René Jacobs - Spezialist für alte Musik und mehr?

Das Forum ist nun wieder online! Für Fragen und Probleme gibt es hier einen neuen Thread.
ACHTUNG: Neuregistrierungen sind jetzt wieder möglich!
  • René Jacobs - Spezialist für alte Musik und mehr?

    Liebe Mit-Capriccisten,


    der Belgier René Jacobs darf getrost zu den bekanntesten Namen im Bereich der alten Musik gezählt werden. Geboren 1946 und als Countertenor ausgebildet, zählt er nunmehr zu den wohl namhaftesten Dirigenten seiner Generation.


    Von dem, was ich bisher von Jacobs gehört habe, scheint er einen sehr lebendigen Musizierstil zu pflegen - deutliche Akzente und Dynamik-Unterschiede, Mut auch mal zum Extremen, gar zur Improvisation. Manche werfen ihm wohl auch einen Hang zu exzentrischen musikalischen Entscheidungen vor, etwa bei der Wahl mancher Tempi. Ich habe aktuell diese Aufnahme von ihm in Dauerschleife:



    Was soll ich sagen? Ich bin restlos begeistert! Das FBO spielt unglaublich engagiert und virtuos, Jacobs arbeitet durchweg mit Sängern mit schlanken Stimmen, und vor allem den Rezitativen wird viel Aufmerksamkeit geschenkt: dort entfaltet sich emotionaler Sprechgesang über einem Continuo, in dem Jacobs das Fortepiano reichlich improvisieren und ausschmücken läßt.


    Andererseits habe ich kurz vor Weihnachten mal in seine Aufnahme des Weinachtsoratoriums reingehört:



    Die wanderte schnell ins Regal zurück - die Tempi fand ich zu merkwürdig. Schade, da mir das WO in HIP-Aufnahme noch fehlt.


    Mich würde interessieren, wie die etwas Jacobs-Kundigeren über ihn denken - naturgemäß würden mich momentan vor allem die Einschätzungen zu seinen anderen Mozart-Aufnahmen reizen (Oper wie auch rein Instrumentales), aber natürlich auch gerne zu allem anderen.


    LG :wink:

    "Was Ihr Theaterleute Eure Tradition nennt, das ist Eure Bequemlichkeit und Schlamperei." Gustav Mahler

  • vor allem die Einschätzungen zu seinen anderen Mozart-Aufnahmen reizen (Oper wie auch rein Instrumentales),


    Werter Namensvetter,


    die Idomeneo-Aufnahme wurde hier auch schon in den höchsten Tönen gepriesen- und ich kann diesem euphorischen Lobpreis nur beipflichten ;+) Der Idomeneo war die erste Gesamteinspielung einer Mozart-Oper mit Jacobs und es wird definitiv nicht die letzte Aufnahme gewesen sein ;+)


    :wink: :wink:


    Christian

    Rem tene- verba sequentur - Beherrsche die Sache, die Worte werden folgen

    Cato der Ältere

  • Lieber Symbol,


    eine Aufnahme von Jacobs, die ich uneingeschränkt empfehlen kann, da sie meiner Meinung nach andere Aufnahmen bei weitem übertrifft:



    Ich mag seine zurückhaltende Art des Arrangements, die Musik ist sehr eindringlich, ohne übertrieben zu wirken. Dies merkt man vor allem bei der Szene mit den Hexen, diese ist abgesehen davon, auch phantastisch gesungen.


    LG Lotte


  • Liebe Lotte,


    ich muß am Wochenende dringend nochmals unsere Bestände durchsehen - ich bin der festen Überzeugung, daß wir die Dido-Aufnahme von Jacobs zu Hause haben und auch besonders vom Instrumentalen extrem angetan waren. Ansonsten lief bei uns aber auch häufig die Haim-Aufnahme:



    Die hat m. E. einen großen Pluspunkt: Ian Bostridge, den meine sehr viel bessere Hälfte und ich außerordentlich schätzen. Ist aber eine gute Gelegenheit, die Jacobs-Aufnahme hervorzukramen!


    LG :wink:

    "Was Ihr Theaterleute Eure Tradition nennt, das ist Eure Bequemlichkeit und Schlamperei." Gustav Mahler

  • Der Idomeneo war die erste Gesamteinspielung einer Mozart-Oper mit Jacobs


    Ich mag seine zurückhaltende Art des Arrangements


    Ian Bostridge, den meine sehr viel bessere Hälfte und ich außerordentlich schätzen


    Dreimal zarter Widerspruch, Ihr süßen kleinen Schlümpfe.


