Stirbt das Klassik-Publikum aus?

  • Die Bemühungen ... an Universitäten und in Konzertsälen, Opernhäusern und Theatern werden ins Leere laufen, wenn sie gesamtgesellschaftlich nicht mitgetragen werden.

    Wenn mit gesamtgesellschaftlich neben den Bürgerinnen und Bürgern auch die Mandats- und Funktionsträger der Politik in Bund, Ländern, Landkreisen, Städten und Gemeinden gemeint sind, sehe ich gerade hier eine besondere Verantwortung. Nicht nur in der Frage der Finanzierung / Förderung / Subventionierung im Kulturbereich, sondern auch mit Maßnahmen zur früheren und breiteren Einbindung der Bürgerinnen und Bürger in Entscheidungsprozesse.

    Öffentliche Diskussion über kulturelle Angebote und auch die Programmgestaltung von Konzerten sowie gezielte Werbung auch und vor allem an den Bildungseinrichtungen halte ich für geeignete Mittel. Inwieweit die Bemühungen an Universitäten und Schulen ausreichend sind, vermag ich nicht zu beurteilen. Das können die Experten hier im Forum vermitteln, und das tun sie ja auch bereits im Diskurs.

    Darüber hinaus sind, wie gesagt, die Kulturdezernenten der Kommunen in ganz besonderer Weise gefordert. Gesamtgesellschaftlich verstehe ich als größtmögliche Beteiligung der Bevölkerung. Das muss an der Basis vor Ort geschehen. Dies ist aber natürlich auch im ehrenamtlichen Bereich über die aktiven Frauen und Männer möglich und sinnvoll, die sich in der Vereinsarbeit engagieren.

    In diesem "Konzert der Gesamtgesellschaft" kommt freilich auch den Medien lokal wie überregional eine große Bedeutung zu. Nur mit all diesen Maßnahmen als "Gemeinschaftsleistung" wird es meiner Meinung nach gelingen, das Interesse der den z.B. im Klassikbereich eher skeptisch bzw. zurückhaltend gegenüber stehenden Milieus auch in den jungen und jüngeren Generationen zu wecken. Vielleicht kann Frau Roth einen Masterplan entwickeln? Aber u.U. ist ihr das Problem ja auch gar nicht bewusst. Ich weiß es nicht.

  • Also der Reihe nach (ich bin nur einmal am Tag hier...)

    Bernstein sah im Informieren über die Zusammenhänge einen guten Weg zur Vermittlung von klassischer Musik und zum Erzeugen von Interesse dafür. Ich neige dazu, ihm zuzustimmen.

    Auf den ersten Blick nachvollziehbar. Auf den zweiten stellt sich mir aber die Frage nach Ursache und Wirkung. Steht nicht am am Anfang die Musik, ganz voraussetzungslos, und das Interesse für die Zusammenhänge erst an zweiter Stelle? Höre ich zuerst die Kunst der Fuge und interessiere mich dann (gegebenfalls und nicht zwingend) für Kontrapunkt oder weckt die Information über Kontrapunkt das Interesse an der Kunst der Fuge?
    Oder hab' ich's falsch verstanden?

    Das zunächst eingeschränkte Vergnügen kann ja auch dazu führen, dass man neugierig wird und sich - um das Vergnügen zu steigern - Wissen aneignet.

    Ganz sicher. Aber das beantwortet nicht die Frage nach der ursprünglichen Motivation, sich mit was Unbekanntem auseinanderzusetzen. Neugier? Das wäre intrinsisch - eindeutig positiv konnotiert. Dazugehören wollen? Letzteres war sicherlich bis in die Mitte des letzten Jhs. AUCH ein Motiv, sich mit klassischer Musik zu beschäftigen. Das ist aber seit mindestens fünf Jahrzehnten weggefallen. Man erwartet heute nicht mehr, dass jemand, der zur "gehobenen Schicht" (egal wie man die definiert) zählen möchte, einem wie auch immer gearteten Bildungskanon entspricht. Und wenn wir die Hypothese akzeptieren, dass die Musiksozialisation für klassische Musik wesentlich vom Elterhaus kontrolliert wird, dann ist aus diesem Grund der Rückgang des Interesses für klassische Musik naheliegend. Die Eltern interessieren sich schon nicht mehr dafür und geben es deswegen auch nicht weiter (können das auch gar nicht), was dann in der Enkelgeneration zu noch weniger Interesse führt, etc.

