WAGNER: Der Ring des Nibelungen – Größtes Werk der Operngeschichte?

  • Dass Wotan, der traurige Gott ( Wapnewski ), im finalen Stück des Zyklus` nur noch in der Erzählung der Waltraute vorkommt, liebe Succubus, ist in meinen Augen und Ohren das größte Manko der Götterdämmerung, nur halbwegs kompensiert durch den Geniestreich des Trauermarsches! Es soll Inszenierungen geben ( RT ! ), in denen der Gott die Szene stumm resignierend beobachtet.


    Ciao. Gioachino l-l

    miniminiDIFIDI

  • Warum ist das ein Manko? Ich weiß ja nicht, was andere für Logikfehler in dem Werk finden, aber die Abwesenheit Wotans ist doch sehr schlüssig. Und auch viel plausibler, das nur berichten zu lassen, anstatt eine Szene mit einem resignativen Monolog des in Walhall sitzenden und auf das Ende wartenden Wotans einzuschalten (zumal es entsprechende Passagen ja schon in den vorhergehenden Opern gibt). Schon als Wanderer ist er weitgehend Beobachter, passiv. Nachdem ihm, solange er handelte, fast alles misslungen war und er gegen seinen Willen Siegmund fallen lassen musste, zieht er sich konsequenterweise zurück.

    Tout le malheur des hommes vient d'une seule chose, qui est de ne pas savoir demeurer en repos dans une chambre.
    (B. Pascal)

  • Keiner hat Wotans Abwesenheit in GöDä hier als Logikfehler bezeichnet, ich persönlich finde es nur schade, dass er nicht mehr auftritt, weil ich ihn als Figur interessant finde.

    "Allwissende! Urweltweise!
    Erda! Erda! Ewiges Weib!"

  • ...die interessanteste Figur im ganzen Ring ! Wir haben diesen Typ zuvor so lieb gewonnen, dass uns seine Abwesenheit am Schluss schmerzt - basta ! :boese:


    Ciao. Gioachino

    miniminiDIFIDI

  • Mal was ganz anderes...bezüglich vn Aufführungspraxis : Bei der GöDä wird ja meines Wissens in der Szene in dem Brünni von Gunther-Siegfried erobert wird, meistens so dargestellt, dass Siegfried mit der Tarnkappe auf Brünhilde von ihrem Felsen holt.
    Aber ehrlich gesagt finde ich diese Sache mit dem verkleideten Siegfried doch recht albern. Und überhaupt würde Brünnhilde nicht Siegfrieds Stimme erkennen? (diese Verstellung der Stimme ist ja genauso albern eigentlich).
    Könnte nicht der Gunther-Darsteller auftreten während der Siegfried-Darsteller hinter der Bühne singt und Gunther nur die Lippen bewegt? Oder ist das zu RT...So gesehen fände ich es auch die intelligenteste und schlüssigste Darstellung...
    Ich würde fast so weit gehen, um den Mummenschanz echt glaubwürdig rüberzubringen, müsste in dieser Szene der Gunther-Darsteller auftreten UND singen. 8-)

    "Allwissende! Urweltweise!
    Erda! Erda! Ewiges Weib!"

  • Mal was ganz anderes...bezüglich vn Aufführungspraxis : Bei der GöDä wird ja meines Wissens in der Szene in dem Brünni von Gunther-Siegfried erobert wird, meistens so dargestellt, dass Siegfried mit der Tarnkappe auf Brünhilde von ihrem Felsen holt.
    Aber ehrlich gesagt finde ich diese Sache mit dem verkleideten Siegfried doch recht albern.


    Dafür ist der Kontrast zum anfänglichen Liebesduett so am Deutlichsten. Siegfried ist Brünnhilde fremd wegen der Tarnkappe, und sie ihm, weil er sein Gedächtnis verloren hat. Worst case scenario.

    Nur weil etwas viel Arbeit war und Schweiß gekostet hat, ist es nicht besser oder wichtiger als etwas, das Spaß gemacht hat. (Helge Schneider)

  • Auf der Solti/Culshaw-Aufnahme hat man die Stimme Windgassens verfremdet, wenn ich recht erinnere.

