Stirbt das Klassik-Publikum aus?

  • Daran scheint mir allerdings eher die Schule schuld zu sein als die Uni, und da insbesondere die Primarstufe und der Zugang zum Gymnasium. Die Chancenungleichheit wird zwischen 0 und 10 Jahren verfestigt, nicht danach.

    Ja, das hängt natürlich zusammen. Ich hab die Uni auch nicht als Ursprung des Übels darstellen wollen, sondern als Marker für Bildung (hier geht's ja um Klassik und Bildungszugänge) und etwas, wo tatsächlich sehr belastbare Zahlen vorliegen.

  • Dann sind wir so etwa beim Problem Migration und Spracherwerb und so.

    This play can only function if performed strictly as written and in accordance with its stage instructions, nothing added and nothing removed. (Samuel Beckett)
    playing in good Taste doth not confit of frequent Passages, but in expressing with Strength and Delicacy the Intention of the Composer (F. Geminiani)

  • Ich bin sehr überrascht. Dann hat das mit der Niveausenkung und Verwandlung aller möglicher Einrichtungen in (Privat-)Universitäten nicht so funktioniert.

    Ich glaube, das hat mit Niveausenkung usw. gar nicht so viel zu tun. Tatsächlich spielen "ökonomisches Kapital" und "soziales Feld" eine große Rolle.

    Adieu
    Algabal

    Keine Angst vor der Kultur - es ist nur noch ein Gramm da.

  • Ich bin sehr überrascht. Dann hat das mit der Niveausenkung und Verwandlung aller möglicher Einrichtungen in (Privat-)Universitäten nicht so funktioniert.

    Ich glaube, das hat mit Niveausenkung usw. gar nicht so viel zu tun. Tatsächlich spielen "ökonomisches Kapital" und "soziales Feld" eine große Rolle.

    Das Niveau zu senken, hat den Zweck, mehr Leute durchs Studium zu bringen. Wurde schon vor Jahrzehnten auf technischen Universitäten beklagt.

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  • Das Niveau zu senken, hat den Zweck, mehr Leute durchs Studium zu bringen.

    Ja, aber nicht den Zweck, den Zugang zum Studium für Leute aus bildungsfernen Milieus zu erleichtern.

    Die Formalisierung der Studiengänge im Anschluss an Bologna hat sicherlich zu einer Niveausenkung geführt - gleichzeitig sind, wie erwünscht, die Abschlussquoten gestiegen (das heißt: Mehr Leute, die ein Studium beginnen, schließen es auch ab - und nur für die fließt auch Geld an die Unis. Deswegen gibt es etwa im akademisch-administrativen Sprech das Konzept der "fiskalisch wertlosen Studierenden". Das sind die, die ein Studium aufnehmen, es aber nicht abschließen).

    Das hat aber gar nichts damit zu tun, dass der Anteil von Studierenden aus bildungsfernen Schichten gestiegen wäre. Das war auch nicht das erklärte Ziel dieser ganzen Reform.

    Adieu
    Algabal

    Keine Angst vor der Kultur - es ist nur noch ein Gramm da.

  • Zur "Frage 2" des Threads:

    "Während es bei der Integration darum geht, eine gesonderte Gruppe von Menschen in ein bestehendes System einzugliedern, fordert Inklusion die Umgestaltung des gesamten Systems, sodass allen Menschen eine aktive und gleichberechtigte Mitgestaltung ermöglicht wird."

    (Prof. Dr. Peter Tiedeken, HAW Hamburg, Department Soziale Arbeit, Professor für Soziale Arbeit, Schwerpunkt: Musik in medialen Kontexten)

    "Musik und Inklusion – Zur Reichweite eines Prozesse"

    Ein interessanter Beitrag zum Thema, wie ich finde, dem ich, zumindest was das oben erwähnte Zitat angeht, nichts hinzufügen möchte.

    https://www.eucrea.de/images/mediathek/Peter_Tiedecken.pdf

  • Bernd, der Artikel beschäftigt sich mit Inklusion im Sinne von Menschen mit Behinderungen oder körperlichen und/oder geistigen Beeinträchtigungen:

    "Dementsprechend geht es bei Inklusion nicht um die gesellschaftliche Zugehörigkeit von „Menschen mit Behinderung“ oder gar um die Inklusion von „Menschen mit Behinderung“, sondern vielmehr um die Überwindung defizitärer Kategorisierungen und um das Formulieren und Einfordern von allgemeingültigen Menschenrechten."

    Wir reden doch hier von vollkommen anderen Dingen, die zwar irgendwie damit zu tun haben (siehe mein Post zu Intersektionalität) aber doch da nicht stehen bleiben.. nur weil das Aalto in Essen für's Parkett barrierefrei ist, ist doch nicht die Oper plötzlich inklusiv.

  • Daran scheint mir allerdings eher die Schule schuld zu sein als die Uni, und da insbesondere die Primarstufe und der Zugang zum Gymnasium. Die Chancenungleichheit wird zwischen 0 und 10 Jahren verfestigt, nicht danach.

