Wolfgang Wagner (30.08.1919 - 21.03.2010)

  • Wolfgang Wagner (30.08.1919 - 21.03.2010)

    Gestern starb in Bayreuth Wolfgang Wagner; er wurde 90 Jahre alt. Er hinterläßt eine Lebensarbeit, die eine Würdigung verdient, und es ist sicher angemessen, wenn wir uns in Capriccio näher mit ihm und seinem Werk beschäftigen.

    Wagner stammt aus einer berühmten Familie. Siegfried Wagner war sein Vater, Richard Wagner sein Großvater und Franz Liszt sein Urgroßvater. Daß er an der Weiterführung der Bayreuther Festspiele beteiligt sein sollte, war ihm also in die Wiege gelegt. Dazu paßte eine frühe theaterpraktische und musikalische Ausbildung (ab 1940 an der Staatsoper Berlin). Nach dem II: Weltkrieg übernahm er gemeinsam mit seinem Bruder Wieland (1917-1966) die Leitung der Bayreuther Festspiele, die er nach dem frühen Tod des Bruders allein fortsetzte. Er führte auch wiederholt Regie, was nicht unumstritten war, da er sich künstlerisch wohl nie aus dem Schatten des begabteren Bruders lösen konnte. Das oft zitierte "Neu-Bayreuth" (Entrümpelung nach 1945 war in erster Linie Wielands Werk).

    Eine genaue Darstellung des Lebens Wolfgang Wagners fiele wohl weitgehend mit einer der Geschichte der Bayreuther Festspiele der Nachkriegszeit bis heute zusammen; das sind immerhin gut sechs Jahrzehnte! Hier nur so viel: Auch als organisatorischer Leiter der Festspiele fand Wagner Bewunderung, erntete aber auch Kritik, vor allem in den letzten Jahren, als die Frage der Nachfolge immer aktueller wurde. 2008 erklärte Wagner seinen Rücktritt von der künstlerischen Leitung, die von seinen beiden Töchtern Eva Wagner-Pasquier (geb. 1945, aus seiner ersten Ehe mit Ellen Drexel, 1919-2002) und Katharina Wagner (geb. 1978, aus seiner zweiten Ehe mit Gudrun Mack, 1944-2007) im September 2008 übernommen wurde.

    Man mag zu Wolfgang Wagner stehen, wie man will - sein Lebenswerk verdient sicher Respekt und Anerkennung. Eine Würdigung in diesem Sinn schließt für mich allerdings Kritik nicht aus, im Gegenteil.

    Deshalb Fragen in die Runde, nicht nur an Wagnerianer/innen:

    Wie seht Ihr die Leistungen und das Lebenswerk Wolfgang Wagners?

    Oder, allgemeiner gefragt:

    Was ist wichtig im Zusammenhang mit der Person Wolfgang Wagners?

    Es grüßt Gurnemanz

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    Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
    Helmut Lachenmann

  • heute wurde in der HAZ Hans-Peter Lehmann (mehrjähriger Assistent in Bayreuth) mit folgenden Worten zitiert:
    ...als 1968 die Jung-Revolutionäre den „elitären“ Grünen Hügel erstürmen wollten, öffnete Wolfgang Wagner ihnen den Zuschauerraum, sagte, „Was ihr wollt, wollte mein Großvater schon vor 100 Jahren“, und hielt einen druckreifen Vortrag in fränkischem Tonfall....

    :wink:

    „Ein Komponist, der weiß, was er will, will doch nur was er weiß...“ Helmut Lachenmann

  • Lieber Gurnemanz,

    danke für deine ebenso geraffte wie informative Darstellung.

    Trotz aller Kritik, die ich nicht außer Acht lassen will, handelt es sich um ein bedeutendes Lebenswerk. Schon die Dauer ist beachtlich, aber letztlich war die Richtungsvorgabe in der Inszenierungspraxis, die er trotz anderer Ergebnisse eigener Regie - Arbeit gegen massive, ultrakonservative Widerstände in Gang gesetzt hat, m. E. notwendig und auch maßstabsetzend. Chereaux, Kupfer, Götz und Schlingensief wurden hier möglich, stellvertretend genannt für die moderne Sicht auf Wagners Hauptwerke, die die universelle Interpretierbarkeit unterstreicht.

    Bedauerlich die Erstarrung gegen Ende seiner Amtszeit zu und auch der Beibehalt der eingenartigen Geschäftskonzeption, wobei ich Letzteres mit Fragezeichen versehe. Vielleicht hält tatsächlich nur dann "die Bude voll", wenn man den Betrieb so komprimiert laufen lässt...


