Schumann – verkannt?

  • Liebe Fairy,


    ich weiß nicht, ob es uns um das Gleiche geht.


    Mir geht es darum, den Begriff der ästhetischen Kunstbetrachtung weiter differenziert zu sehen. Wenn dazu eine bewußte, willentliche künstlerische Umsetzung eines klar definierten Zieles seitens des Künstlers als Vorraussetzung steht, dann wird es eng.


    Sei es eine psychische Erkrankung oder sei es ein Künstler, der sich dem Farbenrausch und dem Moment des Augenblickes hingibt (oder durch den keifenden Ehemann/frau im Hintergrund beeinflußt wird ;+) ). Wo beginnt die bewußte Intention des Künstlers und wo unterliegt das Kunstwerk spontanen Einflüssen? Und wie sind diese beiden Impulse im Nachhinein zu differenzieren, um eine entsprechende Wertigkeit zu hinterlegen?


    LG Mia


  • Zitat

    Wo beginnt die bewußte Intention des Künstlers und wo unterliegt das Kunstwerk spontanen Einflüssen?

    Zwischen beidem ist schwer zu unterscheiden, wenn man nicht an 'Willensfreiheit' (in einem engeren Sinne als dem der Freiwilligkeit) glaubt. Ich würde Intention kaum an 'Bewusstheit' und noch viel weniger an 'Freiheit' knüpfen. Ob etwas gut geworden ist, beurteilt man doch oft erst im Nachhinein.

    Ich bin weltoffen, tolerant und schön.

  • Doch was ist nun wirklich nach ästhetischen Überlegungen die wirkliche Kunst? Die Bilder, an deren Erschaffung er nachher keinerlei Erinnerung hatte, die in einem einzigen Schub von Wirklichkeitsverkennung (mal im medizinischen Terminus unterstellt) entstanden oder die Bilder, die er bewußt und mit voller Erinnerung daran, warum und wie er sie gemalt hat, in seinen "gesunden" Phasen entstanden?


    Ganz kurz, weil ich jetzt weg muss: nach ästhetischen Gesichtspunkten (die eben zuvorderst mit werkinternen Strukturen befasst sind) ist es völlig irrelevant, ob sich der Produzent/Künstler im Nachhinein an den Schaffensprozess erinnern kann oder nicht, ob er weiss, warum er dies oder jenes getan oder nicht getan hat (es geht ja nicht um Schuldfähigkeit oder sowas).


    Es ist aus einer Perspektive der Ästhetik übrigens auch irrelevant, welches seiner Werke der Produzent selbst für seine »wahren Kunstwerke« hält. Das wär ja noch schöner, wenn der Produzent sowas selbst zu entscheiden hätte ... ;+)


    Wenn gestalterisches Arbeiten für jemanden eine therapeutische Funktion erfüllt, ist das sehr gut. Hat aber zunächst mal nix mit »Kunst von Wert« zu tun.


    Adieu,
    Algabal

    Keine Angst vor der Kultur - es ist nur noch ein Gramm da.

  • Zwischen beidem ist schwer zu unterscheiden, wenn man nicht an 'Willensfreiheit' (in einem engeren Sinne als dem der Freiwilligkeit) glaubt. Ich würde Intention kaum an 'Bewusstheit' und noch viel weniger an 'Freiheit' knüpfen. Ob etwas gut geworden ist, beurteilt man doch oft erst im Nachhinein.


    Ich bin überzeugt, dass kein Künstler auch nur annähernd vollständige Kontrolle über sein Kunstwerk hat. Unabhängig davon, ob er psychisch gesund ist oder nicht.


    Liebe Grüße,
    Areios

    "Wenn [...] mehrere abweichende Forschungsmeinungen angegeben werden, müssen Sie Stellung nehmen, warum Sie A und nicht B folgen („Reichlich spekulativ die Behauptung von Mumpitz, Dinosaurier im alten Rom, S. 11, dass der Brand Roms 64 n. Chr. durch den hyperventilierenden Hausdrachen des Kaisers ausgelöst worden sei. Dieser war – wie der Grabstein AE 2024,234 zeigt – schon im Jahr zuvor verschieden.“)."
    Andreas Hartmann, Tutorium Quercopolitanum, S. 163.