    Caesar, der "Idomeneo" wurde im Dezember 08 in Wuppertal (hallo Julilein :wink: ) in binärem Code festgehalten, davor gab es doch schon "Cosi" (1999), Figaro (2004) und don Juan (2007). Oder habe ich Dich falsch verstanden? Bin gerade unsicher...


    Motte, als "zurückhaltend" habe ich Jacobs noch nie empfunden. Und von anderen hab ich das auch noch nicht vernommen. Hör nochmal rein... ;+)


    Sym, das mag ja sein, daß Ihr den Bostridge mögt, ich mag ihn aber gar nicht gern. Und jetzt? :rolleyes: Im Ernst: Das gefällt Euch, diese dürre Stimme mit der schlampigen Technik und der Sprachkursästhetik?


    OT, wir kommen!



    Euer Graf :wink:


    "In the year of our Lord 1314 patriots of Scotland, starving and outnumbered, charged the field of Bannockburn. They fought like warrior poets. They fought like Scotsmen. And won their freedom."

  • Caesar, der "Idomeneo" wurde im Dezember 08 in Wuppertal (hallo Julilein :wink: ) in binärem Code festgehalten, davor gab es doch schon "Cosi" (1999), Figaro (2004) und don Juan (2007). Oder habe ich Dich falsch verstanden? Bin gerade unsicher...


    Gut, dass Du mich daran erinnerst: Ich habe mich vertippt: Ich meinte nicht die erste Jacobs-Gesamteinspielung einer Mozart-Oper, sondern die erste solche in meinem Besitz :D


    :wink: :wink:


    Christian

    Rem tene- verba sequentur - Beherrsche die Sache, die Worte werden folgen

    Cato der Ältere

  • Boah Graf, ich nehme an, Sie machen in Nick-Nicks.
    Hofknicks!

    "...es ist fabelhaft schwer, die überflüssigen Noten unter den Tisch fallen zu lassen." - Johannes Brahms

  • Gut, dass Du mich daran erinnerst: Ich habe mich vertippt: Ich meinte nicht die erste Jacobs-Gesamteinspielung einer Mozart-Oper, sondern die erste solche in meinem Besitz


    Und das ist viel schlimmer...


    "In the year of our Lord 1314 patriots of Scotland, starving and outnumbered, charged the field of Bannockburn. They fought like warrior poets. They fought like Scotsmen. And won their freedom."

  • Und das ist viel schlimmer...


    Eine lässliche Sünde möchte ich meinen- ich bin halt nicht der Mega-Opern-Freak :D Zumindest nicht der Besitzer von 300 Gesamtaufnahmen derselben :D


    Welche der Jacobs-Aufnahmen besitzt Du selbst- und welche ist Dein Favorit?


    :wink: :wink:


    Christian

    Rem tene- verba sequentur - Beherrsche die Sache, die Worte werden folgen

    Cato der Ältere

  • Sym, das mag ja sein, daß Ihr den Bostridge mögt, ich mag ihn aber gar nicht gern. Und jetzt? :rolleyes: Im Ernst: Das gefällt Euch, diese dürre Stimme mit der schlampigen Technik und der Sprachkursästhetik?


    Im Ernst: ja! :D


    Ich mag i. A. Sänger mit eher schlanken Stimmen (solange sie nicht Wagner singen) und deutlicher Diktion. Eine "Winterreise" mit Bostridge und Andsnes live, so ca. 2003, fand ich exzellent. Daß Bostridge polarisiert, habe ich aber von verschiedenen Seiten gehört, u. a. auch von Leuten, die professionell mit Gesang zu tun haben. Er scheint Geschmackssache zu sein, und wenn der Geschmack "nee" sagt, ist das sicherlich ein Top-Argument gegen die Haim-Aufnahme. Mensch, jetzt muß ich am Wochenende "Dido"-Aufnahmen vergleichshören, und ich will doch am Samstag das Skirennen schauen...


    OT, wir sind da!


    LG :wink:

    "Was Ihr Theaterleute Eure Tradition nennt, das ist Eure Bequemlichkeit und Schlamperei." Gustav Mahler


  • Caesar, der "Idomeneo" wurde im Dezember 08 in Wuppertal (hallo Julilein :wink: ) in binärem Code festgehalten, davor gab es doch schon "Cosi" (1999), Figaro (2004) und don Juan (2007). Oder habe ich Dich falsch verstanden? Bin gerade unsicher...



    Euer Graf :wink:

    Da war noch Clemenza di Tito (2006). :wink:

    "Vor dem Essen, nach dem Essen,


    Biber hören nicht vergessen!"



