir diese Bezeichnung häufig begegnen.

    sehr wohl aber vom Glück der Mutterschaft.

    Aha! Wo denn? Die Ankündigung der Mutterschaft geschieht ja 120 Takte vor dem Einsatz des fraglichen Motivs. Wenn ich den Text richtig lese, dann singt Sieglinde das Motiv nicht auf die Ankündigung der Mutterschaft, sondern als Antwort auf die Heldenrolle ihres Sohnes und auf die Namensgebung "Siegfried": "O hehrstes Wunder ..." - so ihre Worte. Und sie besingt ja zunächst weder den Sohn noch ihr Mutterglück, sondern Brünnhilde sowie die Gefühle von Dank und Trost.


    Wenn wir uns also überhaupt darauf verständigen wollen, dass dieses Motiv eine Semantik hat, die etwa so eng ist wie die des Schwertmotivs - das wäre ja zuerst zu klären, nicht dass die Semantik eher weit gefasst wäre wie etwa beim Speermotiv, das ja auch für Verträge und Vertragstreue steht -, dann wäre zu klären, wie Wagner es hier meinte.


    Der Meister selbst schrieb: „Diese melodischen Momente, an sich dazu geeignet, das Gefühl immer auf gleicher Höhe zu erhalten, werden uns durch das Orchester gewissermaßen zu Gefühlswegweisern durch den ganz vielgewundenen Bau des Drama’s. An ihnen werden wir zu steten Mitwissern des tiefsten Geheimnisses der dichterischen Absicht, zu unmittelbaren Theilnehmern an dessen Verwirklichung“ (Oper und Drama, 1851).


    "Gefühlswegweiser" - nun, die Gefühle, von denen Sieglinde expressis verbis singt, sind "Wunderbarkeit", "Dank" und "Trost". Ich sage nicht, dass "Mutterglück" nun sehr weit hergeholt sei, aber weder Brünnhildes vorangegangene Rede noch Sieglindes Antwort stellen diese mögliche und plausible Komponente der Gefühlswelt der Sieglinde in den Vordergrund.


    "Für ihn, den wir liebten, rett' ich das Liebste" - "liebten" ist Vergangenheit, Objekt der Liebe ist wohl Siegmund, das Liebste ist dann wohl Siegfried. Auch da mag Mutterglück mitschwingen, der Gedanke an den Vater ist an dieser Stelle mindestens gleichbedeutend als Motivation der Rettungstat.


    Ich kann nachvollziehen, wenn man Mutterglück als einen Aspekt des Motivs hören mag, als ausschließlichen oder auch nur wichtigsten Aspekt des Motivs kann ich ihn nicht hören. Und, ja, "Erlösungsmotiv" ist freilich von der Götterdämmerung her gedacht und ist logisch vor dem Hintergrund des ersten Erscheinens in der Walküre einfach falsch, zumindest fragwürdig.

    Wie sollte dieses Motiv in der Zwischenzeit seinen Sinn geändert haben?

    Nun ja, wie gesagt, in wie weit die Semantik bzw. Gefühlswelt dieses Motivs eher eng oder eher weit ist, könnte man diskutieren. Niemand behauptet eine Änderung.


    Gruß

    MB


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  • Nun hat Richard Wagner im Jahre 1848 einen Prosaentwurf zur GD erstellt. Darin heißt es, die Absicht der Götter würde erreicht sein, wenn sie in dieser Menschenschöpfung [der Liebe Siegfrieds und Brünnhildes] sich selbst vernichteten, nämlich in der Freiheit des menschlichen Bewusstseins ihres unmittelbaren Einflusses sich begeben müssten.

    So klar ist die Sache aber nicht. Der von Dir erwähnte Text ist aus der Prosaschrift Der Nibelungen-Mythus. Ich erlaube mir die Passage zu zitieren:

    Zitat

    Zu dieser hohen Bestimmung, Tilger ihrer eigenen Schuld zu sein, erziehen nun die Götter den Menschen, und ihre Absicht würde erreicht sein, wenn sie in dieser Menschenschöpfung sich selbst vernichteten, nämlich in der Freiheit des menschlichen Bewußtseins ihres unmittelbaren Einflusses sich selbst begeben müßten.


    (Wagner, Der Nibelungen-Mythus, Schriften und Dokumente Bd. 2, S. 158)

    Von Liebe finde ich da allerdings explizit nichts, nur von der Freiheit menschlichen Bewusstseins. Und zudem ist die ursprüngliche Idee Wotans ja, Siegmund als freien Helden zu erzeugen, Brünnhilde und Siegfried sind da noch gar nicht im Spiel.


    Am Ende dieser Schrift und in fast wörtlicher Wiederholung im Text von "Siegfrieds Tod" (4. Szene) steht bei Brünnhildes Schlussansprache nun aber dieses:

    Zitat

    Nur Einer herrsche, Allvater, herrlicher, du! Daß ewig deine Macht sei, führ' ich dir diesen zu: empfange ihn wohl, er ist dess' werth!