  • Doch was ist nun wirklich nach ästhetischen Überlegungen die wirkliche Kunst? Die Bilder, an deren Erschaffung er nachher keinerlei Erinnerung hatte, die in einem einzigen Schub von Wirklichkeitsverkennung (mal im medizinischen Terminus unterstellt) entstanden oder die Bilder, die er bewußt und mit voller Erinnerung daran, warum und wie er sie gemalt hat, in seinen "gesunden" Phasen entstanden?


    Er äusserte sich da ja eindeutig. Diese "wahnhaften" Bilder sind übrigens auch diejenigen, welche sich verkaufen.


    Ich möchte mal etwas zum künstlerischen Schaffensprozeß an und für sich bemerken: mir scheint beim oben genannten Beispiel der künstlerische Impuls sich aufgeteilt zu haben (die Schaffenskraft selbst ist sozusagen schizophren geworden) - denn was letztlich beschrieben wird ist, dass sich Selbstentgrenzung und Selbstfokusierung vollständig voneinander getrennt haben. Mir scheint es aber so, dass diese beiden Aspekte bei wirklicher künstlerischer Arbeit in Eins fallen. Das ist gerade das Interessante dabei.


    Und dort liegt auch genau das Problem der meisten art brut (im eigentlichen Sinne des Begriffs): es fehlt etwas, die Zwiespältigkeit des Schaffensgrundes hat sich in die Zwiespältigkeit des Lebensgrundes verlagert.


    .





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    Immer noch da ... ab und an.

  • Zitat

    Wenn gestalterisches Arbeiten für jemanden eine therapeutische Funktion erfüllt, ist das sehr gut. Hat aber zunächst mal nix mit »Kunst von Wert« zu tun.

    Ja, wenn Musik mehr nur therapeutischen Zwecken dient als künstlerischen, ist das leichter zu erkennen als bei Malen und Dichten - wohl auch deshalb, weil Musik mehr nerven kann. Bei Produkten Bildender Kunst und Dichtung sagt man eher "Verstehe ich nicht", und man braucht sich nicht weiter damit zu befassen, weil man weggehen oder es weglegen kann. Musik hingegen kann arge Belästigung werden. Daher wird vielleicht unter Musikern mehr gesiebt als woanders: ein großer Vorteil für euch Musiker. So dürften implizite Qualitätskriterien bei Musikern empirisch leichter zu ermitteln sein als bei Klecksern und Schreiberlingen.

    Ich bin weltoffen, tolerant und schön.

  • Hier ein bisschen polemisch: Wenn mir jemand erzählt hätte, dass das FRÜHE Klavierwerk Schumanns (diese in einem horror vacui aneinandergehängten nicht enden wollenden 10 Sekunden-Miniaturen, aus denen die Abegg-Variationen, Papillons oder Davisbündlertänze bestehen) von einem Verrückten stammen, hätte ich mich auch nicht gewundert. Ich liebe sie trotzdem.


    Tharon.

  • War ebenfalls mein Gedanke beim Lesen - auch ich empfinde solche frühen Schumannwerke als exzentrischer und dissoziierter als beispielsweise das mir doch recht konventionell erscheinende Violinkonzert. Was mein Eindruck von Exzentrik oder Dissoziiertheit eines Werkes mit mentaler Gesundheit oder Ungesundheit seines Schöpfers zu tun hat, weiß ich allerdings nicht, und ich mag auch gar nicht in solchen Kategorien denken.


  • Es ist einfach zynisch, sich auf eine Warte zu stellen, wo es nur die hehre Kunst und die erkenntnistheoretisch abgesicherte Ästhetik gibt und der Mensch, der das alles geschaffen hat und mit den Konsequenzen leben muss, keine Rolle mehr spielt.


    das kann ich nur unterschreiben. Was sich meine Frau alles anhören musste, die irgendwann mit den körperlich beeinträchtigten Menschen, mit denen sie im Rahmen ihrer tanztherapeutischen Arbeit Performances earbeitet hatte, auch auf die Bühne wollte: Das sei doch keine Kunst usw. - die Ästhetik dieser Menschen ist nun mal eine andere und nicht besser oder schlechter als die der selbsternannten Normalos oder die der Papua oder wessen auch immer.

  • Lieber Miguel, danke für den Buchtipp.