    ... aber dass er mitten in der Nacht dazu geprügelt wurde, seine Tonleitern zu üben, hat ihm ALS PIANIST nicht geschadet.

    Nun ja: Das kann man erst post hoc sagen. Es hätte ja auch nach hinten los gehen können. Negative Prägung. Dann hätte er vielleicht niemals im Leben wieder ein Klavier angefasst.

    Leute, die sich damit auskennen, sagen solche Dinge wie "Genie und Begabung sind wichtig, noch wichtiger ist aber Fleiß".

    Jein. Genie und Begabung sagen, wie weit jemand potentiell kommen könnte. Der Fleiß bestimmt, wie weit jemand tatsächlich kommt. Der Unbegabte tut sich dabei halt schwerer als der Begabte.

    Die Vermutung ist korrekt: Priveligiert.

    Inwiefern? Interessiert mich tatsächlich.

    Adieu
    Algabal

    Zuallererst: Wir hatten Eltern, die sowas unterstützt und gefördert haben. Ist nicht selbstverständlich. Für meine Mutter war klassische Musik Bildungsgut, auch wenn sie selber nicht einschlägig sozialisiert war. Sie hat irgendwann angefangen, Klassikplatten zu kaufen und ich durfte etwa mit vier oder fünf Jahren den Plattenspieler bedienen. Ich habe erst sehr viel später erkannt, was das für ein Vertrauensvorschuss war, bei dem Preis, den LPs und gar Kassetten mit Gesamtaufnahmen damals hatten. Irgendwann hat's dann halt gefunkt. Zum zweiten: Die ökonomische Situation war/ist in bisher jeder Generation so, daß die Anschaffung und das Erlernen von Instrumenten, Gesangsausbildung, Opern- oder Konzertbesuche und das Erwerben von Musikträgern keine Einschränkung auf anderen, eventuell wichtigeren Gebieten notwendig gemacht hätten. Auch nicht selbstverständlich. Und zum Dritten: Die Motivation der jeweiligen Folgegeneration hat funktioniert. Wie wir hier schon lesen lesen konnten, kann das auch misslingen. Und die jeweiligen Partner waren ähnlich sozialisiert. Damit hatten wir Bedingungen, bei denen Musizieren - zu Hause oder anderswo, allein oder zusammen mit anderen - selbstverständlch war und die jeweiligen Kinder da ganz automatisch hineinwachsen konnten. Ich sehe das als Privileg an.

    Es ginge m. E. mehr darum, die Denkansätze der fachlich und/oder argumentativ eingeschränkten User:innen zu würdigen und konstruktiv in die Diskussion zu integrieren.

    Das geht bekanntlich so: "Lies diese 700 Seiten, dann würdest Du etwas verstehen, eine kurze Erläuterung bringt nichts".

    8)

    Das ist jetzt schon arg plakativ ;) aber ja....
    Das Problem liegt im Gegenstand der Frage und im einschlägigen Vorwissen und auf welcher Ebene das "Verstehen" erwartet wird. Wenn man einen komplexen Sachverhalt voraussetzungslos erklären soll, dann geht das meist nur mit erheblichen Verkürzungen, was sowohl der Erklärende als auch der Fragende akzeptieren muss, wenn es ohne die 700 Seiten gehen soll. Und ganz wichtig: Nicht jeder kann komplexe Sachverhalte einfach und verständlich darstellen...

    Und dann gäb's ja auch noch diejenigen, die zu faul zum Selbergoogeln sind ("Ich muss morgen eine Arbeit zum Thema [...] abgeben. Was kann ich schreiben..?"). Wenn sie nach dem Selbergoogeln noch Fragen hätten, würde man die ja gern beantworten...

    Die Geistlichen im Mittelalter waren natürlich gebildet und haben die Kunstmusik getragen.

