Schubert / Wilhelm Müller: Die Winterreise - Wenn der Boden entzogen ist... eine Annäherung

Das Forum ist nun wieder online! Für Fragen und Probleme gibt es hier einen neuen Thread.
ACHTUNG: Neuregistrierungen sind jetzt wieder möglich!
  • Liebe Mina! :fee: :fee: :fee: Liebe Fairy! :fee: :fee: :fee:


    Eine besonders gute "Tenor - Winterreise" gibt es mit Anton Dermota und seiner Gattin Hilda als Begleitung.


    Damasl als Anton Dermota diese auf LP einsang hatt er schon nicht mehr die Stimme - aber sie ist ergreifend gut, ein Abschied vion der Welt die er, und die ihn liebte. :juhu: :juhu:



    Liebe Grüße sendet mit Handküssen :kiss: :kiss: Euer Peter aus dem schiachen Schnee - Wien. :wink: :wink:

  • Ich habe gestern abend die Winterreise mit Hermann Prey und Graham Johnsson gehört. Auch wenn ich eigentlich kein Fan von Preys Timbre bin: das ist eine Klasse für sich!
    Die Interpretation ist wirklich serh serh gut druchdacht und geht unter die Haut.


    Liebe Mina, es geht nichts über persönliche erlebnisse mit eienr Musik, das mekt man doc himmer wieder. Nixhts kann so berûhren wie eine Verbindung aus emotionaler Wahrhaftigkeit mit guter Musik. Ich kann mir genau vorstellen, was du da erlebt hast, ich habe auch solche Erfahrungen mit "No names" die über fast Alles hinausreichen, was Stars mir je geben konnten. Weil eben der Mensch dahinter für die Sache stand.
    Künstler die uns soetwas vermitteln kônnen sind rar. Für mich war z.B. Gerhaher live ein solcher Fall. Auf Cd ist er es leider nicht in dieser Weise. Da sind wir wieder beim "Telefonsex" versus... aber eh ich nun wieder von Juli rausgeschmissen werde...... :stumm: :o:
    F.Q.

    Jede Krankheit ist ein musikalisches Problem und die Heilung eine musikalische Auflösung (Novalis)

  • Lieber Streifenpeter, Du hast recht daran getan, die Anton-Dermota-Aufnahme zu erwähnen. Ich finde die Aufnahme auch sehr ergreifend und bewegend. :juhu: :juhu:
    Schöne Grüße sendet Dir calisto

  • Ich habe eben im Radio ienen grossen Auschnitt aus eienr neuen Winterreise Einspielung bei Harmonia Mundi gehört: Werner Güra,Tenor und Christoph Berner auf einem Fortepiano des 19 Jh.
    Ausserordentlich vielversprechend! :juhu:
    Güras Stimme ist sowieso eine Wonnebad für mich und sein jugendliches Timbre und die grosse Emphase in der Interpretation evozieren hier einen jungen stürmenden drängenden und verzweifelten Winterreisenden, bei dem man nicht glauben möchte dass der Tod das letzte Wort hat. "Wie weit noch bis zur Bahre" singt er so eindringlich , dass man ihn sofort retten will.. viel zu jung zum Sterben! Das geht mir bei gestandenen Baritonstimmen viel weniger so- wie das timbre allein shcon interpretatorisches Element wird ist doch wirklch spannend!
    Der Fortepianoklang gefällt mir sehr gut, ic hhabe leider nciht genau verstanden was das für ein Instrument ist, so um die 1870iger jahre. Wenn man dem Radiosprecher glauben will, eine Aufnahme ganz dicht am "Originalschubertsound"- also Winterrreise HIP?
    Wie auch immer: sehr schön! :klatsch:
    F.Q.

    Jede Krankheit ist ein musikalisches Problem und die Heilung eine musikalische Auflösung (Novalis)

  • 4. Erstarrung

    Zu diesem Lied nicht so ausführliche Anmerkungen wie die wunderbaren von Ulrica geposteten - nur ein paar wenige, weil ich es grade gespielt und gesungen habe, und um den Thread wiederaufleben zu lassen.


    Wie viele Lieder Schuberts eins mit durchgängiger Triolenbegleitung, und wie viele der Winterreise eins in c-Moll (Original; hohe Stimme). Die Unruhe, der Schmerz - die in diesem Lied ein und dasselbe sind - reißen nicht ab. Obgleich oder weil das so ist, ist dieses Lied letztlich eines der 'helleren' des Zyklus, denn in dieser Unruhe, diesem Schmerz ist der Protagonist lebendig, er lehnt sich auf. Nicht umsonst ist "Erstarrung" von der Tessitura her vielleicht das höchste des Zyklus, mit all der Spannung die das impliziert.


    Man kann von fünf Strophen sprechen, die aus demselben melodischen Grundmaterial entwickelt sind aber dieses sehr vielfältig variieren; zudem wird in jeder Strophe ein sechshebiges Verspaar je einmal wiederholt (in der dritten umgestellt), was dem Prinzip der Variation weiteren Raum gibt. In der zweiten Hälfte werden die ersten Strophen fast wörtlich wiederholt. Ergebnis: Es verstärkt sich der Eindruck fortlaufender Bewegung, ohne dass irgend etwas sich änderte. Zudem wird der Phrase "ihr Bild dahin", die erst zweimal, dann dreimal wiederholt wird, besondere Emphase verliehen, und das Lied gewinnt seinen wörtlichen Sinn: Im Fluss des unruhvollen Wanderns (des Körpers, der Gedanken), des Kreisens des Schmerzes um sich selbst verliert sich die Konkretion der Geliebten, was seinerseits dem Schmerz neue Nahrung gibt. Der resultierende Gesamteindruck ist Sinnlosigkeit, gepaart mit höchster Verzweiflung. Ein ungewöhnlicher, eben wirklich genialer Ansatz für ein Gedicht mit dem Titel "Erstarrung" - jeder mindere Komponist wäre hier in Versuchung gewesen 'getragen', stockend zu komponieren, und eben nicht fließend. Und gleichwohl zeigt Schubert, dass diese Erstarrung eine 'rasende', getriebene ist, dass in der Raserei eben die Unbeweglichkeit sich manifestiert. Vielleicht das rebellischste Lied des Zyklus, von gerade ob ihrer Eingesperrtheit bedrohlicher Energie. Von hier gäbe es nur noch die Steigerung in das quasi-expressionistische Aufbrechen der Form wie in Mahlers "Glühend Messer" (Lieder eines Fahrenden Gesellen).

    ________________________________________________________________________________________________________


    Musica est exercitium metaphysices occultum nescientis se philosophari animi

  • 5. Der Lindenbaum

    (Wie schade dass dieser Thread verwaist; die ihn gründenden Frauen haben sich vorläufig als Rabenmütter erwiesen :huh: . Monologische Threads finde ich eigentlich unsinnig, aber da ich gerade dieser Wochen & Monate, (un-) passend zur Jahreszeit, mich mit dem Zyklus intensiver beschäftige, trotzdem noch ein Gelegenheits-Posting..)



    Das wahrscheinlich berühmteste Lied dieses berühmten Zyklus und meines Wissens eines der ganz wenigen Beispiele, wo ein Kunstlied umstandslos zum echten Volkslied geworden ist. Die Volkslied-Version wiederholt freilich durchgehend und simplifizierend die erste Strophe; in den Abweichungen von derer schönen, simplen Harmonik & Melodik liegen natürlich die eigentlich interessanten Charakteristika.