    Ich glaube, dass hier schlicht zwei verschiedene Zugangswege aufeinandertreffen. Der eine geht vom Menschen aus, der Andere vom Werk.


    Beide kann man in extremis führen und damit entweder den Menschen oder das Werk negieren. Kunst um der Kunst willen oder Kunst um der Therapie willen sind zwei verschiedene paar Schuhe.
    Für mich ist jeder gewollte menschliche Akt mit ästhetischem Zielpunkt Kunst, ganz gleich von wem er gemacht wird.
    Jemandem die Fähigkeit zur Kunst absprechen, nur weil er behindert der krank ist, geht überhaupt nciht. Kunst ist eine Ausdrucksform, zu der a priori jedes menschliche Wesen in der Lage ist. Ob brut oder sophisticated.
    Wenn ich mit schwer Behinderten ein Musikstück aus lauter sonorisierten Alltagsgeräten komponiere, das aber ein klares ästhetsiches Ziel und keinen praktischen "Nutzen" hat und aufführe, ist das selbstverständlich auch Kunst.
    Was man mit dieser Kunst dann macht und wie man sie einordnet ist für mich allerdings eine ganz andere Frage.
    Das Gegenbeispiel zu dem unsäglichem Kommentar zur Arbeit Deiner Frau(sie soll sich bloss nicht entmutigen lassen und das Aufführen als klares Therapieziel verteidigen!) ist genauso schlimm: ein Arzt in einem psychiatrischen Krankenhaus, der die Bilder seiner Patienten ausstellte, um das Renommée seiner Institution zu heben- die Patienten sind nicht gefragt worden und auch nciht in der Lage, zu ermessen, was ein Ja oder Nein bedeuten würde.
    Jede Art von Abhängigkeit bei Kranken darf in keiner Weise benutzt werden. Das ist die ethische Frage , die ich meine und die dann eben auch die Werke betrifft.
    Ein Werk unabhängig vom Künstler zu sehen, ich wiederhole mich, ist für mich unmöglich, egal ob es sich um einen gesunden oder kranken Menschen handelt. Bei einem kranken Menshcen sind die Konsequenzen allerdings weitreichender.


    F.Q.

    Jede Krankheit ist ein musikalisches Problem und die Heilung eine musikalische Auflösung (Novalis)

  • Zurück zu Robert Schumann: Vorgestern habe ich mir wieder einmal zwei Klavierwerke aus seiner letzten Zeit angehört, Thema mit Variationen für das Pianoforte. Clara gewidmet (Februar 1854) und Gesänge der Frühe. Fünf Stücke, op. 133 (Oktober 1853). Wenn ich diese beiden Werke mit früheren Klavierkompositionen Schumanns vergleicht, fällt mir hier ein durchaus eigener Duktus auf, der zunächst befremden kann: Das klingt völlig unvirtuos, wenig auf Effekt aus, karg, spröde, nicht eben "unterhaltsam" - ich kann verstehen, daß dieser Stil als uninspiriert empfunden werden konnte (und dann als Folge der behaupteten nachlassenden Geistestätigkeit Schumanns interpretiert wurde). Allerdings geht eine solche Sicht von den Erfahrungen mit früheren Werken aus und reflektiert die Enttäuschung darüber, daß Schumann in den 1850ern nicht einfach so weitergemacht hat wie vorher.


    Dagegen fände ich es interessanter und fruchtbarer zu fragen, welche musikalischen Wege Schumann zuletzt eingeschlagen hat, in den letzten Klavierwerken und auch im Violinkonzert und den Violinsonaten. Ich höre da eine starke Konzentration heraus: Das Material wird immer mehr reduziert, im Violinkonzert habe ich beispielsweise den Eindruck des Auf-der-Stelle-Tretens, ein geradezu manisches Bohren, das der Hörer als durchaus schwierig, vielleicht sogar unerträglich empfinden kann. Ich finde es dagegen faszinierend, was ich da höre: Es sind ganz eigentümliche Klangwelten, die sich mir hier auftun. Leider bin ich nicht in der Lage, meine Eindrücke durch Analyse zu untermauern.