    Hmmm. Geht zwar am Thema vorbei, aber: Ist das nicht ein bisschen pauschal? Und nicht alle haben die Kunstmusik getragen. Da gab's schon auch immer erhebliche Vorbehalte (bis heute). Konstante in der Kirchenmusikgeschichte seit 1800 Jahren.

    Die kriegen z.T. in den Seminaren, aus lauter Angst, etwas Falsches zu sagen, nicht mal einen Ton heraus, egal ob man locker in die Runde fragt oder jemanden konkret anspricht, sondern werden nur bleich und würgen herum. Und je einfacher die Frage, umso schlimmer wird's, weil sie nicht daran glauben, dass eine Antwort an der Uni so einfach sein kann/darf.

    Naja, irgendwann hat sich herumgesprochen, daß Noten (oder allgemeiner: Bewertungen) Auswirkungen auf Lebenschancen haben. Und die Konkurrenz ist groß, größer als früher. Früher, aber das ist schon sehr lange her, konnte man auch mit einem miesen Abitur sein Wunschstudium absolvieren, und wenn dort der Abschluss mies war, gab es hinterher trotzdem einen Job mit Status und Gehalt. Heute ist das schon lange nicht mehr so. Es fängt ja niemand ein Universitätsstudium an, mit dem Lebensziel hinterher Taxi zu fahren. Also vermeiden sie alles, was einen schlechten Eindruck bei Leuten hinterlassen könnte, von denen Bewertungen kommen könnten. Du weißt ja auch nicht, wie es bei denen in der Schule zugegangen ist. Förderung von Selbstbewußtsein war/ist dort möglicherweise nicht hoch priorisiert. Und hat der Lehrer schon immer recht, was ist dann erst mit dem Lehrpersonal an der Hochschule...? Schlecht2 (wie war das nochmal mit der Biographie und dem sozialen Umfeld?)

    By the way: Auf Simpel-Fragen mit offensichtlicher Antwort antworte ich auch nicht, hab' ich auch früher nicht

    "Während es bei der Integration darum geht, eine gesonderte Gruppe von Menschen in ein bestehendes System einzugliedern, fordert Inklusion die Umgestaltung des gesamten Systems, sodass allen Menschen eine aktive und gleichberechtigte Mitgestaltung ermöglicht wird."

    Auch wenn's in dem Artikel, aus dem diese Definition stammt, wohl um Behinderung geht, ist diese Definition nichtsdestoweniger korrekt. Integration würde im Sinne des Themas also bedeuten, bei klassikfernen Menschen die Vorraussetzungen zu schaffen, daß sie klassische Musik goutiern können, d.h.hinreichend niederschwellige Teaser und Bildungsangebote anzubieten. Im Fall der Inklusion würde das bedeuten, da die entsprechende Zielgruppe nicht zur Klassik kommt, die Klassik zur Zielgruppe zu bringen.

    Schwierig. Funktioniert nur, solang es noch keine negativen Ressentiments gibt. Klassik im Bierzelt funktioniert nicht. Also z.B. ab in den Kindergarten und dort kindgerechte Gesprächskonzerte veranstalten. Ja: Macht man. Punktuell. Und dann nur einmal. Nur: Einmal langt nicht. Das muß regelmäßig geschehen, alle Woche etwa, es geht ja schließlich um Sozialisierung. Und dann weiter in diesem Rhythmus in der Grund- und den weiterführenden Schulen. Kostet Zeit (Was streichen wir statt dessen aus dem Stundenplan?) und kostet Geld; damit hinfällig. Der Klassikbetrieb aus sich heraus kann das eh' nicht leisten. Ausserdem kann man dann (zu Recht) einwenden, warum nur Klassik und nicht auch Pop, Schlager Rock, what ever. Und dann verpufft der Effekt wieder...

    :alter1:

    viele Grüße

    Bustopher


    Wenn ein Kopf und ein Buch zusammenstoßen und es klingt hohl, ist denn das allemal im Buche?
    Georg Christoph Lichtenberg, Sudelbücher, Heft D (399)

  • Die Bemühungen ... an Universitäten und in Konzertsälen, Opernhäusern und Theatern werden ins Leere laufen, wenn sie gesamtgesellschaftlich nicht mitgetragen werden.