    (Wagner: Der Nibelungen-Mythus Wagner-Schriften und Dokumente Bd. 2, S. 166)

    In den Szenenanweisungen zu Siegfrieds Tod steht ganz am Schluss dann zusätzlich: "... man erblickt Brünnhilde, wie sie, behelmt und in strahlendem Waffenschmucke, auf leuchtendem Rosse, als Walküre, Siegfried an der Hand durch die Lüfte geleitet."

    (zitiert nach: Wagner, Schriften und Dokumente Bd. 2, S. 227-228)


    Daraus könnte man ableiten, dass durch den Sühnetod Siegfrieds die alte Ordnung gerettet und wiederhergestellt ist, allerdings mit dem Lichtblick der Auflösung der Knechtschaft der Nibelungen durch die Rückgabe des Goldes an die Rheintöchter. Trotzdem erscheint das ein Widerspruch zu der vorher angesprochenen Selbstvernichtung.


    Nun hat eben der Ring bekanntermaßen etliche Brüche und Verschiebungen erfahren und durch die Umgestaltung von der Einzeloper Siegfrieds Tod zur gesamten Ring-Tetralogie. Damit verschob sich auch der Schwerpunkt der Handlungsebene der daraus entstandenen Götterdämmerung. In dem Einzelstück Siegfrieds Tod war der Gegensatz Hagen-Siegfried das Hauptthema, Wotan als handelnde Person gar nicht existent, so dass dadurch ein Untergang der Götter auch dramaturgisch kaum zu rechtfertigen war. Daher wohl die gloriose "Himmelfahrt" Siegfrieds mit Brünnhilde.

    Durch die Ausgestaltung mit der ganzen Vorgeschichte verschob sich dann der Akzent auf den Gegensatz Wotan-Alberich und die "Götterdämmerung" wurde das beherrschende Thema auch des nun gleichnamigen Schlussstückes der Tetralogie.

    Trotzdem war sich Wagner wohl bis zum Schluss nicht völlig klar, wie es zu Ende und danach weitergehen soll. Im Text der gesamten Tetralogie sind nämlich (als Fußnote an der Stelle, wo Brünnhilde die Fackel in den Scheiterhaufen wirft) zwei Textentwürfe und Erläuterungen beigefügt, die er zunächst als Schlussworte Brünnhildes geplant hatte, schließlich aber in der Komposition nicht verwendet hat.

    Dabei ist der erste Entwurf ("selig in Lust und Leid läßt – die Liebe nur sein") aus dem Jahr 1852, der zweite - Schopenhauerscher Weltentsagung folgend - aus dem Jahr 1856. Offensichtlich waren ihm diese Texte doch sehr wichtig, so dass er sie veröffentlichte.

    Nun hat er ja beschlossen, der Musik das letzte Wort zu lassen und damit bleibt (trotz der Bemerkung, dass die Strophen in der Musik schon ausgedrückt seien) vieles offen und unterschiedlich interpretierbar im Blick auf die Textdokumente.

    Das Ganze wird sehr detailliert dargestellt in dem lesenswerten Beitrag von Carl Dahlhaus "Über den Schluss der Götterdämmerung" in dem Sammelband "Richard Wagner: Werk und Wirkung", Bosse 1971.


    Und das sogenannte "Erlösungsmotiv", das in meinen Augen nichts mit der Mutterschaft zu tun hat, sondern eben schon in der Walküre in Wagnerischer Vorausweisungsmanier auftaucht und dann erst wieder in den letzten Takten der Götterdämmerung erscheint und diese abschließt, ist für mich wenig erlösend. Der überschwängliche Jubel, mit dem Sieglinde das Motiv einführt, ist für mich nach den Irrungen und Wirrungen der ganzen langen Geschichte am Schluss inhaltlich doch sehr verblasst, also eher resignativ friedfertig, wobei vielleicht auch etwas Hoffnung keimen mag.


    Was die geniale Inszenierung von Chereau und speziell das Schlussbild anbelangt, so fragt damit das Volk auf der Bühne das Volk im Saal "Habt Ihr nun etwas gelernt aus der Tragödie?". Die Frage bleibt aber mit dem unendlich langen eingefrorenen Bild unbeantwortet und entwickelt dadurch eine eher pessimistische Gesamtsicht.

    In dem sehr informativen Film, der vom Bayerischen Rundfunk anlässlich der Erstausstrahlung der gesamten Tetralogie im Fernsehen 1982 als Einführung gesendet wurde, schließt der Film mit den Worten:

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    Was ist heute Kunst ? Eine Wallfahrt auf Erbsen. (Thomas Mann, Doktor Faustus, Kap. XXV)

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