    Die spannende Frage wäre: Gingen Schumann am Ende wirklich, wie behauptet wurde (auch Clara schien dies zu glauben; das Violinkonzert wurde zurückgehalten und gelangte erst Jahrzehnte später in die Öffentlichkeit), die Ideen aus, verarmte er musikalisch? Oder beschritt er im Gegenteil neue, gar revolutionäre Wege, die erst im 20. Jahrhundert gewürdigt werden konnten? Wer sich darauf einläßt (anstatt Krankenakten zu studieren und zu fragen, welche Rückschlüsse auf den komponisten zu ziehen seien), nimmt den Komponisten Schumann ernst - und damit auch den Menschen Schumann, der es verdient, daß wir uns mit seinen Werken beschäftigen, statt uns als Mediziner und Psychologen aufzuspielen.

    Es grüßt Gurnemanz
    ---
    Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
    Helmut Lachenmann

  • Für mich ist jeder gewollte menschliche Akt


    Wann ist ein Akt »gewollt«?


    Zitat

    mit ästhetischem Zielpunkt


    Wann hat ein solcher Akt einen »ästhetischen Zielpunkt«? Woran ist dies festzumachen? Wenn es explizit formuliert wird (etwa im Sinne von: ich werde jetzt im nächsten Augenblick Kunst schaffen resp. ich habe dieses Ding da mit der Absicht, Kunst zu schaffen, hergestellt)? Wenn dem Agieren vorausgehend ein ästhetisches Programm/Konzept formuliert worden ist? Wenn jemand irgendetwas tut, dessen Ergebnis in welcher Weise auch immer zunächst mal dem äußeren Anschein nach Analogien zu dem aufweist, was konventionell als dem Kunstsystem zugehörig gilt (also etwa: Farbe auf ein Blatt Papier/ein Stück Leinwand/eine Holztafel bringt [dann ist sie/er MalerIn]; Texte mit ungewöhnlichen Zeilenumbrüchen herstellt [dann ist sie/er DichterIn]; Töne auf einem Musikinstrument erzeugt [dann ist sie/er KomponistIn/IntrumentalistIn]; in einem dafür vorgesehenen Rahmen so tut, als sei sie/er jemand anderes [dann ist sie/er SchauspielerIn])?


    Ich finde das nicht so einfach.


    BTW: Diese Fragen werden seit Jahren im Rahmen von Ansätzen einer Produktionsästhetik ziemlich ausführlich (und bisher kaum erschöpfend) diskutiert.


    Zitat

    [dann ist es] Kunst, ganz gleich von wem er gemacht wird.


    Wenn etwas Kunst ist, dann ist es tatsächlich ganz gleich, von wem es gemacht worden ist.



    Zitat

    Jemandem die Fähigkeit zur Kunst absprechen, nur weil er behindert der krank ist, geht überhaupt nciht.


    Eben. Deswegen ist es auch erheblich weniger problematisch, das Werk zunächst unabhängig vom Produzenten zu betrachten, als den angeblichen Ursprungsort gestalterischen Agierens zum Maßstab der Wertung oder sonstwas erheben zu wollen.


    Adieu,
    Algabal

    Keine Angst vor der Kultur - es ist nur noch ein Gramm da.


  • das kann ich nur unterschreiben. Was sich meine Frau alles anhören musste, die irgendwann mit den körperlich beeinträchtigten Menschen, mit denen sie im Rahmen ihrer tanztherapeutischen Arbeit Performances earbeitet hatte, auch auf die Bühne wollte: Das sei doch keine Kunst usw. - die Ästhetik dieser Menschen ist nun mal eine andere und nicht besser oder schlechter als die der selbsternannten Normalos oder die der Papua oder wessen auch immer.


    Ja, aber das Problem hierbei ist doch, dass Leute, die so einen Unfug reden, gerade vom »Menschen« und nicht vom »Werk« ausgehen; dass diese Leute den »Menschen« hinter dem Werk eben nicht vergessen, sondern ihn zum Maßstab der Urteilsfindung erheben. Sie unterstellen nämlich, dass das, was »körperlich beeinträchtigte« Menschen in thanztheatralischer Hinsicht zu leisten im Stande sind, grundsätzlich keine Kunst sein könne. Anders formuliert (und jetzt kommt das ins Spiel, was ich oben die Reduktion [oder auch Rückführung] ästhetischer Strukturen auf pathologische Strukturen genannt habe): von einer »körperlichen Beeinträchtigung« der Produzenten wird ohne Ansehen des Ergebnisses, eine notwendige Beeinträchtigung der ästhetischen Qualität ihrer künstlerischen Arbeit unterstellt.


