"Wagner-Stimmen" – was macht sie aus?

  • Lieber Yorick,
    im Großen und Ganzen stimme ich deinem Urteil zu, wobei meine Bewertung letztendlich eine positivere ist.

    aber mir fehlt durchaus das lyrische Element, das ich bei Kaufmann besser gestaltet finde; und ich vermisse das Heroische, das Heldische, den Großen Ton.


    Für das Heroische und Heldische ist Vogt sicher nicht der richtige Mann. Die Faszination, die von seiner Stimme ausgeht (gerade bei Liveauftritten) ist ganz anderer Art als die Urgewalt der traditionellen Heldentenöre. Dabei ist seine Stimme vom Volumen her nicht klein. Das lyrische Element fehlt mit bei Vogt allerdings nicht, ich finde ganz im Gegenteil seine Gestaltung der meisten Stücke ausgesprochen lyrisch und zurückgenommen.

    aber auch mir klingt alles in der Gestaltung der jeweiligen Rolle einfach zu wenig differenziert, unter Sigmund und Parsifal stelle ich mir auch anderes vor.


    Den Vorwurf der mangelnden Differenzierung kann ich nachvollziehen, man hört nicht Siegfried oder Erik, sondern immer Vogt. Das ist eine Schwäche dieser Studioproduktion. Den gleichen Vorwurf muss man meiner Meinung nach auch dem Dirigenten Jonathan Nott machen, dessen farblose und gleichförmige Begleitung einen schwachen Eindruck hinterlässt.
    Natürlich stelle ich mir Tristan, Siegfried oder (gerade!) Siegmund auch anders vor. Aber ich empfinde Vogts Interpretationen als interessant und als aufregend anders. So kann Siegmund auch klingen. Aber ich möchte ihn nicht immer so hören.

    Ich liebe Wagners Musik mehr als irgendeine andre. Sie ist so laut, daß man sich die ganze Zeit unterhalten kann, ohne daß andre Menschen hören, was man sagt. - Oscar Wilde

  • Du hast natürlich Recht; im Lyrischen liegt neben der Klarheit seine größte Stärke; ich sehe nur Kaufmann speziell im lyrischen Ton schon noch ein wenig vorne. Deine anderen völlig richtigen Einschätzungen scheinen mir darzutun, dass du genau wie ich noch auf den ultimativen Wagner-Tenor wartest, der den Rollen ein Leben einhaucht, wie es die Fachleute von Melchior behaupten. Aber vielleicht ist das heute gar nicht mehr möglich, bei den Orchestern und der unglaublichen Belastung der Sänger.

  • Deine anderen völlig richtigen Einschätzungen scheinen mir darzutun, dass du genau wie ich noch auf den ultimativen Wagner-Tenor wartest, der den Rollen ein Leben einhaucht, wie es die Fachleute von Melchior behaupten.


    Nein, so würde ich das nicht sagen. Ich habe nicht das Gefühl, das mir etwas fehlen würde.
    Vogt und Kaufmann haben ganz unterschiedliche unverwechselbare Stimmen und jeweils eigene Stärken und Schwächen. Aber ich schätze beide Künstler sehr und bewundere ihre Leistungen. Und die beiden sind ja nicht die einzigen guten Wagner-Tenöre, die es seit Melchior gegeben hat. Es gibt so viele hervorragende Sänger, die jeweils ganz unterschiedliche Stärken einbringen, wenn sie Wagner singen, dass ich "den ultimativen Wagner-Tenor" eigentlich gar nicht brauche zu meinem Opern-Glück.

    Aber vielleicht ist das heute gar nicht mehr möglich, bei den Orchestern und der unglaublichen Belastung der Sänger.


    An dieser Befürchtung ist sicher viel wahres dran, aber gleichzeitig tut man damit auch vielen engagierten Sängern und Dirigenten Unrecht. Ich sehe da in den letzten Jahren ein Umdenken: Viele Intendanten und GMDs kleinerer Theater werden sich wieder der Bedeutung des klassischen Ensembles bewusst, viele kleinere und mittlere Häuser in ganz Deutschland spielen regelmäßig Wagner. Da können dann Sänger auch ohne die "große Röhre", die sie vielleicht für München oder Berlin bräuchten, Wagner singen, mit dem Heimvorteil und der Sicherheit einer vertrauten Umgebung und mit Kollegen, mit denen das Zusammenspiel allabendlich erprobt ist. Außerdem müssen sie den Siegfried oder die Isolde dann nich jeden Abend in einer anderen europäischen Großstadt singen, sondern nur hin und wieder und mit ganz anderen Rollen dazwischen.
    Und so gibt es auch heute noch "Oasen", wo Sänger nicht mit den riesigen Orchestern und der unglaublichen Belastung zu kämpfen haben, sondern wo es immer noch möglich ist, einfach gute Musik zu machen.

