WAGNER: Der Ring des Nibelungen – Größtes Werk der Operngeschichte?

  • Lieber Don,


    was Du aufzählst, sind alles Interpretationsansätze, die durchaus legitim sind, da der Ring selbst eben durch Nicht-Definition diese Spielräume offen lässt.
    Na, spürst Du auch schon seine Macht?
    Er ruft: Geh hin und inszeniere.

    "...es ist fabelhaft schwer, die überflüssigen Noten unter den Tisch fallen zu lassen." - Johannes Brahms

  • Dass Macht letzlich nicht auf irgendwelchen Ressourcen oder Fähigkeiten und Talenten beruht - auch der Stärkste muß mal schlafen, wie Hobbes anmerkt -, sondern auf Anerkennung, die aber zustande kommt im Begehren von und Glauben und Hoffen an ganz unterschiedliche Dinge, ist doch keine so schwache Einsicht. Die Macht ist quasi eine Leerstelle, ein "Papiertiger", ihre Repräsentationen bleiben letztlich immer dürftig und waren es "immer schon". So wird auch die legitime Macht der Verträge ihre Erringung durch illegitime Ansprüche und Gewalt nicht los - das Problem der Dialektik von Rechtssetzung und Rechtserhaltung. So beruht auch "die Macht des Goldes" im kollektiven Begehren, es besitzen zu wollen. (Sinkt das Vertrauen in seine Repräsentationen, hat das Krisenfolgen.) So ist auch der Ring ein letztlich leeres Versprechen, das ganz unterschiedliche Projektionen bedient.


    Und unter Umständen reichen dann kontigente "unwesentliche" "Nebensächlichkeiten" wie die "übermütige Faselei von überdrüssigen Teenagern" :D aus, den ganzen Laden zum Einsturz zu bringen. In der Zeit der großen Geschichtsphilosophien ist das doch ein ziemlicher Clou.


    :wink: Matthias

  • Zitat

    Don Fatale:
    Und selbst Wotan fällt auf die Legende rein? Woher hat dann diese Legende, die doch wohl die Wagalaweias aufbringen, ihre Macht? In wessen Interesse liegt es, dass sie geglaubt wird? Jedenfalls nicht in dem von Vater und Töchtern Rhein, denn die würden damit ja nur die Juwelendiebe anlocken. Oder wurde es ihnen zu langweilig, etwas zu beschützen, das eh keiner haben will? Ist der Ursprung des ganzen Schadens nur die übermütige Faselei von überdrüssigen Teenagern? Das wäre mir doch ein wenig zu wenig.


    Als Ring-Dummie, die sich langsam ins Rheingold und in die Walküre hinein hört, interessieren mich die Wagalaweias ebenfalls. Sie werden oft als reine Naturwesen gesehen, die ihre übermütigen Spielchen treiben. Aber ganz zu Anfang kommt ja schon das Motiv des Wachens herein – von Woglinde und Wellgunde noch ein bisschen spielerisch eingeführt, aber Flosshilde mahnt ja schon:
    „Besser bewacht des Schlummernden Bett,
    sonst büßt ihr beide das Spiel.“


    Aus Spiel kann also laut Flosshilde bitterer Ernst werden. Deshalb wäre mir, ähnlich wie Dir, lieber Don, die Lesart der Ring-Legende als „übermütige Faselei von überdrüssigen Teenagern“ auch etwas zu wenig. Ich höre auch von Anfang an kein rein übermütiges Geplänkel, sondern auch in der Musik schon von Beginn an eine gewisse Spannung, die sich auch in der Verhöhnung Alberichs und besonders in den fast „anbetenden“ Rufen an das Rheingold zeigt.


    Die Töchter haben die Legende durch den Vater Rhein erfahren:
    „Der Welt Erbe gewänne zu eigen, wer aus dem Rheingold schüfe den Ring, die maßlose Macht ihm verlieh.“ (Wellgunde)
    „Der Vater sagt´es und uns befahl er, klug zu hüten den klaren Hort.“ (Flosshilde)


    Hüten sie also die Machtkontrolle, so lange der Ring nicht geschmiedet wird?
    Den Ring könnte man ja einerseits als mythisches Zaubermittel sehen, andererseits aber auch realer als Symbol von Macht überhaupt, wie später bei Königen, Päpsten u.a.
    Wer den Ring hat, hat die Macht, weil seinem Träger gehorcht wird:


    Zitat

    audiamus:
    Allein der Glaube an die Macht steuert die fern.