    Wenn man das Werk/Ergebnis ins Zentrum rückte, ohne die Persönlichkeit/Körperlichkeit des Produzenten als Vorurteil zu verwenden (denn nichts anderes ist das, was da gemacht wird), würde sowas nicht passieren ... Was bitte ist daran »zynisch«?


    Adieu,
    Algabal

    Keine Angst vor der Kultur - es ist nur noch ein Gramm da.

  • Hallo Queen,

    Ein Werk unabhängig vom Künstler zu sehen, ich wiederhole mich, ist für mich unmöglich, egal ob es sich um einen gesunden oder kranken Menschen handelt.

    natürlich ist das nicht unmöglich: Denn das würde ja bedeuten, dass ein Kunstwerk, dessen Schöpfer man nicht kennt, gar nicht rezipiert werden kann, was offenkundiger Unsinn ist. Man kann ein Werk unter den verschiedensten Aspekten betrachten, kann es in seinem historischen Umfeld, im Spannungsverhältnis zur Biographie seines Erschaffers, in seiner Wirkung auf Rezipienten, allein in seiner internen Struktur, kann es soziologisch, psychologisch, mathematisch und sonstwie untersuchen. Was von alledem sinnvoll ist, hängt ja wohl von den Ergebnissen ab, nicht von irgendwelchen "moralischen" Vorgaben. Miguels Beispiel mit den tanztherapeutischen Performances zeigt ja gerade, dass die Verknüpfung von Kunstwerk und Künstler auch höchst problematisch sein kann, ist also eher ein Beispiel gegen Deine These von der grundsätzlich zu bewahrenden Einheit. Im Fall von Schumanns Spätwerk (den Begriff finde ich übrigens im Gegensatz zu Peter Brixius auch bei einem eher jung verstorbenen Komponisten nicht problematisch, denn er meint ja nicht dasselbe wie "Alterswerk") hat ja gerade wegen der simplifizierenden Verknüpfung von Werk und Mensch jahrzehntelang eine Diskriminierung stattgefunden. Also: Natürlich besteht immer eine Verbindung zwischen Künstler und Kunstwerk, aber es gibt keine irgendwie begründbare Pflicht, diese bei der Betrachtung des Werkes grundsätzlich zu berücksichtigen. Und wenn man sie zum Thema macht, dann ist gerade die Unterscheidung der beiden Ebenen die Voraussetzung dafür, ihre Verbindungen zu erkennen.


    Viele Grüße,


    Christian

    "Herr Professor, vor zwei Wochen schien die Welt noch in Ordnung."
    "Mir nicht."
    (Theodor W. Adorno)

  • Zitat

    Ja, aber das Problem hierbei ist doch, dass Leute, die so einen Unfug reden, gerade vom »Menschen« und nicht vom »Werk« ausgehen; dass diese Leute den »Menschen« hinter dem Werk eben nicht vergessen, sondern ihn zum Maßstab der Urteilsfindung erheben. Sie unterstellen nämlich, dass das, was »körperlich beeinträchtigte« Menschen in thanztheatralischer Hinsicht zu leisten im Stande sind, grundsätzlich keine Kunst sein könne.


    Ja. Die letzten beiden Beiträge brachten meines Erachtens auf den Punkt, warum die Unterscheidung zwischen Werk und Künstler möglich ist und gerade nützlich ist, um jene bekannten Dikriminierungen zu vermeiden. Als in der Psychiatrie Angestellter bin ich einmal pro Woche für eine Zeitschrift tätig, in der Patienten Texte - Gedichte u. a. - veröffentlichen. Klar, dass das eine für die Autoren therapeutisch vorteilhafte Tätigkeit. Klar auch, dass sich dabei künstlerisch Interessantes ergeben kann, nicht muss.



