Pianisten-Bücher

  • Pianisten-Bücher

    Dieser Thread soll ein Sammelkonto für Beiträge sein, die PianistInnen zum Gegenstand haben. Dabei ist es einerlei, ob es sich um Monografien oder "Führer" handelt.

    Ich beginne mit diesem Führer:


    JÜRGEN OTTEN – DIE GROSSEN PIANISTEN DER GEGENWART

    Grundsätzlich bespreche ich ein Buch, bevor ich es gelesen habe (heuristischer Ansatz) :D . Hier verhält es sich jedoch anders:

    JÜRGEN OTTEN: Die großen Pianisten der Gegenwart, Henschel Verlag (2009), 288 S.


    Der Autor ist vom Fach: Als Qualifikationen werden „Musikjournalist“ und „ausgebildeter Pianist“ ins Feld geführt.

    Die Auswahl an Pianisten, die für solch Werk vorgenommen wird, unterliegt freilich immer einer persönlichen Geschmacksbildung. Hier kann sich jeder Autor auf einen subjektiv-relativen Standpunkt zurückziehen, der sich objektiv schwer bis gar nicht verorten lässt. So könnte man Otten bspw. das kategorische Ignorieren eines Lang Lang vorwerfen. Ein Defizit, mit dem ich persönlich durchaus leben kann.

    Die Proportionen des Buches fand ich allerdings merkwürdig. Die favorisierten Pianisten Ottens erhalten m. E. zu viel Raum. Auf 106 von 222 Seiten (nur der Pianisten-Teil gerechnet) werden 15 Künstler behandelt, die sich nach des Autors Urteil „auf dem Olymp“ befinden: Fleisher, Brendel, Argerich, Ashkenazy, Pollini, Zimerman, Sokolov, Pletnev, Lupu, Barenboim, Pogorelich, Kissin, Uchida, Perahia und Aimard.

    Dagegen wird ein Künstler der Güte eines Evgeni Koroliov zusammen mit drei weiteren Kollegen (Ugorski, Demidenko, Vinocour) in einem Kapitel von nicht ganz 6 Seiten abgehandelt – und erhält dabei selbst weniger als 1 Seite. Schande! Nur ein Beispiel von vielen.

    Ottens persönliche Zuordnung, die er für seinen „Olymp“ vornimmt, könnte man durchaus anders gestalten. Es werden auch diejenigen Pianisten in epischer Breite behandelt, die ihren musikalischen Schwerpunkt bereits vor Dekaden verlagerten hatten (weg vom Pianisten und hin zum Dirigenten): Daniel Barenboim und Vladimir Ashkenazy sind hier zu nennen. Oder – den Titel „Die großen Pianisten der Gegenwart“ betreffend - ihren wohlverdienten Ruhestand bereits angetreten haben: Alfred Brendel sei’s gegönnt. Dieses Vorgehen könnte der Autor jedoch durch seinen methodischen Ansatz rechtfertigen. Doch dazu später mehr.

    Mit „In elysischen Gefilden“ und „Exzentriker“ sind diejenigen Kapitel betitelt, in denen all die namhaften Virtuosen abgehandelt werden, denen Otten den Zugang zum „Olymp“ verwehrt hat. Kovacevich, Hamelin, Berezovsky und Demidenko seien hier exemplarisch genannt. Sie werden alle recht knapp besprochen, manche viel zu knapp, wie ich bereits oben am Beispiel Koroliovs erwähnte.

    Der Nachwuchs kommt dann in „Kinder der Sonne“ auf insgesamt 9 Seiten :shake: zu seinem Recht. Matsuev, Leschenko, Bogányi, Blechacz, Schuch, Fray und weitere Interpreten werden porträtiert. Stadtfeld, Borac und andere Größen fehlen.

    Zum methodisches Vorgehen des Autors: Während Harald Eggebrecht in seinem Buch „Große Geiger“ ausschließlich auf persönliche Hörerfahrungen rekurriert, die er im Laufe vieler Jahre im Rahmen von Konzertbesuchen gesammelt hatte, wählt Otten den diametralen Ansatz. Er fällt seine Urteile ausschließlich auf Basis von Aufnahmen, die im Anhang unter „Diskografische Empfehlungen“ pro Künstler aufgezählt werden. Joachim Kaiser dagegen vereint in seinem „Alten Testament“ beide Aspekte – m. E. der einzig gangbare Weg, um einem Künstler gerecht werden zu können. Ein Kritikpunkt an Ottens Buch, der ebenfalls schwer wiegt.

    Die Kapitel „Lexikon“ und „Diskografische Empfehlungen“, die sich über 50 Seiten erstrecken, runden das Buch ab.

    Isch abö färtisch
    Jean

    :wink:

    "You speak treason" - "Fluently"
    "You've come to Nottingham once too often!" - "When this is over my friend, there'll be no need for me to come again!"