    Wenn mit gesamtgesellschaftlich neben den Bürgerinnen und Bürgern auch die Mandats- und Funktionsträger der Politik in Bund, Ländern, Landkreisen, Städten und Gemeinden gemeint sind, sehe ich gerade hier eine besondere Verantwortung. Nicht nur in der Frage der Finanzierung / Förderung / Subventionierung im Kulturbereich, sondern auch mit Maßnahmen zur früheren und breiteren Einbindung der Bürgerinnen und Bürger in Entscheidungsprozesse.

    Öffentliche Diskussion über kulturelle Angebote und auch die Programmgestaltung von Konzerten sowie gezielte Werbung auch und vor allem an den Bildungseinrichtungen halte ich für geeignete Mittel. Inwieweit die Bemühungen an Universitäten und Schulen ausreichend sind, vermag ich nicht zu beurteilen. Das können die Experten hier im Forum vermitteln, und das tun sie ja auch bereits im Diskurs.

    Darüber hinaus sind, wie gesagt, die Kulturdezernenten der Kommunen in ganz besonderer Weise gefordert. Gesamtgesellschaftlich verstehe ich als größtmögliche Beteiligung der Bevölkerung. Das muss an der Basis vor Ort geschehen. Dies ist aber natürlich auch im ehrenamtlichen Bereich über die aktiven Frauen und Männer möglich und sinnvoll, die sich in der Vereinsarbeit engagieren.

    In diesem "Konzert der Gesamtgesellschaft" kommt freilich auch den Medien lokal wie überregional eine große Bedeutung zu. Nur mit all diesen Maßnahmen als "Gemeinschaftsleistung" wird es meiner Meinung nach gelingen, das Interesse der den z.B. im Klassikbereich eher skeptisch bzw. zurückhaltend gegenüber stehenden Milieus auch in den jungen und jüngeren Generationen zu wecken. Vielleicht kann Frau Roth einen Masterplan entwickeln? Aber u.U. ist ihr das Problem ja auch gar nicht bewusst. Ich weiß es nicht.

    Ja. Ohne Zweifel.

    Nur, wenn's um Klassik geht, brauchst Du Deinen Ausführungen zufolge einen gesamtgesellschaftlichen Konsens zur Förderung speziell der KLASSIK. Wenn nun aber, wie wir alle wissen, einer Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger die Klassik am Dingenskirchen vorbeigeht und wir weiterhin unterstellen, daß Mandats- und Funktionsträger:Innen einen repräsentativen Schnitt der Allgemeinbevölkerung darstellen, dann gibt es den schlechterdings nicht, und bestenfalls bleibt alles beim alten. Der Kuchen läßt sich ja nur einmal teilen, und die anderen wollen auch ihr Stück. Ausserdem bezweifle ich, daß eine Erhöhung des Angebotes auch zu mehr Breitenwirkung führt. Da hülfe höchstens Werbung in der Penetranz von Seitenbachermüsli, aber nicht an den Bildungseinrichtungen. Dort erreicht man Otto und Otilie Normalverbraucher:in nicht.

    Eine öffentliche Diskussion über Kulturangebote und Programmgestaltung, die nicht von der öffentlichen Hand angeboten bzw. finanziert werden, übersteigt die Regelungskompetenz der Politik. Wenn das Programm aber privat(wirtschaftlich) organisiert ist, wie sollte so eine öffentliche Diskussion aussehen? Abfrage, was denn gewünscht wird? ("Wollt ihr Elfmeter? - Nein! - Wollt ihr Verlängerung? - Nein! - Was wollt ihr dann? - Maoam..!"). Die Vorstellung halte ich ehrlich gesagt für absurd. Und wer hätte überhaupt ein Interesse daran? Wer würde sich daran beteiligen? Die, die nicht hingehen? Und wenn ja: wäre das wünschenswert im Sinne derer, die hingehen? Könnte es sein, dass letztere daduch verprellt werden und auch nicht mehr kommen? (Um es zu verdeutlichen: Eine größere Firma hier in der Gegend hat vor einiger Zeit eine Umfrage zum Kantinenessen gemacht, bei der sich eine veritable Fraktion für Veggi ausgesprochen hat. Nur: Die Veggi-Fraktion dort geht mehrheitlich gar nicht in die Kantine, die hat nur mitabgestimmt, mit der Folge, daß es Ausgaben mit Veggi-Mahlzeiten gibt, die fast keiner haben will und sich dafür lange Wartesschlangen vor den anderen Ausgaben bilden...)