    Tout le malheur des hommes vient d'une seule chose, qui est de ne pas savoir demeurer en repos dans une chambre.
    (B. Pascal)

  • Dass Wotan, der traurige Gott ( Wapnewski ), im finalen Stück des Zyklus` nur noch in der Erzählung der Waltraute vorkommt, liebe Succubus, ist in meinen Augen und Ohren das größte Manko der Götterdämmerung,


    Ruft man sich in Erinnerung, dass Wagner ursprünglich nur die Götterdämmerung schreiben wollte (unter dem Titel "Siegfrieds Tod"), so relativiert sich das.


    So interessant Wotan ist, als Figur des Dramas wie als Gesangspartie, war er durch Wagners Brille gesehen zunächst mal nur historische Voraussetzung, logische Notwendigkeit, vor allem eben Vorgeschichte. In der "eigentlichen" Handlung der GöDä hat er ja einen wichtigen Auftritt, nämlich wenn ganz am Schluss sichtbar wird, wie Walhall brennt - arrangiert entsprechend dem Bericht der Waltraute.


    Ich gebe zu, dass sich Wagners Blickwinkel in den 25 (?) Jahren der Werkentstehung verschoben hat, vielleicht nicht nur wegen seiner königlichen Gesellschaft, Die Umbenennung von "Siegfrieds Tod", der sozialistisch angehauchten Geschichte eines Helden, der durch die Verstrickungen übermächtiger Handlungen scheitert, hin zur "Götterdämmerung", also dem Untergang einer Herrscherdynastie, ist ja fundamental.


    Gruß
    MB


    :wink:

    "Den Geschmack kann man nicht am Mittelgut bilden, sondern nur am Allervorzüglichsten." - Johann Wolfgang von Goethe

  • Und das, wo sie doch angeblich so klug und wissend sein soll :D


    Nicht mehr, nach dem Gottheitsdeprivationskuss.


    wenn ich recht erinnere.


    Du erinnerst Dich recht.


    In der "eigentlichen" Handlung der GöDä hat er ja einen wichtigen Auftritt, nämlich wenn ganz am Schluss sichtbar wird


    Kupfer brachte ihn auch bereits bei Siegfrieds Tod auf die Bühne. Schauderhaft, im besten Sinne.

    "...es ist fabelhaft schwer, die überflüssigen Noten unter den Tisch fallen zu lassen." - Johannes Brahms

  • Nicht mehr, nach dem Gottheitsdeprivationskuss.


    Andererseits singt doch Brünnhilde ganz am Schluss irgendwas von "dass wissend würde ein Weib". Insofern ist der Gunther-Auftritt Siegfrieds offenbar ein wichtige Lektion, damit sie am Ende doch wieder alles weiß. Und dann bringt sie sich um. :shake: Das habe ich bislang noch gar nicht verstanden. Ist sie etwa eine selbstbewusste Verfechterin der Witwenverbrennung?

    Nur weil etwas viel Arbeit war und Schweiß gekostet hat, ist es nicht besser oder wichtiger als etwas, das Spaß gemacht hat. (Helge Schneider)

  • ganz am Schluss


    Das ist der Punkt. Am Schluss, kurz vor dem Tod, der ein Sühnetod ist (Sterben für die Ursünde, kennen wir doch irgendwoher), kein "Selbstmord", fallen die Schuppen von den Augen. Sie wird wieder sehend, durch Schmerz, Liebe, Erfahrung, you name it.


    Insofern ist der Gunther-Auftritt Siegfrieds offenbar ein wichtige Lektion, damit sie am Ende doch wieder alles weiß.


    Der Pseudogunther ist halt ein Mosaiksteinchen.

