Grigory Sokolov

  • "Die Musik aber ist immer modern. Weil Sie ein moderner Mensch sind und Sie die Musik hören. Es gibt keine musealen Interpretationen, das ist ausgeschlossen. Interpreten sind Interpreten ihrer Zeit, ob sie es wollen oder nicht, und die Zuhörer sind es auch."

    warum eigentlich immer dieses negativ-Image von "Museum"? - das ist auch modern.


    Zitat

    "Mozart direkt können Sie nicht hören, niemals. Sie hören, wie Gilels diese Musik interpretiert hat. Das heißt: auch nicht ganz, denn Sie hören nur, was Sie davon verstehen können."
    Recht hat er...


    daß ich vom Gilels nur höre, was ich davon verstehe - ok. So auch bei Mozart. Aber in jeder, auch der schlechten, auch der stümperhaften Interpretation steckt ein Stück "Mozart direkt", so stark ist der Mozart nämlich. Wenn das nicht so wäre, würde ich mir überhaupt keine Interpretationen anhören.

    ---
    Es wäre lächerlich anzunehmen, daß das, was alle, die die Sache kennen, daran sehen, von dem Künstler allein nicht gesehen worden wäre.
    (J. Chr. Lobe, Fliegende Blätter für Musik, 1855, Bd. 1, S. 24).


    Wenn du größer wirst, verkehre mehr mit Partituren als mit Virtuosen.
    (Schumann, Musikalische Haus- und Lebensregeln).

  • Zitat

    warum eigentlich immer dieses negativ-Image von "Museum"? - das ist auch modern.

    Ja, aber das Museum ist das Gegenteil von Kunst.

    Nur weil etwas viel Arbeit war und Schweiß gekostet hat, ist es nicht besser oder wichtiger als etwas, das Spaß gemacht hat. (Helge Schneider)

  • warum eigentlich immer dieses negativ-Image von "Museum"?

    Nicht von "Museum" sondern von "museal".


    Christian

    "Herr Professor, vor zwei Wochen schien die Welt noch in Ordnung."
    "Mir nicht."
    (Theodor W. Adorno)

  • In Dortmund werde ich auch sein, außerdem schon am 22.3. in Hamburg. Ich glaube übrigens, dass die zweite Konzerthälfte bis dahin noch geändert wird, denn D. 784 und die Moments musicaux hat Sokolov ja sowohl in Hamburg als auch in Dortmund schon in diesem Jahr gespielt. Und normalerweise tauscht er halbjährlich eine Programmhälfte aus.

    Inzwischen steht das Programm fest:


    vor der Pause Robert Schumann, Arabeske op. 18 und Fantasie op. 17, nach der Pause Fréderic Chopin, Nocturnes op. 32 und Sonate b-moll op. 35.


    Christian

    "Herr Professor, vor zwei Wochen schien die Welt noch in Ordnung."
    "Mir nicht."
    (Theodor W. Adorno)

  • Hallo,


    das Programm klingt sehr gut. Da freue ich mich schon drauf. Vor allem auf die b-moll Sonate von Chopin.


    Ich habe gerade die CD mit Schubert und Beethoven gehört und war schwer beeindruckt.



    Kein schwacher Moment, wie ich finde und das Programm ist ja nun auch sehr anspruchsvoll.


    VG Bernd

  • das Programm klingt sehr gut. Da freue ich mich schon drauf. Vor allem auf die b-moll Sonate von Chopin.

    Ich finde die Programmwahl sehr bemerkenswert, weil sowohl Schumanns Fantasie als auch die Chopin-Sonate meiner Meinung nach stellenweise eher eine gewisse "Wildheit" brauchen, die nun nicht gerade Sokolovs Markenzeichen ist. Aber es wird sicher spannend zu hören sein, wie er die Stücke statt dessen deutet. Ich fand vor Jahren z.B., dass er den berühmten "anarchischen" MIttelteil des Andantinos aus Schuberts großer A-Dur-Sonate fast zu kontrolliert und zu bewusst gestaltete, so dass der beinahe etwas domestiziert klang. Auch einige der Chopin-Préludes fand ich in diesem Sinne vielleicht etwas zu "sorgfältig".

    Ich habe gerade die CD mit Schubert und Beethoven gehört und war schwer beeindruckt.

    Ich auch. Hoffentlich geht die Zusammenarbeit mit der Deutschen Grammophon noch ein paar Jahre weiter.