    Und die Vereine und Ehrenamtlichen tun eh' schon das mögliche. Die binden nach ihren Möglichkeiten auch jetzt schon die Medien ein. Das ist blanker Eigennutz, sie müssen ja kostendeckend arbeiten. In diesem Segment kenne ich auch spezielle (kostenlose) Kindermartineen vor einem "echten" Konzert und kostenlose "Mitgehkarten" für Kinder und Jugendliche, die den Abonnenten zur Verfügung gestellt werden. Gute Sache, auch und besonders im Hinblick auf die Entlastung des Familienbudgets. Gehen halt hauptsächlich die hin, die ohnehin schon klassik-affin aufwachsen...

    viele Grüße

    Bustopher


    Wenn ein Kopf und ein Buch zusammenstoßen und es klingt hohl, ist denn das allemal im Buche?
    Georg Christoph Lichtenberg, Sudelbücher, Heft D (399)

  • Die Bemühungen um Inklusion* an Universitäten und in Konzertsälen, Opernhäusern und Theatern werden ins Leere laufen, wenn sie gesamtgesellschaftlich nicht mitgetragen werden.

    Unabhängig von dem Begriff "Inklusion" bitte ich Dich, einmal zu erläutern, was Du mit Deiner Aussage

    wenn sie gesamtgesellschaftlich nicht mitgetragen werden

    meinst, insbesondere was/wen Du mit gesamtgesellschaftlich ansprichst und was Du konkret unter mittragen verstehst.

    Danke Dir vorab dafür!

    Ich stimme Dir in Deiner These absolut zu und hatte versucht, meine Gedanken über mögliche Maßnahmen zu äußern. bustopher hat sich damit sehr konstruktiv und für mich nachvollziehbar auseinandergesetzt.

    Ich hatte, um es in zwei Sätzen zusammen zu fassen,

    1. auf die Verantwortung der politischen Mandatsträger

    hingewiesen, und

    2. einen breiten öffentlichen Diskurs über kulturelle Angebote

    als mögliche Maßnahme vorgeschlagen, ohne damit einen Anspruch auf Vollständigkeit des gesamten Spektrums möglicher Initiativen zu erheben. Viele der Argumente, nicht alle, von bustopher dazu teile ich. Die weitere sachbezogene Auseinandersetzung um das Für und Wider halte ich für lohnenswert.

  • Zuallererst: Wir hatten Eltern, die sowas unterstützt und gefördert haben. Ist nicht selbstverständlich. [...] Ich sehe das als Privileg an.

    Danke! Ja, das ist plausibel. Und ja: Ich sehe das auch als Privileg an. Und das ist ja gar nix schlechtes. Eine solche "Förderung" ist eben - wie Du schreibst - nicht selbstverständlich und hat eben im erheblichen Maße mit dem sozialen Feld zu tun, in dem man sozialisiert wird. Nichts anderes ist es, was Bourdieu in "Die biographische Illusion"* ausführt. :)

    Adieu
    Algabal

    *und in "Die feinen Unterschiede" und in "Sozialer Raum und Klassen" undundund

    Keine Angst vor der Kultur - es ist nur noch ein Gramm da.

  • mitabgestimmt

    Ich habe nicht von Abstimmung der Bevölkerung, sondern von BürgerInnen-Beteiligung gesprochen. Vielen Deiner Argumente kann ich mich anschließen (auch ich habe Zweifel), aber, um nur auf einige Punkte einzugehen:

    einen gesamtgesellschaftlichen Konsens zur Förderung speziell der KLASSIK.

    Nein. Der ist nicht möglich und auch nicht angestrebt. Das wäre absolute Utopie und auch nicht wünschenswert.

    bezweifle ich, daß eine Erhöhung des Angebotes auch zu mehr Breitenwirkung führt.

    Ich auch. Das habe ich auch nicht gesagt.