    Ich liebe Wagners Musik mehr als irgendeine andre. Sie ist so laut, daß man sich die ganze Zeit unterhalten kann, ohne daß andre Menschen hören, was man sagt. - Oscar Wilde

  • Wagner-Tenöre im Spiegel der Zeiten

    In der Reihe Stimmen hören befasst sich Chris Tina Tengel am 19. März 2015 von 19:30-21:00 auf Ö1 mit der Frage: Wo bleiben die "Helden"?


    In der Sender-Info heißt es:
    "125 Jahre ist es bereits her, dass in Kopenhagen Lauritz Melchior auf die Welt gekommen ist, und nach wie vor gilt er vielen aus der 'Wagnerianer'-Fraktion als das Nonplusultra des 'heldischen' Tenorsingens in TANNHÄUSER, TRISTAN UND ISOLDE und dem RING DES NIBELUNGEN. Kann man das so stehen lassen? Sind Tenöre wie (um auf die Bayreuther Festspiele zu fokussieren) Wolfgang Windgassen, Hans Hopf, Renè Kollo, die Solisten des 'Jahrhundertrings', dann Siegfried Jerusalem oder Stephen Gould tatsächlich im Vergleich zum Scheitern verurteilt?"


    Gespannt darf man darauf sein, ob in die kritische Betrachtung auch weitere Tenöre der neueren Garde, wie z.B. Peter Seiffert, Ben Heppner, Johan Botha, Torsten Kerl oder Lance Ryan einbezogen werden.

  • In der Reihe Stimmen hören befasst sich Chris Tina Tengel am 19. März 2015 von 19:30-21:00 auf Ö1 mit der Frage: Wo bleiben die "Helden"?


    In der Sender-Info heißt es:
    "125 Jahre ist es bereits her, dass in Kopenhagen Lauritz Melchior auf die Welt gekommen ist, und nach wie vor gilt er vielen aus der 'Wagnerianer'-Fraktion als das Nonplusultra des 'heldischen' Tenorsingens in TANNHÄUSER, TRISTAN UND ISOLDE und dem RING DES NIBELUNGEN. Kann man das so stehen lassen? Sind Tenöre wie (um auf die Bayreuther Festspiele zu fokussieren) Wolfgang Windgassen, Hans Hopf, Renè Kollo, die Solisten des 'Jahrhundertrings', dann Siegfried Jerusalem oder Stephen Gould tatsächlich im Vergleich zum Scheitern verurteilt?"


    Vielen Dank, lysiart, für den Programmhinweis! Ich kannte die Sendereihe nicht (auch da schon wieder was gelernt). Die präsentierten Musikbeispiele sind auf "http://oe1.orf.at/programm/399787" gelistet.


    Die Anmoderationen waren sachkundig und österreichisch-charmant, aber um die genannte Fragestellung anzugehen, m.M.n. zu kurz und unverbindlich. Was ich aus der Auswahl indirekt mitnehmen muss ist die Aussage, "Helden-Tenöre gab es, aber heute nicht mehr" (wobei auch die Definition des Begriffs vage blieb), und ich persönlich füge im Geiste hinzu: Bin nicht sicher, ob ich sie vermisse. Klar, gewisse ästhetische Ideale, insbesondere was die Diktion betrifft, sind Zeitempfindungen unterworfen und die Aufnahmetechnik der Zeit macht die Differenzierung nicht einfacher. Als heute aktiver Sänger wurde allein Jonas Kaufmann präsentiert mit einem Tannhäuser-Beispiel und dem Hinweis, dass er sich dem Kern-Helden-Repertoire (noch) nicht zugewandt hätte.


    Hat sich vielleicht auch der Fokus verändert, den das Publikum von einem Wagner-Interpreten erhofft? Ist es eventuell bereit auf das Erlebnis zu verzichten, sich vokal und instrumental niederblasen zu lassen, zugunsten einer mehr dramatisch-differenzierten Interpretation? War leider kein Thema dieser 90 Minuten.

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