    Die Triolenbegleitung hier: wie eine Brise. Eine die, mit den entsprechenden Sforzati versehen, auch zu den"kalten Winden" der 3. Strophe werden kann, mühelos. Und die, schon ganz am Anfang, den wundersamen Ganztonschritt nach unten hervorbringt, Sechzehntel-Halbe, bei dem sicherlich nicht nur ich sofort an ein fallendes Blatt denken muss. Einer dieser ganz simplen, ganz eidetischen Einfälle, wie ich sie eigentlich fast nur von Schubert kenne.


    Zur Melodie der 1. Strophe, eingängig und volksliedhaft wie sie ist, gibt's wenig zu sagen. Vers 1 und 2 bekommen die selbe beruhigte, auf dem Grundton endende Phrase, Vers 4 ist gegenüber Vers 3 leicht alteriert, mit einem Aufschwung zum oktavierten Grundton und das anschließende Absinken zur wieder ganz ruhigen, relativ tief gelegenen Grundstufe.


    Danach Rückung ins parallele Moll. Wieder fällt das Blatt. Und sofort hat das Wort "musst'", dass im Text erscheint, sein ganz eigenes, indirekt auf den ganzen Zyklus bezogenes Gewicht. In dieser 2. Strophe stehen Vers 3&4 allerdings wieder im originalen Dur, was ihren Sinn (die Tröstung durch den Baum) unterstreicht und der ganzen Strophe eine im Verhältnis zur ersten gewissermaßen noch einmal 'gesteigerte' Abgeschlossenheit verleiht. Wie soll es danach weitergehen?


    Nun, eben mit den "kalten Winden". Der Gesangslinie, so rezitativisch und völlig verändert sie daherkommt, sieht man an sich noch nicht die Verstörung an, die die Strophe im gesamten ausstrahlt. Chromatische Effekte in der Begleitung. Verirrung bis ins ferne f-Moll (Original; hohe Stimme),um sich dann unerfindlich irgendwann wieder zu beruhigen, im Dominant-Dur der Grundtonart. Also, eine Aufregung die heftig ist, sich aber im Grunde beruhigt, abgewiesen wird ("ich wendete mich nicht"), allerdings alteriert in einem Vorhalt zur Grundsituation zurückbleibt.


    Und wie schön & zwingend, wenn nun die Gesangsmelodie der letzten Strophe genau der der ersten entspricht. Wenn alles wieder in Ordnung scheint in Erinnerung an den Lindenbaum und doch das Konjunktivische ("FÄNDEST Ruhe dort") seine Entsprechung in einer Begleitung hat, die das Triolische der Winde sowohl in sich aufgenommen hat als auch, in der punktierten Achtel, die Erinnerung an das fallende Blatt der Interludien. Dieses kehrt natürlich original noch einmal wieder, bevor die Brise in ein Piano-Grund-Dur aushaucht.

    ________________________________________________________________________________________________________


    Musica est exercitium metaphysices occultum nescientis se philosophari animi

  • Lieber Recordatorio,


    mich plagt durchaus das schlechte Gewissen, aber im Moment kann ich nicht weitermachen.


    Danke für deine schönen Folgebeiträge. Soll ja eben kein Monolog sein...


    :wink:

    Wer kämpft, kann verlieren, wer nicht kämpft, hat schon verloren (Bert Brecht)


    ACHTUNG, hier spricht Käpt´n Niveau: WIR SINKEN!! :murg: (Postkartenspruch)

  • Text

    Hallo,




    um Euch und mir bei jedem Liedbeitrag die Textsuche zu ersparen, erlaube ich mir, hier den Text aller 24 Lieder zu veröffentlichen.


    Freundliche Grüsse aus Weimar!



    Das erste Dutzend:


    Winterreise



    1. Gute Nacht


    Fremd bin ich eingezogen,
    Fremd zieh' ich wieder aus.
    Der Mai war mir gewogen
    Mit manchem Blumenstrauß.
    Das Mädchen sprach von Liebe,
    Die Mutter gar von Eh', -
    Nun ist die Welt so trübe,
    Der Weg gehüllt in Schnee.


    Ich kann zu meiner Reisen
    Nicht wählen mit der Zeit,
    Muß selbst den Weg mir weisen
    In dieser Dunkelheit.
    Es zieht ein Mondenschatten
    Als mein Gefährte mit,
    Und auf den weißen Matten
    Such' ich des Wildes Tritt.


    Was soll ich länger weilen,
    Daß man mich trieb hinaus ?
    Laß irre Hunde heulen
    Vor ihres Herren Haus;
    Die Liebe liebt das Wandern -
    Gott hat sie so gemacht -
    Von einem zu dem andern.
    Fein Liebchen, gute Nacht !


    Will dich im Traum nicht stören,
    Wär schad' um deine Ruh'.
    Sollst meinen Tritt nicht hören -
    Sacht, sacht die Türe zu !
    Schreib im Vorübergehen
    Ans Tor dir: Gute Nacht,
    Damit du mögest sehen,
    An dich hab' ich gedacht.



    2. Die Wetterfahne


    Der Wind spielt mit der Wetterfahne
    Auf meines schönen Liebchens Haus.
    Da dacht' ich schon in meinem Wahne,
    Sie pfiff den armen Flüchtling aus.


    Er hätt' es eher bemerken sollen,
    Des Hauses aufgestecktes Schild,
    So hätt' er nimmer suchen wollen
    Im Haus ein treues Frauenbild.


    Der Wind spielt drinnen mit den Herzen
    Wie auf dem Dach, nur nicht so laut.
    Was fragen sie nach meinen Schmerzen ?
    Ihr Kind ist eine reiche Braut.



    3. Gefrorne Tränen


    Gefrorne Tropfen fallen
    Von meinen Wangen ab:
    Ob es mir denn entgangen,
    Daß ich geweinet hab' ?


    Ei Tränen, meine Tränen,
    Und seid ihr gar so lau,
    Daß ihr erstarrt zu Eise
    Wie kühler Morgentau ?


    Und dringt doch aus der Quelle
    Der Brust so glühend heiß,
    Als wolltet ihr zerschmelzen
    Des ganzen Winters Eis !



    4. Erstarrung


    Ich such' im Schnee vergebens
    Nach ihrer Tritte Spur,
    Wo sie an meinem Arme
    Durchstrich die grüne Flur.


    Ich will den Boden küssen,
    Durchdringen Eis und Schnee
    Mit meinen heißen Tränen,
    Bis ich die Erde seh'.


    Wo find' ich eine Blüte,
    Wo find' ich grünes Gras ?
    Die Blumen sind erstorben,
    Der Rasen sieht so blaß.


    Soll denn kein Angedenken
    Ich nehmen mit von hier ?
    Wenn meine Schmerzen schweigen,
    Wer sagt mir dann von ihr ?


    Mein Herz ist wie erstorben,
    Kalt starrt ihr Bild darin;
    Schmilzt je das Herz mir wieder,
    Fließt auch ihr Bild dahin !



    5. Der Lindenbaum


    Am Brunnen vor dem Tore
    Da steht ein Lindenbaum;
    Ich träumt' in seinem Schatten
    So manchen süßen Traum.


    Ich schnitt in seine Rinde
    So manches liebe Wort;
    Es zog in Freud' und Leide
    Zu ihm mich immer fort.


    Ich mußt' auch heute wandern
    Vorbei in tiefer Nacht,
    Da hab' ich noch im Dunkeln
    Die Augen zugemacht.