    Und wer hätte überhaupt ein Interesse daran?

    Pädagogen sollten es haben. Und die von mir zitierten Mandatsträger.

    Und die Vereine und Ehrenamtlichen tun eh' schon das mögliche.

    Zustimmung!

    Was soll denn das Mittragen "gesamtgesellschaftlich" bedeuten, wenn Innovation und die öffentliche Diskussion über mögliche Schritte ausbleiben?

  • Auch wenn ich eventuell wiederhole, was schon gesagt wurde. Ich bin für Inklusion. Das ist klar. Nur möchte ich sagen, dass wir eigentlich auf sehr vielen Gebieten schon sehr viele Fortschritte zu verbuchen haben, wenn man im Auge behält, wo wir vor 200 Jahren waren, dies nur mal so als Messlatte genommen.

    Auf einigen Gebieten wie zB Diskriminierung gegen Fauen und Minderheiten und bei Rassismus gibt es da noch einiges zu tun, aber selbst hier haben wir schon viel gelernt.

    Bei klassischer Musik, die ja nun wirklich für viele nicht so lebenswichtig ist, finde ich, dass man das Mass an äusserlichen Massnahmen so ungefähr erreicht hat. Damit meine ich, dass klassische Musik noch nie so breitenzugänglich war, wie heute.

    Was mMn übrig ist, ist ein innerliches Problem: Entweder in Form einer Abneigung bei vielen Menschen - darf man auch nicht vergessen, dass sie klassische Musik eben einfach nicht mögen und warum soll man sie dann "missionieren"; oder in Form einer Art Massenpsychose des unbewussten oder halb-bewussten, nebulösen sich-ausgegrenzt-Fühlens, welches freischwebend auf allerhand Dinge projeziert wird, uA eben auch auf bestimmete Arten von Kunst und ihre Einrichtungen.

    Es ist doch tatsächlich so, dass heutzutage niemand real ausgeschlossen ist, sondern dass sich die Leute selber ausschliessen, egal aus welchem Grund. Dass man zB als Soziologe, Psychologe oder Historiker da tiefere Gründe vermutet und natürlich findet (if all you have is a hammer, everything looks like a nail), ändert nichts an dieser Realität. Und eine Lösung des Problems hat man damit noch lange nicht gefunden. ((((Ich frage mich dann sogar manchmal, ob nicht die Soziologen, die Psychologen, die Historiker und wie sie alle heissen sich immer neue und kompliziertere Nägel suchen, weil sie ja nur ihren Hammer haben. :versteck1:)))

    Kurz: Ich bin mir gar nicht sicher, ob das abnehmende Interesse an klassischer Musik wirklich auf fehlende Inklusion zurückzuführen ist.

    Wenn ich die Sache bis ans bittere Ende durchdenke, dann hoffe ich nur, dass nach all unserer Inklusion ausser Geräuschen, sensiblen Schnulzen und cross-over im Konzertsaal auch noch Mozart und Bach gespielt wird - auf angemessen hohem künstlerischen Niveau.

  • Gestern saß ich in einem kleinen aber vollen Saal leicht außerhalb des Stadtzentrums mit einem von atonalen Schönberg-Liedern dominierten Programm und fühlte diese Diskussion hier angenehm weit weg. Zwecks Inklusion gab es von Schönberg arrangierten Schubert. Die einleitenden Vorworte inkludierten mich Zuspätkommenden ins Publikum.

    This play can only function if performed strictly as written and in accordance with its stage instructions, nothing added and nothing removed. (Samuel Beckett)
    playing in good Taste doth not confit of frequent Passages, but in expressing with Strength and Delicacy the Intention of the Composer (F. Geminiani)

  • Schon in meiner Volksschulzeit (80er) kam mal ein älteres Cello-Mädchen ins Foyer und spielte den Schwan. Klassik kommt also schon länger in die Volksschule. Ich weiß von Bestrebungen einer Musikschule, "mehr zu den Leuten hinaus" zu gehen.

    Konzertprogramme sehe ich weniger als Problem. Das Konzerthaus als Gebäude ist dank Grönemeier und Kabarettisten auch nicht mehr "elitär". Die arroganten Säcke im Publikum kann man schwer austauschen - und gegen wen?