    Fugato

  • :wink:


    Jacobs Stimme war eine der ersten Begegnungen in Bereich der klassischen Musik, in der Aufnahme der h-moll Messe von Leonhardt. Später dann auch dessen Matthäuspassion. Und beides hat mich damals sehr begeistert und das ist auch heute noch so. Just in dem Moment, in dem ich das kennen gelernt habe, ist er ins Dirigentenfach gewechselt. Da hatte ich die Gelegenheit ihn einmal im Konzert zu erleben, eines, dass ich auch heute noch zu den schönsten Erlebnissen überhaupt zähle: Telemanns "Orpheus" im Apollosaal der Staatsoper unter den Linden. Die Aufnahme dazu ist auch wirklich prächtig, ebenso wie eine andere Produktion im selben Haus, Keisers "Croesus". Generell empfinde ich seine Aufnahmen als sehr gute Bereicherung, eigenwillig, aber auch deshalb stark.


    Gruß, Beryllo

  • Hallo,


    mit den Opern-Aufnahmen unter dem Dirigat von R. Jacobs habe ich bis dato beste Erfahrungen gemacht. Ein sehr gewissenhafter Dirigent. Ob er sich künftig auf der Zeitachse nach vorne bewegt ähnlich N. Harnoncourts oder weitere Juwelen des (Barock-)Belcantos und der französischen Barockoper ausgräbt (oder darf man bzgl. Barockoper von "Diamantschleifer erster Klasse" sprechen)? Mir wäre zur Zeit ein Verweilen und damit eine Konzentration auf Musik des Barocks und der Wiener Klassik lieber (Konzentration auf die Stärken); ggf. noch eine Ausweitung auf G. Rossini.


    Ich habe es bereits an anderen Stellen angesprochen. Eine meine Lieblingsopern bzgl. Komposition und Aufnahme ist die angeführte ‚Graun-Jacobs-Aufnahme’. Man muss allerdings eingestehen, dass es nicht viele Vergleichsmöglichkeiten (CD-Katalog) gibt. Eine grandiose Aufnahme. Es gibt/gab von dieser Oper unter R. Jacobs darüber hinaus eine Live-Aufnahme (Berlin 1992).



    Einige "Titel" haben absoluten "Ohrwurmcharakter":
    1. Ouverture (1. CD Track 1)
    2. "Sapportar non devo in pace" (1. CD Track 4)
    3. "Parto qual navigante" (1. CD Track 20)
    4. "All'armi, al cimento" (2. CD Track 21)
    5. "Voglio strage, e sangue voglio'" (3. CD Track 2)
    …und man muss es tatsächlich sagen: Das ist nur eine Auswahl (hier: der besonders spritzigen Titel)!


    Wer Freude an exzellenten Belcanto-Arien und schwungvollem bzw. sehr lebendigem Musizieren hat, für den ist die Aufnahme Pflicht; deren Faszination sich sehr schnell einstellt. Bestimmt!


    Bis dann.

  • Guten Tag


    Ein ebenfalls musikalischer Coup gelang 2008 Rene Jacobs mit seiner Einspielung von Georg Philipp Telemann "Brockes Passion"



    mit dem RIAS Kammerchor und der Akademie für Alte Musik Berlin .


    Diese dramatische Komposition von 1719 wird von Solisten, Chor und Instrumentalisten auf hohen Niveau musiziert.


    Rene Jacob habe ich 1993 bei der "Schwetzinger Festspielen" bei einer Aufführung von Monteverdis "Krönung der Popea" live genossen, vorher konnte ich noch einen Tag lang bei den Proben dabei sein, es war ein eindrucksvollen Erlebnis.


    Gruß :wink:


    aus der Kurpfalz


    Deio

    " Ein Kluger bemerkt alles, ein Dummer macht über alles eine Bemerkung !"


    (Heinrich Heine)

  • Kürzlich hatte ich die Gelegenheit, mit einem professionellen Geiger zu reden, über alles Mögliche und im Speziellen über Erfahrungen mit Dirigenten. Dabei kam die Rede auch auf René Jacobs. Was er dazu sagte, erinnerte mich an eine eigenen Konzerterfahrung vor gut einem Jahr, als ich in der Kölner Philharmonie bei einer konzertanten Aufführung von "Idomeneo" in der vierten Reihe genau in der Mitte, direkt hinter dem Dirigenten saß und ihm die ganze Zeit zusehen, nicht konnte, sondern musste. Damals stellte ich mir die Frage, wie ein Dirigent, dessen Technik sich auf (mit Verlaub) hilfloses Rudern mit den Armen beschränkt, zu derartig herausragenden Ergebnissen kommen kann. Ich fand es damals wirklich kaum erträglich, ihm zuzusehen. Zeitweilig habe ich einfach die Augen geschlossen, um nicht abgelenkt zu werden.