    Und seine Zweige rauschten,
    Als riefen sie mir zu:
    Komm her zu mir, Geselle,
    Hier find'st du deine Ruh' !


    Die kalten Winde bliesen
    Mir grad' ins Angesicht;
    Der Hut flog mir vom Kopfe,
    Ich wendete mich nicht.


    Nun bin ich manche Stunde
    Entfernt von jenem Ort,
    Und immer hör' ich's rauschen:
    Du fändest Ruhe dort !



    6. Wasserflut


    Manche Trän' aus meinen Augen
    Ist gefallen in den Schnee;
    Seine kalten Flocken saugen
    Durstig ein das heiße Weh.


    Wenn die Gräser sprossen wollen
    Weht daher ein lauer Wind,
    Und das Eis zerspringt in Schollen
    Und der weiche Schnee zerrinnt.


    Schnee, du weißt von meinem Sehnen,
    Sag', wohin doch geht dein Lauf ?
    Folge nach nur meinen Tränen,
    Nimmt dich bald das Bächlein auf.


    Wirst mit ihm die Stadt durchziehen,
    Muntre Straßen ein und aus;
    Fühlst du meine Tränen glühen,
    Da ist meiner Liebsten Haus.



    7. Auf dem Flusse


    Der du so lustig rauschtest,
    Du heller, wilder Fluß,
    Wie still bist du geworden,
    Gibst keinen Scheidegruß.


    Mit harter, starrer Rinde
    Hast du dich überdeckt,
    Liegst kalt und unbeweglich
    Im Sande ausgestreckt.


    In deine Decke grab' ich
    Mit einem spitzen Stein
    Den Namen meiner Liebsten
    Und Stund' und Tag hinein:


    Den Tag des ersten Grußes,
    Den Tag, an dem ich ging;
    Um Nam' und Zahlen windet
    Sich ein zerbroch'ner Ring.


    Mein Herz, in diesem Bache
    Erkennst du nun dein Bild ?
    Ob's unter seiner Rinde
    Wohl auch so reißend schwillt ?



    8. Rückblick


    Es brennt mir unter beiden Sohlen,
    Tret' ich auch schon auf Eis und Schnee,
    Ich möcht' nicht wieder Atem holen,
    Bis ich nicht mehr die Türme seh'.


    Hab' mich an jedem Stein gestoßen,
    So eilt' ich zu der Stadt hinaus;
    Die Krähen warfen Bäll' und Schloßen
    Auf meinen Hut von jedem Haus.


    Wie anders hast du mich empfangen,
    Du Stadt der Unbeständigkeit !
    An deinen blanken Fenstern sangen
    Die Lerch' und Nachtigall im Streit.


    Die runden Lindenbäume blühten,
    Die klaren Rinnen rauschten hell,
    Und ach, zwei Mädchenaugen glühten. -
    Da war's gescheh'n um dich, Gesell !


    Kommt mir der Tag in die gedanken,
    Möcht' ich noch einmal rückwärts seh'n.
    Möcht' ich zurücke wieder wanken,
    Vor ihrem Hause stille steh'n.



    9. Irrlicht


    In die tiefsten Felsengründe
    Lockte mich ein Irrlicht hin;
    Wie ich einen Ausgang finde,
    Liegt nicht schwer mir in dem Sinn.


    Bin gewohnt das Irregehen,
    's führt ja jeder Weg zum Ziel;
    Uns're Freuden, uns're Wehen,
    Alles eines Irrlichts Spiel !


    Durch des Bergstroms trockne Rinnen
    Wind' ich ruhig mich hinab,
    Jeder Strom wird's Meer gewinnen,
    Jedes Leiden auch sein Grab.



    10. Rast


    Nun merk' ich erst wie müd' ich bin,
    Da ich zur Ruh' mich lege;
    Das Wandern hielt mich munter hin
    Auf unwirtbarem Wege.


    Die Füße frugen nicht nach Rast,
    Es war zu kalt zum Stehen;
    Der Rücken fühlte keine Last,
    Der Sturm half fort mich wehen.


    In eines Köhlers engem Haus
    Hab' Obdach ich gefunden.
    Doch meine Glieder ruh'n nicht aus:
    So brennen ihre Wunden.


    Auch du, mein Herz, in Kampf und Sturm
    So wild und so verwegen,
    Fühlst in der Still' erst deinen Wurm
    Mit heißem Stich sich regen !



    11. Frühlingstraum


    Ich träumte von bunten Blumen,
    So wie sie wohl blühen im Mai;
    Ich träumte von grünen Wiesen,
    Von lustigem Vogelgeschrei.


    Und als die Hähne krähten,
    Da ward mein Auge wach;
    Da war es kalt und finster,
    Es schrien die Raben vom Dach.


    Doch an den Fensterscheiben,
    Wer malte die Blätter da ?
    Ihr lacht wohl über den Träumer,
    Der Blumen im Winter sah ?


    Ich träumte von Lieb um Liebe,
    Von einer schönen Maid,
    Von Herzen und von Küssen,
    Von Wonne und Seligkeit.


    Und als die Hähne krähten,
    Da ward mein Herze wach;
    Nun sitz' ich hier alleine
    Und denke dem Traume nach.


    Die Augen schließ' ich wieder,
    Noch schlägt das herz so warm.
    Wann grünt ihr Blätter am Fenster ?
    Wann halt' ich mein Liebchen im Arm ?



    12. Einsamkeit


    Wie eine trübe Wolke
    Durch heit're Lüfte geht,
    Wenn in der Tanne Wipfel
    Ein mattes Lüftchen weht:


    So zieh ich meine Straße
    Dahin mit trägem Fuß,
    Durch helles, frohes Leben
    Einsam und ohne Gruß.


    Ach, daß die Luft so ruhig !
    Ach, daß die Welt so licht !
    Als noch die Stürme tobten,
    War ich so elend nicht.

    Grüsse von Sotka

  • Text (Forts.)

    Und das zweite Dutzend:




    13. Die Post


    Von der Straße her ein Posthorn klingt.
    Was hat es, daß es so hoch aufspringt,
    Mein Herz ?


    Die Post bringt keinen Brief für dich.
    Was drängst du denn so wunderlich,
    Mein Herz ?


    Nun ja, die Post kommt aus der Stadt,
    Wo ich ein liebes Liebchen hat,
    Mein Herz !


    Willst wohl einmal hinüberseh'n
    Und fragen, wie es dort mag geh'n,
    Mein Herz ?



    14. Der greise Kopf


    Der Reif hatt' einen weißen Schein
    Mir übers Haar gestreuet;
    Da glaubt' ich schon ein Greis zu sein
    Und hab' mich sehr gefreuet.


    Doch bald ist er hinweggetaut,
    Hab' wieder schwarze Haare,
    Daß mir's vor meiner Jugend graut -
    Wie weit noch bis zur Bahre !


    Vom Abendrot zum Morgenlicht
    Ward mancher Kopf zum Greise.
    Wer glaubt's ? und meiner ward es nicht
    Auf dieser ganzen Reise !



    15. Die Krähe


    Eine Krähe war mit mir
    Aus der Stadt gezogen,
    Ist bis heute für und für
    Um mein Haupt geflogen.


    Krähe, wunderliches Tier,
    Willst mich nicht verlassen ?
    Meinst wohl, bald als Beute hier
    Meinen Leib zu fassen ?


    Nun, es wird nicht weit mehr geh'n
    An dem Wanderstabe.
    Krähe, laß mich endlich seh'n
    Treue bis zum Grabe !