    Zitat

    Wann hat ein solcher Akt einen »ästhetischen Zielpunkt«? Woran ist dies festzumachen? Wenn es explizit formuliert wird (etwa im Sinne von: ich werde jetzt im nächsten Augenblick Kunst schaffen resp. ich habe dieses Ding da mit der Absicht, Kunst zu schaffen, hergestellt)? Wenn dem Agieren vorausgehend ein ästhetisches Programm/Konzept formuliert worden ist? Wenn jemand irgendetwas tut, dessen Ergebnis in welcher Weise auch immer zunächst mal dem äußeren Anschein nach Analogien zu dem aufweist, was konventionell als dem Kunstsystem zugehörig gilt (also etwa: Farbe auf ein Blatt Papier/ein Stück Leinwand/eine Holztafel bringt [dann ist sie/er MalerIn]; Texte mit ungewöhnlichen Zeilenumbrüchen herstellt [dann ist sie/er DichterIn]; Töne auf einem Musikinstrument erzeugt [dann ist sie/er KomponistIn/IntrumentalistIn]; in einem dafür vorgesehenen Rahmen so tut, als sei sie/er jemand anderes [dann ist sie/er SchauspielerIn])?


    Ich finde das nicht so einfach.




    Ich glaube, dass bei dem Versuch, künstlerisches Handeln (und dessen Produkt) zu explizieren, handlungstheoretische Semiotik hilfreich ist:


    Bei Bildern, bei Musik und auch bei sprachlichen Werken haben wir einen Sender, der etwas tut, wobei die Werkrezeption darin besteht, dass die Wahrnehmung des Handlungsprodukts beim Wahrnehmenden eine Reaktion auslöst. So allgemein formuliert, fällt darunter sehr viel - zu klären ist dann, welche Rolle Absichten des Senders spielen und Eigenschaften des Handlungsprodukts welcher Art kunstrelevant sind.

    Ich bin weltoffen, tolerant und schön.


  • Ja. Die letzten beiden Beiträge brachten meines Erachtens auf den Punkt, warum die Unterscheidung zwischen Werk und Künstler möglich ist und gerade nützlich ist, um jene bekannten Dikriminierungen zu vermeiden. Als in der Psychiatrie Angestellter bin ich einmal pro Woche für eine Zeitschrift tätig, in der Patienten Texte - Gedichte u. a. - veröffentlichen. Klar, dass das eine für die Autoren therapeutisch vorteilhafte Tätigkeit. Klar auch, dass sich dabei künstlerisch Interessantes ergeben kann, nicht muss.


    Ich glaube, die Unterscheidung zwischen Werk und Künstler ist nötig um Diskriminierungen zu vermeiden - sowohl negative wie in Miguels Beispiel als auch positive.


    Liebe Grüße,
    Areios

    "Wenn [...] mehrere abweichende Forschungsmeinungen angegeben werden, müssen Sie Stellung nehmen, warum Sie A und nicht B folgen („Reichlich spekulativ die Behauptung von Mumpitz, Dinosaurier im alten Rom, S. 11, dass der Brand Roms 64 n. Chr. durch den hyperventilierenden Hausdrachen des Kaisers ausgelöst worden sei. Dieser war – wie der Grabstein AE 2024,234 zeigt – schon im Jahr zuvor verschieden.“)."
    Andreas Hartmann, Tutorium Quercopolitanum, S. 163.

  • Zitat

    im Violinkonzert habe ich beispielsweise den Eindruck des Auf-der-Stelle-Tretens, ein geradezu manisches Bohren, das der Hörer als durchaus schwierig, vielleicht sogar unerträglich empfinden kann. Ich finde es dagegen faszinierend, was ich da höre: Es sind ganz eigentümliche Klangwelten, die sich mir hier auftun. Leider bin ich nicht in der Lage, meine Eindrücke durch Analyse zu untermauern.

    Wir hatten ja dem Thread dazu, und natürlich kann ich das überhaupt nicht erklären; aber es geht mir mit dem Violinkonzert ähnlich. Dabei finde ich, dass es durchaus 'getrieben' und wie von zueinander gegensätzlichen Gefühlen motiviert klingt. Da mag Psychose eine Rolle spielen; warum das den Wert weder erhöht noch verringert, wurde nun tausendmal gesagt. Wie derartige Wirkungen auf Hörer zustande kommen, ........... da müssen Analysten wie ChKöhn in Verbindung mit Hörpsychos ran.

    Ich bin weltoffen, tolerant und schön.