    Was mein Gesprächspartner sagte, ging in die gleiche Richtung. Jacobs ist in den Proben wohl ein hervorragender Motivator, der seine Vorstellungen sehr präzise verbalisieren kann und dem es gelingt, die Musiker mitzureißen und so seine Ideen umzusetzen. Technisch als Dirigent aber eine Katastrophe. Sinngemäß zitiert: Es gibt Dirigenten ohne Technik, die aber wenigstens nicht stören. René Jacobs hingegen stört, auch die Orchestermitglieder müssen im Konzert versuchen, den Dirigenten weitestgehend zu ignorieren.


    Und trotzdem entstehen dabei immer wieder Ergebnisse, gerade im Opernbereich von Monteverdi bis Mozart, die zum Besten gehören, was man derzeit bekommen kann.


    :wink: Michel

    Es gibt kaum etwas Subversiveres als die Oper. Ich bin demütiger Diener gegenüber diesem Material, das voller Pfeffer steckt. Also: Provokation um der Werktreue willen. (Stefan Herheim)

  • Und trotzdem entstehen dabei immer wieder Ergebnisse, gerade im Opernbereich von Monteverdi bis Mozart, die zum Besten gehören, was man derzeit bekommen kann.


    Gerade bei mir eingetrudelt ist Jacobs´ Aufnahme der Symphonien 39 und 40 - zum Hören hatte ich allerdings noch keine Zeit:



    Meinungen, Kommentare, Stimmen?


    :wink: :wink:


    Christian

    Rem tene- verba sequentur - Beherrsche die Sache, die Worte werden folgen

    Cato der Ältere


  • Lieber Michel,


    dies ist ein Phänomen, welches man m. E. bei HIP-Dirigenten merkwürdigerweise überproportional häufig antrifft: klanglich faszinierend, dirigiertechnisch abenteuerlich. Harnoncourt und Antonini fallen auch in diese Kategorie.


    LG :wink:

    "Was Ihr Theaterleute Eure Tradition nennt, das ist Eure Bequemlichkeit und Schlamperei." Gustav Mahler

  • Das liegt u.a. an der Klangrede, die muß man offensichtlich mit Klanggestik unterstützen. Kapiert nur eine Minderheit (ich gehöre nicht dazu)... ;+)


    "In the year of our Lord 1314 patriots of Scotland, starving and outnumbered, charged the field of Bannockburn. They fought like warrior poets. They fought like Scotsmen. And won their freedom."

  • Ich habe Jacobs noch nie in Aktion gesehen, Harnoncourt im Fernsehen, das ist mir eigentlich nicht als extrem aufgefallen.


    (Über Furtwängler gibt es übrigens ähnliche Witze bzw. Fragen, wie die Musiker überhaupt wissen sollten, wann sie ohne ordentliche Einsätze spielen sollten.)


    Letztlich kommt es auf das Ergebnis an und natürlich, ob die Musiker damit zurecht kommen. Anscheinend ist letzteres der Fall. Zumindest auf der Aufnahme von Haydns 92 ist das Orchester ungeachtet des Höllentempos im Finale gut zusammen. Vermutlich funktioniert diese Vorgehensweise aber nur bei sehr guten Orchestern.


    Kater Murr

    Tout le malheur des hommes vient d'une seule chose, qui est de ne pas savoir demeurer en repos dans une chambre.
    (B. Pascal)

  • Letztlich kommt es auf das Ergebnis an und natürlich, ob die Musiker damit zurecht kommen.

    Genau. Und die Leutchen vom Freiburger Barockorchester kommen offenbar ganz hervorragend damit zurecht. Ich selbst bin kein Profi und wäre normalerweise bei einem Urteil über die Technik eines Dirigenten sehr vorsichtig. Zwischen Harnoncourt und Jabobs liegen aber Welten. Bei Jacobs ist wirklich kaum ein Zusammenhang zwischen seinen Bewegungen und dem hörbaren Ergebnis zu erkennen. Das würde ich bei Harnoncourt so nicht sagen.


    Michel

    Es gibt kaum etwas Subversiveres als die Oper. Ich bin demütiger Diener gegenüber diesem Material, das voller Pfeffer steckt. Also: Provokation um der Werktreue willen. (Stefan Herheim)

Jetzt mitmachen!

Du hast noch kein Benutzerkonto auf unserer Seite? Registriere dich kostenlos und nimm an unserer Community teil!