    16. Letzte Hoffnung


    Hie und da ist an den Bäumen
    Manches bunte Blatt zu seh'n,
    Und ich bleibe vor den Bäumen
    Oftmals in Gedanken steh'n.


    Schaue nach dem einen Blatte,
    Hänge meine Hoffnung dran;
    Spielt der Wind mit meinem Blatte,
    Zittr' ich, was ich zittern kann.


    Ach, und fällt das Blatt zu Boden,
    Fällt mit ihm die Hoffnung ab;
    Fall' ich selber mit zu Boden,
    Wein' auf meiner Hoffnung Grab.



    17. Im Dorfe


    Es bellen die Hunde, es rasseln die Ketten;
    Es schlafen die Menschen in ihren Betten,
    Träumen sich manches, was sie nicht haben,
    Tun sich im Guten und Argen erlaben;


    Und morgen früh ist alles zerflossen.
    Je nun, sie haben ihr Teil genossen
    Und hoffen, was sie noch übrig ließen,
    Doch wieder zu finden auf ihren Kissen.


    Bellt mich nur fort, ihr wachen Hunde,
    Laßt mich nicht ruh'n in der Schlummerstunde !
    Ich bin zu Ende mit allen Träumen.
    Was will ich unter den Schläfern säumen ?



    18. Der stürmische Morgen


    Wie hat der Sturm zerrissen
    Des Himmels graues Kleid !
    Die Wolkenfetzen flattern
    Umher im matten Streit.


    Und rote Feuerflammen
    Zieh'n zwischen ihnen hin;
    Das nenn' ich einen Morgen
    So recht nach meinem Sinn !


    Mein Herz sieht an dem Himmel
    Gemalt sein eig'nes Bild -
    Es ist nichts als der Winter,
    Der Winter kalt und wild !



    19. Täuschung


    Ein Licht tanzt freundlich vor mir her,
    Ich folg' ihm nach die Kreuz und Quer;
    Ich folg' ihm gern und seh's ihm an,
    Daß es verlockt den Wandersmann.


    Ach ! wer wie ich so elend ist,
    Gibt gern sich hin der bunten List,
    Die hinter Eis und Nacht und Graus,
    Ihm weist ein helles, warmes Haus.


    Und eine liebe Seele drin. -
    Nur Täuschung ist für mich Gewinn !



    20. Der Wegweiser


    Was vermeid' ich denn die Wege,
    Wo die ander'n Wand'rer geh'n,
    Suche mir versteckte Stege,
    Durch verschneite Felsenhöh'n ?


    Habe ja doch nichts begangen,
    Daß ich Menschen sollte scheu'n, -
    Welch ein törichtes Verlangen
    Treibt mich in die Wüstenei'n ?


    Weiser stehen auf den Straßen,
    Weisen auf die Städte zu.
    Und ich wandre sonder Maßen
    Ohne Ruh' und suche Ruh'.


    Einen Weiser seh' ich stehen
    Unverrückt vor meinem Blick;
    Eine Straße muß ich gehen,
    Die noch keiner ging zurück.




    21. Das Wirtshaus


    Auf einen Totenacker
    Hat mich mein Weg gebracht;
    Allhier will ich einkehren,
    Hab ich bei mir gedacht.


    Ihr grünen Totenkränze
    Könnt wohl die Zeichen sein,
    Die müde Wand'rer laden
    Ins kühle Wirtshaus ein.


    Sind denn in diesem Hause
    Die Kammern all' besetzt ?
    Bin matt zum Niedersinken,
    Bin tödlich schwer verletzt.


    O unbarmherz'ge Schenke,
    Doch weisest du mich ab ?
    Nun weiter denn, nur weiter,
    Mein treuer Wanderstab !



    22. Mut


    Fliegt der Schnee mir ins Gesicht,
    Schüttl' ich ihn herunter.
    Wenn mein Herz im Busen spricht,
    Sing' ich hell und munter.


    Höre nicht, was es mir sagt,
    Habe keine Ohren;
    Fühle nicht, was es mir klagt,
    Klagen ist für Toren.


    Lustig in die Welt hinein
    Gegen Wind und Wetter !
    Will kein Gott auf Erden sein,
    Sind wir selber Götter !



    23. Die Nebensonnen


    Drei Sonnen sah ich am Himmel steh'n,
    Hab' lang und fest sie angeseh'n;
    Und sie auch standen da so stier,
    Als wollten sie nicht weg von mir.


    Ach, meine Sonnen seid ihr nicht !
    Schaut ander'n doch ins Angesicht !
    Ja, neulich hatt' ich auch wohl drei;
    Nun sind hinab die besten zwei.


    Ging nur die dritt' erst hinterdrein !
    Im Dunkel wird mir wohler sein.



    24. Der Leiermann


    Drüben hinterm Dorfe
    Steht ein Leiermann
    Und mit starren Fingern
    Dreht er was er kann.


    Barfuß auf dem Eise
    Wankt er hin und her
    Und sein kleiner Teller
    Bleibt ihm immer leer.


    Keiner mag ihn hören,
    Keiner sieht ihn an,
    Und die Hunde knurren
    Um den alten Mann.


    Und er läßt es gehen,
    Alles wie es will,
    Dreht, und seine Leier
    Steht ihm nimmer still.


    Wunderlicher Alter !
    Soll ich mit dir geh'n ?
    Willst zu meinen Liedern
    Deine Leier dreh'n ?

    Grüsse von Sotka

  • Tonartenverhältnis

    Es kann kein Zweifel sein, dass bei Schubert die Verhältnisse zwischen den Tonarten von enormer Bedeutung sind. Alle seine großen Instrumentalwerke, erst Recht die späteren, sind z.B. durchzogen von Terzverwandtschaften jeglicher Couleur. Man kann mir nicht einreden, dass das bei der "Winterreise" plötzlich keine Rolle spielen soll und man ohne künstlerischen Verlust die Verhältnisse einfach nach Gutdünken (egal ob persönlichem oder dem eines selbstherrlichen Herausgebers) verändern darf.


    Ich möchte, aufgrund meiner gegenwärtigen Beschäftigung mit dem Zyklus, das von Christian Gesagte noch einmal unterstreichen. Im Moment glaube ich, dass man sagen kann, dass es einen weitgehenden Bezug auf eine 'Grundtonart' gibt, nämlich die finale des "Leiermanns" (im Original a-Moll, mittlere Stimme g-Moll, in Ulricas Version wohl e-Moll). Es gibt zwar Passagen wo es 'Trugschlüsse' gibt (etwa das letzte Lied der ersten Abteilung) oder Irreführungen (die ersten vier Lieder der zweiten), aber letztlich läuft es doch ziemlich unerbittlich auf die Affirmation dieser letzten Molltonart hinaus. Die oben strittige "Wetterfahne" stände dann übrigens genau in dieser Tonart und würde in diesem speziellen Sinn aus innersten pathologischen Zentrum des Werkes stammen, als fast einziges Lied des Zyklus übrigens (sonst bewegt sich Schubert stärker - die Spannung haltend - in der Ober- und Unterdominantenregion).