  • Zitat

    Ottens persönliche Zuordnung, die er für seinen „Olymp“ vornimmt, könnte man durchaus anders gestalten. Es werden auch diejenigen Pianisten in epischer Breite behandelt, die ihren musikalischen Schwerpunkt bereits vor Dekaden verlagerten hatten (weg vom Pianisten und hin zum Dirigenten): Daniel Barenboim und Vladimir Ashkenazy sind hier zu nennen. Oder – den Titel „Die großen Pianisten der Gegenwart“ betreffend - ihren wohlverdienten Ruhestand bereits angetreten haben: Alfred Brendel sei’s gegönnt.


    Das Buch habe ich auch mal länger in der Hand gehabt, und mich gewundert. Auch wegen des Begriffs "Gegenwart"...

    Meine Pianistengötter jedenfalls werden in diesem Buch mit keinem Wort erwähnt. Es scheint, ich habe einfach einen schlechten Geschmack, oder bin doch nicht so manipulierbar, wie es mir der Graf im Lena-Thread vorwirft.

    Jedenfalls ist mir eine ausgesprochene Fixierung auf die Stahlgewitter-Fraktion aufgefallen. Da ich aber mehr der Holzklasse zugeneigt bin, habe ich mich gefragt, wo z. B. Brautigam oder Staier bleiben. Oder zählen die bei "Fachk(g)reisen" etwa nicht als Pianisten...? Ich hoffe inständig, Du hast da noch ein paar Pfeile im Köcher für mich.

    Parrot

    In "Lohengrin" gibt es hübsche Augenblicke, aber bittere Viertelstunden.
    (Gioacchino Rossini)

  • Hallo Parrot,

    [...]Das Buch habe ich auch mal länger in der Hand gehabt[...]

    schön, dass hier noch einer außer mir die Technik des "Nicht-lesen-aber-trotzdem-über-Bücher-schreiben" beherrscht. ;+)

    Zitat

    [...]habe ich mich gefragt, wo z. B. Brautigam oder Staier bleiben[...]

    Damit sprichst Du einen wichtigen Aspekt an: HIP - die historisch Informierten. Darauf wollte ich eigentlich im nächsten Beitrag ausführlicher eingehen. Nur ganz kurz: Dies berührt die sozio-ökonomischen Rahmenbedingungen unserer Gesellschaft. Man ist einfach in großen Teilen der Gesellschaft noch nicht soweit, um sich ernsthaft mit HIP zu beschäftigen. Hier halte ich es gerne mit Altkanzler Helmut Schmidt: "Dazu bedarf es 2 Generationen. 1, die es will - und 1, die es kann." Wir müssen uns also noch ein wenig gedulden.

    Zitat

    [...] Es scheint, ich habe einfach einen schlechten Geschmack, oder bin doch nicht so manipulierbar, wie es mir der Graf im Lena-Thread vorwirft.[...]

    Dazu kurz OT von mir ein kleiner Tipp: Avatarwechsel! Weißes Hemd vor weißer Wand signalisiert totale verbale Kapitulation. Da muss man mit solchen Einschätzungen rechnen.

    Zitat

    Ich hoffe inständig, Du hast da noch ein paar Pfeile im Köcher für mich.


    Darüber sprechen wir bei nächster Gelegenheit. :D

    :wink: Jean

    "You speak treason" - "Fluently"
    "You've come to Nottingham once too often!" - "When this is over my friend, there'll be no need for me to come again!"

  • Im November erscheint die Autobiographie des Pianisten Andrei Gavrilov. In Hollywood ist angeblich auch ein Film über sein Leben in der Mache.

    Ins Gebüsch verliert sich sein Pfad, hinter ihm schlagen die Sträuche zusammen.

  • Auszüge in deutscher Sprache => "https://www.facebook.com/TschaikovskiFiraUndIch"

    Ein "De mortuis nihil nisi bonum" ist das jedenfalls nicht, was Andrei Gavrilov allem Anschein nach in seinem Buch über Sviatoslav Richter ("Fira") schreibt ...

    Auweia. Das übertrifft meine schlimmsten Befürchtungen. Ein wirres Gemisch aus verzweifeltem Eigenlob, kindischem "Vatermord" an seinem Mentor Richter, Verfolgungswahn und Verbitterung. Gavrilovs ernsthafte Probleme waren leider schon Mitte bis Ende der 80er Jahre unüberhörbar, als er in Konzerten manchmal eine Hälfte mit unübertrefflicher Perfektion und nach der Pause unfassbar schlampig und schlecht spielte. Im nächsten Konzert konnte es genau umgekehrt sein. Schon damals konnte man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass mit ihm etwas "nicht stimmt". Ich will mir die Wertschätzung für seine besten Leistungen nicht kaputt machen lassen und werde dieses Buch deshalb auf keinen Fall kaufen. Seine 1984er Einspielung von Rachmaninow-Klavierwerken ist und bleibt grandios. Aber wer als Pianist über Svjatoslav Richter schreibt, dieser hätte "nicht das geringste Bedürfnis [gehabt], die schmerzhafte Wirklichkeit der großen Komponisten zu durchdringen", sollte sich in ärztliche Behandlung begeben.