    Zitat

    Amfortas09:
    …die Angst vor seiner Macht, die aber nichts macht...


    Ob mythisches Symbol oder reales Machtsymbol, der Effekt ist in diesem Fall dann ja eigentlich derselbe.


    Zitat

    Matthias Oberg:
    So beruht auch "die Macht des Goldes" im kollektiven Begehren, es besitzen zu wollen.


    Ja, und auch die Rheintöchter wollen es besitzen und reden/singen zwar vom „Spiel“, aber mit einem so vehementen, mystifizierenden Duktus, dass durch die Wortwahl und auch durch die Musik das „umfließende Tauchen, Tanzen und Singen“ schon wieder unterlaufen wird.


    Aber ich höre erst mal weiter...


    Viele Grüße,
    Federica

  • Sekundärliteratur will mir gelegentlich weismachen, es gehe Wotan nicht um die Macht, die der Ring verheißt und die er für sich erringen will, sondern vielmehr um das Böse, das der Ring erst in die Welt gebracht hat und das es wieder abzuschaffen gilt - Wotan wolle den Ring also nicht besitzen, sondern vernichten. Als Urszene des Bösen wird Alberichs Der-Liebe-Abschwören verstanden.


    Mir ist das nicht ganz einleuchtend. Sollte vor dem Raub des Rheingoldes durch Alberich ein Paradieseszustand geherrscht haben, in dem nichts Böses möglich, gar denkbar war? War nicht Wotans Schändung der Weltesche schon die eigentliche Urszene für den Beginn des Kampfes Gesellschaft vs. Natur? Was gibt es da wiederherzustellen, was am Ring und am Schatz hinge? Hängt es nicht recht eigentlich schon an Wotans Speer?


    Oder aber:
    Wotan will den fluchbeladenen Ring aus der Welt schaffen, weil er eine Bedrohung darstellt. Dann sollte er sich nach dem "Rheingold" aber doch eigentlich erstmal relativ beruhigt zurücklehnen können: Fafner denkt nicht daran, die Macht des Ringes zu benutzen, er liegt und besitzt, jahrzehntelang. Die Ringmacht ist neutralisiert. Dass er nichts bewirken kann, dafür tritt der schlafende Fafner ein. Dieser Zustand hält über die gesamte "Walküre" an, über Generationen, über vierzig, fünfzig Jahre, wenn ich das richtig überschlage. Bis Siegfried ihn aufhebt.


    Was will Wotan? Wozu das Gewese?

  • Ich glaube, daß Wotans offensichtliche Konzeptlosigkeit gerade ein Kern des Problems ist. Er hangelt sich von Notlösung zu Notlösung, ohne eine klare Linie erkennen zu lassen. Die Unfähigkeit der Herrschenden leistet im "Ring" einen entscheidenden Beitrag zum Untergang.


    LG :wink:

    "Was Ihr Theaterleute Eure Tradition nennt, das ist Eure Bequemlichkeit und Schlamperei." Gustav Mahler

  • der Ring - nur ein Placebo?

    Die fallen aus Unwissenheit auch nur drauf rein.
    Allein der Glaube an die Macht steuert die fern.


    Der einzige, den es wirklich physisch erwischt, ist Mime. Aber den verkloppt Alberich eigenhändig, nicht der Ring.


    Das halte ich für einen Irrtum.


    1. Warum sollten die Nibelungen glauben, dass der Ring Alberich Macht über sie gibt, wenn sie es nicht spürten? Nur weil Alberich es ihnen sagt? Schließlich ist die Geschichte von der Macht des Rings zu Beginn der Handlung keineswegs Allgemeinwissen.


    2. Wagner macht sehr deutlich, dass Alberich mit dem Ring die Nibelungen sogar aus der Ferne steuern kann: "Alberich rührt den Ring mit den Lippen und murmelt heimlich einen Befehl. [...] Die Nibelungen steigen aus der Kluft herauf mit den Geschmeiden des Hortes beladen." Wie wäre das zu erklären, wenn der Ring nur ein Placebo wäre.