    ________________________________________________________________________________________________________


    Musica est exercitium metaphysices occultum nescientis se philosophari animi

  • Im Moment glaube ich, dass man sagen kann, dass es einen weitgehenden Bezug auf eine 'Grundtonart' gibt, nämlich die finale des "Leiermanns" (im Original a-Moll, mittlere Stimme g-Moll, in Ulricas Version wohl e-Moll). Es gibt zwar Passagen wo es 'Trugschlüsse' gibt (etwa das letzte Lied der ersten Abteilung) oder Irreführungen (die ersten vier Lieder der zweiten), aber letztlich läuft es doch ziemlich unerbittlich auf die Affirmation dieser letzten Molltonart hinaus. Die oben strittige "Wetterfahne" stände dann übrigens genau in dieser Tonart und würde in diesem speziellen Sinn aus innersten pathologischen Zentrum des Werkes stammen, als fast einziges Lied des Zyklus übrigens


    Irgendwas klingelte in meinem Gedächtnis und ich habe nachgeblättert: Schubert hatte den Leiermann ursprünglich in h-moll notiert. Im Autograph (gleichzeitig Stichvorlage) steht die handschriftliche Bemerkung "in A-mol", die nicht von Schubert, sondern wahrscheinlich vom Verleger Haslinger stammt. Ähnlich bei Muth! - in a-moll notiert, nach g-moll transponiert. Anscheinend ist es umstritten, ob diese Änderungen mit Schuberts Wissen geschahen. Walther Dürr im Reclams-Musikführer Schubert sagt Ja (a-moll entspreche dem "Charakter" des letzten Liedes eher als h-moll), Elmar Budde (in seinem C.H.-Beck-Büchlein über Schuberts Liederzyklen, aber wohl schon in einem Aufsatz 1990) sagt Nein: Die Transposition, jeweils um eine große Sekunde tiefer, sei vom Verleger aus Rücksicht auf die Gesangsstimme vorgenommen worden. Der Leiermann, Schlusstück der "zweiten Abteilung", müsse als harmonisches Analogon zum letzten Lied des ersten Teils, Einsamkeit, verstanden werden - beide Lieder stünden in h-moll, beide begännen mit der Quinte h-fis. H-moll verhalte sich als Tonart im Gegensatz zu a-moll "exterritorial" zum d-moll am Beginn des Zyklus, "es gibt keine Rückkehr mehr". Einsamkeit sei übrigens von Schubert selbst von d-moll nach h-moll transponiert worden - ein bewusstes Zerbrechen der einheitlichen Tonartendisposition der ersten Abteilung des Zyklus.


    Soweit Budde. Die philologische Situation ist wohl nicht ganz unkompliziert, ich kenne sie nicht. Auch weiß ich nicht, inwieweit Buddes Hypothesen inzwischen akzeptiert werden (Marie-Agnes Dittrich referiert im Schubert-Handbuch und stimmt vorsichtig zu). Mir war das alles bisher in dieser Konsequenz nicht klar. Ich wüsste auch gern, ob es schon eine Aufnahme in dieser - möglicherweise - originalen Tonartendisposition gibt.



    Viele Grüße


    Bernd

    .

  • Elmar Budde (in seinem C.H.-Beck-Büchlein über Schuberts Liederzyklen, aber wohl schon in einem Aufsatz 1990) sagt Nein: Die Transposition, jeweils um eine große Sekunde tiefer, sei vom Verleger aus Rücksicht auf die Gesangsstimme vorgenommen worden. Der Leiermann, Schlusstück der "zweiten Abteilung", müsse als harmonisches Analogon zum letzten Lied des ersten Teils, Einsamkeit, verstanden werden - beide Lieder stünden in h-moll, beide begännen mit der Quinte h-fis. H-moll verhalte sich als Tonart im Gegensatz zu a-moll "exterritorial" zum d-moll am Beginn des Zyklus, "es gibt keine Rückkehr mehr". Einsamkeit sei übrigens von Schubert selbst von d-moll nach h-moll transponiert worden - ein bewusstes Zerbrechen der einheitlichen Tonartendisposition der ersten Abteilung des Zyklus.


    Hallo Bernd,


    vielen Dank für Deine wie immer sehr genauen und hilfreichen Anmerkungen. Es ist dies indes einer der seltenen Fälle wo ich schon Bescheid wusste :) - die Interpretation von Budde kannte ich freilich nicht. Ich würde sie - der philologischen Diskussion unbeschadet - auch nicht teilen. Denn: so wie ich die "Einsamkeit" in ihrem 'verirrten' h-Moll genau als richtigen 'Trugschluss', Cliffhanger o. ä. empfinde, genauso hat für mich der "Leiermann" eben ganz im Gegenteil etwas von zur Ruhe, nach Hause, "an" -kommen. Und das gerade trotz oder wegen der (v. a. textlich) überraschenden Schlussfigur des Liedes.


    (Was die anderen drei transponierten Lieder betrifft, bin ich unsicherer; so denke ich z. B. dass es im Tonartenkonzept sinnvoller ist den "Mut" in der ursprünglichen Tonart zu belassen, die dann nämlich bereits die des Schlusses ist, ihn also dieserarts als ein bereits 'vergebliches' Trotzen kenntlich zu machen, so im übrigen die Brillanz des Spitzentones auskostend.)


    Ich bin, auch das nebenbei gesagt, ziemlich erstaunt in den Aufnahmen solches Transpositions-Mischmasch vorzufinden, selbst bei Fischer-Dieskau (ich habe da allerdings nur eine der Gerald-Moore-Aufnahmen und ich weiß nicht, aus welchem Jahr, weil ich sie mir vor etlichen Jahren mal sehr sorglos auf Kassette überspielt habe). Denn nur wenn wirklich Original bzw. einheitlich transponiert gesungen wird, kann man ja in der Gesamtwirkung so etwas wie die "Leiermann"-Frage wirklich beurteilen.

    ________________________________________________________________________________________________________


    Musica est exercitium metaphysices occultum nescientis se philosophari animi

  • Zwischenschub

    Die Rabenmutter geht tief in sich... :cry:


    Der Foren- (Vereins-), Konzert-, Proben und Arbeitsalltag hat mir hier vorübergehend den Boden entzogen und auch die Erarbeitung des Zyklus zurückgestellt. Aber sehr bald geht es wieder weiter.


    :wink:

    Wer kämpft, kann verlieren, wer nicht kämpft, hat schon verloren (Bert Brecht)


    ACHTUNG, hier spricht Käpt´n Niveau: WIR SINKEN!! :murg: (Postkartenspruch)

  • 4. Erstarrung: Wenn Bewegung nichts bewegt

    Zunächst, bevor ich noch ein paar ergänzende Bemerungen zu den von Recordatorio und den Mitrednern schon so treffend ausgeführten Beiträgen zu "Erstarrung" und "Lindenbaum" lanciere, geht mein ganz herzlicher Dank an Sotka für die Einstellung der Texte. Dazu habe ich mich leider nie aufraffen können, sondern habe mich verlinkungen behofen.


    Nun zur Erstarrung:


    Was Recordatorio schon anklingen ließ, der seltsame Gegensatz des Titels zum atemberaubenden Tempo der Musik, verwunderte mich zunächst. Der Rhythmus groov´t. Ich behaupte das mal, weil ich es so empfinde. Und es ist nicht das einize Stück, in dem Schubert solche "modern" anmutenden Rhythmen setzt. Allerdings fällt es nicht so auf wie bei der Popmusik (trotz der unterstützenden Triolen) , denn er bleibt bei der klassischen Dominanz der Melodik gegenüber der - deswegen micht minder wichtigen - Rhythmik.