    This play can only function if performed strictly as written and in accordance with its stage instructions, nothing added and nothing removed. (Samuel Beckett)
    playing in good Taste doth not confit of frequent Passages, but in expressing with Strength and Delicacy the Intention of the Composer (F. Geminiani)

  • Im "goldenen Wiener Musikvereinssaal" findet nicht nur das Mega-Event "Neujahrskonzert" statt, dort hat auch schon Andreas Gabalier "unplugged" brilliert.

    This play can only function if performed strictly as written and in accordance with its stage instructions, nothing added and nothing removed. (Samuel Beckett)
    playing in good Taste doth not confit of frequent Passages, but in expressing with Strength and Delicacy the Intention of the Composer (F. Geminiani)

  • Das Konzerthaus als Gebäude ist dank Grönemeier und Kabarettisten auch nicht mehr "elitär"

    Das stimmt - während man bei Shostakovich 9 häufig nur 100 Figuren im Konzertsaal sieht, sind bei James Bond Soundtrackabenden, Herr der Ringe oder Harry Potter live in Concert die Dinger gerappelt voll. Das ist ja auch nicht verkehrt, so kommt wenigstens mal ein bisschen Kohle in die Bude und die Leute hören vielleicht zum ersten Mal im Leben ein Symphonieorchester.

    Was ich problematischer und irgendwie resignativ finde, ist die Haltung "vor 200 Jahren war's schlimmer, heute hat man das Maximum rausgeholt". Woher wollen wir das denn wissen? Das ist erst in der Retrospektive zu beurteilen. Sexismus und Rassismus waren im Übrigen auch schon mal schlimmer - deswegen drauf ausruhen sollten wir uns nicht, wie Rosamunde ja richtig erkannt hat. Aber zu behaupten, es reiche jetzt an Bemühungen, die Klassikszene inklusiver und willkommener zu gestalten, finde ich echt schwierig, wenn wir zumindest ständig Orchester und Spielorte von der Schließung bedroht sehen. Aber gut. Wer bin ich schon. Ich bin ja einer von diesen Historikern, die einfach mit ihrem Hammer auf imaginierte Nägel kloppen, damit mein Job nicht genau so wegrationalisiert wird wie der von Orchestermusikern in Birmingham.

  • Ich frage mich dann sogar manchmal, ob nicht die Soziologen, die Psychologen, die Historiker und wie sie alle heissen sich immer neue und kompliziertere Nägel suchen, weil sie ja nur ihren Hammer haben.

    Was wären denn andere, ggf. bessere Hämmer? Der »gesunde Menschenverstand«? Ich fürchte nicht, denn der hat, wie Vilém Flusser wusste, »bekanntlich niemals recht«. :P Der »von Methoden unverstellte Blick auf die Welt«? Ich fürchte, den gibt es gar nicht.

    Naja, egal.

    Adieu
    Algabal

    Keine Angst vor der Kultur - es ist nur noch ein Gramm da.

  • Kurz: Ich bin mir gar nicht sicher, ob das abnehmende Interesse an klassischer Musik wirklich auf fehlende Inklusion zurückzuführen ist.

    Da möchte ich Dir ausdrücklich zustimmen. Wie hier inzwischen mehrfach, auch mit Studien aufgezeigt, ist es 1. gar nicht so pauschal zu sagen, dass das Interesse an klassischer Musik abnimmt, und 2. ich bin mir sicher, dass fehlende Inklusion (in unabhängig von diesem Begriff richtig verstandenen Sinn) nicht ernsthaft als Ursache für die hier im Thread geäußerten Vorbehalte in bestimmten Milieus angeführt werden kann.

  • ch bin mir sicher, dass fehlende Inklusion (in unabhängig von diesem Begriff richtig verstandenen Sinn) nicht ernsthaft als Ursache für die hier im Thread geäußerten Vorbehalte in bestimmten Milieus angeführt werden kann.

    Und mit welcher Begründung kannst du das?

  • Bei klassischer Musik, die ja nun wirklich für viele nicht so lebenswichtig ist, finde ich, dass man das Mass an äusserlichen Massnahmen so ungefähr erreicht hat.