    Ja, das hängt natürlich zusammen. Ich hab die Uni auch nicht als Ursprung des Übels darstellen wollen, sondern als Marker für Bildung (hier geht's ja um Klassik und Bildungszugänge) und etwas, wo tatsächlich sehr belastbare Zahlen vorliegen.

    Das war mir schon klar, aber ich denke, es zeigt trotzdem etwas auf, was auch für Klassische Musik (oder vielleicht sogar für europäische Kunst abseits der Populärkultur generell) zutrifft: Die Bemühungen um Inklusion* an Universitäten und in Konzertsälen, Opernhäusern und Theatern werden ins Leere laufen, wenn sie gesamtgesellschaftlich nicht mitgetragen werden. Weil viele Personengruppen gar nie bis zur Universität oder bis zur Kunst vordringen, wo diese ihre Inklusionsbestrebungen entfalten könnten, sondern schon vorher durch andere Entitäten, auf die man als Uni oder Kunstschaffener nur sehr mittelbaren Einfluss hat, ferngehalten werden.

    * ich verwende den Begriff nicht in Bernds engem Sinne.

    "Wenn [...] mehrere abweichende Forschungsmeinungen angegeben werden, müssen Sie Stellung nehmen, warum Sie A und nicht B folgen („Reichlich spekulativ die Behauptung von Mumpitz, Dinosaurier im alten Rom, S. 11, dass der Brand Roms 64 n. Chr. durch den hyperventilierenden Hausdrachen des Kaisers ausgelöst worden sei. Dieser war – wie der Grabstein AE 2024,234 zeigt – schon im Jahr zuvor verschieden.“)."
    Andreas Hartmann, Tutorium Quercopolitanum, S. 163.

  • Das war mir schon klar, aber ich denke, es zeigt trotzdem etwas auf, was auch für Klassische Musik (oder vielleicht sogar für europäische Kunst abseits der Populärkultur generell) zutrifft: Die Bemühungen um Inklusion* an Universitäten und in Konzertsälen, Opernhäusern und Theatern werden ins Leere laufen, wenn sie gesamtgesellschaftlich nicht mitgetragen werden. Weil viele Personengruppen gar nie bis zur Universität oder bis zur Kunst vordringen, wo diese ihre Inklusionsbestrebungen entfalten könnten, sondern schon vorher durch andere Entitäten, auf die man als Uni oder Kunstschaffener nur sehr mittelbaren Einfluss hat, ferngehalten werden.

    * ich verwende den Begriff nicht in Bernds engem Sinne.

    Genau das ist es, was Algabal mit sozialem Feld und Regelsystemen meint, denke ich. Ich finde, du triffst den Nagel da sehr genau auf den Kopf :)

  • Nee, nur diskursiv. Die haben Angst was Falsch zu machen und sagen in der Anrede dann einfach alle akademischen Titel auf, die sie kennen.

    Das klingt jetzt despektierlich, ist aber gar nicht so gemeint. Die bewegen sich halt in einem sozialen Feld, für das sie die dort geltenden Spielregeln nicht kennen und das ihnen strunzfremd ist.

    Mein Gott, sind die angepasst!

    Hierzu noch (ich bin gestern kaum oder gar nicht mit dem Lesen nachgekommen): Ich unterrichte zwar nicht im Ruhrgebiet, sondern eher im ländlichen Raum, die Sozialstrukturen sind also andere, das Ergebnis aber dasselbe: Ich unterrichte hauptsächlich First-Generation-Studenten, und die sind alle völlig verängstigt.*

    Ich kann mich nicht erinnern, dass das in meiner eigenen Studienzeit auch schon so war, und wundere mich - weniger über die Angst an sich, als darüber, dass es früher anscheinend auch ohne ging.

    * Ich übertreibe nicht, ich meine wirklich völlig verängstigt. Ich fürchte, wenn man es nicht gesehen hat, glaubt man gar nicht, dass es so etwas ohne konkreten äußeren Anlass geben kann. Die kriegen z.T. in den Seminaren, aus lauter Angst, etwas Falsches zu sagen, nicht mal einen Ton heraus, egal ob man locker in die Runde fragt oder jemanden konkret anspricht, sondern werden nur bleich und würgen herum. Und je einfacher die Frage, umso schlimmer wird's, weil sie nicht daran glauben, dass eine Antwort an der Uni so einfach sein kann/darf.

    "Wenn [...] mehrere abweichende Forschungsmeinungen angegeben werden, müssen Sie Stellung nehmen, warum Sie A und nicht B folgen („Reichlich spekulativ die Behauptung von Mumpitz, Dinosaurier im alten Rom, S. 11, dass der Brand Roms 64 n. Chr. durch den hyperventilierenden Hausdrachen des Kaisers ausgelöst worden sei. Dieser war – wie der Grabstein AE 2024,234 zeigt – schon im Jahr zuvor verschieden.“)."
    Andreas Hartmann, Tutorium Quercopolitanum, S. 163.

  • Also auf die Fragen des Profs gab es bei mir vor ein paar Jahrzehnten auch eisernes Schweigen im Auditorium. Alle haben befürchtet, etwas Blödes zu sagen.

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