    Christian

    "Herr Professor, vor zwei Wochen schien die Welt noch in Ordnung."
    "Mir nicht."
    (Theodor W. Adorno)

  • Bei der DG ist jetzt auch der Film von Bruno Monsaingeon mit Sokolovs Klavierabend in der Berliner Philharmonie erschienen. Das Programm ist identisch mit dem der jüngst veröffentlichten Doppel-CD, welche aber Konzertmitschnitte aus Warschau (CD 1) bzw. Salzburg (CD 2) enthält. Die DVD ist zur Zeit bei JPC billiger als bei Amazon:



    Christian

    "Herr Professor, vor zwei Wochen schien die Welt noch in Ordnung."
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    (Theodor W. Adorno)

  • wie war das Konzert in Hamburg ?

    Es war großartig wie immer. Es gibt Pianisten, die ihm in Einzelaspekten nahe kommen, sei es in Bezug auf technische Perfektion, Klangfarbenreichtum, musikalische Fantasie oder was auch immer. Aber die Gesamtheit aller pianistisch-musikalischen Mittel, vor allem das Zusammenwirken aller Parameter des Klangs, der Agogik, der Phrasierung, des Rhythmus' usw., das finde ich tatsächlich zur Zeit einzigartig. Es ist diese Synthese von absoluter Versenkung und gleichzeitig stets hellwacher, bewusster Gestaltung, die ich so von keinem anderen Musiker kenne, und die man kaum für möglich hält, wenn man es nicht selbst erlebt hat. Höhepunkt des Konzertes war in diesem Sinne für mich die Chopin-Sonate (b-moll), deren Trauermarsch ich noch nie so intensiv erlebt habe. Und das anschließende Finale: gleichzeitig glasklar und geheimnisvoll. Absolut rätselhaft, wie man das so spielen kann. Zum ersten Mal hätte ich bei einem Sokolov-Konzert nach diesem Eindruck beinahe lieber auf die Zugaben verzichtet, aber die fünf Moments musicaux und die eine Chopin-Mazurka waren dann natürlich ebenfalls wundervoll. Sokolov geht inzwischen auf der Suche nach immer neuen Klängen geradezu experimentelle Wege: So spielte er z.B. das Decresc. am Ende des Trauermarsches zunächst ausschließlich links und blieb rechts im Fortissimo, wodurch dem Klang sozusagen der sichere Boden entzogen wurde. Oder den ersten Höhepunkt im Finale der Schumann-Fantasie, den spielte er er ohne Pedal - was mich in diesem Falle ausnahmsweise nicht ganz überzeugt hat.
    Vor der Pause hatte ich ganz persönlich überhaupt ein paar klitzekleine Einwände gegen die Schumann-Fantasie, die mir ein wenig zu "abgeklärt" war, wodurch dieser latent drohende Absturz (vor allem im zweiten und teilweise im ersten Satz) oder auch diese stellenweise Panik nicht wirklich spürbar war. Dafür war das "Im Legendenton" wieder atemberaubend schön. Und natürlich war alles meisterhaft gespielt. Meine Zweifel haben wohl nur damit zu tun, dass ich bei dem Stück so meine eigenen Ideen habe, von denen ich mich diesmal nicht ganz frei machen konnte. Vielleicht gelingt mir das bei der Wiederholung am 8. Mai in Dortmund. Ich freue mich jedenfalls darauf.


    Christian

    "Herr Professor, vor zwei Wochen schien die Welt noch in Ordnung."
    "Mir nicht."
    (Theodor W. Adorno)

  • Wie mir meine russische Klavierlehrerin erzählte, die Sokolov sehr bewundert, verlor er um den Jahreswechsel herum seine Ehefrau, die um Einiges älter war als er. Norman Lebrecht berichtete darüber in seinem populären Klassik-Blog und fügte die Behauptung hinzu, die Verstorbene sei nicht nur Sokolovs Ehefrau, sondern zugleich seine Tante gewesen - unterstellte dem Künstler somit also strafbare Inzucht. Die Wahrheit ist hingegen, dass Frau Sokolova lediglich in erster Ehe mit einem Cousin Sokolovs verheiratet war und aus diesem Grund bereits den Namen trug. Sokolov soll unter der Verbreitung dieses Gerüchts - verständlicherweise - sehr gelitten haben. Ein weiterer Minuspunkt für Lebrecht...