    :wink:

    Wer kämpft, kann verlieren, wer nicht kämpft, hat schon verloren (Bert Brecht)

    ACHTUNG, hier spricht Käpt´n Niveau: WIR SINKEN!! :murg: (Postkartenspruch)

  • Hat's doch noch jemand in Angriff genommen. Über

    Zitat

    die moderne Sicht auf Wagners Hauptwerke, die die universelle Interpretierbarkeit unterstreicht.


    gab es im Forum (Regietheater) ja schon genug Diskussion, gerade mit Bezug auf Wagner. Hier sehe ich keine dicke Leistung. Interessanter ist wohl die Abstraktion, die schon unter Winifred und Tietjen eingesetzt hatte und dann von Wieland Wagner in 'Neu-Bayreuth' weitergeführt wurde. Über spezifische Qualitäten Wolfgang Wagners mag ich nichts sagen. Allerdings: Sein letzter "Parsifal" wurde vor einigen Monaten oft im TV gezeigt, und ich zappte bei Bekannten abends durch die Programme, blieb jedes Mal beim "Parsifal" hängen: Es gefiel mir: einfach, nicht aufdringlich 'interpretierend'.

    Was mich manchmal ein wenig störte, ist, dass Wolfgang Wagner so gar nichts zur Rolle seiner Mutter im NS sagen wollte. Aber das Thema ist nun völlig ausgereizt. Friedelind Wagner sowie seine Nichten und Neffen haben das erledigt. Und dann gibt es ja noch das Buch von Hamann.

    Ich bin weltoffen, tolerant und schön.

  • Über

    gab es im Forum (Regietheater) ja schon genug Diskussion, gerade mit Bezug auf Wagner. Hier sehe ich keine dicke Leistung.

    Wolfgang Wagners Leistung - und so habe ich auch Ulrica verstanden - bestand wohl eher darin, daß er die genannten Regisseure engagierte und Bayreuth prägen ließ. Von den eigenen Regiearbeiten kenne ich nichts selbst. Waren die eigentlich alle so mittelmäßig, wie man immer wieder lesen kann? ("Nicht aufdringlich" ist da wohl noch eine ganz freundliche Charakterisierung...)

    :wink:

    Es grüßt Gurnemanz

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    Helmut Lachenmann

  • Zitat

    Von den eigenen Regiearbeiten kenne ich nichts selbst. Waren die eigentlich alle so mittelmäßig, wie man immer wieder lesen kann? ("Nicht aufdringlich" ist da wohl noch eine ganz freundliche Charakterisierung...)

    ich habe TV-Mitschnitte von den Meistersingern und den Parsifal (beides Bayreuth). Da ist alles uninteressant: Das Dirigat und die Regie...

    :wink:

    „Ein Komponist, der weiß, was er will, will doch nur was er weiß...“ Helmut Lachenmann

  • Da ist alles uninteressant: Das Dirigat und die Regie...

    Was meinst Du mit "uninteressant", lieber Amfortas? Ein bißchen genauer fände ich nett, jedenfalls was die Regie angeht (denn dirigiert hat W. Wagner da sicher nicht).

    :wink:

    Es grüßt Gurnemanz

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    Helmut Lachenmann

  • Zitat

    Ein bißchen genauer fände ich nett, jedenfalls was die Regie angeht (denn dirigiert hat W. Wagner da sicher nicht).

    nein, die Meistersinger sind mit ML Horst Stein und der Parsifal mit ML Sinopoli. Beides hat mich überhaupt nicht vom Hocker gerissen, keine Akzente vom Orchester, eher Begleitung... dann die Regie des z.B. Parsifals. Ich habe den Eindruck, dass überhaupt nicht der Versuch gemacht wurde, das Werk zu interpretieren, auf Subtexte einzugehen bzw. Fragen an dieses Musikdrama zu stellen, nee, bloß reine Abbildung .. ok. klingt jetzt noch sehr allgemein.. also eine konzertante Wiedergabe wäre in diesem Falle ebenso sinnvoll gewesen.. wenn ich Motivation und Zeit habe, werde ich mir dieses DVD des ZDF-Theaterkanalmitschnitts noch-einmal reinziehen und detailierter mein Missbehagen mitteilen...

    :wink:

    „Ein Komponist, der weiß, was er will, will doch nur was er weiß...“ Helmut Lachenmann

  • Ich habe den Eindruck, dass überhaupt nicht der Versuch gemacht wurde, das Werk zu interpretieren, auf Subtexte einzugehen bzw. Fragen an dieses Musikdrama zu stellen, nee, bloß reine Abbildung

    In ebendiese Richtung geht auch, was ich bislang über Wolfgang Wagner als Regisseur gelesen habe. Danke für die Erläuterung!

    :wink:

    Es grüßt Gurnemanz

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    Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
    Helmut Lachenmann

  • ähnlich sind viele Regiearbeiten von Hans Peter Lehmann, der jahrelang bei den Wagnerbrüdern assistiert hatte. z.B. die Meistersinger in Hildesheim (Herbst 2009) und der hausbackene Ring + der kitschige Parsifal in Hannover (trotz einiger sog. "Modernismen").. auch der Palestrina hat den gleichen Mehltau.. allerdings fand ich diese Aufführungen alle musikalisch sehr ansprechend.

    Ich finde Ulricas Statement zu Wolfgang Wagner - was ich über Bayreuth weiss ist eher sehr wenig - sehr gut nachvollziebar.