    Der Ring gibt dem Besitzer sehr wohl unmittelbare Macht über die Nibelungen. Nur über diese, wohlgemerkt, das Volk des Ringschöpfers, nicht über jedermann. (Darum sagt Hagen, als (GD I,1) die Rede davon ist, dass Siegfried den Hort besitzt, auch nur "Knecht sind die Niblungen ihm" und nicht "Knecht sind ihm alle" o.ä.). Und diese Macht über die Nibelungen macht ihn reich, und dieser Reichtum gibt ihm langfristig Macht über alle. Das ist die Idee. Wenn Wagner tatsächlich den Ring nur als Placebo gesehen hätte, wären die Szenen, in denen Alberich die Nibelungen sichtbar durch den Ring knechtet, böswillige Publikumstäuschung. Aber das anzunehmen, gibt es keinen Grund.

    Einmal editiert, zuletzt von Thorstein ()


  • Wie ich weiter oben im Thread bereits schrieb, so sehe auch ich zweifellos eine zyklische Form im "Ring". Eine zyklische Form, die über die lineare Form gesiegt hat, was man z.B. auch anhand zweier wichtiger Objekte im "Ring" symbolisch deuten könnte: Der zyklische, runde Gegenstand "Ring" überlebt, der lineare Gegenstand "Wotans Speer" zerbricht.

    Wotans Speer zerbricht zweifellos. Aber "überlebt" der Ring? Die letzte Szenenanweisung sagt, dass die Rheintöchter ihn mit ins Wasser nehmen, "lustig mit dem Ringe spielend". Zuvor hat Brünnhilde an die Rheintöchter gewandt, gesagt: "Ihr in der Flut, löset ihn auf, und lauter bewahrt das lichte Gold, das euch zum Unheil geraubt." Dies deutet darauf hin, dass der Ring im Rhein keinen Bestand hat, sondern wieder zum "lauteren" Gold des Anfangs wird.

  • Oder aber:
    Wotan will den fluchbeladenen Ring aus der Welt schaffen, weil er eine Bedrohung darstellt. Dann sollte er sich nach dem "Rheingold" aber doch eigentlich erstmal relativ beruhigt zurücklehnen können: Fafner denkt nicht daran, die Macht des Ringes zu benutzen, er liegt und besitzt, jahrzehntelang. Die Ringmacht ist neutralisiert. Dass er nichts bewirken kann, dafür tritt der schlafende Fafner ein. Dieser Zustand hält über die gesamte "Walküre" an, über Generationen, über vierzig, fünfzig Jahre, wenn ich das richtig überschlage. Bis Siegfried ihn aufhebt.


    Was will Wotan? Wozu das Gewese?

    Wotan weiß, dass Fafners Ringbesitz zwar etliche Jahre dauern kann, aber zwangsläufig enden muss, denn Alberichs Fluch - dessen Wirksamkeit Wotan schon an Fasolt besichtigen konnte - weiht jeden Ringbesitzer unabwendbar dem Tod. Dass Fafner den Ring nicht benutzen, sondern nur besitzen will, ist für Wotan in der Tat ein unerhörter Glücksfall; trotzdem muss er natürlich die dadurch gewonnene Gnadenfrist (von der er ja nicht vorher wissen kann, wie lange sie dauern wird) dringend zur Umsetzung seines eigenen Planes (also der Schaffung des "freien Helden" nutzen), um den Ring nicht nach Fafners Tod in die Hände Alberichs fallen zu lassen. Und prinzipieller: so lange Wotan seinen Herrschaftsanspruch nicht völlig aufgibt, muss er versuchen, die Initiative zu behalten, und kann nicht einfach abwarten.

  • Wie wäre das zu erklären, wenn der Ring nur ein Placebo wäre.


    Thach Thorstein,


    das hat niemand behauptet.
    Ein Placebo ist der Ring nicht. Aber ein dramaturgisches Mittel.
    Da kann man auch schon mal draufmurmeln.

