Opferungen auf dem Altar der Dummheit

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  • Opferungen auf dem Altar der Dummheit

    Liebe Gemeinde,


    schon so manches Lebenswerk ist ja bekanntlich auf dem sprichwörtlichen Altar der Dummheit - manchmal auch der Unfähigkeit - zerstört, beschädigt, angekratzt oder auch schlicht übersehen worden. Ich erinnere in diesem Zusammenhang an diverse verhinderte bildende Künstler - vom Landschaftsmaler bis zum Karikaturisten -, ungehörte Tonsetzer, blockierte Schreiber und auch Organisatoren einer großen Idee, die nicht mehr so recht funkt. Wer fällt Euch ein, der hier gewürdigt werden sollte? Baut echte Denkmäler denen, die bislang unverstanden geblieben sind! Dabei gibt es keine Grenzen nach unten, traut Euch ruhig, jedes Medium ist zu berücksichtigen. Walser, Schmidt, Xenophon, auch die Frau mit der größten Dosenöffnersammlung der Welt - alles ist hier willkommen, nur - keine Trolle, Faker und Lumpenpuppen o.ä., allerstrrrrrrrängstens verrrrboten!


    Laßt uns die mangelhaft Illustren zusammentragen, denn vor dem Herrn sind letztlich alle gleich!


    Euer Hirte

    "Scheiter', Haufen!"

  • Mir fallen hier drei Autoren ein.
    Der erste ist Hanns Henny Jahnn.
    Jahnn war meiner Meinung nach ein Genie. Seine gewaltigen Romane "Perrudja" und "Fluß ohne Ufer" sowie einige seiner Dramen wie "Pastor Ephraim Magnus" und "Medea", gehören zum Gewaltigsten, das die deutsche Literatur seit ihrer Entstehung hat. Jahnns Handlungen mögen verstiegen sein (ich finde sie allerdings spannend), einige seiner Metaphern sind vielleicht allzu gesucht, und an gewisse Manierismen des Satzbaus muß man sich (wie bei allen Großen) gewöhnen. Die Sprache Jahnns aber entschädigt für alles, und seine monologischen Meditationen in der "Niederschrift des Gustav Anias Horn" (zweiter Teil des "Fluß ohne Ufer") sind einzigartig. Die "Hamburger Ausgabe", unverschämt teuer, aber maßstabsetzend, ist mittlerweile nicht mehr komplett lieferbar, und Suhrkamp vertreibt auch nicht mehr "Die Nacht aus Blei" und nicht mehr "13 nicht geheure Geschichten". Jahnn berührt alle Menschheitsthemen, eines seiner zentralen Anliegen ist die Verwandlung durch den Tod.
    Hier verschwindet ein Autor, der in jedem anderen Sprachkreis als einer der führenden neuen Klassiker gehandelt würde. Die Franzosen lassen ja schließlich auch nicht ihren Proust verkommen oder die Amerikaner ihren Faulkner oder Thomas Wolfe...


    Der zweite ist Ernst Kreuder.
    Lieferbar ist derzeit nur sein Roman "Die Unauffindbaren". Selbst "Die Gesellschaft vom Dachboden", einen grandiosen Jugendroman, bekommt man im Augenblick nur noch antiquarisch. Kreuders Geschichten sind vom Surrealismus beeinflußt, sie spielen oft an der Grenze zwischen Wirklichkeit und Traumwelt. Kreuders Schaffenskraft ließ in späteren Jahren nach, seine Bücher nach 1960 sind sprachlich nicht mehr so hochwertig wie seine früheren Arbeiten. "Agimos oder die Weltgehilfen" (1959), von Arno Schmidt in der sprachlichen Leistung katastrophal falsch eingeschätzt, ist auch strukturell interessant: Es ist eine Geschichte, die weitere Geschichten gebiert.
    Kennen wir das nicht von wo?
    Ach ja, stimmt, aber der vielgepriesene Michael Ende war um Jahre später dran...