    Die Gesangsstimme bildet dazu einen geheimnisvollen Gegensatz. Obwohl sie gezwungen ist, das Tempo mitzumachen, ja , es sogar noch anzutreiben, ist sie durchgehend im Legato und wahrscheinlich ist die Erstarrung eines der wenigen Winterreise - Lieder, das eine Melodie des "Cantabile" besitzt. Jedoch, dies nimmt man auch nur bedingt wahr, denn, wie schon zuvor gesagt, es steckt soviel fast mystische Spannung in diesem Stück, dass keinerlei Sanftheit und Dolce, die in der Melodie allein betrachtet zum Vorschein kommen könnten, durchdringt. Gelegentlich meint man, dass das Tempo im mittleren Teil zurückgenommen wird, aber das täuscht. Auch wenn der Ton larmoyanter wird (Wo find ich eine Blume...; Wir interpretieren die Stelle mit einer Art angeschobener Betonung auf den Schlüsselworten), es bleibt genauso schnell. Schubert erreicht den Effekt der scheinbaren Verlangsamung, indem der das Klavier einen Takt lang vor Beginn des zweiten Teils abbremst.


    Man stelle sich vor: Eine eisige Winternacht, Sternenklar, klirrende Kälte (wie bei uns jetzt), ein fahler Mond bescheint eine vielleicht mit paar Büschen durchsetzte Landschaft, irgendeine Weide mit verfallenem Gatter und mindestens einem halben Meter Schnee, dessen Kristalle im Mondlicht funkeln. Unser Freund hat das Dorf verlassen und weiß wahrscheinlich nicht, wo er die eisige Nacht verbringen soll. Es ist ihm auch zunächst egal. er kommt an eine Stelle, die er meint, wieder zu erkennen als lauschigen Ort, den er mit der Liebsten aufgesucht hat, als alles noch in Ordnung war.


    Sofort tigert er los, sucht sinnlos herum, gräbt vielleicht den Schnee um, was weiß ich, was alles und rennt wohl einige Dutzend Male im Kreis. Obwohl er schon ein Stück weggegangen ist vom Ort des Geschehens, ja, begonnen hat, Distanz einzunehmen, zeigt sich nun, wie brüchig dieses Bemühen ist. Es ist ein langes Gerenne, dass keinen Zentimenter weiterführt, z. B. in ein Dorf, wo er Unterschlupf für die kalte Nacht finden könnte. Er sucht die nahe Vergangenheit, fällt trotz des Rennens seelisch zurück, ja, kultiviert sogar Ängste, er könne seine Liebe vergessen, falls ihm vielleicht mal ein neues Glück lachen könnte (auch wenn dies das einzig vernünftige wäre, aber so schnell geht das auch nicht).


    Diese Situation ist prekär, man ahnt den Weg in die Selbstzerstörung bereits. M. E. kommen wir hier zurück zum Titel, der nicht nur eine Überschrift, sondern die Quintessenz der Aussage darstellt. Wer, gerade in der alten Zeit ohne Winterdienst, Schneeraümmaschinen und Rettungsleitstellen bei dieser Witterung nachts auf freiem Feld herumgeistert, schwebt in Lebensgefahr. Die Kälte dringt irgendwann von außen her trotz der Bewegung durch die Kleidung in den Körper, der Mann droht zu erfrieren. Physisch und psychisch, denn er kann sich nicht aufrichten nach dem Schlag, der ihm verpasst wurde. Wenn er so bleibt, erstarrt das Innere.


    Bei der Metapher des dahinfließenden Bildes habe ich auch deutlich eine Vorstellung für eine politische Deutung (ich frage mich eh allmählich, ob der Rausschmiss bei den potentiellen Schwiegereltern nicht auch etwas mit der Teilnahme an der gescheiterten Revolution zu tun haben könnte):


    Es fürchtet, seine Ideale zu verlieren, falls er sich anderweitig wieder etablieren würde. Diese Befürchtung dürfte keineswegs abwegig sein und insgesamt ging mit der Niederlage ja der Lebensinhalt verloren. Es ist nicht mehr damit zu rechnen, dass seine Generation eine andere Gesellschaft erleben darf, sodass irgendein weiterer Verlauf weg von den Vorstellungen, einen siegreichen Umsturz herbeiführen zu wollen, erforderlich wird. Es bleiben drei Wege: Weitermachen in anderer Form ingendwie im Untergrund, Abstürzen oder Rückzug ins Bürgerlich - Angepasste. Den Weg des Winterreisenden kennen wir ja....


    :wink:


    Text: S. Beitrag 48 Nr. 4

    Wer kämpft, kann verlieren, wer nicht kämpft, hat schon verloren (Bert Brecht)


    ACHTUNG, hier spricht Käpt´n Niveau: WIR SINKEN!! :murg: (Postkartenspruch)

  • 5. Am Brunnen vor dem Tore: Der Hit?

    Text s. auch Beitrag 48


    Zum Glück haben wir unsere dem Original angenäherten Arbeitspartituren, denn andernfalls wäre bei diesem Brunnen wohl kein Stein mehr auf dem anderen bzw. das Ding wohl völlig ausgetrocknet und eingefallen nach Jahrhunderten des Zersingen, Zerlegens und Neu - Zusammensetzens, zerquälten Schulchor - Klängen, immer an der "teutsch - hehren" Wand lang.


    Vor allem den rauen Mittelteil, der so wunderbar gegen den Strich gebürstet ist (..die kalten Winde schlagen...) und der so geflissentlich unterschalgen wurde und wird, gäbe es wohl nicht mehr.


    M. E. erschließt sich nicht auf den ersten Blick, was uns dieses Lied an dieser Stelle sagen soll. Ist es eine Retrospektive auf noch weiter zurückliegende Tage der Jugend, wo man Liebesschwüre bis heute in Bäume ritzt (oder als Graffiti an die S - Bahn sprüht)? Und wenn, ja, warum dies gerade hier und jetzt?


    Mir kommt es beim Interpetieren vor, als befände man sich in einer Raum - Zeit - Schleife. Hat die irre Beschleunigung des Liedes davor etwa ein Abheben ins All bewirkt, wo nun alles schwebt und still steht?


    Sicher alles Spekulation, aber m. E. nachvollziehbar als Seelenzustand unseres Reisenden, der etwa beim Anblick des ihm wohlbekannten Baumes innerlich aus der Welt katapultiert wird, zumindest für die erste Strophe. In dieser "Parallelwelt" des Tagtraumes nach einer doch noch irgendwie überlebten Nacht kehrt zunächst ein Paradies zurück, bevor alles begann (den Bach abzugehen). Die Dur - Tonart - wahrscheinlich einer der Hitfaktoren; meine ist schlicht C - Dur - signalisiert die reine Harmonie in verlangsamter Gangart.


    Wer dies aus dem Zusammenhang reißt, hat zwangsläufig das Volkslied überhaupt. Entweder hören alle nach der ersten Strophe auf oder nehmen die Zweite noch mit (oft ohne Moll- Transformation und wenn doch mit, dann als Reminiszenz an den melanchliesierenden konservativen Romantikbegriff). Je mehr ich mit mit diesem vielschlichtigen Stück befasse, desto mehr ärgert mich diese Volkstümelei.


    Jedoch, im Kontext des Zyklus, stolpert man förmlich über den den Passus "...als riefen sie mir zu: Komm her zu mir, Geselle, hier findst du deine Ruh". Der Reisende kommt zurück in die schreckliche Welt und kann sich nur mühsam erwehren, dem Ruf zu folgen und sich einfach hinzulegen.....