  • Ich höre da eine starke Konzentration heraus: Das Material wird immer mehr reduziert, im Violinkonzert habe ich beispielsweise den Eindruck des Auf-der-Stelle-Tretens, ein geradezu manisches Bohren, das der Hörer als durchaus schwierig, vielleicht sogar unerträglich empfinden kann. Ich finde es dagegen faszinierend, was ich da höre: Es sind ganz eigentümliche Klangwelten, die sich mir hier auftun. Leider bin ich nicht in der Lage, meine Eindrücke durch Analyse zu untermauern.


    Die spannende Frage wäre: Gingen Schumann am Ende wirklich, wie behauptet wurde (auch Clara schien dies zu glauben; das Violinkonzert wurde zurückgehalten und gelangte erst Jahrzehnte später in die Öffentlichkeit), die Ideen aus, verarmte er musikalisch? Oder beschritt er im Gegenteil neue, gar revolutionäre Wege, die erst im 20. Jahrhundert gewürdigt werden konnten? Wer sich darauf einläßt (anstatt Krankenakten zu studieren und zu fragen, welche Rückschlüsse auf den komponisten zu ziehen seien), nimmt den Komponisten Schumann ernst


    Lieber Gurnemanz, ganz meine Meinung.





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    Immer noch da ... ab und an.


  • Na, Vorsicht. Wer entscheidet denn, was Kunst ist? Nun kenne ich mich in der Materie nur wenig aus, kenne auch keine Beispiele von Kunst, die von Behinderten kommt. Ich verstehe Marias Worte als Mahnung vielleicht aber auch als Erfahrungsbericht, der zeigt, dass unvorbereitete Hörer ihren Wertungsmaßstab mitbringen, durch dessen Raster vielleicht auch viele Werke von behinderten Menschen fallen. Es muss ja nicht immer die überhebliche Position, dass Behinderte keine Kunst zustande bringen könnten, offen ausgesprochen werden. Man kann diese Haltung implizit auch in der Position, einem Werk unabhängig von seinem Autor den Status Kunstwerk an. bzw. abzuerkennen, vermuten bzw unterstellen. Damit käme diese Betrachtungsweise einer Schutzbehauptung gleich, die genau deswegen zynisch ist, weil sie eine self-fulfilling prophecy beinhaltet. Man legt den Maßstab der "Normalos" an, behauptet anschließend unschuldig, man habe sich rein auf das Werk konzentriert mit dem Ergebnis, das Musikstück A des Down-Patietenten B sei zusammenhangloses Zeugs, bestenfalls ganz netter Kling-Klang, einer Bachschen Fuge aber hoffnungslos unterlegen. Ich sage, das kann man auch so lesen. Aber auch, wenn der Wille, das Werk unabhängig von seinem Autor zu beurteilen, guten Willens und ganz aus einet antidiskriminerenden Haltung verstanden werden will, stellt das eine Grenze dar, die wir anscheinend nicht imstande sind, zu überschreiten. Man kann so vieles, wie Christian sagt. Genau dieses man ist aber unser Limit der Toleranz. Sie leben in unserer Welt, in unseren Häusern, wir akzeptieren sie, wir helfen ihnen, aber in sakrosankten Bereichen wie der der Ästhetik behalten wir die Zügel in der Hand. Wir schauen uns ihre Bilder an, hören ihre Musik. Aber wenn ein Autist zu dem Ergebnis käme, Bach sei wirres Zeugs, Madonna sei der Maßstab aller Dinge, dann wäre aus unserer Sichtweise schlichtweg falsch bzw. eine Folge seiner "Krankheit". Läge der Fall genau andersherum besätigte ein Autist unsere Sichtweise, die sich durch unsere Fähigkeit zur Kommunikation und gefestigt durch eine erschlagende Mehrheit durchgesetzt hat.




    Vielleicht ist das hieretwas polemisch und ich ein bisschen pseudo-übertolerant. Wollte damit aber zum Ausruck bringen, dass die Frage, wer beurteilt, was Kunst ist, wohl immer eine Grenze bleibt, auch dann, wenn wir das Werk in Beziehung zu seinem Autor setzen.




    :wink:


    Wulf

    "Gar nichts erlebt. Auch schön." (Mozart, Tagebuch 13. Juli 1770)

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