    Das erklärt wohl auch, warum Sokolov im letzten September die Annahme des Cremona Music Award (den auch Lebrecht erhalten hat) mit dieser Begründung ablehnte:


    Zitat

    Entsprechend meiner Ideen über elementaren Anstand, ist es eine Schande auf einer Gewinner-Liste mit Lebrecht zu stehen. G.Sokolov


    Siehe "www.gramophone.co.uk/classical-music-news/grigory-sokolov-refuses-award-previously-been-won-by-norman-lebrecht"



    Christian

    "Herr Professor, vor zwei Wochen schien die Welt noch in Ordnung."
    "Mir nicht."
    (Theodor W. Adorno)

  • D`mund / 08.05. - wer hat noch Lust??

    - - - hab für diesen Abd. eine 30EUR-Karte im Parkett (R.21, Pl. 7), werde aber nicht hingehn - - - - MAIS OUI ich bin wahnsinnig ;)

    Inzw. habe ich Karten für die beiden Klavierduo-Abende in MH am 03.05. resp. 07.06. - das reicht mir dann doch....


    u n d NEIN: dieses "Sokolov"Angebot (an Capri-zisten verkaufe ich Sie für 25EUR :) ) ist kein vorschneller Entschluss, den ich demnä. bereuen könnte: inzw. bekomme ich vom 06.-09.05. ebenso seltenen wie nicht aufschiebbaren Besuch


    alsoWieIsses???

    Alexa, was ist ein gerechter Lohn? 'Das weiß ich leider nicht!'

    Peter Kessen, 'Disruptor Amazon' (Ursendg. SWR2, 02.01.2019)

    Das TV gibt mehr 'Unterhaltung' aus, als es hat - in der bürgerl. Gesetzgebung nennt man das 'betrügerischen Bankrott'

    Werner Schneyder

  • alsoWieIsses???

    Habe gerade mit einem Freund telefoniert: Wir nehmen die Karte! Ich melde mich per PN.


    Christian

    "Herr Professor, vor zwei Wochen schien die Welt noch in Ordnung."
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    (Theodor W. Adorno)

  • Tach,


    das Konzert am vergangenen Sonntag in Dorrtmund war für mich eine Sternstunde. Über den unprätentiösen, ganz dem Werk gewidmeten Auftreten Sokolovs braucht man nichts mehr zu schreiben. so kennt man ihn und er bildet einen ruhigen Kontrast zu den vielen aufschimmernden Sternchen, die ihre Person in den Vordergrund stellen müssen.


    Schumanns Fantasie kannte ich noch nicht, hat mir aber jetzt auch nicht so gut gefallen. Ob´s am Werk oder an der Interpretation lag, kann ich nicht beurteilen. Allgemein tue ich mich mit diesen Werken der deutschen Romantik eher schwer, aber das liegt wohl an mir.


    Ganz grandios fand ich aber die b-Moll Sonate von Chopin. Das war Klaviermusik vom Allerfeinsten, bei der alles stimmte. Ein wenig eigenwillig war das doch recht langsame Tempo schon, aber ich fand es stimmig. Man muss den dritten Satz auch nicht immer zornig spielen; diese Melancholie fand ich dem Thema durchaus angemessen.


    Und wieder 6 Zugaben, nach denen sich andere Pianisten wahrscheinlich die Finger lecken würden.


    VG Bernd

  • Grigory Sokolov

    Ich war am Dienstag in Düsseldorf im Konzert. Es war meine erste Begegnung mit Sokolov. War begeistert und sehr angetan von seiner bescheidenen Art.
    Die Schumann - Stücke kannte ich auch noch nicht, fand sie aber interessant. Die Chopin - Sonate hat mich auch begeistert, obgleich ich normalerweise
    Choppin nicht sonderlich mag. In der Presse sprach man, dass er die Stücke zu sehr ausgeleuchtet habe. Da kann ich leider nicht mitreden, da ich erstens keine Noten lesen kann, und zweitens mir die Vergleiche fehlen. Aber bei der Presse handelt es sich ja auch nur um die Meinung eines oder zwei Kritikers. gruß Telefrau.

  • In der Presse sprach man, dass er die Stücke zu sehr ausgeleuchtet habe.

    Was das nun heißen soll, ist mir nicht klar: "Ausleuchten" des Vorgegebenen ist doch eigentlich grad die Aufgabe des Aufführenden, und eben das versteht Sokolov ja nun einmal ganz vorzüglich.