    Doch so weit ist er noch nicht. Nach dem Umschlag in Moll rafft er sich erneut auf. Vielleicht gab es ja doch einen warmen Schlafplatz, der zum Krafttanken, zumindest kruzfristig, bewogen hat.


    Nun der aprupte Stimmungsumschwung, eine musikalische Kehrtwende, die in dieser Form einmalig im Zyklus steht: Wir bleiben zwar in der Tonart, aber alles andere gehört irgendwie nicht mehr zu dem Lied. Kantig, bitter, staubtrocken und voller Dramatik platzt diese dritte Strophe in das Lied. Wut kommt hoch, ein Lebenelixier. Aber worauf bezieht sie sich? Die Dichtung wählt die Vergangenheitsform, obwohl die Assoziation mit der Gegenwart nahe läge. Ich nehme an, diese bittere Replik bezieht sich nicht auf die aktuellen Geschehnisse, sondern auf viel weiter Zurückliegendes und impliziert, dass es dem Reisenden auch in seiner Jugend nicht gut ging, dass er es schwer hatte, was aus seinem Leben zu machen, vielleicht, weil seine Familie arm war.


    Und wieder ruft am Ende der Baum, Auch die früher erfreulichen Erinnerungen kehren sich ins Gegenteil und ziehen hinunter. Aus psychologischer Sicht stellt diese kurzfristige Erinnerung an zumindest teilweise schönere Jugenderlebnisse keineswegs eine Entspannung der Lage dar. Auf Menschen, die heute unter solchen Prämissen ihre Vergangenheit Revue passieren lassen, müsste ein sehr wachsemes Auge geworfen werden.


    :wink:

    Wer kämpft, kann verlieren, wer nicht kämpft, hat schon verloren (Bert Brecht)


    ACHTUNG, hier spricht Käpt´n Niveau: WIR SINKEN!! :murg: (Postkartenspruch)

  • Liebe Ulrica,


    ich denke, bei diesem berühmtesten aller Winterreise-Lieder stehe ich wohl dem interpretatorischen, vielleicht auch weltanschaulichen Grundimpuls nach erstmals sehr weitab von Dir..


    bzw. das Ding wohl völlig ausgetrocknet und eingefallen nach Jahrhunderten des Zersingen, Zerlegens und Neu - Zusammensetzens


    First of all: Ich finde, dass es in einer bestimmten Weise kaum ein größeres Kompliment für eine Komposition geben kann, als wenn sie nach fast 200 Jahren immer noch die Spatzen von den Dächern pfeifen. Dies ist nicht ein Zeugnis des "Austrocknens", sondern des Im-Saft-Stehens und Lebendig-Seins. Dass dabei nicht alle Spatzen unideologisch oder auch nur musikalisch gewesen sind im Laufe der Zeit, steht auf einem andern Blatte.

    M. E. erschließt sich nicht auf den ersten Blick, was uns dieses Lied an dieser Stelle sagen soll.


    Komisch, gerade in gesanglicher Hinsicht habe ich - der ich es in der immer noch recht hoch angesiedelten "mittleren Stimme" singe - sofort einen Zugang dazu. Im Originaltonartenverhältnis bedeutet der "Lindenbaum", gerade nach dem Vorangegangenen, dem intensiven "Gute Nacht", der pathologischen "Wetterfahne", der ruhelosen "Erstarrung" mit ihrer hohen Tessitura - einfach Entspannung schlechthin. Das Lied ist eines der tiefstgesetzten des Zyklus, sängerisch 'einfach' wie kaum ein zweites. Der Ruf "Ausruhen!" ist daher evident; ich brauche gar keine weitere Begründung dafür.

    Kantig, bitter, staubtrocken und voller Dramatik platzt diese dritte Strophe in das Lied. Wut kommt hoch, ein Lebenelixier.


    Wut?... ja, ein wenig, aber doch mehr eigentlich Trotz; ich vernehme sogar einen gewissen selbstermächtigenden Triumph darin. ("Heija, was für ein Kerl ich damals war!") "Kantig" ist das schon, an Dramatik allerdings weit unter im Zyklus Vorangegangenem (ich halte es auch nicht für ratsam, es interpretatorisch auf diese Höhe, etwa der "Erstarrung", zu treiben), und "bitter"? Eigentlich doch nicht. Wieso "bitter"??

    Ich nehme an, diese bittere Replik bezieht sich nicht auf die aktuellen Geschehnisse, sondern auf viel weiter Zurückliegendes und impliziert, dass es dem Reisenden auch in seiner Jugend nicht gut ging, dass er es schwer hatte, was aus seinem Leben zu machen, vielleicht, weil seine Familie arm war.


    Ja, weit Zurückliegendes. Aber nun grade hier ist doch etwas Politisches betont, was Dir, Ulrica, ja wichtig ist. Bei dem Ausdruck "ich wendete mich nicht" assoziiere doch nicht nur ich etwas Gesellschafsbezogenes?!

    Je mehr ich mit mit diesem vielschlichtigen Stück befasse, desto mehr ärgert mich diese Volkstümelei.


    Genau da bin ich am weitesten weg von Dir. Das Volkstümliche daran ist nicht etwas, was diesem Stück bloß von außen, entfremdend widerfahren wäre. Sondern es trägt - Melos, Lage, Baum-Motiv etc. - diese Volkstümlichkeit bereits in sich. Welcher Komponist kann das schon von sich sagen: mal eben 'nebenbei' ein Volkslied geschaffen zu haben. Dieses Lied weist, wie Thomas Mann das im Schallplattenkapitel seines "Zauberbergs" gesagt hat, "über sich hinaus". Und in seiner enormen Volkstümlichkeit liegt natürlich auch die Gefahr der Volks"tümelei", wie Du es nennst, ja liegt die Nähe zu totaler Ideologie.


    "Man brauchte nicht mehr Genie, nur viel mehr Talent als der Autor des Lindenbaumliedes, um als Seelenzauberkünstler dem Liede Riesenmaße zu geben und die Welt damit zu unterwerfen. Man mochte wahrscheinlich sogar Reiche darauf gründen, irdisch-allzu-irdirsche Reiche, sehr derb und fortschrittsfroh und eigentlich gar nicht heimwehkrank, - in welchen das Lied zur elektrischen Grammophonmusik verdarb." Ja, natürlich! (Man sehe mir das lange Zitat nach.) Aber wenn wir die Winterreise interpretieren, müssen wir eben um dreierlei wissen: um den Todessuchts-Kontext, an dem das Lied partizipiert, um den konkreten Kontrast, den es auch bildet, und um die Gefahr dass man beides, Kontext und Kontrast, schlicht vergisst und das Lied einfach nur trällert - worin Größe liegt und Gefahr.