    "...es ist fabelhaft schwer, die überflüssigen Noten unter den Tisch fallen zu lassen." - Johannes Brahms

  • Na ja, Sie hatten sehr wohl behauptet:


    "Allein der Glaube an die Macht steuert die fern."


    Und mit dieser Annahme scheint mir das Herbeirufen der Nibelungen nicht erklärbar zu sein. Draufmurmeln kann man auf vieles, aber nur selten kann man dadurch Menschen aus der Tiefe eines Bergwerkes zu sich her zwingen und sie gleich auch noch dazu bringen, den Schatz nach oben zu schleppen. Oder sollte Wagner hier lediglich die Erfindung des Handys vorhergesagt haben?


    Was sollte Wagner denn noch anstellen, um zu zeigen, dass Alberich mit dem Ring (und zwar mit der diesem innewohnenden Macht) die Nibelungen beherrscht? Kann es dafür ein eindeutigeres Bild geben als das Herbeirufen aus der Ferne, das jede bloß psychologische Wirkung mit Sicherheit ausschließt?

  • Oder sollte Wagner hier lediglich die Erfindung des Handys vorhergesagt haben?


    Gute Idee. Oder ein Verbindungszwerg, der im Busch hockt...
    Warum werden solche offenkundig offenen Dinge immer gleich in den Fantasy-Bereich hineingezwängt?
    Und nicht alles, was allein durch sein was macht, macht ein Placebo.


    Wir duzen uns übrigens hier.


    :wink:


    audiamus

    "...es ist fabelhaft schwer, die überflüssigen Noten unter den Tisch fallen zu lassen." - Johannes Brahms

  • Aha. Mal sehen, ob ich mich daran gewöhnen kann. (Die Manieren im Wagnerforum waren ja nicht toll, aber das Siezen fand ich immer ganz angenehm ...)


    Was soll denn "in den Fantasy-Bereich hineingezwängt" bedeuten? Alberich übt durch den Ring ganz offensichtlich unmittelbar Macht aus, genau wie der Tarnhelm offensichtlich dem Träger ermöglicht, seine Gestalt zu verwandeln (was wohl kaum durch kollektive Halluzinationen der Beteiligten zu erklären ist - oder glaubt Alberich nur, er verwandle sich in eine Kröte?) und der Trank in der "Götterdämmerung" Siegfried seine Begegnung mit Brünnhilde vergessen lässt. Ist das alles "Fantasy", und darum nicht statthaft? Natürlich lassen sich diese Gegenstände und Vorgänge symbolisch deuten, aber zunächst einmal sollte man sie akzeptieren. Es gibt zwei Szenen, in denen Alberich mit dem Ring Macht über die Nibelungen ausübt. Gibt es im Text irgendeinen positiven Beleg für die Annahme, dass die Nibelungen dieser Macht nicht ausgeliefert wären, wenn sie nicht daran glaubten? Oder worauf sonst stützt sich diese Annahme?


    Thorstein

  • Um auch noch kurz der - viel interessanteren - Frage nachzugehen, was denn der Ring eigentlich bedeutet: er steht für die Unterwerfung der Natur, ihre Dienstbarmachung für egoistische Zwecke. Und wem dies gelingt, dem erwachsen nicht nur Symbole der Macht, sondern sehr reale Machtmittel: Maschinen, Waffen, Atombomben. Die (politische) Wirkung letzterer im Kalten Krieg beruhte zwar auf der Angst der Menschen davor; gleichwohl hatte diese Macht ein sehr reales Fundament. - Und so ist es auch beim Ring. Nachdem diese reale Wirkung einmal (bzw. zweimal) demonstriert wurde (wie die der Atombombe in Japan), ist es nicht mehr nötig, das sie tatsächlich eingesetzt wird, um ein Machtfaktor zu bleiben.