    Den Eindruck habe ich auch. Es gab hier in der Diskussion ja auch von den Inklusionisten keinen Vorschlag, was man denn überhaupt noch tun sollte.

    This play can only function if performed strictly as written and in accordance with its stage instructions, nothing added and nothing removed. (Samuel Beckett)
    playing in good Taste doth not confit of frequent Passages, but in expressing with Strength and Delicacy the Intention of the Composer (F. Geminiani)

  • Es gab hier in der Diskussion ja auch von den Inklusionisten keinen Vorschlag, was man denn überhaupt noch tun sollte.

    Zum Beispiel mit Klassik-Neulingen freundlich umgehen, anstatt Ihrer Neugier und Emphase, ggf. auch ihre Unbedarftheit und womöglich forsche Art (womit ich nicht Trollerei meine) mit Ablehnung zu begegnen. Das wäre schon mal ein guter Anfang, den man sogar hier praktizieren könnte.

    Adieu
    Algabal

    Keine Angst vor der Kultur - es ist nur noch ein Gramm da.

  • Es gab hier in der Diskussion ja auch von den Inklusionisten keinen Vorschlag, was man denn überhaupt noch tun sollte.

    Doch klar. Wir goutieren ja, was die Leute, die sich mit Klassik befassen (teilweise professionell) erzählen. Das sind aber keine flächendeckenden Phänomene.

    Meine Schule bot zB an, dass man sich während man an der Schule angemeldet war, gratis ein Instrument ausleihen konnte. Das war aber eine Privatschule im Rheinland - das heißt, die Kinder, die da hingingen, kamen sowieso tendenziell eher aus affluenten Familien. Während meine Schule drei Konzertflügel, eine Kirchenorgel, ein Schulorchester, eine Bigband und viele weitere Möglichkeiten unterhielt, regnete es Luftlinie 15km weiter in die Schule rein. Hier in Essen ist an sowas außerhalb der wohlhabenden Bezirke auch nicht zu denken. Klar, wäre natürlich ideal, wenn jede Schule so ausgestattet wäre - aber das Erlernen eines Instruments ist eben ein totaler Statusmarker. Instrumentalunterricht ist nicht günstig und wenn dazu noch ein Instrument erworben werden muss, ist das für viele Familien einfach nicht drin. Das heißt jetzt nicht, dass jede Schule eine Orgel braucht. Aber Musikunterricht wird aktuell eher zugunsten von MINT-Fächern gekürzt. Mein Bruder wäre im Übrigen fast wegen Musik sitzen geblieben, weil er keine Noten lesen konnte (in der 6. Klasse). Da könnte man auch über eine Umstrukturierung des Fachs nachdenken und reflektieren, ob Musik nicht zu allererst für Freude und Genuss da sein sollte und ob es dann wirklich einer strikten, versetzungsrelevanten Prüfung bedarf.. selbiges müsste natürlich für Kunst gelten.

  • Es gab hier in der Diskussion ja auch von den Inklusionisten keinen Vorschlag, was man denn überhaupt noch tun sollte.

    Zum Beispiel mit Klassik-Neulingen freundlich umgehen, anstatt Ihrer Neugier und Emphase, ggf. auch ihre Unbedarftheit und forschen Art (womit ich nicht Trollerei meine) mit zu Ablehnung begegnen. Das wäre schon mal ein guter Anfang, den man sogar hier praktizieren könnte.

    An wen richtet sich das?

    This play can only function if performed strictly as written and in accordance with its stage instructions, nothing added and nothing removed. (Samuel Beckett)
    playing in good Taste doth not confit of frequent Passages, but in expressing with Strength and Delicacy the Intention of the Composer (F. Geminiani)

  • Und mit welcher Begründung kannst du das?

    Aus dem überwiegenden Teil der bislang genannten Argumente, die mich nicht überzeugt haben. Vor allem die geäußerten Ansichten aus dem jeweiligen persönlichen Umfeld bestärkten mich in meiner "Sicherheit", die natürlich nur meine ist.

Jetzt mitmachen!

Du hast noch kein Benutzerkonto auf unserer Seite? Registriere dich kostenlos und nimm an unserer Community teil!