    ________________________________________________________________________________________________________


    Musica est exercitium metaphysices occultum nescientis se philosophari animi

  • Lieber Recordatorio, ich weiss nciht, ob ich dich ganz verstanden habe, aber dein Beitrag hat mich so sehr angesprochen,dass ich etwas zu diesem Lied sagen môchte.
    Was auch immer Friedrich Silcher, Mânnerchöre,Schulklassen Volkstümler oder Ideologen daraus machen/gemacht haben, Schuberts Lindenbaum ist ein Geniestreich und als solcher unzerstörbar.
    Meines Erachtens werden hier Archetypen beschworen und bedient, die im kollektiven Bewusstsein dann zu einer Art Grundkonsens deutscher Romantik verschmolzen sind. Heimat, Fremde, Sehnsucht,Ge-triebensein, Ver-triebensein Wandern,Ausruhenwollen und nicht dürfen, Sturm und Regen, Nacht usw usw Gerade dieser Reichtum an Archetypen- oder wenn man es lieber negativ sehen will an„Klischees“-, macht dieses Lied so anfällig und nutzbar für verschiedene Auslegungen/Anpassu/Missbräuche.Ob man es rein privat, gesellschaftlich, politisch oder wie auch immer deutet:es bedient seine Interpretatoren je nach Blickwinkel und Zurechtbiegung (oftGlättung.....)auf Feinste.
    Das ändert aber nicht das Geringste an seiner Genialität, im Gegenteil Was Schubert hier geschaffen hat, kann gar nicht ûberschâtzt werden. In seiner scheinbaren Schlichtheit enthält dieses Lied das gesamte Schubert-Universum und tiefste Wahrheiten menschlicher Existenz und wird nicht zuletzt deshalb von allen Menschen, gleich welcher Nationalität, sofort verstanden bzw geliebt.
    Für mich ist dieses Lied einer der Höhepunkte eines an Höhepunkten überreichen Zyklus und gehört genau an die Stelle, an der es steht. Vor der endgültigen Hoffnungslosigkeit, Verzweiflung und Selbstauflôsung wird hier noch einmal das Bild der süssen Heimat und Trost-und Ruhestätte heraufbeschworen, der Ort der Liebesschwüre, die man in Baumrinden einritzt, der Zeit der Lindendüfte und frohen Stunden. Nicht zu vergessen, dass der Baum als solches ein starkes Lebens-Symbol ist Das Verlassen dieses Baum weiht den Winterreisenden dem Tod. Und der Baum verdeutlicht noch einmal all das, was nun auf immer verloren ist.
    Wie alle herausragenden Lieder spricht es für sich selbst und braucht den Zyklus garnicht, um begriffen zu werden.


    Ich kenne dieses Lied seit meiner Schulzeit und weder Kinder-Schul- Männer-Chor- noch sonstige „Entfremdungen“ des Schubert-Urtextes haben ihm je etwas
    von seinem Zauber genommen. Für mich ist der Lindenbaum Inbegriff von „Heimat und Fremde“, positiv besetzter Heimat wohlbemerkt, und ich kann dieses Lied nicht
    hören ohne eine wehmütige- ganz und gar unideologische- Sehnsucht zu fühlen. Wenn irgendetwas deutsche Romantik in nuce verkörpert, dann doch wohl das „Da wo Du nicht (mehr) bist, nicht mehr sein darfst/kannst/willst, da ist das Glück. Und hier in letzter Konsequenz: jenseits dessen ist nur noch der Tod
    Vor kurzem gab es im Deutschlandfunk eine 2-stündige wunderbare Sendung mit Peter Härtling zur Winterreise. Der Lindenbaum war da in einer gesprochenen, in einer rein instrumentalen Fassung mit Tabea Zimmerman und Hartmut Höll und dann auch gesungen von Mitsuko Shirai zu hören.
    Die Tatsache, dass das Lied auch ohne Text funktioniert, der Text auch ohne musik, und die Artund Weise, WIE es ohne Text bzw ohne Musik funktioniert, ist angesichts ideologischer Überlagerungen besonders interessant
    Für Lindenbaum-Geschâdigte könnte das ein ganz neuer Zugang sein.
    Die verschiedenen Interpreten des Lieds lehren auch allerhand zu seinen diversen Deutungsmöglchkeiten. Man vergleiche z.B. nur Fi-Di, Kipnis, C.Schâfer, L.Lehmann, Hotter und Gerhaher!


    F.Q.

    Jede Krankheit ist ein musikalisches Problem und die Heilung eine musikalische Auflösung (Novalis)

  • Reden wir tatsächlich vom selben Lied ? So oft ich den Zyklus öffentlich gesungen habe, vor dem Lindenbaum hatte ich stets den größten Bammel. Zum Einen natürlich, weil es so bekannt und eben auch verkannt ist; zum Anderen, weil ich die sängerische Herausforderung für beträchtlich halte, handelt es sich doch, vom stürmischen Mittelteil einmal abgesehen, um ein Lied, das piano gesungen werden sollte. Und das e`auf fin- und fän- in der mittleren Lage hat es in sich !


    Außerdem : Die Idylle war einmal. Das Ausruhen am Baum ist für mich die Aufforderung zum Suizid. Im gesamten Zyklus ist der Wanderer dem Tod nie näher als hier, denn selbst am Ende der Reise bleibt - zumindest theoretisch - die Option auf`s Weiterleben.


    Komm her zu mir, Geselle, hier findst du deine Ruh !


    Folgte der Reisende dieser Einladung, würde er, gegen den Stamm gekauert, erfrieren.


    Und immer hör ich`s rauschen : du fändest Ruhe dort, du fändest Ruhe dort !




    Ciao. Gioachino

    miniminiDIFIDI

  • ein Lied, das piano gesungen werden sollte


    Das soll ja so einiges in der Winterreise... und da gibt es Stellen in anderen Liedern die ich als VIEL schwieriger empfinde wenn man sie piano realisieren will. (Außerdem, aber das wäre ein anderes Thema, habe ich auch was gegen ZU VIEL piano in diesem Zyklus, weil das eine gewisse resignativ-larmoyante Auslegung [die gut und gerne Schuberts eigene gewesen sein mag] befördern kann.)

    Und das e`auf fin- und fän- in der mittleren Lage hat es in sich !


    In der mittleren Lage isses doch d' - das e' steht im Original. Und dieses d' macht mir persönlich gar kein Problem, schon gar nich auf "ä" :)

    Das Ausruhen am Baum ist für mich der Appell zum Suizid.


    Ja ja, ich weiß, das wird sehr oft gesagt. So wie auch oft gesagt wird dass der Leiermann am Schluss den Tod symbolisiert. Offen gestanden: genau seine Popularität (die ja das Todesthema ignoriert) spricht für mich gegen eine solche Auslegung des Liedes. Wie ich oben schon sagte: der Kontext ist natürlich Tod, und daran partizipiert das Lied. Aber sein Besonderes, sein Kontrast ist, dass es Erinnerung mobilisiert. Und die ist (@ Fairy: ich bin da ganz bei Dir!) heimatlich, "traulich", schön. Wie Du ja selber sagst, Gioachino, das Idyll war einmal - real, und es wird erinnert. Und die Sehnsucht dorthin zurück hat natürlich, indem sie einen irrealen Index hat, auch etwas konkret-lebensfeindliches/lebensfremdes. Aber wenn wir jeden Seufzer der Menschen, wenn sie sich zueinen lang vergangenen Glücksmoment zurücksehnen, gleich als Todeswunsch interpretieren würden, wo kämen wir hin?

    ________________________________________________________________________________________________________


    Musica est exercitium metaphysices occultum nescientis se philosophari animi

  • Offen gestanden: genau seine Popularität (die ja das Todesthema ignoriert) spricht für mich gegen eine solche Auslegung des Liedes.


    Nun ja, wenn wir nach Popularität vs. "provokanter" Auslegung gingen, so dürfte es im "Heidenröslein" auch nicht um etwas Sexuelles gehen...


    LG :wink:

    "Was Ihr Theaterleute Eure Tradition nennt, das ist Eure Bequemlichkeit und Schlamperei." Gustav Mahler

Jetzt mitmachen!

Du hast noch kein Benutzerkonto auf unserer Seite? Registriere dich kostenlos und nimm an unserer Community teil!