  • @ Symbol: Auch ich sehe den "Ring" natürlich nicht völlig unkritisch. Dass die "Götterdämmerung" teilweise etwas überladen und "fett" ist, da kann ich Dir tendenziell zustimmen [...] "Rheingold" und "Walküre" sind für mich geniale Würfe von vorne bis hinten, für mich ohne Längen. Aber zu "Siegfried" und "Götterdämmerung" habe ich ein gespaltenes Verhältnis. Die Frage-Szene zwischen Mime und Wanderer im "Siegfried" ist für mich die vielleicht langweiligste Stelle im ganzen "Ring", die würde ich meistens gerne überspringen (tu's aber dann doch nicht! ;-)). [...]
    Vielleicht liegt es aber auch ganz einfach daran, dass ich eher an Exposition denn an Konklusion interessiert bin. Im "Rheingold" und in der "Walküre" bleibt noch viel Raum für eigene Fantasie "Wie wird das werden?", im "Siegfried" und der "Götterdämmerung" bekommt man dann vieles vor die Nase gesetzt. Dessen ungeachtet, sind mir die beiden letzten Teile des "Rings" aber auch sehr teuer und ich würde sie nicht missen wollen, gibt es doch auch in ihnen reichlich geniale Musik und Szenen.


    Hallo Diabolus,


    die zweifellos vorhandenen Längen erkläre ich mir mit dem Entstehungsprozess des Librettos: Wagner hat zuerst die Götterdämmerung geschrieben und dann rückwärts gehend die Vorgeschichte. Vieles was in der Götterdämmerung angedeutet wird, ist dann in den anderen drei Opern ausgeführt. Rheingold und Walküre sind die einzigen Teile, die sozusagen von vorne konzipiert sind.
    Nun hätte Wagner am Ende die Handlung wieder straffen können, hat er aber nicht ... (weiß jemand warum?).
    Andererseits haben die Wiederholungen den Vorteil, dass man als Zuschauer nicht so leicht den Faden verliert ("was bisher geschah ... ").


    Schöne Grüße,
    Peter

  • Um auch noch kurz der - viel interessanteren - Frage nachzugehen, was denn der Ring eigentlich bedeutet: er steht für die Unterwerfung der Natur, ihre Dienstbarmachung für egoistische Zwecke. Und wem dies gelingt, dem erwachsen nicht nur Symbole der Macht, sondern sehr reale Machtmittel: Maschinen, Waffen, Atombomben.


    Und genau wie der Ring können die modernen Machtmittel leicht in falsche Hände geraten. Die Gefahr liegt darin, dass der Besitzer der Macht seiner Verantwortung nicht gewachsen ist ("Des Ringes Herr als des Ringes Knecht").


    Im alten, aristokratischen System war Macht nicht übertragbar. Nun haben sich dessen Vertreter auch nicht mit Ruhm bekleckert und gehen deshalb -zurecht- unter.


    Zumindest wäre das mal eine These.
    Ich bin mir nicht sicher, ob Wotan der beste Vertreter eines aristokratischen Systems ist.
    Hat er nicht auch in die Götterfamilie eingeheiratet?
    Wo kommt Wotan eigentlich her?


    Schöne Grüße,
    Peter

  • die zweifellos vorhandenen Längen erkläre ich mir mit dem Entstehungsprozess des Librettos: Wagner hat zuerst die Götterdämmerung geschrieben und dann rückwärts gehend die Vorgeschichte. Vieles was in der Götterdämmerung angedeutet wird, ist dann in den anderen drei Opern ausgeführt. Rheingold und Walküre sind die einzigen Teile, die sozusagen von vorne konzipiert sind.


    Das stimmt nur bedingt. Am Anfang stand ein Gesamtentwurf, der sogenannte "Nibelungenmythus", der wie das ausgeführte Werk mit dem Raub des Rheingoldes einsetzt. Wagner hatte also den gesamten Ablauf im Kopf, bevor er "Siegfrieds Tod" ausarbeitete.


    Die "Längen", oder jedenfalls die messbare Länge der späteren Stücke sind auch weniger durch den Text verursacht als durch die Musik. "Götterdämmerung" enthält nur etwa 10% mehr Text als "Rheingold" (2034 Verse gegenüber 1853), dauert aber fast doppelt so lange.



    Nun hätte Wagner am Ende die Handlung wieder straffen können, hat er aber nicht ... (weiß jemand warum?).



    Wagner hat sehr wohl, nachdem er die Texte zu "Rheingold" und "Walküre" verfasst hatte, die bereits vorliegenden Texte von "Der junge Siegfried" und "Siegfrieds Tod" noch einmal intensiv überarbeitet. Er hat auch einiges gestrichen; z.B. enthält die Szene zwischen Alberich und Hagen in "Siegfrieds Tod" ("Schläfst du, Hagen, mein Sohn?") etliche Informationen zur Vorgeschichte, die in der "Götterdämmerung" weggefallen sind.