    Der dritte ist Jesse Thoor.
    Eine Gedichtauswahl von Karl Peter Höfler, der sich Jesse Thoor nannte, gab's bei Suhrkamp - sie ist längst vergriffen. Thoors Gesamtwerk umfaßt einen schmalen Band von unter 300 Seiten. Die (wenigen) Erzählungen sind nicht bedeutend. Aber die Lyrik ist einzigartig. Und zwar in einem Ausmaß, daß man kaum sagen kann, wo sie herkommt. Mitunter klingt in den früheren Gedichten Brecht an, aber eher im Milieu als in der Sprache, die in den Sonetten anmutet als wäre sie eine durch die Moderne gebrochene Reinkarnation von Gryphius. Auf der anderen Seite sind die Gedichte nicht nur aus Donnerworten und Ekstase geformt, sondern es gibt Sätze von solcher Einfachheit, daß man sie nicht mehr aus dem Gedächtnis verliert. Thoor, der gelernter Goldschmied war, war eine seltsame Mischung aus Kommunist und religiösem Mystiker. Vor den Nationalsozialisten floh er nach England.
    Um einen kleinen Einblick in die Sprache Thoors zu geben, ein paar kurze Zitate:


    Freunde, ihr wißt , wie mir das Leben auf der Zunge schmeckt!
    Oho, muteres Zünglein! - Und ihr wißt: Glück oder Glas!
    Darum bedenke ich gerne dies und denke gerne an das,
    Eh der süße Wein mir mächtig eins in die Krone steckt.


    Oder:


    "Ich, der Dichter Jesse Thoor -
    dem Zünglein, Zeh und Ohr
    und die Seele fror!"


    Oder (das folgende zitiere ich aus dem Gedächtnis):


    In einem Haus, auf feinem Tannenreiser,
    sitzen ein Bettelmann und ein Kaiser.


    Beide summen und lachen und trinken
    und reden laut und leise und winken.


    Ein volles Jahr rollt über das Dach.
    Ein volles Jahr rollt über das Dach.


    :wink:

    Na sdarowje! (Modest Mussorgskij)

  • Lieber Edwin,


    die Bewunderung von Hans Henny Jahnn teile ich. Umso mehr machen mich deine anderen beiden Empfehlungen neugierig. Danke!


    :wink: Matthias

  • Kranzpichler

    Ich möchte an Hans Kranzpichler erinnern, den lang vergessenen ersten Esoterik-Judoka Österreichs, dessen Antrag, in Mozarts Geburtshaus einziehen zu dürfen, vor Jahrzehnten für Furore gesorgt hat. Von Salzburg und der Welt im Stich gelassen, konzipierte Kranzpichler sein Musterhaus, in dem er künftig seinen Leidenschaften und seinem unterdrückten Bedürfnis nach Geselligkeit virtuell freien Lauf lassen wollte. Seinem Hang zu barocken Regalkonstruktionen vermochte er in dem tholosinspirierten Rundbau nicht zu frönen, ebenso war keine vernünftige Stellung seiner heiß und innig geliebten Hifi-Stereo-Anlage möglich. So kam es, wie Freunde es vorausgeahnt hatten: Der kühne Entwurf blieb ein Rohrkrepierer, die EXPO-Leitung lehnte ihn ab, die Kranzpichler-Erben (eine Verwertungsgesellschaft für Alttextilien) konnten nur mit Mühe überzeugt werden, die Zeichnungen sowie das hier gezeigte Modell nicht Altpapier und Presse zu überantworten.



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    Und doch, so scheint mir, ist vieles gültig und zeitlos an den Hoffnungen und Träumen des Pichel-Hannes, wie der Schöpfer frohgemut in seinem Heimatdorf gerufen wurde; manches schreit nach Entdeckung, ist edle Einfalt und stille Größe. Ich könnte es mir etwa als der Zukunft zugewandten Vereinssitz gut vorstellen.



    Alles Liebe


    Euer Inqui

    "Scheiter', Haufen!"

  • Vielen Dank an Edwin.


    Ich habe heute den erwähnten Jesse Thoor - Band von Suhrkamp gelesen. Eindrucksvolle Lyrik!
    Meine Favoriten:
    - Ein Mädchen singt ein Matrosenlied
    - O o lala


    Tharon

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