    Ich hoffe jedenfalls darauf, irgendwann einmal wieder den Meister im Konzertsaal zu erleben. Vielleicht 2016/17?


    :wink:

    Es grüßt Gurnemanz
    ---
    Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
    Helmut Lachenmann

  • Was das nun heißen soll, ist mir nicht klar: "Ausleuchten" des Vorgegebenen ist doch eigentlich grad die Aufgabe des Aufführenden, und eben das versteht Sokolov ja nun einmal ganz vorzüglich.

    Die Kritik von Wolfram Goertz ist unter "www.rp-online.de/kultur/der-mann-der-zu-viel-wusste-aid-1.5970990" nachzulesen. Ich stimme ihm zwar nicht zu, dass "der große Atem" bei Sokolovs Schumann gefehlt hätte, aber wie schon in Hamburg so hatte ich auch jetzt in Dortmund ebenfalls leichte Einwände gegen die C-Dur-Fantasie. Vor allem im zweiten Satz haben diese permanenten punktierten Rhythmen und das rastlose Ansetzen auf immer wieder neuen harmonischen Ebenen doch auch etwas ungeheuer Nervöses, panikartig Gedrängtes, was dann am Ende in den Sprüngen kulminiert. Ich muss zugeben, dass mir das bei aller Bewunderung für die unglaubliche Klangfarbenvielfalt und die Gestaltung noch der kleinsten Details bei Sokolov doch etwas zu kurz kam. Den letzten Satz fand ich stellenweise klanglich etwas zu präsent, nicht geheimnisvoll und innig genug, das "durchweg leise zu halten" zu sehr zugunsten einer allerdings phänomenal deutlichen kantablen Linienführung vernachlässigt. Insofern war für mich wieder die zweite Konzerthälfte (allerdings zusammen mit der sehr schönen Schumann-Arabeske zu Beginn) der Höhepunkt des Programms.


    Christian

    "Herr Professor, vor zwei Wochen schien die Welt noch in Ordnung."
    "Mir nicht."
    (Theodor W. Adorno)

  • Vor allem im zweiten Satz haben diese permanenten punktierten Rhythmen und das rastlose Ansetzen auf immer wieder neuen harmonischen Ebenen doch auch etwas ungeheuer Nervöses, panikartig Gedrängtes, was dann am Ende in den Sprüngen kulminiert.

    Hier empfehle ich die Einspielung mit Eric Le Sage. Zwar könnte er das durchaus noch eine Spur nervöser angehen, aber sein Gesamtkonzept für diesen Satz finde ich sehr überzeugend. Zum Schluß gelingt ihm auch die Stretta ganz famos und abgehetzt. Aber das ist schon eine großartige Musik, da hat Schumann sich selbst noch übertroffen ..


    Peter

    "Sie haben mich gerade beleidigt. Nehmen Sie das eventuell zurück?" "Nein" "Na gut, dann ist der Fall für mich erledigt" (Groucho Marx)

  • Hier empfehle ich die Einspielung mit Eric Le Sage. Zwar könnte er das durchaus noch eine Spur nervöser angehen, aber sein Gesamtkonzept für diesen Satz finde ich sehr überzeugend.

    Die Aufnahme kenne ich nicht, gibt es aber bei Apple music, werde ich mir mal anhören. Ansonsten finde Svjatoslav Richter sehr gut. Aber das gehört ja eigentlich in einen anderen Thread.

    Aber das ist schon eine großartige Musik, da hat Schumann sich selbst noch übertroffen ..

    Allerdings. Für mich noch vor Kreisleriana Schumanns bedeutendstes Klavierwerk.


    Christian

    "Herr Professor, vor zwei Wochen schien die Welt noch in Ordnung."
    "Mir nicht."
    (Theodor W. Adorno)

  • Wurde im Thread diese CD bereits erwähnt?



    Hier eine Besprechung:
    "https://www.br-klassik.de/audio/cd-tipp-chopin-konzert-1-sokolov-100.html"



    :wink:


    amamusica

    Ein Blümchen an einem wilden Wegrain, die Schale einer kleinen Muschel am Strand, die Feder eines Vogels -
    all das verkündet dir, daß der Schöpfer ein Künstler ist. (Tertullian)


    ...und immer wieder schaffen es die Menschen auch, Künstler zu sein.
    Nicht zuletzt mit so mancher Musik. Die muß gar nicht immer "große Kunst" sein, um das Herz zu berühren...




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