    Andererseits haben die Wiederholungen den Vorteil, dass man als Zuschauer nicht so leicht den Faden verliert ("was bisher geschah ... ").


    Das ist mit Sicherheit ein wichtiger Aspekt: der Zusammenhang des Zyklus' wird immer wieder ins Gedächtnis gerückt, so dass etwa die Geschichte des jungen Siegfried (die auch ohne die Verbindung mit der Tragödie Wotans funktionieren würde, mit der sie in Wagners Quellen auch nichts zu tun hatte) sich nicht verselbständigt. Außerdem bringen die betreffenden, Vergangenes reflektierenden Szenen (Wotans "Monolog" in der "Walküre", die Rätselszene im "Siegfried", die Nornen- und Waltrautenszene in der "Götterdämmerung", aber auch schon Loges Erzählung im "Rheingold") niemals nur Wiederholungen, sondern stets auch Neues, dem Zuschauer noch Unbekanntes (z.B., in Wotans Monolog, die Geschichte von Brünnhildes Zeugung).


    Aber letztendlich müssen sich diese Szenen durch die Ausführung rechtfertigen. Und hier bin ich nun gar nicht der Meinung des Diabolus, die Rätselszene sei die langweiligste des ganzen Zyklus. Sie gehört zu meinen absoluten Lieblingsszenen und zu denen, die ich, statt sie zu überspringen, meistens zwei- oder dreimal hintereinander höre.




    Gruß


    Thorstein

  • Ich bin mir nicht sicher, ob Wotan der beste Vertreter eines aristokratischen Systems ist.
    Hat er nicht auch in die Götterfamilie eingeheiratet?
    Wo kommt Wotan eigentlich her?


    Woher Wotan stammt, darüber gibt der Text keine Auskunft. Jedoch war er schon ein "Gott", bevor er seinen Speer gewann (so die 1. Norn), was mit größter Wahrscheinlichkeit geschah, bevor er Fricka heiratete. Über deren Abkunft, und die ihrer Geschwister, gibt der Text ebenfalls keinerlei Auskunft; auch nicht darüber, ob sie schon vor ihrer Verbindung mit Wotan "Götter" genannt wurden. Es gibt nicht den geringsten Anhaltspunkt dafür, dass Wotan seine Stellung auch nur zu einem Teil der Verbindung mit Fricka verdankt. Vielmehr zeigt der Dialog im "Rheingold" ganz klar, dass Wotans Macht nicht von Fricka abhängt (sonst würde er sich wohl auch nicht so viele Seitensprünge gestatten). Seine Herrschaft ist monarchisch, allerdings nicht absolut, sondern durch Verträge gebunden. Eine konstitutionelle Monarchie, wenn man so will.


    Vor Wotans "Machtergreifung", von der die Nornen berichten, gab es lediglich eine Naturordnung, und somit wohl auch keinen Adel.

  • Im alten, aristokratischen System war Macht nicht übertragbar. Nun haben sich dessen Vertreter auch nicht mit Ruhm bekleckert und gehen deshalb -zurecht- unter.


    Zumindest wäre das mal eine These.
    Ich bin mir nicht sicher, ob Wotan der beste Vertreter eines aristokratischen Systems ist.


    Vor Wotans "Machtergreifung", von der die Nornen berichten, gab es lediglich eine Naturordnung, und somit wohl auch keinen Adel.


    Gleichwohl - um dies zu ergänzen - zeigt sich im "Ring" natürlich eine äußerst kritische Haltung zum dynastischen Prinzip, das solche "Zagen" wie Gunther zu Herrschern macht, durch nichts qalifiziert als durch ihre Abkunft.

  • Bis unmittelbar nach der Erweckung finde ich den 3.Akt auch gelungen, aber das Finale zieht sich dann meiner Ansicht nach. Und das kann nicht ausschließlich am Orchester liegen. Ich kenne mittlerweile über 10 Interpretationen und keine einzige hat es geschafft, mir diesen Schluss wirklich schmackhaft zu machen.