    Christian

  • Wirres Gekratze an Oberflächen von Abgründen, Abrechnung von hervorgefischten Kassenzetteln, ins Smartphone diktiert und so abgetippt.
    So kommt's mir vor.
    Erschreckend. Und der kann wirklich Klavier spielen. Man fragt sich, wie.
    Hier hilft nur die Wagner-Strategie: Trennkost. Mensch hier, Werk da.

    "...es ist fabelhaft schwer, die überflüssigen Noten unter den Tisch fallen zu lassen." - Johannes Brahms


  • Erschreckend. Und der kann wirklich Klavier spielen. Man fragt sich, wie.

    Kann er´s denn wieder/noch so, wie er´s gerne können würde? Norman Lebrecht berichtete, dass A.G. in den letzten Monaten Konzerte in Korea und Moskau ("fluchtartig") hat platzen lassen, nachdem es in vorangegangenen Orchesterproben zu riesigen Problemen gekommen sei.

    Ins Gebüsch verliert sich sein Pfad, hinter ihm schlagen die Sträuche zusammen.


  • Gute Frage. Vielleicht weiß hier wer was Aktuelles.

    Wer sucht, der wird im Netz ein paar Proben- und Konzertmitschnitte jüngeren Datums finden. Ich will das einfach nicht verlinken und auch nicht kommentieren. Hört Euch lieber das hier an:

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    Christian

  • Wilhelm Kempff - Unter dem Zmbelstern

    Habe eben meine Lektüre dieser seiner Jugenderinnerungen beendet.

    Leicht sonderlich, aber das machte den Reiz aus. Manche seiner Bemerkungen und Darstellungen werde ich nie vergessen.

  • Hört Euch lieber das hier an:

    Angeregt davon. Das ist auch nicht von schlechten Eltern:

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    maticus

    Social media is the toilet of the internet. --- Lady Gaga

    Ich lieb‘ den Schlaf, doch mehr noch: Stein zu sein.
    Wenn ringsum nur Schande herrscht und nur Zerstören,
    so heißt mein Glück: nicht sehen und nicht hören.
    Drum leise, Freund, lass mich im Schlaf allein.
                       --- Michelangelo Buonarroti (dt. Nachdicht. J. Morgener)

  • Kennt das jemand? Es flog kostenlos zu mir und muss sich in eine lange Schlange einreihen. Ich habe eigentlich nur Lust es zu lesen, wenn es historisch korrekt und nicht allzu esoterisch ist…

    Ich habe eiserne Prinzipien. Wenn sie Ihnen nicht gefallen, habe ich auch noch andere.

  • Kennt das jemand? Es flog kostenlos zu mir und muss sich in eine lange Schlange einreihen. Ich habe eigentlich nur Lust es zu lesen, wenn es historisch korrekt und nicht allzu esoterisch ist…

    Der Untertitel lautet ja: "Der Roman des Klaviers im 19. Jahrhundert". Treffender wäre: "20 Kurzgeschichten um das Klavier im 19. Jahrhundert". Das heisst man kann sich ohne Verlust irgendwelche Kapitel herauspicken und anderes ignorieren.
    Das ganze ist wahrscheinlich nahe an der Realität und trotzdem sehr kurzweilig geschrieben.

    Ich könnte mir aber denken, dass bei dem einen oder anderen Kapitel angesichts des Wissensstandes vieler Forianer auch einige Eulen nach Athen getragen werden ;)

    :wink:

  • Der Untertitel lautet ja: "Der Roman des Klaviers im 19. Jahrhundert". Treffender wäre: "20 Kurzgeschichten um das Klavier im 19. Jahrhundert". Das heisst man kann sich ohne Verlust irgendwelche Kapitel herauspicken und anderes ignorieren.
    Das ganze ist wahrscheinlich nahe an der Realität und trotzdem sehr kurzweilig geschrieben.

    Das klingt ja prima.

    ch könnte mir aber denken, dass bei dem einen oder anderen Kapitel angesichts des Wissensstandes vieler Forianer auch einige Eulen nach Athen getragen werden ;)

    Wenn man picken kann, kann man die Eulen ja wegpicken, super! Bei mir ist das eh nicht der Fall, weil auf niedrigem Stand, was das Kla4 betrifft.

    Vielen Dank für die Einschätzung!

    Ich habe eiserne Prinzipien. Wenn sie Ihnen nicht gefallen, habe ich auch noch andere.

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