    "...es ist fabelhaft schwer, die überflüssigen Noten unter den Tisch fallen zu lassen." - Johannes Brahms

  • Dass Wotan, der traurige Gott ( Wapnewski ), im finalen Stück des Zyklus` nur noch in der Erzählung der Waltraute vorkommt, liebe Succubus, ist in meinen Augen und Ohren das größte Manko der Götterdämmerung


    Das allmähliche Verblassen von Wotans szenischer Präsenz - zunächst zum Wanderer im Siegfried und schließlich zum reglos resignierten Gott der Götterdämmerung - kann man als Konsequenz aus der dramatischen Entwicklung dieser Figur verstehen, die sich von der wenig souveränen und insofern nicht gerade göttlichen, viel mehr auf den eigenen Vorteil bedachten, teils naiv und teils ziemlich schäbig agierenden Gestalt des Rheingolds und der Walküre zur entrückten, statuarischen Allegorie der Schopenhauer'schen Verneinung des Willens zum Leben wandelt. Carl Dahlhaus hat diesen Sachverhalt sowie seine Konsequenzen für die leitmotivisch-musikalische Struktur des Rings prägnant und - wie ich meine - zutreffend herausgearbeitet:


    "Der 'Ring' ist primär ein Göttermythos, die Tragödie Wotans, und zwar noch dort, wo ein Heroendrama die sichtbare Handlung bildet. Erst durch den Mythos 'von der Welt Anfang und Untergang', in den sie verflochten sind, wächst den Heldentragödien - dem Wälsungendrama in der 'Walküre' und der Siegfriedhandlung - die weittragende Bedeutung zu, auf Grund derer sie für Wagner komponierbar waren. Es ist der über das Sichtbare hinausreichende Sinn, von dem die Musik in tönenden Metaphern redet. Je weiter aber die Handlung fortschreitet, um so mehr tritt der Göttermythos äußerlich zurück. Dennoch ist Wotans unsichtbare Gegenwart in der 'Götterdämmerung' mächtiger als die sichtbare im 'Rheingold': Erst als jenseitiger Gott ist er überhaupt ein Gott. Und im selben Maße, in dem das 'Gegenwärtige', die szenische Aktion, von 'Ungegenwärtigem' überschattet wird, gewinnen die Orchestermotive, die an 'Ungegenwärtiges' erinnern, an Bedeutung." (Carl Dahlhaus: Wagners Konzeption des musikalischen Dramas, München, Kassel 1990, S. 132.)



    Herzliche Grüße
    Aladdin

  • Was empfehlenswertes zum Ring !



    LG palestrina

    „ Die einzige Instanz, die ich für mich gelten lasse, ist das Urteil meiner Ohren. "
    Oolong

  • Bechtolfs Lesung ist definitiv empfehlenswert und hat mir einen ganz neuen Blick auf den Text ermöglicht.


    Alternativ kann man auf Stefan Kaminskis Live-Hörspiel-Fassung zurückgreifen, die sich allerdings nicht strikt an den Text hält:



    Oder man hört es sich bei nächster Gelegenheit einmal live an...


    LG - C.

  • Gibt es für DVD-Gesamtaufnahmen einen eigenen Thread?

    Es gibt dieses: WAGNER: Der Ring des Nibelungen – Kommentierte Diskographie. Da sind DVDs mit dabei. Vgl. dort: "Dieser Thread ist dazu gedacht, Aufnahmen (Ton- und Videoträger) von Richard Wagners Opern-Zyklus "Der Ring des Nibelungen" zu besprechen."


    :wink:

    Es grüßt Gurnemanz
    ---
    Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
    Helmut Lachenmann

  • Kaminski on Air - Der Ring des Nibelungen !
    Richard Wagners RING als Hoerspieltheater in vier Teilen .


    1. Abend Das Rheingold Samstag 11.5.13
    2.Abend Die Walkuere Sonntag 12.5.13
    3.Abend Siegfried Sonntag 19.5.13
    4.Abend Goetterdaemmerung Montag 20.5.13
    2.Zyklus
    Rheingold 25.5.13
    Walkuere 26.5.13
    Siegfried 31.5. 13
    Goetterdaemmerung 3.6.13


    Frankfurter/Main Bockenheimer Depot jeweils 21 h


    LG palestrina

    „ Die einzige Instanz, die ich für mich gelten lasse, ist das Urteil meiner Ohren. "
    Oolong

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