    Ging mir auch lange so. Mittlerweile habe ich jedoch immerhin eine Aufnahme dieser Szene, die ich wirklich überzeugend finde. Sie ist allerdings fast achtzig Jahre alt:


    Florence Easton & Lauritz Melchior, Covent Garden Orchestra, Robert Heger (29. Mai 1932)


    (CD-Veröffentlichung z.B.: Melchior Anthology Vol. 5)

  • was bedeutet Euch der "Ring"? Was fasziniert Euch? Was stößt Euch ab? Wie seid ihr zum "Ring" gekommen?


    Was mich daran fasziniert?
    Erstmal natürlich die Musik...was gibt es da nicht alles vom Urgrund des Rheins gen Walhall, auf der Flucht mit Siegmund und bei seinem Stelldichein mit der eigenen Schwester, der stolzeste Abschied der Operngeschichte (der eines Vaters, obwohl ich persönlich ja finde, dass er sich weniger wie der eines Vaters, als der eines Liebhabers anhört), die Schmiede-Lieder, das Waldweben, der der Sturm auf Brünnis Berg, Hagens Thema, der Trauermarsch usw., ein übersprudelnder Quell an musikalischen Kleinodien und Geniestreichen.
    Zweitens ,die Figuren, so herrlich menschlich, so herrlich unperfekt, herrlich mehrdimensional. Ganz oben dabei natürlich, er, der traurigste von allen, Wotan (auch ich vermisse ihn in GöDä etwas).
    Drittens, das Gesamtkonzept. Der Ring (auch Trsitan und Parsifal) sind symbolhafte, abstrakte Geschichten, Ideen- und Seelengeschichten mehr als Handlungsgeschichten, der Ring besitzt die gleiche Basis wie die großen Griechenstücke, der Ring ist kein Märchen (obwohl Märche durchaus symbolhaft sein können, das weiß ich, meistens aber auf überschaubarem Niveau dessen, was symbolisiert werden soll und wie es gemacht wird), er ist ein Ur-Tragödie und eine Parabel des Menschen und der Gesellschaft (egal welcher Zeit)...das ist für mich auch das sog. Wesentliche .
    Ja, selbst der Text bietet trotz einigen Dümmlich- und Schueßlichkeiten einiges an Interessantem.


    Was stößt mich ab?
    Einiges an langweiligen Passagen, die nur die Spannung dämpfen, so mancher Logikfehler und das vieles so anspruchsvoll zu singen ist, dass immer weniger Sänger es zu können scheinen (und der Ring wirkt nur im Ganzen mit ausgezeichneten Sängern), die mythische Verklärung in der Rezeptionsgeschichte (auch das Wagner so einiges an Stoff zusammengeklittert hat...warum hat er nie den 2. Nibelungen-Teil komponiert?)


    Wie kam ich dazu?
    Durch den Film "The New World" in dem das Vorspiel aus "Das Rheingold" ein wiederkehrendes Thema ist, ich war sofort verliebt, habe mir blindwütig eine Aufnahme besorgt und nie angehört :P , außerdem noch eine Aufführung im TV angesehen. Erst als ich anfing mich richtig mit Klassik zu beschäftigen, habe ich die CD wieder hervorgekramt und das erste Mal angehört...es war um mich geschehen :love: Der Rest folgte irgendwann...


    Im Übrigen bin ich gerade am Überlegen, ob es vielleicht auch noch sinnvoll wäre, im Unterforum "Aufführungspraxis" einen Extra-Thread zur Aufführungsgeschichte des "Rings" zu machen und ob man das besser in diesem Thread diskutiert.


    Wenn das mal angezeigt ist, empfehle ich dieses Buch :


    [Blockierte Grafik: http://ecx.images-amazon.com/images/I/41PBqHk%2BnbL._SL500_AA300_.jpg]

    "Der Ring des Nibelungen in Bayreuth: von den Anfängen bis heute " von Philippe Olivier

    "Allwissende! Urweltweise!
    Erda! Erda! Ewiges Weib!"

Jetzt mitmachen!

Du hast noch kein Benutzerkonto auf unserer Seite? Registriere dich kostenlos und nimm an unserer Community teil!