    :wink:

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  • Zitat

    dass überhaupt nicht der Versuch gemacht wurde, das Werk zu interpretieren, auf Subtexte einzugehen bzw. Fragen an dieses Musikdrama zu stellen, nee, bloß reine Abbildung .. ok. klingt jetzt noch sehr allgemein.. also eine konzertante Wiedergabe wäre in diesem Falle ebenso sinnvoll gewesen..

    Deswegen gefiel mir der Parsifal so gut!

    Ich bin weltoffen, tolerant und schön.

  • Beim Wort "Interpretation" denke ich zunächst an Musterlösungen in Abitur-Trainern. Faust, Woyzeck und Effi Briest sind zweifelsohne Kunstwerke. Die Interpretationen dazu sind es sicherlich nicht. Deshalb mag ich den Begriff "Interpretationen" angewendet auf Operninszenierungen nicht. Ich will von einem Regisseur keine Oper "ausgelegt" oder "erklärt" bekommen. Ein Regisseur sollte aus dem Rohmaterial der Partitur ein fertiges Kunstwerk erschaffen.

    Lieber Amfortas, kannst Du erläutern, was Du unter "Fragen an das Musikdrama stellen" verstehst? Das klingt, als stünde die Inszenierung außerhalb des Musikdramas. Für mich ist die Inszenierungen ein Teil des Musikdramas, und kann auch schon deshalb selbiges nicht interpretieren.

    Falstaff

  • Lieber Amfortas, kannst Du erläutern, was Du unter "Fragen an das Musikdrama stellen" verstehst? Das klingt, als stünde die Inszenierung außerhalb des Musikdramas. Für mich ist die Inszenierungen ein Teil des Musikdramas, und kann auch schon deshalb selbiges nicht interpretieren.

    Das sehe ich etwas anders, lieber Falstaff, würde es allerdings ungern an diesem Ort diskutieren: Hier geht's um Wolfgang Wagner. ;+)

    :wink:

    Es grüßt Gurnemanz

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    Helmut Lachenmann

  • Ich habe den Eindruck, dass überhaupt nicht der Versuch gemacht wurde, das Werk zu interpretieren, auf Subtexte einzugehen bzw. Fragen an dieses Musikdrama zu stellen, nee, bloß reine Abbildung

    Ich kenne weder Wolfgang Wagners Inszenierungen noch seine persönliche Einstellung zur Arbeit des Regisseurs. Mich interessiert jedoch, ob Wolfgang Wagner überhaupt eine interpretierende Inszenierung vorschwebte. Irgendwo in diesem Forum hat jemand angemerkt, dass interpretierende Inszenierungen bis vor mehreren Jahrzehnten nicht üblich waren. Da es hier nicht zu wenige Leute gibt, die alles und jeden immerzu bewerten und beurteilen wollen ( ;+) ), scheint mir die Frage nach Wolfgang Wagners persönlicher Sichtweise durchaus angebracht. Denn man wird ihm weder vorwerfen können, dass er die eigenen Ansichten nicht teilt, noch dass er die Ansichten seiner Zeit nicht teilt.

    Beste Grüße,
    Falstaff

  • Da es hier einige Leute gibt, die alles und jeden immerzu bewerten und beurteilen wollen ( ;+) ), scheint mir die Frage nach Wolfgang Wagners persönlicher Sichtweise durchaus angebracht.

    Das wiederum halte ich für eine Frage, die bestens hierher paßt. :)

    Vor einiger Zeit habe ich mal das Buch von Nike Wagner (Wagner Theater) mit Gewinn gelesen; muß mal wieder hineinschauen. Wenn ich etwas über die Frage nach W. Wagners Regie-Intentionen dort finde, melde ich mich.

    :wink:

    Es grüßt Gurnemanz

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    Helmut Lachenmann

  • Zitat

    die alles und jeden immerzu bewerten und beurteilen wollen

    Interpretation ist nicht gleichzusetzen, mit Bewertung, Erklärungen und Urteilen oder irgendwelchen Musterlösungen; das wäre - in der Tat - mager; sondern - jedenfalls für mich - das im Kunstwerk zur Erscheinung, zum Ausdruck zu bringen, was sich nicht unmittelbar mitteilt... bzw. weitere Schichten darin zu freizulegen..

    Zitat

    . Denn man wird ihm weder vorwerfen können, dass er die eigenen Ansichten nicht teilt, noch dass er die Ansichten seiner Zeit nicht teilt.

    es geht nicht um die Ab- oder Ansichten Wolfgangs Wagners. Die sind mir - hinsichtlich seiner Regie völlig schnuppe, sondern um die Resultate seiner Regiearbeiten.und die halte ich für uninteressant...

    Zitat

    Das klingt, als stünde die Inszenierung außerhalb des Musikdramas. Für mich ist die Inszenierungen ein Teil des Musikdramas, und kann auch schon deshalb selbiges nicht interpretieren.

    nein, da habe ich ganz andere Erfahrungen und Eindrücke, aber das gehört in einen anderen Thread...


    :wink:

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